Diese Geschichte ist frei erfunden und hat sich so nirgends und niemals zugetragen. Es ist die Geschichte von Maria: Maria war eine dieser Frauen, mit denen es das Leben nicht besonders gut gemeint hat. Ihren Vater hatte sie nie gekannt, er war wohl nur ein flüchtiger Bekannter ihrer Mutter, und diese, selbst noch ein halbes Kind, konnte ihr nie die Liebe geben, die sie so gebraucht hätte. Maria war immer ein zartes Kind, mit ihren hellblonden Locken sah sie ein bisschen aus wie ein Engel und so war sie auch: schüchtern, ruhig und sehr sensibel.
Als Maria 5 Jahre alt war, lernte ihre Mutter einen Mann kennen, den Richtigen, wie sie meinte. Mit Maria konnte er nichts anfangen und als ihre Mutter nach der Heirat mit ihrem Traumprinzen noch zwei weitere Kinder bekam, wurden diese von ihren Eltern vergöttert, während Maria keine Beachtung fand. Der neue Mann ihrer Mutter akzeptierte sie nicht, ihre Mutter selbst konnte sich in das sensible Kind nie hineinversetzen, und so schuf sich Maria eine Traumwelt, in der sie stark war und anderen Menschen helfen konnte. Die Wirklichkeit, in der sie immer die Außenseiterin war, ignorierte sie.
Sie wachte erst auf, als ihre familiäre Situation immer schlimmer wurde und sie keinen anderen Weg mehr sah als auszuziehen. Sie spürte die Erleichterung ihrer Eltern, als sie ihnen ihren Entschluss mitteilte, doch wo sollte sie hin mit knapp 16 Jahren? Sie brach die Schule ab und fand Unterschlupf in einer WG, kochte und putzte für die Bewohner und fühlte sich zwei Jahre lang auch recht wohl, bis eines Tages diese Party stattfand, auf der man sie mit Drogen voll stopfte und Dinge mit ihr tat, an die sie sich zwar nicht richtig erinnern konnte, die ihr aber noch nach Jahren körperliches Unbehagen verursachten.
Hier wollte sie nicht länger bleiben, doch wo sollte sie jetzt hin? Mit ihrer Eltern und ihren Halbgeschwistern hatte sie keinen Kontakt mehr, irgendwann, als sie sich einmal entschloss, sie zu besuchen, wohnten in der Wohnung andere Leute, die ihr erzählten, die Familie sei weg gezogen in eine andere Stadt.
Maria begann, sich nach einem Job umzusehen. Doch wer beschäftigt eine 18jährige, die keinen Schulabschluss und keinerlei Ausbildung hat? Nach langem Suchen fand sie dann diese Putzstelle in der Turnhalle in dem kleinen Ort, in dem sie wohnte, der ihre Heimat war und aus dem sie nie herausgekommen war. Sie war froh um diese Stelle, konnte sie sich doch so eine eigene kleine Wohnung leisten.
So vergingen die Jahre und Maria lebte ein unscheinbares Dasein, es gab keine Höhen und keine Tiefen in ihrem Leben, mit Männern hatte sie kein Glück, ab und zu ging sie ins Theater oder auf ein Musikkonzert, mehr konnte sie sich nicht leisten. Sie war inzwischen Ende Dreißig und erwartete nicht mehr viel vom Leben, aber tief in ihrem Herzen träumte sie immer noch diesen Traum, einmal in ihrem Leben stark zu sein, jemandem helfen zu können, wirklich helfen.
Eines Tages fragte ihr Chef sie, ob sie am Wochenende zusätzlich Dienst in der Turnhalle machen könne, die Kollegin, die eigentlich die Schicht hatte, sei verhindert, und es würde ein Konzert in der Halle stattfinden. Maria hatte nichts vor, also sagte sie zu.
Ein Konzert? Ja, sie hatte die Plakate gesehen und auch viele junge Mädchen, die ganz aufgeregt tuschelten, die Kelly Family käme in die Stadt. Maria konnte mit dem Namen der Gruppe nichts anfangen, sie interessierte sich nicht besonders für diese neumodische Musik.
Am Samstag, dem Tag, an dem das Konzert stattfinden sollte, ging sie gegen 13.00 Uhr zur Turnhalle, da sie die Umkleiden, die der Kelly Family als Backstagebereich dienen sollten, noch putzen wollte. Vor der Halle standen schon ganze Menschenmassen, überwiegend aufgeregte junge Mädchen mit vor Glück strahlenden Augen. Sie warteten sehnsüchtig darauf, dass um 18.00 Uhr die Halle geöffnet würde und sie sich einen Platz ganz vorne ergattern könnten.
Maria wurde mehrfach angesprochen, ob sie nicht die Möglichkeit habe, das eine oder andere Mädchen mit in den Backstagebereich zu nehmen, aber so etwas hätte sie nie getan, das hätte sie ja ihren Job kosten können. Sie putzte die Umkleideräume besonders sorgfältig, man hörte ja, dass diese Musikstars immer besonders anspruchsvoll seien. Das Konzert selbst verfolgt sie dann von draußen, sie war fasziniert von den vielen jungen Mädchen, die sie sah, völlig aufgelöst vor Begeisterung über diesen Jungen, der das traumhafteste Lächeln der Welt haben sollte, Paddy hieß er oder so ähnlich. Fast beneidete Maria die Mädchen ein wenig um ihre Jugend und um diese grenzenlose Begeisterung. Warum hatte sie nie so etwas erleben dürfen?
Nach dem Konzert wartete Maria, bis die Musiker alle weg waren und ging in Richtung der Umkleiden, um dort sauber zu machen. Als sie schwungvoll die Tür zur ersten Umkleide öffnen wollte, hörte sie drinnen Musik, sehr leise, aber es war nicht zu überhören, dass da jemand sang.
Vorsichtig öffnete sie die Tür, um nicht zu stören, und dann sah sie ihn. Ein junger Mann, fast ein Junge noch, er saß auf einem Stuhl, mit dem Rücken zu ihr, seine brünetten Haare hingen über die Stuhllehne hinab, er hatte eine Gitarre in der Hand, auf der er spielte und dazu sang. Maria wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht, sie war wie erstarrt. Sie verstand nicht, was der Junge sang, dazu reichten ihre kargen Englischkenntnisse nicht aus, aber seine Stimme, sein Gitarrenspiel trafen sie mitten ins Herz. Sie stand da, unfähig sich zu rühren, und lauschte seinem wunderschönen Gesang. Das Lied, das er sang, handelte von seiner Mutter, so viel konnte sie verstehen, und es war das schönste Lied, das sie je gehört hatte. Da war so viel Liebe, aber auch so viel Schmerz in seiner Stimme, dass Maria merkte, wie ihr Tränen die Wangen hinabliefen.
Als er fertig war und aufstand und sich ganz plötzlich zu ihr umdrehte, brachte sie nur ein gestammeltes "Schönes Lied" hervor und sie konnte den Blick nicht von seinen Augen wenden, diese Augen, in denen so viel Schmerz, so viel Verzweiflung stand. Sie empfand eine unglaubliche Liebe für diesen Jungen, keine körperliche Liebe, nein, es kam ihr vor, als stand da das Kind, das sie sich immer gewünscht hatte.
Langsam, ganz langsam ging sie auf ihn zu, er schaute sie unverwandt an und ließ dann die Gitarre sinken. "Wunderschönes Lied", sagte sie noch einmal und dann nahm sie ihn einfach nur in ihre Arme und er begann zu weinen, Schluchzen schüttelte seinen Körper. Es war alles so unwirklich, da stand sie mit diesem Jungen im Arm, den sie noch nie vorher gesehen hatte und von dem sie noch nicht einmal den Namen wusste, aber sie hatte plötzlich das Gefühl, ihn schon Ewigkeiten zu kennen, genau zu wissen, was er empfand.
"Du hast deine Mama sehr lieb, nicht wahr" sagte sie zu ihm und unter Tränen begann er zu erzählen: Von seiner Mutter, die gestorben war, als er erst fünf Jahre alt war, von dem Ruhm, mit dem er nicht zurecht kam und vor allem von den Fans, die ihn verfolgten, ihn nicht in Ruhe ließen. Lange, sehr lange saß Maria da und hörte ihm nur zu und schlagartig wusste sie, das war der Moment, auf den sie ihr ganzes Leben lang gewartet hatte, einmal stark sein, jemandem helfen können, ihm einfach nur zuhören.
Irgendwann hörte er auf zu weinen und sagte nur ein Wort: "Danke!" Dann fragte er sie nach ihrem Namen und als sie ihn nannte, meinte er: "Maria, schöner Name, wie die heilige Mary!" Sie wurde sehr verlegen und antwortete, dass sie mit der heiligen Maria ja nun gar nichts gemeinsam hätte, aber er schaute sie nur lange schweigend an und dann lächelte er.
Schlagartig wusste sie, wen sie vor sich hatte. Es war Paddy, der Mädchenschwarm, und er hatte wirklich das schönste Lächeln, das sie je gesehen hatte, und im Moment galt es nur ihr, ihr allein. Nicht, dass sie sich jetzt in diesen Jungen verliebt hätte, nein, sie hätte ja seine Mutter sein können, aber es machte sie stolz und glücklich, dass sie es sein durfte, der er von seinem Schmerz erzählt hatte.
In dem Moment ging die Tür auf, mehrere Langhaarige betraten den Raum und mahnten Paddy zum Aufbruch, sie seien sowieso schon viel zu spät dran. Er lächelte ihr noch einmal zu und als er schon in der Tür war, fragte er noch: "Kommst du, wenn wir wieder mal hier spielen?", aber ihre Antwort konnte er schon nicht mehr hören, weil die anderen ihn weg zogen.
Maria ging wie in Trance nach Hause und dachte über ihr Leben nach. Es kam ihr vor, als habe man ihr einen Schleier von den Augen gezogen. Sie wusste plötzlich ganz genau, was sie tun wollte. Oh ja, das Leben war schön und sie hatte noch so viel vor. Sie würde helfen, Kindern, die keiner haben wollte, Jugendlichen, die von ihren Eltern verstoßen wurden, ja, sie war stark, viel stärker als sie jemals gedacht hatte.
Gleich am nächsten Arbeitstag bewarb sie sich bei der Jugendhilfe und wurde auch sofort genommen, es gab nicht viele, die sich für verwahrloste, schwer erziehbare Jugendliche einsetzen wollten. Marias Leben aber war von diesem Tage an von Freude erfüllt, sie hatte die Aufgabe ihres Lebens gefunden.
Ein Jahr später sah sie die Plakate, die Kelly Family würde wieder in ihre Stadt kommen. Sollte sie hingehen? Spontan entschied sie sich dazu. Das Konzert war wunderschön und ganz am Ende sagte Paddy: "Ich singe euch jetzt noch ein ganz neues Lied, das ich einer Frau gewidmet habe, die ich letztes Jahr hier kennen gelernt habe und die mir gezeigt hat, dass es noch Menschen gibt, die einfach nur anderen helfen wollen, einfach nur zuhören können. Das Lied heißt "Thanking blessed Mary" und ich hoffe, dass sie heute hier ist."
Das Lied, das er dann sang, war geradezu überirdisch schön, Maria stand da und die Tränen liefen ihr übers Gesicht. Nach dem Konzert blieb sie noch in der Halle, sie kannte ja alle Mitarbeiter der Turnhalle, sodass das kein Problem war.
Mit klopfendem Herzen näherte sie sich der Umkleide, ging leise hinein und sah ihn auch schon, er saß auf einem Stuhl und wartete offensichtlich auf etwas. Als er sie sah, sagte er nur: "Hallo, heilige Mary, da bist du ja endlich!" Und da war es wieder, dieses zauberhafte Lächeln.
Sie sprachen lange miteinander und dann stellte er ihr seine Freundin vor, ein sehr hübsches Mädchen, das Maria anstrahlte. "Sie kann auch gut zuhören", sagte er, "genau wie du!"
Und dann ging Maria nach Hause, sie war glücklich, auch wenn sie wusste, sie würde "ihren" Jungen nie wiedersehen. Er hatte sein Glück gefunden ...
© Uli Lang - geschrieben für Paddys Lächeln, dem schönsten der Welt