One more happy Christmas

by Uli

 

Nur noch eine Woche bis zum Heiligen Abend.
Eigentlich liebte Barby Kelly diese Zeit, wenn es kalt und dunkel war und überall ein Hauch von Weihnachten in der Luft lag. Sie war ein Wintermensch, den Sommer mochte sie nicht besonders, da fühlte sie sich wie erdrückt von der Hitze und der Sonne, die sie nicht vertrug, wenn es nach ihr ginge, könnte es immer Winter sein.
Und die Zeit vor Weihnachten war für sie immer die schönste Zeit des Jahres. Sie liebte es, mit ihren Geschwistern am Kamin zu sitzen, Bratäpfel und selbstgebackene Plätzchen zu essen und darüber zu diskutieren, für wen sie dieses Jahr an Weihnachten spielen würden. Es war eine alte Tradition in ihrer Familie, dass sie sich am Heiligen Abend alle zusammen auf den Weg machten, um Menschen, die nichts und niemanden hatten, mit ihrer Musik ein bisschen Freude, ein bisschen Wärme zu geben.
Noch heute erinnerte sie sich immer um diese Zeit an das Gesicht des kleinen krebskranken Mädchens, an das Strahlen, als vor vier Jahren "ihr" Paddy plötzlich vor ihrem Bett stand und ihr Lieblingslied sang, ganz allein für sie. Das Mädchen starb wenige Wochen später, aber es war glücklich, hatte sich doch ihr größter Wunsch noch erfüllt. Es war manchmal so einfach, Menschen glücklich zu machen, und besonders Barby, die Sensibelste der Kelly-Geschwister, freute sich von ganzem Herzen mit diesen Menschen.

Aber dieses Jahr war alles anders. Es war nicht mehr so wie früher, Barby kam es vor, als sei das wie sie immer meinte unzerstörbare Band zwischen den Geschwistern zerrissen, sie standen zwar noch zusammen auf der Bühne, aber der Zusammenhalt, der sie immer so stark gemacht hatte, war nicht mehr da.
Wieder einmal saß Barby auf dem Sofa im Wohnzimmer und fragte sich, wie es so weit hatte kommen können. Sie waren jetzt reich und hatten ein Schloss, aber tief im Herzen wünschte sie sich fast, sie seien wieder arm und hätten noch ihren alten Doppeldeckerbus. Damals waren sie alle glücklich gewesen, einfach nur glücklich, und jetzt?
Jeder lebte sein eigenes Leben, Johnny war mit seiner Frau Maite fast immer in Spanien, Joey hatte seine eigene Familie, Patricia war verheiratet, Maite war sogar nach Amerika gegangen, Angelo lebte mit Kira zusammen, Jimmy war mehr in Irland als auf Schloss Gymnich, Kathy hatte sich mit Sean eine kleine Wohnung in Köln genommen, nur Paddy und sie lebten noch mit ihrem Vater im Schloss, aber auch Paddy würde sie verlassen, wenn er nur endlich die Frau finden würde, auf die er schon so lange wartete, da war Barby sich ganz sicher. Vielleicht erwartete sie auch einfach zu viel, sie wusste ja, dass Geschwister nicht bis an ihr Lebensende zusammen sein können, aber sie hatte einfach nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde.
Barby seufzte tief auf und ging in die Küche, um sich eine heiße Schokolade zu holen, sie brauchte jetzt etwas "für die Seele". Sie hatte alle ihre Geschwister für heute Abend eingeladen und wollte mit ihnen darüber sprechen, für wen sie am Heiligen Abend spielen wollten. Barby hatte Angst, Angst davor, was ihre Geschwister sagen würden. Wenn sie nun alle keine Lust hatten? Nein, Paddy würde bestimmt mit ihr gehen, so hoffte sie zumindest.

Abends kamen wirklich alle: Kathy und Johnny, Patricia, Jimmy und Joey, Paddy und Angelo und sogar Maite war schon aus Amerika angereist, da sie das Weihnachtsfest mit ihrer Familie verbringen wollte. Und dann war es fast wie früher. Sie saßen alle zusammen am Kamin, lachten, erzählten alte Geschichten von früher und machten Musik und waren endlich wieder die große Familie, die Barby so sehr liebte.
Sie hatte sich überlegt, dass sie dieses Jahr wieder einmal für die Obdachlosen in der U-Bahn-Station spielen könnten und alle waren dafür. Sogar Johnny und Kathy, die im letzten Jahr an keinem Konzert teilgenommen hatten, freuten sich darauf, wieder für diese Menschen zu spielen.

Als sie sich spät in der Nacht trennten, war Barby glücklich, so glücklich wie schon lange nicht mehr. Aber dieses Glück hielt nicht lange an, denn schon am nächsten Morgen rief Joey an und erklärte ihr, es täte ihm wahnsinnig leid, aber er könne am Heiligen Abend nicht mitkommen, Tanja hätte schon mir ihren Eltern ausgemacht, dass sie den Tag mit Luke bei ihnen verbringen würden.
Als nächstes meldete sich Angelo. Er müsse mit Kira nach Rostock, sie würde das doch bestimmt verstehen. Ja natürlich, sie war ja die verständnisvolle Barby, die sich nie beschwerte.
Maite druckste ein wenig herum, sie sei ganz überraschend von einer Freundin zu einer Riesenfete eingeladen worden, da müsse sie unbedingt hin.
Und Jimmy hatte diese wahnsinnig wichtige Einladung aus Irland bekommen, die er einfach annehmen musste.
Patricia weinte sogar, als sie absagte, aber Denis’ Eltern aus Moskau hatten sie eingeladen, sie hatte alles versucht, sie zu überreden, doch nach Deutschland zu kommen, aber die alten Leute waren stur.
Kurz vor Weihnachten wurde auch noch Sean krank und Kathy meinte, sie könne ihn unmöglich allein lassen.
Am schlimmsten aber traf es Barby, als Paddy ihr verkündete, er würde auch nicht mitgehen, er habe einfach keine Lust, wieder einmal den Strahlemann zu spielen, auch wenn ihm gar nicht danach zu Mute war.
Für Barby brach eine Welt zusammen. Was war nur mit ihren Geschwistern los? Wo war ihre Wärme geblieben, ihr Bestreben, andere Menschen glücklich zu machen? Geben statt nehmen war immer das Prinzip gewesen, nach dem ihre Eltern lebten, und ganz besonders ihre Mutter hatte es ihnen jeden Tag vorgelebt. Hatten sie das alle vergessen, erinnerten sie sich überhaupt noch an ihre geliebte Mutter? Noch nie hatte Barby ihre Mama so sehr vermisst wie an diesem Tag. Wenn sie doch nur noch da wäre, dann wäre sicher alles anders.
Weinend saß sie im Wohnzimmer und bemerkte gar nicht, dass jemand ins Zimmer trat. "Was hast du denn, meine Kleine?" fragte eine sanfte Stimme. Johnny, ihn hatte sie ganz vergessen. "Sie haben alle abgesagt, was soll ich denn jetzt machen, ich kann doch nicht alleine gehen?" Ihr Bruder nahm sie in die Arme. "Du bist nicht allein, kleine Barby, ich bin bei dir und ich werde mit dir kommen." "Aber was wird Maite sagen?" "Sie versteht das" antwortete Johnny mit fester Stimme und einmal mehr bewunderte Barby ihren Bruder dafür, welche Ruhe er ausstrahlte. Niemand hatte so ein Gespür dafür, das Richtige zu tun, wie Johnny.

Am Heiligen Abend machten sich die beiden auf den Weg, Johnny hatte seine Gitarre dabei und Barby die kleine Trommel. Mehr brauchten sie nicht, die U-Bahn-Station war nicht groß. Einige Obdachlose waren da, es schien fast, als hätten sie auf die Kellys gewartet. Die Freude in ihren Augen, als Barby zu singen begann, zeigte ihr, dass es richtig war, was sie taten. Sie spielten alte Lieder, die sie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr gespielt hatten. Spontan fiel Barby eines ihrer Lieblingslieder ein, das sie sehr selten auf der Bühne gesungen hatte, "She’s crazy".
Kaum erklangen die ersten Töne, tauchte aus dem Dunkel der U-Bahn-Station eine Frau auf, niemand konnte genau sagen, wo sie hergekommen war, sie stand plötzlich da. Sie sah nicht aus wie die anderen Obdachlosen. Sie war klein und zierlich und trug ein wunderschönes, wenn auch etwas altmodisches Kleid aus cremefarbenem Taft, eine Art Ballerinakleid. An den Füßen trug sie zierliche Schuhe, auch sie sahen aus wie die einer Tänzerin. Ihre rötlichen Haare hatte sie am Oberkopf zusammen genommen, ihr Gesicht war zart und sehr blass, fast durchsichtig, aber ihre grünen Augen leuchteten, als brenne ein Feuer darin.
Barby konnte den Blick nicht von dieser Frau wenden, die langsam näher kam und dann zu tanzen begann. Wie eine Elfe schwebte sie über den schmutzigen Boden der U-Bahn-Station, während Barbys Stimme wunderschön durch die Nacht hallte. Plötzlich lag ein unbeschreiblicher Zauber in der Luft, der von dieser Frau ausging, Barby spürte es ganz deutlich. Was ging hier vor? Sie konnte es sich nicht erklären.
Und dann geschah etwas, das Barby wie ein Wunder vorkam: Ihre Geschwister standen plötzlich vor ihr, sie waren alle gekommen und sahen sie schuldbewusst an. "Barby, es tut uns leid" ergriff Joey das Wort, aber sie brachte ihn mit einem Lächeln zum Schweigen. "Singt mit uns" sagte sie nur und dann wurde es der schönste Heilige Abend, den sie je erlebt hatte. Sie spielten viele Stunden lang für die Obdachlosen und es lag eine Stimmung von Freude und Zauber in der Luft, die sich mit Worten nicht beschreiben ließ.
Barby konnte während der ganzen Zeit ihre Augen nicht von der zierlichen Frau abwenden, die sich auf eine der Bahnhofsbänke gesetzt hatte und mit leuchtenden Augen der Musik der Kellys lauschte. Manchmal stand sie auf und tanzte, tanzte, als ob sie ihr ganzes Leben lang nichts anderes getan hätte. Sie hörten erst auf zu spielen, als die Obdachlosen alle in die Bahnhofsmission gegangen waren, um dort zu schlafen. Nur die rätselhafte Frau saß immer noch auf der Bank.
Barby nahm all ihren Mut zusammen und fragte sie, ob sie Lust hätte, noch mit auf Schloss Gymnich zu kommen. Die Frau sah sie lange an und nickte dann nur. "Danke Barby, ich nehme deine Einladung gerne an. Du kannst übrigens Olga zu mir sagen." Woher kannte sie ihren Namen? Barby dachte nicht weiter darüber nach.

Im Schloss warteten schon Dan, Kira, Tanja mit Luke, Maite und Dennis, die sich alle liebevoll um den kranken Sean gekümmert hatten. "Ich möchte mich bei euch bedanken" sagte Barby zu ihren Geschwistern, "für den schönsten Heiligen Abend, den ich je erlebt habe." Keiner ihrer Brüder und Schwestern konnte genau sagen, warum sie doch noch gekommen waren.
Es war Joey, der versuchte, seine Gefühle in Worte zu fassen: "Da war etwas, ich kann es nicht erklären, es war ein einfach nur ein Gefühl, das mir sagte, dass es nicht richtig ist, was ich tue. Wir waren immer zusammen am Heiligen Abend, wir haben immer für Menschen gespielt, denen es nicht so gut geht wie uns, warum also nicht in diesem Jahr? Mir war dieses Spiel für die Obdachlosen mit euch allen plötzlich so wichtig, wichtiger als alles andere. Bitte lacht jetzt nicht, aber irgendwie war es, als habe Mamas Stimme aus dem Himmel mich gerufen!" Aber keiner lachte, denn sie hatten alle genau das gleiche Gefühl gehabt wie er.
Sie saßen noch lange zusammen und Barby hing an den Lippen von Olga, der Tänzerin aus Russland, wie sie ihr erzählt hatte. Olga Kursenjewa hieß sie und sie war in Russland eine große Ballerina gewesen, bis, ja, bis ein Unglück über ihre Familie hereingebrochen war, über das sie nicht sprechen wollte. Wie alt sie wohl war? Barby traute sich nicht zu fragen, aber sie schätzte sie auf Mitte Dreißig.
Sie konnte gar nicht genug hören von den Geschichten über das Tanzen, die Olga ihr erzählte. "Weißt du, meine Mutter war auch Tänzerin" begann Barby und Olga meinte nur sanft: "Ich weiß, Barbarina!" Barbarina? Nur ihre Mutter hatte sie so genannt. Woher wusste Olga das alles? Barby konnte sich keinen Reim auf diese Frau machen. An diesem Abend ging keiner der Geschwister nach Hause, sie blieben alle über Nacht auf dem Schloss. Barby brachte Olga in eines der Gästezimmer.
Bevor sie zu Bett ging, sagte sie noch: "Danke, danke liebe Olga, das war der schönste Heilige Abend meines Lebens. Und ich weiß nicht warum, aber ich bin mir ganz sicher, dass du etwas mit dem Sinneswandel meiner Geschwister zu tun hast." "Du musst mir nicht danken, kleine Barby, da gibt es jemanden, der immer auf dich aufpasst und mich zu dir geschickt hat." Barby verstand nicht, aber sie war auch zu müde, um sich noch weitere Gedanken zu machen. Sie schlief tief und fest in dieser Nacht, so fest, dass sie nicht merkte, wie Olga in ihr Zimmer kam, ihr sanft übers Haar strich und flüsterte: "Träume süß, kleine Barbarina, ich muss jetzt gehen, meine Mission hier ist erfüllt. Du brauchst keine Angst mehr zu haben, das Band zwischen euch ist viel stärker als du denkst. Es wird nie zerreißen, niemals."

Am nächsten Morgen war Olga verschwunden und das Bett im Gästezimmer unberührt. Barby verstand die Welt nicht mehr. Warum war sie einfach gegangen, ohne sich zu verabschieden? Traurig und grübelnd saß sie mit ihren Geschwistern am Frühstückstisch. "Mensch Barby, vielleicht hat sie dir einfach nur ein paar erfundene Stories erzählt, für die sie sich jetzt schämt, und ist deshalb abgehauen" meinte Angelo in seiner unbekümmerten Art. "Hey, ich hab’ ne Idee. Ich werde gleich mal auf meinem Laptop nachschauen, ob ich was über sie finde. Wenn sie wirklich so eine berühmte Tänzerin war, wie sie erzählt hat, müsste ja was drin stehen. Wie hieß sie nochmal?"
Barby nannte den Namen und Angelo gab die Daten in seinen Computer ein. Er las das Ergebnis und murmelte: "Komisch, das kann doch nicht sein, also irgendwie spinnt die Kiste ..." Gespannt schaute Barby auf den Monitor. "Olga Kursenjewa" las sie laut, "berühmte Ballerina des russischen Staatstheaters, geboren 1907, gestorben 1943 mit ihren sieben Geschwistern während des Zweiten Weltkriegs". Neben diesem Satz war ein altes Schwarzweiß-Foto zu sehen, das Olga zeigte. "Sag’ ich doch, die Kiste spinnt" murmelte Angelo vor sich hin, aber Barby wusste plötzlich, es war wahr, was der Computer ausgespuckt hatte.
Sie hatte verstanden: Ihre Mutter hatte ihr einen Engel geschickt, um das zerrissene Band zwischen den Geschwistern wieder zu kitten. Und sie wusste, von jetzt an würden sie wieder zusammen halten wie früher, auch wenn sie nicht mehr zusammen wohnten. "Danke, Mama" flüsterte Barby unter Tränen, "danke für dieses wunderschöne Weihnachtsgeschenk. Ich liebe dich.".


Für Barby: Bleib wie du bist, kleine Barbarina ...


© Uli

(Phaszinierend!)

 

Santa Bar

Last update: 21/11/2004

(Online since: 13/12/2000)


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