Ein Lied für die Kelly's

by Uli   Uli170161@gmx.de

 

Diese Geschichte habe ich nach dem zweiten Expo-Konzert der Kellys geschrieben. Die Aktion mit dem Lied gab es wirklich, aber alles, was mit den Kellys, ihren Gefühlen und Gedanken zu tun hat, ist frei erfunden.


Die Geschichte beginnt am Donnerstag, den 05.10.2000, dem Tag, als die Kelly Family ihr erstes Konzert auf der Expo gab: Es war eigentlich alles wie immer, aber als sie vor der Zugabe alle in einer Reihe zur Verabschiedung standen, fiel Joey auf, dass viele Fans Schilder hoch hielten, auf denen das Wort DANKE in verschiedenen Sprachen zu lesen war. War das jetzt Zufall oder hatten die sich abgesprochen?
Noch etwas anderes war ungewöhnlich: Ganz viele Fans hielten Blätter in den Händen, auf denen etwas geschrieben stand, und es sah fast aus, als würden sie etwas singen, aber er konnte nicht verstehen was. Joey wurde neugierig. Was hatten sich die Fans da ausgedacht?

Nach dem Konzert, als sie alle gemütlich im Tourbus auf dem Weg nach Köln waren, fragte Joey seine Geschwister, ob sie seine Beobachtungen auch bemerkt hatten. Ja! Hatten sie. Paddy zog aus seiner Hosentasche ein zerknülltes DIN-A4-Blatt heraus, das ihm während seiner Abklatsch-Runde jemand in die Hand gedrückt hatte. "Lies das, dann weißt du, was abgeht" meinte er nur genervt.
Joey begann, das Blatt zu lesen. "Wir möchten gerne ein Lied für euch singen" stand ganz oben. Anschließend folgte eine Erklärung, dass sich die Fans zusammen getan hatten und ein Lied für die Kellys geschrieben hatten, nein, nicht richtig geschrieben, eigentlich hatten sie nur verschiedene Strophen zur Melodie von "Alle Kinder brauchen Freunde" gedichtet und dieses Lied wollten sie den Kellys während der Verbeugung vor der Zugabe auf den beiden Expo-Konzerten vorsingen, sozusagen als Dank für alles, da ja jetzt diese lange Pause anstand.
Joey rührte diese Aktion irgendwie, aber als er Paddy darauf ansprach, meinte der nur: "Das interessiert mich nicht, ich will kein Lied von denen hören, ich will nur eins: Meine Ruhe haben!" Besorgt betrachtete Joey seinen jüngeren Bruder. Was hatten diese blutsaugenden, ihn überall hin verfolgenden Fans nur aus ihm gemacht? Wo war seine Begeisterung, seine Spontaneität, seine Lebensfreude geblieben? Ja, Paddy brauchte ganz dringend eine lange, lange Pause und am besten wäre es wohl, er würde diese im Ausland verbringen, irgendwo, wo ihn keiner kannte, wo er wieder zu sich selbst finden konnte.

Als sie dann in Gymnich aus dem Bus stiegen, sprach Spiro, der Security, der den besten Kontakt zu den Fans hatte, Joey an und erzählte ihm von der Idee der Fans und dass er die Aktion irgendwie gut fand.
Später, als Joey, Jimmy, Maite und Paddy im Schloss noch ein bisschen zusammen saßen, Patricia und Angelo waren bereits daheim bei Denis und Kira, sprach Joey die Sache nochmals an. Ihm war klar, dass die Fans ihre Aktion ohne die Hilfe der Kellys nicht durchziehen könnten. "Wollen wir nicht am Sonntag ...?"
Sofort fiel ihm Paddy ins Wort. "Ich habe dir gesagt, ich will das nicht, also hör jetzt auf damit!" Maite, die gut gelaunt und erholt war nach vier Wochen USA, versuchte, ihren Bruder umzustimmen: "Mensch Paddy, schau, das ist doch nur eine nette Geste von den Fans. Und hast du dir den Text mal durchgelesen? Das ist doch wirklich lieb!" "Wirklich lieb? Das ist der reinste Hohn! Heute singen sie uns ein Lied vor, wie dankbar sie uns sind und wie leid es ihnen tut, dass wir kein Privatleben mehr haben, und morgen hocken Sie dann wieder vor dem Schloss und lauern nur darauf, dass ich joggen oder zur Fahrschule gehe. Nein danke, ich ertrage das alles einfach nicht mehr. Wenn sie mich wirklich mögen würden, würden sie erkennen, wie schlecht es mir geht, und würden mich in Ruhe lassen!"
Maite erschrak über die harten Worte ihres Bruders. Aber sie wusste ja auch nicht, dass vor fünf Tagen ein Mädchen beinahe in das Fahrschulauto gelaufen wäre, in dem Paddy saß. Aus lauter Gier, damit sie ein möglichst schönes Foto von ihm machen könne. Paddy war so geschockt, dass er gar nicht reagieren konnte. Wenn der Fahrlehrer nicht geistesgegenwärtig auf die Bremse getreten hätte ... "Irgendwann überfahre ich so eine Kuh und dann bin ich auch noch schuld. Die sind doch alle krank!!!" Er konnte sich gar nicht mehr beruhigen.
Was hatte er nicht alles versucht, er war nett zu den Fans gewesen, aber das reichte ihnen nicht. Auch als er zunehmend unfreundlicher wurde, ließen sie nicht locker, ganz im Gegenteil: Das stachelte ihre Gier noch mehr an. Und auch sein letzter Versuch, sie zu vertreiben, den er auf der Sommertour gestartet hatte, nämlich sich total zu verunstalten mit den hässlichsten Klamotten, die er finden konnte, grässlichen Wollmützen und schließlich sogar einem Bart, war fehlgeschlagen.
"Versteht doch, ich kann einfach nicht mehr" schrie er in die Runde. Jimmy schaltete sich ein: "Ich verstehe gut, wie es Paddy geht, ich habe auch keine Lust mehr, den Clown für Leute zu spielen, die nichts anderes im Sinn haben als in meinem Privatleben herum zu schnüffeln!" Joey warf ein, dass doch nicht alle Fans so seien, die meisten seien doch wirklich lieb und würden sie auch in Ruhe lassen, aber Paddy war nicht mehr zu bremsen: "Was nützt mir das, wenn Tag für Tag diese Verrückten da draußen auf mich lauern? Ich weiß auch, dass es immer dieselben sind und dass ich nicht andere dafür bestrafen darf, aber ich schaffe es einfach nicht mehr, und jetzt hört bitte auf mit diesem Thema. Oder habt ihr schon vergessen, was mit Johnny und Barby passiert ist?"

An diesem Abend wollte keine Stimmung mehr aufkommen und so verabschiedeten sich Joey und Jimmy bald und Maite und Paddy gingen auf ihre Zimmer, um zu schlafen, aber Paddy kam nicht zur Ruhe an diesem Abend. Unablässig grübelte er, ob es richtig war, wie er sich verhielt. Sollte er diese Fan-Aktion nicht doch unterstützen? Eigentlich wollte er es ja gerne tun, aber in seinem Innern sperrte sich alles dagegen. Warum taten sie ihm immer so weh und starteten dann solche Aktionen? Das passte doch alles nicht zusammen. Aber seine Geschwister schienen das Ganze gut zu finden.
Er wünschte sich wieder einmal, nicht so allein zu sein. Joey hatte gut reden, der hatte ja seine Familie und Patricia und Angelo hatten Partner, auf die sie sich verlassen konnten. Aber er? Als er noch mit Susanne, seiner letzten Freundin, die er wirklich sehr geliebt hatte, zusammen war, hatte ihn das alles auch nicht so sehr mitgenommen, aber seit sie weg war, fühlte er sich so allein, so furchtbar allein.

Spontan stand er auf, er konnte nicht in diesem Zimmer bleiben. Langsam ging er nach unten, als er plötzlich aus der Küche Geräusche hörte. Was war das denn? Leise öffnete er die Tür und erkannte Maite, die sich am Kühlschrank zu schaffen machte. "Hey, Schwester, du willst doch jetzt nicht etwa was essen mitten in der Nacht? Denk an deine Diät."
Erschrocken zuckte Maite zusammen. Nein, sie hatte nichts gegessen, aber die Sorge um ihren Bruder hatte sie unweigerlich zum Kühlschrank getrieben. Ja, sie hatte Angst um ihn, richtig Angst. Sie kannte Paddy besser als jeder andere und sie wusste, wie verletzlich er war. "Komm, gehen wir ein bisschen im Park spazieren, jetzt um diese Zeit belästigt uns da sicher keiner!"
Im Dunkel der Nacht fragte Paddy seine Schwester: "Maite, was soll ich denn nur tun? Ich will doch niemanden enttäuschen, aber ich kann einfach nicht mehr. Bitte hilf mir!" "Ich kenne dein, nein unser Problem nur zu gut" antwortete Maite sanft, "und glaub’ mir, ich habe lange gebraucht, um mir darüber klar zu werden, hätte ich diese Therapie nicht gemacht, wüsste ich es wohl heute noch nicht. Es ist einfach so: Wir haben die besten Eltern der Welt und sie haben alles an uns weitergegeben, so auch diesen kleinen Fehler, für den wir sie wohl am meisten lieben!"
Paddy verstand nicht. Was für ein Fehler? Seine Eltern hatten keine Fehler. "Doch", sagte Maite, "sie haben immer nur an andere gedacht und nie an sich selbst und genau so haben sie uns auch erzogen. Deshalb meinen wir immer, es allen Recht machen zu müssen, und können nie nein sagen, wenn wir etwas nicht wollen, verstehst du, was ich meine?" Oh ja, und wie Paddy verstand. Ja, sie hatte Recht. Er gab immer alles für andere und hatte wahnsinnige Angst davor, jemandem weh zu tun, und allein aus diesem Grund war er es, der immer verletzt wurde.
"Du musst dir dieses blöde Lied nicht anhören, wenn du nicht willst, es ist okay Paddy, also hör auf darüber nachzugrübeln. Tu das, was dein Herz dir sagt!" Ein ganz leichtes Lächeln erhellte das Gesicht ihres Bruders.

Am nächsten Tag schlug er seinen Geschwistern vor, dass er am Sonntag auf dem zweiten Expo-Konzert spontan entscheiden würde, ob sie die Fans bei ihrer Aktion unterstützen würden oder nicht. Wenn ja, würde er einfach eine kleine Ansage machen so nach dem Motto: "Ich habe gehört, ihr wollt was für uns singen ...". Alle waren einverstanden.
Eigentlich hätte Paddy jetzt ruhiger sein können, aber am Sonntag, kurz bevor das Konzert anfing, war er furchtbar nervös und das ärgerte ihn sehr, denn auf der Bühne wollte er immer sein Bestes geben, egal, wie er sich auch fühlte. Es fing alles gut an, die Stimmung war gut und es machte richtig Spaß, für diese Leute zu spielen. Von Spiro wussten sie, dass die Fans ihr Lied sogar geübt hatten, als sie auf die Kellys warteten.
Paddy fühlte sich recht gut und entschloss sich, "Mama" zu singen, eines der Lieder, die er nicht an jedem Tag live singen konnte und wollte. Er blickte in die Menge, holte noch einmal tief Luft und fing an zu singen. Bei diesem Lied fühlte er sich seiner Mutter immer ganz besonders nah. Plötzlich, mitten im Lied, hörte er dieses Kreischen. "Paaaaatrick" schrie jemand, so laut, dass er es trotz seiner Ohrenstöpsel hören konnte. Oh nein, nicht das, nicht bei diesem Lied. Er öffnete die Augen und blickte ihr direkt ins Gesicht, noch einmal schrie sie: "Paaaatrick!"
Als er das Mädchen erkannte, stiegen ihm Tränen in die Augen. Sie war es, die ihm beinahe ins Auto gerannt wäre, und jetzt stand sie da, mit einem dieser Textblätter und einem großen DANKE-Schild in der Hand, und kreischte. Er wollte schreien, aber er konnte nicht, er schluckte seine Tränen hinunter und brachte es hinter sich. Warum hatte das jetzt sein müssen? Und dann noch "Patrick", er hasste es, wenn sie ihn so nannten. Niemand hatte ihn je so genannt außer seiner geliebten Mama, und niemand sollte ihn jemals wieder so nennen.
Eigentlich hatte er vor, nach "Mama" seine kleine Ansage zu dem Fanlied zu machen, aber nach diesem Zwischenfall wollte, nein konnte er es nicht, es tat einfach zu weh. Von dieser Verrückten wollte er gar nichts mehr hören und schon gar kein heuchlerisches Danke-Lied. Die Textzettel, die ihm während seiner Abklatschrunde entgegen gehalten wurden, ignorierte er einfach, indem er stur nach unten schaute.
Als sie sich dann zur Verabschiedung aufstellten, sah er, dass ganz, ganz viele Fans Schilder hoch hielten, auf denen das Wort DANKE stand, und er fühlte sich plötzlich schuldig, wie ein Verräter an seinen eigenen Fans. Joey sah ihn aufmunternd an, aber er konnte einfach nicht, er fühlte sich wie gelähmt. Er sah, wie die Fans ihre Zettel schwenkten und sie auf die Bühne geben wollten, aber er tat so, als würde er es nicht bemerken.
Dann war es vorbei, sie gingen nach hinten ins Dunkel der Bühne und wieder sah er, wie viele Fans ihre Zettel hoch hielten. "Wollen wir nicht doch ...?" fragte Joey, aber ein Blick in die Augen seines Bruders ließ ihn verstummen. "Ist schon okay, Paddy", murmelte er erschrocken.

Auf Schloss Gymnich ging Paddy sofort auf sein Zimmer, er wollte mit niemandem reden. Jetzt war das passiert, was er nie gewollt hatte, er hatte seine Fans enttäuscht, die, die ihn liebten, wie konnte es nur so weit kommen?
Es klopfte, aber er antwortete nicht. Erst, als das Klopfen immer heftiger wurde, ging er doch zur Tür und machte auf. Maite stand vor seiner Tür und sah ihn besorgt an. "Ist es so schlimm?" fragte sie nur. Sie sprachen lange, ganz lange über seine Probleme mit den Fans und mit dem Leben. "Ich habe solche Angst, dass sie mich kaputt machen, dass eines Tages keine Musik mehr in mir ist, die Musik ist doch mein Leben, verstehst du?" "Paddy, oh Paddy, wie kannst du so etwas nur denken? Weißt du eigentlich, wie sehr ich beneide um die Lieder, die du schreibst, die du in deinem Herzen trägst? Nein, glaub mir, was auch passiert, du wirst immer Musik in dir haben, immer. Und du hast nichts falsch gemacht, es war richtig so. Natürlich waren bestimmt einige Leute enttäuscht, aber sie haben jetzt Zeit darüber nach zu denken. Und die, die uns wirklich mögen, die werden es verstehen und die werden auch noch da sein, wenn wir wieder kommen. Und die, die nicht mehr kommen, auf die können wir getrost verzichten. Und morgen gehe ich mit dir zur Fahrschule und setze mich zu dir ins Auto und wenn eine es wagt, dir nachzurennen, haue ich ihr persönlich eines über die Rübe, klar?"
Trotz allem Schmerz musste Paddy lachen. Seine kleine Schwester war wirklich ein tolles Mädchen. "Sag mal Maite, habe ich dir eigentlich schon mal gesagt, wie lieb ich dich habe?" "Nee, aber das weiß ich auch so, großer Bruder! Ach ja, und was ich dir noch sagen wollte: Irgendwo da draußen ist das Mädchen, nach dem du suchst, und eines Tages wirst du sie auch finden, glaub mir, du musst nur Geduld haben!"
Für einen winzigen Augenblick sah sie das Lächeln im Gesicht ihres Bruders, das sie so sehr an ihm liebte, nicht sein Bühnenlächeln, nein, sein echtes, das ganz tief aus seinem Herzen kam. Ja, er hatte einen weiten Weg vor sich und keiner wusste besser als sie, wie schwer es war, einmal einfach nur an sich selbst zu denken, aber er würde es schaffen, da war sie ganz sicher.

Und wer weiß, vielleicht würde er eines Tages auf der Bühne stehen und sagen: "Hey Leute, ich kann mich erinnern, dass ihr irgendwann einmal ein Lied für uns geschrieben habt, damals ging es mir sehr schlecht, aber heute, heute geht es mir wieder gut und ich würde mir das Lied gerne anhören. Kommt, lasst uns zusammen singen ..."


Für meine Große (sie will hier namentlich nicht genannt werden), weil sie Paddy wirklich mag und sich so viele Gedanken um ihn macht


© Uli (Rührend!)


Diese Story ist mit folgendem Award ausgezeichnet:

Story-Award 03/2001 Uli


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Last update: 26/04/2001

(Online since: 02/11/2000)


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