An einem der letzten Strassenkonzerte, als Joey sein Lied "Hello Joanne" sang, ergriff Paddy den Mirkophon und sang das Lied einfach und drauflos weiter, was die Fans natürlich sehr faszinierte. Joey konnte nun nichts singen.
Es war zwar nicht selten bei den Konzerten so, dass jemand ein Lied mit oder anstelle von den anderen Geschwistern sang. Doch bei diesem Lied bekam Paddy wesentlich mehr "Bravo"-Rufe und Applaus und er lächelte nach dem Singen auch Joey an. Joey aber war sehr wütend. Er war überhaupt nicht neidisch auf den Applaus. Er war nur deswegen wütend, weil sein jüngerer Bruder den Motiv dieses Liedes nicht wirklich kannte und kein Recht hatte, es einfach so für Joey weiterzusingen. Kannte Paddy denn dieses Motiv?
Das ganze Konzert über stand Joey an seinem Bass und sang keinen Ton.
Als Joey am Abend im Bus auf seiner Matte lag kam Jimmy zu ihm und fragte:" Hey Jo! Wieso bist du heute so sauer? Was ist denn los? Ist auf dem Konzert etwas Schlimmes passiert? Wir haben heute doch so gut gespielt und so viel Applaus bekommen! Hast du es etwa nicht bemerkt!"
"Nein. Lass mich bitte allein.", knurre sein kleiner Bruder.
Jimmy bohrte aber weiter:" Hast du Liebeskummer? Brauchst du Sex? Ach komm, sprich dich doch bei deinem Lieblinsbruder aus!"
"Ich habe es schon gesagt. Ich will jetzt alleine sein. Und quatsch bitte nicht über solche Dummheiten wie Liebeskummer. Anscheinend hast DU es!"
"Haha, sehr witzig!", rief Jimmy spöttisch.
"Ich will es nicht ein drittes Mal sagen. Lass mich bitte in Ruhe. Sonst box ich dir die Nase blau!"
Das hatte nun bewirkt. Jimmy ging nun woanders hin. Joey mochte ihn zwar sehr, aber manchmal brauchte er einfach Ruhe. Vor allem, wenn er wütend war. Er hatte diesen Vorfall am Konzert immer noch nicht vergessen.
Nun lag Joey alleine auf seiner Matte. Im Hintergrund hörte er gedämpfte Stimmen, doch er achtete nun nicht allzu fest drauf. Nun ging ihm sein Lied durch den Kopf.
"Hello Joanne! Hello Joanne!", flüsterte er leise vor sich hin.
Nun war der Joey wieder 19 Jahre alt. Er wollte nach Paris mit seinen Freunden fahren, mit denen er sich manchmal zum Sportmachen traf. Es waren alles junge Männer in seinem Alter. Sie hatten beschlossen, einen Sieg im Teamschwimmen, den sie damals vor Kurzem bei einem regionalem Wettbewerb errungen hatten, in Paris zu feiern. Schließlich waren sie alle keine besonders guten Schwimmer, denn sie übten sich vor allem im Radfahren und Rennen.
René, der aus Frankreich kam, hatte vorgeschlagen: "Wir werden alle nach Paris mit dem Car fahren. Das ist vielleicht schön! Wir können in Fontainebleau bei meiner Tante übernachten ,die hat ein großes Haus mit einem echten französischen Jardin. Tagsüber können wir Paris besichtigen..."
Nun unterbrach ihn Joey, weil er schon von da an von dieser Idee fasziniert war: "Ja, Paris ist eine wunderschöne Stadt! Da waren wir mal. Und die Leute sind nett!"
"Du hast Recht", fuhr Renè fort," ja, tagsüber zeige ich euch Paris und am Abend gibt's auch jede Menge was zu tun. Die ganzen Clubs und so...excellent!"
Nun waren alle Teamkollegen von dieser Idee fasziniert und zum guten Glück konnten alle hin. Sogar Joey. Auch wenn damals noch Strassenkonzerte an der Tagesordnung standen, gönnte ihm sein Vater einige Tage Freiheit mit seinen Kameraden. Joey musste ihm aber versprechen, keine "Dummheiten" zu machen.
Gesagt, getan. Nun waren sie auch schon in der Hauptstadt Frankreichs. René tat gerne seinen Job als Guide und alle anderen hörten ihm gut zu. Joey zeigte ihnen auch einige Orte, an denen er mit seinen Geschwistern früher Musik machte. Einige Passanten blieben auch vor ihm stehen und schauten ihm ins Gesicht, drehten sich aber sofort wieder um.
Die Abende waren aber auch ziemlich unterhaltsam. Die Bande ging in verschiedene Kneipen Paris` und traf und ziemlich interessante Leute. Joey unterhielt sich manchmal auch mit ein paar Musikern, die seine Familie ein bisschen kannten.
Am letzten Abend aber suchten sie wieder eine neue Kneipe an. Sie fanden eine am Stadtende, die "Paradise" hiess. Doch sie hatten nicht bemerkt, dass diese zudem auch ein Nachtclub war.
Doch sie beschlossen, das aber nicht so zu beachten und nur die Drinks und die Gespräche zu geniessen.
Nach einigen Gläschen Bier fühlten sich alle Jungs wohl, doch leider konnte sie keine Gesprächspartner finden, denn alle schauten nur auf die Pin-Up-Girls, die auf einer kleinen Bühne tanzten und strippten. Joey und seine Freunde hatten aber nicht vor, auf die kleine Bühne zu schauen. Schliesslich hatte jeder eine feste Freundin und hatte ihr geschworen , treu zu bleiben. Die tanzenden Girls von "Paradise" hatten anscheinend aber bemerkt, dass nicht jeder der männlichen Gäste auf sie schauten.
Darauf kam ein Mädchen auf René zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dieser konnte nicht Widerstand leisten und sagte zu seinen Kumpels:" Wir gehen ins Hotel nach oben. Bin gleich wieder da."
Zwischen den anderen brach ein Gelächter aus, doch René schien es nicht mehr gehört zu haben. Schliesslich war es nicht vorgesehen, dass sich die Jungs den Prostituirten in die Hände gaben.
Nach einiger Zeit kam auch eine andere aufreizend gekleidete Frau auf Joey zu. Joey merke aber, dass diese es nicht freiwillig machte. Er hörte, wie sie zitterte. "Hallo. Ich bin die Joanne. Lass uns doch raufgehen. Du wirst es nicht bereuen....."
Diese junge Frau erinnerte ihn aber an irgendjemand. Sie hatte lange dunkelbraune Haare, eine Haut mit einem dunklen Teint und grosse dunkelgrüne Augen. Sie war auf jeden Fall keine Französin, wie Joey es feststellte. Schliesslich war ihr spanischer Dialekt hörbar.
Joey aber folgte ihr ins Hotel. Nicht, weil er mit dieser Frau schlafen wollte, sondern weil er sie fragen wollte, ob er sie wirklich kannte.
Nun waren die beiden im Zimmer. Als sie sich aber auf das breite Bett gesetzt hatten, begann diese Frau bitterlich zu weinen.
Joey strich ihr über die Haare und fragte auf Spanisch, was los sei.
Sie erzählte ihm ,wie entsetzlich das Leben als Prosituierte sei und darauf fragte Joey sie, woher sie komme.
"Ich komme aus einem Dorf in der Nähe von Pamplona in Spanien", schulchzte sie, "meine Eltern sind arme Bauern und zur Zeit bankrott, da haben sie mich nach Paris geschickt. Zuerst habe ich hier als Kellnerin gearbeitet , dann gab mir der Chef kein Lohn mehr dafür, sondern drohte mir, dass er mir nur Geld gebe, wenn ich zusätzlich noch mit den Männern schlafe und so weiter. Ich hatte darauf keine andere Auswahl! Kannst du mich vielleicht verstehen?"
"Ich habe auch in meiner Familie in Spanien gelebt", sagte Joey,"in einem Dorf in der Nähe von Pamplona. Eben darum kommst du mir bekannt vor!"
"Warte mal", rief Joanne auf, "bist du nicht aus dieser Familie mit den vielen Kindern, die ständig so lustg und heiter gesungen und getanzt haben? Ihr hiesst doch die Kelly....Kelly...Kelly irgendwas!"
"Genau! Wir waren die Kelly Kids! Und jetzt sind wir die Kelly Family. Und wir singen weiter!"
Da tauchte ein Lächeln auf Joannes Gesicht auf:" Es freut mich so sehr, dich wiederzutreffen! Du bist doch José Maria, nicht wahr?"
"Genau! Wie kommst du drauf?"
"Ach, weißt du noch? Wir haben doch zusammen Mathematik-Unterricht vom Dorfpfarrer bekommen. Und ich habe dich immer abschreiben lassen."
"Boah. Ich hatte es glatt vergessen. Ich find es wirklich toll, dich endlich wieder zu sehen. Wenn ich jetzt Mathe nicht beherrschen würde, könnte ich einiges für meine Familie nicht mehr reparieren...."
Darauf unterhielten sich die beiden. Joey holten schliesslich sein Portemonnaie heraus und gab all das Geld, das er bei sich hatte seiner alten Freundin.
"Ich wünschte, ich könnte dich hier rausholen!", sagte er.
Doch es nützte nichts.
Es war ein Jahr vergangen und Joey schickte einige Briefe an Joanne, auf die Adresse der Kneipe. Nur einmal bekam er eine folgende Antwort:
" Hallo José.
Danke für deine Post. Aber hier habe ich leider keine Zeit zum Scheiben. Es gibt so viel zu tun. Mir geht es nicht so gut, da ich sehr krank bin. Es kommt wahrscheinlich von einem Kunden. Ich gehe morgen zum Doktor, hab ja dank dir Geld. Habs aufgespart. Ich habe dich wirklich sehr lieb, pass auf dich auf! Ich wünschte mir aber, ich könnte zaubern. Dann könnte ich alle Prostituierte von ihrem "Job" befreuen.
Deine Freundin Joanne, dank der du Mathe kannst."
Joey war so von diesem Brief gerührt, dass er ein Lied schrieb. Er mochte Joanne doch auch und wollte, dass ihre Träume irgendwann einmal Realität werden.
Niemand verstand aber richtig, welche Joanne Joey meinte. Nicht einmal seine Geschwister, die sie auch kannten.
Das Lied "Hello Joanne" sang er auf fast jedem Konzert und es kam auch gut an.....
Nun lag Joey wieder auf seiner Matte.
"Wie es dieser Joanne jetzt wohl geht?", fragte er sich.
Darauf kam ihm eine Idee. Er stand auf und suchte Jimmy auf. "Ich will dir jetzt erzählen, wieso ich heute so wütend auf Paddy bin!", sagte er ihm. Darauf erzählte ihm Joey die ganze Geschichte.
"Lass uns deine Freundin doch in Paris aufsuchen! Dad erlaubt es uns sicherlich!", schlug Jimmy vor.
Es wurde den beiden tatsächlich erlaubt und sie nahmen auch sofort den "Mitternacht-Zug".
Am nächsten Morgen waren sich auch in der Hauptstadt Frankreichs.
"Da geht`s lang, zum "Paradise"!", zeigte Joey in eine Richtung.
Nun waren sie auch wieder da. Am morgen gab es noch keine Kunden. Jimmy und Joey setzten sich zu einem Tisch und eine Kellnerin kam auf sie zu:"Vouz désirez?"
"Äh, ich will gerne Joanne sehen!", sagte Joey.
"Ein Milchkaffee pour moi!", sagte Jimmy.
"Joanne?", fragte die Kellnerin ,"Wer ist das ?"
"Ich habe sie vor ein paar Jahren hier getroffen!"
"Ich fragte mal den Chef!"
Nun kam der Chef auf Joey zu.
Ein dicker, schwarzhaariger Mann mit einer langen Nase.
"Ich suche Joanne."
"Joanne aus Spanien?"
"Ja."
"Es tut mir Leid, junger Mann, aber auf Grund der Immunschwäche Aids ist die junge Frau verstorben, vor einigen Monaten. Es ist traurig. Sie war eine der besten Kellnerinnen die ich je hatte."
Nun sagte Joey nichts. Seine Joanne hatte so etwas doch wirklich nicht verdient.
Der Chef ging nun weg.
Er war doch selber Schuld an allen! Wenn sie nur als Kellnerin hier gearbeitet hätte, wäre so etwas doch nicht passiert!
"Joey? Ist alles in Ordnung?", fragte ihn sein Bruder.
"Heute glaube ich nicht mehr an Wunder."
Darauf nahm Joey eine Serviette und einen Kugelschreiber und schrieb den Text seines Liedes darauf. Er legte die Serviette in den Aschenbecher seines Tisches und hoffte nur, dass es jemand sonst ausser Jimmy und ihn bemerken würde.