Mr. Unbekannt

by Svenja   CoverTheRoad88@aol.com

Es war ein warmer Sommertag als ich vom Gesang einer Amsel geweckt wurde. Heute sollte es soweit sein. Ich sollte endlich den unbekannten Jungen, der für mich mittlerweile wie ein Freund war, kennen lernen.
Seit ein paar Monaten chattete ich nun schon mit "Crazymoon77". Anfangs hatten wir über belangloses gesprochen, doch mittlerweile konnte ich ihm all meine Probleme und Sorgen anvertrauen.
Ich war total nervös. Wir hatten uns um 13.00 Uhr vorm Dom hier in Köln verabredet. Wie er wohl aussah? Ob er wirklich so ein netter Typ war wie er sich im Chat gab?
Als ich zum Frühstück runterschlurfte saß meine Schwester bereits am Tisch. "Na Celina, schon gespannt auf Mrs. Unbekannt?" grinste sie mir entgegen. "Meine Freundin Nina hatte auch mal so nen Typ ausm Internet und als sie sich trafen war der voll ätzend und hässlich und wurde danach total aufdringlich." Als wenn ich genau das jetzt hören wollte. Manchmal konnte sie eine echte Nervensäge sein. "Mell, erspar mir doch einfach diesen ganzen Kram und hilf mir lieber auszusuchen was ich nachher anziehe."
Mell, die eigentlich Melanie hieß, war 2 Jahre jünger als ich. Und auch wenn es oft Zoff gab, so war ich froh sie zu haben. "Darf ich wenigstens noch meine Milch austrinken?" grinste sie nun schon wieder. "Wenn es sein muss." Jetzt musste auch ich grinsen.
Als wir mit Frühstücken fertig waren gingen wir gemeinsam nach oben. "Hm... was meinst du, soll ich besser was schlichtes anziehen oder was gewagtes?" fragend sah ich sie an. "Hast du nicht irgendwas dazwischen?" fragte Nina. Nach und nach hielt ich ihr alle meine Kleidungsstücke entgegen. "Diese?" "Nee, zu grell." "Oder besser das?" "Nee, ein bisschen arg freizügig."
Und so durchwühlten wir ein geschlagene Stunde lang meinen Kleiderschrank bis ich mich schließlich für einen dreiviertel langen schwarzen Rock und ein dunkel rotes Oberteil entschieden hatte. Ob ich ihm wohl gefallen würde?
Jetzt hieß es erst mal warten und da Nina einen Termin beim Arzt hatte ging ich kurzerhand mit ihr. Nachdem wir bereits 1 ½  Stunden gewartet hatten wurde ich langsam nervös. Es war bereits 11.15 Uhr und ich wollte so schnell wie möglich zum Dom. "Ich frag mal an wievielter Stelle du auf der Warteliste bist." Und schon war ich vorne an der Rezeption. "Können sie mir sagen wie viele noch vor meiner Schwester sind?" fragte ich ungeduldig die nette Frau an der Rezeption. "Sie müsste als nächstes drankommen." Ein wenig beruhigt setzte ich mich wieder ins Wartezimmer.
Gegen 11.45 Uhr waren wir endlich wieder draußen. Ich überlegte. Eigentlich war es ja noch viel zu früh um schon zum Dom rüber zu laufen. Jetzt war es knapp 12 Uhr und die Verabredung war um 13.00 Uhr. Dazwischen war echt noch ne Menge Zeit und so beschloss ich mir noch einen Leckerbissen aus der Konditorei zu gönnen. Mit einem Baiset in der Hand verließ ich die Konditorei und setzte mich auf eine Bank. Ich geriet ins Träumen. Wie er wohl aussah? Was er wohl so machte? Zum ersten Mal fiel mir auf dass ich eigentlich kaum was von ihm wusste. Ich hatte ihm so viel über mich erzählt aber was ihn betraf so hatte er sich stets bedeckt gehalten. Ob es wohl einen Grund dafür gab? Naja, ich würde es schon heraus bekommen.
Langsam schlenderte ich zum Dom herüber und schaute mich um. Niemand auffälliges zu sehen. Was hatte er noch gesagt? Er würde mir irgendetwas symbolisches mitbringen damit ich ihn erkenne. Immer noch nervös schaute ich auf meine Uhr. Es war bereits 12.45 Uhr und es war rein gar nichts auffälliges zu sehen. Auf dem Bordstein tummelten sich ein paar Tauben und auf einem Treppenabsatz saß ein betrunkener alter Mann der mit einem viel zu großen Jackett bekleidet war. Vor dem Dom liefen ein paar Touristen umher, aber ansonsten war da nichts. Die Sonne schien nun aus vollen Zügen vom Himmel und ich hatte das Gefühl das meine Beine unter meinem schwarzen Rock bald verbrennen würden.
Ich schlenderte langsam wieder zum Dom herüber. Es war bereits 13.05 Uhr und so langsam bekam ich Zweifel ob er überhaupt kommen würde. Plötzlich sah ich einen Straßenmusikanten. Interessiert schaute ich ihm zu wie er seine Gitarre heraus nahm und nun zu spielen begann. Als ich seine ein wenig raue Stimme hörte ging es mir durch und durch. Es war ein hübscher junger Mann, so Mitte bis Ende  20. Und er hatte eine wundervolle Stimme. Und was sang er da? Nun hörte ich genauer hin.
"Alle Kinder brauchen Freunde, auch wer alles hat, ist auch nicht gern allein." Irgendwie kam mir dieser Spruch bekannt vor. Und dann stutze ich. Sollte das wirklich "Crazymoon77" sein? Ich ging auf ihn zu und als er mich bemerkte lächelte er. Wie gebannt hörte ich seinem Lied zu und als es zu Ende war sah ich ihm direkt in die Augen.
"Hallo Sunflower". Er grinste. "Hey Crazymoon77 oder soll ich lieber Paddy Kelly sagen?" jetzt grinste ich auch. "Du kennst mich?" Ich musste lachen. Wer kannte ihn nicht. "Ja, ich weiß wer du bist." Sein Gesicht wurde ein wenig blass. "Hey, keine Angst, ich bin kein Fan von euch." Jetzt musste ich lachen und auch er stimmte in mein Lachen ein.
Wir verbrachten einen wunderschönen Nachmittag miteinander und als wir uns abends verabschiedeten hatten wir schon längst beschlossen dass wir uns ab sofort nicht nur im Internet treffen wollten Wir verabredeten uns für die nächste Woche. Irgendwie hatte ich ein Kribbeln im Bauch und ich hatte das Gefühl, dass es auch ihm so ging.


~ ENDE ~


© Svenja

Diese Story hat beim Story-Contest Juli/August 2004 mitgemacht.


Diese Story ist mit folgendem Award ausgezeichnet:

Story-Award Juli/August 2004 Svenja


Bar Letter

Last update: 26/09/2004

(Online since: 26/09/2004)


Zurück zur Storypage

Back to the Storypage