In einer langgezogenen Kurve
stieg die schmale Strasse vom Dorf an den Felsen empor, bis sie schliesslich in
einen Pfad muendete der an den Klippen entlangfuehrte.
Jimmy war sie schon
oft entlanggelaufen, er kam immer an diesen Ort wenn er Zeit und Luft zum
Nachdenken brauchte. Er hatte wieder einmal einen heftigen Streit mit seiner
Freundin Melanie gehabt - wie so oft in letzter Zeit. Sie hatten schon immer
viele Meinungsverschiedenheiten gehabt, von Beginn ihrer Beziehung an. Am Anfang
hatte es ihm fast Spass gemacht mit ihr zu streiten, es hatte ihn auf den Boden
der Tatsachen zurueckgeholt und ihm gezeigt, dass Melanie anders war als die
Maedchen, die er von Deutschland her kannte und die alles taten, um ihm zu
gefallen. Bei Melanie konnte er sich sicher sein, dass sie nur um seiner selbst
Willen mit ihm zusammen war, nicht wegen seiner Beruehmtheit. Dass er fuer sie
kein Star war gab sie ihm oft genug deutlich zu verstehen. Ihre temperamentvoll
blitzenden Augen und die Tatsache dass sie nie ein Blatt vor den Mund nahm
hatten einen nicht geringen Teil dazu beigetragen dass er sich in sie verliebte.
Mittlerweile zehrten die staendigen Auseinandersetzungen aber nur noch an seinen
Nerven und er sehnte sich nach etwas Ruhe und Harmonie.
Inzwischen hatte er
den schmalen Pfad erreicht und steuerte auf seinen Lieblingsplatz zu, einen
Felsen ganz am Rande der Klippen, von denen aus man eine atemberaubende Aussicht
auf das Meer und die Dubliner Bucht hatte.
Er hob den Blick und liess ihn
ueber die Huegel zu seiner Rechten schweifen. Nebelschwaden zogen, vom starken
Wind, der vom Meer her peitschte, angetrieben, gespenstisch zwischen ihnen
umher. Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Es war wirklich nicht das
richtige Wetter fuer einen Spaziergang, es wuerde ihm aber helfen einen klaren
Kopf zu bekommen. Als er den Blick zu "seinem" Felsen weiterschweifen liess,
blieb er ueberrascht stehen. Dort, ganz am Rande der Klippen, stand eine einsame
Gestalt. Ihr Koerper war in ein duennes weisses Kleid gehuellt, das im Wind
flatterte, ihre Arme waren zur Seite hin ausgestreckt und ihr Kopf in den Nacken
zurueckgelegt, so dass sich ihre feuerroten Haare wie ein flammender Wasserfall
ueber ihren Ruecken ergossen.
Als spuere sie seine Anwesenheit drehte sie
sich in diesem Moment zu ihm um und warf ihm einen Blick aus ihren moosgruenen
Augen zu. "Feenaugen", durchzuckte es Jimmy als er sie sah. Ein Laecheln
erschien auf ihren blassrosa Lippen. "Hi! Was machst du hier bei diesem
Wetter?"
Er zuckte mit den Schultern. "Ich komme immer hier her, wenn ich
alleine sein will..."
Wieder blitzte dieses bezaubernde Laecheln in ihrem
Gesicht auf und er trat zoegernd einige Schritte naeher. "Ich auch…" Sie bueckte
sich und schob den Saum ihres Kleides ein Stueck nach oben, so dass er den Blick
auf ihr Bein freigab. Als Jimmy jedoch genauer hinsah bemerkte er, dass es nicht
ihr echtes Bein war sondern eine Plastiknachbildung, eine Prothese.
"Ich bin
nicht besonders gut zu Fuss, also komme ich hier her um zu fliegen…"
Er zog
belustigt eine Augenbraue nach oben. "Fliegen?"
"Ja, komm mit, ich zeig es
dir!", erwiederte sie ernst, nahm seine Hand und zog ihn nach vorne an den Rand
der Klippen. "Siehst du die Moewen? Stell dir vor du waerst eine von ihnen.
Schick deine Gedanken zu ihnen hinaus! Und dann breite die Arme aus und
fliege…"
Er warf ihr noch einen zoegernden Blick zu, dann wandte er seine
Aufmerksamkeit den Voegeln zu, die unter ihnen, vom Wind getragen, schwerelos
ueber das Wasser und die Klippen schwebten. Er fuehlte wie der Wind an seinen
Kleidern zerrte, ihm ins Gesicht blies und durch seine Haare fuhr, sein Koerper
war erfuellt von den klagenden Schreien der Moewen. Und dann schloss er die
Augen, breitete die Arme aus und flog mit ihnen…
Er konnte hinterher nicht
sagen, wie lange er dort gestanden hatte, alles, was er wusste, als das Maedchen
ihn schliesslich leicht an der Schulter beruehrte und so in die Wirklichkeit
zurueckholte, war, dass ihn eine unbeschreibliche innere Ruhe erfuellte. Wieder
schenkte sie ihm ein Laecheln und zog ihn zu dem Felsen, wo sie sich hinsetzten.
"Ich bin uebrigends Jimmy…und du?", meinte er schliesslich etwas verlegen.
"Morgaine…", antwortete sie und der Blick, den sie ihm dabei aus ihren Feenaugen
zuwarf, schien direkt in seine Seele vorzudringen.
"Vor was hast du Angst,
Jimmy?", fragte sie ploetzlich. "Angst?", erwiderte er ueberrascht. "Ich sehe es
in deinen Augen…"
Sie hatte Recht, er hatte Angst…Angst vor der Entscheidung,
die er nicht mehr lange hinauszoegern konnte. Sollte er sich von Melanie trennen
oder sollte es so weitergehen wie es war, ewige Streitereien, staendige
nervtoetende Auseinandersetzungen. Sollte er zurueck nach Deutschland zu seiner
Familie? Aber wuerde er jetzt mit den Fans, dem Medienrummel und den staendigen
Fernsehauftritten, vor denen er vor drei Jahren nach Irland geflohen war,
zurechtkommen? Oder sollte er auch ohne Melanie in Dublin bleiben - aber ganz
alleine? Und da brach es aus ihm heraus, er schuettete diesem seltsamen Maedchen
sein Herz aus und erzaehlte ihm all die Probleme, die ihn
bedrueckten.
"Ich stecke so viel Muehe und Energie in diese Beziehung,
aber ich bekomme dafuer nichts zurueck! Sie nimmt meine Liebe einfach als
selbstverstaendlich hin!", endete er schliesslich. Sie hatte ihm mit leicht zur
Seite geneigtem Kopf zugehoert.
"Ist sie denn deine grosse Liebe?", fragte
sie jetzt. Jimmy stiess ein spoettisches Lachen aus. "Die grosse Liebe? Nein,
bestimmt nicht. Ich glaube nicht an sowas. Es wird doch jede Beziehung
irgendwann mal langweilig. Welches Paar liebt sich schon nach 50 Jahren noch
genauso wie am Anfang?"
Wieder erschien dieses zauberhafte Laecheln auf ihren
Lippen. "Du glaubst nur nicht daran, weil du sie noch nicht gefunden hast!",
erwiderte sie.
"Ach, und woher weiss ich wenn ich sie gefunden habe?"
Sie
zuckte mit den Schultern. "Du weisst es einfach…"
Eine Weile lang hingen sie
beide schweigend ihren Gedanken nach. Dann trafen ihre wissenden Augen wieder
die seinen.
"Ich glaube dein Problem ist es, dass du immernoch auf einen
Engel wartest, der kommt, um dich zu retten…vergiss nicht, dass Engel nicht auf
dieser Erde leben, Jimmy! Der einzige der dich retten kann bist du
selbst…"
Mit diesen Worten erhob sie sich. "Ich muss gehen. Mach's
gut!" Langsam ging sie auf die Huegel zu. "Warte!", rief Jimmy ihr nach und sie
drehte sich zu ihm um. "Werden wir uns wiedersehen?"
Ein
geheimnisvolles Laecheln erstrahlte in ihrem Gesicht. "Weisst du das denn
nicht?", antwortete sie belustigt und setzte ihren Weg fort.
Jimmy sah
ihr nach, bis sie hinter den Huegeln verschwunden war. Doch, er wusste es. Und
noch etwas wusste er: Er wuerde den Engel aus seinen Traeumen befreien und sich
auf die Suche nach sich selbst machen. Und so Platz in seinem Herzen schaffen
fuer die Fee, die eines Tages dort einziehen wuerde.
Laechelnd stand er auf
und machte sich auf den Weg zurueck ins Dorf.
Er hatte keine Angst
mehr.
By Seals of Howth, Juli 2001