Zeitreise

by Sandra   maria.greinecker@chello.at

 

Dicke Regentropfen fielen auf Patrick herab und der Wind zerzauste sein nasses Haar. Es war wieder eine dieser Nächte an denen er am liebsten nicht existiert hätte. Vor noch ein paar Stunden hatte er auf der Bühne gestanden und mit einem Lächeln im Gesicht eine Show abgeliefert wie sie jeder sehen wollte und jetzt ging er wie ein Häufchen Elend durch die kalte Nacht. Seine Geschwister waren in einem netten kleinen Hotel doch er konnte ganz einfach nicht ans schlafen denken. Sein Körper war zwar müde und leblos, doch er wollte nicht in dieses Hotel. Er kam sich so eingesperrt vor.
Der Regen wurde stärker, doch auch jetzt machte er keine Anstalt wieder zurück ins Hotel zu gehen. Seine Kleidung tropfte und er fror. Er ging ohne ein Ziel durch das kleine Dorf. Sein Weg führte ihn über den kleinen Dorfplatz und die Kirchenuhr schlug Mitternacht. Er sah die leeren Straßen und war froh das keine Menschenseele um ihn war. Es war so still, man hörte nur die dicken Regentropfen auf den Beton fallen.
Mit kleinen, langsamen Schritten ging er an der Kirche vorbei und bog um die Ecke. Er sah einen kleinen Bach über den eine Brücke führte. Patrick bemerkte das er heute schon einmal an diesem Bach und der Brücke vorbei gekommen war. Es war als sie mit ihrem Tourbus zum Hotel fuhren. Ihm fiel auf das bei Nacht alles so fremd wirkte. So fremd wie er sich selbst war.

Patrick setzte sich auf einen Stein der am Rande des Baches lag. Ihm war noch kälter geworden, doch auch jetzt wollte er ganz einfach noch nicht zurück gehen. Er vergrub seinen Kopf in seine kalten und nassen Händen. Müdigkeit überfiel ihm plötzlich. Er hätte doch nicht die zwei Beruhigungstabletten nehmen dürfen. Doch wenn er sie nicht genommen hätte, hätte er bestimmt etwas getan was ihm später leid getan hätte. Ihm war bewusst das er sein Leben nicht mehr alleine unter Kontrolle halten konnte. Doch konnte er auch niemanden seine Gefühle anvertrauen, da er Angst hatte wieder verletzt zu werden, wie er es schon so oft wurde und so hielt er sein Leben mit Tabletten unter Kontrolle.
Er nahm einen kleinen Stein in die Hand und warf ihn in den Bach. Es machte blub. Er nahm noch einen Stein und warf ihn ins Wasser und es machte wieder blub, doch plötzlich raschelte es im Busch hinter ihm und er erschrak und sprang auf. Dabei fiel er beinahe ins Wasser. Mit viel Glück schaffte er es doch nicht hinein zu fallen.
Er drehte sich um und hinter ihm stand eine Frau. Sie trug ein weißes Kleid und sah aus wie eine Fee oder ein Engel. Patrick sah sie mit großen Augen an. Er dachte zu träumen und rieb sich die Augen, doch die junge, hübsche Frau stand noch immer da. Patrick wusste nicht was er tun oder sagen sollte. Die Frau die wie eine Fee schien kam auf Patrick zu. Er wich etwas zurück, es war ihm nicht geheuer was hier vorging. Die Gestalt im weißen Kleid lächelte und strich Patrick eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. Er stand wie hypnotisiert vor ihr und wusste nicht ob er nur zu viel von diesen Tabletten genommen hatte oder ob das hier jetzt tatsächlich geschah.

Der Engel nahm Patricks Hand in ihre, doch Patrick wich erschrocken zurück und fragte: "Wer bist du und was willst du? Ich will doch nur einmal alleine sein und nicht von verrückten umgeben sein." Sie antwortete nur mit ruhiger sanfter Stimme: "Ich bin kein Fan, ich bin dein Schutzengel." Der sonst so gefasst wirkende Patrick wurde immer bleicher. Er fühlte sich hier nicht wohl, es war alles so abnormal was gerade vor seinen Augen passierte. Er flüsterte nur leise vor sich hin: "Ich bin nicht verrückt, ich träume das hier nur. Ich habe nur zu viele Tabletten genommen. Ich bin nicht verrückt." Er wiederholte sich wieder und wieder, bis sein Engel sagte: "Komm gib mir deine Hand ich will dir etwas zeigen." Er zögerte noch etwas, da er dachte ins leere zu greifen, doch er griff nicht ins leere. Er hielt die zarte Hand einer jungen Dame in der Hand und nicht nur die kalte nasse Luft.

Sie ging mit Patrick an der Hand ein Stück den Fluss entlang, bis sie am Rande eines kleinen Waldes stehen blieb und flüsterte: "Sieh nur Patrick, sieh nur ganz genau auf diesen Wohnwagen." Patrick sah anfangs keinen, doch als der Engel die Hand in diese Richtung zeigte, war plötzlich wie aus dem nichts einer da. Patricks Atem wurde schwerer, er dachte in einem schlechten Horrorfilm gelandet zu sein, doch wagte er es nicht auch nur einen Blick von diesem Wohnwagen abzuweichen. Er sah in das innere des Wagens und sah seine Eltern. Seine Mutter hatte ein kleines Baby auf den Arm. Das kleine Baby war er selbst. Er sah wie seine Eltern strahlten und ihn mit küsschen bedeckten und ein Lächeln glitt über sein blasses, erschöpftes Gesicht. Es war ein schönes Bild, so eine glückliche Familie zu sehen. Doch nun nahm ihn der Engel wieder an der Hand und das Bild verschwand. Am Waldrand war nichts mehr zu sehen. Patrick wollte etwas sagen doch der Engel hielt ihn einen Finger auf den Mund und Patrick schwieg.

Der Weg führte sie auf den Dorfplatz und genau in der Mitte blieben sie stehen. Der Engel zeigte mit der Hand auf den Brunnen der gegenüber der Kirche stand und ein weiteres Bild erschien. Und wieder sah sich Patrick selbst, mit seinen Eltern und seinen Geschwistern. Sie standen vor dem Brunnen und sangen fröhliche Lieder. Eine Traube von Menschen hatte sich um sie gesammelt und warfen ihnen Geldmünzen vor die Füße. Klein Patrick stand neben seiner Mutter und hielt sich an ihrem Rock fest und nach dem er einige male daran gezogen hatte nahm sie ihn auf den Arm. Er und seine ganze Familie sah so glücklich und zufrieden aus. Patrick lachte und auch seine Geschwister trugen ein Lächeln im Gesicht.

Nun gingen der Engel und Patrick wieder weiter. Er hätte zu gerne noch mehr davon gesehen. Er vermisste seine Mutter ja so. Wenn sie noch leben würde, wüsste er wem er seine Probleme erzählen kann und müsste sie nicht mit Tabletten unter Kontrolle bekommen.
Sie gingen, bis sie an dem Stein ankamen an dem Patrick den Engel bemerkt hatte und so erschrak. Patrick wunderte sich wieder hier zu sein, doch bevor er noch ein Wort sagen konnte erschien wieder ein Bild.
Es war das Begräbnis seiner Mutter. Es standen all seine Geschwister um den Stein der als Grabstein diente und allen liefen Tränen über die Wangen. Klein Patrick stand fest an seinen Vater gedrückt davor und weinte. Warum wurde ihn seine Mutter weg genommen? Er hatte sie doch so geliebt und gebraucht.
Patrick tropfte das Regenwasser von den Haaren und er ging ein Stück weiter. Der Engel ließ das Bild wieder verschwinden und nahm in wieder bei der Hand, doch dieser meinte nur: "Nein ich will nichts mehr sehen. Ich hab nicht die Kraft dazu weiter solche Bilder zu sehen." Doch der Engel sagte mit der genauso sanften Stimme wie bisher: "Du bist stark genug und es wird dir helfen wenn du alles gesehen hast. Komm wir haben noch einen weiten Weg vor uns."

Sie gingen wieder ein Stück und das nächste Bild wurde sichtbar. Er sah sich wie er mit Angelo und Maite herum tollte und Spaß hatte. Es waren auch noch einige andere Kinder dabei und sie vergaßen alles um sich herum. Sie spielten fangen und Angelo fiel hin. Klein Patrick war sofort zur Stelle und tröstete den weinenden Wirbelwind, doch es dauerte nicht lange bis alle wieder fröhlich und lustig über die Wiese tollten.

Dann war das Bild wieder weg und der Engel nahm Patrick wieder an der Hand und ging weiter. Patrick ging immer langsamer und langsamer. Er war erschöpft. Man konnte seine schweren Atemzüge hören. Es schien so als würde er jeden Moment zusammenbrechen, doch der Engel machte ihm Mut und hauchte ihn ins Ohr: "Patrick du bist stark und es wird dich verändern wenn du das jetzt bis zum Schluss siehst und durchhältst."

Und wieder erschien ein Bild vor Patricks Augen. Und wieder sah er sich selbst. Er saß an einem Tisch und schrieb ein Lied. Er ging damit zu seinen Geschwistern und jeder war sichtlich begeistert und es wurde beschlossen das dieser Song unbedingt auf das neue Album müsse, das sie schon in den nächsten Tagen aufnehmen wollten.
Patrick kniff kurz die Augen zu und sagte: "Ich wünschte ich hätte dieses Lied nie geschrieben es hat sich alles so verändert." Der Engel legte ihm ihren Arm um die Schulter und deutete auf eine Stelle nicht weit von der entfernt wo das vorherige Bild erschienen war.

Und es erschien das nächste. Es war ein Bild von dem Konzert das sie in Dortmund gegeben hatten. Das war der Startschuss der nicht enden wollenden Hysterie. Er sah sich und seine Geschwister. Ja da hatte es ihm eigentlich noch Spaß gemacht. Der Ruhm, die Beliebtheit, das Geld und alles was das Star sein so schönes mit sich brachte.

Sie gingen wieder ein Stück weiter. Patrick kam es so vor als würde er schon eine Ewigkeit gehen. Doch da erschien auch schon das nächste Bild. Es war ein Bild das ihn selbst etwas schockte. Er sah sich im Jahr 1996 als er ein weiteres Tief in seinem Leben hatte. Er wusste das er in diesem Jahr wirklich knapp am Ende war und er fragte sich ob er da wohl auch schon seinen Schutzengel hatte so wie jetzt.
Dann kam ihn der Gedanke warum er eigentlich genau jetzt einen Schutzengel hatte, es ging ihn doch nicht schlechter als sonst. Doch er hatte nicht viel Zeit darüber nach zu denken, da er schon wieder weiter gehen musste.

Und da war auch schon das nächste Bild. Er sah seine damalige Freundin und sich als sie gemeinsam lachten und herum alberten und den Tag an dem sie sich trennten. Es war sehr schwer für ihn gewesen, doch er überstand es.
Der Engel musste Patrick nun schon stützen da er so erschöpft war, doch sie waren schon fast an dem Stein angelangt an dem die Zeitreise in die Vergangenheit angefangen hatte. Doch bevor sich Patrick wieder auf den Stein setzte, erschien noch ein Bild.

Das Bild das er hier sah war von gestern. Er sah sich auf dem Konzert das er vor ein paar Stunden gegeben hatte. Er erkannt erst jetzt das er schon bei dem Konzert kurz vor einem Zusammenbruch war.
Nun setzte sich Patrick wieder auf den Stein und fragte: "Ich habe nun meine Vergangenheit gesehen, aber die kannte ich schon zuvor, also was sollte das gewesen sein?" Die goldblonden langen Locken der jungen Frau wehten im Wind und sie sagte lächelnd uns sanft: "Das war deine Vergangenheit und du siehst was dir schon alles in deinem Leben wieder fahren ist, doch jetzt denk nicht mehr an die Vergangenheit, denn diese wird dich noch oft genug von alleine einholen. Denke an die Zukunft und an die Sachen die dir vielleicht noch passieren werden. Sei ein Kämpfer und kämpfe für die Zukunft die du haben willst und nicht für die Zukunft die von dir erwartet wird. Vergiss nie deine Träume."
Patricks Augen wurden schwerer und schwerer. Er hielt die Hand des Engeln fest in der seinen.

Patrick hörte Stimmen. Ein Gewirr von Stimmen um dich herum. Langsam öffnete er die Augen und sah seine Schwester Patricia neben sich stehen und seine Hand haltend. Was wollte Patricia denn hier? Er sah sich noch etwas benommen im Raum um. Er sah nur weiße Wände und ein weißes Bett? Er hatte keine Ahnung wo er war und fragte mit schwacher Stimme: "Was war denn los, wo bin ich?" Patricia standen Tränen in den Augen: "Du bist im Krankenhaus. Ach Patrick was machst du nur für Sachen. Du hast zu viel von deinen Tabletten genommen und dann bist du auch noch am Bach ohnmächtig geworden und ...und..." Patricia wollte weiter sprechen doch sie schaffte es nicht. Und als sie sich wieder etwas mehr unter Kontrolle hatte, wollte sie weiter sprechen doch dann musste sie das Zimmer verlassen da eine Krankenschwester nach dem Rechten sehen musste.

Patrick sah aus dem Fenster konnte jedoch nur einen grauen Himmel entdecken und sagte zu der Krankenschwester: "Wissen sie ich hatte einen merkwürdigen Traum, doch er schien mir so reell. Er half mir wirklich sehr, ich weiß jetzt was ich will, nämlich nie wieder nur mit Tabletten glücklich sein zu können." Er hielt kurz inne und fragte weiter: "Glauben sie eigentlich an Engel?"
Dabei drehte er sich zu ihr und seine Augen wurden immer größer. Die Krankenschwester war sein Schutzengel. Sie gab ihn keine Antwort auf diese Frage, sondern schenkte ihm nur ein nettes Lächeln und verschwand....


© Sandra (Oh Sandra, die Geschichte ist so schööööön!)


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Last update: 15/08/2000

(Online since: 15/08/2000)

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