Hinaus, nur hinaus! Seine einzigen Gedanken an
diesem Tag galten nur der Welt außerhalb der hohen Mauern, die ihn vor den
neugierigen Blicken schützen sollten. Er wünschte sich nichts sehnlicher,
als hinaus zu kommen. Draußen, das war für ihn Freiheit, aber draußen- und
das wusste er- lauerte auch die Gefahr. Er kam sich vor, wie ein
Gefangener, ein Irrer, der keinen Schritt ohne Bewachung tun konnte.
Entweder seine Bodyguards waren um ihn, oder die durchdringenden und
fordernden Blicke der Verrückten brannten auf seiner Haut. Vieles konnte
man ihm vorwerfen, aber einen Verfolgungswahn nicht. Es war so... immer
Menschen um ihr herum, die ihn beobachteten, die ihn anstarrten, die mit
gierigen Händen nach ihm griffen. So lange er denken konnte hatten ihn
Menschen angesehen. Zuerst nur ein paar, doch mit den Jahren wurde es
immer mehr und jetzt regierten sie sein Leben. Diese Menschen waren die
Macht, die ihm den Platz zum Leben nahm.
Immer eingesperrter fühlte er
sich Stunde für Stunde, die er hinter den dicken Schlossmauern verbrachte
und immer mehr wünschte er sich hinaus. Mittlerweile war es ihm egal
geworden, wie menschenunwürdig die Arten waren, mit denen er sich an ihnen
vorbeischmuggelte. Der Kofferraum des Autos war ihm zum Freund geworden,
die Mülltonnen, die aus dem Schloss gebracht wurden, vertraute Umgebung.
Um seinen Wunsch nach Freiheit ansatzweise befriedigen zu können würde er
sogar morden. Gut, dass vielleicht nicht, aber er würde sehr weit gehen.
Was hatte er auch schon zu verlieren?! Das letzte Restchen Selbstachtung
und Würde? Auf das kam es ihm nun auch nicht mehr an. Was er wollte war
einfach nur wieder das Gefühl von Freiheit spüren. Er hatte probiert, sich
mit Alkohol eine eigene Welt zu schaffen, doch das brachte ihm außer
mehreren mordsmäßigen Katern und der Gewissheit, dass man sich nicht
glücklich trinken kann, nicht viel. Später probierte er auch mit Drogen in
eine andere Welt abzutauchen, doch auch das war nie mehr als ein
schlechter Abklatsch des Gefühls, dass er so vermisste. Und so flüchtete
er sich immer mehr in die Musik.
Schon immer war es die Musik, die
sein Leben bestimmte. Sie war es, die ihn glücklich machte und sie war es
auch, die ihn zu dem gemacht hatte, was er nun war. In der Musik konnte er
sich neue Welten erschaffen. Die Musik machte ihn frei. In der Musik lebte
er seine Träume aus, verarbeitete seinen Alltag und ließ sich einfach
treiben. Wie viel könnten sie über ihn wissen, wenn sie sich einmal die
Zeit nähmen, sich hinsetzen und einmal genau hinhören würden? Man kann
nicht nur zwischen den Zeilen lesen, man kann auch dazwischen hören. Er
gab so viel preis von sich, aber trotzdem gab es kaum jemanden unter
ihnen, der ihn verstand. Wie auch? Wie kann man auch auf die eigentliche
Bedeutung des Textes kommen, wenn man das ganze Lied über seinen Namen
schreit und auch noch glaubt, ihm einen Gefallen damit zu tun? Es machte
ihn furchtbar traurig, dass sie sich nicht die Mühe machten, ihn verstehen
zu wollen, aber andererseits war er auch sehr froh darüber. Wenn sie die
Texte verstehen würden, dann wüssten sie so viel über ihn, was er nicht
einmal seinen engsten Freunden anvertrauen konnte. Wahrscheinlich war es
besser so. Schon oft hatte er sich gefragt, ob er Songs schreiben könnte,
in denen er keine Erfahrungen wiederspiegelte. Das wären doch dann nicht
SEINE Songs mehr, oder? Da könnte er die Texte gleich von einem fremden
Songwriter verfassen lassen. Aber das war nicht er! Und was würde
passieren, wenn er einmal alles einfach so aufschreiben würde, wie er es
sich dachte und nicht erst lange versuchen würde, das ganze in einen
„harmlosen“ Rahmen zu pressen. Würden sie vielleicht vor Schreck umfallen?
Oder würden sie beginnen nach zu denken? Oder würden sie sich einreden,
dass das alles nicht so sei, wie beschrieben und würden immer weiter gehen
in ihrer endlosen Gier nach ihm? Er wusste es nicht und er würde es wohl
auch nie erfahren.
In letzter Zeit hatte er ein anderes Mittel
gefunden, um frei zu sein- die Religion. So wie die Musik machte sie ihn
nicht körperlich, sondern seelisch frei. Er hatte begonnen, zu beten, er
las die Bibel und suchte sich seine eigene Wahrheit heraus. Die ganze
Religion brachte ihn viel näher zu seiner Mutter, zu seinen Ängsten und zu
sich. Er konnte sich wieder mit sich selber beschäftigen, ohne gleich in
tiefe Depressionen zu fallen. Aber trotzdem- frei war er
nicht.
Irgendeine Kraft zog ihn an diesem Tag wie verrückt hinaus. Aber
nicht nur hinaus vor das Tor, nein, viel weiter. Begonnen hatte alles, als
er aufwachte und sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder an seinen
Traum erinnern konnte. Er hatte von Irland, seiner Heimat, geträumt. Die
Bilder gingen ihm während dem ganzen Vormittag nicht mehr aus dem Kopf. Er
sehnte sich so nach dem Land seiner Träume, dem Land der grenzenlosen
Freiheit. Die Fotos in seiner Hand vermochten seine Sehnsucht auch nicht
zu stillen und ehe er sich versah stand er am Telefon und buchte einen
Flug nach Dublin. Sobald er aufgelegt hatte und sich ans Packen machte,
überkamen ihn Zweifel. Konnte er seine Geschwister einfach so im Stich
lassen? Am nächsten Tag war wieder Konzert- oder Fleischbeschau, wie er es
insgeheim nannte. Nein, jetzt hatte er das Ticket zur Freiheit in der
Tasche, das würde er sich nicht nehmen lassen. Hastig stopfte er seine
sieben Sachen (natürlich war das Bild seiner Mutter auch dabei) in seine
Tasche, schulterte seine geliebte blaue Gitarre und verließ sein Zimmer.
Der Weg zum Flughafen verlief ohne Zwischenfälle und schon wenige
Stunden nach seinem Anruf schwebte er hoch über den Wolken der grünen
Insel entgegen. Ein banges Gefühl machte sich Minute um Minute in ihm
breit. Noch nie war er alleine verreist. Einer seiner Brüder und
Schwestern war bis jetzt immer an seiner Seite gewesen. Oft hatte er sie
im Stillen verwunschen, doch heute fehlte ihm die Sicherheit, die ihm ihre
Anwesenheit gab. Auch wenn er ein viel umjubelter Star war, war er ein
unsicherer junger Mann. Er gab es nicht gerne zu, doch in dieser Phase
seines Lebens war es ihm egal, was die Leute von ihm dachten. Sie hatten
sowieso eine vorgefasste Meinung und ließen sich durch nichts
beirren.
Nach seiner Landung in Dublin verließ er eilig den Flughafen,
mietete sich ein Auto und fuhr einfach drauf los. Es war ihm nicht
wichtig, wohin er fuhr, es war ihm nicht wichtig, wo er ankam. Es zählte
nur zu sehen, wie die Landschaft an ihm vorbeizog, das Wissen selber
bestimmen zu können, wann und wo seine Reise enden sollte.
Auf einer
kleinen Anhöhe sah er eine kleine Kirche aus Stein. Eigentlich mehr ein
Kapelle, doch sie zog ihn wie magisch an. Er konnte nicht anders. Ohne zu
Überlegen stellte er sein Auto am Rand der Landstraße ab, schnappte sich
automatisch seine Gitarre und ging die wenigen Meter, die ihn vor der
alten, schweren Holztür trennten über die saftige grüne Wiese.
Als er
das Tor aufstieß lag vor ihm ein Anblick, wie er ihn noch nie gesehen
hatte. In der Kirche lag ein helles, warmes Licht, die Sonne brach sich in
den bunten Glasfenstern und legte sich in bunten Farbtupfern auf den Boden
und die drei Reihen Holzbänke. Über dem steinernen Altar hing ein Kreuz,
dass von einem kreisrunden Fenster umrandet war. Durch dieses Fenster
konnte er den blauen Himmel sehen, der von gelegentlichen Wolken
durchzogen wurde. Der junge Mann nahm den Anblick in sich auf. Er stand
noch immer bewegungslos in der Tür, denn er hatte Angst, die Magie, die in
der Luft lag zu zerstören, wenn er auch nur einen Fuß in die Kirche
setzte. So stand er lange regungslos da und plötzlich hatte er eine
Melodie im Kopf. Diese Melodie ließ ihn nicht los und so trat er doch noch
in die Kapelle, setzte sich auf eine Bank und begann auf seiner Gitarre zu
spielen. Die Töne schienen ihm aus der Seele zu kommen und ohne darüber
nachzudenken sang er auch schon einen Text dazu.
In der schönen,
sonnigen Kirche rechnete er mit seinem alten Leben ab und dankte der
heiligen Maria, dass sie ihn hier her geführt hatte und ihm eine neue
Perspektive des Lebens eröffnete. Nichts sollte mehr so sein, wie
früher....
...THERE IS HOPE!
© Rose 20.1.2001
dedicated with all my power, care and love to Michael Patrick