Break free

by Nicole   nicole@avon-net.de

 

Es ist ein kalter Novembertag. Graue Nebelschwaden hängen über der Stadt. Eine Atmosphäre, die fast jeden Menschen melancholisch stimmt. Paddy ist unterwegs zum Studio. Seine beiden Bodyguards begleiten ihn und passen auf, dass ihm niemand zu nahe kommt. Doch die Leute, die auf der Straße an ihnen vorübergehen, beachten den Jungen nicht einmal.
Heute soll der Soundcheck für die neue Single gemacht werden. Paddy atmet tief durch. Kalte Luft strömt in seine Lunge. Normalerweise hätte er, wie seine Geschwister, mit dem Taxi zum Studio fahren sollen. Aber an diesem Morgen wollte er unbedingt laufen. Das letzte Wochenende war wieder einmal anstrengend gewesen - wie auch schon die Wochenenden davor. Zwei Konzerte in ausverkauften Hallen, zwischendurch noch schnell ein Interview und eine Fotosession für eine Zeitschrift; am Nachmittag Proben, am Abend ein Konzert. Völlig ausgepowert ist er nach diesem Wochenende ins Bett gefallen. Nicht eine einzige kleine Minute, die er für sich gehabt hätte. Und jetzt der dumme Soundcheck im Studio. Paddy hat nicht die geringste Lust dazu. In letzter Zeit nervt ihm das alles nur noch an. Doch darauf nehmen seine Geschwister keine Rücksicht. Auch sie haben längst nicht mehr die Motivationen, wie zu Beginn ihrer allzu steilen Karriere. Immer häufiger kam es in der letzten Zeit zu Streitigkeiten und Reibereien. Doch für Unstimmigkeiten ist keine Zeit. Also werden sie einfach unterdrückt. Schließlich muss ja das Image gewahrt werden; die ewig strahlende Kelly Family! Eine Familie deren Welt noch in Ordnung ist. Das erwarten die Fans, die so zahlreich zu ihren Konzerten kommen. Und die Fans dürfen schließlich nicht enttäuscht werden.

Lustlos stampft Paddy weiter durch die Stadt. Zwei Teenager, die ihn erkannt haben, stürzen auf ihn zu und bitten um ein Autogramm. Gerne hätte Paddy den Mädchen diesen Wunsch erfüllt, doch seine Bodyguards drängen sie einfach weg. "Das geht jetzt nicht", brummt der eine. "Macht das ihr weiter kommt!" Ein wenig traurig sieht Paddy den Mädchen nach. In der Fußgängerzone steht ein junger Mann am Straßenrand, der auf einer alten Gitarre spielt und fröhliche Lieder dazu singt. Ein paar begeisterte Zuhörer stehen um ihn herum und klatschen im Takt. Obwohl es sehr kalt ist, das Gesicht und die Finger des Mannes schon rot gefroren sind, macht es ihm sichtlich Spaß, dort zu stehen und zu singen. Paddy bleibt stehen. Er bemerkt ein kleines Mädchen, das vergnügt auf der Straße zu der Musik des Mannes tanzt. Die Augen des Kindes strahlen vor Glück. Irgendwie verspürt Paddy den Drang, zu dem Kind zu gehen und einfach mit ihm zu tanzen. Doch seine Bodyguards ziehen ihn energisch weiter. "Komm schon, Paddy! Die anderen warten auf dich. " raunt einer ungehalten und zerrt den Jungen einfach weiter. Nur zu gerne wäre Paddy noch eine Weile bei den Straßenmusikanten stehengeblieben, um einfach nur der Musik zu lauschen. Aber auf ihn wartet ja bereits ein stickiges Tonstudio, in dessen vier Wänden er gut abgeschirmt von der Außenwelt den heutigen Tag verbringen muss.

In der Woche darauf hockt Paddy eines Abends nach einem anstrengenden Konzert mit seinen Geschwistern Jimmy, Joey und Patricia in einer Hotelbar. Es ist schon sehr spät, und die meisten Gäste sind bereits auf ihre Zimmer gegangen. Jimmy und Patricia drehen noch ausgelassen ein paar Runden über die Tanzfläche, während Joey mit einem der Bodyguards, die wie immer dabei sind, heftig diskutiert. Paddy dreht gedankenversunken ein Glas Cola zwischen den Fingern. Fast schwermütig blickt er auf das Getränk, das vor ihm im Glas bei jeder seiner Bewegungen hin und her schwappt. Unwillkürlich muss er an den Straßenmusiker denken, den er letzte Woche wenn auch nur für wenige Augenblicke, in der Stadt gesehen hat. Und auch das kleine Mädchen, das so ausgelassen dazu getanzt hat, kommt ihm wieder in den Sinn.
Plötzlich laufen Bilder von früher wie ein alter Schwarzweiß-Film durch seine Gedanken. Er erinnert sich an die Zeit, als sie selbst noch als einfache Straßenmusikanten von Stadt zu Stadt getingelt sind. Als sie im Sommer wie im Winter auf Marktplätzen für eine handvoll Leute gespielt haben, einfach nur, um ihnen mit ihrer Musik eine Freude zu bereiten. Damals haben auch Kinder zu ihren Liedern auf der Straße getanzt. Damals, als es noch keine stürmischen Fans und keine Bodyguards gab, als sich noch unbekannt waren und für ein paar Münzen von Passanten gesungen haben. Da waren sie noch glücklich und frei.

Wehmütig denkt Paddy an die Zeit zurück. Wann konnte er das letzte mal ganz alleine irgendwo hingehen? Es musste eine Ewigkeit her sein...
Paddy dreht sich auf seinem Stuhl um und wirft einen verächtlichen Blick auf die beiden Bodyguards, die an der Tür stehen und jede seiner Bewegungen genau verfolgen, so wie sie es schon seit Jahren machen. Wie schwere Ketten an einem Verbrecher, der in einem dunklen Verließ so hängen sie an ihm, und es ist unmöglich, sich von ihnen zu lösen. Ganz egal, was auch immer er in den letzen Jahren gemacht hat, diese beiden waren immer dabei. Paddy seufzt und starrt wieder auf seine Cola. Die letzten Jahren waren doch eigentlich fantastisch gewesen. Überall ausverkaufte Hallen, Konzerte in allen Ländern der Welt - auch wenn er davon kaum mehr als die Konzerthalle oder das Stadion zusehen bekommen hatte - eine Auszeichnung nach der anderen, ständig umjubelt und gefeiert., der Superstar schlechthin - und das mit gerade mal 19 Jahren. Welcher gleichaltrige würde nicht mit ihm tauschen wollen? Doch Paddy ist traurig. Er würde nur zu gerne tauschen. All den Ruhm, den Glanz und das ganze Geld gegen ein normales Leben und ein kleines bißchen Freiheit.

Da packt Joey seinen Bruder am Arm: "Komm, Paddy. Es ist schon spät. Zeit, nach oben zu gehen", fordert er den Jungen auf. "Ich will noch nicht," mault Paddy. Er hat nicht die geringste Lust dazu, in das kalte, leere Hotelzimmer hinaufzugehen, wo er sich nur noch einsamer fühlt. Joey läßt ihn los. "Du weißt, dass wir morgen einen harten Tag vor uns haben. Erst den Fototermin, dann die Pressekonferenz wegen der neuen Platte und dann ab ins Flugzeug nach Berlin zum Benefizkonzert", erinnert er den jüngeren. Paddy verdreht die Augen. "Und, und, und..." ahmt er Joey nach. Er blickt auf die Tanzfläche hinüber. Jimmy und Patricia sind bereits gegangen. An den Gesichtern der genervten Bodyguards erkennt er, dass es wenig Zweck hat, sich Joey weiter zu widersetzen. Also folgt er ihm widerwillig nach oben.

Paddy wirft einen Blick auf seine Uhr. Halb vier! Im Hotel herrscht Totenstille. Unruhig wälzt der Junge sich in seinem Bett hin und her. Er kann einfach nicht einschlafen. Zu viele Gedanken gehen ihm durch den Kopf. Langsam steht er auf, geht ans Fenster und schaut hinaus. Die grellen Lichter der Großstadt liegen wie ein funkelndes Meer vor ihm. Das Meer! Paddy erinnert sich, wie sie früher im Sommer immer Konzerte an der See gegeben hatten. Tagsüber schwimmen im Meer und im Strand in der Sonne liegen und abends dann fast ganz nebenbei ein Konzert. Das war wie Urlaub, Ferien, ein Sommer voller Abenteuer, den jeder Junge in seinem Alter wohl genossen hätte. Im letzen Sommer hatten sie zwar auch Konzerte an der See gegeben, allerdings fanden die nicht am Strand, sondern in gut abgesicherten Stadien statt. Und anstatt mit seinen Geschwistern im Sand zwischen den Touristen umherzutollen, war ihm ein einziger Nachmittag mit seinen Bodyguards an einem kleinen, abgelegenen Strandstück vergönnt gewesen. Den Rest des Sommers verbrachte er in irgendwelchen Tonstudios, Pressesitzungen, Konzerthallen oder Hotels.
Paddy reißt seinen Blick vom Fenster los. Er greift nach einem Hemd und einer Hose und will sich aus dem Zimmer schleichen. Vor der Tür fängt ihm jedoch sein "Leibgorilla" ab. "Was hast du denn vor?" knurrt er verächtlich und schiebt Paddy einfach ins Zimmer zurück, ..Laß den Quatsch und geh lieber schlafen, Junge!" Die Tür fällt ins Schloß. Paddy ist allein. Noch nie in seinem Leben hat er sich so einsam und leer gefühlt wie in diesem Augenblick. Tränen steigen in ihm auf. Und mit einem Mal faßt er einen bitteren Entschluß. Aus seiner Tasche kramt er ein Blatt Papier und einen Stift hervor. Mit zitternder Hand schreibt er etwas auf, während die Tränen ihm lautlos über das Gesicht laufen. Einige tropfen auf das Blatt und verwischen die Schrift darauf. Das scheint ihn jedoch nicht weiter zu stören. Mit dem Handrücken wischt Paddy sich die letzten Tränen aus den Augen. Er streicht noch einmal über das Blatt Papier, dann öffnet er leise das Fenster und steigt vorsichtig hinaus. Behutsam tastet sich Paddy am Fenstersims entlang bis hin zur Feuerleiter, über die er hebend hinunter klettert und dann lautlos im Dunkel der Nacht verschwindet. Ziellos irrt er durch die menschenleeren Straßen der Stadt. Nach einer Weile bleibt er stehen und blickt sich nach allen Seiten um. Es ist niemand da. Kein Bodyguard weit und breit. Paddy ist frei! So ganz kann er es immer noch nicht glauben. Auch als er auf dem Bahnhof steht und eine Fahrkarte nach Hamburg löst, kommt ihm alles noch wie ein Traum vor. Monoton rattern die Räder de Eilzuges vor sich hin. Paddy sitzt, den Kopf an die Fensterscheibe gelehnt, allein in einem Abteil und blickt traurig hinaus. In seinem Kopf herrscht völliges Chaos. Er versucht seine Gedanken zu ordnen, aber es will ihm einfach nicht gelingen. Irgendwann verschwimmt die Welt vor seinen Augen , und er schläft erschöpft ein.

Am nächsten morgen, als Paddy nicht wie gewohnt zum Frühstück erscheint, denken sich seine Geschwister erst mal nicht viel dabei. Es ist ja schon öfter vorgekommen, dass einer von ihnen das Frühstück einfach verschlafen hat. Irgendwann jedoch blickt Kathy ungeduldig auf die Uhr und schickt Angelo los, um Paddy aus seinem Zimmer herunter zu holen. Doch als er ins Zimmer kommt, ist dieses leer. Verwundert sieht sich der Junge um. "Paddy?", ruft er fragend. Aber er bekommt keine Antwort. Von seinem Bruder fehlt jede Spur. Schulterzuckend kehrt Angelo zu seinen Geschwistern zurück. "Paddy ist nicht da", bemerkt er beinahe beiläufig, als er sich wieder an den Tisch setzt. Kathy springt von ihrem Platz auf. "Was soll das heißen, er ist nicht da?" schnaubt sie, wütend darüber, dass die durch Paddys Fernbleiben kostbare Zeit verlieren. Und ohne eine Antwort von Angelo abzuwarten, macht sie sich selbst auf den Weg in Paddys Zimmer. Als sie dort den zerknitterten Zettel auf dem Tisch verfindet, sitzt Paddy längst in einem Flugzeug auf dem Weg in die Freiheit. Kathy nimmt den Zettel und beginnt zu lesen. Die Schrift ist undeutlich, verwackelt und an einigen Stellen von Tränen verwischt. Das, was sie liest, erschüttert sie zutiefst. Fassungslos geht Kathy zu den anderen in die Frühstückshalle zurück. Leichenblaß ist sie, als sie stammelnd zugibt. "Paddy ist nicht mehr da! Das hier habe ich in seinem Zimmer gefunden." Mit zittrigen Händen hält sie ihren Geschwistern den Zettel hin. John nimmt ihn ihr ab und beginnt laut zu lesen:
"Liebe Geschwister! Wenn ihr das lest, bin ich bereits weit weg. Bitte sucht nicht nach mir. Versucht mich lieber zu verstehen. In den letzten Tagen ist es mir so richtig bewußt geworden. Jeder Vogel, der in einen Käfig eingesperrt ist, geht irgendwann jämmerlich ein, weil er seiner Freiheit beraubt wurde - selbst dann, wenn der Käfig aus purem Gold ist. Ich will das nicht! Ich will nicht mehr im goldenen Käfig leben. Ich will frei sein! Frei wie der Adler, der unbeschwert der hellen Morgen sonne entgegenfliegt und den Wind in seinen Flügeln genießt. Es tut mir leid, wenn ich euch jetzt enttäuscht habe. Mit Sicherheit werde ich euch ganz schrecklich vermissen, aber es ging nicht anders. Bitte, verzeiht mir! Tief in meinem Herzen werde ich immer bei euch sein. In Liebe, Paddy!"
Bestürzte Gesichter sehen auf John, in dessen Augen Tränen stehen. Wie konnte Paddy das nur tun? Wie sollte es jetzt weitergehen?

Irgendwo in einer kleinen Stadt eines fremden Landes steht ein Junge mit seiner Gitarre am Straßenrand und singt. Um ihn herum tanzen fröhlich ein paar Kinder. Der Junge lächelt glücklich, und sein Glück scheint sich im Strahlen der Kinderaugen wiederzuspiegeln......


Nicole Kopper aus Halverde

Diese Geschichte ist für alle Fans gedacht, und es wäre schön, sich mal darüber Gedanken zu machen!


© Nicole (Echt toll!)


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Last update: 03/04/2001

(Online since: 03/04/2001)

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