"Happyyyyyy Birthday to yooouuuu, happyyyyyy Birthday to yooouuuuu, happyyyyy Birthday dear Angeloooooooo, happyyyyy Birthday to yoooouuuuu!!!!!" 20000 Fans sangen im Chor und kreischten dann gleich begeistert. Angelo lächelte leicht hinter seinen Drums. Eigentlich war es ja süss, wie sich die Fans bei einem einfachen wie Happy Birthday die Seele aus dem Leib schrien. Nur verstanden die meisten nicht, dass er seinen Geburtstag lieber nicht in einer einer fremden Stadt und bei einem Konzert gefeiert hätte, sondern irgendwo im kleinen Kreis. Aber das war halt der Preis, den man bezahlen musste, wenn man berühmt war.
Das Konzert ging wie üblich mit "I can’t help myself" zu Ende. Die Mädchen kreischten und brüllte, was das Zeug hielt. Die Tränen flossen ihnen über die Wangen und immer wieder schrien sie "Pääääääddyyyy" oder "Angeloooooo". Wie ertrinkende streckten sie ihre Hände hoch und Angelo kam sich vor wie ein Rettungsboot, indem er noch mehr Leute hätte aufnehmen müssen. Das Lied war zu Ende und somit auch das Konzert. Aus den Mündern von tausenden von Fans kamen die hysterischten Schreie. Patrick winkte noch einmal ins Publikum, bevor die beiden Brüder die Bühne entgültig verliessen. Die Fans schreien noch minutelang weiter und es kam Angelo vor, als würden sie immer nur nach Patrick und ihm kreischen.
Erschöpft sank Angelo in einen Sessel und schloss müde die Augen. Bis zum Konzert hatte niemand Angelo auf seinen Geburtstag angesprochen. Es war ein Tag wie jeder andere. Erst beim Konzert hatte Patrick, die schon fast obligatorische Ansagung gemacht, dass sein kleiner Bruder ja Geburtstag habe. Patrick stupste ihn an: "Hey du Geburtstagskind! Nicht schlafen, wir fahren gleich." Angelo öffnete seine Augen und lächelte müde.
Mit steifen Beinen lief er mit seinen Geschwistern zum Backstage-Ausgang. Dort hatten sich wieder eine Traube von Fans versammelt, die losschrien, sobald sie die Kellys entdeckt hatten. "Angeeeelooooo!!! Ich liebe dich!" "Hey Angelo! Ich bin die Sarah!" "Angelo, alles Gute zum Geburtstag!!!" "Angeeeeeeeloooo wir lieben dich!!!!!!" Genervt schloss Angelo die Augen, liess die vielen Blitzlichter über sich ergehen und wünschte sich weit.
Im Bus legte er sich in seine Schlafkoje, doch er konnte nicht schlafen. War das ein Leben? Ständig von Fans umlagert, immer im Stress, von einer Stadt zur anderen? Ihm steigen die Tränen in die Augen. Er wollte ein eigenes Leben und es nicht mit Fans teilen. Er wollte endlich von diesem Stress befreit sein. "Hey Lino! Steh‘ auf!" Patricia hatte den Vorhang zu seiner Koje geöffnet und sah ihn an. Angelo rappelte sich auf und fragte etwas mürrisch: "Was is‘ denn?" Patricia nahm ihn an der Hand und führte ihn zur Sitzgruppe.
Auf dem Tisch stand ein Kuchen mit Kerzen und rundherum sassen seine Geschwister. Patrick und John hielten eine Gitarre in den Händen und stimmten leise ein "Happy Birthday" an. Angelo grinste. Seine Geschwister waren doch einfach der Hammer! Zusammen assen sie Kuchen, machten Musik und waren für einmal wieder die Familie, die sie schon seit langem nicht mehr gewesen war.
Gegen zwei Uhr nachts kamen sie dann bei Gymnich an. Todmüde sank Angelo ins Bett und fiel in einen traumlosen Schlaf. Als er am Morgen erwachte und aus dem Fenster blickte, sah er, dass es schneite. Dicke Flocken tanzten vom Himmel und blieben am Boden liegen. "Heute ist ja Weihnachten." dachte Angelo. Wenigstens hatten sie heute kein Konzert.
Als er sich unter die Dusche stellte, roch er den Duft nach dem Weihnachtsessen, das Maite und Kathy jedes Jahr zu bereiteten. Den ganzen Tag waren seine Geschwister eifrig am arbeiten und er half mal hier und mal dort. Einmal setzte er sich hinter seine Drums, wurde dann aber von Barby unterbrochen, die meinte: "Heute ist Weihnachten. Kannst du es nicht für einmal lassen?"
Es wurde Abend und die Kellys assen miteinander das Weihnachtsessen und setzen sich danach in das Wohnzimmer, wo ein Baum und die Geschenke warteten. Wie jedes Jahr wurde gerätselt, was in den einzelnen Packeten stecke und die Stimmung war fröhlich. Angelo erinnerte sich an die alten Zeiten, da hatten sie Weihnachten meistens singend auf den Strassen gefeiert.
Und da kam Angelo plötzlich ein Gedanke: "Was haltet ihr davon, wenn wir auf die Strassen gehen und musizieren wie früher?" Seine Geschwister blickten ihn erstaunt an. Nach der kurzen Stille folgte eine heftige Diskussion "Aber das geht doch nicht, wegen den Fans!" "Ich find’s `ne klasse Idee, bloss wo?" "Nee, das geht doch nicht." "Hey cool, ich bin dabei!" Schliesslich verstummten sie und blickten Angelo fragend an. "Ich dachte, wir könnten in die Kölner Metro-Station und dort mal `ne Runde spielen."
Nach einigem hin und her entschied sich die ganze Familie es zu wagen. In einem kleinen Bus fuhren sie nach Köln und von dort aus direkt in die Metro. Und da spielten und sangen sie für die, die kein Zuhause hatten, denen niemand Liebe schenkte. Es war nicht mehr die Musikgruppe Kelly Family, die da sang. Es war eine Familie, die trotz harten Jahren auf der Strasse nie den Mut verloren hatten und andere mit ihrer Musik glücklich machen wollte. Das Publikum kreischte nicht nach Patrick oder Angelo, sondern wärmte sich durch die wundeschönen Lieder auf. Kein Blitzlicht zuckte und die Familie und das Publikum waren sich so nah wie sonst nie.
Einen kurzen Augenblick kam Angelo das letzte Konzert in den Sinn. Nichts hatte es mit diesem Konzert zu tun. Er sah das Strahlen eines Penners und er hatte nichts mit den Fans gemeinsam, die wie ertrinkende nach ihm und seinem Bruder schrien. Er sah die tanzenden Prostituierten und sie hatten nichts mit der drängenden Fanmasse gemeinsam, vom letzten Konzert. Und tief innen fühlte Angelo, dass es das war, wonach er sich gesehnt hatte. Und nun wusste er, sie konnten noch Menschen glücklich machen. Sie berührten Menschen im Herzen und er wusste auch, dass dies immer so bleiben würde. Kein Mensch konnte ihnen die Liebe zur Musik nehmen und auch keiner konnte ihnen das Gefühl stehlen, andere im richtigen Augenblick glücklich zu machen.
Von da an lächelte Angelo oft an den Konzerten, aber nicht, weil er sich über die Fanmassen freute, sondern weil er wusste, dass irgendwo im Publikum ein Mensch nun sehr glücklich war. Und ausserdem, sagte sich Angelo immer, können wir ja immer wieder auf die Strasse zurück und Menschen glücklich machen. Denn diese Gabe konnte ihnen niemand wegnehmen, im Gegensatz zum Privatleben.