Es war Freitag, der 24. Dezember. Die Läden hatten bis 16.00 Uhr geöffnet und es schien, als wollte jeder dieser Stadt in letzter Sekunde einkaufen gehen. Vom Himmel her vielen ein paar Flocken Schnee, aber das war, abgesehen vom vielen Weihnachtsschmuck, das einzige was an Winter und Weihnachten erinnerte. Die Menschen wirkten hektisch und gestresst und in den Läden musste man lange anstehen, was bei der Ladentemperatur nicht gerade angenehm war.
Auch ich war in der Stadt, um die letzten Besorgungen zu machen. Jedenfalls sagte ich mir das. Ich glaube, es war mehr die Einsamkeit in meiner kleinen Wohnung und die Hoffnung, weihnächtliche Stimmung in der Stadt zu finden, die mich hierhin getrieben hatte. Ich wohnte erst seit kurzem hier und fühlte mich noch nicht richtig heimisch.
Die Leute um mich herum rempelten mich an. Keiner lächelte oder zeigte sonst eine Spur von Freude. Ich fühlte mich einsamer als je zuvor. Am Strassenrand sass ein Bettler, doch keiner gab ihm etwas. Ich lächelte ihn kurz an und er lächelte zurück. Da merkte ich, was ein Lächeln auslösen kann und wie sehr ich das Lächeln anderer Leute vermisste.
Ich lief weiter und kam zu einem grossen Platz. Im Sommer hatten hier die Restaurants ihre Tische aufgestellt, doch im Winter wirkte der Platz viel zu gross und leer. Mein Blick schweifte über den Platz und blieb bei einer Gestalt hängen. Ich weiss nicht warum, aber ich lief zu ihr hin. Es war ein junger Mann mit einer Gitarre. Kein Mensch blieb stehen, um zu hören, was er sang. Aber ich stellte mich hin und hörte zu. Es war eine wunderschöne Musik und vermischt mir dem Gesang des jungen Mannes war es noch viel besser. Es war ein trauriges Lied und ich glaube, es handelte vom Leben, den Menschen und einem Lächeln. Ich hörte soviel aus dem Text heraus, dass zu mir passte und vieles was er sang, hätte von mir sein können. Das Lied war zu Ende und ich blickte den jungen Mann an. Er hatte lange braune Haare und wunderschöne, dunkelblaue Augen. Er trug eine abgetragene Lederjacke und braune Hosen. Um seinen Hals hatte er einen dicken Schal gewickelt.
Er lächelte mich an, bevor er das nächste Lied anstimmte. Es war das Lächeln, nach dem ich die ganze Zeit gesucht hatte. Er hatte dieses Lächeln allein mir geschenkt, für einen kurzen Augenblick hatte sich jemand in der hektischen Weihnachtszeit Zeit genommen, einem anderen Menschen ein Lächeln zu schenken.
Ich hörte zu und ich weiss nicht, wie lange ich dagestanden hatte. Nach jedem Lied lächelte mich der junge Mann an, doch in seinen dunkelblauen Augen spiegelte sich Traurigkeit und Einsamkeit. Etwas in seinen Augen deutete auf einen grossen Schmerz in ihm hin und ich fühlte, wir waren irgendwie gleich.
Bei manchen Liedern standen mir die Tränen in den Augen, so schön waren sie. Die Welt um mich existierte nicht mehr. Die Hektik und der Stress um mich waren nicht mehr da. Ich hörte nur diese wunderschönen Liedern und fragte mich, woher dieser Engel wohl kam. Es war klar für mich, dass dieser Mensch nicht immer da war, und dass er etwas ganz bsonderes war. Ein Engel vom Himmel, mit der Aufgabe, die Menschen glücklich zu machen. Und das hatte dieser Mann bei mir geschafft.
Auf einmal war es still und ich nahm die Welt wieder um mich war. Immer noch war ich die einzige, die zu hörte. Der junge Mann packte seine Gitarre ein und sagte: "Ich kann leider nichts mehr, aber ich hoffe, es hat Ihnen gefallen." Dabei lächelte er und wieder sah ich in seinen Augen einen verborgenen Schmerz. "Es war wunderschön!", flüsterte ich. "Dann hab‘ ich ja meine Aufgabe erfüllt.", sagte er. "Welche Aufgabe?", fragte ich, obwohl ich ahnte, was er sagen würde. "Einen Menschen glücklich zu machen." Ich schloss die Augen und in meinen Ohren war wieder die Musik. Als ich meine Augen wieder öffnete, stand der junge Mann immer noch vor mir. "Schöne Weihnachten", sagte er leise, bevor er sich umdrehte und langsam davon lief. Ich sah ihm hinterher, wollte ihn rufen, doch aus meinem Mund kam kein Ton. Ich merkte, dass man Engel nicht festhalten kann. Sie kommen und gehen, doch was sie im Herzen wecken, lässt einem nie mehr los.
Ich lief nach Hause und immer wieder klang die Musik in meinen Ohren. Doch in mir war keine Sehnsucht nach ihm, denn ich wusste, dass wir uns wiedersehen würden. Spätestens wenn er wieder die Aufgabe hat, Menschen glücklich zu machen.
Für alle, die Patrick als so "lieben" wie ich und verstehen, was ich damit sagen will.