Es war wieder einer dieser Tage, die er so liebte...
Schon als er gegen 7 Uhr aufgewacht war, wusste er, es würde mal wieder ein beschissener Tag werden. Eben so wie fast jeden Tag. Er stopfte sein Brötchen in sich hinein und schmiss sich sein Sportzeug über. Und dann war er auch schon unterwegs... Wohin? Das wusste er selbst noch nicht so genau. Er kam pustend am Tor des Schlosses an und da waren sie auch schon wieder... er schätze sie auf 30-40 Leute, die ihre Fotoapparate zückten und von ihm wie immer die Freundlichkeit in Person erwarteten. "Nein Leute, heute nicht. Tut mir leid, aber ich hab' was besseres zu tun". Er sprintete los und verschwand kurze Zeit darauf im Wald. Er wollte rennen, rennen bis zur Sonne, nein, bis zum Mond und noch viel weiter. Vor ihm trennte sich der Weg. Er war sich nicht sicher. Sollte er den linken oder den rechten Weg nehmen? Ohne weiter darüber nachzudenken, schlug er den rechten Weg ein. Ein bisschen mulmig war ihm ja schon, so ganz alleine durch den Wald zu rennen. Bis auf ein paar Rentner traf man hier selten jemanden. Nachdem er schon einige Kilometer gelaufen war, bemerkte er plötzlich ein merkwürdiges Geräusch. Er konnte es nicht einordnen, aber irgendwie kam es ihm bekannt vor. Und da sah er auch schon einen wildgewordenen Rappen an ihm vorbeipreschen. Gezäumt und gesattelt, allerdings ohne Reiter. Was nun? Ratlos blickte Paddy sich um. Weit und breit keine Spur von einem Reiter. Er war hin- und hergerissen zwischen Pferd einfangen und Reiter suchen. Schließlich schien es ihm aber wichtiger, sich auf die Suche nach dem Reiter zu machen, als dem durchgedrehten Gaul hinterher zu rennen.
Er rannte und rannte... langsam machte er sich ernsthaft Sorgen. Vielleicht war sie ja schwer gestürzt und konnte sich nicht bewegen!? Aber Moment, wer sagte ihm, dass es sich um eine Frau handelte? Er bog um die Ecke und sah eine hilflose Kreatur am Boden liegen. Sie lag zusammengekauert und leicht an einer alten Birke gelehnt auf dem feuchten Waldboden und wimmerte vor sich hin.
Es wurde langsam dunkelt und Paddy musste entsetzt feststellen, dass er die Orientierung schon vor einiger Zeit verloren hatte. Er trug die immer noch bewusstlose Frau nun schon seit einer Stunde und spürte seine Arme kaum noch. Was sollte er nur tun? Hinsetzen und darauf warten, dass jemand sie fand? Oder weiter laufen und hoffen, dass sie doch noch auf den richtigen Weg finden würden? Er hatte sich mittlerweile schon damit abgefunden, die Nacht im Wald verbringen zu müssen. Resigniert lief er weiter, als er von weit her ein leises Hufgetrappel vernahm. Es kam langsam näher. Jemand würde sie also retten. Erst erkannte Paddy nur Umrisse, doch dann sah er ihn wieder, den schwarzen Rappen. Er trat ganz langsam auf ihn zu und griff nach dem Zügel. Willig ließ der Schwarze es mit sich geschehen.
Paddy war froh, dass er sich durch den "When the boys..."-Clip wenigstens ein bisschen mit Pferden auskannte. Sanft legte er die Frau über den Sattel und führte das Pferd einige Meter.
Dann blieb der Rappe abrupt stehen und weigerte sich weiterzugehen. Mist, was nun, schoss es Paddy durch den Kopf. Er fasste einen Entschluss, der allerdings schwieriger war, in die Tat umzusetzen, als er sich das gedacht hatte. Nach einigen gescheiterten Versuchen gelang es ihm schließlich, die Frau auf dem Hals des Pferdes zu platzieren und sich in den Sattel zu schwingen. Der Rappe setzte sich in Bewegung, ohne dass Paddy etwas machen musste und nach einem halbstündigen Ritt blieb das Tier direkt vor einem Bauernhof am Stadtrand von Gymnich stehen. Das musste es sein, das Pferd hatte nach Hause gefunden. Hastig sprang Paddy aus dem Sattel, rannte zur Eingangstür und klingelte Sturm.
Kurze Zeit später saß er im Krankenhaus auf einem langen, von trostlos aussehenden Bildern, geschmückten Flur und wartet darauf, endlich einen Arzt sprechen zu können. Frau Kremer, die Mutter von Iris, wie er mittlerweile wusste, ging nervös auf und ab. Iris war ihr einziges Kind, ihr Mann war gerade auf Geschäftsreise und sie war richtig froh, dass sie hier nicht allein war. "Sagen Sie, wie heißen Sie eigentlich?", Paddy schreckte hoch. "Paddy, Paddy Kelly ist mein Name". In diesem Moment ging die Tür auf und ein hochgewachsener Mann in weißem Kittel kam auf sie zu. "Doktor, sagen Sie, wie geht's ihr? Wie geht es meinem Kind? Kann ich zu ihr?". "Sie sind bestimmt Frau Kremer!? Nun beruhigen Sie sich erst mal. Ihrer Tochter geht es den Umständen entsprechend gut. Sie hat eine Gehirnerschütterung und ein Blutgerinnsel im Kopf. Wahrscheinlich wird sie sich an nichts erinnern können. Aber das kriegen wir schon wieder hin. Sie wird wieder ganz gesund. Das braucht nur seine Zeit".
Sein Pieper klingelte. "Entschuldigen Sie mich, ich muss weiter. Sie können aber jetzt zu ihr!". Frau Kremer stürmte sofort ins Zimmer, während Paddy es vorzog, erst mal draußen zu warten. Er besorgte sich eine Cola, trank sie in einem Zug aus und betrat dann doch Iris' Zimmer. Sie lag friedlich in ihrem Bett und schlief. Wie hübsch sie doch war, abgesehen von dem dicken Verband, der ihren Kopf zierte. Unter dem Verband kämpften sich kleine braune Löckchen durch und umspielten ihre Wangen. Sie hatte ein zierliches Gesicht, was durch ihre Blässe noch viel mehr hervorgehoben wurde. Paddy stellte sich vor, wie sie aussehen musste, wenn sie lächelte. Sicherlich hätte sie niedliche kleine Grübchen und leuchtende, ausdrucksstarke Augen... Paddy musste grinsen. Er wusste selbst nicht warum. Die Situation war einfach zu absurd gewesen. Morgens ging er aus dem Haus und abends stand er bei einer wildfremden Frau, einer äußerst hübschen noch dazu, an einen Krankenbett. Frau Kremer saß in einem Stuhl in de Ecke und starrte ihn aus müden Augen an: "Danke, dass Sie hier sind, Paddy. Was hätte ich nur ohne Sie gemacht!?". "Das hab' ich doch gern gemacht. War doch selbstverständlich!", erwiderte er verständnisvoll und schenkte ihr ein Lächeln. "Aber gehen Sie doch nach Hause, Frau Kremer. Sie schlafen ja gleich ein! Ich bleibe hier bei ihrer Tochter und rufe Sie sofort an, wenn irgendwas ist". Widerwillig verabschiedete sich diese kurze Zeit später, sah aber ein, dass sie hier doch nichts mehr ausrichten konnte für den Moment.
Nun war alles ruhig. Paddy zog sich einen Stuhl an Iris' Bett und setzte sich neben sie. Er lauschte ihrem leisen, regelmäßigen Atem und beobachtete ihren sich bei jedem Atemzug hebenden und senkenden Brustkorb. Zu gern hätte er sie berührt, wäre mit seinen Fingern sanft über ihr Gesicht gefahren, hätte ihr die Schmerzen abgenommen. Er nahm ihre Hand, streichelte sie schon fast zärtlich und summte ihr leise, beruhigende Melodien ins Ohr.
Paddy schreckte hoch. Was war passiert? Er musste eingeschlafen sein. Wie spät war es? Hastig warf er einen Blick auf die Uhr über dem Bett. Da war es wieder. Sie hatte sich bewegt. Sie hatte seine Hand gedrückt. Er spürte es ganz deutlich. Paddy wartete einen Moment, starrte in ihr Gesicht und wieder auf ihre Hand, die er immer noch festhielt. Langsam öffnete sie die Augen. Sie schien nach etwas zu suchen, war aber zu schwach, um die Augen länger aufzuhalten und schlief kurz darauf wieder ein. Als sie das nächste Mal erwachte, blickte sie ihn direkt an. Blaue, klare Augen sahen ihn überrascht an. Er konnte seinen Blick nicht mehr abwenden. Ihm verschlug es die Sprache. Nachdem er sich wieder gefasst und kurz geräuspert hatte, erzählte er ihr, wie er sie gefunden hatte...
"So so, und du bist also Paddy, ja?", unterbrach sie ihn, um die Geschichte nicht zum fünften Mal hören zu müssen. Dass sie sich an nichts erinnerte, hatte sie ja mittlerweile begriffen. Aber deshalb war sie ja noch lange nicht ganz bescheuert. Oder was dachte der... wie hieß er gleich?... Paddy von ihr? Paddy? Paddy? Komischer Name. Wer nannte sein Kind Paddy?
Paddy kaute verbissen auf seiner Unterlippe? Wie sollte es jetzt weitergehen?
Einige Wochen später besuchte Paddy Iris zuhause. Iris ging es wieder gut, ihr einziges Problem war nur diese anhaltende Amnesie. Die beiden verstanden sich prächtig und hatten viele gleiche Interessen, so liebten sie zum Beispiel beide Bruce Springsteen und Maria McKee. Allerdings verschwieg Paddy ihr, dass er eigentlich auch Musiker war. Und was für einer... Eines Nachmittags schlug Paddy vor, am darauffolgenden Wochenende ein Picknick zu machen. Von Wäldern hatte er in letzter Zeit die Nase voll und es war für ihn nicht ganz ungefährlich mit einem Mädchen unterwegs zu sein... Also beschloss er kurzerhand, das Picknick an die Nordsee zu verlegen.
Wenige Tage später fanden sich die beiden also an einem abgelegenen Strand wieder.
Paddy hatte an alles gedacht, Decke, Kissen, leckeres Essen und sogar guten Champagner hatte er besorgt.
Die Sonne stand hoch am Himmel und zeigte sich von ihrer besten Seite. "Du Paddy, kannst du mir mal den Rücken eincremen?", Iris blinzelte ihn frech an. "Na klar. Mach' frei". Paddy lachte. Wenn sie schon so fragt... Nachdem sich Iris graziös auf den Bauch gedreht hatte, begann er leicht nervös die Sonnenmilch auf ihrem Rücken zu verteilen. Schnell strich er die Creme ein paar mal hin und her. Oh oh, jetzt nur nichts anmerken lassen, schoss es Paddy durch den Kopf. "So Iris, das reicht. So stark ist die Sonne nicht mehr", erklärte er hastig und rannte Richtung Wasser. Abkühlung, endlich Abkühlung. Die hatte er jetzt gebraucht!
Diese Frau machte ihn verrückt und kriegte es wahrscheinlich noch nicht mal mit. Paddy wurde ganz schwindelig, bei dem was er sah. Diese Schönheit bewegte sich geradewegs auf das Wasser zu und schon war sie bis auf wenige Meter an ihn herangeschwommen. Er legte einen Tauchgang ein. Warum musste er nur immer so schüchtern sein was Frauen anbetraf? Da spürte er etwas an seinem Fuß. Panisch versuchte er es abzuschütteln, aber es blieb hartnäckig. Als er halberstickt auftauchte, sah er direkt in Iris' breit grinsendes Gesicht.
"So leicht kommst du mir nicht davon, Paddy!", lachte sie ihn an und zog ihn zu sich.
Und wieder mal wusste er nicht, wie er sich verhalten sollte. Er war ihr also nicht gleichgültig, aber meinte sie es ernst? Bevor er noch weiterüberlegen konnte, spürte er auch schon, wie sich ihre Lippen bestimmend auf seine drückten. Er merkte wie Hitze in ihm hochstieg...
Nachdem sie sich abgetrocknet hatten, ließen sie sich wieder auf der Decke nieder.
"Hey Pad, guck' mal, gleich ist Sonnenuntergang!". Er zog sie zu sich und gemeinsam genossen sie den Sonnenuntergang, die laue Sommerluft und den salzigen Geruch des Meeres. Als die Sonne vollends versunken war, wurde Paddy ganz ernst. "Iris, du... ähm, weißt du eigentlich, dass ich mich gleich in dich verliebt habe, als ich dich im Krankenhaus gesehen habe?". Statt ihm zu antworten, küsste Iris ihn leidenschaftlich und streichelte ihm sanft über den Rücken. Er sah ihr in die Augen und fragte: "Was fühlst Du?". "Ich habe mich auch in dich verliebt", sagte sie und küsste ihn wieder. Er spürte erneut diese Hitze in sich aufsteigen. Er zog sie zu sich und sah ihr glücklich in die Augen. Sie lächelte ihn an und nahm ihn in den Arm...
Nachdem sie wieder zuhause waren, kam auch Iris Gedächtnis langsam zurück. Paddy wollte die Chance nutzen und mit ihr reden, bevor sie selbst drauf kam. Sie saßen am Küchentisch und tranken Kaffee, als Paddy anfing, sich nervös die Hände zu reiben. "Ähm Iris, ich glaub', ich muss dir da was sagen! Ich bin nicht der, für den du mich vielleicht hältst. Ich meine, ich bin schon der, der ich bin, aber...". "Paddy, ich versteh' kein Wort. Wovon redest du zum Teufel?". "Also, ich bin Paddy Kelly. Der Paddy Kelly, wenn du verstehst was ich meine!?" "Sorry, aber ich versteh' nur Bahnhof, Paddy. Natürlich bist du Paddy. Wer sollst du sonst sein!?". "Hast du schon mal was von der Kelly Family gehört? Ich meine erinnerst du dich wieder? Der Paddy bin ich!". Langsam fiel der Groschen bei Iris. "Du meinst, aus der Kelly Family? Du gehörst zu denen? Das ist doch super! Wo ist denn da das Problem?". "Ich dachte, du hättest damit vielleicht ein Problem und wärst sauer, weil ich dir das nicht von Anfang an gesagt habe!?! Aber ich wollte nicht, dass du nur mit mir zusammen bist, weil ich bekannt bin! Kannst du das verstehen?". Paddy hörte sich jetzt fast weinerlich an. "Klar kann ich das verstehen. Ich hätte es natürlich schon besser gefunden, wenn du früher mit mir darüber geredet hättest, aber es ist okay. Und selbst wenn du der Kaiser von China wärst, würde ich dich immer noch so lieben, wie ich das jetzt tue! Das weißt du doch, oder Paddy!?".
Erleichtert fiel Paddy ihr um den Hals. "Iris, ich liebe dich so. Du bist das beste, was mir je passiert ist!". Sie küssten sich lange und innig, bis Paddy auf einmal von ihr abließ. "Sag mal, was hältst du davon, wenn wir morgen mal einen Ausritt durch den Wald machen?"...