You don't have to be lonely

by Maren   m.riffert@tiscali.de

Gespannt und gleichzeitig mit einem unangenehmen Gefühl der Vorahnung in der Magengegend setzt sie sich an ihren alten Schreibtisch und schaltet den Computer ein. Ob sie heute wohl wieder eine Nachricht von ihm erhalten wird? Sie blickt erwartungsvoll in ihr Postfach und es scheint ihr den Magen zuzuschnüren, als sie sieht, was sie befürchtet hatte: dass es leer ist. Warum meldet er sich nicht mehr? Hat sie etwas falsch gemacht? Oh ja, sie hat sehr wohl etwas falsch gemacht, doch tut es zu weh, es sich einzugestehen. Sie hat wahrscheinlich den größten Fehler ihres Lebens begangen, doch sie hatte nicht anders gekonnt. Zu groß war ihre Angst, die Angst davor, wieder verletzt zu werden.

Sie ist hübsch mit ihren aufgeweckten blauen Augen und den dunkelblonden, langen Haaren. Wenn sie lacht, bilden sich zwei charmante Grübchen in ihren Wangen. Doch sie lacht viel zu selten. Sie war in den letzten Jahren sehr einsam geworden. Nachdem ihre große Liebe sie wegen einer anderen von heute auf morgen verlassen hatte, war es ihr nicht mehr möglich gewesen, wieder glücklich zu werden. Viel zu schnell flüchtete sie sich in ihrem Kummer, den sie noch lange nicht überwunden hatte, in kurze, oberflächliche Affären, die die Leere in ihrem Herzen nur noch verschlimmerten. Sie war nie der Typ für schnelle Bettgeschichten gewesen, doch sie fühlte sich einfach nicht mehr in der Lage, eine Beziehung einzugehen. Sie konnte nicht mehr vertrauen. Sie wollte es nicht zulassen, dass ihr noch einmal das Herz gebrochen wurde, denn sie wusste, dass sie das nicht überstehen würde.

Irgendwann ekelte sie sich vor sich selbst und sah ein, dass diese kurzen Affären nur eine Flucht aus der tiefen Sehnsucht war – Sehnsucht danach, aufrichtig geliebt zu werden und nicht allein zu sein. Doch dies war der falsche Weg und so zog sie sich immer mehr in sich selbst zurück. Sie verbrachte die meiste Zeit in ihrer Wohnung, las, schrieb kleine Romane oder surfte im Internet – ihre Lieblingsbeschäftigung. Am meisten genoss sie es, mit anderen Leuten zu chatten. Ganz anonym, niemand konnte zu nah an sie herankommen, sie musste nichts zulassen, was sie nicht wollte und doch konnte sie sich über belanglose Dinge unterhalten, die sie beschäftigten und war nicht allein.

Immer regelmäßiger schaltete sie ihren PC ein und betrat den Chat-Room, der schon fast ihr zweites Zuhause geworden war. Sie hatte hier jemanden kennengelernt. Er hieß James und sie hatte festgestellt, dass man sich wunderbar mit ihm austauschen konnte. Sie hatte ihm während all ihrer virtuellen Gespräche schon viel mehr von ihr offenbart, als sie eigentlich wollte, aber dieser James war ein so aufmerksamer „Zuhörer“, der sich interessierte und sie zum Erzählen ermunterte. Er selbst gab auch viel von sich preis und sie wusste bald, warum sie ihm gegenüber so offen sein konnte und das Gefühl hatte, verstanden zu werden. James war ebenfalls von seiner großen Liebe verlassen worden, gerade in dem Augenblick, als er zum ersten Mal wirkliche Liebe nach einem bisher eher wilden und abenteuerlichen Leben empfand. Seitdem hatte er viel durchgemacht, war einige Jahre nach Irland ausgestiegen und landete dort in den falschen Kreisen, die seine labile Verfassung ausnutzten und ihm dem näherbrachten, was fast sein Ende bedeutet hätte – Drogen. Nach einem harten Kampf, den er schließlich doch gewonnen hatte, versuchte James jetzt einen Neuanfang in Deutschland, weit weg von Dublin´s Straßen. Aber auch er schien noch immer diese Leere in seinem Herzen zu spüren und sie war froh und dankbar, ihn „kennengelernt“ zu haben, dem es noch weitaus schlechter ergangen war als ihr.

Bald tauschten sie neben den fast täglichen Chats auch lange Mails aus, in denen sie einander von ihrem Tag berichteten, von den Gedanken, Gefühlen und Träumen, die sie bewegten und sie ertappte sich dabei, wie sie bereits mittags schon unruhig dem Abend entgegenfieberte, wenn sie wieder von James lesen würde. Er hatte so eine wundervolle Art, zu schreiben...mal fesselnd und aufregend, dann wieder melancholisch und sehnsuchtsvoll. Er konnte sehr ernst sein, doch manchmal schrieb er mit so einem köstlichen Humor, dass sie lachend vor ihrem Computer saß und sich die Tränen aus den Augen wischte.

Irgendwann kam der Tag, an dem abends das Telefon klingelte. Sie zuckte zusammen, denn sie wusste genau, dass er es war. Er hatte sie neulich nach ihrer Telefonnummer gefragt und sie hatte sie ihm ohne lange zu überlegen gegeben. Sie fühlte sich in der Anonymität des Chats und ihrer Briefe zwar sicherer, doch kam sie gegen die Neugier einfach nicht an, die langsam zu wachsen begonnen hatte. Wie er sich wohl anhören würde, der Klang seiner Stimme? Als sie mit leicht zitternder Hand den Hörer hob und die ersten zaghaften Worte mit James wechselte, überraschte es sie kaum noch, dass sie einander gleich so vertraut waren. Er hatte eine so schöne Stimme und das leicht Rauhe, das in ihr mitschwang, ließ sie wohlig erschaudern. Stundenlang redeten sie miteinander. Sein so jung klingendes Lachen steckte sie an und seine ruhigen Worte ließen sie träumen. Irgendwann mitten in der Nacht fragte James, ob sie sich nicht einmal treffen wollten. Das war der Moment, in dem sie wieder zu der verschlossenen Frau wurde, die sie gewesen war, bevor er sie zum ersten Mal im Chat angesprochen hatte. Sie reagierte viel zu hastig viel zu kühl und kurz darauf war das Telefonat beendet.

In den nächsten Tagen schrieb sie ihm keine Briefe mehr. Sie las zwar jeden Abend seine Zeilen, in denen er ihr beteuerte, er habe sie zu nichts drängen wollen, aber sie konnte nicht darauf antworten. Sie würde nicht zulassen, dass sie sich in James verliebt und er sie verletzt, denn sie war sich sicher, dass dies irgendwann der Fall sein würde. Er war ein liebenswürdiger Brieffreund, konnte es nicht einfach dabei bleiben? Sie wollte ihn nicht persönlich kennenlernen. Was, wenn er doch nicht der ist, für den sie ihn die ganze Zeit gehalten hat? Nein, es sollte alles so bleiben wie bisher. Doch sie wusste, dass es dafür schon zu spät war und so reagierte sie einfach nicht auf James´ tägliche Mails, die immer verzweifelter klangen.

Aber heute hat sie keine Nachricht von ihm erhalten, genauso, wie in den vergangenen Tagen. Sie ist tief in ihrem Innern entsetzlich traurig und enttäuscht – von sich selber. Irgendwann muss sie doch wieder lernen, einem Mann zu vertrauen. Und ist es nicht James, der diese Chance verdient hätte? Tränen steigen in ihr auf und sie versucht, ihm zu schreiben, doch es gelingt ihr nicht. Zu lange hat sie ihn ignoriert, zu lange war er ihr nachgelaufen, hatte sie angefleht, ihm zu verzeihen, wo es doch nichts zu verzeihen gab – zu groß ist nun ihr schlechtes Gewissen und das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben.

Lange denkt sie nach, ehe sie sich zum ersten Mal seit langem ganz sicher ist, etwas zu tun, wofür es vielleicht schon zu spät ist, doch muss sie das Risiko eingehen, wenn sie James nicht verlieren will.

Als sie in Köln ankommt, befällt sie doch wieder eine beklemmende Unsicherheit und die Frage, was sie hier überhaupt tut. Ja, sie weiß, dass James in Köln wohnt – aber die Stadt ist groß und wie soll sie ihn finden? Sie könnte ihn anrufen, doch diese Möglichkeit wagt sie einfach nicht.

Ratlos und von einer inneren Unruhe getrieben läuft sie ziellos durch die Straßen Kölns, ohne zu wissen, wohin ihr Weg sie führen wird. Als es langsam dämmert und kühl wird, lässt sie sich erschöpft auf die Stufen vor dem Dom sinken. Was sie hier tut, ist doch so sinnlos, warum ruft sie ihn nicht einfach an?

Nicht weit von ihr entfernt sitzt ein junges Pärchen, das sich verliebt in die Augen schaut. Sie spürt eine große Sehnsucht in sich aufsteigen und sie weiß, sie allein hat es in der Hand, ihre Sehnsüchte wahr werden zu lassen. Sie muss sich ihrer Angst stellen, schließlich ist sie selbst Schuld an dieser ganzen Situation.

Atemlos greift sie nach ihrem Handy und wählt mit klopfendem Herzen James´ Nummer. „Hallo?“ hört sie seine Stimme in ihrem Ohr und wieder spürt sie diese Sehnsucht. Sie spürt, wie sehr sie ihn liebt, wie sehr sie sich nach dieser Stimme gesehnt hat und wie sehr sich jetzt nach ihm sehnt. Sie braucht ihn, koste es, was es wolle. Tränen laufen ihre Wangen hinab, als sie mit zitternder Stimme spricht: „James, es tut mir so leid. Ich war so feige und dumm, aber ich weiß jetzt, dass es falsch war...“ „Nein, Du warst nicht dumm – nur feige!“ antwortet er ihr nach einem kurzen Zögern ruhig und im nächsten Moment spürt sie, wie sich eine Hand von hinten sanft auf ihre Schulter legt. Sie dreht sich erschrocken um und blickt in die schönsten blauen Augen, die sie je gesehen hat. Vor ihr steht ein schlanker Mann mit leicht zerzausten braunen Haaren. Sein ausdrucksstarkes Gesicht wirkt mitgenommen, doch in seinen noch so jugendlich scheinenden Augen blitzt es verschmitzt auf, als er sie betrachtet. „Was soll...“ beginnt sie, als sie das Handy in seiner Hand entdeckt. „James?!“ fragt sie ungläubig und ein Teil von ihr möchte in alter Gewohnheit am liebsten davonlaufen, doch ist dieser Teil nur noch winzig klein – zu sehr ist sie von seiner Erscheinung gebannt. „Ich dachte mir, wir führen das Gespräch vielleicht kostensparender weiter.“ lacht James sie an und ihr Herz schlägt wild, als ihr Blick auf seinen sinnlichen Mund mit diesen strahlend weißen Zähnen fällt.

Noch ehe sie weiß, wie ihr geschieht, fällt sie ihm um den Hals. James hält sie ganz fest und als sie seinen Geruch tief einatmet, ist sie sich auf einmal ganz sicher: Sie braucht keine Angst mehr zu haben, nie mehr! In seinen Armen spürt sie wieder, was Liebe ist, tiefer als je zuvor und sie weiß, dass sie nie wieder einsam sein wird.


Gewidmet all denen, die noch an die wahre Liebe glauben...


© Maren (02.05.2004)


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Last update: 11/06/2004

(Online since: 11/06/2004)


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