Hoffnung

by Maren   m.riffert@tiscali.de

Gedankenverloren saß Paddy an dem kleinen See und zupfte auf seiner Gitarre. Ab und an blickte er hinauf in den Himmel, an dem kleine weiße Wölkchen vom seichten Wind sanft entlanggetrieben wurden. Ja, hier fühlte er sich frei, ein Gefühl, das ihm in letzter Zeit immer fremder geworden war. Frei – vor langer Zeit war er frei gewesen, doch das war Vergangenheit. Heute lauerten sie an jeder Ecke auf ihn – verrückte Fans mit Fotoapparaten, teilweise hysterisch kreischend, sobald er in ihre Nähe kam, um sich doch mal wieder durchzuringen und das 100. Foto mit ihnen zu machen, für das er schon ganz automatisch sein geübtes Lächeln aufsetzte, das sie ja alle so an ihm liebten. Ein Lächeln, das immer seltener wirklich von Herzen kam. Doch sie bemerkten es nicht, versuchten stattdessen immer weiter, in seine Privatsphäre einzudringen, indem sie vor seiner Wohnung standen, um einen Blick auf seine Freundin zu werfen, die er angeblich haben sollte. Als ob er für eine ernsthafte Beziehung wirklich in der Lage wäre...er kam momentan ja kaum noch mit sich selbst zurecht in dieser Welt, die ihm von Tag zu Tag schwieriger erschien.

Vor einigen Jahren noch hatte er den Trubel genossen, der besonders um und wegen ihm herrschte – schließlich war es eine erfolgreiche, aufregende Zeit gewesen, für die sie alle hart gearbeitet hatten. Doch die Fans, zu denen er sich anfangs noch bereitwillig gesellt hatte – wusste er doch, was es für sie bedeuten musste – kannten irgendwann keine Grenzen mehr. Jeder versuchte noch näher an ihn heranzukommen, ihm private Geheimnisse zu entlocken und insgeheim hoffte die Mehrzahl von diesen Mädels, mit ihm im Bett zu landen. Manchmal konnte Paddy nur noch Mitleid empfinden, das schon allzu oft in Hass umschlug. Wer hatte schließlich Mitleid mit ihm? Dabei hätte er nie gedacht, dass es einmal so weit kommen könnte.

Paddy wusste, dass nicht alle Fans so waren, dass viele von ihnen sich auch einfach "nur" mit seiner Musik begnügen konnten, die sie mit mit leuchtenden Augen während des Konzerts genossen – doch was brachte es ihm, wenn ihm "Fans" der anderen Sorte das Leben schwermachten? Sein Leben, das durch den Druck und Stress der letzten Jahre sowieso wie in einem Film an ihm vorbeizog, ohne es noch richtig realisieren zu können. Konnten Sie ihm nicht wenigstens ein bisschen Luft zum Atmen lassen?

Wie oft hatte Paddy in der letzten Zeit daran gedacht, alles hinzuschmeißen und sich als Straßenmusikant irgendwo in Irland mit seiner Gitarre hinzustellen – so wie sie es früher gemacht hatten. Sie waren damals arm gewesen und es waren harte Zeiten, doch sie waren glücklich und erlebten ihr Leben viel intensiver als heute. Doch Paddy wusste, dass ihn seine Geschwister brauchten und er würde wohl auch nicht lange ohne sie sein können...sie waren doch eine Familie!

"Das klingt schön!" riss ihn eine zarte Stimme plötzlich aus seinen Gedanken. Erschrocken blickte Paddy auf. Neben ihm stand ein kleines Mädchen, vielleicht 10, 11 Jahre alt. Sie stand schon einige Minuten bei ihm und lauschte der kleinen, traurigen Melodie, die Paddy gerade komponiert hatte, ohne es wirklich zu merken. "Ja, gefällt´s Dir?" lächelte er die Kleine an, ein wenig dankbar darüber, aus seinen trüben Gedanken fliehen zu können. "Hm-hm...aber es ist traurig. Bist Du traurig?" fragte das Mädchen und Paddy rüherte der mitfühlende Blick, den sie ihm aus großen blauen Augen zuwarf. Er nickte seufzend. "Ja, ein wenig..." Das Mädchen setzte sich neben ihn in den Sand und blickte auf die kleinen Wellen, die vor ihren Füßen ans Ufer plätscherten. "Warum?" fragte sie weiter. "Weil das Leben manchmal ganz schön schwer sein kann und ich mich zur Zeit sehr schwach fühle, weißt Du..." antwortete Paddy zögernd und musterte die Kleine, wie sie da neben ihm saß. Sie war sehr schmal und für die milde Jahreszeit eigentlich viel zu warm angezogen. Sie trug sogar eine dünne Mütze, die ihre anscheinend kurzen Haaren komplett versteckte. Sie hatte ein aufgewecktes, fröhliches Gesicht, geprägt von lebendigen, roten Wangen und neugierigen blauen Augen, die zwar etwas müde wirkten, ihn jedoch offen und klar anblickten. Irgendwie erinnerte Paddy das Mädchen an sich selbst – diese roten Wangen hatte er selbst auch einst gehabt und auch er war stets mit offenem Blick auf andere zugegangen, bis er feststellte, dass er irgendwann immer misstrauischer gegenüber Fremden wurde.

"Kann ich verstehen", meinte das Mädchen sehr ernst und Paddy musste angesichts ihres plötzlichen Tonfalls ein wenig grinsen. "Ach wirklich?" fragte er leicht belustigt und wunderte sich im nächsten Moment, wie erwachsen sie auf einmal wirkte. "Ja", sagte sie nur und wandte ihren Blick wieder dem See zu. "Kann ich ein wenig hier bleiben, während Du spielst?" fragte sie dann. "Klar!" Paddy freute sich, das Thema wechseln zu können und scheinbar einen kleinen Fan neben sich zu haben – zum Glück einen der angenehmen, sympathischen Sorte - und so widmete er sich wieder seiner Gitarre und spielte die neue Melodie, zu der ihm noch der passende Text fehlte.

Minuten vergingen, in denen keiner der beiden ein Wort sprach. Nur Paddy´s Gitarrenklänge erfüllten die laue Spätsommerluft.

Irgendwann sprang das Mädchen auf. "Ich muss jetzt leider los!" "Oh, schade! Musst Du schon nach Hause?" fragte Paddy ein wenig enttäuscht. Etwas verlegen schüttelte sie den Kopf. "Nein, nicht nach Hause. Ins Krankenhaus..." Erschrocken blickte Paddy zu ihr hinauf. "Bist Du krank?" Sie nickte traurig, doch ihre Augen blickten fest in seine, als sie hinzufügte: "Ja. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Das werde ich nie! Sie ist doch das Wichtigste, was ich habe!" Paddy musste schlucken. Ihm war plötzlich ganz elend zumute. "Da hast Du Recht! Hast Du Lust, mal wieder herzukommen? Ich kenne noch viele andere schöne Lieder...und vielleicht habe ich auch bald einen Text zu meiner Melodie." Ernst aber freundlich lächelte sie ihn an. "Ich weiß noch nicht, aber vielleicht komme ich wieder. Deine Musik ist wirklich schön." Sie griff in ihre Jackentasche. "Ich hab´ noch was für Dich." Mit diesen Worten legte sie Paddy ein kleines Kettchen in seine ausgestreckte Hand. Staunend betrachtete er es und erkannte, dass es kein gewöhnliches Kettchen war – es war ein Rosenkranz. "Aber das kann ich doch nicht annehmen! Es gehört Dir und ist sicher etwas ganz Persönliches!" rief er überrascht aus. "Ich möchte aber, dass Du es behälst, als Dankeschön für Deine wundervolle Musik...und als Glücksbringer, damit Du Dich nicht mehr so schwach und traurig fühlst." Das Mädchen lächelte ihn noch einmal an und lief dann los.

Paddy sah ihr sprachlos nach, noch immer den Rosenkranz in der offenen Hand haltend. Die Kleine war wirklich ein außergewöhnliches Mädchen – und irgendwie auch rätselhaft. Und überhaupt: Was sollte er mit einem Rosenkranz? Nachdenklich lief Paddy den kleinen Strand entlang und zur Straße hinauf, die zum Ort führte. Ihm tat das Mädchen leid, das er nicht aus dem Kopf bekam. Er hatte sie noch nicht einmal nach ihrem Namen gefragt. Was sie wohl für eine Krankheit hatte? Vielleicht dieselbe, die auch seine Mama viel zu früh von ihm genommen hatte? Sie schien jedenfalls unglaublich tapfer und Paddy beneidete sie ein wenig um die Kraft, die sie trotzdem ausstrahlte.

Als er an der kleinen Kirche vorbeikam, blieb er zögernd stehen. Paddy griff nach dem Rosenkranz, der in seiner Hosentasche steckte. Wann war er eigentlich das letzte Mal in einer Kirche gewesen? Es musste schon Jahre her sein. Paddy glaubte zwar an Gott, aber regelmäßige Kirchgänger waren er und seine Geschwister nie gewesen – in den letzten Jahren schon gar nicht.

Noch ehe er länger überlegen konnte, nahm er den Rosenkranz fest in die Hand und betrat die Kirche. Zögernd bekreuzigte er sich und setzte sich dann in eine der kleinen hölzernen Bänke. Viele kleine Kerzen brannten und ein Chor probte, dessen klare Stimmen in der Kirche widerhallten. Überrascht stellte Paddy fest, dass ihn eine beruhigende, heimelige Atmosphäre umgab. Früher hatte er Kirchen immer recht langweilig gefunden, doch heute empfand er sie als angenehmen, ruhigen Ort fernab von allem, was ihn bedrückte. Er blickte auf den gekreuzigten Jesus, der hinter dem Altar an der steinernen Wand abgebildet war. Paddy hatte schon lange nicht mehr gebetet fiel ihm auf und unwillkürlich faltete er die Hände. Er erzählte Gott von seinem Kummer, seinen Ängsten, von allem, was ihm das Herz schwer machte und je länger er betete, umso leichter und befreiter fühlte er sich plötzlich. Paddy war es auf einmal, als erfülle ihn eine ungewohnte Wärme – eine geheimnisvolle, neue Kraft...es fühlte sich gut an. Was war das? Er öffnete die Augen und bemerkte erneut, wie sicher und geborgen er sich in diesem kleinen Gotteshaus fühlte. An keinem anderen Ort hatte er sich in letzter Zeit so frei, so lebendig gefühlt.

Langsam stand Paddy auf und ging zu den Kerzen, die ruhig und warm brannten. Er nahm eine neue aus dem Kästchen und zündete sie an der Flamme einer anderen an. "Für das kranke Mädchen..." dachte er dankbar. Ohne sie wäre er wohl nie hier reingegangen.

Paddy blieb noch lange Zeit in der Kirche. Je länger er dort verweilte, desto kleiner und unbedeutender erschienen ihm plötzlich seine Probleme. Worüber machte er sich eigentlich Gedanken? Er war ein junger, erfolgreicher Mann, hatte eine Familie, die immer zu ihm hielt und seine Musik, die ihm niemand nehmen konnte. Und vor allem – er war gesund. Paddy dachte besorgt an das Mädchen. Ihr ging es so viel schlechter und doch war sie voller Lebensfreude, Hoffnung und Kraft. Sie hatte sogar ihn noch trösten wollen... Paddy schämte sich auf einmal seines Selbstmitleids. Er hatte wirklich keinen triftigen Grund, das Leben nicht zu genießen.

Demütig betete er noch ein Vater-unser, das er teilweise schon fast vergessen hatte und spürte erneut diese wärmende Kraft, die in sein Herz zu strömen schien – fast wie ein strahlendes Licht, das die Dunkelheit durchbrach...

Als er aus der Kirche heraustrat, sah Paddy entschlossen auf die Perlchen in seiner Hand. Er war voll neuer Kraft und jetzt wusste er, wie er zu dieser positiven Energie gelangen konnte, wann immer er sie brauchte – in seinem Glauben, den er viel zu spät entdeckt hatte, würde er sie jederzeit finden. Und als Paddy den Heimweg antrat, fiel ihm spontan der Refrain seines neuen Liedes ein, das dem Mädchen so sehr gefallen hatte: "There is hope, there is hope for me now!"

Hope - so sollte sein Lied heißen. Hoffnung, denn schließlich war sie das Wichtigste, das er hatte. Und vielleicht würde er es dem Mädchen auch noch irgendwann vorsingen können...


Für Patrick Kelly, der mich immer wieder auf´s Neue beeindruckt!

(April 2004)

© Maren


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Last update: 29/04/2004

(Online since: 29/04/2004)


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