Coming home for Christmas

by Maren   m.riffert@tiscali.de

 

Traurig steht Maite in ihrer kleinen Wohnung und blickt auf den kleinen, noch ungeschmückten Christbaum, den sie gerade aufgestellt hat. Es ist der 24. Dezember, Heiligabend, der schönste Tag im Jahr. Normalerweise liebt Maite Weihnachten über alles, liebt es, den Weihnachtsbaum zu schmücken, Plätzchen zu backen und für ihre Geschwister oder Freunde zu kochen – je nachdem, wer sich gerade angekündigt hat. Doch in diesem Jahr ist alles anders und die kribbelnde Weihnachtsfreude will sich diesmal so gar nicht bei Maite einstellen. Es ist das erste Weihnachten ohne Paddy...

Als er ihnen im Sommer eröffnet hatte, dass er eine Weile fortgehen werde, da ahnte Maite schon, dass es für länger sein würde...dass Paddy nicht einfach eine kleine Auszeit oder Urlaub machen würde, um nach ein paar Wochen wieder fit und guter Dinge auf der Bühne zu stehen. Nein, sie wusste, dass diesmal mehr dahintersteckte als eine kleine Pause. Er würde für immer ins Kloster gehen! Er versuchte zwar, sie zu beruhigen und erklärte ihr, dass er lediglich ein wenig Ruhe und Frieden bei den Mönchen suchen und dort an einigen Seminaren in Theologie und Philosophie teilnehmen würde, aber dieser seltsame Ausdruck in seinen Augen sagte ihr, dass das nicht die ganze Wahrheit war und er vermochte auch kaum ihrem durchdringenden Blick standzuhalten... "Warum lügst Du uns an, Paddy? Du wirst im Kloster bleiben, habe ich Recht? Du wirst nicht wieder zu uns zurückkommen, Du wirst keine Konzerte mehr geben, das spüre ich doch! Du hast schon lange die Nase voll von allem, gib´s doch wenigstens zu!" Doch Paddy hatte nur wieder den Blick gesenkt und gemurmelt: "Mach´ es mir doch nicht schwerer, als es ohnehin schon ist." Viel mehr hatte er zu dem Thema nicht gesagt und ein paar Tage später war er nach Frankreich abgereist.

Seitdem hatten Maite und ihre Geschwister nichts mehr von ihrem Bruder gehört. Sie wussten, wie viel Paddy sein Glaube bedeutet, er hatte ihm in den letzten Jahren sehr viel Kraft gegeben, er hatte ihn inspiriert, er war zu einem wichtigen Bestandteil seines Lebens geworden, fast wichtiger noch als seine Musik, so kam es Maite vor. Sie hatte sich so sehr für ihren Bruder gefreut, war glücklich gewesen, dass es ihm nach einigen schweren Phasen mittlerweile wieder so gut ging, und auch sie hatte von so manch seiner neugewonnenen Erfahrungen profitieren können, aber es machte ihr ein wenig Angst, wie sich ihr Lieblingsbruder immer mehr und mehr von seiner Familie, der Band entfernte. Die gemeinsamen Konzerte bedeuteten Paddy nicht mehr so viel wie früher, das wussten sie alle. Doch dass er nun für immer ins Kloster gehen und sich so ganz und gar dem weltlichen Leben entsagen würde, das war doch ein ziemlich harter Schlag für Maite und ihre Geschwister gewesen. Letztenendes trösteten sie sich zwar damit, dass die Hauptsache schließlich sei, dass Paddy glücklich ist und dass der Weg, den er gegangen war, wohl auch der für ihn beste und erfüllendste war, doch trotzdem fehlte er ihnen allen sehr...!

Gerade jetzt an Weihnachten wird Maite wieder bewusst, wie sehr sie an ihrem großen Bruder hängt, erst recht, seitdem die älteren Geschwister ihre eigenen kleinen Familien gegründet haben. So hatte sie die letzten heiligen Abende immer mit Paddy zusammen gefeiert. Sie hatten es sich sehr gemütlich gemacht, hatten gemeinsam gegessen, sich eine Kleinigkeit geschenkt und dann hatte Paddy seine Gitarre geschnappt und sie hatten Weihnachtslieder aus ihrer Kindheit gesungen. Später hatten sie dann meistens bei ihren Geschwistern und den Kindern vorbeigeschaut und es waren einfach immer schöne, besinnliche Stunden gewesen. Doch dieses Jahr wird Maite zum ersten Mal ganz alleine in ihrer Wohnung sitzen. Jimmy und Meike hatten sie zwar für den heutigen Abend zu sich eingeladen und auch Patricia und Denis hatten ihr angeboten, zu ihnen zu kommen, doch Maite hatte abgelehnt. Sie vermisst Paddy zu sehr und will ihren Geschwistern mit ihrer Trübseligkeit nicht den heiligen Abend vermiesen. Sie wird sie ja morgen sowieso alle sehen, wie immer am ersten Feiertag...

Mittlerweile ist es Abend geworden und Maite hat sich doch irgendwie dazu aufraffen können, den Christbaum zu schmücken und er sieht wirklich prächtig aus, wie er da steht mit den roten Kugeln in seinen satten grünen Zweigen. Behutsam zündet sie die kleinen Kerzen an und dann stochert sie eher lustlos in dem eigentlich so leckeren Irish Stew heraum, das sie sich gekocht hat.

Das vergangene Jahr war eigentlich wie fast jedes andere auch gewesen, eben mit Höhen und Tiefen wie immer...eine neue Liebe war gekommen und leider wieder viel zu schnell vergangen, Joey und Tanja hatten sie erneut zu einer sehr glücklichen Tante gemacht und die Geschwister hatten natürlich einige sehr schöne Konzerte gegeben, von denen sie das ein oder andere sicherlich noch lange in Erinnerung haben würden. Doch warum muss dieses Jahr so traurig enden, warum ist Paddy fortgegangen – ausgerechnet ins Kloster?! Ihr aufgeweckter, kreativer Bruder, der das Leben, seine Familie, die Musik auf der Bühne und die Liebe trotz mancher Probleme in den vergangenen Jahren so sehr liebt?! Es sind schon wieder Konzerte für das kommende Jahr geplant und noch weiß keiner von ihnen, ob Paddy dabeisein wird oder nicht. Maite hatten die letzten Konzerte vor der Pause ohne ihn eh schon gereicht, um zu wissen, dass es ihr ohne Paddy nicht mehr viel Spaß machen wird, auf der Bühne zu stehen. Sie hat das Gefühl, dass die Familie nun vollends auseinanderzubrechen droht und Maite fürchtet sich davor. Ohne Paddy kann sie sich das weitere Bestehen der Kelly Family einfach nicht vorstellen. Ihr Bruder spielt doch von jeher eigentlich die Hauptrolle in der Band, produziert mit Angelo zusammen die Alben und steht einfach immer irgendwie im Mittelpunkt des Konzertgeschehens – wie soll es ohne ihn weitergehen?

Das Klingeln das Telefons reißt Maite aus ihren traurigen Gedanken. Es ist ihr Bruder Johnny aus Spanien, der ihr gutgelaunt ein frohes Fest wünscht. Er und seine Frau Maite feiern Weihnachten erst am 6. Januar, doch er hat wie jedes Jahr seine Geschwister nicht vergessen, die sich mittlerweile der deutschen Tradition angepasst haben. Nach dem kurzen aber herzlichen Gespräch mit John und Maite geht es ihr ein wenig besser. Es tut immer so gut, Johnny zu hören. Damals hatte es sie sehr getroffen, als er ihnen nach endlosen Debatten endgültig mitteilte, dass er für immer mit Maite nach Spanien ziehen würde. Doch alle hatten sie seine Entscheidung akzeptiert, wussten sie doch, dass er mit seinem Leben als Mitglied der Kelly Family schon lange nicht mehr glücklich war. Jetzt aber ist er es und ist das nicht das Wichtigste?

Maite seufzt. Ob es ihr irgendwann gelingen wird, auch Paddy´s Entscheidung zu akzeptieren und sich für ihn zu freuen...?

Auch der Abschied von Kathy aus der Band war ihr schwergefallen, doch sie wusste, dass sich die älteste Schwester lieber ihrer Solo-Karriere widmen wollte und Maite und ihre Geschwister waren nach anfänglicher Skepsis auch sehr stolz auf sie gewesen und sind es noch immer.

Oder Barby...sie war damals die erste gewesen, die die Gruppe verlassen hatte. Es war das beste für sie, da waren sie sich alle einig gewesen und sie freuen sich alle immer sehr, wenn sie die mittlerweile wieder so fröhliche Schwester manchmal in Irland besuchen können.

Ja, es ist wohl normal, dass jeder früher oder später seinen eigenen Weg geht, aber Maite will es nicht wahrhaben, dass sich nun auch ihr Lieblingsbruder auf den Weg gemacht hat...vor allem die Tatsache, dass er jetzt wohl irgendwo in Frankreich hinter dicken Klostermauern sitzt, macht sie fast krank. Wird sie ihn je wiedersehen, je wieder mit ihm zusammen singen, scherzen, lachen und reden können wie früher? Keinem anderen hat sie sich je so anvertrauen können wir ihm... Er war es gewesen, dem sie immer als erstes von ihrem Liebeskummer oder anderen Problemen erzählt oder strahlend von ihrem neuen Freund berichtet hatte. Er hatte sich immer für sie gefreut oder sie einfach tröstend in den Arm genommen. Sie verstanden sich ohne viele Worte, Paddy stand ihr immer mit Rat und Tat zur Seite – er war ihr bester Freund!

Als es klingelt, schlurft Maite zögernd zur Tür. Es hatte sich zwar niemand für heute abend angekündigt, aber bei ihren Geschwistern kann man nie wissen, wer mal eben vorbeikommt. Maite öffnet die Tür und hält erschrocken inne: "Paddy?!" Seine Arme schlingen sich um sie und er drückt sie fest an sich, als er fröhlich ruft: "Frohe Weihnachten, kleine Schwester!" "Ja, aber...ich dachte, Du bist im Kloster...wieso bist Du...?" stammelt Maite total überwältigt und hin- und hergerissen zwischen Lachen und Weinen. "Ja, das war ich auch und es war eine sehr wichtige Erfahrung für mich." erzählt Paddy ernst. Er sieht gut aus, richtig entspannt, seine Wangen glühen vor Kälte – oder vielleich auch Freude? – , seine blauen Augen strahlen charmant wie eh und je und sogar seine eigentlich viel zu kurzen Haare gefallen Maite. "Es war eine tolle Zeit und ich werde sicherlich noch so manches Mal an diesen Ort zurückkehren. Es ist unbeschreiblich dort und ich habe sehr viel gelernt!" fährt Paddy fort. "Doch das Wichtigste ist: Die Wochen in Frankreich haben mir gezeigt, was wirklich wichtig für mich ist, was ich am meisten brauche und was mein Leben neben Gott erfüllt: Ihr seid es! Ihr und unsere Musik und das hat mir sehr gefehlt! Ja, ich werde noch oft ins Kloster zurückkehren, aber ich werde immer wieder heimkommen, heim zu Euch, zu meiner Familie, zur Bühne, zu meinem Leben, ohne dass ich nicht sein kann!" Und dann strahlt er sie mit diesem umwerfenden Lächeln an, das sie schon immer so an Paddy gemocht hat: "Und außerdem kann ich doch meine kleine Schwester am heiligen Abend nicht alleine daheim sitzen lassen!" Mit Tränen in den Augen fällt Maite ihrem Bruder um den Hals und möchte ihn am liebsten nie mehr loslassen. Wie sehr hat er ihr in den letzten Monaten gefehlt!

Nein, so schnell wird die Familie nicht auseinanderbrechen, Paddy ist wieder da, sie werden gemeinsam wie jedes Jahr auf Tour gehen und alles wird gut werden, da ist sich Maite jetzt wieder ganz sicher. Glücklich schiebt sie ihren Bruder in die Wohnung, wo sie gemeinsam das restliche Irish Stew essen und Paddy ihr von seinen Eindrücken der letzten Monate berichtet. Danach packt er seine Gitarre aus und wie jedes Jahr singen sie die Weihnachtslieder ihrer Kindheit...

Gewidmet allen, die Paddy vermissen: Hey Leute, lasst den Kopf nicht hängen, er wird nächstes Jahr wieder auf der Bühne stehen – da bin ich mir ganz sicher!

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!!!

(12./13.12.2004)


© Maren
(Lieben Dank!!)

 

Santa Bar

Last update: 23/12/2004

(Online since: 23/12/2004)


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