Missmutig schlich Paddy durch die Strassen. Es war ein absolutes Mistwetter.
Er sollte für seine Schwester Barby einen ganz speziellen Bilderrahmen abholen.
Und das morgens um neun, wo er doch viel lieber noch etwas geschlafen hätte.
Als er beim Antiquariat angekommen war, kam er ins staunen.
Was es nicht alles gab dort. Seine Augen wurden immer größer.
Er sah eine uralte Drehorgel, die er direkt in nähere Betrachtung nahm.
Wer so etwas spielte, war auch Straßenmusikant, so wie seine Familie damals.
Ach, was waren das noch schöne Zeiten, als nicht immer eine Horde kreischender, durchgedrehter und verrückter Mädchen hinter ihm herrasten.
Gut, es gab auch Ausnahmen, die nach und nach auch wieder mehr wurden. Zum Glück.
Damals konnte man noch mit den Leuten reden, die sich ihre Konzerte angesehen hatten. Paddy vermisste die Zeit sehr.
Nicht, das er seiner Familie und sich den Erfolg gönnte.
Er brachte ja auch viele Vorteile, wie endlich selber produzieren zu können oder öfter mal reisen, wohin man auch will.
Früher musste man doch mehr aufs Geld schauen, außerdem war er ja noch klein gewesen. Aber heute hatten sie dafür kaum noch Privatsphäre. Alles hatte seine Vor- und Nachteile. Paddy seufzte schwer, dann wandte er den Blick ab auf die anderen Dinge im Antiquariat.
Ah, ein Fernglas. Hatte er aber schon eins, obwohl.
Es wäre ein Grund eine neue Sammlung zu eröffnen.
Stofftiere sammelte er ja nicht mehr, die wurden an Kinderheime abgegeben. Aber, nee. Wenn die dann auf Konzerten plötzlich alle mit Ferngläsern schmeißen würden, dann gäbe es bald keine Konzerte mehr.
Einen Kelly nach dem anderen von der Bühne gekegelt, mit Ferngläsern.
Paddy musste grinsen. Er hing mal wieder unglaublich bescheuerten Gedanken nach. Langsam ging Richtung Verkaufstresen. Er sollte ja etwas abholen.
Er hatte immer gedacht, das es hier alt und modrig riechen würde, deswegen hatte er vorhin auch die Augen verdreht, als Barby ihn gebeten hatte, hierhin zu gehen.
Aber es war geruchlos, eher sauber und gepflegt.
Paddy kam heute irgendwie gar nicht mehr aus dem Staunen heraus.
Der alte Mann am Tresen gab Paddy die Rechnung, die er sofort beglich und dann ging der Mann nach hinten, um den Bilderrahmen zu holen.
Mit einem doch recht kleinen, aber unhandlichen Päckchen machte Paddy sich dann auf den Rückweg, während es immer stärker zu regnen schien.
Hatte er nicht gerade Schritte hinter sich gehört?
War da nicht gerade ein unterdrücktes Kreischen?
Er halluzinierte wohl schon, denn als er sich impulsiv umdrehte, um loszubrüllen, war niemand zu sehen.
Komisch. War er denn jetzt schon so durch den Wind, das er Stimmen hörte, wo keine waren?
Dachten denn die Kreischweiber, er hätte Torschlusspanik, so das er sich unbedingt eine von ihnen zur Frau nehmen sollte? Irre, die Mädels.
An einer Straßenkreuzung tippte ihm jemand auf die Schulter. Er erschrak.
Aber dann wandte er sich ruhig um, denn es konnte ja mal auch jemand normales sein.
So war es denn auch. Eine junge Frau, etwa in seinem Alter fragte ihn nach dem Weg, denn sie war fremd in der Stadt.
Aber ihre Art, wie sie nach dem Weg fragte, ließ ihn mal wieder staunen.
Sie konnte weder sprechen noch hören, wusste sich durch ihre offene und quirlige Art aber sehr gut zu helfen.
Paddy zog einen Bleistift und einen Zettel hervor und skizzierte ihr den Weg, den sie erfragte.
Ein Stück begleitete er sie noch und dann winkte er ihr zum Abschied und lächelte sie an.
Sie lächelte zurück und Paddy wurde bewusst, das er schon so lange nicht mehr aus dem innersten jemanden ehrlich angelächelt hatte.
Es tat so gut, jemanden durch ein Lächeln ebenfalls eines zu entlocken.
Beschwingt setzte Paddy seinen Weg fort.
Und er hing weiter seinen Gedanken nach, aber nicht mehr so missmutig wie zuvor.
Die junge Frau und er waren zwar sehr ungleich, aber ein Lächeln hatte sie verbunden.
Man, klang das blöd, wie der Spruch: Lächeln verbindet.
Und wieder grinste Paddy.
Dann bog er in die Straße ein, wo er Barby bei Patricia antreffen würde.
Doch er ging nicht direkt zu ihr.
Er hatte einen Baum entdeckt, der ziemlich hoch war.
Ein Grund darauf zu klettern. Von dort aus lugte er ins Küchenfenster seiner Schwester.
Dann sah er herunter. Aus seiner Vogelperspektive war die Welt so winzig und trotzdem ein Wahnsinns-Wunderwerk.
Einige Minuten später traf er bei seinen Schwestern ein. Barby saß allein in der Küche und freute sich über den Bilderrahmen, auf den sie schon so lange gewartet hatte.
Paddy fragte wo Patricia sei. Sie war im Kinderzimmer mit jemandem.
Patricia, die gerade zum zweiten Mal Mutter geworden war, hatte für daheim und auch für unterwegs nach einer Kinderbetreuung gesucht und eben hatte sich eine junge Frau gemeldet.
Paddy schlurfte neugierig zu seinen beiden Neffen ins Zimmer und das soeben frisch eingestellte Kindermädchen – Paddy erschrak, denn sie war die Frau von vorhin – drehte sich um und lächelte Paddy an. Und er lächelte strahlend zurück.
© Mara
Diese Story hat beim Story-Contest März/April 2004 mitgemacht.
|