September 2002
Völlig durchnässt lief Stella einfach stur geradeaus.
Es goss in Strömen und sie suchte nach einem Unterschlupf.
Sie fand eine Kirche, deren Tore offen waren.
So ging sie hinein. Ganz vorne am Altar saß ein junger
Mann und betete.
Stella nahm einige Reihen hinter ihm Platz.
Er bemerkte sie nicht.
Auch sie begann nun zu beten.
Erst wusste sie nicht wofür.
Doch dann bat sie Gott einfach darum ihr zu zeigen,
wo sie hingehöre, wer sie sei und was das Leben noch
bereithielte für sie.
Ihr wurde es warm ums Herz und sie fror nicht mehr.
Der junge Mann wandte sich um und sah genau in ihre Augen.
seine waren tiefblau und so unendlich klar.
Stella dachte, das sie einen Engel vor sich hatte.
Doch der Blick des jungen Mannes schien durch sie
hindurch zu gehen.
Sie stand auf, ging in Richtung Kirchentür.
Sie wusste nicht warum.
Dann sah sie am Eingang ein zusammengekauertes Bündel
Mensch liegen.
Stella erschrak.
Das war sie!
Sie wollte schreien, doch es ging nicht.
Stattdessen pfiff der eisige Wind so, das der junge Mann
aufstand und die Türe schließen wollte.
Nun erschrak auch er und stürzte auf das leblose Mädchen.
Er nahm sie hoch und brachte sie in die Kirche.
Dann begann er sie zu beatmen, denn der Puls schlug noch.
Stella fühlte plötzlich, das sich etwas tat.
Es schien, das sie noch eine Chance bekam zu leben.
Ihr Geist kehrte in ihren Körper zurück.
Sie schlug die Augen auf und blickte wieder in diese
Tiefblauen, glasklaren Augen, die nun auf sie gerichtet waren.
Behutsam strich er eine nasse Strähne aus ihrer Stirn.
Dann hob er sie hoch und trug sie aus der Kirche hinaus.
Nach vielen, vielen Metern schienen sie angekommen zu sein.
Sie hatte zwischenzeitlich einige Male das Bewusstsein verloren.
Als sie nun wieder wach wurde, lag sie in einem warmen Bett.
Der junge Mann saß am Bett und schien unendlich erleichtert,
das sie nun die Augen aufschlug und ihn anlächelte.
So sahen sie sich eine Weile an und fühlten diese Wärme.
Nachdem Stella wieder in einen langen, traumlosen Schlaf fiel,
ging der junge Mann aus dem Raum und traf auf seine Schwester.
-"Wie geht es dem armen Ding, Paddy?"
Patricia sah sehr besorgt aus und wollte zu ihr.
-"Nein, lass sie schlafen. Sie ist sehr schwach. Bald kommt auch der Arzt."
Patricia nickte und hakte sich bei Paddy unter.
-"Du hast ihr das Leben gerettet, kleiner Bruder."
Paddy sah sie an.
-"Das hättest du doch auch getan, wenn du dort gewesen wärst."
-"War ich aber nicht. Du warst dort. Du hast sie gefunden. Weißt du, wer sie ist?"
-"Nein, sie war ja leblos und bis jetzt hat sie noch kein Wort gesagt. Vielleicht kann sie auch nicht reden. Kann ja sein, das sie stumm ist.
Aber sie hat ein wunderschönes Lächeln. Wie ein Engel. Nicht, das du nun schon wieder denkst, das ich verliebt bin, aber sie bezaubert einen."
-"Nein, das hatte ich nicht vor, dir zu sagen. Lass uns einen Tee aufsetzen. Sie wird ihn brauchen."
Eine Ewigkeit später wurde Stella wach und versuchte aufzustehen.
Sie sackte vor dem Bett jedoch wieder zusammen.
Paddy hörte das und kam herbeigeeilt.
Er half ihr auf und brachte sie in die Küche seiner kleinen Wohnung.
Auch Patricia war noch da.
Sie reichte ihr einen Tee und lächelte sie lieb an.
Sie sagte, das sie schon untersucht worden sei und auf dem Wege der Besserung.
-"Na, fühlst du dich etwas besser?"
Stella nickte und lächelte zurück.
-"Ich... Ich weiß gar nicht ob und was ich vorher gefühlt habe.
Ich weiß noch nicht mal, welcher Tag heute ist und wo ich bin."
-"Heute ist Samstag. Es ist September und du bist hier bei Paddy in der Wohnung.
Ich bin seine Schwester Patricia. Kennst du uns vielleicht?"
-"Du bekommst ein Baby? Wie schön."
Stella sah auf Patricias kugelrunden Bauch.
-"Ja. Es wird ein Junge. Wir haben noch viele Geschwister, die auch schon Familie haben.
Angelo hat zwei Kinder und Joey erst mal eins und..."
Patricia erzählte von ihrer Familie und Stella hörte gespannt zu.
Sie fühlte sich sehr wohl in dieser Umgebung.
Der junge Mann aus der Kirche, der ihr das Leben gerettet hatte,
saß schweigend neben seiner Schwester.
-"Bist du stumm?", fragte Stella dann frei heraus.
Da lachte Paddy auf.
-"Das habe ich eigentlich eher bei dir vermutet, da du bis eben gar nicht geredet hast."
Sie lächelten sich an.
Patricia stand auf, denn sie wollte zu ihrem Mann.
Paddy brachte sie zur Tür.
Dann ging er wieder zu Stella.
-"Wie heißt du?"
-"Stella. Das ist aber auch das einzige, was ich von mir weiß."
-"Wie bitte? Mehr weißt du nicht? Und dein Alter? Wo wohnst du?"
-"Das weiß ich nicht. Ich weiß eigentlich nur, das ich auf dem Weg war,
mir einen warmen Unterschlupf zu suchen, dann..."
Stella stockte, doch dann erzählte sie ihm, wie sie die Situation in
der Kirche erlebt hatte.
Sie dachte, das er ihr nicht glauben würde, doch er glaubte ihr und
war völlig ergriffen.
-"Ich hätte nie gedacht, das es das gibt, das man sich selber sehen kann,
wenn man noch nicht bereit ist zum Sterben.
Oder das man ein Licht sieht. Doch du beweist mir das Gegenteil."
Nachdem er sie in sein Bett gebracht hatte zog er sich auf die Couch zurück.
Er dachte über diesen ereignisreichen Tag nach.
Über diese junge Frau, die nichts über sich wusste.
Was war ihr wohl zugestoßen?
Warum konnte sie sich an nichts erinnern?
Wie lange dauerte dieser Zustand wohl schon an?
Am nächsten Morgen schaffte es Stella alleine aus dem Bett.
Sie tapste langsam in die Küche, wo sie am Vorabend mit Paddy
und Patricia gesessen hatte.
Bei Tageslicht wirkte es ganz anders, aber nicht weniger gemütlich.
Da schlurfte auch schon Paddy an.
Was er wohl vergessen hatte war, das er meistens nackt schlief und
das auch immer noch war.
Stella wandte sich verschämt ab.
Da bemerkte er dann auch, warum sie beschämt war.
Er suchte seine Shorts und kam dann wieder.
-"Entschuldige bitte. Aber ich schlafe immer nackt und laufe dann frühmorgens auch so herum.
Es tut mir leid, wenn du meinetwegen beschämt bist."
-"Das ist schon okay. Ich... ich habe ...ich kann nicht darüber reden. Entschuldige."
Paddy nickte verständnisvoll und machte Tee.
Dann deckte er den Tisch.
Dann öffnete er kurz die Wohnungstür, holte die gelieferten Brötchen
– frisch vom Bäcker – herein und bat zu Tisch.
-"Es ist schön, dich als Gesellschaft zum Frühstück zu haben.
Ich frühstücke oft alleine, seit ich nicht mehr im Schloss wohne.
Abends ist immer wer da, aber morgens nie."
Stella wurde rot.
Es gab jemanden, der ihre Gesellschaft genoss.
Sie konnte sich nicht erinnern, ob und wann es so etwas schon mal
in ihrem Leben gegeben hat.
Paddy schien ihre Gedanken lesen zu können.
-"Sag' mal, wenn du nicht weißt, wo du her kommst und wo du hin musst,
dann bleib einfach eine Weile hier. Es würde mich freuen.
Ich fühle mich oft einsam und du wärst bestimmt eine sehr angenehme Mitbewohnerin."
-"Aber, ich weiß nicht, ob das geht. Ich weiß nicht, ob ich irgendwo gemeldet bin und..."
-"Das können wir ja zusammen nach und nach herausfinden, wenn ich dir dabei helfen darf."
Stella nickte.
-"Wie kommt es, das du deinen Namen weißt, aber sonst nichts? Ich weiß, ich bin furchtbar neugierig.
Darf ich das fragen?"
-"Ich wurde von den Leuten aus der Obdachlosenunterkunft so getauft.
Dort bin ich irgendwann mal wach geworden.
Ich war wohl stark verletzt, Getreten und geschlagen, oder so. Ich weiß es nicht mehr genau.
Und da ich wohl funkelnde Augen habe, sagten die anderen, nannten sie mich Stella.
Damit ich einen Namen habe."
-"Stella passt zu dir. Deine Augen funkeln wirklich. Stella Sternenkind."
Paddy lächelte sie an und ihr wurden die Knie ganz weich.
Wie gut, das sie saß.
Aber sie kannte ihn doch erst einen Tag.
Wie konnte man da schon solche Gefühle empfinden?
-"So, nun gehen wir erst mal zu Patricia und dann bekommst du ein paar frische Sachen, die Frauen tragen können."
Stella sah an sich herunter.
Sie trug zerlumpte Kleidung, wohin sie auch blickte.
Paddy legte ihr eine Hose, einen Pullover und einen Mantel hin.
-"Mehr kann ich im Moment nicht bieten, aber bis zu meiner Schwester kann ich dich darin mitnehmen."
Ganz breit war sein Grinsen.
Einige Zeit später kam Stella aus dem Bad.
Seine Klamotten waren ihr zu groß.
Nicht viel, da Paddy auch nicht gerade dick war, eher etwas zu schmal
für einen jungen Mann in seinem Alter, aber Stella war noch
zierlicher und sah recht putzig in seiner Kleidung aus.
Eine halbe Stunde später waren die beiden bei Patricia und dann
ging es daran, Kleider anzuprobieren.
Am Ende der "Modenschau" entschied sich Stella für ein
bodenlanges bordeaux-farbenes Kleid.
Dazu zog sie einen ebenso langen dunkelblauen Mantel an.
Beides war aus Pannesamt.
Paddy war hin und weg, als er Stella in ihrem neuen Outfit sah.
-"Wow, du siehst toll aus! Das steht dir wunderbar!"
Auch Patricia war entzückt von Stella.
Sie sah aus wie eine kleine Fee.
Danach gab es erst mal Mittagessen.
Patricia hatte Spaghetti Bolognese gekocht und Dennis
kam auch noch hinzu.
So wurde erst mal gespeist.
Er hatte am Abend zuvor von Patricia erfahren, was passiert war.
Nach dem Essen schlug er Stella vor, das man zusammen zum
Einwohnermeldeamt gehen könne, um über sie nachzuforschen.
Stella nickte dankbar, denn sie wollte ja wissen, wer sie war.
So machten sich die vier dann auf den Weg dorthin.
Doch so auf die Schnelle konnte man dort auch nichts machen.
Dennis schlug vor, das man Stella fotografieren sollte,
dann könnte man ja in Vermisstenanzeigen sehen, ob sie dabei ist.
Die Beamten waren damit einverstanden.
Also ließ Stella sich fotografieren.
Nun konnten sie wieder gehen und nur hoffen, das es bald
Antworten geben würde. Paddy nahm Stella in den Arm und
gab ihr einen leichten Kuss auf die Wange.
Er merkte, das Stella dies etwas unangenehm war.
Also ließ er ab und meinte zu Patricia, das er mit Stella heim ginge.
Patricia nickte, hakte sich bei ihrem Mann unter und ging mit ihm heim.
Paddy fragte Stella, ob er sich bei ihr unterhaken dürfe.
Sie nickte, lächelte und schmiegte sich hilfesuchend an ihn.
Stella merkte, das sie vor Paddy keine Angst haben musste.
Obwohl sie nicht wusste, was ihr widerfahren war, wusste sie,
das es etwas unangenehmes mit einem Mann war.
Aber sie merkte, das er – Paddy – und seine unheimlich liebe
Familie ihr gut taten und sie unterstützten.
Und das, obwohl sie kein Familienmitglied war,
sondern vor einer Kirche halbtot gefunden wurde.
Langsam beschlich sie ein Gefühl. Es war ein wunderschönes Gefühl.
Sie war dabei sich zu verlieben.
Ob das so gut war?
Paddy hatte doch davon geredet, das er sich freue,
eine nette Mitbewohnerin zu haben.
Von mehr war nicht mal andeutungsweise die Rede gewesen.
Als sie bei Paddy angekommen waren, bat er sie noch mit um
das Gebäude zu kommen. Dahinter war ein wunderschöner Rosengarten. Er kramte eine Kamera hervor und fragte, ob er sie fotografieren dürfe.
-"Du, da habe ich doch seit heute morgen Übung drin."
Sie lachte und ließ sich knipsen.
In diesen Samtkleidern passte so wunderbar in den Rosengarten,
das Paddy fast das Herz zersprang.
Er war so hin und weg von ihrer bezaubernden Art.
Sie hatte es ihm angetan, dabei kannte er sie noch nicht Mal 24 Stunden.
Am Abend machte Stella es sich auf der Couch bequem.
Paddy sah sie verdutzt an.
-"Du kannst doch im Bett schlafen."
-"Das ist dein Bett. Ich schlafe hier. Es ist sehr bequem hier."
-"Nein, du musst dich noch schonen..."
So ging das einige Zeit hin und her.
Dann gab Paddy nach und ließ sie auf der Couch schlafen.
Doch beide fanden sie keinen Schlaf.
Stella stand auf und ging zum Fenster.
Kurze Zeit später stand Paddy neben ihr.
Er sah, das sie weinte.
-"Was ist denn los mit dir? Warum weinst du?"
-"Ich... ich weiß nicht. Warum weiß ich nicht, wer ich bin?"
Paddy konnte ihr keine Antwort geben.
Er nahm sie in den Arm und strich ihr durch die Haare.
Stellas Schluchzen ließ langsam nach und sie blickte zu Paddy.
Ganz sanft gab er ihr einen Kuss auf den Mund.
Dann nahm er ihre Hand und sie gingen zum Bett.
Ganz eng kuschelten sie sich aneinander und endlich konnten sie einschlafen.
Am nächsten Morgen war Stella schon in der Küche,
als Paddy wach wurde und das Bett so leer war ohne sie.
Er tapste in Shorts zu ihr und fand einen fertig gedeckten Tisch
mit Brötchen, Spiegeleiern und Speck vor.
Stella lächelte ihn an und goss ihm einen Kaffee ein.
-"Guten Morgen Paddy. Hast du gut geschlafen?"
-"Mit dir an meiner Seite bestimmt."
Er war glücklich. In Stella hatte er eine Frau gefunden,
die mit ihm ganz auf einer Wellenlänge war.
Das spürte er und das sah er.
Sie war so anmutig und so sensibel.
Sensibel war auch er.
Und deswegen brauchte er Stella.
Und Stella brauchte ihn.
Nicht, weil er ihr das Leben gerettet hatte.
Nein, weil es Bestimmung war.
Das spürten sie beide.
Dazu brauchten sie sich nur anzusehen.
Gegen Mittag kamen Patricia, Dennis und Maite vorbei.
Es wurde nichts, aber auch gar nichts in den Dateien des
Einwohnermeldeamtes gefunden.
Stella war entsetzt.
-"Das gibt es doch nicht! Es kann doch nicht sein, das es mich nicht gibt. Ich bin doch hier!"
Sie brach fast zusammen.
-"Hey. Stella, da werden wir doch nicht so einfach aufgeben!"
Paddy versuchte sie zu trösten.
-"Zur Not muss man dir ein etwaiges Geburtsdatum zuordnen und einen Namen geben."
Stella sah ihn an. Sie wischte sich die Tränen fort.
-"Ich möchte wer sein. Ich möchte kein Niemand mehr sein. Es ist so schrecklich, nichts von sich zu wissen. Es ist, als ob man geboren wurde vor nicht allzu langer Zeit und schon vieles kann und weiß, aber nichts über sich selber. So zermürbend."
Ganz fest hielt Paddy seine Stella im Arm.
Sie beschlossen, sofort zum Amt zu gehen und etwas zu machen.
So konnte das ja nicht weiter gehen.
Das Stella weder vermisst noch irgendwo was über sie gefunden wurde, war schon eigenartig.
Aber sie konnte ja nicht ohne alles leben.
Man musste ihr einen Namen und ein in etwa ausgerechnetes Geburtsdatum zuordnen.
Nach drei Stunden trafen Paddy und Stella wieder auf den Rest der Familie.
-"Und? Was ist nun? Was konnte man denn erreichen?"
-"Immerhin habe ich jetzt einen offiziellen Namen und eine Adresse."
-"Und der wäre???"
Maite war aber auch zu neugierig.
-"Nun, Paddy meinte, das ich euren Nachnamen benutzen darf. Und Stella bleibt nun ganz offiziell mein Name. Als Adresse ist die von Paddy eingetragen."
-"Das ist doch prima! Darauf müssen wir jetzt aber anstoßen!"
Maite hatte noch einen Wein aufgetrieben, mit dem sie auf Stellas
neue Identität anstießen.
Auch Stella war um einiges glücklicher als noch Stunden vorher.
November/Dezember 2002
Der Winter kam auf leisen Pfoten.
Ende November schneite es zum ersten Mal. Patricia, gerade
frisch gebackene Mama, hatte gerade ihren Geburtstag gefeiert und
nun standen Maites und Paddys Geburtstage an.
Stella machte sich mit Patricia an die Arbeit, etwas für die beiden zu organisieren.
Patricia und Barby brachten ihr Nähen und sticken und sogar stricken bei.
Und so war Stella damit beschäftigt, ihrem Schatz und seiner Schwester
ganz besondere Geburtstagsgeschenke zu machen.
Die Geschwister hatten vor von einem Geburtstag in den nächsten zu feiern.
Früh an Maites großem Tag legte Stella ihr Geschenk vor die Tür und
stapfte durch den Schnee zurück nach Hause.
Maite freute sich riesig über ihr Geschenk, ein wunderschönes
Kleid aus violettem Pannesamt mit edlen Stickereien.
Dazu ein passendes Haarband und Halsschmuck.
Am Abend zog Maite es dann an um es sofort zu präsentieren.
Stella freute sich, das es Maite gefiel.
Es war eine relativ ruhige Feier, da durch den Tod des Vaters im
Sommer die Stimmung nicht die beste zum feiern war.
Aber man tanzte ein bisschen und unterhielt sich angeregt.
Halt eher ein normales Zusammentreffen der Familie.
Denn das fand außer zu den Konzerten eher nur an den Geburtstagen statt.
Dann ging es auf Mitternacht zu und Stella holte ihr
Geschenk für Paddy hervor.
Auch dies waren selbstgenähte und bestickte Kleider.
Eine dunkelbraune Cordhose und ein besticktes hellbraunes Hemd.
Paddy gefiel es natürlich, weil er merkte, wie viel Liebe darin steckte.
Und ansonsten trug er sowieso gerne Cordkleidung.
Bis in die frühen Morgenstunden tanzten und kuschelten die
beiden miteinander.
Dann holte auch Paddy ein Päckchen hervor.
-"Für meine Stella Sternenkind. Da du nicht weiß, wann du Geburtstag hast, lass uns ihn immer gemeinsam feiern."
Er gab es ihr. Darin waren eine silberne Kette mit einem halben
Herz und ein silberner Ring mit ihren beiden Namen.
Paddy legte ihr die Kette um den Hals und streifte den Ring über
ihren linken Ringfinger.
Dann wies er daraufhin, das er dasselbe trug und Stellas Augen glitzerten vor Tränen.
Sie versanken in einem tiefen Kuss.
Der Dezember neigte sich dem Ende zu.
Weihnachten feierte die Familie ja sowieso erst am 06. Januar,
aber es kam auch gar keine Weihnachtsstimmung auf.
Der Tod des geliebten Vaters hing der ganzen Familie nach.
Paddy sprach viel mit Stella über seine Gefühle.
Klar, nun musste der Vater nicht mehr ständig leiden unter den
unerträglichen Schmerzen und er war nun bei der Mama,
die auch schon zwanzig Jahre tot war.
Das man nun ganz elternlos war, tat ziemlich weh.
Und Stella konnte das nur zu gut nachvollziehen.
Denn sie wusste nichts von Familie, ob sie noch Eltern hatte geschweige
denn Geschwister.
Stella und Paddy lagen halt in vielen Dingen absolut auf einer Wellenlänge.
Sie saßen oft Tag und Nacht beisammen und redeten, redeten, redeten.
Nun waren sie schon gut drei Monate ein Paar und fühlten,
als würden sie sich schon seit Jahren kennen.
-"Noch fünf Minuten bis zum neuen Jahr!" brüllte Maite und wies ihre Geschwister daraufhin sich zusammenzufinden.
Alle, sogar Kathy mit Sohn Sean, waren bei Paddy eingetrudelt.
Es lief fetzige Musik und Maite hatte ein Wahnsinnsbuffet aufgefahren.
Und ein bisschen was zu trinken gab es auch.
-"Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins...yeah!!!"
-"Frohes neues Jahr!"
-"Alles gute im neuen Jahr!"
-"Guten Rutsch ins neue Jahr!"
So ging das durcheinander.
Paddy und Stella hatten sich dezent zurückgezogen und verbrachten
das neue Jahr auf ganz andere Art und Weise.
Das merkte niemand, denn für das Feuerwerk war die ganze
Familie rausgegangen.
Bis auf Paddy und Stella natürlich.
Januar 2003
Die ersten Wochen des neuen Jahres waren recht ruhig.
Es standen kaum Auftritte an.
Paddy promotete seine Single und auch das Album IN EXILE.
Stella war oft im Hintergrund mit dabei.
Noch wusste kein Fan, das Paddy in festen Händen war.
Er bangte ein bisschen über die eventuellen Reaktionen der Fans.
Bei Angelo hatte es kaum Probleme gegeben, bei Joey und Patricia
sowieso nicht.
John war mit seiner Mayte glücklich, aber er – Paddy – war seit
dem der Ruhm da war, der Liebling.
Da würde es auf jeden Fall heftige Reaktionen geben.
Stella wollte aber auch noch nicht, das er sich zu ihr bekannte.
Er sollte erst mal in Ruhe seine Solokarriere ankurbeln.
Ohne Probleme von außen und schon gar nicht durch sie.
Sie wollte keine Probleme machen.
Doch Paddy wollte Stella nicht mehr länger vor den Fans verstecken.
Er grübelte wann, wo und wie er Stella öffentlich bekannt machen könnte.
Da sie gut zeichnen konnte und das auch irgendwann beruflich
machen wollte, ließ er sie einige Zeichnungen von ihm anfertigen
und stellte die mal so nebenbei in einer Sendung vor.
Dann bat man die junge Künstlerin dazu.
Noch wurde nicht gesagt in welchem Verhältnis sie zu Paddy stand.
Nur als Stella wurde sie dort vorgestellt.
Das sollte auch noch nicht sein.
Da hatte Stella drum gebeten.
Erst mal bekam sie massenweise Anfragen zu ihren Bildern.
Viele Prominente und auch normale Leute wollten nun von ihr
gezeichnet werden.
Paddy hatte mit ihr eine Homepage erstellt, wo sie die Anfragen
bearbeiten konnte.
So hatte auch Stella endlich eine Aufgabe.
Denn oft hatte sie sich sehr nutzlos gefühlt.
Während Paddy Auftritte hatte, konnte sie zeichnen und auch Kleider nähen.
All die Dinge, die sie gerne machte.
Die Kleider wurden auch auf der Homepage angepriesen.
Besonders viktorianische Kleider, ähnlich wie von Sissi, waren ihr Bereich.
An einem Abend kam Paddy mit einem Strauß roter und weißer Rosen
an und bat sie um ihre Hand.
Stella stand wie angewurzelt da und hatte schon wieder Tränen in den Augen.
-"Ich weiß, das wir noch nicht standesamtlich heiraten können, aber innerhalb der Familie können wir schon eine Trauung organisieren. Stella, ich liebe dich und möchte ewig mit dir zusammensein. Du machst mich glücklich und hast mein Leben so bereichert, wie es kein anderer bisher geschafft hat. Willst du meine Frau werden?"
-"Ja, ich will. Ich liebe dich auch... ich liebe dich!!!"
Stella fehlten die Worte.
Sie stand völlig aufgelöst vor Paddy und er hielt ihre Hand in der seinen.
Dann öffnete er einen Beutel und warf ihn in die Luft.
Plötzlich regnete es rote und weiße Rosenblüten auf Stella.
Er umarmte sie und küsste sie innig und wollte sie gar nicht
mehr loslassen.
März/April 2003
Langsam wurde es Frühling.
Paddy und Stella bereiteten alles für die Hochzeit innerhalb der
Familie vor.
Die Hochzeit sollte in Irland stattfinden.
Paddys Geburtsland und seit einiger Zeit Traumland von Stella.
John und Mayte kamen aus Spanien. Kathy und Sean kamen dazu.
Patricia, Dennis und Baby Alexander, Angelo, Kira, Gabriel und
Helen Josephine, Joey, Tanja und Luke, Maite, Jimmy und Barby.
Stella trug ein traumhaftes weißes Kleid, das sie gemeinsam mit
Barby geschneidert hatte.
Es war über und über bestickt mit feinen Perlen, die in der
Märzsonne schimmerten.
Ihre langen Haare waren hochgesteckt und einige Strähnen zu
Kringellöckchen gedreht.
Paddy trug einen weißen Anzug, der unübersehbar zu Stellas Kleid passte.
Seine Haare musste er ja nun schon seit einiger Zeit nicht mehr frisieren,
da er eine Kurzhaarfrisur hatte.
Als er Stella erblickte, musste er die vor Glück kommenden Tränen
zurückhalten.
Ihr Anblick haute ihn einfach um.
Ein irischer Pfarrer traute das junge Paar.
Sie lasen sich selbstverfasste Gelöbnisse vor.
Luke, Sean und Gabriel streuten – was auch sonst – rote und weiße
Rosenblüten.
Und das alles war ziemlich geheim gehalten.
Es war nur die Familie da und nur die machten Fotos.
Einen Monat nach der Hochzeit.
Stella zeichnete ein Hochzeitsfoto nach.
Es sollte dann ins Wohnzimmer, in einem riesigen Rahmen.
Paddy freute sich schon darauf.
Stella hatte seit einiger Zeit Übelkeit, wo Paddy schon scherzhaft meinte,
das etwas unterwegs sei.
Nun hatte sie einen Test gemacht und stellte fest,
das es nun wirklich so war.
Sie war schwanger.
Sie wartete darauf, das Paddy nach Hause kam um ihm die
Nachricht mitzuteilen.
Ein bisschen hatte sie die Befürchtung, das ein Baby nun gar nicht
in seine Planung passe.
Am Abend kam er nach Hause und Stella empfing ihn mit einem
Candle-light-Dinner.
Er freute sich natürlich sehr darüber und ahnte wohl auch schon
warum das alles so hergerichtet war.
Aber er sagte nichts. Er wollte, das sie es ihm sagte, was er vermutete.
-"Also, ich wollte dir etwas sagen...", begann Stella dann, "es ist so..."
Stella wusste nicht, wie sie beginnen sollte.
-"Nun, wir bekommen ein Baby."
Jetzt war es heraus. Ein wenig ängstlich sah sie nun zu Paddy.
Doch er strahlte sie nur an.
-"Weißt du denn schon wie weit du bist? In wie viel Monaten kommt unser Baby?"
-"Ich habe heute morgen einen Test beim Arzt gemacht und der meinte, das ich in der sechsten Woche bin."
Paddy strahlte so sehr, das Stellas Ängste ganz plötzlich verschwanden.
Am nächsten Morgen kam ein Einschreiben für Stella.
Es war vom Einwohnermeldeamt:
Sehr geehrte Frau Kelly,
wir möchten Ihnen mitteilen, das wir sie in unserer Datei als
Joelina Schneider ausfindig gemacht haben.
Geboren wurden sie am 05.12.78 in Köln.
Leider müssen wir Ihnen auch mitteilen, das alle
Angehörigen, die bei uns verzeichnet sind, verstorben sind.
Sie haben vor X Monaten den Namen Kelly angenommen
und leben bei einer Familie.
Teilen sie uns bitte mit, ob der aktuelle Name, den Sie haben,
auch Ihr Name bleiben soll.
Ihre standesamtliche Hochzeit können sie nun jederzeit
durchführen.
Mit freundlichen Grüßen
XXX
Stella rief sofort nach Paddy und hielt ihm den Brief unter die Nase.
Er jubelte mit ihr, das sie nun endlich wusste, wann sie zur Welt
kam und woher sie kam.
Erstaunt war er darüber, das sie wirklich auch am 05. Dezember
Geburtstag hatte.
-"Als wäre es eine Intuition. Wahnsinn! Oh, Stella! Ich bin so glücklich für dich!"
-"Ich bin auch so glücklich. Es klingt dumm, aber über den Tod meiner Angehörigen kann ich nicht traurig sein, weil ich nichts über sie weiß. Ich habe eine Familie. Ich habe dich. Ich werde ein Kind mit dir haben. Und deine Familie hat mich auch angenommen. Was will ich mehr?"
-"Was willst du mehr? Ich möchte mit dir viele Kinder haben. Mindestens drei, aber lieber mehr! Und alle sind es unsere Sternenkinder, meine liebste Stella! Du bist mein unendliches Glück!"
-"Oh, ich bin so sprachlos..."
Zwei Monate später erfuhren die beiden noch etwas besonderes.
Sie würden nicht nur ein Baby, sondern zwei bekommen.
Es würden Zwillinge werden.
Sie wussten auch schon, das es ein Pärchen werden würde.
Und so legten sie die Namen schon mal fest.
Daniel, im Gedenken an den Vater und Rose, weil sie Rosen so liebten.
Dezember 2003
Am Heiligabend setzten bei Stella die Wehen ein.
Sie kamen jedoch in so kurzen Abständen, das es für eine Fahrt
ins Krankenhaus zu spät war.
So musste Paddy seine Frau, die er einen Monat zuvor noch standesamtlich geheiratet hatte, ganz alleine unterstützen, bis ein Arzt eintraf.
Erst half er seinem Töchterchen Rose Joelina auf die Welt,
ein paar Minuten später kam Daniel Michael nach.
Dann traf auch endlich ein Arzt ein.
Er untersuchte die Zwillinge und die junge Mama – alle wohlauf.
Paddy erzählte seinen Kindern, das auch er so vor 26 Jahren auf die Welt gekommen war, mit der Hilfe seines Vaters.
Dieses Gefühl brachte ihn so nah an seinen Vater, das er fast die Hand
auf seiner Schulter zu spüren schien, als würde er ihm sagen wollen:
" DAS HAST DU GUT GEMACHT, MEIN SOHN!"
Am nächsten Morgen trafen auch einige der Geschwister ein und beglückwünschten die frischgebackenen Eltern.
Patricia und Dennis würden bald auch zum zweiten Mal Eltern
werden und auch Joey und Tanja sahen wieder Elternfreuden entgegen.
Nun war es für Paddy entgültig an der Zeit den Fans seine Familie zu präsentieren.
Er ließ einen Fotografen und ein paar von der Zeitung kommen.
Als sie gefragt wurden, wie sich kennen gelernt hatten, antworteten sie
fast wie aus einem Mund, das es in einer Kirche war.
Sie erzählten, das sie sich seit September 2002 kannten und es eine tiefe,
wunder volle Beziehung war, dessen Krönung die Geburt der
Zwillinge Rose und Daniel war.
An zweiter Stelle stand natürlich die Hochzeit.
So folgten Fragen und Antworten und nach einer Stunde war
das Interview vorbei.
Dann ging es daran ein paar Fotos zu machen.
Man wählte einen Rosengarten, da das so wunderbar zu den
beiden passte, weil sie Rosen so liebten.
So war auch das erledigt.
In ein paar Tagen sollte dies dann veröffentlicht werden.
Stella hatte ein bisschen Angst vor negativen Reaktionen.
Doch Paddy meinte, das wenn es wirklich zu schlimm würde,
würden sie nach Irland ziehen.
Das beruhigte sie ein wenig.
Dann kam der Tag, an dem es in einigen Zeitungen stand.
Stella hatte gar nicht daran gedacht, das es soweit war.
Sie war alleine unterwegs, die Zwillinge waren bei Maite.
Als sie durch eine Einkaufsstrasse ging, packten sie drei Mädchen
und schmissen sie zu Boden.
Sie brüllten sie an, schlugen auf sie ein und traten sie,
bis Stella sich nicht mehr regte.
Einige Passanten hatten versucht einzugreifen,
aber diese Mädchen waren so brutal, das nichts ging.
Erst als man einen Notarztwagen in der Ferne zu hören war,
ließen die drei von Stella ab und flüchteten.
Ein Passant rannte hinterher, so das sie auch der Polizei
Auffielen und sie festgenommen wurden.
Währenddessen wurde Stella verarztet.
Sie war glücklicherweise nicht sehr schlimm verletzt und
konnte sofort nach Hause gehen.
Als Paddy sie so sah, wurde er wütend und beschloss sofort
woanders hinzuziehen.
April 2004
Mitte April war es dann soweit.
Paddy, Stella und die Zwillinge Daniel und Rose bezogen
ein kleines Haus in Cobh in Irland.
Es war in der Gegend, wo die ganze Kelly Family früher in
einem Schloss gelebt hatten.
Das Meer war in der Nähe und es war einfach eine
wundervolle Ruhe.
Stella hatte seit dem Vorfall Albträume.
Nach und nach kamen Bilder, von denen sie noch nie etwas wusste,
aber sie wusste, das es ihr geschehen war.
Sie sah in diesen Albträumen eine große, männliche Gestalt.
Er fiel über sie her, vergewaltigte sie.
Plötzlich sah sie sich selber.
Sie war noch ein kleines Mädchen.
Vielleicht gerade mal neun oder zehn Jahre alt.
Als sie wach wurde, erzählte sie Paddy davon.
Liebevoll nahm er sie in den Arm.
-"Ich weiß, das es vielleicht nicht hilft. Aber es ist ja eigentlich
aus einem anderen, deinem früheren Leben. Meinst du, das du
dann leichter darüber hinweg kommen kannst?"
-"Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es zutiefst."
-"Ich werde für dich da sein. Stella, ich liebe dich so sehr."
Stella schmiegte sich an ihren Mann und fühlte sich sehr
geborgen und geliebt.
Als wenn sie das Gefühl hätte, das es so eine tiefe Liebe in
ihrem früheren Leben nicht gegeben hatte.
Einige Jahre später hatten sie schon fast ihre eigene Kelly Family.
Nach den Zwillingen kamen in zwei Jahres Abständen Hanna Chiara, Noah Jerome, Barbara Patricia und Andrew Joseph.