Ich war heute Einkaufen. Bei unserem letzten Konzert konnten wir so viel sammeln, daß jeder noch 50DM zur freien Verfügung hat. Langsam geht es bergauf mit unserer Karriere. Auf jedenFall erzählte mir Patricia von dem Flohmarkt, den sie bei ihrem Spaziergang entdeckt hatte und dahin machte ich mich jetzt auf. Wäre doch gelacht, wenn ich nichts schönes fände. So lief ich also durch die kleinen Strassen, die Sonne glitzerte zwischen dem frischen Grün der Bäume hervor und ein warmer Frühlingswind wehte mir um die Nase.
Schon hatte ich den Marktplatz erreicht. Als erstes fiel mir ein großer Blumenstand auf. Die Tulpen und Veilchen leuchteten in den tollsten Farben. Ich war glücklich. Am Liebsten wäre ich über den Platz getanzt oder hätte die ganze Welt umarmt, wäre sie nicht so groß. Ich schlenderte zwischen den einzelnen Ständen umher und lächelte meine Umgebung zufrieden an. Mit dem ein oder anderen Standbesitzer wechselte ich ein paar freundliche Worte. Die Atmosphäre an diesem Ort gefiel mir. Es herrschte ein glückliches aber reges Treiben. Die Menschen waren aus ihrem Winterschlaf aufgewacht, sie ließen sich aber noch nicht hetzen, sondern genossen die ersten warmen Strahlen der Sonne.
Zwischen zwei Birken versteckt bemerkte ich noch einen weiteren Stand. Aus der Ferne sah es so aus, als ob dort leichte Sommerkleider angeboten waren. Zuversichtlich schritt ich auf die wehende Stoffe zu. Und wirklich, nach nur kurzem Suchen entdeckte ich ein Kleid, welches in den schönsten Farben leuchtete. Es kam mir vor, als gehörte es der Frühlingsfee persönlich. Ich lachte die junge Frau, die hinter dem Tisch stand, an und fragte sie höflich nach dem Preis. Mein Traumkleid kostete nur 35DM, daß konnte ich mir guten Gewissens leisten. Außerdem würde es bestimmt eine Weile halten, denn der Stoff war Qualitativ sehr gut. Baumwolle und Seide, damit liegt man selten falsch. Als ich mich zum Gehen wand, fragte mich die Verkäuferin noch , ob ich nicht eine von denen sei, die gestern so schön vor dem alten Rathaus gesungen haben? Ich bejahte ihre Frage. Vielleicht würden wir ja wirklich eines Tages berühmt werden?! Dann erkennen uns noch mehr Leute und erzählen uns, wie sehr sie unsere Konzerte genießen. Nachdem ich ihr noch erzählte, daß wir am Nachmittag ein weiteres Konzert geben würden verabschiedete ich mich mit einem riesigen Lachen und verschwand in Richtung Zeltplatz, wo meine Familie und ich, die Tage, die wir hier an der Ostsee waren, lebten.
Die meisten meiner Geschwister hielten sich am Strand auf, nur Kathy und ihr Freund Vincent saßen in der Sonne und philosophierten über das Leben. Bevor ich anfing unseren Wohnwagen auszufegen führte ich den Beiden noch mein neuerworbenes Kleid vor, welches sie auch gleich anerkennend Würdigten. Singend und tanzend begann ich nun die Betten auszuschütteln und die Fenster zu putzen. Komisch, wie man jedes Jahr im Frühling das Verlangen verspürt auszumisten und aufzuräumen...
Schließlich machte ich mich auf den Weg zum Strand, um meine Geschwister fürs Abendbrot zusammen zu trommeln. Der weiße Sand fühlte sich herrlich an unter meinen nackten Füßen, das Rauschen des Meeres erzählte von fernen Ländern... Wiedereinmal bekam ich einen Kloß im Hals, als ich das Meer betrachtete. Es übermittelte mir ein Gefühl von Freiheit und Weite, das mich einerseits glücklich machte, mir andererseits auch mal wieder zeigte, wie klein und schwach man doch im Gegensatz zur Natur ist.
Es dauerte eine ganze Zeit, bis ich all meine Brüder und Schwestern gefunden hatte, aber schließlich machten wir uns doch auf den Rückweg. Ich pflückte noch ein paar Blumen, die ich am Wegesrand fand. So erhielt der Frühling auch Einzug in unsere kleine Sitzecke im Wagen.
Abends saß ich noch lange wach und blickte gemeinsam mit Patrick in den unendlichen Sternenhimmel...
Ich erwachte durch das schrille Klingeln meines Weckers. Es konnte doch nicht sein, daß die Nacht schon vorbei war?! Naja, vielleicht hatten wir gestern Abend ein wenig zulange geredet. Aber es war ja auch soviel zu organisieren. Heute sollte unser erstes großes Konzert sein.
Schon beim Frühstück herrschte ein andere Stimmung als sonst. Irgendwie angespannt. Ich glaube, wir machten uns alle Sorgen, daß wir es nicht schaffen, den Funken aufs Publikum überspringen zu lassen.
Ich war heute Einkaufen. Neben dem Veranstaltungsgelände befand sich eine Passage mit kleinen Geschäften.Überall wo ich reinging wurde ich angesprochen und nach meiner Familie gefragt. Die Passanten lachten mir zu oder Grüßten, ohne daß ich sie kannte.
Eigentlich war ich ja nur hier, um die Zeit zu überbrücken, aber wenn ich schon mal hier war konnte ich doch gleich nach einem Paar hübscher Ohrringen Ausschau halten. Ich entdeckte eine Boutique, in der keltischer Silberschmuck angeboten wurde. Auch hier wurde ich gleich von der Kassiererin erkannt. Freundlich lächelnd kam sie hinter ihrem Tresen hervor und beruht mich. Sie war wirklich sehr nett, aber es war schon ein komisches Gefühl zu merken, daß sie mir viel mehr Aufmerksamkeit schenkte als den anderen Kunden. Schließlich entschied ich mich für zwei keltische Kreuze, sie erinnerten mich an den letzten Sommer, den wir größtenteils in Irland zugebracht haben. Auf der Insel ist das Grün viel grüner als hier. Komisch, vielleicht liegt das aber auch nur daran, daß ich mich hier meistens in Städten aufhalte und das Land nur noch sehr selten zu Gesicht bekomme.
Nach zwei Stunden beschloß ich wieder zu meinen Geschwistern zurückzukehren. Von außen wirkte die Halle viel kleiner als von innen. Grau und trist stand sie in der Landschaft.
Ich weiß nicht, wieviele Leute in die Halle passen, aber ich bezweifelte, daß wir es schafften diese zu füllen.
Ich dachte es sei ein Traum, als einer unserer Rowdies mir erzählte, daß alle Karten schon nach wenigen Tagen weggewesen seien.
Viel zu früh fanden wir uns in der Garderobe der Halle wieder. Eine eigene Garderobe, nur für uns allein, mit Ankleideraum und Stylisten, die uns später schminken sollten. Und zwischendrin wuselten ein paar Reporter, die diesen Auftritt festhalten wollten.
Ich war so aufgeregt, daß ich es kaum schaffte auch nur einen Bissen zu Mittag zu essen. Und das alles nur wegen einem Konzert. Wie oft hatten wir nicht schon auf der Bühne gestanden und unser Publikum begeistert. Wir wußten halt alle nicht, was uns da draussen erwarten würde.
Endlich war es so weit, die Show begann. Ich konnte besser mit meiner Nervosität umgehen, wenn ich singen und tanzen konnte. Die ewige Warterei im Aufenthaltsraum hatte mich schon ganz kirre gemacht. Jetzt hatte man wenigstens was zu tun.
Es war verwunderlich, wie sehr sich die Menge mitreißen ließ. Patrick und Angelo sonnten sich abwechselt im Rampenlicht. Auch mir gefiel es von allen gekannt und bewundert zu werden. Durch ihr Geklatsche und ihre jubelnden Rufe feuerten sie mich zu immer gewagteren Sprüngen und Pirouetten an. Es war eine ganz neue Erfahrung vor so vielen Menschen zu spielen. Aber es machte Spaß. Ich gab mir große Mühe ihnen zu gefallen und möglichst wenig Fehler zu machen, denn ich wußte, wenn es heute klappte war unsere nähere Zukunft als Musiker gesichert.
Als ich nach dem Konzert den Backstagebereich verließ stürmten gleich ein paar Mädchen auf mich zu, die Fotos und Autogramme wollten. Ich setzte mein schönstes Lächeln auf und erfüllte ihre Wünsche. Ich glaube jetzt waren wir Stars...
Nur mit viel Mühe und allen unseren Bodyguards schafften wir es unseren Bus zu erreichen. Die Fans klebten an uns wie Fliegen. Wir hatten ihnen ein Konzert geboten. Was wollten die noch von uns? Jede Minute unseres Lebens hatten wir an die Fans verschenkt. Wie konnten sie nur so grausam sein? Warum verstehen sie nicht, daß wir unsere Ruhe brauchen?
Endlich hatte sich eine schmale Schneise gebildet und der Bus konnte die wildgewordene Masse passieren. Ich wußte, was jetzt kommen würde. Der Bus wird sich einen langen Kampf mit all den hysterischen Kreischies liefern, welche uns mit ihren Autos verfolgen.
Das Konzert heute war mal wieder die reinste Hölle für uns alle gewesen. Ich fühle mich ausgelaugt und allein. Es ist beängstigend zu sehen, wie die Fans sich durch Patrick beeinflussen lassen. Manchmal frag ich mich, ob sie sprängen, wenn Paddy sie auffordern würde sich aus dem Fenster zu stürzen?! Komisch, so viele lassen sich durch uns kontrollieren. Nur unser eigenes Leben, daß schleicht dahin, unkontrollierbar, unaufhaltbar.
Ich war heute Einkaufen.Oder eher gesagt, ich habe neue Sachen von unseren Designern abgeholt. Sie haben mir ein sehr hübsches Kleid geschneidert. Ein bißchen erinnert es an ein Dirndl. Es ist schon schade, daß wir die Wahl unserer Kleidung nicht mehr selber treffen können. Aber es stimmt schon, wir haben gar keine Zeit mehr dazu.
Heute Nacht passieren wir den Atlantik. Das Schiff schaukelt gefährlich, während die dunklen Wellen ihr Spiel mit uns treiben. Ich habe Angst. Das Meer, es wirkt böse und gefährlich. Als ob es uns gleich verschlingt und in die Tiefe reißt. Der Sturm pfeift und der Mond blitzt argwöhnisch hinter den Wolken hervor, als ich mein neues Kleid überstreife.
Ich betrachte mich im Spiegel. Die Farben passen nicht zu mir. Durch das angedeutete Korsett fühle ich mich eingeengt.
Ich gehe nach draußen, dort treffe ich Patrick. Das leuchten der Sterne erreicht kaum unsere Atmosphäre. Eisig peitscht der Regen auf uns ein. Mir ist kalt. Eine Träne rinnt über meine Wange. Mein Bruder bekommt davon nichts mit, längst hat er die Wirklichkeit hinter sich gelassen...
Vorsichtig lucke ich hinter dem Vorhang hervor. Ich will nur sicher gehen, daß mich niemand sieht. Die Schuhe der Spaziergängerin klapperten auf dem schmalen Weg. Oft schon war ich dort langgehuscht. Nach ungefähr zwei Kilometern führt der Weg in einen Wald. Dort fühle ich mich wohl. Die Bäume bieten Schutz vor den Augen der Fremden. Manchmal finde ich kleine Blumen, die es trotz der wenigen Sonne geschafft haben die Erde zu durchbrechen. Ich mag die Blumen sehr. Sie sind so zart. Manchmal geben sie mir neue Hoffnung.
Ich war heute Einkaufen. Ich wollte mir eine neue Brille kaufen. Die Alte trage ich schon zu lange. Ich möchte nicht, daß sich jemand an sie erinnert. Ich bin zu Fuß gegangen. In dem breiten Strom der Fußgängerzone kann man gut untertauchen. Der Laden war gut besucht. Es ist ein Shop für Touristen. Niemand hat mich wahrgenommen. Alle waren sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie müssen sich auf den Frühling vorbereiten... Ich habe mir eine dunkle Sonnenbrille gekauft. Nicht die Billigste, aber auch keine der Teuren. In dem Laden gab es viele Postkarten mit hübschen Motiven. Auf vielen von ihnen ist das Meer abgebildet. Die irische See. Wie ein Burggraben schützt sie vor Angreifern. Manchmal sind auch Möwen darauf zu sehen. Ich wünscht ich wär eine von ihnen. Eine unter vielen. Ich könnte frei fliegen, ohne Angst haben zu müssen, daß ich erkannt werde.
Ich kaufte drei Ansichtskarten. Eine mit dem Meer, auf einer anderen waren Blumen abgedruckt und die letzte zeigte eine Gruppe von zehn Möwen.
Patrick ist da. Er hat mir Blumen mitgebracht. Damit ich den Frühling nicht verschlafe. Ich habe sie in mein Wohnzimmer gestellt. Genau unter die Ansichtskarten, die ich an die Wand gepinnt habe.
Das ergibt ein schönes Bild. Ich werde es später malen und es dann Patrick schicken. Er freut sich bestimmt...