Eine Welt voller Farbe

by Lisa   Lisa.Rajewski@gmx.de

 

Die kleine Frau öffnete ihre Augen und lauschte. Alles schien zu schlafen, kein Laut war zu hören.
Sie stand auf, ging zum Fenster und schaute hinaus. Sie sah nichts als graue eintönige Fassaden, die zu gleichmäßig gebauten Reihenhäusern gehörten.
Es hatte sich also nichts geändert. Die Luft in ihrem Zimmer war trocken und roch nach Desinfektionsspray.
Sie lief in die hintere Ecke des kahlen Raumes und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Später würden die beiden Frauen kommen. Wie immer, gekleidet in trostlosen Farben, mit den Haaren streng nach Hinten gekämmt. Deren Gesellschaft würde also auch keine Abwechslung bringen.
Mit langsamen Bewegungen bürstete sie ihr aschblondes Haar. Erinnerungen an damals wurden wach, als es noch frei im Wind fliegen konnte und leuchtete, als wäre es aus purem Gold, wenn es von der Sonne beschienen wurde.
Sie sah in den Spiegel und beobachtete die kleine Träne, die langsam ihre Wange hinunter kullerte. In dem grellen Neonlicht sah sogar sie dreckig und grau aus. Warum nur hatte man ihre Welt der Farben beraubt?!
Die junge Frau beschloß wieder ins Bett zu gehen. Wenigstens in ihren Träumen konnte sie die Sonne spüren und den Duft der taufrischen Wiesen einatmen...
So vergingen Tage, Monate und Jahre und nichts hatte sich geändert. Noch immer suchte sie ihr Glück in den Träumen, aber mit der Zeit verblaßten sogar die Erinnerungen.
Eines morgens, sie suchte wieder einmal nach der Sonne am Himmel, blies der Wind ein kleines Blatt durch ihr Fenster. Vorsichtig hob sie es auf, drückte es an ihre Wange und sog den Geruch durch ihre Nase. Es war so zart und grün und roch nach frischem Frühling. Ohne lange zu überlegen, zog die Frau ihren Mantel über, suchte nach ihren Schuhen und verließ mit schwerfälligen Schritten ihr Zimmer.
Sie war schon außer Atem, nachdem sie die erste Straße überquert hatte, doch sie ließ sich nicht mehr aufhalten. Immer wieder setzte sie einen Fuß vor den Anderen. Vorbei an grauen Häusern, immer weiter.
In der Ferne erblickte sie einen kleinen Hügel, dort wollte sie hin. Als sie eine Weile gelaufen war, der Hügel schien immer weiter entfernt, setzte sie sich auf eine Bank. Tränen begannen über ihr faltiges Gesicht zu rinnen. Soweit würde sie nie gehen können! Doch dann erinnerte sie sich an all die Wanderungen, die sie in ihrer Jugend gemacht hatte und stand wieder auf.
Als sie nach vielen weiteren Bänken, Straßen und Häuserreihen endlich am Hügel angekommen war, fiel sie erschöpft ins Gras und schlief ein.
Als sie diesmal ihre Augen öffnete musste sie blinzeln, denn die Sonne schien direkt in ihr Gesicht. Die Vögel zwitscherten und die Blumen leuchteten in den schönsten Farben. Gierig vergrub die Frau ihre Hände im grünen Gras. Wie konnte sie nur gedacht haben die Welt sei trostlos?!
Mit neuer Energie erklomm sie den Gipfel des Hügels. Ganz oben lagen einige große Steine, auf die sie sich setzte. Lange saß sie so und beobachtete die bäume, wie sie im Wind tanzten. Später wurde der Wind stärker und einzelne Regentropfen fielen auf sie nieder. Die kleine Frau stand auf und fing an, sich im Kreis zu drehen. Ihr fliegendes Haar leuchtete silbern in der Abendsonne.
Am nächsten Morgen öffnete die kleine Frau ihre Augen nicht mehr.
Als man sie fand lag sie auf ihrem Bett, neben dem geöffneten Fenster und wurde von der Sonne beschienen.
Ihr Gesicht schien zu lachen und in ihren runzligen, von Erde beschmutzten Händen hielt sie ein trockenes Blatt...


© Lisa (Traurig und schön zugleich!)



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Last update: 13/08/2001

(Online since: 13/08/2001)


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