Irgendwie war es schon ein merkwürdiges Gefühl hier zu sitzen und zu wissen, daß sich im Nebenraum die Kellys aufhielten.
Durch Verbindungen hatte sie es geschafft, den Sommer über ein Praktikumsplatz in der Waldbühne zu ergattern.
Jedenfalls saß sie jetzt hier und war dabei Post zu sortieren, als ein plötzliches hysterisches Kreischen erscholl. Sie blickte aus dem kleinen Fenster, welches die Sicht auf den Backstageein- bzw. Ausgang freigab.
Dort, bei all den Fans stand Patrick und verteilte Unmengen von Autogrammen. Früher hatte sie auch oft Stunden in der Kälte gestanden, nur um eine kurze Unterhaltung mit diesem Traumboy führen zu können. Aber das war schon eine Weile her. Sie ging zwar immer noch gerne auf die Konzerte der Familie, aber diese kreischenden Mädchen konnte sie nicht verstehen. Patrick sah total gut aus, daß stimmte...Sie beobachtete ihn eine ganze Weile, denn irgend etwas an seiner Art und seinen Bewegungen ließ sie nicht mehr los. Er hatte sein strahlendes Lächeln aufgesetzt so wie immer, wenn er sich beobachtet wusste. Er machte Witze und posierte für einige Fotos. Eigentlich wie immer, aber trotzdem, irgend etwas an seinem Verhalten passte nicht zu der Rolle des Sunnyboys, welche Patrick immer spielte. Er wirkte fast ein wenig Unsicher. Aber das konnte doch nicht sein, oder?!
Erst, als er sich umdrehte und für einen kurzen Moment direkt in ihr Fenster sah, bemerkte sie die Angst, die sich in seinen Augen widerspiegelte. Der Mann, der sie dort anschaute, hatte nichts mehr mit dem Jungen gemein, den sie von Konzerten und TV-Auftritten her kannte. Das Strahlen aus seinem Gesicht war verschwunden. Es sah fahl und eingefallen aus.
Leider konnte sie sich nicht die ganze Show dieser musikalischen Großfamilie anschauen, denn sie mußte wieder in den Aufenthaltsraum, um Getränke und Snacks für die Pause bereitzustellen. Die ganze Zeit hatte sie das Bild vom auf der Bühne stehenden Patrick im Sinn. Sein Mund lachte, doch seine Augen weinten vor Schmerz und Verzweiflung.Wie konnte das nur sein? Wie konnte er sich nur so verändert haben, ohne das es aufgefallen war?!
Sie war gerade in einer kleinen Kammer verschwunden, um frische Handtücher zu holen, als Patrick durch die Tür stolperte. Er war blaß und schien einem Zusammenbruch nahe. Maite und Angelo wollten ihm folgen, doch Patrick wieß sie ab. Er wolle allein sein! Allein, nur noch allein. Er könne die gierigen Blicke der Fans, die Verzweifelten seiner Geschwister und auch seine eigenen, glasigen Augen nicht mehr ertragen.
Sie versteckte sich hinter einem Regal. Was sollte sie nur tun?! Sich zeigen? Seine Einsamkeit stören?
Sein Blick war stur nach vorn gerichtet. Genau auf ihr Versteck. Tränen rollten über seine gerougeten Wangen. Plötzlich kam er ihr so klein und hilflos vor. So viel Verzweiflung, Trauer und Angst auf einmal hatte sie noch nie gesehen.
Er stützte das Gesicht in seine zarten Hände und begann zu schluchzen. Sein Haar hüllte glanzlos seinen Körper ein. Wie er dort so zusammengesunken saß erinnerte er sie an eine Marionette, die nur darauf wartete, daß die Fäden wieder angezogen werden und das Spiel weitergeht.
Einem inneren Gefühl folgend kniete sie sich neben ihn und legte ihren Arm um seine Schultern. Er bewegte sich nicht. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Sein Körper zitterte bei jedem Versuch das Schluchzen zu unterdrücken.
Aus der Ferne erklang das Signal, daß die Pause gleich zu Ende sei.
Schweigend überreichte sie Patrick ein Taschentuch.
Bevor er die Tür ins Schloß warf blickte er sie noch einmal mit seinen großen traurigen Augen an.
Dann ging er, um seine Rolle als Sunnyboy weiterzuspielen.
Nach dem Konzert stiegen die Kellys gleich in ihre Autos. Als Patrick sie erblickte meinte sie ein kleines Lächeln über seine Lippen huschen zu sehen. Vielleicht hatte sie es sich aber auch nur eingebildet. Dann wurden die Motoren gestartet.
Als sie später das dreckige Geschirr einsammelte, bemerkte sie ein Bild, welches hinter einem der Spiegel steckte.
Es zeigte einen lachenden Jungen, der sich im Spiegel betrachtete. Sein Ebenbild aber weinte. Unterschrieben war diese Zeichnung mit " Patrick Kelly 1998"
Am Rande des Bildes war eine gläserne Perle befestigt, die die Form einer Träne hatte.
Dieselbe Perle hatte auch der Mann in dem Spiegel als Kette um den Hals...