Der tanzende Engel

by Lisa   Lisa.Rajewski@gmx.de

 

Als ich aus dem Bus stieg setzte das Gekreische gleich ein. Nein, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Nach einem Familienfest mit vielen Bands in Attraktionen sah das hier nicht aus. Ich hatte gehofft unbemerkt über die Wiesen und durch den angrenzenden Wald laufen zu können. Traum verflogen. Es war nicht anders als bei jedem Kellykonzert sonst auch. Wolltest du Ruhe musstest du dich im Bus einschanzen und wenn du dich dann doch rauswagtest kamen gleich die Securities mit, um dich vor den hysterischen Kreischweibern zu schützen. Schöne Freiheit.Ich bewunderte Patrick, mit seinem strahlendstem Lachen posierte er vor den Kameras der Fans. Er hätte Schauspieler werden sollen.

Traurig ging ich wieder in den Bus und guckte aus dem Fenster. Von hier aus konnte ich den Wald und die Blumen wenigstens aus der ferne betrachten. Ich verfiel in einen Halbschlaf und begann zu träumen, von einer Blumenwiese, über die ich leichten Schrittes tanzte. Doch halt, hatte sich dort hinten am Wald nicht eben wirklich etwas bewegt?
Ich rieb mir die Augen, aber nein, es war kein Traum: in der Sonne tanzte eine junge Frau mit einem Blumenkranz im Haar. Wie gerne wäre ich an ihrer Stelle, könnte frei mit einem Lächeln im Herzen Pirouetten drehen. Ich beobachtete sie noch eine Weile, bis Patrick mich aus meinen Gedanken riss: "na Schwesterchen, von welchem Muskelpaket hast du dich so faszinieren lassen ?" "Sag mal, meinst du ich könnte zu ihr gehen?" Ich zeigte meinem Bruder meinen tanzenden Engel. "Probieren kannst du es ja, aber sei nicht zu enttäuscht, wenn sie doch nur ein hysterischer Fan ist, okay?!" Oh, ich würde enttäuscht sein, aber ein normaler Fan könnte sich nicht so verstellen, nein, kein normaler Mensch würde so durchs Laub schweben.

Ich befahl den Bodyguards mich alleine gehen zu lassen, doch als ich den Backstagebereich verließ bekam ich doch ein ungutes Gefühl. Ich drehte mich noch einmal um und sah Patrick, Maite und Patricia hinter den Vorhängen des Nightliners vorlucken. Sie machten sich Gedanken, meine lieben Geschwister, immer umsorgten sie mich.
Inzwischen war ich schon recht nah bei der Frau, aber sie schien mich nicht zu bemerken, also rief ich ein vorsichtiges "Hi" in ihre Richtung, doch sie reagierte nicht. Hatte sie mich nicht gehört oder wollte sie sich einfach nicht stören lassen? Ich beschloss ihr eine Weile zuzusehen.
Leider wurde ich viel zu früh von den Securities unterbrochen, da wir auf die Bühne mussten. Oh, wie ich diese Auftritte hasste. Ich wollte mich gerade umdrehen und gehen, da kam sie auf mich zu, lächelte mich an und setzte mir ihren Blumenkranz auf den Kopf.

Verträumt ging ich zu meinen Geschwistern, die schon auf mich warteten. Als ich die Bühne betrat, war die Magie dieses schönen Augenblickes sofort verflogen. Traurig stellte ich mich hinter meine Congas. Ich sah die Fans, wie sie sich wie tollwütige Tiere im Zoo hinter der Absperrung drängelten.
Ich hatte schon jetzt Angst vor ´crazy ´, denn da muss ich ganz alleine ins Rampenlicht, doch kurz nachdem ich angefangen hatte zu singen kam Patrick zu mir und machte mich auf etwas im Publikum aufmerksam. Nachdem ich genauer hinsah sah ich sie auch. Ganz hinten tanzte das unbekannte Mädchen. Sie tanzte und lachte mir zu. Ein Gefühl von Glück überkam mich und ich legte all meine Hoffnungen und Gefühle in die letzten Takte meines Liedes.
Die Unbekannte strahlte mich an und begann zu den Klängen von Johns ´Red shoes ´zu tanzen. Plötzlich klatschte alles, vor Schreck öffnete ich die Augen. Alle jubelten mir zu. Mir wurde bewusst , ich hatte getanzt, getanzt vor all diesen Leuten. Vor ihnen, aber nicht für sie, getanzt hatte ich nur für die schöne Unbekannte, für sie und für mich.

Als das Konzert zuende war und ich wieder im Bus sass überbrachte Patricia mir einen Blumenstrauss aus Sonnenblumen und roten Rosen. Eine komische Mischung, aber warum nicht, er passte zu meinem ungewöhnlichen Tag.
An einer der Blumen war ein Zettel befestigt. Neugierig faltete ich ihn auseinander. Gerührt las ich folgende Zeilen:

DENKE IMMER DARAN, ICH BIN NUR EIN FAN, DER TANZENDE ENGEL BIST DU.


© Lisa (Diese Geschichte ist so wunderschön!!!)


[ Teil 2 ]


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Last update: 08/05/2001

(Online since: 06/10/2000)


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