Erschöpft lehnte er sich zurück und betrachtete die vielen kleinen Rosenbüsche, die er gerade in die Erde gesetzt hatte. Er probierte sich vorzustellen, wie es in ein paar Jahren aussehen würde, wenn die Büsche gewachsen sind und dann in voller Blüte stehen. Die ganze Nachbarschaft wird an seinem Garten stehenbleiben, um seine Neuanschaffung zu bewundern. Dann würden sie ihn nicht mehr belächeln und mit ihrem englischen Rasen angeben! Sie würden ihn als einen von ihnen sehen. Aber bis dahin gab es noch viel zu tun. So eine wundervolle Rose will gegossen und gepflegt werden. Gewissenhaft kam der kleine Mann nun jeden Tag in seinen Garten, um sich seinen Blumen zu widmen. Er goß sie, zupfte das Unkraut und zum Schluß setzte er sich noch für eine Weile auf seine hölzerne Bank und erzählte den Sträuchern von all den fremden Ländern, die er gerne besuchen wollte.
Schon im ersten Jahr hatten sich einige Knospen entwickelt, die die schönsten Blüten hervorbrachten, die je in der kleinen Kolonie gesehen worden waren. Und wirklich, am nächsten Tag blieb ein Mädchen am Zaun stehen, um einmal den Duft der Blüten genießen zu können. Er wechselte ein paar Worte mit dem Mädchen und freute sich sehr, daß sie so viel Gefallen an seinen Blumen gefunden hatte.
Als das Mädchen am nächsten Tag wiederkam schenkte der kleine Mann ihr eine der schönen Blüten. Darüber freute sich das Mädchen sosehr, daß es von nun an immer wieder kam, um sich eine frische Blüte zu holen. Manchmal brachte sie auch Freunde mit, die von den Blumen ebenso entzückt waren.
Immer mehr Leute kamen, um sich von ihm die Kunst des Rosenzüchtens erklären zu lassen. Er genoß die Zeit sehr, denn endlich wurde er anerkannt. Er war nicht mehr so allein und hatte viele Leute, mit denen er ein kleines Pläuschchen am Wegesrand führen konnte. Er beglückte die Leute, indem er ihnen Blüten schenkte oder ihnen im Herbst sogar einen Strauch vermachte, damit auch sie sich an der wundervollen Pracht erfreuen konnten. Doch inmitten dieser heiteren Zeit hatte er ganz vergessen, sich weiterhin um seine Rosen zu kümmern. Längst schon sahen sie nicht mehr so prachtvoll aus, wie am Anfang seines Gärtnerglücks, denn die Zahl der Sträucher war stark zurückgegangen, denn er hatte zu viele verschenkt und die, die er noch hatte ließen traurig ihre Köpfe hängen.
Der kleine Mann war betrübt. Wie sollte er nun seine neuen Freunde beglücken? In den nächsten Wochen hatte er auch die restlichen Zweige abgeschnitten und verschenkt. Die Menschen blieben immer seltener stehen um sich mit ihm zu Unterhalten. Er wurde ignoriert, genau wie damals. Der kleine Mann startete einen letzten Versuch, den Kontakt wieder aufleben zu lassen, indem er auch die verbliebenen Büsche weggab. Doch auch dadurch wurde es nicht besser. Niemand kümmerte sich mehr um den einsamen kleinen Mann.
Im nächsten Sommer wanderte er verlassen durch die Kolonie und betrachtete all die Gärten in denen die Rosen so wunderschön blühten. Keiner der Nachbarn nahm Notiz von ihm, denn sie waren zu sehr damit beschäftigt mit ihren Rosenblüten anzugeben.
Von nun an saß der kleine Mann täglich auf seiner Bank und starrte auf die Fläche, wo einst seine Sträucher wurzeln geschlagen hatten. Er hielt die Erde locker und sauber und fing auch wieder an, sich Geschichten über die fernen Länder auszudenken.
So ging es fast zwei Jahre, bis ihm eines Tages ein grünes Pflänzchen auffiel, welches seinen Kopf vorsichtig aus der erde streckte. Er hegte und pflegte das kleine Grün und siehe da, im Sommer hatte es schon einen ersten Blütenansatz. Der kleine Mann war glücklich, denn endlich hatte er seine Rose wieder. Er schwor sich diesmal besser auf seinen Schatz aufzupassen...
Und nun stell dir vor, der kleine Mann ist gar kein Mann, sondern ein junges Mädchen. Und seine Rosen sind gar keine Pflanzen, sondern die Liebe und Phantasie des Mädchens, die sie in der Welt verteilt, ohne dabei zu bemerken, daß ihre Ressourcen nicht ewig halten...