Wer bist Du?

by Kimba   klimbimba@gmx.net

 

Achtzehn Jahre jung und wütend - voller Idealismus und Träume, aber schon aufgebracht gegen die Gesellschaft und seine Umwelt. So beschriebst Du ihn einem jeden, der dich fragte - meistens waren es Frauen, mit denen dich eine lose Kneipenfreundschaft verband. Deiner Mutter erzähltest du überhaupt nichts, und deine "richtigen" Freundinnen, die fast alle schon Kinder hatten und / oder verheiratet waren, schüttelten nur den Kopf, wenn du mit geröteten Wangen von einer Verabredung mit ihm kamst. Sie verstanden nicht, wie eine Frau, die fest im Leben stand und sich eine sichere Existenz aufgebaut hatte, sich so "gehen lassen" und von einem fast noch Jugendlichen so vereinnahmen lassen konnte.

Du wusstest, für euch gab es keine Zukunft. Daher hast du jede Sekunde der Gegenwart genossen, als wäre es die letzte, vergaßt jeden Gedanken an anderes, wenn du bei ihm warst. Du hast dich von ihm mitreißen lassen und bist nach etlichen Jahren der Bequemlichkeit wieder auf Demos gegangen. Dein Herz raste, wenn du inmitten von Punks, Ökos und Autonomen durch die Straßen zogst und brülltest, wenn er dich plötzlich am Arm packte und losrannte, in einer Welle des Widerstands. Wenn du dann mit ihm in den Bauwagen gingst und er dich in seine Arme riss, noch gänzlich unerfahren und wild auf neue Erfahrungen, die du schon vor über zehn Jahren gemacht hattest.

Du hast gewusst, dass er etwas vor dir verbarg. Doch es störte dich nicht, solange er deine Bedürfnisse befriedigte und der wilde Junge blieb, der dich begehrte und zu dir aufsah.

Dass du 30 und er achtzehn war, störte dich nicht.

Dann kam dieser Abend. Als du zu ihm kamst, schlief er noch, die blonden langen Haare waren das einzige, das du von ihm sehen konntest. Als du ihn geweckt hast, hat er dich nur verschlafen angesehen. Du setztest dich auf seine Bettkante. "Komm her!" hatte er gebrummt, dich um die Taille gefasst und zu sich heruntergezogen, die Augen fast noch geschlossen. Du hast seine Wärme genossen, ihm über die Haare, übers Gesicht gestreichelt. "Das wird doch nichts mit uns," hast du geflüstert, während seine Hände forsch über deinen Körper glitten. Er war jung, doch er hatte viel gelernt. Das wusstest du, denn du hattest es ihm beigebracht. Oh, er verehrte dich, und du warst ihm ebenso verfallen. Nachts wenn du allein warst, fragtest du dich oft, wie das alles weitergehen sollte, und du fandest keine Antwort. Der Junge erweckte Sehnsüchte in dir, die du schon fast vergessen hattest. In seinen Armen und seiner Gegenwart wurdest du wieder achtzehn, ranntest gegen den Wind und fühltest dich wichtig.

Bei der Arbeit tuschelten sie schon über dich, doch du stelltest dich taub. Der Junge belegte dich mit Beschlag und gab dir das, was du so ersehntest.

Seine Stimme war dunkel und tief, schon die eines Mannes, als er eine unverständliche Antwort brummte und seine Hände deine Jacke aufmachten. Es war kühl hier im Bauwagen, nur die Herbstsonne spendete noch ein bisschen Wärme. Doch du hast nichts davon gemerkt, nur aufgeseufzt und die Berührungen seiner jungen Hände genossen.

Hände, die dich anbeteten.

Das alles hatte den Esprit einer heiligen Handlung. Du wolltest nicht, dass er mit dir schläft - noch nicht. Du wärst die Erste für ihn, das wusstest du genau.

Doch dieser Abend - er war etwas besonderes. Du kamst genervt von der Arbeit und wolltest in seinen Armen vergessen und von der Welt träumen, die er für dich erkämpfen wollte - die du ihm nicht mehr geben konntest - denn du wusstest zuviel.

Zuviel von der Realität.

Doch er - es trieb dir manchmal Tränen in die Augen, wenn du seine Wut und seinen Kampfgeist spürtest - er war noch mutig und hatte offene Augen.

Sein Körper war glatt und muskulös, seine Augen blau und groß. Er war nicht besonders attraktiv, noch nicht erwachsen im Gesicht, doch es war genau das, diese wütende, fragende Unschuld, die dich verrückt machte.

Mitten in der Nacht war es, als du aufwachtest, weil er im Schlaf zu sprechen begonnen hatte, und mit einem lauten Schrei war er aufgewacht und hatte angefangen zu schluchzen. Wurde Kind in deinen Armen, die nass wurden von seinen Tränen. Du wusstest nicht, was du machen solltest, denn einerseits warst du verrückt nach seiner Nähe, und andererseits musstest du trösten wie - ja, du fühltest dich wie eine Mutter. Er beruhigte sich und stieg aus dem Bett, während du ihm stumm zusahst. Er zog seine Shorts an, seine Jeans, sein T-Shirt, einen dicken Pulli (DEINEN) und eine Jacke. "Ich muss weg," sagte er nur und verschwand ohne eine weitere Erklärung. Du blicktest ihm stumm hinterher, und plötzlich fühltest du dich besudelt. Befleckt von etwas schmutzigem, dem du nie die Stirn würdest bieten können, das aber ganz tief in ihm war und dich in jedem Kampf besiegen würde.

Du wolltest ihm nicht hinterhergehen, vielleicht aus Angst, dieses Etwas zu entdecken. Du warst sicher, irgendwann würde es euch entzweien. Die verzweifelte Furcht, dass es jetzt schon soweit sein könnte, ließ dich wild aufschluchzen.

In dieser Nacht fiel er ein paar Faschos zum Opfer, die ihn zusammenschlugen und dann triumphierend verschwanden. Du saßest auf einem Campingstuhl vor dem Wagen, als er zurückkehrte, mit blutigem Gesicht, zusammengekrümmt und mit verbissener Miene. Dir schossen fast wieder die Tränen in die Augen - ein Erkennen war in seine gestiegen. Ein Erkennen, dass sein Kampf - heute - vergebens gewesen war. Du hast ihn dann in den Wagen gebracht, seine Wunden gesäubert und verbunden. Schweigend, ohne Fragen. Legtest dich zu ihm, berührtest seinen zitternden Körper ganz sachte und vorsichtig, um ihm nicht wehzutun. Doch du ahntest, dass diese äußerlichen Wunden nicht das waren, was ihn zittern ließ. Seine wirklichen Wunden gingen um ein Vielfaches tiefer.

Der Morgen dämmerte schon, als er endlich in deinen liebenden Armen einschlief. Doch du würdest ihn wieder gehen lassen müssen - wie Lancelot lag er in deinen Armen, verzweifelt und auf der Suche nach etwas, das du ihm niemals geben könntest.

Verzweifelt, und dennoch so jung.

Du schliefst noch fest, als er leicht begann, dein Haar zu streicheln. Er sah dich zärtlich an, und wenn du seine Augen gesehen hättest, hättest du weinen müssen über die Leidenschaft und die Verzweiflung, die in ihnen standen. Doch du schliefst, und so blieb dir dieser Anblick erspart. Er streichelte dein Haar, deine Wangen, deine nackten Schultern. Weißt du, er liebte diese kleinen Sommersprossen, die dich so nerven. Für ihn waren sie - jede für sich - ein Punkt mehr, dich zu lieben. Er betrachtete dich mit fast kindlicher Intensität, lange und ausdauernd. Und er genoss jede Minute, in der er dich ansehen konnte. In der er sehen konnte, wie dein leichter Atem gegen eine verirrte Haarsträhne pustete, die er um nichts in der Welt aus deinem Gesicht streichen wollte. Er fühlte seinen Puls schneller werden, als du dich im Schlaf auf die Seite rolltest und ihn dabei streiftest.

Er wusste, dü würdest die Erste sein, mit der er schlafen wollte. Und er wusste auch, dass du es wusstest. Er freute sich darauf, weil er keine Angst haben musste. Er hatte genug Angst gehabt in seinem Leben. Hatte immer wieder weglaufen müssen und sich versteckt. Die Sicherheit, die du ihm gabst, vermittelte ihm ein Gefühl von Heimat. Ein Gefühl, das er lange nicht gespürt hatte. Und er wollte diese Heimat so lange wie möglich behalten.

Deshalb verbarg er soviel vor dir.

Deswegen lebte er in einem Bauwagen ohne Postanschrift.

Deswegen litt er wie ein Tier, wenn er weggehen musste, ohne dir sagen zu können, wohin.

Deswegen weckte er dich nicht und wartete, bis du deine Augen von selbst aufschlugst.

Er wusste nicht, was er dir hätte bieten können.

Er war jung.

Er war unerfahren.

Er steckte voll mit Ängsten.

Als es draußen zu regnen begann, dachte er zurück an die Zeit, als er noch auf der Flucht gewesen war. Auf der Flucht und doch eingesperrt - in einem Verlies, aus dem er gedacht hattee, nie entkommen zu können. Doch er hatte es geschafft. Hatte eines Tages einfach gesagt "Ich gehe". Und er war gegangen. Weit weg, in den Norden. Dort hatte er dich gesehen, wie du inmitten einer Horde von Schülern versucht hattest, ihnen ein Naturschauspiel nahezubringen, doch ein jeder von ihnen war viel zu sehr damit beschäftigt, das Handy zu programmieren oder Pokémonkarten zu tauschen. Er hatte dich beobachtet, sein Herz hatte gerast, als er einen Blick aus deinen grauen Augen aufgefangen hatte. Du hattest ihn fast hilfesuchend angesehen, verzweifelt lachend und ein bisschen verlegen. Er hatte dein Lächeln erwidert und war weitergegangen. Du hattest sein Lächeln nicht aus dem Kopf bekommen und ihm lange hinterhergesehen. Doch er war noch ein Kind, schimpftest du mit dir und versuchtest, den Ausflug hinter dich zu bringen.

Abends, als du einen Schüler aus der Abschlussklasse bei einem Praktikum in einem Veranstaltungszentrum besuchtest, hast du ihn wiedergesehen. Er saß mit dem Rücken zu dir in einer Runde Punks, doch du hättest ihn unter Tausenden wiedererkannt. Plötzlich war es, als hätte eine Zeitmaschine dich in die Pubertät zurückkatapultiert. Er war auf dich zugekommen, als er dich gesehen hatte, ebenso verwirrt wie du. Dann hatte er dir die Hand gereicht und sich vorgestellt, ebenso wie du. Ihr seid Kaffe trinken gegangen, und eins kam zum anderen. Zuerst hast du dich gescheut, dir deine Gefühle einzugestehen, doch schon nach ganz kurzer Zeit war dir klar, du hattest dich in ihn verliebt.

Und zwar hoffnungslos.

Es donnerte und du schlugst die Augen auf. Blicktest genau in sein Gesicht, und er küsste dich heftig. "Guten Morgen," sagte er rauh, und wieder einmal warst du erleichtert, dass du Ferien hattest. Seit diesem verdammten Gestern. Du begannst dich zu strecken und sahst seine Blicke, die begehrlich über deinen Körper wanderten. Lächelnd fingst du sein Gesicht ein und zogst es zu deinem hinunter. Ein verlegenes Lächeln umspielte seine Lippen, unschuldig und jung, doch seine Hände bewiesen das Gegenteil und umfassten und liebkosten dich mit fast schmerzender Heftigkeit. Deine Hände lagen noch immer sanft auf seinen Wangen, doch nun begannen auch sie, seinen nackten Oberkörper zu streicheln.

Plötzlich sah er dich an, die Augen weit geöffnet und fragend. Du nicktest, und so tat er es. Zum ersten Mal. Es war nicht so, wie du es dir vorgestellt hattest - viel zu schnell war es vorbei, und er lag in deinen Armen, wütend über sich selbst. Du streicheltest ihn lange, bis er dich verlegen ansah. Seine Wut war verflogen, und nur noch Verlangen stand in seinen blauen Augen. Langsam schloss er die Augen und seufzte leise auf, als du nun die Führung übernahmst.

Viel später machtet ihr einen langen Spaziergang zum Hafen. Eigentlich fürchtetest du dich vor Schiffen, doch heute hatte alles einen ganz besonderen Glanz. Du fühltest dich, als hätte dir jemand ein ganz besonderes Geschenk gemacht - und so war es auch.

Als jedoch eine Stimme erklang und seinen Namen rief, war es um ihn geschehen, und er sah dich gehetzt an. "Du weißt nichts über mich!" rief er und küsste dich mit einer Verzweiflung, die dich an den Rand deiner Beherrschung brachte. Dann rannte er los. Wieder einmal konntest du ihm nur hinterhersehen. Wieder wurde sein Name gerufen, und du blicktest dich um, ob du jemanden erkennen könntest. Doch da war nur eine einsame Gestalt, die langsam näher kam. Sie wirkte gebeugt. Als sie bei dir anlangte, sah die Frau dich ernst an.

"Du weißt nicht, was du ihm antust," sagte sie leise und wollte weitergehen, doch du hieltest sie am Arm fest. "Wer bist du, dass du dir sowas anmaßt?" fragtest du und blicktest ihr fest ins Gesicht. Sie hatte ein rundes Gesicht und tiefe Grübchen in den Wangen. Alles an ihr war etwas rundlich, und ihre Augen blickten besorgt in die Dämmerung. Irgendetwas an ihr kam dir bekannt vor, doch du wagtest nicht zu fragen, aus Angst, etwas zu erfahren. Sie erwiderte deinen Blick ebenso fest. "Ich bin seine Schwester," sagte sie leise und schlug die Augen nieder, wie in Erwartung eines Schlags.

Seine Schwester... Tausend Gedanken schossen durch deinen Kopf, tausend Überlegungen, doch niemals hatte er eine Schwester erwähnt. Nie hatte er auch nur ansatzweise eine Familie erwähnt. Fast trotzig wurde dein Blick. "Und ich bin seine Freundin," hast du getönt und dich am liebsten selbst dafür verprügelt. Schließlich warst du keine fünfzehn mehr!

Seine Schwester nickte. Du hattest plötzlich Mitleid mit ihr und ludst sie zu einem Kaffee in eine Hafenkneipe ein. Dort habt ihr eine Weile schweigend gesessen und euren Kaffee getrunken, bis du es nicht mehr ertragen konntest.

"Was willst du von ihm?" Du merktest selbst, wie aggressiv du geklungen haben musst, denn sie zuckte zusammen. Doch sie hielt deinem Blick stand und stellte ihre Tasse ab.

"Ich will wissen, wie es ihm geht.

Ich will wissen, wo er lebt und wie.

Ich will -"

hier brach ihre Stimme, und sie blickte in ihre Tasse.

Als sie dich wieder ansah, schimmerten ihre Augen feucht.

"Ich will, dass er wieder Vertrauen fasst. Dass er zurückkommt."

Ihr habt nicht mehr viel geredet an diesem Abend - sie erzählte ebenso wenig aus seiner Vergangenheit wie du aus seiner Gegenwart, doch du wusstest nun, dass da eine Schwester war, die sich sehr sorgte. Die ihn vermisste und Angst hatte, er würde sie nicht mehr lieben. Du sagtest nur, es gehe ihm gut. Was du nicht wissen konntest eigentlich.

Die Nacht verbrachtest du zu Hause. Erst am nächsten Morgen gingst du zu ihm. Doch er war nicht da. Nur ein Brief für dich lag auf seinem Bett.

"When I'm gone from here
will you wait for me
when I'm far from here
will you pray for me
would you care for me
if I needed hospitality
would you cry for me
if I were lying in bed dying
she says
I will be your bride
be there truly by your side
I will be your bride
I will give my fullest heart
Now that I must go
I know you'll wait for me
They're taking me to war
to cease the enemy
heaven's strength will grow
within you and me
In crucial times it'll show
if we're bond as one
to make a big family
I will be your bride
be there truly by your side
I will be your bride
I will give my fullest heart
There's no limits
life is long...
There's no boundaries cause
life goes on"

Deine Tränen hatten schon begonnen zu fließen, als du die Tür aufgeschlossen hast, denn du wusstest, er schloss nie ab, wenn er zu Hause war. Du drücktest den Brief an deine Brust. "Wer bist du?" flüstertest du, doch du wusstest, du würdest nie eine Antwort bekommen. Es war Zeit, ins Leben zurückzukehren. Leben, das hieß ab heute: Ohne ihn.


Verfasserin: KIMBA
Copyright by: KIMBA
THNX for FEEDBACK!!!


© Kimba (Etwas gewöhnungsbedürftig, aber super! :o) )

 

Bar Letter

Last update: 26/04/2001

(Online since: 13/10/2000)


Zurück zur Storypage

Back to the Storypage