Travelling along the ways of time
(Teil 1)
(Diese Story ist wirklich lang
und ich hab immer mal wieder ein Stück dazu geschrieben.
Logistische Fehler sind daher nicht ausgeschlossen!!!)
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Erstes Kapitel Das RAD. Seit Jahren zerbrach sich Jack darüber den Kopf, wie es anstellen könnte, in die Vergangenheit zu reisen und das RAD zu erfinden. Einen groben Plan hatte er schon im Kopf, doch er wusste nicht, wie er die MASCHINE bauen sollte, ohne von einem Gönner, den er zweifelsohne nicht hatte, unterstützt zu werden. Hier, werter Leser, möchte ich Sie bitten, sich ein Bild von Jack zu zeichnen. Hierfür benötigen Sie keinen Tuschkasten, ein gut gespitzter Bleistift reicht allemal. Sehen Sie Jack als einen Wirrkopf mit abstehenden Haaren und einer stets schief sitzenden Brille, einem weißen Kittel mit Lochfraß und einer schlecht sitzenden Hose, der einen Bleistift hinter sein Ohr gesteckt und immer einen Priem im Mund hat, dann möchte ich Sie auffordern, nur den Bleistift als gegeben hinzunehmen. Alles andere stimmt nicht, trifft nicht zu und gehört nicht hierher. Stellen Sie sich einen gut gekleideten Buchhalter vor, selbstverständlich ohne die Ärmelschoner, in einer Länge von circa 190 cm bei einem Gewicht von nur siebzig Kilogramm, mit schon etwas schütterem Haar, das die Farbe von altem Pergament hat, mit wasserblauen Augen und einer sehr langen Nase, dann, werter Leser, haben Sie eine grobe Skizze von Jack 'the traveller' Kelly. Während Jack also wie so oft auch an diesem Dienstag an seinem Fenster saß und in den Abendnebel blickte, dachte er, wie so oft, an das RAD. Er dachte an den Mann, der es erfunden hatte und stellte sich seinen Stolz vor, den er empfunden haben mochte, als ihm bewusst wurde, WAS er da erfunden hatte. Selbstverständlich wuwusste dieser Mann nicht, welches Ausmaß seine Erfindung eines Tages annehmen sollte. Genausowenig wusste Jack jedoch auch, welche Ausmaße seine Erfindung annehmen sollte. Eines Tages, als er wieder am Fenster saß und den Autos hinterherblickte, kam ihm eine Idee. In Windeseile war er im Mantel zur Tür hinaus und eilte durch die düsteren Straßen Dublins. Eine halbe Stunde war er unterwegs, bis er an seinem Ziel angekommen war. Eine ältere Dame öffnete auf sein Läuten hin und blickte ihn fragend, aber nicht unfreundlich an. Stumm reichte er ihr seine Karte und verbeugte sich knapp. Eine Stunde später hatte er sein Anliegen hervorgebracht. Sein Gegenüber, ein fast schon greiser Mann, blickte ihn mit scharfem Blick an. Er griff nach einer Flasche, die auf einem kleinen Tischchen stand, schenkte zwei Gläser ein und reichte eins seinem Gast. Die Abmachung war besiegelt. Zweites Kapitel Unruhig trat Jack von einem Fuß auf den anderen. Er musste jedoch nicht lange warten, denn schon nach wenigen Sekunden öffnete sich die Haustür. Statt der alten Haushälterin stand jedoch ein junger Mann vor ihm, den Jack schon einmal gesehen hatte. Seine langen rotblonden Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten. Der Junge lächelte ihn gewinnend an und begrüßte ihn freundlich. "Treten Sie doch ein Sir, Daddy erwartet Sie bereits!" sagte er und ließ ihn eintreten. Jack war zumute, als müsste sich jeden Moment der Boden unter ihm auftun. Seine Beine wurden von Treppenstufe zu Treppenstufe schwerer, sein Gesicht fühlte sich an wie ein glühendes Stück Kohle. Der junge Mann vor ihm schien das alles jedoch nicht zu bemerken. Er öffnete die Tür zum Salon und schloss sie hinter dem Gast wie ein vollendeter Gentleman. Jack blickte sich weiter um. Da war das bildschöne Mädchen, das ihn ein wenig traurig anlächelte. Jack erinnerte sich. Das Mädchen war Zeugin des Todes der Mutter gewesen. Sie dachte manchmal daran, hatte aber glücklicherweise keine Rachegefühle dem Jüngsten gegenüber. Im Gegenteil hegte sie ihn als eine lebendige Erinnerung an das, was die Mutter in den letzten Sekunden ihres Lebens gesehen hatte. So dachte er. Langsam stellte sich eine nervöse Spannung bei Jack ein, welche Namen die Kinder wohl tragen würden. Er blickte das dicke Mädchen an. Dieses Mädchen lachte gerade fröhlich über einen Scherz ihres älteren Bruders, der am Fenster stand und eine Tasse Tee in der Hand hielt. Keine Trauer war in dem runden Gesicht zu lesen. Jack setzte sich dankend auf einen Stuhl, den ihm einer der drei ältesten Jungen hingestellt hatte und lächelte freundlich. "Möchten Sie etwas trinken? Wir haben leider keinen Alkohol im Haus, aber vielleicht trinken Sie einen heißen Tee mit uns?" Jack zuckte zusammen. Vor ihm stand das kleine Unglückslamm der Familie. Dunkelblonde Locken umrahmten ihr niedliches, aber von vielen unglücklichen Erfahrungen geprägtes Gesicht. Jack erinnerte sich an einen zähen Streit mit einem Auftraggeber während 'ihrer' Erschaffung. Lächelnd nickte er. "Danke, gern." Glücklich, sich an einer Tasse festhalten zu können, lehnte Jack sich in dem Lehnstuhl zurück. "Vorsicht, Sir, manchmal liegen auf dem Stuhl kleine Kröten oder andere Mitbringsel!" warnte ihn das Mädchen. Jack blickte sie erstaunt an, doch sie lächelte nur. Der Halbwüchsige, der seiner Schwester soeben einen Witz erzählt hatte, lachte laut auf. "Ist ja schon gut. Das nächste Mal darfst Du vorher meine Taschen durchsuchen, wenn ich nach Hause komme, Barb!" schlug er ihr mit einem Grinsen vor. Sir Donald erhob sich. Dann trat er zu seiner ältesten Tochter. "Dies ist Kathleen, unser guter Geist. Wenn sie nicht wäre, würde hier so manches passieren!" erklärte er und ging zu "seinem Jüngsten". "Hier haben wir Angelo Gabriel, unseren kleinen Engel!" Der Junge runzelte die Stirn, denn wie alle Halbwüchsigen hasste auch er es, mit einem Engel verglichen zu werden. Er schwieg jedoch. "Na mein Junge, hab Dich nicht so, Du bist nun einmal kurz nach Weihnachten geboren." Der neue Vater ging zu dem Jungen, der am Fenster stand. "Patrick, unser Filou. Er lässt nichts ganz oder unversucht. Das hat er von seinem großen Bruder. Joseph," er deutete auf den jungen Mann, der Jack die Tür geöffnet hatte, "war für Patrick ein wesentlich grösseres Vorbild als die Schule oder seine großen Schwestern." Er legte seiner hübschen Tochter eine Hand auf die Schulter. "Patricia ist nicht nur die Hübscheste, sondern auch bestimmt die klügste Frau der Familie. Obwohl Maite, Barbara Ann und auch Kathleen nicht weit von ihr entfernt sind." Er strich dem Mädchen übers Haar. Jack bemerkte, dass sie leicht zusammenzuckte und lächelte sie beruhigend an. Da fuhr Sir Donald jedoch schon fort. "Und ohne Maite hier wäre unsere gute Stube ein ganzes Stück trauriger. Sie bringt Fröhlichkeit mit, egal wo sie herkommt. Und heitert auch Barbara Ann oft damit auf." Jack warf ihr einen Blick zu und begegnete wieder uneingeschränkter Fröhlichkeit. "So. Und James hier ist unser Dichter. Er schreibt für sein Leben gern Lieder, Gedichte und Geschichten, die er uns am Kamin vorliest." Purer Stolz strahlte aus den Augen des alten Geschäftsmannes, als er seinem zweitältesten Sohn die Hand auf die Schulter legte. Jack lachte leise. Sir Donald verweilte länger bei ihm als bei den anderen, bevor er zu seinem Ältesten trat, zu dem jungen Mann mit dem schönen ebenmäßigen Gesicht, für das ihn die Frauen lieben würden. "Das ist John, mein Stammhalter. Er wird eines Tages meine Nachfolge antreten." Er klatschte in die Hände. "So, das war's für heute mit den Formalitäten. Kommen wir zum gemütlichen Teil!" Drittes Kapitel Jack lag in dieser Nacht lange wach. Sie waren einander so vertraut wie niemand sonst, sie liebten sich bedingungslos. Sie waren wie eine Kette oder besser noch wie ein Teppich, der so fest geknüpft war, dass die einzelnen Fäden nicht mehr auszumachen waren. Jack wusste, eine Reise in die Zukunft würde das alles durcheinanderbringen, und er hoffte, den Schaden in Grenzen halten zu können. Jack wusste jetzt, dass er nicht in die Vergangenheit reisen würde, um das RAD zu erfinden. Er musste mit der Familie in die Zukunft reisen und über sie wachen. Es gab keine Alternative. Das Geld, das ihm Sir Donald ausgezahlt hatte, hatte er in eine kleine Wohnung in derselben Straße gesteckt. Er ging ein und aus bei ihnen wie ein enger Freund, und genau das war es auch, was sie von ihm dachten. Er war in ihren Augen der enge Vertraute und Arzt der Familie. Besonders zu Patrick hatte er eine sehr enge Beziehung, die ihn immer wieder an ihn selbst denken ließ, als er in seinem Alter gewesen war. Die anderen waren ernster als er, und Jack mochte Menschen mit viel Humor seit jeher sehr gern. Er war auch der einzige, der von Jacks Plänen erfahren hatte, mit Ausnahme seines Vaters selbstverständlich. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf die jetzt vollendeten Pläne für die MASCHINE. Reue überkam ihn, wenn er die Zeichnungen vor sich liegen hatte und aus dem Fenster einen Blick auf Sir Donalds Haus warf, in dem der Alte mit seinen Kindern musizierte. Sie schienen kaum andere Dinge zu machen. Sicher, Sir Donald hatte auf Musikalität bestanden, Jack jedoch wusste nicht, wie viel ihm das bedeutet hatte. Viertes Kapitel Es war ein kalter Tag, an dem Patrick seinen Geburtstag feierte. Er wurde achtzehn Jahre alt, und Jack hatte wochenlang darüber nachgedacht, was er ihm schenken sollte. So zog er sich seinen besten Ausgehrock an und machte sich auf den Weg, um vor der Feier ein Geschenk zu erstehen. Seit Sir Donalds Auftrag war er finanziell etwas flüssiger als vorher, vor allem, weil der Alte ihn weiterempfahl, wo er konnte. Sicher, es kamen keine großen Aufträge, aber Jack hielt sich gut über Wasser mit kleinen Reparaturen und kniffligen Instandsetzungen von Spieluhren oder ähnlichem. So konnte er einen guten Teil dieses Geldes für "Luxus" ausgeben, ohne sich Sorgen um seine Mahlzeiten machen zu müssen. So streifte Jack nach seinem Mittagessen durch die Straßen und sog die klare Dezemberluft ein. Bald würde der erste Schnee fallen... Nachdenklich blickte Jack sich in den Geschäften um, eine Idee nach der anderen verwerfend, bis er bei einem alten Freund, einem Buchhändler mit einem mittelmäßig laufenden Geschäft, eine Entdeckung machte. Ganz hinten in einem Regal mit billigen Schundromanen stand eine Schrift, die ihrem Besitzer, gerade wenn er ein Buchhändler war, eine Menge Ärger einbringen konnte. Jack hatte schon von dem Buch gehört, es jedoch nie selbst gesehen. Er wusste jedoch, dass ein Mann es geschrieben hatte, der kurz danach hingerichtet worden war. Kurzerhand bezahlte er das Buch, ließ es sich von Bill einpacken und verließ das Geschäft. Im Hause Donald war alles sehr festlich hergerichtet, um Patricks Geburtstag gebührend zu feiern. Jack wurde herzlich begrüßt wie ein Mitglied der Familie. Sir Donald selbst war noch nicht anwesend, er hatte noch Besorgungen zu machen. Jack nahm zwischen Patrick und seinem jüngsten Bruder Platz, dessen Stirn heute eine steile Falte zwischen den Augenbrauen zierte. Jack wechselte einige Worte mit ihm, um herauszufinden, was ihn bedrückte, doch der Junge war lediglich höflich-reserviert. Gerade als Jack intensiver nachzufragen begann, öffnete sich die Tür zum Salon, und der Alte trat ein. Er hatte wieder dieses Glitzern in den Augen, das Jack beunruhigte. Mit weit ausgebreiteten Armen ging er auf seinen Sohn zu und umarmte ihn herzlich, wobei ihm das große Paket, das er in der Hand hielt, sehr im Wege war. Jack nahm es ihm ab und beobachtete die Szenerie, die sich ihm bot. Ein schönes Bild. Eigentlich. In dem großen Paket befand sich eine auf Hochglanz polierte nagelneue Gitarre, die Patrick begeistert in Empfang nahm. Von seinen Geschwistern erhielt er ebenfalls Geschenke, die er ebenso entzückt annahm, egal welcher Kuleur. Sein großes Vorbild Joseph schenkte ihm einen Hundewelpen undefinierbarer Herkunft, der sofort einen kleinen See auf dem Fußboden hinterließ, seine Schwestern hatten ihr Taschengeld zusammengelegt, um ihrem jetzt fast schon erwachsenen Bruder eine echte Westentaschenuhr zu schenken. John überreichte ihm einen gepolsterten Korb, ein Halsband und eine Leine für den Hund. Ein selbst zusammengestellter Gedichtband von Jimmy und ein eigens für ihn komponiertes Lied seines kleinen Bruders machte das Entzücken vollkommen. Der Vortrag des Liedes war eher Anlass zur Heiterkeit, da Angelo Gabriel sich gerade mitten in seinem Stimmbruch befand und kaum einen Ton halten konnte. Patrick war trotzdem sehr gerührt und umarmte seinen Bruder dankbar. Jack erhob sich lächelnd. "Meine allerbesten Wünsche, Patrick!" sagte er und reichte dem Jungen eine Schachtel Konfekt. Dann sah er ihn fest an. "Ich würde Dich gern von Mann zu Mann sprechen. Du bist jetzt fast erwachsen und in der Lage, eine eigene Familie zu gründen. Wenn Deine Familie nichts dagegen hat, würde ich gern eine halbe Stunde mit Dir spazierengehen!" forderte er ihn auf. Sir Donald runzelte kurz die Stirn, nickte dann aber. "Gut." Die beiden gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, bis sie einen kleinen Pub erreichten, in dem sie Platz nahmen. Jack bestellte für beide Bier. Als Patrick protestieren wollte, schüttelte er nur den Kopf. "Lass gut sein, Junge. Von mir erfährt niemand etwas." Er atmete tief durch und zog dann das Päckchen aus der Tasche. "Ich wollte Dir das hier nicht vor Deiner ganzen Familie überreichen, Patrick. Nimm es mit, und wenn Du reden willst... Du weisst ja, wo ich wohne." Der Junge wurde abwechselnd rot und blass, als er das Buch ausgepackt hatte. Jack wollte innerlich triumphieren; der Gesichtsausdruck Patricks hielt ihn jedoch davon ab. Also legte er ihm eine Hand auf die Schulter. "Pack es wieder ein, Patrick. Und versteck es gut. Aber lies es auch. Gründlich. Es wird Dir helfen, damit zurechtzukommen." Patrick sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. "Ja," erwiderte er nur, bevor er sein Bier herunterstürzte und den Pub fluchtartig verließ. Jack warf Kleingeld auf den Tisch und folgte dem Jungen, der gerade in einer Seitengasse verschwand, das Paket mit dem Buch fest unter den Arm geklemmt. Als er ihn endlich eingeholt hatte, war er völlig außer Atem. "Menschenskind, ich hab Dir doch gesagt, von mir erfährt niemand etwas!" rief er nach Luft ringend. "Aber wenn Du so nach Hause kommst, werden sie alle merken, dass mit Dir was nicht stimmt. Also reiß Dich zusammen!" Jack schüttelte den Jungen, der völlig geistesabwesend nickte. "In Ordnung," sagte er und ließ sich von Jack wie ein kleines Hündchen nach Hause zurückführen. Fünftes Kapitel Als Jack nach Hause kam, traf ihn fast der Schlag. Seine ganze Wohnung war verwüstet, die Schränke ausgeräumt. Aber vor allem anderen traf ihn ein Verlust ganz besonders: Jack stellte schnell fest, dass ihm die Pläne für die MASCHINE entwendet worden waren. Mit viel Selbstbeherrschung schaffte er es, nicht die Faust gegen den Türrahmen zu schmettern. Seine ganze Arbeit von Monaten - zum Teufel. Weg. Unwiederbringbar verloren. In Jacks Hals bildete sich ein Kloß, der immer dicker wurde, je länger er sich in seiner Kammer umsah. Er hatte ja noch nicht einmal die Gelegenheit, die Polizei einzuschalten, denn wer glaubte schon an ZEITREISEN? Rasch sprang Jack wieder auf und verließ seine Wohnung. Von diesem Tag an war Jack wie ausgewechselt. Geneigter Leser, bitte stellen Sie sich diesen Schmerz vor. Sie haben etwas UNGLAUBLICHES entwickelt, und von einer Minute auf die andere ist ALLES WEG! Stellen Sie sich Jack in einem Pub vor, immer ein Bier und einen Whisky vor der langen Nase, dann, geneigter Leser, stimmt das Bild von Jack 'the traveller' Kelly zu dieser Zeit ganz genau. Jack ließ sich gehen, er wollte nichts mehr sehen oder hören, ging nur noch zum Trinken aus dem und zum Schlafen ins Haus. Jack wurde immer schmutziger, er redete mit niemandem, selbst seine Besuche bei Sir Donald stellte er ein. Aus beruflichen Gründen, wie er vorgab. Doch keiner wusste, was wirklich mit ihm passiert war. Bis sich eines Tages der jetzt achtzehnjährige Patrick auf die Suche nach seinem väterlichen Freund machte. Er klingelte bei ihm, doch niemand öffnete. So durchstreifte er Dublins Straßen und alle Pubs, bis er müde und erschöpft vor der Haustür seines Freundes einschlief. Ein unsanfter Tritt weckte ihn jedoch nach kurzer Zeit wieder auf. "Zisch ab, Du Penner!" hörte er Jacks Stimme. Hastig erhob er sich. Als er Jacks Gesicht sah, so aufgedunsen und schmutzig, erschrak er kurz. "Hallo Jack." Als ihn der Erfinder verständnislos ansah, holte Patrick aus und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Jack schüttelte den Kopf. "Au," lallte er und sah sein Gegenüber aus zusammengekniffenen Augen an. "Ach, Du bist das. Komm rein!" Jack wachte am nächsten Morgen mit einem Kopf voller Schmerzen auf. Als er sich umsah, stellte er erstaunt fest, dass er sich nicht in seiner eigenen Wohnung befand. Er hob den Kopf und stöhnte. Neben seinem Bett saß Joseph und grinste ihn an. Jack versuchte zurückzugrinsen, doch sein Kopf brachte ihn fast um. So ließ er sich auf sein Kissen zurücksinken, während Joseph sich erhob und das Zimmer verließ. Er brüllte nach seiner Schwester, die kurz darauf das Zimmer betrat und sich auf seinen Bettrand setzte. In den Händen hielt sie eine Suppentasse, die sie ihm reichte. Joseph stand in der Tür. "Pat, Du solltest Hexe werden. Bei Deinen Mixturen sehe ich schwarz, dass wir alle den Jahreswechsel noch erleben!" neckte er sie. Jack fühlte eine wohltuende Wärme, die genau durch seinen Kopf zu schießen schien. "Danke," brummte er und versuchte ein Lächeln. Das Mädchen stand auf. "Ich hole jetzt Vater," erklärte sie und verließ den Raum, gefolgt von ihrem Bruder. Jack reckte sich. Er fühlte sich schon viel besser. "Hallo, mein Freund. Nun sagen Sie mir bitte, was Sie so erledigt hat. Was ist passiert?" Sir Donald sah Jack mitfühlend an. Der Erfinder dachte an seine Pläne und seufzte. "Meine Pläne für DIE MASCHINE sind gestohlen worden. Einfach weg," erzählte er und setzte sich auf. Sir Donald sah ihn lächelnd an. Dann zog er einen großen Bogen Papier hinter seinem Rücken hervor. "Hier sind sie doch. Ich habe sie mir lediglich geliehen, mein Bester, um mich ebenfalls mit der Technik vertraut zu machen!" Jack fuhr hoch. "Was?" schrie er. "Sie haben die Pläne die ganze Zeit über gehabt? Sie mir gestohlen???" Er spürte, wie seine Kopfschmerzen zurückkehrten. "Ich bring Sie um!" rief er und sprang auf, doch der Alte hielt ihn mit einer unerwarteten Kraft zurück. "Werfen Sie nicht Ihr Leben weg, mein Bester. Das würden Sie nämlich tun, wenn Sie mich angreifen. Ich habe noch einen kleinen Trumpf im Ärmel, den ich auch ausspielen werde, wenn Sie nicht augenblicklich meinen Arm loslassen!" Jack zuckte zurück. "Schon gut." Er wusste, dieser Mann hatte seine Fäden überall, diese Erfahrung hatte er bei ihrer Zusammenarbeit mehrmals machen können. Er selbst jedoch war lediglich der Schmutz unter den Fingernägeln der Zivilisation, ein nichtssagender, unwichtiger kleiner Wicht. Er tat besser daran abzuwarten, was dieses Monster noch von ihm wollte. Jack musste nicht lange warten. "Ich möchte," begann der Alte, der jetzt wieder dieses Glitzern in den Augen hatte, "dass Sie diese MASCHINE bauen und bedienen werden. Aber das wissen Sie. Ich möchte weiterhin, dass Sie meine älteste Tochter heiraten. Sie hat ein Auge auf Sie geworfen. Und ich möchte auch, dass Sie uns nie verlassen. Sie sind der einzige, der meine Kinder behandeln kann, wenn ihnen etwas zustieße. Sie sollen Ihr Arzt sein. Und selbstverständlich ihr Freund. Patricks Freund sind Sie ja bereits, sonst hätten wir Sie niemals so schnell gefunden. Und ich warne Sie: Wenn auch nur eins meiner Kinder etwas von unserer kleinen Abmachung erfährt, sind Sie ein toter Mann. Das betrifft auch Kathleen. Sie werden ihr den Hof machen wie ein Gentleman. Ist das klar?" Jack wurde schwarz vor Augen. Jack arbeitete von morgens bis abends an der MASCHINE, stets unterstützt von den männlichen Kindern des Alten. Er war aus seiner Wohnung ausgezogen und hatte hier eine Bleibe gefunden. Der Alte war wie immer; der Zusammenstoß zwischen ihnen schien niemals stattgefunden zu haben. Doch Jack musste ständig an die Drohungen denken, die der Mann ausgestoßen hatte. Jetzt wusste er, es gab kein Zurück. Die MASCHINE war fast fertig, als eines Abends Angelo Gabriel zu Jack trat und sich einen Stuhl heranzog. "Kann ich Sie sprechen?" fragte er ernst, und Jack nickte lächelnd. "Natürlich. Was gibt es denn so Ernstes?" erwiderte er und zündete sich eine Pfeife an. Daraufhin schloss er die Tür und setzte sich zu dem Jungen, der nachdenklich die MASCHINE musterte. "Kann man damit in die Vergangenheit reisen, Jack?" Der Erfinder nickte. "Ja. Warum fragst Du?" Angelo Gabriel schluckte. "Ich könnte zurückreisen bis zu dem Tag, an dem ich meine Mutter getötet habe. Ich könnte das rückgängig machen. Dann hätten meine Geschwister ihre Mutter, und ich ..." er verstummte. Jack dachte eine Weile nach. "Ist gut. Wir tun es, sobald das Ding hier fertig ist. Allerdings werde ich noch ein paar Änderungen vornehmen. In einer Woche reisen wir ab. Versprich mir, dass Du keinem etwas von unserem Vorhaben erzählst!" Der Junge nickte entschlossen. Eine Woche später stiegen Angelo Gabriel und Jack spätnachts in die MASCHINE. Beide kamen erst wieder zu sich, als sie vor einem kleinen Haus mitten in einem Wald standen. Keine Menschenseele war zu sehen. Jack nahm den Jungen am Arm. "Komm, wir müssen die MASCHINE abdecken, damit sie niemand erkennt. Also komm, beweg Dich!" Die beiden deckten so lange Äste und Blätter auf das Ding, bis es wirklich nicht mehr zu erkennen war. Dann begannen sie ihre Wanderung Richtung Dublin. Sie durchquerten die Stadt auf der Suche nach Angelo Gabriels Elternhaus. "Faß nichts an und sprich mit niemandem, klar?" warnte Jack den Jungen, der benommen nickte. Als sie vor Sir Donalds Haus standen, sahen sie einen Jungen, der gerade das Haus verließ und davonschlenderte. Es war John. Er würdigte die beiden keines Blickes. "Jetzt zeig mir ein Fenster, von dem wir eine gute Sicht haben. Auf das Schlafzimmer Deiner Mutter. Los, aber vorsichtig!" Jack ließ sich von Angelo hinter das Haus führen, bis sie vor einem ebenerdigen Fenster standen. Sie blickten hinein und sahen eine ca. vierzigjährige Frau in einem Bett liegen. Eine andere Frau saß bei ihr und hielt ihre Hand. Da das Fenster nur angelehnt war, konnten die beiden Besucher jedes Wort verstehen, das gesprochen wurde. "Sally, ich denke, heute nacht wird es soweit sein. Mein letztes Kind wird heute nacht geboren werden. Sie wissen, dass ich Sie immer geschätzt habe, Sally. Passen Sie gut auf die Bagage auf!" Die sitzende Frau nahm die andere bei der Hand. "Aber Mam. Was reden Sie denn da?" fragte sie mit zitternder Stimme. Angelos Mutter schüttelte den Kopf. "Hören Sie auf, Sally. Ich weiß, was mit mir passiert. Ich bin schon lange krank. Ich habe es nur niemandem erzählt; ich wollte sie nicht beunruhigen. Sie wissen doch auch, dass ich in der letzten Zeit schwächer war als sonst, wenn ich kurz vor der Niederkunft stand. Und schieben Sie es nicht auf mein Alter, so etwas will eine Lady nicht hören!" Sie lächelte mit strahlenden Augen und strich über ihren runden Bauch. Angelo riß die Augen auf. "Das ist meine Mom?" fragte er bestürzt, und Jack nickte, während er warnend den Finger auf den Mund legte. "Ich weiß es einfach, Sally. Ich werde morgen früh nicht aufwachen. Und selbst wenn, selbst wenn der Doktor mir das Kind aus dem Bauch schneiden würde - ich würde nichts davon überleben. Aber ich bitte Sie - kein Wort zu meinen Kindern. Und versuchen Sie, ihnen den Gedanken auszutreiben, das Baby wäre Schuld an meinem Tod. Denn das ist nicht wahr!" Sally rollte eine Träne übers Gesicht. "Kann ich noch etwas tun, Madam?" fragte sie mit erstaunlich fester Stimme, und die Schwangere nickte. "Versuche ihnen Selbstvertrauen zu geben, vor allem den Mädchen und dem Kleinen, das noch kommen wird. Sie werden von ihrem Vater nicht zu selbstbewussten Menschen erzogen. Kathleen ist fast eine bessere Angestellte für ihn, und Maite erinnert ihn nur an seine eigene Schwester, in die er sie verwandeln will. Das möchte ich nicht. Und die kleine Hexe will er zu einem Zierpüppchen machen, was sie nicht verdient. Geben Sie ihr viel zu wissen, Sally. Soviel Sie können. Sie ist so klug und soll niemals hinter einem Herd enden... Die kleine Barby hat zuviel Angst davor allein zu sein. Helfen Sie ihr ein wenig. Und was die Jungs betrifft, so können Sie sie ruhig ein wenig lockerer behandeln. Vor allem John, der das Geschäft übernehmen wird. Ihm geht es im Moment sehr schlecht, weil er seine erste große Liebe verloren hat. Lassen Sie ihm seine Ruhe. Befreien Sie ihn von Zeit zu Zeit aus den Fängen seines Vaters und aus seinen eigenen, die er in sich selbst errichtet hat. Schicken Sie ihn viel aus dem Haus, lassen Sie ihn Besorgungen machen. Er muss sich ablenken, aber nicht durch die Art, wie sein Vater ihm sein Geschäft aufzwängt. Eigentlich interessiert er sich nicht dafür. Er musiziert viel lieber. Das trockene Leben eines Geschäftsmannes ist nichts für ihn. Ich hoffe für ihn, dass er eine andere Chance bekommt." Die Mutter der Kinder atmete tief durch; das Sprechen strengte sie sehr an. Sally sah sie besorgt an, doch die Schwangere lächelte nur. "Die beiden Jüngsten sind Flegel. Aber liebenswerte Lümmel. Sie sollen sich ruhig die Luft Dublins um die Nase wehen lassen, auch wenn sie manchmal ein wenig stinkt. Das macht nichts. Sie sind grundgut, daran kann auch ein wenig Gestank nichts ändern." Sie lächelte wieder, diesmal ein wenig verschmitzt. "Joseph schwärmt für Sie, Sally. Brechen Sie ihm nicht sein Herz!" Das Dienstmädchen erwiderte das Lächeln und errötete. "Machen Sie sich nichts draus. Das geht vorbei. James, das haben Sie ja selbst bestimmt schon gemerkt, ist ein kleiner Sonderling. Passen Sie auf, dass er, wenn er schon nicht aufhören kann zu schreiben, es wenigstens an der frischen Luft tut. Er ist so schon immer so blass!" Jack bemerkte, dass Angelo Gabriel neben ihm begonnen hatte zu zittern und legte ihm einen Arm um die Schultern. Er sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. "Sie ist wunderbar, Jack!" flüsterte er leise. Dann blickte er wieder in den Raum und erblickte ein junges Mädchen - seine Schwester Kathy, die sich nun statt Sally ans Bett der Mutter setzte. "Tricia möchte dabeisein, wenn das Kleine kommt!" erzählte sie, und die Mutter nickte schwach. "Lass sie dort an der Tür stehen. Dann kann sie verschwinden, wenn es ihr zu schrecklich wird!" ordnete sie an. Jack und Angelo standen noch lange an diesem Fenster. Sir Donald ließ sich die ganze Zeit über nicht blicken, und außer Patricia, Kathy und Maite, die gerade erst laufen gelernt hatte, sahen sie niemand anders aus der Familie. Angelo Gabriel wurde einige Stunden später Zeuge seiner eigenen Geburt. Er beobachtete den Arzt, einen alten grauhaarigen Mann, wie er ihm half, auf die Welt zu kommen und ihm liefen die Tränen übers Gesicht, als er sah, wie seine Mutter das kleine Bündel schwach anlächelte und es dann Kathleen reichte. "Pass gut auf den kleinen Engel auf!" sagte sie leise und schloss die Augen. Für immer. Gerade als Angelo zu schreien beginnen wollte, legte Jack ihm jedoch die Hand auf den Mund. "Pscht!" zischte er warnend. Da sahen sie, wie Patricia ins Zimmer gestürmt kam, kreidweiß und schluchzend. "Mom, Mom!" brüllte sie und lief auf die Mutter zu, die leblos in ihrem Bett lag. Kathy hielt sie fest und zog sie zu sich heran. "Komm her, Kleine!" flüsterte sie mit Tränen in den Augen, doch Patricia riß sich los und blickte haßerfüllt auf das Baby in den Armen ihrer Schwester. "Du Teufel!" schrie sie und ging mit den Fäusten auf den Säugling los. Kathy hielt sie sich nur mit Mühe vom Leib, doch nach wenigen Sekunden schon öffnete sich die Tür, und John trat ein. Er hielt seine kleine Schwester mit beiden Armen umfangen, bis sie sich ein wenig beruhigt hatte. Kathy sah ihn aus nassen Augen an. "Sie ist gestorben, Johnny," sagte sie mit zitternder Stimme. John biß sich auf die Lippen und zerrte Patricia aus dem Raum. Dort blieben Kathy und Angelo Gabriel. "Du kannst bestimmt nichts dafür, Du kleiner Wurm. Ich mach Dich erstmal sauber," sagte sie leise und verließ das Zimmer ebenfalls. "Du kannst und solltest die Vergangenheit nicht ändern wollen, Junge. Aber ich wollte, dass Du weisst, dass Du nicht schuld bist. Deine Mom wusste das auch. Sieh sie Dir an, sie lächelt.Und jetzt komm!" Jack zog den Jungen vom Fenster weg und begab sich mit ihm zum Fenster des Salons. Er hatte den Jungen fest im Arm, denn er zitterte wie Espenlaub. "Schau, das sind Deine Geschwister. Das Fenster ist nur angelehnt, wir können hören, was sie sagen." Er betrachtete die Kinder, die sich gerade aufgeregt um das Neugeborene scharten, doch Kathy schüttelte abwehrend den Kopf. "Setzt Euch hin, ich muss Euch etwas sagen." Sie wartete, bis sich alle gesetzt hatten. John hatte Maite auf den Schoß genommen und James Patrick. "Mom ist bei der Geburt gestorben," sagte Kathy tonlos, während John seine kleine Schwester telnahmslos hin und her wiegte. "Nein," erwiderte Jim. "Du lügst." Sein Gesicht war kreideweiß, und er umklammerte Patricks Arme so fest, dass der zu weinen begann. Jack zog den Kleinen vom Fenster weg. Als sie wieder auf die Straße traten, sahen sie, wie Joseph eilig das Haus verließ. Er biß die Lippen zusammen und hatte Tränen in den Augen, als er um eine Ecke verschwand. Stumm gingen sie zurück zur Maschine. Sechzehntes Kapitel Zwei Wochen nach dem Ausflug mit Angelo Gabriel war die MASCHINE für alle startklar. Jack hatte auch das Freien um Kathleen erst einmal verschoben, der Alte war ihm sowieso überlegen. Eines Abends jedoch nahm er Jack beiseite. "Junger Mann," begann er, "Sie werden doch den letzten Teil unserer Abmachung nicht vergessen haben?!" lächelte er und hatte beim Anblick der MASCHINE wieder dieses teuflische Glitzern in den Augen. Jack beeilte sich zu versichern, dass er nur den richtigen Zeitpunkt für einen Antrag auswählen wollte, und der Alte nahm es ihm anstandslos ab. Am Abend vor dem Aufbruch ins Ungewisse, wie John die Reise so treffend beschrieben hatte, saßen alle zusammen, nur der Alte war abwesend; er wollte "Spuren verwischen". Jack blickte sich wieder einmal in der Runde um. Seit dem ersten Mal war ein halbes Jahr ins Land gegangen. John ging oft allein spazieren und schien es gar nicht erwarten zu können abzureisen. Jack ging es ähnlich. Er hoffte, dort, wo sie hinkommen würden, weniger abhängig von Sir Donalds Launen zu sein. Er hoffte, dort würden die Fäden des Alten endlich reißen. Hier fühlte Jack sich oft wie eine Fliege in einem Spinnennetz. "Hey Jack. So schweigsam?" Er blickte auf und sah in Johns Augen. Der Erfinder lächelte. "Ich muss an morgen denken. Schließlich reist man nicht jeden Tag ins Ungewisse!" John nickte. "Manchmal ist das Ungewisse besser als alle bekannten Tatsachen!" erwiderte er und schenkte Jack noch einen Tee ein. "Vielleicht hast Du recht, Johnny!" warf Joseph ein, "aber ein bisschen Bammel haben wir doch alle, oder willst Du etwa sagen, dass Du Dich nur freust?" Er blickte seinen Bruder skeptisch an. Patrick lachte. "Vielleicht freut er sich nur auf die vielen neuen Mädchen, deren Herzen er im Sturm erobern wird. Weiß man's?" Er schüttelte den Kopf und beantwortete sich seine Frage selbst. Sein kleiner Welpe leckte ihm durchs Gesicht. Siebzehntes Kapitel Dichter Qualm biß den Reisenden ins Gesicht und verhüllte ihre schreckensblassen Mienen. Jack versuchte, durch das Guckloch einen Blick auf das DRAUSSEN zu erhaschen, doch der Dunst nahm ihm jede Sicht. Er wandte sich an seine Mitreisenden. "Da bleibt uns nichts anderes übrig, Kinder: Wir müssen aussteigen!" erklärte er. Dann blickte er Angelo Gabriel an. "Ich habe Dir zwar versprochen, dass Du als erster dieses DING verlassen darfst, aber ich denke, es ist sicherer, wenn wir zumindest zusammen gehen. Wer weiß, vielleicht sind wir mitten in einer Schlacht gelandet. Also, wir müssten jetzt am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts sein, wenn ich alles richtig berechnet habe. Nehmt Eure Sachen, wir steigen nacheinander aus. Aber folgt mir erst, wenn ich Euch sage, dass wir nichts zu befürchten haben. Dann nehmt Ihr Eure Sachen und verlasst die MASCHINE." Er fasste Angelo am Arm. Die ganze Reise über hatte er sich nicht so schlecht gefühlt wie jetzt, als er Hand in Hand mit seinem Jüngsten die MASCHINE verließ. Achtzehntes Kapitel Jack blickte sich geblendet um. Grelles Licht stach ihm in die Augen, und aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie Angelo Gabriel schützend die Hände vors Gesicht legte. "Wir wolln die show, wir wolln die Show!" hörten die beiden plötzlich Stimmen, die bestimmt von mehr als hundert Leuten kommen mochten. Durch das grelle Licht sahen die beiden jedoch keine Menschenseele, außerdem hatten sie immer noch den Qualm in den Augen. Jack blickte in die anderen Richtungen, um sich eventuell einen Fluchtweg sichern zu können, doch er bemerkte, dass sie genau auf einer Art Bühne gelandet waren, die zu allen übrigen Seiten mit Holzwänden verkleidet war. Innerlich atmete er auf. Wo eine Bühne war, war zumindest kein Krieg. "Ihr könnt kommen!" rief er leise ins Innere der MASCHINE. Dann winkte er dem imaginären Publikum. Ohrenbetäubender Beifall war die Folge. Der Reihe nach verließen die anderen die MASCHINE und blickten sich ebenso verwirrt um. "Nehmt Eure Instrumente, wir stehen auf einer Bühne. Spielt irgendein Lied, um Himmels willen!" Neunzehntes Kapitel Die ersten, die sich gefangen hatten, waren Patrick und Angelo Gabriel. Sie schritten mutig zum äußeren Bühnenrand und begannen, das Lied zu spielen, das Angelo seinem Bruder zum Geburtstag geschrieben hatte. Nach kurzer Zeit fielen auch die anderen ein. Jack stellte sich unauffällig an den Rand der Bühne und beobachtete das Geschehen. Er versuchte auch, einen Blick auf das Publikum werfen zu können, als ein Mann ihn an der Schulter packte. "Finger weg!" zischte Jack. "Sehen Sie nicht, dass wir einen Auftritt haben?" Der Mann verdrehte die Augen. "Ich habe ja schon eine ganze Menge Scheiße erlebt, aber das hier sprengt echt den Rahmen. Tut mir sehr leid, aber Sie stehen nicht auf meiner Liste. Wer sind Sie überhaupt?" Er drängte sich an Jack vorbei, dem erst jetzt auffiel, wie seltsam dieser und alle anderen Menschen hier gekleidet waren. Er beobachtete, wie der Mann Patrick und seinen Bruder zur Seite schob und in ein merkwürdiges DING sprach. "Dieser Zwischenfall tut mir außerordentlich leid, aber unsere Specialeffect-Künstler haben mir gerade versprochen, ihren Auftritt auf später zu verschieben." Er wandte sich an Patrick. "Vielen Dank, Jungs!" sagte er boshaft und wollte die beiden gerade von der Bühne schieben. "Weitermachen, weitermachen, weitermachen!" hörte Jack da wieder die Stimmen aus dem Publikum. Er hätte fast in die Hände geklatscht. "Macht weiter, los!" rief er den beiden leise zu, die sich jetzt sehr verwirrt umsahen. "Und singt in dieses Ding da, das macht Eure Stimmen lauter, scheint so eine Art Lautsprecher zu sein!" Zwanzigstes Kapitel Nach ihrem ersten Auftritt im zwanzigsten Jahrhundert waren alle sehr erleichtert und sehr sehr erschöpft. Jack hatte seine Gruppe gleich aus dem Geschehen geführt, als Patricks und Angelo Gabriels Lied zu Ende war, denn zuviel Aufsehen wollte er nicht erregen. Während er noch einen Blick auf die Maschine warf, die nicht mehr zu gebrauchen war, schob er mit der einen Hand Patricia, mit der anderen Joseph vor sich her, bis sie eine ruhige Seitengasse erreicht hatten. Dort atmeten sie tief durch. Jack sah, dass alle völlig durcheinander waren und beschloss wieder einmal, die Führung zu übernehmen. "Wir brauchen zuerst einmal ein Quartier!" beschloss er und sah sich in der Runde um. Alle nickten stumm. Jack bemerkte, dass Sir Donald aschfahl im Gesicht war und bot ihm seinen Arm, den der Alte dankbar ergriff. "Und dann werden wir uns hier unauffällig umsehen und bloß nicht auffallen!" warnte er seine Begleiter. Als er sah, dass alle außer den beiden jüngsten Söhnen immer noch wie unter Schock zu stehen schienen, winkte er den beiden. "Kommt, wir suchen ein Quartier. Ihr geht in den nächsten Pub und bestellt Bier. Klar? Wir kommen, sobald wir ewas gefunden haben, nach. Gehen wir!" Die beiden Jungen im Schlepptau, streifte Jack durch die Straßen. Wenn er sich nicht ganz gewaltig irrte, waren sie immer noch in Dublin. Die Frage war bloß, wann? Nach ungefähr einer halben Stunde Fußmarsch entdeckte Patrick ein Schild mit der Aufschrift "FLATS". Er machte Jack darauf aufmerksam und deutete auf ein schäbiges kleines Haus an einer Brücke. Nach einem zähen Kampf mit dem Eigentümer bezogen die drei als erste ihre "Wohnung", ein enges kleines, wahrscheinlich schon völlig veraltetes Hausboot an einem kleinen Fluß. Nun war es jedoch an der Zeit, die anderen aus dem Pub abzuholen. Vor der Tür zu der Gaststätte wartete bereits Johnny auf seine Geschwister und Jack. Er hatte es im Pub nicht mehr ausgehalten und hatte starke Kopfschmerzen bekommen. Jack lächelte ihn freundlich an und erklärte, dass diese Reise, der erste "Auftritt" und das Bier wahrscheinlich schon allein reichten, um jemanden nach einer Woche bettreif zu machen. "Aber jetzt haben wir ein Quartier. Hol Deine Familie, John!" Einundzwanzigstes Kapitel Der Alte lag schnarchend auf seiner Pritsche, während die anderen heißen Tee tranken und sich über die neue Situation unterhielten. Jack stellte fest, dass sich mit Ausnahme von John alle recht gut eingewöhnt hatten, denn sie machten schon Pläne für den nächsten Tag, wollten wiederholt auf die Bühne und musizieren. Jack bezweifelte, dass die Geschwister wieder so einen Erfolg verbuchen können würden, stimmte aber zu. Denn Geld musste ins Haus, soviel war klar. Er warf einen Blick auf Sir Donalds Ältesten, der auf einem klapprigen Holzstuhl saß und sich den Kopf hielt. "Leg Dich hin, John!" befahl er kurz. "Morgen geht's Dir schon wieder besser. Oder hast Du noch eine Portion von Deinem Wundermittel, Patricia?" Das Mädchen schüttelte den Kopf. Sie schien auch noch etwas ängstlich, hatte sich aber bis jetzt sehr gut gehalten. Sie warf einen Blick auf ihren Vater. "Ich mache mir auch eher Sorgen um ihn!" erzählte sie. "Er hat ein ziemlich schwaches Herz. Hoffentlich hält es dieser Belastung stand." Jack musterte den Alten und nickte dann zuversichtlich. "Er wird schon wieder. Morgen, wenn wir ausgeschlafen haben, geht es uns allen besser. Und dann würde ich vorschlagen, dass wir uns in kleinere Gruppen aufteilen und die Stadt und auch die Sitten hier erkunden. Jimmy, ich schlage vor, dass Du Dich mit Maite um eine Bücherei kümmerst; dort werden Zeitungen und andere Dinge ausliegen, damit Ihr Euch mit der Zeit hier vertraut machen könnt. Patricia und John, Ihr seht Euch die Geschäfte an. Und lasst Euch ruhig viel erklären!" Jack dachte kurz nach. "Joseph, Du wirst Dich ein bisschen mit der Technik vertraut machen, mit diesen Automobilen und Motorrädern. Kathleen, wir werden uns ein bisschen mit dem Volk anfreunden. Am besten erzählen wir, wir wären ein Paar auf Hochzeitsreise, das sich die Gepflogenheiten hier ansehen möchte." Er sah ein breites Grinsen auf Josephs Gesicht und seufzte innerlich. "Du, Angelo und Du, Patrick, Ihr seht Euch die Jugendlichen hier genauer an. Geht ruhig auf sie zu, sprecht mit ihnen. Barbara Ann, Du wirst Dir mit Deinem Vater hier die Umgebung ansehen und nachforschen, wie wir am besten Geld verdienen können. In Ordnung?" Seine Kinder nickten. "In Ordnung," erwiderte Maite. "Aber ich denke, dass wir hier erst arbeiten können, wenn wir uns besser auskennen. Vielleicht sollten wir morgen abend einfach noch einmal auf der Straße musizieren. Natürlich nur, bis wir etwas besseres finden." Sie blickte sich erwartungsvoll in der Runde um, und Angelo Gabriel nickte begeistert. "Mir hat's gefallen!" pflichtete er ihr begeistert bei. Jack zuckte die Achseln. "Meinetwegen gern. Auf mich müsst Ihr dann aber vezichten; ich bin unmusikalisch wie ein Stockfisch. Aber ich werde natürlich trotzdem da sein!" Er dachte an die begeisterten Zuschauer und fand sich mit der Tatsache ab, zunächst als Musiker sein Brot verdienen zu müssen. Der Erfinder lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Vielleicht war das gar nicht so schlecht. Wie er wusste, galten Straßenmusiker schon immer als exzentrisch, so würde die Andersartigkeit seiner Familie vielleicht gar nicht so sehr auffallen. Die zehn Reisenden redeten noch eine Weile über dies und das, bevor sie sich auf ihren engen Pritschen zur Ruhe begaben. Hier möchte ich Jack für eine Weile verlassen, um Ihnen, geneigter Leser, von den Erfahrungen seiner Kinder am nächsten Tag zu berichten. Beginnen wir mit dem Ältesten, der mit seiner Schwester am nächsten Tag durch die Stadt zog und sich die vielen verschiedenen Läden ansah. Beide erregten viel Aufsehen bei den Bewohnern und Bewohnerinnen von Dublin, denn beide waren außergewöhnlich hübsch und trugen zudem noch außergewöhnliche Kleidung. Selbst ältere Damen und Herren blieben auf der Straße stehen und blickten sich nach den beiden um, die neugierig durch die Straßen zogen und jedes Geschäft betraten. "Ich weiß nicht, wie ich das hier alles behalten soll, Tricia; das ist alles so anders und so viel. Guck Dir nur mal dieses Regal an: Da sind ungefähr zehn verschiedene Tüten mit Mehl. Oder diese vielen komischen Geräte. Das hier sieht aus wie ein ganz normaler Quirl, aber mit einem Kabel!" John zog das Gerät aus dem Regal und untersuchte es eingehend. Seine Schwester sah ihn lächelnd an. "Hier scheint alles irgendwelche Kabel zu haben. Wenn wir erst einmal Geld verdient haben, kaufen wir einfach ein paar solcher Sachen und probieren sie aus. Komm, Johnny, ich hab vorhin einen Laden mit Musikinstrumenten gesehen. Lass uns gucken, ob die auch alle elektrisch betrieben werden." Sie zog ihren Bruder am Arm aus dem Laden. John war etwas benommen von den ganzen neuen Dingen, die auf ihn einstürmten, doch Patricia war einfach nur neugierig, neues zu sehen und zu erfahren. Ähnlich ging es Jimmy und Maite, die nach einer Stunde endlich eine Leihbücherei ausfindig gemacht hatten und sich nun in Geschichtsbücher und Zeitungen vertieften. Sie staunten, wieviele verschiedene Zeitungen es gab, staunten über die farbigen "Illustrierten", über die Unmengen von Kriegen, die es zur Zeit zu geben schien und über Zeitungen, die eigens für Jugendliche gemacht zu sein schienen. Jimmy hatte es vor allem eine dieser Zeitschriften angetan. Als er sie durchblätterte, sprang ihm plötzlich ein nacktes Mädchen ins Auge, das unmöglich älter als Patrick oder Maite sein konnte. Rasch klappte er die Zeitung zu und wollte sie weglegen, doch Maite nahm sie ihm lachend aus der Hand. "Was gibt es denn so spannendes, Jimmy? Zeig mal her!" Sie schlug die Seite wieder auf und schluckte. "Sowas lassen die hier liegen? Guck mal, Jimmy, da hinten sind doch Kinder und gucken sich sowas an. Meine Güte!" flüsterte sie fassungslos. Ihr Bruder nahm ihr das Blatt aus der Hand und legte es weit weg. "Ab jetzt gucken wir uns nur noch die Tageszeitungen an. Und dann nichts wie raus hier! Vielleicht hat uns jemand dabei gesehen!" erwiderte er leise und vertiefte sich in einen Bericht über einen Krieg. Joseph ging allein durch die Stadt. Er betrachtete die Automobile, die Motorräder, und es dauerte nicht lange, bis er jemanden gefunden hatte, der gern bereit war, ihm alles zu erklären. Joseph bewunderte lediglich sein Auto und bekam sofort darauf einen Vortrag über die Vorteile dieses speziellen Gefährts gehalten. Als der Mann endlich fertig war, hätte Joseph problemlos eine Abhandlung über diese spezielle Marke halten können. Er war sehr beeindruckt von dem Tempo, das dieser Wagen angeblich leisten konnte: Zweihundertundvierzig Kilometer in der Stunde waren wahrlich kein Pappenstiel, davon war der Junge überzeugt. Er wäre zu gern einmal mitgefahren, doch er beschloss, damit zu warten, bis er sich näher mit diesen Automobilen befasst hatte. Die Motorräder hatten es ihm eigentlich noch mehr angetan. Patrick, der junge Welpe und Angelo Gabriel sahen sich derweil nach Jugendlichen und Kindern um, mit denen sie sprechen wollten. Sie waren sich unsicher, wie sie auf die Menschen zugehen sollten, denn beide hatten eigentlich noch nie Kontakt zu anderen Kindern und Jugendlichen gehabt. Als sie ein kleines Grüppchen entdeckten, blieben sie in sicherer Entfernung stehen und beobachteten das Verhalten eine Weile. "Ich weiß nie genau, was Jungen und was Mädchen sind, Paddy. Guck Dir das Geschöpf da mal an: Geschminkt, aber stoppelkurze Haare. Oder da: Dasselbe in grün!" Angelo Gabriel deutete auf zwei Wesen in Leinenhosen und dicken Jacken, die sich auf offener Straße eine Zigarette anzündeten. Sein Bruder lächelte. "Ist doch klar: Das sind Jungs. Frauen und Mädchen rauchen doch nicht auf offener Straße. Wir haben doch auch lange Haare. Ich glaube, wir sollten einfach mal hingehen und sie ansprechen." Wild entschlossen ging Patrick auf die beiden zu. Sein Bruder folgte ihm langsamer. "Hallo. Mein Name ist Patrick, und das ist mein kleiner Bruder Angelo. Wir sind neu hier!" begrüsste er die zwei, die ihn anblickten, als wäre er vom Himmel gefallen. "Und wer will das wissen?" bequemte sich eine der Personen zu einer Antwort. Jetzt erkannte Patrick erst an der hellen Stimme, dass ein Mädchen vor ihm stand und genüßlich an einer Zigarette zog. Er stutzte. "Ich weiß nicht. Wir wollten Euch kennenlernen!" erwiderte er ehrlich. Die beiden brachen in schallendes Gelächter aus. "Ich hab auch schon mal 'ne bessere Anmache gehört, was, Sue?" Ihre Freundin nickte grinsend. "Da müsst Ihr Euch schon was besseres einfallen lassen. Komm, wir hauen ab!" Angelo sah die beiden wütend an. "Und wie gefällt Euch das: Wir kommen aus der Vergangenheit und kennen uns hier nicht aus? Klingt das besser?" fuhr er die Mädchen wütend an, während Patrick ihm warnend auf den Fuß trat. Die beiden lachten noch lauter. "Yo, viel besser. Ich lade Euch zu 'nem Bier ein!" rief sie und zog die Brüder in einen Pub auf der anderen Straßenseite. Angelo blickte sich unbehaglich um. Dies war das erste Mal, dass er ohne seinen Vater eine Gaststätte betrat. Doch das Mädchen an seiner Seite grinste ihn nur hämisch an. "Na Kleiner, willste zurück zu Mama?" Barbara Ann und ihr Vater machten ganz gegensätzliche Erfahrungen. Sie sprachen verschiedene Menschen auf der Straße an, die alle bereit waren, ihnen zuzuhören. War Sir Donald jedoch mit seiner Rede fertig, drückten ihm die meisten eine Geldnote in die Hand und gingen weiter. Der Alte hatte bald gemerkt, dass er für einen Landstreicher gehalten wurde. Als er das Geld zählte, lächelte er. "Komm. Wir gehen zurück nach Hause, Barby. Ich hoffe, dass wir heute abend etwas ordentliches kochen können und dass die anderen mehr Neuigkeiten zu berichten haben. Ich fürchte, Kind, ein alter Mann wie ich ist als Kundschafter nicht mehr zu gebrauchen!" Barbara Ann blickte ihren Vater vorwurfsvoll an. "Du bist doch nicht alt!" entgegnete sie und hakte sich bei ihm unter. "Du hast nur schon graue Haare, das ist alles." Hier stoßen wir wieder auf unseren Erfinder, der mit Kathleen durch die Stadt zog, das Gespräch mit den Einheimischen suchte und sich zwischendurch immer wieder überlegte, wie er um einen Antrag herumkommen konnte. Er betrachtete Kathleen ja mittlerweile schon als seine eigene Tochter, und welcher Vater will schon seine eigene Tochter ehelichen? Jack fühlte sich schlecht, doch Kathleen schien von alldem nichts zu merken. Sie plauderte mit ihm wie mit einem alten Freund und strahlte ihn von Zeit zu Zeit so herzlich an, dass Jack eine Gänsehaut über den Rücken lief. Er war heilfroh, als sie nachmittags Patrick und Angelo begegneten, die mit glasigen Augen aus einem Pub wankten, Arm in Arm und offensichtlich nicht mehr nüchtern. Jack fing Angelo auf, der gerade kurz davor war, über einen Randstein zu stolpern und sah die beiden böse an. "Seid Ihr verrückt? fuhr er die beiden an, die jedoch nur grinsten und irgendetwas von Bier und Frauen faselten. Kathleen war offenbar ziemlich geschockt. Sie schnappte sich Patrick und hakte ihn unter, während Jack bei dem Kleinsten dasselbe tat. Gemeinsam gingen sie zurück zum Hausboot, wo der Alte und Barbara Ann sich gerade einen Tee aufbrühten. "Die beiden sind ein bisschen unter die Räder geraten, Sir!" erklärte Jack gezwungen fröhlich und ging mit beiden in das kleine Badezimmer. Angelo musste sich sofort übergeben, als er die Bewegung des Schiffes spürte, Patrick hielt etwas länger durch, doch auch er konnte seinen Mageninhalt nicht bei sich behalten. Als Jack die beiden versorgt hatte, kam er zurück in den Wohnbereich und lächelte krampfhaft. "Hast Du es Ihnen erklärt, Kathy?" fragte er, worauf sie nickte. "Zum Glück haben sie nicht noch mehr von den Muscheln gegessen!" entgegnete sie lächelnd, warf ihren Brüdern, die käseweiß auf ihren Stühlen saßen, jedoch einen so bitterbösen Blick zu, dass sie wie unter einem Schlag zusammenzuckten. Der Alte nickte erleichtert. "Es ist nicht leicht, hundert Jahre einfach so zu überspringen, Kinder. Deshalb solltet Ihr Euch auch in acht nehmen, was Ihr annehmen dürft und was nicht. Ich für meinen Teil habe erst einmal genug von den wohltätigen Menschen hier, die meine Tochter und mich für Bettler gehalten haben. Jetzt möchte ich nur wissen, was die anderen erlebt haben. Ich hoffe, sie kommen bald zurück. Aber inzwischen lege ich mich aufs Ohr. Bitte weckt mich, wenn sie zurückkehren." Ein gellender Pfiff ließ Patricia und John zusammenzucken. Sie fuhren herum, in der Gewißheit, einen Schutzmann zu erblicken, doch hinter ihnen stand lediglich ein ziemlich ungepflegter junger Mann, der Patricia grinsend taxierte. "Na Süße, bist Du noch frei?" nuschelte er zwischen einem Zigarettenstummel hervor. "Ich wette, sie ist ganz schön heiß, was, Kumpel?" Er schlug John gönnerhaft auf die Schulter und schickte sich an, seiner Schwester einen Arm um die Taille zu legen. Doch da hatte John schon zugeschlagen. "Wag das nicht noch einmal!" drohte er. "Sonst wirst Du Dir wünschen, meine Schwester niemals gesehen zu haben, egal wie schön Du sie findest!" Er nahm sie am Arm, und beide verschwanden in der Menge. Das Ganze war so schnell gegangen, dass eigentlich niemand bemerkt hatte, was passiert war. Nichtsdestotrotz beeilten sich die Geschwister, so schnell wie möglich zum Boot zu kommen. Beide hatten für heute mehr als genug. Jack horchte auf. Von draußen war lautes Motorengebrumm zu vernehmen, an das er sich fast schon gewöhnt hatte. Die Tür klappte, und Joseph trat ein, gefolgt von einem Mädchen in Lederkleidung. Hose, Jacke, alles aus schwarzem Leder. "Sind das Deine Eltern, Joey?" fragte das Mädchen neugierig und deutete auf Kathleen und Jack. Joseph (oder Joey, wie ihn dieses Mädchen nannte) lachte verlegen. "Nein, das ist meine Schwester. Jack ist ein Freund der Familie. Mein Vater schläft wohl. Die beiden Jungs dort sind meine Brüder Patrick und Angelo Gabriel, die kleine heißt Barbara Ann. Und das hier-" er deutete fast stolz auf das Mädchen- "ist Nancy. Sie hat mich nach Hause gefahren. Sie möchte sich gern unser Konzert heute abend anhören!" Jack seufzte leise. Das konnte ja heiter werden... John und Patricia waren erleichtert, als sie das Boot erblickten, denn fast hatten sie damit gerechnet, sich gründlich verlaufen zu haben. Sie öffneten die Tür zum Wohnraum und erblickten dort verwundert ihren Bruder Joseph mit einem fremden Mädchen, bevor sie den Rest der Familie registrierten. Sie setzten sich zu den anderen, hielten sich mit ihren Erzählungen jedoch zurück, da sie nicht wussten, was dieses Mädchen hier überhaupt tat. Sie hing lediglich wie gebannt an Josephs Lippen, als er von einem Automobil redete, von dem sie noch nie gehört hatten. Nach einem ca. halbstündigen Vortrag erhob sich Jack. "Gnädiges Fräulein, bitte verzeihen Sie mir meine Unhöflichkeit, aber ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich und die Familie für eine Weile allein lassen würden. Wir müssen unseren Auftritt noch einmal durchsprechen." Er gab Joseph einen Wink, der das Mädchen zur Tür brachte, und ließ sich dann erleichtert in seinem Stuhl zurücksinken. John blickte seinen Bruder spöttisch an. "Hallo Joey! Du lässt hier ja nicht viel anbrennen, Du Techniker!" zog er ihn lächelnd auf, und sein Bruder runzelte die Stirn. Dann warf John einen Blick auf Patrick und Angelo. "Und was ist mit den beiden Gentlemen?" Jack lachte leise. "Frage Sie selbst, wenn Sie wieder ansprechbar sind, Johnny. Aber jetzt erzählt. Was habt Ihr erfahren?" Zweiundzwanzigstes Kapitel Als alle ihre Erfahrungen ausgetauscht hatten, herrschte im Wohnbereich des Boots zunächst tiefe Stille. Alle mussten die Neuigkeiten, die sie gerade im Schnellverfahren erfahren hatten und an die sich die normale Bevölkerung in einem ganzen Jahrhundert Generation für Generation langsam gewöhnt hatte, schneller verdauen als es ihnen recht war. Patrick und Angelo Gabriel saßen kreideweiß auf ihren Stühlen; bei jeder Bewegung des Schiffs rebellierten ihre Mägen. Selbst Jack, der Tag für Tag mit unglaublichen Dingen zu tun gehabt hatte, schwieg. "Ich denke trotzdem, dass wir heute abend auftreten sollten. Und vorher sollten wir alle etwas ordentliches essen!" brach Sir Donald schließlich das Schweigen. Er warf die Münzen auf den Tisch, die ihm im Laufe des Tages zugesteckt worden waren, und blickte sich fragend um. "Wer weiß, wieviel wir dafür bekommen?" Patrick warf einen Blick auf das Häufchen und runzelte die Stirn. "Ich glaube, davon werden wir nicht satt. Dafür bekommt man ja noch nicht einmal ein Bie-" Sein kleiner Bruder trat ihm unter dem Tisch drohend ans Schienbein- "ich meine, davon, was wir dafür kriegen, wird ja noch nicht einmal eine Biene satt!" versuchte er sich ungeschickt aus der Affaire zu ziehen. Jack blickte ihn wütend an. "Aha. Dann schlage ich vor, dass wir beide jetzt mal losgehen und etwas zu essen auftreiben, wenn Du Dich so gut mit dem Fiskus auskennst, junger Mann. Vielleicht bekommen wir ja irgendwo ein Glas Bienenhonig!" erwiderte er, griff sich seinen Ausgehrock und zog Patrick am Arm hoch. Draußen sah er ihn neugierig an. "Was habt Ihr sonst noch erfahren, Patrick? Ihr habt beide, als Ihr den Pub verlassen habt, etwas von Bier und Frauen gefaselt. Was hatte es damit auf sich?" wollte er wissen, und sein (?) Sohn sah ihn verlegen an. "Wir haben den Mädchen die Wahrheit erzählt, wo wir herkommen. Aber sie haben uns nicht geglaubt. Trotzdem haben sie uns zu einigen Bieren eingeladen. Stell Dir das einmal vor Jack! Mädchen rauchen auf offener Straße und laden Männer zum Bier ein!" Er schüttelte verständnislos den Kopf, und Jack lachte leise. "Männer, ja, Patrick? Aber jetzt erzähl weiter. Was haben sie erzählt, was die anderen nicht hören sollten?" Patrick atmete tief durch, bevor er fortfuhr. "Sie haben gedacht, unsere Geschichte wäre nur ein Trick. Und sie haben beide mitgespielt. Deshalb wissen wir beide jetzt mehr über die Leute jetzt als wir eigentlich erfahren wollten. Also, Mädchen und Frauen bedeuten genauso viel wie Männer, und sie haben die gleichen Rechte. Sie rauchen auf der Straße und -" "-laden Männer zum Bier ein, ich weiß!" unterbrach Jack ihn hastig. "Ja. Es müssen alle zur Schule gehen, Mädchen und Jungen. Sie gehen sogar in dieselben Klassen, also Mädchen und Jungen zusammen. Sie hören Musik, aber das, was wir machen ist Live-Musik. Die Jugendlichen haben so kleine silberne Scheiben, die sie in ein Gerät schieben, aus dem dann die Musik kommt. Wahrscheinlich ähnlich wie ein Grammophon, aber genauer konnten sie es mir auch nicht erklären. Sonst gibt es so viele Dinge, die anders sind, Jack... ich konnte sie gar nicht alle behalten. Die Mädchen waren so ... gesprächig, sie haben uns von allen möglichen Dingen erzählt." Er griff in seine Tasche und zog einen Fetzen Papier hervor. "Das hier ist die Telefonnummer der beiden Mädchen. Und das da-" er deutete mit ausgestrecktem Arm auf eine kleine Kabine- "das ist eine Telefonzelle. Du musst nur den Hörer abnehmen, einige Münzen hineinstecken und einige Tasten drücken. Dann-" "Junger Mann, das hat mir Jimmy schon alles erzählt. Aber was ich Dir noch sagen wollte, ist eine Sache, von der ich dachte, dass Du sie selbst erfahren hast. Aber anscheinend ist dem nicht so." Jack griff in seine Tasche und holte einen Zeitungsartikel hervor. "Lies das!" sagte er kurz. "Christopher Street Day wieder mit viel Pomp und Power begangen! Auch in diesem Jahr wurde in unserer Stadt eine Parade zum CSD begangen. Schätzungsweise zweitausend homosexuelle Männer und Frauen nahmen an dem Umzug teil!" war der Text unter einem Foto, das etliche Menschen zeigte, die Schilder in die Luft hielten, auf denen Dinge wie zum Beispiel "Glad to be GAY" standen. Patrick rang nach Luft. "Das ist... das ist erlaubt?" brachte er hervor, während er das Gefühl hatte, sein Kopf müsste sofort platzen. Jack nickte. "Es ist heute sogar in machen Ländern möglich, dass Männer und Frauen untereinander heiraten, in Dänemark zum Beispiel. Patrick, ich möchte Dich in Deiner Welt willkommen heißen." Jack sah den Jungen grinsend an. "Und während ich solche Entdeckungen mache, sitzt Du mit Deinem kleinen Bruder in einem Pub. Na komm, wir versuchen, etwas zu essen aufzutreiben. Du bist immer noch ziemlich blass!" Nach einer kurzen Suche hatten die beiden ein riesenhaftes Geschäft gefunden, das sich bezeichnenderweise "Supermarkt" nannte. Kathleen hatte herausgefunden, dass diese Geschäfte preiswerter als die ganz kleinen Läden waren und ihnen einen Zettel mit den nötigsten Dingen mitgegeben. Verwirrt gingen die beiden durch die langen Reihen mit Regalen, rechneten, holten immer wieder die Münzen hervor, zählten sie und verglichen die Preise auf den Waren. Patricks Kopfschmerzen wurden davon nicht unbedingt besser, aber er spürte, wie sein Magen aufhörte zu rebellieren und stattdessen zu knurren begann. Als sie endlich die Taschen mit den Einkäufen zum Boot schleppten, waren beide kurz vor dem Verhungern. Dreiundzwanzigstes Kapitel Kurz vor dem ersten Auftritt waren alle so nervös wie vor dem Besteigen der MASCHINE. Nur Angelo Gabriel war die Ruhe selbst. Er hatte ein wenig geschlafen, als es seinem Magen wieder besser gegangen war, und jetzt wollte er nur noch eins: Spielen wie am gestrigen Tag. Er polierte seine Gitarre und zupfte wahlweise ein paar Töne an, bis er durch seinen Bruder unterbrochen wurde. "Kannst Du vielleicht für ein paar Minuten ruhig sein? Ich versuche, meine Gitarre zu stimmen!" fuhr John ihn wütend an. "Ach, sei doch still!" erwiderte Angelo patzig und verließ das Boot. Jack runzelte die Stirn. Er warf John einen tadelnden Blick zu, den der jedoch geflissentlich ignorierte und folgte dem Jüngsten, den er auf dem Steg sitzend vorfand. "Na, wie gefällt es Dir hier und jetzt?" fragte er ihn und ließ sich neben ihm nieder. Der Junge zuckte die Schultern. "Gut!" erwiderte er nur und schlug wieder ein paar Akkorde an. Jack legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Du warst sehr gut gestern! Ich glaube, wenn Du heute genauso spielst und singst, wirst Du noch berühmt!" sagte er fröhlich, doch Angelo sah ihn nur an, als hätte er den Verstand verloren. "Ja klar," brummte er. Jack lachte wieder. "Nur Deinen Stimmbruch musst Du schneller in den Griff bekommen!" Er ließ seine Schulter los. "Wir müssen uns langsam auf den Weg machen. Kommst Du wieder herein?" Jack zog ihn hoch und öffnete die Hintertür zum Boot. Drinnen waren alle bereit aufzubrechen, lediglich Joseph war nervös wie eine alte Lady und konnte seine Handschuhe nicht finden. Jack lachte, als er daran dachte, wie er diesem Mädchen diesen Riesenbären aufgebunden hatte, und zog die Handschuhe hinter einer Tasse hervor. "Hier, nimm die - Joey!" Vierundzwanzigstes Kapitel Der Marktplatz der Stadt füllte sich schnell, als die Menschen erfuhren, dass es dort an diesem Abend Live-Musik gab. Sir Donald und Jack standen am Rand und sahen sich ihre (?) Kinder an, die dort mitten auf dem Platz standen und (über hundert Jahre alte) Lieder spielten. Überraschenderweise gab es kaum Probleme, auch wenn Angelo Gabriel von Zeit zu Zeit ein wenig kiekste; das wurde von Patrick immer wieder ausgeglichen. Als die neun ihr drittes Lied spielten, gab Sir Donald Jack einen Stoß. "Jetzt geh mit dem Hut herum, Jack!" forderte er ihn auf. Jack tat wie ihm geheißen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Menschen waren großzügiger als er es sich hätte träumen lassen. Erst nach zwei Stunden wurde die Familie vom Publikum gnädig entlassen. Alle waren erschöpft und verschwitzt, aber auch sehr stolz auf ihren Erfolg. Als sie jedoch gerade den Marktplatz verlassen wollten, kamen ungefähr zehn Mädchen auf sie zugestürmt. Sie versperrten Patrick, John und Angelo Gabriel den Weg und wollten ihre Unterschriften auf einem Bierfilz haben. Die drei blickten sich verwirrt an, erfüllten die Wünsche jedoch lächelnd. Schnell kamen sie mit den Mädchen ins Gespräch, die alle Einzelheiten über die Jungen erfahren wollten. Jack beobachtete das Schauspiel eine Weile, bis ihm jemand auf die Schulter tippte. Vor ihm stand eine junge Frau in Hosen und lächelte ihn an. "Hallo, mein Name ist Iris o' Connor. Ich bin von der Zeitung. Ich würde Ihnen und Ihren Kindern gern ein paar Fragen stellen. Wäre das möglich?" Sie deutete auf den Pub, aus dem Patrick und Angelo vor einigen Stunden auf die Straße gefallen waren. Jack stellte sich ebenfalls vor und überlegte kurz. "Kommen Sie morgen wieder!" antwortete er schließlich. "Für heute haben wir genug getan." Die Frau blickte ihn an wie das achte Weltwunder, nickte aber zustimmend. "So. Patrick, Angelo, Johnny, kommt, wir gehen!" rief er den beiden zu, die immer noch mit den Mädchen sprachen, und wandte sich dann an Joseph. "Hat es Deiner Angebeteten gefallen?" fragte er spöttisch und grinste breit. Joseph lachte. "Sie hatte wohl ein bisschen mehr Gesang von mir erwartet. Aber was soll's, vielleicht das nächste Mal!" Maite, die das Gespräch mitverfolgt hatte, lächelte. "Ich glaube, die Mädchen da wollen nur unsere Kleinen sehen!" Sie machte ihren Bruder auf die Horde aufmerksam, doch der lachte nur wieder. "Ach was, ein bisschen Platz ist immer für mich. Nur ein Lied, BIIITTEEE, Paddy!" Er fiel theatralisch vor seinem Bruder auf die Knie, der ihn verblüfft ansah. Die umstehenden Mädchen brachen in Gelächter aus. "Jetzt aber los, Kinder, ich habe Hunger!" drängte Jack. Fünfundzwanzigstes Kapitel Beim gemeinsamen Abendessen war von nichts anderem die Rede als von dem überaus gelungenen Auftritt. Nur John war ziemlich schweigsam und redete nur, wenn ihn jemand direkt ansprach. Das schien jedoch niemandem aufzufallen, denn alle redeten wild durcheinander und konnten gar nicht genug in Erinnerungen schwelgen. Jack verließ irgendwann den Wohnraum und legte sich schlafen. Als er gerade die Augen schließen wollte, hörte er ein leises Klopfen. "Hhm?" murmelte er müde, bevor sich die Tür öffnete und John vor seinem Bett stand. "Jack, ich muss mit Dir reden!" begann er, "aber wenn Du lieber schlafen möchtest..." Der Erfinder setzte sich auf. "Unsinn. Was gibt es denn?" fragte er und klopfte auf seine Bettkante. John setzte sich und blickte verlegen auf seine Hände. "Sag mal, Jack, Du warst doch bestimmt schonmal verliebt, oder?" Jack lächelte. "Natürlich, Johnny. Warum fragst Du?" Sein Gegenüber sah ihm fest in die Augen. "Weil ich das auch schon einmal war und immerzu an sie denken muss. Immer wenn ich ein anderes Mädchen kennenlerne, spukt sie mir im Kopf herum, und ich fühle mich ganz erbärmlich. Es ist schon so lange her, aber ich muss trotzdem immer daran denken." Jack hob eine Augenbraue. "Warum habt Ihr Euch nicht mehr gesehen, John? Was ist passiert?" fragte er ernst, und John sah ihm fest in die Augen. "Schwöre mir, dass Du das niemals weitererzählen wirst, Jack!" forderte er. Jack nickte und schwieg. "Wir haben uns kennengelernt, als wir gerade beide fünfzehn Jahre alt waren. Sie war die Tochter eines Pfarrers in einem kleinen Vorort und war so wunderschön wie keine andere Frau. Gott, ich war so verschossen in dieses Mädchen!" Er blickte wiederholt auf seine Hände. "Wir haben uns sooft es ging gesehen. Mein Vater war gegen unsere Freundschaft. Er sagte damals immer: 'John, Du bist noch so jung, Du solltest Dir erst die Hörner abstoßen und sie dann vielleicht heiraten, wenn Eure "Liebe" dann immer noch so groß ist.' Er war nicht dagegen, dass ich mir ein Mädchen nehme, er war nur gegen eine so frühe .. na, er war dagegen, dass wir uns jetzt schon mit so großen Gefühlen wie Liebe herumschlagen. Ich glaube aber, im Endeffekt hatte er nur Angst, dass ich ein Mädchen aus so gutem Hause in Schwierigkeiten bringen könnte und er dann als Schweinehund dasteht." Jack merkte, wie John nach Worten rang und schwieg. "Und eines Tages-" fuhr er fort und biß sich auf die Lippen, "- waren ihre Eltern zu einem Familienfest eingeladen, und sie musste zu Hause bleiben und auf den Hof aufpassen. Die Familie hielt nichts davon, den Angestellten den Sonntag zu verderben, und wenn sie doch einmal alle wegfahren mussten, dann nur in Notfällen. Das war aber kein Notfall, nur eine entfernte Tante feierte ihren Geburtstag. Wir waren ganz allein auf dem Hof. Zuerst haben wir uns in den Garten unter die dicke Eiche gesetzt und geredet. Aber irgendwann..." John blickte Jack noch einmal drohend an, "versprich mir nochmal, dass Du schweigen wirst!" Jack drückte seine Hand. "Beim Leben meiner Mutter, John, es wird nie ein Wort über meine Lippen kommen!" John, der inzwischen ziemlich blass geworden war, nickte. "Sie wurde schwanger, Jack. Ich wollte sie heiraten, doch Vater brach einen so heftigen Streit mit der Familie vom Zaun, dass sie mir ihre Tochter nicht mehr geben wollten. Sie wollten sie nur noch von mir fernhalten." Er schluckte. "Jetzt ist sie in einer Schwesternschule. Ihr...unser Baby habe ich nie gesehen. Sie hat mir nie geschrieben. Ich weiß noch nicht einmal, ob sie noch lebt." Jack schloss einen Moment die Augen. "Erzähl mir von ihr, wie sah sie aus?" fragte er den Jungen, der wie ein Häufchen Elend vor ihm saß. "Sie war wunderschön. Erst hatte sie lange rote Haare, aber als sie sich einmal versehentlich Wachs hineingegossen hat, musste sie sie abschneiden. Und wurde noch schöner. Sie hatte Sommersprossen auf der Nase und blaue Augen. Man musste sie einfach lieben. Ich habe es getan. Wenn ihre Eltern nicht da waren, hatte sie meistens die Hosen vom Stallburschen an und ein altes Hemd. Sie hat immer zu mir gesagt: "Johnny, wenn wir einmal heiraten, und das werden wir, werden wir alle mit unserer Schönheit und unserem Glück blenden. Wir werden zehn Kinder haben, eins schöner als das andere! Dabei sah sie so glücklich aus, dass ich sie niemals loslassen wollte." John atmete tief durch. "Diese Mädchen heute... seit Lynn habe ich kein Mädchen mehr in Hosen gesehen oder mit kurzgeschnittenen Haaren. Diese Mädchen haben mich so an sie erinnert." John schwieg eine Weile. "Du bist der einzige, dem ich das erzählen kann, Jack. Die anderen würden das nicht verstehen. Sie würden mich wahrscheinlich zum Teufel jagen. Ich frage mich, warum mein Vater das nicht schon längst getan hat. Er war so wütend auf mich!" Jack lächelte. "Er liebt Dich eben!" erwiderte er nur. "Ich fürchte, Du wirst das Mädchen vergessen müssen. Sie ist so weit weg, und Du wirst sie wahrscheinlich nie wiedersehen. Das ist das Beste, glaub mir." John seufzte leise. "Ich weiß es ja. Vielen Dank, dass Du mir zugehört hast, Jack." Schweigend stand John auf und verließ den Raum. Sechsundzwanzigstes Kapitel Die Frau von der Zeitung kam am nächsten Tag tatsächlich wieder. Sie arbeitete bei einem dieser Jugendblättchen, wollte die neun fotografieren und sie auf die Titelseite bringen. Angelo Gabriel und Patrick waren begeistert, auch Joseph freute sich, endlich im Rampenlicht stehen zu dürfen. Die Reporterin befragte sie nach allen möglichen Dingen, doch immer, wenn Sir Donald die Fragen zu gefährlich wurden, stoppte er die Frau durch eindeutige Handzeichen. Das Gespräch dauerte geschlagene zwei Stunden. Die Zeitung sollte am folgenden Donnerstag erscheinen, und die Frau bat Patrick und Angelo Gabriel noch um ein Foto, auf dem sie miteinander rangelten. Sir Donald zuckte die Schultern, sagte aber nichts. Als die Reporterin gegangen war, begann Maite, das Abendessen vorzubereiten, das heute viel reichhaltiger ausfiel als noch am Abend zuvor. Jack warf John immer wieder einen verstohlenen Blick zu, doch der Junge ließ sich nichts anmerken und war genauso fröhlich wie sonst. Heute war er den Mädchen aus dem Weg gegangen und hatte seinen kleinen Brüdern den Vortritt gelassen, die das Ganze offensichtlich genossen. Patrick amüsierte sich immer köstlich über seinen kleinen Bruder, der den Mädchen ungeschickte Komplimente machte und sie behandelte wie ein vollendeter Gentleman. Er selbst war einfach nur neugierig, was die jetzigen Jugendlichen von den Jugendlichen aus seiner Zeit unterschied. Nach einigen Auftritten konnten jedoch auch die anderen schon eine Menge Anhänger und Anhängerinnen aufweisen, die schon vor jedem Konzert nach ihnen riefen. Joseph war begeistert, wenn ihm zugejubelt wurde, Maite fühlte sich ebenfalls sichtlich wohl in ihrer neuen Funktion. Kathleen schien über dem Trubel zu stehen, Patricia war der Liebling der männlichen Zuschauer, es sei denn, Barbara Ann tanzte wie ein Derwisch über das Straßenpflaster. Jimmy und John hielten sich oft im Hintergrund, obwohl auch sie stets bejubelt und beklatscht wurden. Siebenundzwanzistes Kapitel Patrick war der erste, der die Zeitung in die Hände bekam. Er staunte nicht schlecht, als er sich selbst und seine Geschwister gleich auf dem Titelblatt des bunten Hefts entdeckte und machte sich auf zum Boot, nachdem er für das gemeinsame Frühstück eingekauft hatte. Mittlerweile kam er in der neuen Welt ganz gut zurecht. Die Zeitung wurde jedoch erst aufgeschlagen, als alle Familienmitglieder aufgestanden waren und der Tee aufgebrüht war. Ich möchte hier den Artikel kurz wiedergeben, mit dem unsere Familie so viele Probleme hatte. "Voll natürlich- die neuen Knuddelboys -und Girls aus Dublin! Bei einem zufälligen Aufenthalt in Irlands Hauptstadt hat unsere Reporterin eine riesige Entdeckung gemacht. Dort spielen wirklich noch wahre Traumtypen mitten auf der Straße total romantische Musik. Sie hat sich die neun Geschwister gleich gekrallt und sie zu ihrem Leben auf der Straße befragt. Wir stellen die neun hier kurz vor. Kathy ist eine Frau mit viel Power und viel Humor. Obwohl sie schon über dreißig ist, rockt sie noch genauso mit wie ihre "kleinen" Geschwister. Johnny ist der älteste der "Männer". Er sieht aus wie ein total romantischer Kuscheltyp und ist auch beim Interview so rübergekommen. Unsere Reporterin hätte ihn am liebsten mit nach Hause genommen und hat ihn zu ihrem persönlichen Liebling erkoren! Jimmy schreibt total gern eigene Lieder und Gedichte, die er auch mit sehr viel Gefühl vorträgt. Auf dem Foto ist er beim Teetrinken mit seinem Vater zu sehen. Joey ist ein totaler Witzbold. Mit seinen Sprüchen und Grimassen bringt er alle zum Lachen. Außerdem fährt er supergerne Motorrad und steht auf schnelle Autos. Patricia ist eine Schönheit wie keine zweite. Sie ist supernett und natürlich, aber wirkt manchmal ein bisschen traurig. Ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder Paddy, dem Schnuckel mit der langen rotbraunen Mähne, dessen Lächeln Eure Beine weichwerden lässt (In der Heftmitte findet Ihr ein total süßes Poster von den beiden Mädchenschwärmen Paddy und Angelo!). Barby ist sehr still, aber stille Wasser sind ja bekanntlich tief! Sie tanzt wie eine Primaballerina und kümmert sich rührend um ihren Vater. Das Kraftpaket Maite ist zwar nicht die Schlankste, aber dafür um so energischer. Sie spielt Gitarre wie ein alter Hase und hat zwischendurch immer noch Zeit für ein Schwätzchen mit ihrem Vater oder den Fans. Und wenn die Mädels in Dublin den Nachwuchsschwarm Angelo erblicken, gibt es kein Halten mehr. Der süße verträumte Teenie lässt alle Herzen höherschlagen, wenn er mit seiner schönen tiefen Stimme seine Geschwister begleitet. Wie Ihr seht, sind die neun einen Besuch wert. Wir bleiben auf jeden Fall dran!" Verdutzt sahen sich die Geschwister an, bis Joey das Schweigen brach. "Ich glaube, wir müssen noch viel lernen!" platzte er heraus und konnte sein schallendes Gelächter nicht mehr zurückhalten. "Guckt Euch mal die Fotos an!" rief Jimmy, durch seinen Bruder angestachelt. "Geschickt, geschickt. Da schreibe ich einen Einkaufszettel, und sofort wird mir unterstellt, ich würde eine Ode an die Liebe verfassen. Oder hier- unser Kleiner: Weiß nicht, dass er fotografiert wird und ist sofort verträumt." Er reichte die Zeitung an John weiter. "Hier, Johnny: Du hättest Dich nicht so an die Kanapeelehne lehnen dürfen. Jetzt bist Du ein - was stand da noch? - ein Kuscheltyp!" John lächelte. "Kathy ist aber auch nicht schlecht. Lacht über irgendeinen dummen Witz von Paddy, und sofort hat sie viel Humor. Dabei sind Deine Witze doch höchstens Mittelmaß, Kleiner!" Er wollte weiterlesen, doch Angelo riß ihm das Blatt aus der Hand. "Zeig mal her. Ohje, was für ein Name: BARBY! Kein Wunder, dass Du so verschüchtert guckst. Ich lach mich schief!" Er blätterte weiter. Plötzlich wurde er blass. "W-w-was ist das denn?" fragte er tonlos. Jimmy warf einen Blick über seine Schulter. "Das ist ganz normal heutzutage. Die Leute haben nichts mehr dagegen, sich nackt zu zeigen. Aber blätter weiter, dafür bist Du wirklich noch zu jung, Kleiner. Such lieber das - POSTER- !" Als Angelo das große Bild, eben das Poster, endlich gefunden hatte, schwiegen alle, die es lesen konnten. John war der erste, der den Mund wieder aufbekam. "Oh Gott!" sagte er leise. "Wenn das Vater sieht!" Jack, der eben nichts hatte sehen können, warf John einen Blick über die Schulter. Er schluckte, als er den Schriftzug unter den beiden Jungen sah. Dort stand groß und bunt: "Angelo und Paddy von der KELLY FAMILY". Er hob abwehrend die Hände. "Ich bin unschuldig. Ich habe mich damals nur höflich vorgestellt, bitte, es tut mir leid!" verteidigte er sich. Er hatte das Gefühl, als müsste sich jeden Moment der Boden unter ihm auftun. Doch Jimmy legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. "Jack, Du bist doch eigentlich auch wirklich unser Kopf. Dagegen kann Vater nichts haben. Ohne Dich würden wir immer noch im Gestern festsitzen. Auerdem finde ich den Namen nicht schlecht. Klingt doch gut, oder was meint Ihr?" Er sah seine Geschwister abwartend an, die alle bestätigend nickten. Jack seufzte erleichtert auf. Noch wandten sich seine Geschöpfe also nicht gegen ihn. Er betrachtete sich das Bild. Die beiden waren wirklich gut getroffen. Jack blätterte wieder zurück zum Bericht, denn eine Zeile hatte Patrick nicht vorgelesen. "Vater Kelly hat unsere Reporterin unter vier Augen gebeten, folgendes abzudrucken: Jack und Kathy werden demnächst heiraten!" Jack schloss die Augen. Patrick sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an, und er wusste, dass seine Stunde nun geschlagen hatte. "Lasst uns allein!" befahl er kurzangebunden, und alle verließen Hals über Kopf das Boot. Jack stand auf und ging auf Kathleen zu, die völlig geschockt in einem Sessel saß. In seinem ganzen Leben hatte er sich einen Antrag nicht so vorgestellt wie den, den er jetzt hervorbrachte. Ihm war hundeelend zumute, und Sir Donald hätte er mit Freuden erwürgt. Ihm blieb jedoch keine andere Wahl, und so kniete er sich vor Kathleen und nahm ihre Hand. "Möchtest Du meine Frau werden?" flüsterte er stockend. Achtundzwanzigstes Kapitel Der Alte war überglücklich, als er nahezu alle seine Pläne aufgehen sah. Am liebsten hätte er Kathleen und Jack selbst vermählt, doch dazu war er glücklicherweise nicht befugt. Jack hätte ihn am liebsten umgebracht, als er sein zufriedenes Lächeln sah, doch er wusste: Dieser Mann war total verrückt und, was noch wichtiger war, sehr sehr alt und herzkrank. Die Verlobungsfeier fand noch am selben Abend statt, und die einzigen Gäste waren Nancy und die Reporterin, die geradezu versessen darauf war, einen Bericht über die Feier zu schreiben. Als sie alle wichtigen Fotos gemacht hatte, unterhielt sie sich lange mit Nancy. John war es sichtlich unangenehm, mit einer Frau an einem Tisch zu sitzen, die ihn mit "nach Hause nehmen" wollte und zum "Traumtypen" erkoren hatte. Er mied tunlichst ihren Blick und unterhielt sich den ganzen Abend mit Maite über Kuchenrezepte. Wäre Jack nicht so niedergeschlagen gewesen, hätte er sicherlich herzlichst gelacht. Er war nur froh, dass der Alte auf einem Jahr Brautzeit bestand; so hatte Jack noch eine gewisse "Schonfrist". Als er sich, wie so oft, in der Runde umsah, bemerkte er, dass Barbara Ann und Kathleen verschwunden waren. Er sah seinen Jüngsten an und lachte in sich hinein, als er sah, wie Angelo nach der Zeitung schielte, die zugeschlagen auf dem Tisch lag. Er zwinkerte ihm zu und sah belustigt, wie der Junge errötete. Schnell wandte er sich an Patrick, der gelangweilt auf einem Blatt Papier herummalte. Neunundzwanzigstes Kapitel "Total idyllische Familienfeier bei den KELLYS! Es ist wirklich wahr geworden: Jack und Kathy haben sich verlobt! Alle, die immer noch nicht wissen, was die KELLYS sind, sind hiermit aufgefordert, am 23.12. auf den Marktplatz in Dublin zu kommen. Dort gibt die Superband ihr Weihnachtsspecial!" Heute war Angelo der erste, der die Zeitung in die Finger bekam. Er stellte fest, dass noch alle bis auf Joey, der gerade Tee kochte, schliefen, und blätterte die Zeitung in Windeseile durch. Als er jedoch endlich die Seite gefunden hatte, stockte ihm der Atem. Auf dem Nacktfoto war niemand anders abgebildet als Nancy, Josephs Freundin. Als Angelo Schritte hörte, wollte er das Blatt schnell verstecken, doch Joey stand schon hinter ihm. "Na Kleiner, guckst Du Dir wieder die nackten Girls an?" fragte er aufgekratzt und nahm ihm die Zeitung aus der Hand, um selbst einen Blick auf die "verbotene" Seite zu werfen. Sein Bruder wagte nicht, sich umzudrehen. Doch er hörte nur Papier rascheln und dann eilige Schritte, die sich vom Boot entfernten. Da sprang er auf und folgte seinem Bruder, der jedoch gar nicht so einfach einzuholen war. Er rannte und rannte, bis er nicht mehr konnte und nach Luft ringend stehenblieb. "Bleib doch stehen, verdammt!" brüllte er, doch Joseph schien ihn überhaupt nicht zu hören. Er tauchte an diesem Tag nicht mehr auf. Dreißigstes Kapitel "Verdammt!" Jack sah Angelo Gabriel wütend an. "Der Junge wird doch hoffentlich keine Dummheiten machen? Sich ein Motorrad besorgen und von hier wegfahren, wo er dieses Mädchen ständig sieht?" Der Junge schüttelte den Kopf. "Bestimmt nicht, Jack. Er lässt uns doch nicht im Stich, das hat er doch noch niemals getan!" Er lächelte unsicher. Patrick klopfte seinem kleinen Bruder auf die Schulter. "Macht Euch keine Sorgen, der kommt wieder. Ich glaube, er wird sie zur Rede stellen und sich dann wieder beruhigen. Also kommt, wir sollten frühstücken!" Er klappte die Zeitung zu und legte sie unter ein Kissen. "Vater sollte das nicht sehen. Ich werfe sie nach dem Frühstück gleich weg!" beschloss er und setzte sich an den Tisch. Der Alte wollte sofort seine Kinder als Suchtrupp losschicken, doch Jack bestand darauf, eine Weile zu warten, ob Joseph vielleicht von allein wieder auftauchte. Sir Donald blickte ihn unzufrieden an, als sich alle Jacks Meinung anschlossen, schwieg jedoch. Sie verbrachten den ganzen Tag auf dem Schiff und warteten, doch Joseph erschien weder zum Lunch noch zum Abendessen. Nach dem Diner erhob sich Jack. "Jimmy, Patrick, wir gehen ihn suchen. Ihr bleibt hier." Die drei verließen das Boot und gingen in Richtung Stadt durch die Dunkelheit davon. Alle schwiegen, denn ein bisschen unbehaglich war ihnen schon zumute. Denn obwohl Joseph sich im JETZT am schnellsten von allen eingewöhnt hatte, blieb er doch (noch) fremd hier. Vor allem wusste niemand, wo sie suchen sollten und streiften durch alle möglichen Pubs. Fast überall wurden Patrick und Jimmy stürmisch empfangen und um AUTOGRAMME angebettelt, doch niemand hatte Joseph gesehen. Im zehnten Pub endlich stießen die drei auf Nancy, die unbefangen an einem Tisch saß und Kaffee trank. James stürmte auf sie zu und überschüttete sie mit Fragen, die Nancy jedoch kalt ließen. Sie wusste nichts von Josephs Verbleib und schien sich auch nicht dafür zu interessieren. "Vielleicht sitzt er am Hafen, da waren wir manchmal in der letzten Zeit. Meinetwegen kann er da versauern. Ich hab die Nase voll von seiner komischen Moral. Sagt ihm, er soll mich nicht suchen." Sie wandte sich demonstrativ ab und rührte in ihrem Kaffee herum. Wütend verließen Jack, Patrick und Jimmy den Pub. Am Hafen endlich wurden sie fündig. Joseph saß am Wasser inmitten von ungefähr zehn Landstreichern und hatte eine Flasche Whisky in der Hand. Er war so betrunken, dass es Jack ohne Mühe gelang, ihn hochzuzerren und auf die Füße zu stellen. "Komm, Joseph, wir gehen!" sagte er kurz. Einunddreißigstes Kapitel Jack fühlte sich trotz des großen musikalischen Erfolgs seiner Familie wie ein Verlierer. Seit seinem Antrag hatte er sich nicht mehr so miserabel gefühlt. Jetzt schleifte er Joseph, der gerade den ersten großen Schock im JETZT erlebt hatte, zurück zum Boot und fragte sich, was noch auf sie alle zukommen würde. Die tiefverwurzelte Moral, auf der Sir Donald stets bestanden hatte, schien sich JETZT gegen die Erschaffenen zu richten. Er schwor sich, sollten noch mehr solche Opfer nötig sein, würde er die MASCHINE neu zusammenbauen und zurückreisen. Zunächst aber wollte er sich mit der Moral befassen, die hier so anders war, und er wollte "seine" Kinder sie lehren, um sie vor unliebsamen Überraschungen zu schützen. Diese Gedanken gingen unserem Erfinder durch den Kopf, während er noch überlegte, wie er Josephs Zustand seinem Auftraggeber erklären sollte. Der Junge lallte unzusammenhängende Sätze und musste alle fünf Minuten anhalten, um sich zu übergeben. Patrick und Jimmy waren einigermaßen ratlos, denn so kannten sie ihren Bruder nicht. Erst als das Boot schon in Sichtweite war, ergriff Jack wieder das Wort. "Jimmy, Du gehst nachsehen, ob Dein Vater schon schläft. Wenn nicht, sage ihm bitte, dass ... ach, jetzt ist es auch egal. Lasst uns zusammengehen. Wir müssen nur zusehen, dass wir Joseph so schnell wie möglich ins Bett bekommen. Ich werde ihm die Wahrheit schonend beibringen." Er packte Josephs Arm fester. "Gehen wir." Sir Donald fiel aus allen Wolken, als er Joseph so betrunken erblickte. Er warf Jack einen haßerfüllten Blick zu, als sich alle anderen um ihren Bruder kümmerten. "Völlige Fehlleistung, mein Freund. Dafür habe ich sie nicht bezahlt!" zischte er leise, doch Jack zuckte die Schultern und gab John einen Wink, Joseph endlich in sein Bett zu verfrachten. Zweiunddreißigstes Kapitel John hatte arge Probleme, seinen Bruder zu beruhigen Er lallte immer noch und wilde Schimpftiraden wechselten sich mit lautem Selbstmitleid ab. John selbst hatte das Bild gesehen und war ebenso aufgebracht gewesen wie seine Geschwister, und er konnte sich lebhaft vorstellen, was sein Bruder fühlen mochte. "Jetzt schlaf doch endlich. Und vergiß sie, sie ist es einfach nicht wert, Joseph. Du wirst noch viele Mädchen kennenlernen, die nicht so sind wie sie, das schwöre ich Dir." Er löschte das Licht, blieb aber auf einem Schemel sitzen, bis er das ihm so vertraute leise Schnarchen hörte. Dann erst verließ er den Raum und setzte sich zu den anderen, die ihn erwartungsvoll ansahen. "Er schläft jetzt!" sagte John jedoch nur und setzte sich neben Jack auf einen Stuhl. Sir Donald blickte seinem Ältesten fest in die Augen. "Was hat er Dir erzählt? Rede, John, Du weißt, Väter und Söhne haben keine Geheimnisse voreinander." Jack bemerkte, wie Kathleen neben ihm tief durchatmete. "Manchmal muss es Geheimnisse geben, Dad," sagte sie jedoch nur ganz ruhig. "Wenn Du Joseph zwingst, etwas zu sagen, ist das kein Vertrauensbeweis. Ich denke, das weißt Du. Oder etwa nicht? Lass den Jungen in Ruhe, das war alles etwas zuviel für ihn. Vielleicht möchte er morgen darüber reden. Und John wird sich hüten, etwas ihm unter vier Augen Anvertrautes auszuplaudern, hab ich recht?" Fast drohend blickte Kathy ihren Bruder an. Der jedoch war weit davon entfernt, irgendetwas auszuplaudern. Sir Donald sah Kathleen mißbilligend an, schwieg jedoch. Dreiunddreißigstes Kapitel Joseph sah am nächsten Morgen aus wie ein Laken, und dementsprechend schlecht fühlte er sich auch. Nach dem Frühstück, bei dem er lediglich eine Tasse schwarzen Kaffee trank, verließ er in Johns Begleitung das Boot. Der Ältere hatte es immer schon verstanden, den impulsiven Hitzkopf auf ein normales Maß abzukühlen. Nach einer halben Stunde, in der sie schweigend nebeneinander hergegangen waren, blieb Joseph auf einer der zahlreichen kleinen Brücken stehen und blickte in den Fluss. "Verdammte Scheiße. Ich hab sie noch nichtmal geliebt. Ich erkenne die Frau, die ich lieben werde, wenn ich sie sehe. Nancy war es nicht. Warum verdammt? Warum nimmt mich das so mit?" Seine Stimme zitterte. John stützte seine Unterarme auf dem Geländer ab und wartete eine Weile. "Ich hab eine Frau geliebt. Was heißt Frau, wir waren beide noch fast Kinder. Ich habe es geliebt, wenn wir beide beieinander lagen und nur unsere eigene Haut uns voneinander trennte. Nächtelang habe ich von ihr geträumt. Doch dann musste sie mich verlassen, und es hat mich krank gemacht. Was macht dich so krank, dass du zur Whisky-Medizin greifen musstest, Joe? Was ärgert dich so?" Sein Bruder schnaubte wütend. "Als ich sie gefunden hatte saß sie mit so 'nem Harley-Typen im Pub. 'N Deutscher. Die Zeitung lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Ich wollte mit ihr darüber sprechen, aber sie hat mich nur total bekloppt angeguckt und gesagt: "Was regst du dich denn auf, Süßer? Soweit ich weiß, hatten wir doch gar nichts erwähnenswertes miteinander!" Und da hab ich dann gesehen, dass sie schon die ganze Zeit mit diesem Typen rummachte. Aber ist doch egal. Was vorbei ist ist vorbei. Ich komm schon damit klar. Andere Zeiten, andere Sitten. Irgendwann werde ich mich vielleicht sogar dran gewöhnen. Johnny, die Frau, die ich liebe, existiert noch nicht in meinem Leben. Und ich schwöre dir bei meiner Asche; ich werde mich nicht mehr aufregen, bis sie dasselbe tut und mich genauso vor den Kopf stößt." Er grinste. "Lass uns abhauen!" Die beiden machten noch einen langen Spaziergang und kamen erst kurz vor dem Lunch zurück. Währenddessen bereiteten sich die anderen auf den Auftritt vor. Patricia war ziemlich aufgeregt, da sie das erste Mal allein singen sollte, doch die anderen lachten sie nur gutmütig aus. Um drei Uhr, als alle wieder da waren, machten sie sich auf den Weg zum Marktplatz. Jack sah überrascht, dass von allen Seiten Reporter auf die Gruppe zustürmten und hielt die Kinder zurück. "Tut mir leid, wir haben schon ein Presseorgan!" wimmelte er die Menschen ab und begrüßte Iris 'o' Connor mehr als frostig. Er hatte fest vor, sie nach dem Konzert über die nackte Nancy auszuhorchen. Doch zunächst widmete er sich der Musik. Jack stellte fest, dass die neun von Mal zu Mal sicherer wurden, und auch die Beträge, die in den großen Hut wanderten, wuchsen von Auftritt zu Auftritt. Er sah sich in der Menge um und entdeckte schon ein paar bekannte Gesichter. Da waren die zehn Mädchen, die immer ganz vorn standen und Angelo und Patrick zujubelten, viele Ehepaare und auch eine sehr sehr alte Frau, die jeden Tag dabeiwar und viele der Lieder mitsang. Als Patricia ihren großen Auftritt hatte, schwiegen die Leute andächtig. Als sie geendet hatte, wollte der Applaus gar nicht mehr enden. Die alte Dame ging vor, bis sie Patricias Hand ergreifen konnte und drückte sie fest. Da Jack ebenfalls in der Nähe der Bühne stand, konnte er ihre Worte gut verstehen. "Liebes Kind, Du hast eine solch schöne Stimme. Du musst mehr singen, aber Du musst auch versuchen, das, was Du hasst zu bekämpfen. Ich höre Deiner Stimme an, dass Du ebensosehr hasst wie liebst. Sei gerecht, Kind!" sagte sie mit zitternder Stimme, und Jack zuckte zusammen, als er sah, wie der Blick der Alten dabei zu Angelo Gabriel schwenkte. Patricia riß erstaunt die Augen auf, erwiderte jedoch nichts. Sie hatte nicht geahnt wie deutlich ihre Gefühle zum Ausdruck gekommen waren. Derweil waren die Jungen schon wieder von den zehn Mädchen umringt. "Okay!" rief Patrick, "Wir spielen noch ein Lied. Ich begrüße mit Euch allen zusammen unseren Bruder Johnny, der heute zum ersten Mal sein neues Lied singen wird. Komm nach vorne und sing, großer Bruder!" Mit einer großartigen Geste forderte Patrick seinen Bruder auf vorzutreten. John lächelte verlegen. "Ich singe jetzt ein ganz normales Liebeslied," sagte er leise und schlug die ersten Akkorde an. Vierunddreißigstes Kapitel "Jack, der Kleine hat in einer Woche Geburtstag. Was wollen wir ihm denn schenken?" Es war jetzt mehrere Monate her, dass die Familie hier im JETZT gelandet war, und sie hatten sich bestens eingelebt. Selbst dem Alten gefiel es JETZT besser als GESTERN. Lediglich mit Angelo Gabriel hatte Jack einige Probleme. Der Junge war dabei, sich zu einem regelrechten Draufgänger zu entwickeln. Er sog die Moral dieser Welt ein wie die Muttermilch, während seine Geschwister diese "Findungsphase" schon hinter sich hatten. Ihre Moral war ziemlich gefestigt. Doch das Nesthäkchen war immer bereit, Dummheiten zu begehen; vor allen Dingen nutzte er seine Beliebtheit bei seinen weiblichen Verehrerinnen schamlos aus. Hätte Jack nicht von Zeit zu Zeit einige seiner Aktivitäten unterbunden, wäre Angelo sicher schon von einer Misere in die nächste geschlittert. Die Jugendzeitschriften verschlang er heißhungrig, und schon nach kurzer Zeit hatten es seine Geschwister und auch Jack aufgegeben, ihn am Betrachten der nackten Mädchen zu hindern. Als jedoch Joseph ihn eines Tages dabei 'erwischte', sah er seinen kleinen Bruder ernst an. "Willst Du Dein Mädchen auch einmal in einer solchen Zeitschrift sehen?" fragte er nur. Von da an überblätterte Angelo Gabriel diese Seiten geflissentlich. Jack seufzte, als Kathleen ihm diese Frage auf einem ihrer Spaziergänge stellte. Der 'Kleine' war so klein wirklich nicht mehr, und seiner Meinung nach wurde es Zeit, dass er nicht mehr wie ein Nesthäkchen, sondern wie ein vollwertiges Mitglied der Familie betrachtet wurde. "Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht etwas, wodurch er lernt, dass auch das Leben hier nicht nur aus Jux und Dollerei besteht. Allerdings wüßte ich beim besten Willen nicht, was das bewerkstelligen könnte. Und danach ist auch noch Weihnachten. Da müssen wir neun Menschen beschenken!" Jack runzelte die Stirn. So viele Personen hatte er noch nie beschenkt. Immer waren es nur Laura und seine Hauswirtin gewesen, die er zu Weihnachten bedacht hatte. In Gedanken überflog er seine Familie. Jimmy wollte er einen vernünftigen Füllhalter schenken; sein alter war schon völlig abgegriffen. Für Barbara Ann hatte er auf einem Flohmarkt passende Ballerinaschuhe gefunden, Patrick bekam eine neue Leine für seinen Welpen, der in der letzten Zeit ungeahnte Ausmaße angenommen hatte. John sollte ein neues Futteral für seine geliebte Querflöte erhalten und Joseph ein Buch über Motorräder. Maite wünschte sich schon lange eine Mundharmonika, und Patricia würde er ein Buch über Naturheilverfahren schenken. Blieben noch der Kleine und die Große, seine Verlobte. Jack hatte in einem Geschäft ein "T-Shirt" entdeckt, das Angelo Gabriel sicher gefallen würde. Auf der Vorderseite war lediglich der Satz "Ich bin toll!" aufgedruckt. Kathleen war sein eigentliches Problem. Was schenkte ein Mann seiner Verlobten? Einen Ring? Eine Halskette? Jack entschied sich eher halbherzig für letzteres. Er war jedoch sehr gespannt, wie der Weihnachtsabend aussehen sollte, wenn elf Menschen einander beschenkten. Er rechnete kurz nach und pfiff durch die Zähne. Einhundertundzehn Geschenke würden eventuell die Besitzer wechseln. Keine schlechte Leistung! Der Weihnachtsabend näherte sich unaufhaltsam, und damit kam auch der Tag des Weihnachtskonzerts immer näher. Jack wusste, dass Angelo an diesem Tag Geburtstag hatte und fragte sich immer noch, was er ihm schenken sollte. Er griff nach Kathleens Hand. "Ich glaube, der Kleine möchte nur nicht mehr der Kleine sein. Wir schenken ihm Rasierzeug!" frotzelte Jack, denn bei Angelo Gabriel war wahrscheinlich auch in einem Jahr noch kein Bartwuchs zu erwarten. Kathleen lächelte. "Vierzehn wird er schon. Ich denke, wir sollten ihm eine von diesen Jeans schenken, die er so toll findet. Vielleicht sollten wir uns alle einmal neu einkleiden!" Seufzend blickte sie an sich herunter. Jack lachte leise. "Vielleicht hast Du recht." Fünfunddreißigstes Kapitel Am Abend vor dem Weihnachtsauftritt fiel der erste Schnee, und als die neun am nächsten Tag auf der Bühne standen, froren sie wie die Schneider. Das Konzert fiel dementsprechend kurz aus, doch die Menschen waren trotzdem begeistert. Der Alte, der nicht mitgekommen war, weil ihn die Gicht plagte, hatte im Boot schon das Feuer angefacht und den Tisch für die Geburtstagsfeier gedeckt. Er empfing seine Familie mit heißem Kakao und Keksen, die Maite am vorherigen Abend gebacken hatte, und umarmte seinen Jüngsten. "Du wirst bald ein Mann sein, Angelo Gabriel. Verhalte Dich auch so!" sagte er und übergab ihm ein kleines Päckchen. Sein Sohn verzog das Gesicht, lächelte dann aber. "Danke, Vater!" Jack blickte ihm beim Auspacken nachdenklich über die Schulter. Der Alte hatte für seinen Jüngsten eine Taschenuhr gekauft, wusste der Himmel, wo er die herhatte. Als der Junge sie ausgepackt hatte, umarmte er seinen Vater und bedankte sich nochmals. Kathy zog an seiner langen Mähne. "Wir haben auch noch etwas für Dich, junger Mann! Oder willst Du's nicht? Ich behalte es auch gern selbst!" drohte sie, doch Angelo Gabriel schüttelte grinsend den Kopf. "Her damit!" erwiderte er, und Jack überreichte ihm das Päckchen mit dem T-Shirt. Der Junge war schlichtweg begeistert und zog es sofort an. Joseph grinste, als er die Aufschrift las. "Na Kleiner? Ich glaube, Du brauchst unsere Geschenke gar nicht mehr, wenn Du so viel toller bist als wir alle, oder was?" Er griff hinter sich und überreichte seinem kleinen Bruder ein weiteres Päckchen. "Das ist von John, Barby und mir. Ich hab mir sagen lassen, dass die Dinger sehr sehr IN sind." Angelo zog die Augenbrauen zusammen, als er ein paar dieser Rollschuhe auswickelte, mit denen fast jeder heutzutage herumkurvte. "Ohje. Ich werd's wohl mal probieren müssen, was?" fragte er fast ängstlich. John lachte schallend. "Das ist einfacher als es aussieht, Kleiner. Aber üben musst Du trotzdem!" erklärte er. Patricia war etwas verlegen, als sie ihren kleinen Bruder umarmte. "Hier, das ist für Dich. Tut mir leid, wenn ich manchmal eklig war!" sagte sie leise. Angelo Gabriel bekam den Mund nicht mehr zu, als er sah, was ihm seine Schwester selbst gebaut hatte, nämlich zwei echte Bongotrommeln. "Danke," flüsterte er und blickte seine Schwester aus großen Augen an. "Jetzt beruhige Dich mal wieder und guck Dir das hier an!" unterbrach Patrick die Stille. "Zu Weihnachten gibt's dafür aber nichts. Ich hab mit Maite, Jimmy und ein paar Mädchen, die nicht genannt werden wollen, zusammengelegt. Natürlich nicht ganz uneigennützig!" Er balancierte vorsichtig ein großes Paket auf den Knien. "Pass bloß drauf auf!" drohte er seinem Bruder und drückte es ihm in die Hände. Unter etlichen Lagen Zeitungspapier kam ein tragbarer Cassettenrecorder zum Vorschein. "Was wird das bloß morgen geben? Erzähl doch mal, wie Ihr das früher gemacht habt! Ich meine, das sind ungefähr hundert Geschenke, die den Besitzer wechseln, und das an nur einem Abend!" Jack setzte sich zu seinem Ältesten und schenkte Tee ein. John lachte leise. "Ganz einfach. Die Sachen werden in einen Sack gepackt, Santa Claus kommt und verteilt sie." Er grinste, als er sah, wie sich Angelo und Patrick mit dem Recorder abquälten. "Nee, im Ernst, soviel ist es meistens gar nicht. Das schwierigste ist es nur, die Dinge geheimzuhalten, vor allem, wenn Du vergißt, wem Du mit wem zusammen was schenkst. Furchtbar, sage ich Dir." Er beugte sich vor. "Ich hatte aber früher ein System entwickelt, das es mir ganz einfach macht. Dachte ich. Ich ging also dem Alter nach. Vater kriegte das kleinste Geschenk und dann immer so weiter. Einmal ist es mir aber passiert, dass ich das Geschenk für den Kleinen zuerst hatte. Da war er noch ganz klein, vier oder fünf. Und ich hatte ihm in meinem verwirrten Kopf ein Sparschwein gebastelt. Dieses Sparschwein war allerdings nicht so besonders groß. Da musste ich dann für die anderen noch kleinere Sachen basteln. Aber als ich dann bei Barbara Ann schon bei einem Ring angelangt war und Patricia, Jimmy, Joey und Kathy noch ohne Geschenk waren, habe ich dieses System auch aufgegeben. Jetzt tue ich mich meistens mit Joe zusammen. Er hat gute Einfälle und verplappert sich auch nicht so schnell wie Jimmy, wenn er geistig mal völlig abwesend ist und wieder irgendeine Geschichte im Kopf hat." Jack grinste. System, aha. "Aha. Dann bin ich einfach mal gespannt und lasse mich überraschen, was?" John nickte und lächelte spöttisch. "Wahrscheinlich wird es Dich ein bisschen überfordern, aber es macht wirklich Spaß!" munterte er Jack auf und trank einen Schluck Tee. Als jedoch aus Patricks und Angelos Richtung ein ohrenbetäubender Krach kam, hätte er beinahe seine Tasse fallengelassen. Sechsunddreißigstes Kapitel Am nächsten Morgen wurde das Frühstück sehr lange hinausgezogen; so war es Brauch in der Familie Donald, erzählte ihm Maite, die neben ihm saß. Genau wie der alljährliche lange Weihnachtsspaziergang, den der Alte in diesem Jahr jedoch nicht mitmachen konnte, da ihm seine Gicht immer noch sehr zu schaffen machte. Also zogen die zehn ohne ihn los, Patrick und Joseph an der Spitze. Der Ausflug führte die Familie quer durch Dublin und dann in einen kleinen Wald in den Außenbezirken. Jack fragte sich, welche Erinnerungen die Kinder wohl an vergangene Weihnachtsspaziergänge haben mochten und an die Stadt, in der sie "aufgewachsen" waren. "Erzähl mir von Deiner Kindheit, Kathy," bat er seine Verlobte leise. Sie sah ihn lächelnd an. "Was möchtest Du denn hören, Jack?" fragte sie zurück. "Alles, was Du erzählen möchtest." Er nahm ihren Arm, während sie zu erzählen begann. "Das erste Weihnachten, woran ich mich so richtig erinnern kann, war mein viertes, glaube ich. Da habe ich mit Mom den Baum geholt, weil Vater sich einen Arm gebrochen hatte. Sie hat ihn eigenhändig gefällt. Ich weiß noch, wie stolz sie darauf war. Abends haben wir ihn die ganze Zeit angeguckt und Weihnachtslieder gesungen, bis wir heiser waren. Und Vater hat mir eine Flöte geschenkt. Selbst geschnitzt. Damit habe ich meine ganzen Freundinnen zur Weißglut getrieben. Ich wollte immer schon musizieren bis zum Umfallen. Ich habe diese Flöte gespielt, bis sie keinen Ton mehr von sich gegeben hat. Und dann habe ich mir selbst eine geschnitzt. Zwei Jahre hat sie gehalten. Als die dann auch kaputt war, lag keine neue unter dem Weihnachtsbaum, sondern Johnny. Ich hab mich ziemlich gewundert, dass da auf einmal ein neuer Mensch war, aber wie das funktioniert, hat mir keiner erklärt. Vielleicht war ich mit sechs oder sieben einfach noch zu jung. Aber später hat es auch keiner getan. Bis wir dann dieses Hausmädchen hatten. Vater hat sie hinausgeworfen, weil sie mir erklärt hat, wie Babys entstehen. Und das war kurz vor Jimmys Geburt, da muss ich schon mindestens neun gewesen sein. Emmy hat mir erzählt, wenn Mann und Frau sich lieben, vereinen sich auch ihre Körper," sie stockte und blickte ihn verlegen an. "Na ja. Und darauf hat Vater sie fristlos entlassen." Jack sah, dass sie rot geworden war und lächelte. "Ansonsten hatte ich eine ziemlich normale Kindheit. Ich musste bei Mutter mit anfassen; sie war ja fast ständig schwanger! Und die beiden Jungs waren noch viel zu klein. Als nächste kam dann Patricia. Sie war so süß, das kann man sich nicht vorstellen. Dagegen war selbst Johnny ein ganz normales Baby. Als Patricia geboren wurde, war ich gerade zehn. Ich hab sie verhätschelt wie einen Goldschatz. Dafür konnte Johnny mit den beiden Kleinen überhaupt nichts anfangen. Er ist immer nur um die Bettchen herumgetapst und hat sich nicht getraut, sie anzufassen. Ich kann Dir sagen, Jack, Johnny hat sich noch mehr gewundert als ich, als Joseph geboren wurde. Ich war bei seiner Geburt dabei. Das war das Wundersamste, was ich jemals erlebt habe. Und er sah so schrecklich aus, Jack! Ich hatte sie bis dahin ja immer nur so 'fertig' gesehen, also gebadet und gewickelt, aber bei Joe habe ich einen Riesenschreck bekommen und gedacht, meine Mutter bekommt einen Schlag, wenn sie dieses Monstrum sieht. Aber sie hat dieses rote faltige Häufchen nur in die Arme genommen und gelächelt. "Ist er nicht wunderschön?" hat sie mich gefragt, und ich bin weggelaufen, weil ich ihn so häßlich fand. Von da an habe ich es immer vermieden, bei einer Geburt dabeizusein. Natürlich nur so lange, bis ich wirklich gebraucht wurde. Aber Barby, Maite und Paddy kamen ohne mich zur Welt. Als Barby geboren wurde, kam Johnny zu mir und wollte wissen, warum Mom so schreit. Zum Glück konnte ich es ihm da schon erklären. Aber verstanden hat er es wohl trotzdem noch nicht. Eigentlich war er ein ziemlich pfiffiger Bengel; und er konnte schon mit drei Jahren Flöte spielen. Aber die Geschichte mit der Fortpflanzung hat er mit seinen zarten fünf Jahren damals noch nicht begriffen. War ja auch nicht nötig." Kathy blickte in die Wolken. Sogar jetzt, nach vierzehn Jahren, hatte sie noch Schwierigkeiten, von dem zu berichten, was ihre Welt damals zum Einstürzen gebracht hatte und sie von einem Tag auf den anderen zu einer Frau gemacht hatte, die eine ganze Familie versorgen musste. Als sie Jack wieder anblickte, hatte sie Tränen in den Augen. "Die nächste Geburt, bei der ich dabeiwar, war Angelos. Tricia wollte auch unbedingt dabeisein; sie durfte in der Tür stehenbleiben. Die Geburt ist ganz normal verlaufen, nur Mutter schien immer schwächer zu werden. Als sie den Kleinen mit letzter Kraft aus sich herausgepresst hatte und der Arzt gerade erleichtert seine Sachen packen wollte, überreichte sie ihn mir." Sie schwieg und schluckte. "Immer wenn ich daran denke, sehe ich Moms Gesicht und das von Patricia. Sie kam angestürmt und hat gebrüllt und sich auf den Kleinen geworfen, ihn beschimpft und zu schlagen versucht. Zum Glück kam Johnny gerade von einem Spaziergang zurück. Er hat sie festgehalten, bis sie sich nicht mehr wehrte. Ich sagte ihm dann was passiert war und John biß sich auf die Lippen und zerrte Patricia aus dem Raum. Ich hab den Kleinen dann saubergemacht und mit in den Salon genommen. Die anderen, die mit Johnny zusammen wiedergekommen waren, saßen im Kreis. John hatte Maite auf den Schoß genommen und James Patrick. Als ich es endlich gesagt hatte, schwiegen alle. Nur Maite und Paddy begannen zu weinen, obwohl sie wahrscheinlich gar nicht wussten, was ich da gerade erzählt hatte. Joe rannte weg, die anderen waren wie versteinert. Nur John bewegte sich, er wiegte Maite hin und her." Kathy sah zu Boden. Sie hatte es erzählt. Endlich einmal hatte jemand sie nach ihren Erlebnissen gefragt, wollte jemand wissen, wie es für sie gewesen war. Andere Menschen, Freunde der Familie, Verwandte, Bedienstete hatten stets die Kleinen bemitleidet, die nun ohne Mutter aufwachsen mussten. Was es für die Älteste bedeutet hatte war uninteressant gewesen. War vielleicht auch schwieriger zu heilen. Kein Küsschen, kein mitgebrachtes Spielzeug konnte sie das alles vergessen lassen. Der einzige, der sie wirklich verstanden hattte, war Johnny gewesen. Er hatte sie auf seine langen Wanderungen mitgenommen, ihr immer wieder wunderschöne Orte gezeigt, an denen die Sonne auf wundersame Weise hinter einem Hühnerschuppen oder einem goldverzierten Dach einer Kirche unterging, hatte mit ihr geschwiegen und sie ihre Gedanken denken lassen. Die beiden waren eng zusammengewachsen in dieser Zeit und viel von seiner Reife und seiner besonderen Art mit Menschen umzugehen hatte John aus dieser Zeit mitgenommen. Jack legte Kathy einen Arm um die Schultern und zog sie leicht an sich. Einem plötzlichen zärtlichen Impuls folgend, drückte er ihr einen Kuß aufs Haar. Stumm gingen sie weiter. Siebenunddreißigstes Kapitel "Wo bleibt Ihr denn, Ihr Schnecken?" brüllte Jimmy den beiden zu. "Ist es hier nicht ein bisschen kalt zum Turteln?" Er kam mit langen Schritten auf Jack und Kathy zu, die langsam auf ihn zukamen, und grinste breit. "Na kommt, Joe und Paddy haben da hinten ein Gasthaus entdeckt, vielleicht gibt es da was Heißes zu trinken!" forderte er die beiden auf. Kathy lächelte schon wieder. "Na gut. Komm, Jack!" Sie begann zu rennen, und Jack versuchte sie einzuholen. Doch erst am Gasthaus bekam er sie zu fassen. Patrick grinste ihn breit an. "Nicht so viel rauchen, Jack!" rief er und drückte die Tür zur Gaststube auf. Drinnen war es ziemlich mollig, und als die erste Runde Glühwein kreiste, tauten die Wanderer langsam wieder auf. Drei Stunden waren sie unterwegs gewesen und völlig eingefroren. Lediglich Angelo musste Kakao trinken. Joseph schloss sich ihm jedoch freiwillig an; seine letzte Begegnung mit dem Alkohol steckte ihm noch zu sehr in den Knochen. Gerade als Jack die zweite Runde bestellen wollte, kam ein ungefähr dreizehnjähriges Mädchen vom Nebentisch und baute sich schüchtern neben John auf. "Darf ich Dir einen Brief geben?" fragte sie leise, und er lächelte überrascht. Bisher war das nur Angelo oder Paddy passiert. "Sicher!" erwiderte er freundlich, und das Mädchen zog ein Kuvert aus ihrer Jackentasche. "Ich hätte das sonst in Euren Briefkasten gesteckt!" sagte sie mit großen Augen, als John den Brief an sich nahm. "Setz Dich doch zu uns!" forderte Maite das Mädchen auf und rückte ein Stück beiseite. "Ich bin Maite, und das hier sind meine mißratenen Geschwister Patricia, Patrick, Jimmy, Joey, Barby, Angelo, Kathy und John. Aber den kennst Du wohl schon!" Das Mädchen nickte. "Ich war bei Eurem Weihnachtskonzert, ich heiße Sadie!" stellte sie sich ebenfalls vor und setzte sich. "Ich bin mit meinen Eltern hier im Urlaub. Wir fahren nach Weihnachten wieder nach Hause!" Jack bemerkte, wie sich Johns Gesichtsausdruck von entspannt zu sehr nervös wandelte und blickte ihn beruhigend an. Der Junge lächelte nervös und hielt sich an seiner Tasse fest, um das Zittern seiner Hände zu verbergen. Er wusste absolut nicht, was er mit diesen dreizehnjährigen Mädchen anfangen sollte, die ihm hinterherliefen. Für seine jüngeren Brüder mochte das alles nur ein nettes Spielchen sein, er jedoch hatte ernsthafte Angst, einem dieser Mädchen wehzutun. Er war gleichbleibend freundlich zu Sadie, allerdings auch sehr erleichtert, als ihre Eltern zum Aufbruch bliesen. Joseph stieß ihn leicht an. "Bleib ruhig, Großer. Keiner verlangt von Dir, dass Du etwas mit einer Dreizehnjährigen beginnst!" raunte er ihm grinsend zu, und John schüttelte lächelnd den Kopf. "Ich weiß!" erwiderte er. Achtunddreißigstes Kapitel "Hallo Johnny! Ich weiß, dass Du mich nicht kennst, aber ich war Weihnachten bei Eurem Konzert und habe mich total in Dich verknallt. Ich weiß, dass ich viel zu jung für Dich bin, aber ich konnte es nicht für mich behalten. Ich liebe Dich! Sadie." John schüttelte fassungslos den Kopf. "Das gibt es doch nicht. Dieses Kind sieht mich einmal und LIEBT mich. Das kann doch gar nicht wahr sein, Joe." Sein Bruder schüttelte den Kopf. "Nee, wahrscheinlich nicht. Die Kleinen werden Dich wahrscheinlich schneller vergessen als Dir lieb ist. Aber Du solltest ihr trotzdem antworten, sonst macht sie am Ende noch Dummheiten!" Joseph warf einen Blick auf den Brief. "Oh mann. Frohes Fest!" Er ließ sich neben John auf einen Stuhl fallen. "Manchmal ist es so seltsam hier, und ich möchte am liebsten zurück. Ich glaube, bis ich die ganzen Regeln hier verstanden habe, bin ich älter als Vater. Stell Dir mal vor, unsere kleine Maite hätte mit dreizehn solche flammenden Briefe an einen erwachsenen Mann verfasst. Sie wäre doch im Handumdrehen im Mädchenpensionat gelandet, meinst Du nicht? Oder wenn Patricia auf der Straße geraucht hätte... eigentlich ist es bestimmt nicht schlecht, wie gleichberechtigt die Mädchen hier sind. Aber es ist alles immer so überraschend - so unberechenbar! Ich glaube, der einzige, der sich davon nicht verwirren lässt, ist Vater. Er tut so, als ob die ganzen Dinge für ihn nicht zählen würden, als wäre er die große Ausnahme in diesem Spielchen. Das bringt mich manchmal echt zur Weißglut. Kannst Du Dich noch erinnern, als Jim von dieser Reporterin eine Zigarette angenommen hat?" John nickte lächelnd. "Er wäre fast die Wände hochgegangen. Dabei ist es doch wirklich sein Bier, ob er raucht oder nicht. Hier ist eben alles ein bisschen anders, und es wird langsam Zeit, dass auch er das einsieht!" polterte Joseph. Sein Bruder blickte ihn erstaunt an. "Was soll es denn, irgendwann wird er es sicher einsehen. Es bleibt ihm ja gar nichts anderes übrig, wenn er zurechtkommen will. Aber jetzt reg Dich nicht so auf, Kleiner, wir sollten hier lieber ein bisschen aufräumen, wenn diese Reportertante heute abend wiederkommen will. Also los, beweg Dich!" Neununddreißigstes Kapitel Die "Reportertante" wurde von Joseph keines Blickes gewürdigt. Obwohl er es besser wusste, gab ihm ein Teil seines Verstandes immer noch die Schuld daran, dass Nancy in der Zeitschrift nackt abgebildet worden war. Doch sie schien das gar nicht zu bemerken und unterhielt sich fröhlich mit den anderen. Ihr Begleiter, ein Plattenproduzent, unterbreitete Jack ein Angebot, das er kaum ausschlagen konnte, nämlich eine eigene Platte zu machen, allerdings in Deutschland. Der Erfinder ging den Vertrag genauestens durch, doch bei einigen Klauseln musste er doch den Alten zu Rate ziehen, der sich in Geschäftsdingen einfach besser auskannte. Sir Donald strich einige Passagen oder setzte neue hinzu, bis er endlich einverstanden war. Jack wunderte sich einmal mehr, wie gut sich der Alte in diesen Dingen auch JETZT noch auskannte und beschloss nicht zum letzten Mal, den alten Mann nicht zu unterschätzen. Als er sich den Vertrag durchlas, schien es ihm, als würden auf ihn und seine Familie nur Privilegien warten, sollten sie das Angebot annehmen. Als der Produzent den Vertrag unterschrieb, entdeckte Jack ein fast süffisantes Lächeln auf Sir Donalds Lippen. "Nun, meine Lieben, wir werden zum nächsten ersten diese Bleibe verlassen und nach Germany ziehen. Dort werden wir ebenfalls auf einem Boot leben, um unsere Anhänger nicht zu verschrecken. Ich glaube, es tut unserem Ruf gut, wenn wir weiter als die einfache Familie leben, die wir auch eigentlich sind. Bis wir umziehen, werden wir proben und nur noch selten auftreten. Ich habe von meinem Vertragspartner einen Vorschuß erhalten, der uns bis zur Abreise über Wasser hält. Aber jetzt lasst uns anstoßen, meine Kinder!" beendete er seine Rede und hob sein Weinglas. Jack lag in dieser Nacht wieder einmal lange wach. Er hatte viel zu bedenken, was diese Entscheidung betraf. Er war lange genug hier, um zu wissen, was junge Menschen erwartete, wenn sie berühmt wurden. Deshalb hatte er es bisher tunlichst vermieden, die Popularität seiner Familie noch weiter anzukurbeln. Doch der Alte schien geradezu versessen darauf, aus seinen Kindern Berühmtheiten zu machen. Jack dachte an den Jüngsten, der schon jetzt ein Westentaschencasanova war. Ihm wurde kalt, als er daran dachte, was weiterhin aus ihm werden könnte. Er hoffte inständig, dass seine Geschwister, die mit beiden Füßen fest auf dem Boden der Tatsachen standen, ihm ein wenig Gleichgewicht bieten könnten. Vierzigstes Kapitel Jack war ein wenig schwermütig ums Herz, als sie drei Wochen später das Hausboot verließen. Er hatte sich schon immer schwer von etwas trennen können, und das Boot war so etwas wie ein Neubeginn für ihn gewesen. Er hatte die Umgebung liebgewonnen und sah, dass es Maite, die neben ihm stand und sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte, ähnlich ging. Er legte ihr den Arm um die Schultern. "Es kann nur noch besser werden!" versuchte er sie aufzumuntern. Das Mädchen lächelte schräg. "Das ist schon das zweite Mal innerhalb eines Jahres, dass wir das Zuhause wechseln. Hoffentlich erstmal das letzte Mal." Sie nahm ihre große Reisetasche und winkte dem Boot ein letztes Mal zu. Jack folgte ihr etwas langsamer. Als die Familie am Ende der Reise endlich in Köln am Rhein angekommen war, wurde sie von dem Produzenten am Bahnhof empfangen. Blitzlichter strahlten auf, als die ersten den Zug verließen und Reporter stürmten auf die Familie zu. Jack wehrte sie nach bestem Bemühen ab, doch sie waren hier noch hartnäckiger als in Dublin. Sir Donald jedoch wedelte nur einmal mit dem Arm, und schon wichen die Reporter beiseite. Verwundert sah Jack seinen Auftraggeber an. Der lächelte jedoch nur verschmitzt und stieg als erster in den Bus, der vor dem Gebäude bereitstand. "Ich habe schon vor unserer Ankunft ausdrücklich klargestellt, dass wir nur die führende Zeitschrift in Anspruch nehmen werden," erklärte er auf der Fahrt zu ihrem neuen Zuhause. Das Boot war doppelt so groß wie das alte in Dublin und wesentlich besser in Schuß. Es war erstklassig eingerichtet, mit allen Schikanen, und selbst eine Reinigungskraft wurde der Familie zur Verfügung gestellt. Jack befürchtete fast, dass sein Chef selbst hier einige Fäden ziehen konnte, wenn er wollte. Angelo ließ sich in einen bequemen Sessel fallen, als wäre er schon seit Jahren hier zu Hause. "Super!" rief er aus. "Wenigstens ist das Ding größer als die alte Butze in Dublin!" Kathy setzte sich ihm gegenüber in einen Stuhl. "Spiel Dich nicht so auf, Du Superstar!" warnte sie ihn halb im Spaß, doch Jack fragte sich, ob diese Warnung nicht schon fast zu spät kam. Er zündete sich seine Pfeife an und blieb im Wohnraum stehen, seine Familie wieder einmal der Reihe nach musternd. Maite fühlte sich offensichtlich noch nicht so besonders wohl, während John die Veränderung wohl besser als die letzte Reise gefiel. Er ging mit langen Schritten die Räume ab, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Als er zu dem schweren Schreibtisch kam, der in einer Ecke des Wohnraums stand, grinste er Jimmy wohlwollend an. "Dein Bereich!"erklärte er und klopfte ihm auf die Schultern. Jimmy nickte. "Ihr werdet mich von dem Möbel losschweißen müssen. Ich habe ziemlich gute Ideen. Aber jetzt will ich erstmal die Gegend hier erkunden. Wer kommt mit?" Joseph und Patrick schlossen sich ihm sofort an, während Angelo und John zunächst etwas essen und dann ebenfalls losgehen wollten. Die Mädchen und Kathy zogen eine kleine Verschnaufpause vor, doch Jack hatte keine Ruhe. Er schlenderte alleine am Rhein entlang und war seit langem einmal wieder ganz sich selbst überlassen. Er dachte viel an die Zukunft, an seine eigene, die er an Kathleens Seite wohl zubringen mochte, und an die der Kinder, die er fast schon als seine eigenen betrachtete. Doch manchmal kamen in ihm Schatten der Vergangenheit auf, er dachte an die schöne Laura, an seinen Freund Bill, den Buchhändler und an seine alte Kammer unter dem Dach, die er wohl nie wiedersehen würde. Einige Stunden verbrachte er auf seinem Spaziergang, bis er zum Boot zurückkehrte. Keine Menschenseele war zu sehen, doch Kathleen hatte ihm eine Nachricht hinterlassen. "Wir sind in die Stadt gefahren und zum Diner wieder da. Kathy." Jack steckte den Zettel in seine Hosentasche und setzte sich an den Ofen, der kräftig bullerte. Dabei fiel sein Blick auf Angelos Geldbeutel, der offen auf dem Tisch lag. Jack wollte ihn gerade schließen und auf den Schreibtisch legen, denn Sir Donald hasste es, wenn seine Kinder unachtsam mit Geld waren, als er über die Teppichkante stolperte und die Börse fallenließ. Fluchend sammelte er den Inhalt wieder ein, als ihm etwas in die Hände fiel, das seinen Atem stocken ließ. Doch da hörte er eilige Schritte und verstaute den Geldbeutel sorgfältig in seiner eigenen Tasche. Es waren John und Angelo, die gerade zurückkehrten. Jack blickte seinen Jüngsten ernst an. "Kommst Du bitte mal mit mir in die Küche?" forderte er ihn auf und ging voran. Als Angelo die Tür geschlossen hatte, zog Jack die Börse aus der Tasche. "Die ist mir hinuntergefallen, und jetzt rate mal, was mir da entgegengeplumpst ist." Jack sah, dass der Junge kreideweiß wurde. "Gib her!" schnauzte er ihn an und griff nach der Börse, doch Jack hielt seine Hand fest. "Du hörst mir jetzt mal zu. Ich will Dir diesen Gummihut ja überhaupt nicht wegnehmen. Ich habe nur das Gefühl, dass Du überhaupt noch nicht weißt, worum es bei dieser Geschichte überhaupt geht. Ich habe auch schon ein paar dieser Zeitschriften gelesen, und ich weiß ungefähr, was drinsteht. Aber ich weiß auch, dass Euer Vater sich nie viel Mühe mit Eurer Aufklärung gegeben hat. Deine Schwester wusste erst mit vierzehn, wie Babys entstehen, und wenn ich mich recht erinnere, bist Du doch vor kurzem vierzehn geworden, hab ich recht?" Wütend blickte er den Jungen an, der trotzig vor ihm stand. Jack atmete tief durch. "Setz Dich, ich glaube, das hier wird länger dauern. Was wolltest Du genau mit dem Ding?" fragte Jack ernst. "Was wohl? Ich wollte es mir bestimmt nicht über den Kopf ziehen!" entgegnete Angelo. Jack grinste bei dieser Vorstellung. "Hast Du ein Mädchen, Angelo?" Der Junge sah ihn stumm an. Dann schüttelte er den Kopf. "Nee. Ich hab nur Lust gehabt, es mal auszuprobieren. Immerhin bin ich kein Kind mehr!" erklärte er deutlich. Jack musste sich ein Grinsen verkneifen. "Ich weiß. Aber ich weiß auch, dass ein Mann sich nicht durch Sex beweisen muss. Verdammt noch mal, wer hat Dir denn so einen Mist erzählt? Du musst doch nicht wild in der Gegend herumhuren, nur um allen zu zeigen, was für ein Kerl Du bist." "Und vor allem muss ich mir nicht unterstellen lassen, dass ich sowas tue! Du kannst mich mal, wenn Du sowas von mir denkst. Und jetzt gib mir meinen Geldbeutel zurück!" rief der Junge erregt und riß Jack die Börse aus der Hand, um fluchtartig das Boot zu verlassen. Jack seufzte. Jetzt verstand er, warum sich der Alte mit der Aufklärung seiner Kinder so schwer getan hatte. Als er zurück in den Wohnraum kam, sah John ihn fragend an. "Oh bitte, kannst Du ihm nicht erklären, dass ein blödes Präservativ noch keinen Mann macht? Ich hab es mir bei ihm verscherzt." Er wurde wieder ernst. "John, der Kleine schleppt Kondome mit sich herum, und ich glaube, er weiß selbst nicht, was er überhaupt will. Bitte geh ihm nach. Ich begleite Dich." Der Kleine saß an einer Bootsanlegestelle und fluchte leise in sich hinein. Es schien schwieriger zu sein als er glaubte. Wenn nur diese bemerkenswert hübschen Mädchen nicht wären... Er hätte es nicht für möglich gehalten, wenn ihm jemand im Gestern erzählt hätte, wie ... schamlos sich die Menschen jetzt benahmen. Und er hätte es erst recht nicht für möglich gehalten, dass es ihm sogar gefiel! John und Jack traten einige Minuen später zu ihm und sahen, wie er wütend Steine ins Wasser warf. "Es tut mir leid, ich wollte Dir nichts unterstellen!" entschuldigte Jack sich leise. Angelo schnaubte. "Na gut, einmal noch. Aber was wollt Ihr denn überhaupt von mir?" fragte er ungeduldig. John legte seinem Bruder einen Arm um die Schultern. "Wir gehen jetzt zurück zum Boot, und dann werden wir reden, klar?" Der Kleine nickte unbehaglich. Jack kochte heiße Schokolade, während er John zuhörte, der eindringlich zu seinem Bruder sprach. "Weißt du, was Vater zu mir sagte, als er der Meinung war, ich wäre alt genug, es hören zu können? Er nahm mich zur Seite, betete mit mir dreimal das Vaterunser und schenkte uns beiden einen Whisky ein. Warscheinlich um sich selbst Mut zu machen. Da war ich ungefähr so alt wie du, vielleicht ein zwei Jahre älter. Er konnte mir nicht erklären, was ich wirklich wissen wollte. Er konnte mir nicht sagen, warum Mädchen plötzlich etwas anderes für mich waren als zu dünne oder zu dicke Geschöpfe mit langen Röcken und Zöpfen, die zu jeder erdenklichen Zeit auftauchten und Schwierigkeiten bedeuteten. Er konnte mir nicht erklären, was zum Beispiel Patricia von einem Mädchen aus der Nachbarschaft unterscheiden sollte. Und, das wichtigste: Er war nicht dazu in der Lage, mir zu sagen, dass sowohl Mädchen als auch Frauen Menschen sind, die denselben Respekt verdienen wie Männer. Das einzige was er mir erklären konnte, war, dass ein Mann, und das war ich von dem Zeitpunkt an für ihn, etwas tun konnte, um sich von dieser Verwirrung zu befreien. Er nannte es "Hörner abstoßen", aber für ihn bedeutete es nur, sich ein möglichst williges nicht allzu anspruchsvolles Mädchen zu suchen, das sich mit Dir einlässt. Es war nicht wichtig für ihn, welche Gefühle du hattest. 'Geschlechtsverkehr,' sagte er, 'Geschlechtsverkehr dient der Fortpflanzung, mein Sohn. Stoße Dir die Hörner ruhig ab, aber gerate nicht in Schwierigkeiten.' So hat er mir das erklärt mit der körperlichen Liebe. Danach war ich ziemlich benommen vom Whisky, aber auch nicht schlauer als vorher." Der Kleine hörte seinem Bruder gebannt zu. Dieselben Gefühle, die er selbst in sich toben fühlte, schien sein Bruder gehabt zu haben, als er in seinem Alter war. "Und wie bist du dann schlauer geworden?" wollte er wissen, während Jack seinen Ältesten bewundernd anblickte. Er selbst hätte dieses Thema niemals so elegant anschneiden können. Menschen erschaffen - ja, aber mit ihnen zurechtkommen? Doch John sprach unbeirrt weiter. "Mutter hatte etwas von dem Gespräch mitbekommen, kein Wunder bei Vaters Organ. Ein paar Tage später nahm sie mich zur Seite und befahl mir, eine Woche lang meine Schwestern zu beobachten. Ich tat es und wusste nicht worauf sie hinauswollte. Doch am letzten Tag kam sie abends in mein Zimmer und brachte mir vier Bilder, die alle ein Haus zeigten. Ich sollte ihr sagen, welches von wem war. Kein Problem dachte ich, das Krakeligste war natürlich von Maite, die zu dieser Zeit ja noch nichteinmal laufen konnte. Es war nicht als Haus zu erkennen, verriet aber soch schon ein bisschen was von ihrer jetzigen Klarheit. Denn die Striche waren nicht nur hingekrakelt. Sie hatte sich wirklich bemüht, ein Häuschen zu malen." John lächelte bei der Erinnerung an dieses Bild. Dann fuhr er fort. "Die anderen Bilder waren unverkennbar Häuser. Barbys Haus war die typische Zeichnung eines kleinen Mädchens, das mit dem Kopf ein bisschen in den Wolken steckt. Viele Fenster, Blumen im Garten, viele Menschen vor dem Haus und darin, Schmetterlinge und andere Tiere." John stockte. "Was ist denn?" wollte Angelo wissen, und sein Bruder zuckte zusammen. Nein, er würde niemandem etwas von der schwarzen Wolke erzählen, die über Barbys Haus geschwebt hatte. Nicht, bis er wusste, was sie zu bedeuten hatte. "Nichts. Bei den anderen beiden war es schon viel schwieriger, allein von der Art des Hauses auf die Zeichnerin zu schließen. Aber dann fielen mir einige Unterschiede auf, die mir völlig klarmachten, wer welches Bild gemalt hatte. Pats Bild war fast ein kleines Hexenhäuschen - etliche seltsame Wesen liefen im Garten herum, die teilweise drei Köpfe oder zwei Schwänze hatten, aber alle zeigten ein lächelndes Gesicht. Sowas zauberhaftes unrealistisches konnte nicht von unserer bodenständigen großen Schwester stammen. Ihr waren andere Dinge wichtiger, und das zeigte sich auch in ihrem Bild. Da wurde das Haus nämlich gerade vergrößert. Und wir alle waren zu erkennen, an unseren Tätigkeiten, wie wir halfen das Haus größer zu bauen. Jimmy schrieb unsere Namen auf das Türschild, Joe kletterte auf dem Dach herum, etc." Angelo runzelte die Stirn. "Und?" wollte er gespannt wissen. John trank seine Schokolade aus. "Eigentlich hätte ich meine Schwestern nicht beobachten müssen, um herauszufinden, von wem welches Bild gemalt war. Aber Mom war noch nicht fertig mit mir. Sie fragte mir Löcher in den Bauch über die Mädchen, welches ist Kathys Lieblingsfarbe, hatte Barby gute oder schlechte Laune am Mittwoch, wie heißt Pats beste Freundin und wie oft hat sie sie getroffen und so weiter. Bald war ich völlig erschlagen. Ich wusste nicht, worauf sie hinauswollte. Doch sie befahl mir, noch eine weitere Woche zu warten und nichts zu unternehmen. Ich war genauso benommen wie nach dem Gespräch mit Vater, aber neugierig, was wohl noch kommen würde. Die Woche verging endlos langsam. Doch mir fiel auf, dass ich viel aufmerksamer wurde, was die Stimmungen anging. Ich spürte, wenn Pat einen schlechten Tag hatte oder Barby fast platzte an irgendwelchen Neuigkeiten. Und als Mom genau eine Woche später mit mir gemeinsam in der Küche saß, strahlte sie mich an. "Du weißt es jetzt, Johnny, nicht wahr?" fragte sie, und ich wusste gar nichts. "Ich weiß nur, dass ich meine Schwestern besser kenne als sie mich wahrscheinlich," sagte ich nur. Sie nickte. "Deine Schwestern werden irgendwann einmal Frauen sein. Kathy ist schon fast eine. Und eine jede Frau auf dieser Welt ist genauso einzigartig wie deine Schwestern. Keine von ihnen ist nur ein Instrument zum Hörnerabstoßen. Und, Johnny: Wenn du bemerkst, dass deine Gefühle verrückt spielen, weil du die Mädchen um dich herum plötzlich nicht mehr verstehst, liegt das nur daran, dass du jetzt erst begonnen hast zu versuchen, dich überhaupt in sie hineinzuversetzen. Sie werden wichtiger mit jedem Tag, den du auf dieser Welt verbringst. Und je näher du ihnen bist, desto mehr Rätsel treten auf. Vorher waren Mädchen für dich nicht wichtig. Warum sie plötzlich so interessant werden, kann keiner so genau sagen. Es ist einfach der Lauf der Welt. Aber dass du dich so komisch fühlst ist ganz normal!" Sie wurde plötzlich ganz ernst. Und sah mich schon fast böse an. "Mein Sohn: Wenn Du jemals auch nur dran denken solltest, dir "die Hörner abzustoßen" und das Mädchen so zu mißbrauchen -" Sie brauchte gar nicht weiterzusprechen, ihr Gesicht war Drohung genug. Aber sie redete weiter. "Viele Männer glauben, das tun zu müssen. Dabei legen sie später übersteigerten Wert darauf, dass sie die ersten sind, die mit ihrer Braut das Bett teilen. Wirklich sittsame Mädchen dürfen erst in der Ehe mit einem Mann schlafen, heißt es. Aber die Herren der Schöpfung? Was ist mit den Mädchen, die sie zum "Hörnerabstoßen" gebrauchen? Was ist, wenn diese Mädchen heiraten möchten? Das nennt man doppelte Moral." Sie wurde ein bisschen freundlicher. "Mein Sohn, Frauen haben die gleichen Rechte wie Männer. Das wird in dieser Familie der Fall sein, solange ich lebe. Und vielleicht noch länger. Wenn du dich zu einem Mädchen hingezogen fühlst, dann fühle gefälligst auch, wie sie behandelt werden möchte. Und denke nicht mit deinem Unterleib." Das waren ihre Worte." Sie hat recht, Kleiner. Und wahrscheinlich weiß das niemand besser als die selbstbewussten aufgeklärten Mädchen, die es heute gibt. - Sex, also diese sogenannte körperliche Liebe, ist heute nicht mehr tabu, und mittlerweile dürfte auch Jack das kapiert haben." Johns ernstes Gesicht hellte sich auf. Er grinste, als er fortfuhr. "Diese Gummis haben natürlich ihren Sinn, und das ätzende Hörnerabstoßen ist heute möglich. Aber nur, wenn es wirklich beide wollen. Aber sowas funkioniert nur, wenn Du wirklich weißt, dass Du jemanden magst. Wenn Du nur so mit einem Mädchen ins Bett gehst, wirst Du dabei nicht glücklich. Und das Mädchen erst recht nicht. Es ist totaler Quatsch, wenn Du es wirklich nur der Sache wegen tust, glaub mir das bitte." John warf einen Blick auf Jack, der neue Schokolade in drei Tassen füllte. "Allerdings weiß ich nicht, was Jack gegen vernünftige Verhütung hat." Angelo sah seinen Bruder aus großen Augen an. Eine solche Rede hatte er nicht erwartet. Seine Mutter sollte so klipp und klar über Sex geredet haben? Und sein großer Bruder, der stets so abgeklärt wirkte, hatte ein solches Verständnis für seine Situation? Er begann fast zu stottern, als er antwortete. "Ich wollte doch nur... ich bin ja kein kleines Kind mehr, und ich wollte einen richtigen Beweis dafür. Kannst Du Dich noch an die Mädchen in Dublin erinnern? Die haben mir manchmal Sachen ins Ohr geflüstert, dass mir angst und bange wurde. Ich stand da wie ein Blödmann und konnte immer nur blöd grinsen. Dabei fand ich eine von ihnen sogar richtig nett! Aber ich hab mich nicht getraut, weil ich so ein ahnungsloser Trottel war." Er zuckte die Achseln. John lächelte. "Stars sind nun einmal eigentlich anders, Kleiner. Aber ich schwör Dir, nur wenn Du auf Deiner Schiene bleibst und dafür sorgst, dass Du niemandem wehtust - auch Dir selbst nicht - dann bleibst Du glücklich. Denk mal an diese Sadie. Ich hätte nur mit dem kleinen Finger winken müssen, und schon hätte sie neben mir im Bett gelegen. Aber warum hätte ich das tun sollen? Sie hat mir nichts bedeutet, und wahrscheinlich hätte ich ihr - oder mir oder uns beiden - nur sehr wehgetan. Sie hätte sich viel mehr versprochen; eine große romantische Liebe, und ich hätte ihr das nicht geben können. Ich bin ein erwachsener Mann und sie ist ein Kind für mich. Verstehst Du?" Noch bevor Angelo antworten konnte, wurde die Tür aufgerissen, und Patrick, Joe und Jimmy stürmten mit einer Schneewehe ins Zimmer. Sie schlugen sich fast um die Schokolade, von der nur noch ein kleiner Rest übrig war. So merkten sie überhaupt nicht, in welche Stimmung sie hineingeraten waren. Sie ließen sich mit ihren Tassen auf das Sofa fallen. "Was für eine Stadt!" schwärmte Joseph, "Hier tobt das Leben! Wir haben uns 'unser' Studio angesehen. Ihr glaubt nicht, was da für Geräte stehen! Unglaublich! Ich will nie wieder zurück - hier bleibe ich, bis ich Großvater bin!" Jack lachte leise, als er diese Begeisterungsstürme hörte, froh über diesen Themawechsel. "Dann seid Ihr ja fit für morgen, was? Es geht um acht Uhr morgens los. Euer Vater wird allerdings nicht dabeisein, er hat etwas anderes zu erledigen. Habt Ihr Euch schon überlegt, welche Lieder Ihr aufnehmen wollt?" Er blickte die fünf neugierig an, denn die Auswahl der Musik interessierte ihn auch brennend. Jimmy lachte. "Jawoll. Jeder singt mindestens eins alleine, das er auch selbst geschrieben haben muss. Und wenn der Kleine Probleme mit der Stimme kriegt, gibt es da sogar Geräte, die seine Stimme unterstützen. Irre, ehrlich!" erzählte er euphorisch. Jack lächelte. "Gute Idee. Habt Ihr die Mädels getroffen?" Patrick grinste. "Und ob. Sie sind in einer Horde von Dreizehnjährigen an uns vorbeigetrabt, die uns behandelt haben, als wären wir der Papst oder was ähnliches. Ich glaube, wir sind hier noch bekannter als in Dublin. Wir haben heute so viele Autogramme gegeben wie noch nie. Aber Kathy paßt schon auf die drei auf. Sie wollten spätestens um sieben wieder hier sein. Wo ist Vater denn?" Er blickte sich suchend im Wohnzimmer um. "Er hat Geschäftliches zu erledigen. Er wollte heute nacht im Hotel übernachten, sagte er. Morgen abend ist er wieder zurück." James blickte ihn verwundert an, nickte aber. "Dann sind wir ja im kleinen Kreis. Wie wär's mit ein paar Zigaretten für heute abend?" Er grinste, als er das Leuchten in Josephs Augen sah. Jack runzelte die Stirn. "Ihr wisst, dass Euer Vater gegen Rauchen und Trinken ist," ermahnte er die beiden. Innerlich jedoch atmete er auf. Endlich, endlich zeigten die Kinder einmal ein kleines Aufbegehren gegen den 'Allmächtigen', wie er Sir Donald insgeheim nannte. Also sagte er nichts weiter und begann, den Milchtopf, der ihm wie üblich übergekocht war, abzuspülen. Einundvierzigstes Kapitel Das Tonstudio übertraf sämtliche Erwartungen. Selbst Joseph, Patrick und Jimmy, die am vorigen Tag schon dagewesen waren, hatten nicht geahnt, wie sich ihre Stimmen und ihre Musik durch Effektgeräte verändern ließen. Sie griffen sich in einer etwas längeren Pause ein paar E- Gitarren und fiedelten so lange darauf herum, bis sie sie ein wenig im Griff hatten. Für Jack war dieser Krach fast unerträglich, doch die drei waren begeistert. "Unsere Songs werden mit diesen Klampfen aufgenommen!" beschlossen sie einstimmig und Maite, die sich einen elektrischen Baß genommen hatte, nickte. "Ich bin dabei!" erklärte sie und zupfte auf dem Instrument herum. Angelo Gabriel, der hinter einem Schlagzeug saß, trommelte wie ein Besessener, als er versuchte, die Gitarren zu überstimmen. John kabelte eine normale Gitarre an einen Verstärker, um mitzuhalten, während Kathy sich an einen Synthesizer setzte und Patricia mit Barbara Ann an der Seite saß und zusah. Die erste Aufnahme von Josephs Werwolflied war eine mittlere Katastrophe. Alle kamen sich mit ihren Instrumenten gegenseitig in die Quere, Patrick rissen gleich zwei Saiten und sein kleiner Bruder kam ständig aus dem Takt. Die einzigen, die die Ruhe bewahrten, waren Kathy und John, denn auch Maite und Jimmy hatten mehr Probleme mit den neuen Instrumenten. Joseph hingegen vergaß seinen eigenen Text. Der Produzent bekam einen Wutanfall, als er sah, wie seine Neuentdeckung, die er so pflegeleicht erwartet hatte, die Instrumente malträtierte wie einen armen Sünder, und drohte, sie alle eigenhändig über das Knie zu legen. Diese Warnung blieb zwar ohne direkte Wirkung, doch beim nächsten Mal klappte alles schon ein bisschen besser. Als das Lied jedoch endlich 'fertig' war, war es draußen schon stockdunkel und bis auf Patrick alle völlig erschöpft. Lediglich die drei, die nichts gemacht hatten, nämlich Patricia, Barby und Jack, waren noch hellwach und machten einen Spaziergang durch die Kölner Innenstadt. Patrick schloss sich ihnen kurzerhand an, während die anderen nur schlafen wollten. Zweiundvierzigstes Kapitel Der Alte war entsetzt, als er die Aufnahme von Joeys Lied hörte. "Wie kannst Du dieses Lied nur aufnehmen, und dann auch noch in einer solchen Qualität? Ist Dir eigentlich bewusst, wie viele unflätige Ausdrücke Du in diesem Lied benutzt, mein Sohn? Du wirst dieses Lied nicht veröffentlichen, ist das klar?" Drohend baute er sich vor seinem Sohn auf, der gelassen in einem Sessel saß und ihn lächelnd anblickte. "Zu spät, Vater. Es ist schon im Kasten. Du kannst nichts mehr daran ändern." Sir Donalds Augen verengten sich zu Schlitzen. "Und ob ich kann, Joseph Donald. Dieses Lied wird nicht auf meiner Platte erscheinen, und wenn Du Dich auf den Kopf stellst!" Er fuchtelte mit seinem Zeigefinger in der Luft herum, als wollte er Joseph aufspießen. Diese Gesten machten seinen Sohn wütender als er sowieso schon war, und er sprang auf. "Jetzt höre mir mal zu!" rief er erbost. "Du magst zwar mein Vater sein, aber ich bin volljährig. Ich war auch damals schon volljährig. Und ich habe keine Probleme damit, eigene Songs zu machen oder berühmt zu werden. Ich muss mich lediglich mit Iris in Verbindung setzen. Die ist nämlich im Gegensatz zu Dir nicht von gestern. Und wenn ich sie erstmal überzeugt habe, ist es von diesem Punkt nicht mehr weit bis zu einer Nacktaufnahme von Deinem streng erzogenen Sohn! Wer weiß, vielleicht ist es ja auch für einen Mann ganz einfach, sich," er stockte, doch seine unbändige Wut nahm ihm jegliche Hemmungen seinem Vater gegenüber, "sich nach oben zu FICKEN!" brüllte er und verließ den Raum. Der Alte blickte ihm fassungslos nach. "Bleib hier!" rief er, als er sah, dass Maite Anstalten machte, ihm zu folgen, doch das Mädchen ließ sich nicht davon abhalten und knallte die Tür zu. Die Stille, die daraufhin folgte, war fast unerträglich. Der Alte ließ sich aufseufzend in einen Lehnstuhl fallen, während John und Kathy vielsagende Blicke wechselten. Es schien eine kleine Ewigkeit zu dauern, bis Jimmy sich erhob und sich auf die Lehne seines Vaters hockte. Er legte ihm einen Arm um die Schultern. "Es ist sein Lied, Vater. Es ist von ihm und aus ihm rausgekommen. Denk mal daran, was er in der vergangenen Zeit erlebt hat. Hätte ich dasselbe mitgemacht, ich hätte auch keine anderen Worte gefunden als Arsch oder Nutte. Er muss das loswerden." Der Alte blickte seinen Sohn böse an. "Das geht auch anders, James, das weißt Du. Und es ist kein Grund, mich so .. anzuschreien, klar?" Jimmy nickte zaghaft. "Klar. Aber denk dran, Du hast ihn zuerst angebrüllt. Er meint das nicht so, Vater. Ich denke, er wird sich bei Dir dafür entschuldigen, was er zuletzt gesagt hat. Joe ist nach seinen Erlebnissen der Letzte, der so etwas in Betracht ziehen würde." Als Jimmy sah, dass sein Vater jetzt mehr bestürzt als wütend aussah, erhob er sich wieder. "Neues ist immer schwer zu verstehen, und es geht Dir dabei nicht anders als uns allen. Auch Joe nicht. Lass uns unsere Lieder so aufnehmen wie wir es wollen. Keine Lügen, Vater!" Er klopfte ihm noch einmal kurz auf die Schulter. "Wir sollten schlafen gehen. Morgen müssen wir wieder früh raus. Es reicht, wenn die vier Nachtschwärmer morgen die Augen nicht aufbekommen!" Dreiundvierzigstes Kapitel "Hey Joe." Joseph blickte auf und sah seine kleine Schwester vor ihm stehen, mit einer Mischung aus Zorn und Verlegenheit im Gesicht. "Was denn?" fuhr er sie an, und sie nahm neben ihm auf der alten Holzbank Platz. "Was hast Du Dir denn dabei gedacht, Du Künstler?" fragte sie leise und lächelte ihn ratlos an. Joseph schüttelte grimmig den Kopf. "Gedacht? Glaubst Du im Ernst, wenn ich gedacht hätte, hätte ich in seiner Gegenwart das Wort Ficken erwähnt? Dann wäre ich schön freundlich geblieben und hätte eher auf mein Lied verzichtet als diesen Heiligen zu verärgern. Mann, Maite, es musste irgendwann so kommen. Ich kann es einfach nicht ausstehen, wie er uns gegenüber immer den Heiligen spielt. Ich kann diese Lügen nicht mehr ertragen. Er ... ach vergiß es. Ich werde mich bei ihm entschuldigen wie immer, wenn ich was ausgefressen habe und in der nächsten Zeit schön lieb sein." Er schnaubte wütend. "Aber meinen Song wird er mir nicht wegnehmen, niemals." Maite sah ihn von der Seite an. Noch niemals hatte sie einen so entschlossenen Menschen gesehen. "Das wird er nicht wagen, Joe. Nicht wenn er es sich nicht mit uns allen versauen möchte. Wenn er das täte, könnte er es mit unseren Songs genauso machen. Ich sag Dir was, Joe. Er hat einfach Schiß, die Wahrheit zu erfahren. Er will sie nicht sehen, genausowenig, wie er die Veränderungen sehen will. Wir sind nun einmal nicht die, die wir gestern noch waren. Wir leben jetzt wann anders. Das ändert unser Leben nun einmal. Er wird das irgendwann einsehen müssen." Sie verstummte. "Er wird selbst aufhören müssen zu lügen, Maite. Das wird wahrscheinlich nicht einfach für ihn sein, aber wenn er weiterleben will, muss er es tun. Sieh Dir nur einmal an, wie er nur die positiven Seiten am JETZT sieht. Allein das ist Lüge genug. Und ich weiß, dass er schon immer gelogen hat, ich fühle das einfach." Er stand auf und blickte auf den Fluß. "Was ist mit Deinem Lied?" fragte er, als er sich wieder zu seiner Schwester umgewandt hatte. Maite lächelte. "Nichts besonderes, ein Liebeslied eben. Aber er wird trotzdem aus allen Wolken fallen - ich bin doch erst sechzehn, da haben Mädchen sich noch nicht zu verlieben, klar?" Sie grinste ein wenig hilflos, und Joseph setzte sich neben sie. "Heute oder gestern?" fragte er leise. Maite hob die Schultern. "Gestern natürlich. Aber die faulen Tricks haben die Jungs heute bestimmt auch drauf!" erzählte sie. Joseph hob fragend die Augenbrauen. "Was denn. Hast Du etwa-?" Ihm stockte der Atem, und Maite nickte. "Ich habe. Und zwar schon einige Monate vor unserer Abreise. Ich bin auf ihn reingefallen, ich war so blöd, Joe, das kannst Du Dir nicht vorstellen! Er hat mir selbstverständlich ewige Treue geschworen und dass er mich heiraten würde und und und. Und ich blöde Kuh habe ihm geglaubt. Nur weil ich es satt hatte, immer nur die dicke Maite zu sein, die keiner ernstnahm. Außer beim Wettessen natürlich. Scheiße, ich glaube, ich habe noch nie etwas so bereut. Dieser Mensch war unmöglich, Joe. Er hat diese -meine- Lage so geschickt ausgenutzt. Und dann," Maite schluckte, bevor sie weitersprach, "dann habe ich erfahren, dass er nur gewettet hatte, mich verführen zu können." Sie schluchzte leise auf. Als Joseph seine Schwester ansah, wurde ihm klar, dass auch er nie viel mehr in ihr gesehen hatte als eben das Pummelchen. Das nette fröhliche Pummelchen. Dass auch Pummelchen Probleme haben konnten, sogar weil sie Pummelchen waren, war ihm ebenso unbekannt gewesen wie die Tatsache, dass es Menschen gegeben hatte, die schon auf dem Mond gewesen waren. Er nahm sie unbeholfen in die Arme. "Es tut mir so leid, Kleines!" sagte er leise, während er ihr übers Haar streichelte, bis sie sich wieder beruhigt hatte. "Ich glaube, wir haben alle in der Vergangenheit mehr Fehler gemacht, als gut für uns war. Dieses vorbildliche Verhalten - verdammt, es war immer so oberflächlich. Nichts ging wirklich an die Substanz. Ich fürchte fast, wenn wir hier überleben wollen, müssen wir uns erstmal richtig kennenlernen." Maites blaue Augen richteten sich fest auf die ihres Bruders. "Wenn Du wüsstest, wie gut ich Dich kenne, großer Bruder. Du hast beobachtet, fast dein ganzes Leben lang, wenn du nicht gerade Mist gebaut hast. Und ich weiß, wovon du träumst. Joe, du darfst nicht vergessen, dass Vater mich fast ständig um sich, das heißt im Haus haben wollte. Ich weiß, dass ich ihn an seine Schwester erinnere. Und ich musste ebenfalls beobachten, teilhaben an dem, was die anderen unternahmen, um wenigstens ein bisschen wirkliches Leben zu haben. Glaubst du etwa, ich hab die ganze Zeit freiwillig gestrickt und genäht und weiß nicht was sonst noch?" Joey blickte sie an. Ihre Heftigkeit hatte ihn erschreckt; noch nie war seine fröhliche Schwester ihm so verbittert erschienen. "Bei mir war es genau andersrum. Ich bin immer irgendwie durchgerutscht. Du weißt ja - für jeden hatte Vater so seine kleinen oder großen Pläne. Johnny sollte sein Nachfolger werden, obwohl er die Musik über alles liebt; Tricia war dafür vorgesehen, irgendeinen reichen Kaufmann zu heiraten, damit der Alte bleibende Beziehungen knüpfen konnte. Jimmy sollte alle Freiheiten besitzen, die einem Dichter zustehen, wenn er dafür Vater in ein günstiges Licht in der Öffentlichkeit setzt. Unsere Barbarella -" sein Tonfall nahm fast zärtliches Mitgefühl an, "ist so ein ähnlicher Fall wie ich. Keine Pläne für die mittleren Kinder. Heirat, Beruf, Zukunft, völlig egal. Und Ihr drei Kleinen... Patrick sollte zur Universität, Medizin studieren. Vater hatte ihn schon fast soweit, als wir losgezogen sind. Der Kleine sollte wohl irgendwann Johnnys Stelle einnehmen, so wie ich es verstanden habe. Aber wo der dann bleiben sollte - keine Ahnung. Und unsere Große - naja, die Geschichte kennt wohl jeder." Maite nickte. Kathy war von jeher dazu "bestimmt" gewesen, in der Küche und im Haushalt zu vergammeln. Die kluge, weltgewandte, gebildete Kathleen; Maite freute sich für sie, dass sie diesen Fängen jetzt erst einmal entkommen war. Und sie war glücklich, dass sie ihrem Bruder, dessen Freiheitsdrang sie so sehr teilte und nachvollziehen konnte, durch dieses Gespräch nähergekommen war. Vierundvierzigstes Kapitel "Joseph, behalte Dein Lied ruhig. Ich hoffe, Dein Benehmen gestern war ein einmaliger Ausrutscher. Wir sehen uns in fünf Tagen, ich musste noch einmal zurück nach Dublin. Vater." Joe riß erstaunt die Augen auf, als er diesen Brief sah, der unter seinem Frühstücksteller lag, doch er schwieg. Ein richtiges Triumphgefühl wollte sich bei ihm nicht einstellen; er wusste, dass diese Entscheidung bestimmt nicht aus freien Stücken gefällt worden war. Er verzehrte schweigend sein Frühstück und fuhr ebenso wenig redselig mit seinen Geschwistern ins Studio. Heute war ein relativ ruhiger Tag, da Johnnys Liebeslied eher langsam und melancholisch war. Nichtsdestotrotz wurde viel daran gefeilt; der Produzent meckerte immer wieder an Johns Gesang herum, der ihm hier zu kitschig, da zu grob und dann wieder zu nichtssagend war. Kathy, die heute 'arbeitslos' war, platzte fast der Kragen. Nach ungefähr fünfzehn gescheiterten Versuchen ging sie in die schalldichte Kabine, in der der Produzent saß. Sie ließ sich die wichtigsten Dinge erklären und griff dann zu dem Mikrofon, mit dem sie eine Verbindung zum Aufnahmeraum hatte. "O.k.. Alle, die gerade nichts zu tun haben, verschwinden jetzt bitte. Geht an die frische Luft, hier wird jetzt gearbeitet. Kleiner, an die Trommeln, John, an die Klampfe, Barby ans Glockenspiel, Paddy an den Baß. Alle anderen RAUS!" rief sie energisch. Der Produzent blickte sie argwöhnisch an, doch Kathleen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. "Ich nehme an, John, Du singst da nicht irgendwas, oder?" Ihr Bruder blickte sie verwirrt an. Kathy grinste. "Ich meine, Du singst das doch nicht für irgendwen?" Er schüttelte den Kopf. "Und warum bist Du dann so unsicher? Denk an sie! Wahrscheinlich ist sie so schön, dass Du Deinen Kopf nicht mehr klar bekommst, ich kenn doch Deine Frauen. Also SING!" Sie gab dem Produzenten ein Zeichen, und die Aufnahme begann. Auch hier benötigten sie einige Anläufe, doch John war wesentlich sicherer als noch vorher unter dem steten Beschuß des Griesgrams von Produzenten. "Na bitte!" seufzte Kathy, als der Song im Kasten war. Sie warf dem Produzenten einen triumphierenden Blick zu. "Geht doch!" rief sie und verließ die Kabine. Patrick bestürmte sie mit Fragen über die Aufnahme, doch seine Schwester winkte ab. "Der bläst sich auf wegen nix! Diese ganze Geschichte ist ein Kinderspiel! Morgen darfst Du mal, wenn Du willst. Den kriegen wir noch klein, Paddy. Das große Preisrätsel ist nur: Was bringen wir als Single heraus? Der Song müsste bis übermorgen fertig sein. Also, wie wollen wir entscheiden? Auslosen?" Die anderen, die zurück ins Studio gekommen waren, blickten sich ratlos an. "Wie wär's, wenn wir das in einem netten kleinen Pub entscheiden?" schlug Jack vor. Er konnte den aufgeblasenen Produzenten nicht mehr sehen und wollte nicht viel mehr Zeit mit ihm verbringen als unbedingt nötig. Kathy nahm gutgelaunt seinen Arm. "Jawoll jawoll Sir! Also, mir nach, Kinder!" Fünfundvierzigstes Kapitel Neun Augenpaare starrten gebannt auf Jack, der einen Zettel nach dem anderen aus seiner Mütze zog, um das Spielchen spannender zu machen. "So, hier haben wir als erstes - tut mir leid für Dich - 'Roses of Red' von Maite!" Er drückte tröstend ihre Hand, doch ihr schien die Tatsache nicht besonders viel auszumachen. Jack fuhr fort. "Ich werde Euch jetzt nicht alle einzeln bemitleiden, sonst sitzen wir morgen früh noch hier. Ich mache einfach ganz schnell, dann bestellen wir noch eine Runde und gehen weinend nach Hause. Also: Kathy mit 'Father's Nose', Paddy und 'Why Why Why', John und 'Imagine', Jimmy und 'Cover the road', Barbara Ann und 'She is crazy'. Die nächsten Verlierer sind Patricia und 'for the first time' und - jetzt wird's richtig spannend - Joey und 'the Wolf'!" Jack sah Joseph, der bis zuletzt übrig geblieben war, mit komischer Verzweiflung an. Der jedoch grinste nur. Ihm reichte es für das Erste völlig, wenn sein Lied wenigstens auf dem Album zu hören war. Angelo Gabriel jedoch sprang auf. "Wooow!" rief er und faltete selbst seinen Zettel auseinander. "Angelo und An Angel!" brüllte er durch die ganze Kneipe. Jack drückte ihn sanft wieder auf seinen Stuhl zurück. "Kein Grund auszuflippen. Und schone Deine Stimme bis morgen, das Stück ist nicht ganz einfach. Aber nebenbei ist diese Tatsache auch eine nette Nebenerscheinung für Paddy. Immerhin muss er Dich stimmlich unterstützen!" An diesem Abend ging Jack allein mit Kathy ins Kino, um den anderen endlich einmal eine richtige sturmfreie Bude zu ermöglichen. Er wusste, dass sie heute feiern würden bis zum Umfallen und hoffte nur, dass der Kleine am nächsten Tag ausgeruht und einsatzbereit war. Als sie zurück ins Boot kamen, waren jedoch alle Lichter gelöscht. Verwundert öffnete Jack die Tür. "Seltsam, da lässt man sie mal allein, und sie benehmen sich wie ganz gesittete Blagen!" sagte er leise, um niemanden zu wecken. Leise betraten die beiden den Wohnraum und machten eine kleine Lampe an. "Hey, Jack, sieh Dir das an!" flüsterte Kathy und deutete auf Joseph und Maite, die schlafend nebeneinander auf einem Sofa saßen. Auf ihren Füßen lag Buster, der junge Hund und schnarchte. Joe hatte seinen Arm um seine Schwester gelegt, der anzusehen war, dass sie geweint hatte. Vor ihnen stand eine riesige Eispackung. Kathy hielt Jack zurück, als er die beiden wecken wollte. "Lass sie ruhig. Stör sie nicht." Jack zuckte die Achseln. "Wenn Du meinst," erwiderte er nur und drückte dann Kathys Hand. "Ich werde mich auch langmachen, schlaf gut!" Als Jack die Tür zum Schlafzimmer öffnete, machte er kein Licht an, um niemanden zu wecken. Erst als er schon im Bett lag, fiel ihm auf, dass aus dem angrenzenden Raum kein Ton kam, kein Schnarchen, kein Atmen, nichts. Beunruhigt stand er noch einmal auf und schaute durch die Tür. In Patricks und Jimmys Zimmer war absolute Leere, niemand war da. Jack machte das Licht an und sah sich um, doch er hatte sich nicht getäuscht. Der Raum war leer. Er löschte das Licht wieder und ging zurück ins Wohnzimmer. Kathy kam gerade aus ihrem Schlafzimmer und blickte ihn unruhig an. "Barbara und Tricia sind verschwunden!" erzählte sie. Jack warf einen Blick auf die Uhr. "Es ist schon halb vier. Patrick und Jimmy sind auch verschwunden. Ich gehe mal schauen, ob die anderen beiden wenigstens noch da sind!" beschloss er und warf einen Blick in das Schlafzimmer der beiden Jungen. Das Ergebnis war dasselbe. Langsam machte sich Unruhe in ihm breit, und er beschloss, Joseph und Maite zu wecken. Das hatte Kathy jedoch schon getan, und jetzt redete sie aufgeregt auf die beiden ein. "Ich habe keine Ahnung, wo die hin sind. Vorhin waren sie noch hier!" erklärte Joe verschlafen. Er scheuchte Buster vom Sofa und stand auf. "Tee?" Jack und Kathy nickten. Sie sahen sich ratlos an. "Wieso verschwindet diese Saubande denn, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, gerade wo morgen so ein anstrengender Tag ist? Scheiße!" entfuhr es ihm. Maite sah ihn lächelnd an. "Sie sind wahrscheinlich ... ach, ich habe keine Ahnung. Ich war die halbe Nacht mit Joe spazieren; wir haben geredet und dann hier Eis gegessen. Da waren die anderen schon weg. Wir sind dann hier irgendwann eingeschlafen. Bis eben. Tja, und da wart Ihr da und habt Alarm geschlagen. Sollen wir sie suchen gehen?" Jack schüttelte den Kopf. "Wir warten bis morgen früh. Wenn sie dann nicht da sind, werden wir weitersehen. Jetzt trinken wir noch einen Tee und dann nichts wie ab ins Bett, klar?" Sechsundvierzigstes Kapitel Als Jack am nächsten Morgen schon um sechs Uhr morgens aufwachte, hörte er leise Stimmen aus der Küche. "Was hätten wir denn machen sollen? Als wir aus der Küche kamen, war er weg. Und jetzt guckt Euch das mal an. Er hat Fieber und Schüttelfrost. Den können wir für die nächsten Wochen vergessen," hörte er Jimmys Stimme. "Mein Gott, Ihr seid doch erwachsen! Verdammt noch mal. Tricia, los, gib ihm einen von Deinen Tees, damit sich wenigstens das Fieber senkt!" Das war Kathy. "Er musste zuerst mal ins Warme, Kathleen. Das ist ja nicht das erste Mal, dass jemand sich eine dicke Erkältung zuzieht. Die Erkältung ist halb so wild, das kriegen wir wieder hin!" Johns Stimme war im Gegensatz zu Kathys sehr ruhig. "Und was habt Ihr dann die ganze Nacht über gemacht? Könnt Ihr mir das bitte verraten?" Jetzt schrie seine Verlobte fast. Jack beeilte sich, aus dem Bett zu kommen. Er stürmte in die Küche. "Wir haben ... ist das denn so wichtig?" John war sichtlich verlegen. Jack sah Jimmy, Patricia, John und Kathy in der Küche sitzen und heftig streiten. Er setzte sich dazu und folgte gespannt dem Gespräch. Jim ergriff wieder das Wort. Wir haben diesen Typen gegeben, was sie verdienten. Und sie sind gerannt wie Feiglinge." Jack sah ihn verwirrt an, doch Kathy kam ihm zuvor. "Ich glaube, Ihr seid alle durchgedreht. Jetzt erzählt bitte die ganze Geschichte von Anfang an, sonst lange ich Dir eine, klar?" Sie warf John einen scharfen Blick zu, unter dem er sichtlich zusammenzuckte. Auch er sah in seiner großen Schwester mitunter seine Mutter. "Also, okay. Patricia, Jim, Barby und ich saßen hier in der Küche und haben Karten gespielt und Wein getrunken. Der Kleine und Paddy waren los in die Stadt, Joe und Maite waren spazieren. Nach ein paar Stunden kam Angelo wieder und war völlig erledigt. Er war aus der Innenstadt hierher gerannt und faselte irgendetwas von Schlägern und so. Irgendwelche Typen hatten Paddy zusammengeschlagen, bis er bewusstlos war. Ein Ehepaar hat sich dann um ihn gekümmert. Aber bis der Kleine die gefunden hatte, waren schon ein paar Sekunden ins Land gegangen." Spöttisch blickte John seine Schwester an. "Die beiden saßen 'ne ganze Weile draußen in der Kälte; es hat gedauert, bis Paddy wieder ansprechbar war. Da hat er sich diese Lungenentzündung geholt. Wir haben ihn dann hierhergeholt. Und diesen feigen Schweinen gegeben, was sie verdient hatten. Wenn Ihr wissen wollt, wie das alles passiert ist, müsst Ihr schon die beiden selbst fragen. Die Frau, die ihn mitgenommen hat, war Krankenschwester; sie hat uns gesagt, wir sollten ihn einfach erstmal warmhalten und so weiter, dann würde das wieder." Ohne John weiter zuzuhören, sprang Jack auf und eilte ins Wohnzimmer. Dort lag Patrick auf dem Sofa und schlief tief und fest, allerdings sehr unruhig. Er hatte ein blaues Auge, seine rechte Gesichtshälfte war stark angeschwollen. Das Fieber hatte sein Gesicht gerötet. Jack nickte Angelo und Barbara Ann kurz zu und begann dann, Patrick zu untersuchen. "Sagt Tricia, sie soll sich mit dem Tee beeilen. Er wacht bestimmt gleich auf. Und sie soll essigsaure Tonerde bereithalten. Los!" rief er leise. Darauf packte er Patrick in mehrere Decken und blieb an seiner Seite sitzen. Als Angelo mit Patricia zurückkam, sah er ihn ernst an. "Du musst wohl doch allein singen, Kleiner. Heute könnt Ihr nicht alle fahren. Ich brauche Patricia, John und Maite hier. Tut mir leid, aber es geht nicht anders. Und jetzt macht Euch fertig. Heute abend wirst Du mir haarklein erzählen, wie das alles passiert ist, okay?" Der Junge nickte. Siebenundvierzigstes Kapitel Jack war froh, dass John da geblieben war. Er war derjenige, mit dem er am besten reden konnte, da sie mit Ausnahme von Kathy die wenigsten Jahre trennten. Er saß mit ihm zusammen an Patricks Bett, während Patricia und Maite unterwegs in die nächste Apotheke waren. Zwischendurch war Patrick ein paarmal aufgewacht, doch er hatte immer nur für ein paar Minuten die Augen aufgeschlagen, ein paar unzusammenhängende Worte gebrabbelt und war dann wieder eingeschlafen. "Diese Typen waren Skinheads," erzählte John ihm, als sie Tee tranken. "Ich habe nur keine Ahnung, warum sie ausgerechnet ihn zusammengeschlagen haben und den Kleinen nicht. Sie waren zu fünft. Ich bin ziemlich froh, dass sie keine Waffen hatten, sonst hätte Paddy alt ausgesehen. Bullshit." Jack grinste hilflos. "Ist ja nochmal gutgegangen. Mach Dir keine Sorgen, den kriegen wir wieder hin. In spätestens zwei Wochen ist er wieder der Alte. Die Hauptsache ist nur, dass er sein Fieber richtig auskuriert. Aber mit Patricias Kräuterkram kriegen wir das wieder ins Geleis. Mach Dir keine Sorgen, Johnny." Achtundvierzigstes Kapitel Als die anderen am Abend wiederkamen, war Patrick gerade zum ersten Mal richtig aufgewacht und bekam von seiner Schwester Tee und Brühe eingeflößt. Seine Augen blickten sie glasig an; er war immer noch ziemlich fiebrig und verschüttete die Hälfte. Jack ging den anderen entgegen. "Seid leise, Leute. Er ist jetzt wach, aber immer noch ziemlich krank. Wir gehen am besten in die Küche." Er setzte den Kessel auf den Herd und begann, das Abendessen vorzubereiten, während Angelo ihm mit verhaltener Begeisterung von seiner ersten Aufnahme erzählte. Er warf auch gleich die Vorabcassette in den Recorder. "Das ist erst noch die Rohfassung, morgen wird noch ein bisschen daran gefeilt." Jack lächelte, als er die ersten Takte hörte. Das Lied hatte ihm schon immer sehr gefallen, und mit Josephs 'Wolf' zusammen, das eine Kampfansage an seinen Vater war, bildete es seiner Meinung nach die Spitze. "Gefällt mir gut," erklärte er am Ende des Stücks. "Aber ich finde, Du hast noch was zu erzählen. Ich möchte das wirklich wissen; nicht um Dir oder Deinem Bruder die Hölle heiß zu machen. Warum hast Du zum Beispiel keinen einzigen Kratzer abbekommen?" Sein Jüngster fühlte sich sichtlich unbehaglich unter Jacks Blick. Er sah Joey, Jim, Kathy und Barbara Ann hilfesuchend an, doch sie blickten ihm ebenso forschend ins Gesicht wie Jack. "Wir haben uns getrennt in der Stadt. Und als ich an unserem Treffpunkt ankam, war schon alles passiert. Ich hab nur noch die Typen wegrennen sehen. Tut mir leid, Jack, aber mehr weiß ich wirklich nicht!" beteuerte er, doch Jack hatte das Gefühl, dass der Junge log. Warum, wusste er noch nicht, doch er war sicher, es spätestens von Patrick zu erfahren. "Okay. Ich glaube, ich werde Patrick fragen, soviel Zeit muss sein. Dann begraben wir die ganze Angelegenheit erst einmal." Neunundvierzigstes Kapitel Als Patrick nach drei Tagen wieder richtig ansprechbar war, wurde er ziemlich wütend, weil er eben diese Tage im Studio verpaßt hatte. Er war ziemlich scharf darauf, so bald wie möglich wieder anzufangen, doch Jack hatte ihm noch mindestens bis zum Ende der Woche Bettruhe verordnet. Doch ein so undankbarer Patient war ihm noch nie untergekommen. Patrick wollte einfach nicht im Bett bleiben. Nach weiteren drei Tagen war Jack völlig erledigt und ließ ihn mitfahren, jedoch nur unter seiner eigenen Aufsicht und der Bedingung, dass er alles im Sitzen erledigte. In einen dicken Mantel eingepackt, mit Schal und Mütze und Handschuhen verließ Patrick also das Boot, der absolut euphorischste unter seinen Geschwistern. 'Na warte, heute abend ist ein Geständnis fällig, mal sehen, ob es Dir dann immer noch so gut geht!' dachte Jack wütend bei sich, allerdings auch erleichtert, weil sich Patrick als solches Stehaufmännchen erwiesen hatte. Heute sollte Maites Song aufgenommen werden, und Patrick saß mit Kathy zusammen am Mischpult und machte sich zum ersten Mal mit den Apparaturen vertraut. Der Produzent wurde fast wahnsinnig, als er merkte, dass auch dieser Junge ein Händchen für das Abmischen von Songs hatte. Nach ungefähr zwei Stunden erhob er sich. "Ich gehe Kaffee trinken. Holt mich, wenn Ihr mich braucht, Ihr Profis!" brummte er mürrisch und verließ das Studio. Jack grinste den beiden zu und hob den Daumen. Joe stimmte seine Gitarre zum dritten Mal um, während Angelo gelangweilt hinter seinem Schlagzeug saß und wartete, bis alles klar war. Als seine Schwester zu singen begann, hätte er beinahe seinen Einsatz verpaßt, so laut und klar und vor allem stolz klang ihre Stimme. Er wechselte einen Blick mit Jim, der ebenso verwundert die Augenbrauen hob, während er seine Baß-line zupfte. Der einzige, den das alles völlig kalt zu lassen schien, war Joseph. Er mißhandelte wie üblich seine Gitarre und vergaß die Welt um sich herum. John, der mit der Quetschkommode auf seinen Einsatz wartete, schloss wie gebannt die Augen ... und verpaßte ihn prompt. "Jaja, tut mir leid, ich bin schuld!" rief er seinen unsichtbaren Geschwistern in der Kabine zu und riß sich zusammen. Jack war ebenfalls erstaunt, denn so hatte er Maites Stimme nicht in Erinnerung gehabt. Beim zweiten Anlauf schien es ihm, als wäre ihre Stimme noch stärker und sicherer geworden. "Das war bei weitem die kürzeste Zeit, die wir bisher für eine Aufnahme gebraucht haben!" strahlte Maite, als das ganze Lied schon nach zwei Stunden im Kasten war. "Morgen abend können wir Eurem Vater also mindestens ganze... wartet mal..." Jack zählte kurz, "vier neue Songs präsentieren," ergänzte Jim. "Meins, Johns, den Superhit, und dieses Glanzstück hier!" Er fuhr Maite durch die Haare. "Super gemacht!" lobte er sie. Kathy fiel ihrer Schwester um den Hals, als sie ins Studio zurückkam. "Du bist ja wahnsinnig, woher kannst Du so singen, Maite?" rief sie begeistert. "Wir mussten fast nichts machen da oben!" fügte Patrick hinzu und wurde kurz darauf von einem Hustenanfall geschüttelt. Jack blickte ihn forschend an, doch ihm schien es immer noch recht gut zu gehen. "Wie wäre es, wenn wir uns heute mal der Presse präsentieren, Leute? Aber kein Wort über Paddys kleinen Unfall, klar?" Er blickte sich in der mehr als begeisterten Runde um. "Gut, dann rufe ich diese Frau mal an. Bis gleich!" Jack verschwand in Richtung Büro. © Kimba (Einfach phantastisch!) |
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Last update: 07/07/2000
(Online since: 03/07/2000)