Sunshine for Adam

by Kimba   klimbimba@gmx.net

 

Eigentlich wollte sie ja wütend ihren Rucksack in eine Ecke schleudern, doch sie war viel zu erschöpft. Also ließ sie ihn nur zu Boden sinken und schlurfte in ihre kleine Küche, um sich ein Glas Milch einzugießen.

Wieder einer dieser Tage. Ewig hinter dem Prof hergewesen nur wegen einer Unterschrift, und jetzt lag dieser Idiot mit einer Salmonellenvergiftung im Krankenhaus. Und vielleicht kostete sie das ein ganzes Semester, wenn sie jetzt nicht zum Vordiplom zugelassen wurde. Müde hockte sie auf einem Stuhl und blickte mit trüben Augen aus dem Fenster. Der Hinterhof erschien ihr genauso trostlos wie ihr momentanes Seelenleben. Scheiße, sie hasste dieses Selbstmitleid. Doch manchmal konnte sie einfach nichts dagegen tun; manchmal schien sich die ganze Welt gegen sie verschworen zu haben. Aber heute war Freitag, das hieß, ein langes Wochenende lag vor ihr, denn Montag hatte sie weder Seminare noch Vorlesungen. Das hatte sie im ersten Semester gelernt: Nimm dir einen Tag in der Woche frei! Wofür auch immer.

Als sie ihre Milch ausgetrunken hatte, spülte sie das Glas aus und stellte es auf dem Kopf auf die Spüle. Ein schneller Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie noch genug Zeit hatte, bevor sie zu der Geburtstagsfeier ihrer Freundin (naja, gute Bekannte war wohl treffender) "musste".

Sie hatte keine Lust. Den ganzen Abend über Beziehungen und irgendwelche Typen zu quatschen, ONS und Aufrisse zu analysieren und dabei vielleicht wieder diese mitleidigen Blicke auf sich zu ziehen war eigentlich das letzte, was sie wollte. Kurzerhand griff sie zum Telefon und sagte ab, innerlich schon auf etwas völlig anderes eingeschossen. Manchmal brauchte sie diese Nächte der Einsamkeit.

Zwei Minuten später war sie im Chat. Sie fühlte eine Wärme, die sie schon die ganze Woche über vermisst hatte, spürte, wie ihre innere Spannung sich löste, traf Freunde und konnte reden reden reden. Und vor allem: mitreden. Und wie so oft spukte ihr dabei eine bestimmte Person im Kopf herum. Wo war er? Würde sie ihn jemals treffen? Ihm sagen können: "Ich würde dich gern kennen lernen!" Dabei sicher sein können, dass er wusste sie war anders? Anders als die anderen?

Sie jedenfalls wusste es genau.

Sie wusste, auch er war anders als die anderen anderen. Anders als der Rest, mit dem er von Zeit zu Zeit auf der Bühne gestanden hatte.

Doch die Angst blieb. Nicht nur die Angst, ihn niemals zu sehen. Auch die Angst davor, allein zu bleiben, weil niemand sie für interessant genug hielt, hinter ihr Äußeres zu blicken. Und das hatte nur bedingt mit Adam o'Henry zu tun. Auch wenn sie sich in ihm verlieren wollte, war er genauso ein Mann wie alle anderen auch. Einer, der sich eher blenden lassen würde als genauer hinzusehen und sie zu entdecken. Nicht die pummlige Jule, die sie durch die Weltgeschichte trug, sondern die innerlich strahlende herzliche und manchmal ein bisschen konfuse Sun.

In der Nacht hatte sie einen Traum. Sie befand sich im Hörsaal, um sie herum bekannte, aber verschwommene Gesichter, und sie wusste, sie war splitternackt. Panik überfiel sie wie lähmende Fesseln, und sie konnte sich nicht rühren. Das Raunen im Saal wurde lauter, schwoll zu einem irren Schreien an. Finger deuteten auf sie, die Meute rückte näher und schweißgebadet wachte sie auf. Doch da waren auch Tränen auf ihren Wangen.

An Einschlafen war nicht mehr zu denken.

Der Chat war leer um vier Uhr morgens, nur ein paar einsame Nachtgestalten und viele Störenfriede trieben sich herum, die sich einen Jux daraus machen wollten, Kelly-Freunde aufzustacheln. Jule ignorierte sie. Niemand von ihren Freunden war da, und sie wollte schon raus, als sie plötzlich jemand ansprach.

*@Sun - gibst du mir was von deinem Strahlen? Ich kann es gebrauchen.

Wie von selbst glitten ihre Finger über die Tastatur.

*@Eve'sgentleman Ich habe selbst keine. Versuche nur mich ein bisschen über Wasser zu halten, bis der nächste Alptraum kommt :o(

@Sun Wer bist du?

@Ich weiß es nicht. @eve'sgenleman.

@Vielleicht ein bisschen spät für solche Fragen?

Jule - Sun lächelte.

@Für solche Fragen kann es nie zu spät sein.

@Sun, was für ein Alptraum?

@Willst du das wirklich wissen?@ eve's gentleman?

@Ja@ Sun. Du klingst sehr traurig. Ich bin auch manchmal sehr traurig und wünsch mir jemanden zum Reden.

Plötzlich brach alles aus ihr hervor. Sie schrieb und schrieb, während ihr die Tränen die Wangen herunterliefen. Nur Adam erwähnte sie nicht; der blieb ihr und ihren wirklichen Freunden vorbehalten.

Als sie geendet hatte, kam eine ganze Weile nichts. Jule dachte schon, sie wäre wieder allein, doch da kam die Antwort.

@ Diese Angst ist es nicht wert, einen so großen Platz in deinem Leben einzunehmen@ Sun. Wo lebst Du? Wollen wir uns sehen?

Jule schluckte ob dieses Angebots, das so plötzlich kam.

@Eve'sgentleman Ich weiß es nicht. Tagsüber vielleicht.

Sie tauschten ihre Telefonnummern aus, und ein bisschen fröhlicher ging Jule ins Bett. Dennoch war sie höllisch nervös, als am nächsten Morgen das Telefon klingelte und eine dunkle Stimme sie in einem gebrochenen Deutsch begrüßte. Sie telefonierte lange mit Eve'sGentleman, bevor sie sich mit ihm verabredete. Als sie in dem kleinen Café saß, fühlte sie sich wieder, als wäre sie nackt.

Plötzlich betrat ein pickliger dünner Typ das Café und steuerte direkt auf sie zu. Hinter ihm öffnete ein großer Mann mit Kapuzenpulli die Tür. Jule schauderte. Bloß nicht - nicht dieser- doch der Dünne hatte es nur auf das Zeitschriftenregal hinter ihr abgesehen und griff nach dem Spiegel. Erleichtert seufzte Jule auf und wühlte in ihrem Rucksack nach dem Buch, das sie als Erkennungszeichen lesen sollte: Der kleine Hobbit. Versonnen überflog sie die Widmung, die ihr ihre erste Chatbekanntschaft geschrieben hatte.

"Wenn ein so kleiner Erdling wie Bilbo Beutlin eine so große Hoffung in sich trägt, wieviel Hoffnung gibt es dann erst in einem Menschen wie uns, Sun?!"

Ein Räuspern ließ sie hochfahren. Entgeistert sah sie den Mann an, der vor ihr stand und sich gerade die Kapuze abstreifte. Wunderbare strahlende Augen sahen sie an.

"Adam," flüsterte sie tonlos, und im nächsten Moment war sie auf und davon. Rannte, während sie sich fragte warum, rannte in die entgegengesetzte Richtung, in die sie eigentlich rennen wollte, rannte, rannte, rannte.

Doch er war schneller. Keuchend hielt er sie am Arm fest, und wieder fühlte sie diese Panik in sich aufsteigen, wollte sich losreißen, konnte aber nicht. Sie zitterte am ganzen Körper, doch er ließ sie nicht gehen. Sah sie nur aus seinen unglaublichen Augen an, bis er schließlich ihr Gesicht seinem entgegen hob.

"Sun, meinst du nicht, du solltest mir eine Chance geben? Warum läufst Du weg?" Dan glitt ein Widerschein des Begreifens über sein Gesicht. Doch statt sich in verlegene Ausflüchte auszubrechen, lächelte er sie warm an. "Dann bist du mir schon einen Schritt voraus. Lass mich dich einholen. Bitte."

Und als sie zurücklächelte, war sie die wahre Sun.


© Kimba (Unglaublich!)

 

Bar Letter

Last update: 07/07/2000

(Online since: 07/07/2000)

Zurück zur Storypage

Back to the Storypage