Die Maus, das Mädchen und das Boot

by Kimba   klimbimba@gmx.net

 

Prolog

"Bitte erzähl uns eine Geschichte!" piepsen die kleinen Mäuse, die jetzt ins Bett gehen müssen. Ihre Großmutter putzt sich die Schnauze sauber und überlegt kurz. Dann piepst sie zum Einverständnis. Viel hat sie erlebt in ihren acht Jahren, also kann sie auch viel erzählen. "Aber erst ins Nest," befiehlt sie. Die Kleinen gehorchen. Flugs sind sie im warmen Bett verschwunden, nur ihre Nasen gucken noch heraus.Ihre Großmutter denkt kurz nach, dann macht sie es sich bequem und räuspert sich kurz.


Die Maus, das Mädchen und das Boot

"Obwohl diese Geschichte wahr ist, ist sie eine Fabel, wißt Ihr? Eine Fabel ist eine Geschichte, aus der kleine Mäuse viel lernen können. Dabei handelt sie aber von Menschen. Sie handelt von zwei Herzen, die sich in großer Liebe zugetan sind oder zumindest einmal waren." Die Jungs und eins der Mädels, Cheesa, fangen an zu nöhlen. "Bööh, so 'ne blöde Liebesgeschichte, die wollen wir nicht hören, erzähl lieber die mit dem Rattenpiratenkäptn, der eine ganze Schiffscrew umgebracht hat!" meutern sie, doch ihre Großmutter schlägt nur einmal ärgerlich mit dem Schwanz. "Jungs, Ihr wart gestern dran. Außerdem seid Ihr in der Minderheit. Immerhin sind Eure Schwestern zu vierzehnt und Ihr nur acht. Also, seid leise und hört zu. Außerdem," sagt sie geheimnisvoll und leise, "kommen Menschen drin vor. Und ein wunderbares Schiff. In Ordnung?" "Mmhmhm,njää ..okee!" meinen die Bengels dann doch und stellen die runden Ohren auf. Geschichten über diese riesenhaften Wesen, die MENSCHEN, finden sie immer gut, daran ändert auch ein wenig Romantik nichts oder Gänseschmalz, wie sie es nennen. Die Großmutter fährt fort. "Gut, also ich fange woanders an. Wie Ihr sicher wißt, war Euer Großvater ein Seefahrer, und als er sich zur Ruhe setzen wollte, suchte er sich ebenfalls ein Schiff, das sich zur Ruhe gesetzt hatte. Wenn ich daran denke, was er immer von seinen langen Reisen mitgebracht hat...hach! Aber ich vergesse mich. Er suchte also ein ruhiges Schiff in einer ruhigen Gegend. Das war schon lange unser Traum gewesen, uns am Wasser zur Ruhe zu setzen und abends, wenn die Sonne unterging, bei einem Stück Käse auf Deck zu sitzen und in den Abendhimmel zu blicken.

Oh, und wir fanden auch ein wunderschönes großes Boot. Es lag hier in dieser riesigen Stadt - es ist übrigens die größte Stadt der bekannten Welt, Kinder - an einem kleinen Frachthafen. Und es war das einzige Schiff, das kein Frachter war. Euer Großvater hatte lange auf Frachtern gelebt, doch für einen ruhigen Lebensabend sind diese riesigen, stinkenden Schiffe nicht geeignet. Das Boot, das er fand, war ein richtiges Hausboot."

"EIN HAUSBOOT? WAS IST DAS DENN?" fragt der Kleinste jetzt und sieht seine Oma neugierig an. Die wackelt mit der Nase. "Ein Hausboot, Samuel, ist ein Boot, das nur dazu da ist, daß Menschen auf ihm leben. Es sieht aus wie ein Haus, ist aber ein Schiff. Die meisten Hausboote gibt es in Käseland, Ihr wißt schon, das Land, aus dem Großvater diese Riesenportionen Käse mitgebracht hat!" Ihre Augen funkeln bei der Erinnerung an diesen Schmaus.

"Wir packten also unsere Sachen und unsere Kinder und machten uns auf umzuziehen. Großvater sagte, auf diesem Boot würden wir in Saus und Braus leben, weil viele Kinder dort wohnen würden, die bestimmt viel Krümelei anrichteten. Wir alle waren begeistert. Eure Mutter war damals noch ein Kind, aber als sie das Boot sah, hat sie sich gefreut wie ein Schneekönig. Wir inspizierten unauffällig das ganze Schiff und fanden auch eine großzügig geschnittene Wohnung, die uns gefiel. Die Nachbarn waren ebenfalls sehr nett, auch eine alte Schipperfamilie, die schon länger dort wohnte. Gleich am ersten Abend luden sie uns zu sich ein. Der Mäuserich, ein alter Seenager, sogar ein ehemaliger Käpt'n, erzählte uns viel von seinen Reisen. Großvater und er überboten sich immer wieder mit ihrem Seemausgarn, bis die Frau, Smeralda hieß sie, unauffällig zu gähnen begann."

"Smä-was? Was ist denn das für ein Name?" fragte Cheesa, die aufgeweckteste und frechste unter den Mädchen, mit großen Augen. "Smeralda!" wiederholte die Großmutter geduldig. "Sie war eine Exotin, ihr Mann hatte sie im Ausland kennengelernt. "Eine wunderschöne Wüstenrennmaus war sie, die der Käpt'n vor der Sklaverei gerettet hat. Aber das ist eine andere Geschichte. "Smeralda schlug mir vor, in ihr eigenes Zimmer zu gehen. Dort wollte sie mir von den Bewohnern dieses Schiffes erzählen. Ich war sofort einverstanden, denn die Geschichten Eures Großvaters kannte ich schon zur Genüge. Wir machten es uns in ihrem Nest gemütlich, und sie begann zu erzählen.

"Hier leben viele Menschen," begann sie mit ihrer hellen Stimme und sah mich aus ihren großen dunklen Augen fröhlich an. "Sie sind oft nicht da, deshalb haben wir manchmal das ganze Boot für uns. Nur ihr Käpt'n hält sich die meiste Zeit hier auf. Er ist sehr mächtig, glaube ich. Er hat den längsten Bart und die lauteste Stimme. Aber er ist viel viel älter als seine Kinder." Hier bekam ihre Stimme einen geheimnisvollen Klang. "Sie wissen sicher, daß Menschen in dieser Gegend hier meistens sehr wenige Kinder haben. Dieser hier hat aber NEUN!" flüsterte sie. Ich sah sie erstaunt an. "Ja genau, NEUN. Sie sind vermutlich sehr tierlieb, aber wenn ich dieses Riesenvieh sehe, das sie Finbar nennen, kriege ich das Grausen. Es hat vier elend lange Beine, langes zottiges Fell und ist fast doppelt so groß wie das Kleine der ältesten Tochter. Unheimlich, sage ich Ihnen; auf den müssen Sie aufpassen!" Ich nickte. Auch ich hatte das VIEH schon einmal gesehen und war um mein Leben gerannt, als es mich entdeckt hatte. Smeralda schüttelte den Kopf. "Aber wie gesagt, vor den Kindern müssen Sie weniger Angst haben. Sie schlagen sich zwar manchmal untereinander, aber das ist meistens nur Spaß. Aber wissen Sie was, Eugenia? Wir gehen in meinen Ausguck, und von dort zeige ich sie Ihnen auch gleich." Sie ging voran, führte mich durch einen Gang, eine lange Strecke bergauf und dann in einen kleinen Raum. Ich staunte. Um uns herum nur Essen, Essen, Essen. "Das ist ihr Vorratsschrank. Die Tür hier läßt sich nicht mehr richtig schließen und öffnen, deshalb benutzen sie immer die andere. Hier sind wir sicher. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Möchten Sie ein paar Haferflocken?" Begeistert nickte ich und setzte mich an den Spalt, der breit genug war, daß wir beide hindurchsehen konnten. Die Haferflocken schmeckten köstlich. "So, hier wären wir also. Jetzt sehen sie sich diese MENSCHEN genau an. Gefallen sie Ihnen?" Ich versuchte, mir ein Bild von ihnen zu machen, schließlich lebte ich lange genug mit Menschen zusammen, um sie einordnen zu können. Doch es wollte mir nicht so recht gelingen; irgendwie waren DIE HIER anders als alle anderen, die ich bisher gekannt hatte. Sie erinnerten mich eher an meinesgleichen. "Sie sind seltsam, nicht wahr? Irgendwie sippiger als andere Menschen!" stimmte Smeralda meinen unausgesprochenen Gedanken zu. Ich sah zu diesem Zeitpunkt in dem großen Wohnbereich des Bootes fünf Menschen. Sie sahen alle sehr gleich aus, aber wenn eine Großmutter wie ich an die dreihundert Kinder großgezogen hat, lernt sie, auch die kleinsten Unterschiede zu bemerken. Da war zum Beispiel ein halbwüchsiger Junge, bei dem ich sofort sah, daß seine Zunge ein wenig zu lang war, so daß er beim Sprechen leicht lispelte. Manche der Menschen waren allerdings von ausgeprägteren Merkmalen "betroffen", so zum Beispiel ein ziemlich dickes Mädchen, das sehr fröhlich war."

"Hey, wieso sollten dicke Mädchen auch nicht fröhlich sein?" meldete sich Mopsi zu Wort, die sich gerade an einem Stück Brötchen vergriffen hatte. Die Alte nicke. "Können sie, können sie. Ich sah noch drei andere, zwei große Jungen, fast schon Männer. Einer hatte ein sehr sehr schönes Gesicht und schrieb gerade etwas in ein Buch, der andere wirkte auf mich ein bißchen unruhig. Er bastelte gerade an einem seltsamen Apparat herum, und dabei schmierte er sich von oben bis unten mit einer öligen Flüssigkeit voll.

Wer mich aber von den Menschen am meisten beeindruckte, war dieses wunderschöne blonde Mädchen. Es beteiligte sich nicht am Spott der anderen drei, die sich über ihren schraubenden und bastelnden Bruder lustig machten, sondern saß ganz ruhig in einer Ecke an einem Tisch ganz bei uns in der Nähe und war in einen Brief vertieft. Sie hatte große blaue Augen und sah aus wie eine Prinzessin, nur ernster. Ich konnte nicht aufhören sie anzustarren, weil ich plötzlich furchtbares Mitleid mit ihr hatte - ich weiß bis heute nicht genau warum. Vielleicht war es ihr trauriger Blick, vielleicht auch ihre Einsamkeit, die sie ausstrahlte, obwohl ein großer Teil ihrer Familie um sie herum war. Als Smeralda mich anstupste, erschrak ich fürchterlich und war kurz davor, nach ihr zu schnappen. Ich entschuldigte mich natürlich sofort, doch ihre Augen lächelten mich an. "Sie scheint furchtbar einsam zu sein. Schon mehrere Wochen erhält sie diese Briefe, und ich glaube, sie sehnt sich danach, sie zu beantworten. Aber aus irgendeinem Grund tut sie es nicht. Ich beobachte sie regelmäßig, aber nie schreibt sie selbst einen Brief. Sie erzählt auch niemandem, was drinsteht, und ich kann leider diese Sprache nicht lesen." Ich wiegte bedauernd meinen Kopf. Auch ich hatte das nie gelernt. Ich verstand die Menschen zwar, aber ihre seltsamen Mitteilungsformen waren mir immer ein Rätsel geblieben. "Wer sind die anderen? Warum sehen sie das nicht?" fragte ich meine neue Bekannte, und die ruderte nachdenklich mit ihrem Schwanz. "Ich weiß es nicht. Eins von den Männchen hat sie vor kurzem gefragt, was mit ihr los ist, aber sie hat nicht geantwortet, obwohl ich das Gefühl hatte, sie würde gern reden. Der Junge ist aber nicht hier. Er ist überhaupt sehr selten hier." Sie deutete auf das dicke Mädchen. "Die da ist für die Versorgung zuständig. Wenn sie in die Nähe des Ausgucks kommt, verstecken Sie sich besser. Sie geht sehr oft an diesen Schrank, und das nicht nur, wenn sie kochen möchte. Der dort, den nennen der Käpt'n und ich nur "Junge mit der langen Zunge"." Ich lachte leise. Smeralda hatte es also auch gemerkt. Sie deutete mit ihrer Schnauze auf den mit dem schönen Gesicht. "Der da würde allein niemals überleben können. Er würde ruckzuck von der Katze gefressen werden. Viel zu verträumt!" Über den Bastelnden fällte Smeralda ein weniger hartes Urteil. "Der würde sich schon zu helfen wissen, denn eigentlich ist er kein Sippentier. Aber allein will er auch nicht sein, deshalb bastelt er immer an solchen DINGEN herum, wenn er eine Pause braucht."

Mein Blick fiel wieder auf das wunderschöne Mädchen. "Ich möchte ihr gern helfen!" sagte ich, und Smeralda nickte. "Sie ist so jung und muß noch soviel lernen. Ich glaube, sie kann unsere Hilfe gebrauchen, immerhin haben wir schon ein paar hundert Kinder großbekommen!" stimmte sie mir zu. Ich nagte an einer riesigen Haferflocke, obwohl mir schon fast übel war. Also legte ich sie beiseite. "Kommen Sie, Eugenia, wir sehen uns in ihrer Kabine ein bißchen um. Sie steht ja gerade leer." Und wieder folgte ich der Ausländerin, die Strecke bergab, durch mehrere Gänge. Wir besichtigten fast das ganze Boot, bis wir endlich in der "Kabine" waren. Sie war wirklich leer. Trotzdem flüsterte Smeralda. "Wir sind unter dem Bett. Manchmal lungern unter den Betten ein paar Straßenkids herum, die kein Zuhause haben und auf die schiefe Bahn geraten sind. Sie haben es besonders auf ältere Damen abgesehen. Seien Sie vorsichtig!" warnte sie mich und trippelte leise zum Bettrand. "So. Von hier haben wir eine bessere Sicht." Plötzlich weiteten sich ihre Augen. "Sehen Sie, was ich gefunden habe!" Sie setzte sich auf und hielt etwas viereckiges in ihren Vorderpfoten. Ein Bild. Wir beugten uns darüber und sahen es uns an. Plötzlich öffnete sich die Tür, so daß ich beinahe einen Herzschlag bekam. Rasch eilten wir in die hinterste Ecke und verhielten uns ganz ruhig. Wir sahen zwei Paar Füße, eins nackt, das andere steckte in schweren Schnürstiefeln."

Ein leises Schnarchen unterbrach die Großmutter, Samuel, der Jüngste, war eingeschlummert. Die anderen lauschten immer noch. "Ich glaube, das war es für heute. Ich will den Kleinen nicht wecken!" erklärte sie und erhob sich schwerfällig. Doch da erhob sich wilder Protest. Auch die Jungs wollten unbedingt hören, wie die Geschichte weiterging. Also nahm die Alte den Kleinen vorsichtig hoch und trug ihn in ihr eigenes Nest.

"Also, wo war ich?" fragte sie nachdenklich. "Bei den Stiefeln, bei den Stiefeln!" rief Cheesa. "Jetzt erzähl schon weiter!" "Gut gut. Wir sahen also diese Füße und hörten dann auch Stimmen. Eine war männlich, die andere weiblich. "Das ist sie!" wisperte Smeralda mir ins Ohr und schwieg dann wieder. Wir lauschten und bekamen dann eine so unglaubliche Geschichte zu hören, daß nicht einmal der Käpt'n sie uns abgenommen hätte, hätten wir sie ihm erzählt. Der Junge sprach zuerst. "Also, Tricia, jetzt redest Du mit mir. Was um Himmels willen ist los? Schon seit Wochen läufst Du hier so traurig rum und redest mit niemandem ein Wort, nicht mal mit mir!" Wir hörten und sahen, wie er sich auf das Bett fallen ließ. Ein lautes Krachen war zu hören. Das Mädchen setzte sich woanders hin, zumindest waren ihre Füße verschwunden. "Ich weiß, Jimmy. Aber ich kenne mich selbst nicht mehr. Kannst Du Dich noch an das Konzert in Bremen erinnern? Als Du kaum auf der Bühne warst?" "Klar kann ich. Ich bin ein bißchen abgedreht und dann in der Menge untergetaucht - als Frau verkleidet. Sicherer geht's nicht!" lachte der Junge, und das Mädchen stimmte ein. "Genau. Das war kurz bevor Du uns mehr oder weniger verlassen hast. Ich hab mich nicht so gut gefühlt. Auch weil ich Angst hatte, daß Du ganz abhauen würdest.

Und zwei Tage später entdecke ich hier bei den ganzen Pilgerbriefen und so, also am Tor jedenfalls, einen winzigen knallila Zettel für mich. Mir superwinzigen Buchstaben beschriftet, man hätte ihn so leicht übersehen können!" Der Junge klang neugierig, als er weitersprach. "Und? Was war das für ein Zettel?" Er schien es nicht abwarten zu können, und wir sahen, wie seine Füße auf und ab wippten. Dadurch vibrierte der ganze Fußboden, und das war ein komisches Gefühl! Nun, das Mädchen las ihm den Brief vor. Ihre Stimme zitterte ein bißchen dabei. Es war, ...wartet mal, vielleicht bekomme ich es noch zusammen. "Wenn Du diesen Zettel findest, bist Du schon einige Schritte gegangen. Kannst Du die anderen nicht auch noch wagen? Nicht mal dieses Tor, an dem so viele scheitern, kann Dich aufhalten. An Dir sehe ich, wie schön eine Frau sein kann, die ein so großes Geheimnis mit sich herumträgt. Und ich weiß, wenn Du es erst einmal gelüftet hast, wirst Du nicht nur noch schöner sein, nein, dann bist Du auch glücklich. Und erst dann kann ich Dich kennenlernen. Wenn Du Dein Geheimnis vor Dir selbst und Deiner Familie gelüftet hast." Das Mädchen lachte nervös. "WOW. Kein Absender?" "Nein. Aber ich habe einen Brief an dieselbe Stelle geheftet, genauso klein. Nur ein paar Worte. "ICH KANN ES NICHT GLAUBEN: WER BIST DU?" Und es kam auch wieder eine Antwort. Seitdem habe ich mehrere solcher Nachrichten bekommen. Willst Du sie hören?" Der Junge schwieg eine Weile. Dann sagte er leise etwas, das wir nicht verstehen konnten. Auf jeden Fall las sie dann das nächste vor. Ich habe mir die Worte so gut merken können, weil sie so schön waren und gleichzeitig schienen sie mir von sehr sehr großer Bedeutung. "Glaub es nur," fing der zweite an. "Ich bin vielleicht nur eine kleine Stimme in Dir, vielleicht aber auch ein großes Gewissen, das es nicht ertragen kann, wie Du Dich selbst betrügst. Außerdem liebe ich Dich." Das Mädchen war offenbar den Tränen nahe, denn als sie den dritten Zettel vorlas, war ihre Stimme erstickt. "Auf den habe ich auch geantwortet und geschrieben, sie soll zu mir kommen, ich würde es managen, daß sie das-" "Moment mal, Tricia: SIE? Warum um Himmels willen SIE?" unterbrach sie der Junge. Das Schweigen, das daraufhin entstand, war sehr unangenehm, das könnt Ihr mir glauben. Es war der Junge, der wieder zu sprechen begann. "Ich... äh, also,... ." "Genau das ist mein Geheimnis, Jim. SIE." Wieder war nur das Atmen der beiden zu hören. "Möchtest Du weiterhören?" Kurz darauf fuhr sie fort. "Auf das Angebot hin kam jedoch auch nur ein Zettel. "Ich will Dich nicht besuchen, ich will, daß Du Dich selbst findest und dann auf die Suche nach MIR gehst." Und so ging das eine ganze Weile weiter, bis ich endlich einen sehr langen Brief geschrieben habe. Das war letzte Woche. Und nun kam der hier zurück."

"Aber Tricia," machte sich der Junge wieder bemerkbar. "Warum hast Du mir NIE etwas davon erzählt? Ich ..." "Ich mußte das alles selbst herausfinden. Und jetzt bin ich endlich soweit. Sie hat mir im letzten Brief ein Bild geschickt. Es müßte da neben Dir neben dem Bett liegen." Smeralda versteckte sich in der hinteren Ecke, doch ich war so gebannt, daß ich fast zu Tode erschrak, als ich ein riesiges Gesicht sah und einen langen Arm, der unter das Bett griff. Allerdings sah das Gesicht mich auch, und blitzartig griff der Arm nach mir. Ich wurde in schwindelerregende Höhen gewuchtet und krallte mich ängstlich an der Hand des Jungen fest. Der sah mich aus großen Augen an. "Wo kommst Du denn her?" fragte er, und ich fing leise an zu fiepen, wie ich es immer tue, wenn mir der Schreck die Sprache verschlägt. Beide fingen an zu lachen. "Der Kahn ist doch immer wieder für Überraschungen gut!" sagte das Mädchen, und als ich wahrnahm, daß sie mich streicheln wollte, erstarrte ich lieber als nach ihr zu beißen. Ihr Finger strich mir über den Rücken, und obwohl sie so unheimlich riesig war, war sie sehr vorsichtig. "Laß sie wieder runter, Jim!" sagte das Mädchen, "Du siehst doch, wie ängstlich sie ist. Und viel werden die Mäuse hier nicht anrichten. Vielleicht will sie auch nur überwintern!" Der Junge streichelte mich ebenfalls, doch er war nicht ganz so behutsam mit mir. Dann ließ er mich wieder hinunter, und ich schwöre Euch Kinder: So schnell bin ich niemals wieder gerannt. Ich raste durch die Gänge, bis ich an einer Kurve auf Smeralda traf, die mich ängstlich empfing und in ihre Wohnung führte, wo ich mich kurz ausruhte. Noch einen Moment vorher hätte ich tausend Bluteide geschworen, diese Kabine nie wieder zu betreten, doch als ich ein paarmal tief durchgeatmet hatte, wurde meine Angst durch die Neugier besiegt. Ich überredete Smeralda, noch einmal mitzugehen, und nach einer Weile war sie selbst auch zu neugierig, um einfach nur abzuwarten.

Die Männer waren immer noch in ihr Gespräch vertieft, also brachen wir ein zweites Mal unbehelligt auf. Nach einem langen Spaziergang hatten wir die Kabine endlich erreicht und versteckten uns wieder unter dem Bett. Die beiden redeten immer noch, und das Bild war verschwunden. "Ganz niedlich," sagte der Junge. "Sie hat schöne Augen und ewig lange Wimpern. Aber mir wär' sie zu unweiblich, ich steh' mehr auf lange Haare." Das Mädchen lachte.

"Oma, jetzt warte mal. Du meinst, dieses Menschenmädchen hat..." Selbst Cheesa verschlug es jetzt die Sprache. Ihre mit allen Wassern gewaschene Großmutter senkte bestätigend den Kopf. "Ja, sie wußte jetzt, daß sie nie mit einem Männchen, sondern nur mit einem Menschenmädchen überhaupt jemals glücklich werden konnte. Und jetzt galt es, dieses Menschenmädchen zu finden." Sie sieht ihre Enkel aufmerksam an.

"Aber ich finde, es ist schon viel zu spät. Ihr schlaft jetzt, und morgen erzähle ich Euch, wie es weiterging, ja?" Die Kleinen sind ein wenig ärgerlich, einige von ihnen können jedoch wirklich kaum noch die Augen offenhalten, deshalb fügen sie sich in ihr Schicksal.

Am nächsten Abend wundert sich die Mutter, wie schnell die Kinder schlafen gehen wollen. Wieder einmal sind sie für eine Überraschung gut. Dem kleinen Samuel haben sie den Rest vom Vortag noch erzählt, er ist jetzt ebenso gespannt wie sie. Heute hat die Großmutter ein riesiges Paket mitgebracht, das sie die Kleinen auspacken läßt. Wundersame Dinge kommen zum Vorschein, ein goldenes Haar, das mindestens genausolang ist wie alle Mausekindschwänze zusammen, ein kleines Bild, das sie irgendwo herausgenagt hat und auf dem ein blondes Mädchen zu sehen ist, das eine Harfe spielt, eine schon fast versteinerte Haferflocke und ein Brocken, der intensiv nach Fleisch riecht, aber staubtrocken ist. "Was ist denn das?" will Mopsi wissen und schnuppert an dem Ding, das ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen läßt. "Das ist ein Stück Essen aus dem großen Napf von dem Monstrum Finbar. Dein Großvater hatte mit dem Käpt'n gewettet, daß er so etwas besorgen kann, auch wenn der Hund in der Nähe ist, und er hat es geschafft." Stolz sieht sie ihre Enkel an. "Dieses Haar habe ich als Andenken an das Mädchen mitgenommen, als wir wieder ausgezogen sind, zusammen mit der Menschenfamilie. Wir konnten leider nicht lange dort wohnen. Deshalb leben wir jetzt hier." Sie sieht sich in dem kleinen Mäusekinderzimmer um. "Es hätte schlimmer kommen können," sagt sie dann. Cheesa ist schon ganz ungeduldig, sie stupst ihre kleine Schwester an. "Sei still, Omi soll weitererzählen!" piepst sie aufgeregt. Die Alte nickt.

"Nun gut. Am selben Abend noch erfuhren wir so einiges über das Mädchen, denn als der Bruder gegangen war, legte sie sich sofort ins Bett und warf sich unruhig hin und her. Smeralda und mir wurde ganz komisch unter diesem wackeligen Ding, deshalb beschlossen wir, vorsichtig ein anderes Versteck zu suchen. Wir spähten unter dem Bett hervor und schlichen an der Wand entlang bis zu einem kleinen Tisch, hinter dessen Beinen man sich gut verbergen konnte. Da entdeckte Smeralda ein kleines Fach unter der Tischplatte, und mit unseren alten Knochen kletterten wir an den Tischbeinen hinauf und versteckten uns in dem Fach. Das Mädchen hatte das Gesicht zur Wand gedreht. Es hörte sich an, als würde sie weinen. Dann nahm sie ein Bild von der Wand, das sogar eingerahmt war. Eine dicke rotwangige Frau war darauf zu sehen, die ein sehr freundliches Gesicht hatte. Und dann begann das Mädchen zu sprechen. "Ich hab ihr zurückgeschrieben, Mama. Ich weiß nicht, ob es richtig war; es war immer so wichtig, zuallererst die Familie und dann das Privatleben. Aber Du glaubst gar nicht, wie mir das alles über den Kopf wächst. Ich weiß ja selbst nicht was mit mir los ist. Aber dennoch: Ich muß sie treffen. Ich glaube, sie ist die einzige, die versteht, was mit mir los ist."

Und was ich dann sah, werde ich niemals vergessen. Aus dem Rahmen stieg ein Nebel auf, der sich langsam zu einer Gestalt wandelte. Unheimlich war das... Schließlich war der Nebel zu einer Frau geworden, die der auf dem gerahmten Foto zum Verwechseln ähnlich sah. Das Mädchen war jedoch nicht verwundert, sondern schien sich richtig zu freuen. Der Geist "setzte sich hin" und begann leise zu sprechen. "Kind, glaub mir, auch ich hab's nicht immer so ganz einfach gehabt. Aber wenn Du weißt, daß etwas von vorne bis hinten und von oben bis unten richtig ist, dann tu's. Ganz egal, was die anderen sagen." Das Mädchen sah den Geist unsicher an. "Wirklich?" fragte sie und fuhr sich mit beiden Händen durch die langen Haare. "Ja, wirklich. Wenn Du nämlich einfach das nicht tust, was Du für richtig hältst, wirst Du irgendwann vieles, was Du für falsch hältst, einfach tun, ohne nachzudenken. Und jetzt steh auf, Kleine. Such sie. Ich muß noch einen kleinen Rundgang machen." Und dann löste sich die Gestalt wieder auf und verschwand im Bilderrahmen.

Kinder, in diesem Moment sprang sie so schnell auf, daß uns in diesem Fach Hören und Sehen verging. Sie zog sich Socken an und rannte aus dem Zimmer wie vom Blitz getroffen. Wir warteten und warteten. Nichts tat sich. Oh, es dauerte lange, bis wir müde wurden, und irgendwann schliefen wir einfach ein. Ich war etwas peinlich berührt, als ich wieder aufwachte und sah, daß draußen hellichter Tag war. Die erste Nacht...was würde Euer Großvater denken? Und das Mädchen war immer noch nicht wieder da. Opa machte sich sicher große Sorgen, und der Käpt'n bestimmt auch. Doch Smeralda beruhigte mich. "Der Käpt'n weiß, daß ich die Menschen hier ein wenig genauer unter die Lupe nehme. Du wirst staunen, aber ich habe schon mehrere dieser Expeditionen hinter mir. Er wird Deinen Eugen sicher beruhigen können. Aber wenn es Dir gar keine Ruhe läßt-" Sie verstummte, denn die Tür hatte sich geöffnet. Ein Junge trat ein, den ich hier noch nie gesehen hatte. Still und heimlich ging er zum Bett und legte etwas unter das Kissen. Dann verschwand er wieder.

"Rotzbengel. Das macht er ständig. Entführt irgendwelche Froschkinder oder -Frauen und legt sie dem Mädchen unter das Kissen. Komm, wir müssen helfen!" Sprach's und war schon vom Tisch, um flugs in das Bett zu klettern. Wir krochen unter das Kissen. Ein völlig verängstigter kleiner Frosch saß da und quakte heiser, denn er sehnte sich nach seinem Zuhause. Smeralda nahm ihn hoch und bedeutete mir mit Zeichen, ich solle ihr folgen. Wieder ging es durch Gänge und Räume, Höhlen und Flure, bis wir das Schiff verlassen hatten. So langsam war ich sicher, mich hier niemals auszukennen.

Draußen setzte Smeralda den Kleinen ab und stupste ihn mit der Schnauze an, bis er erleichtert davonhüpfte. Meine neue Freundin sah mich unternehmungslustig an. "Und wie wäre es, wenn wir jetzt mal unsere große dumme Freundin suchen? Da hinten ist das Tor!" sagte sie und war schon unterwegs. Etwas langsamer folgte ich ihr. Wir versteckten uns genau hinter einer sehr hohen Mauer, und dann sahen wir das Mädchen. Sie wartete und wartete und hatte nur eine Strickjacke an. Ihr Gesicht war ganz blaß und ängstlich, wie sie da durch das Loch in der Mauer spähte. Smeralda und ich sahen uns an und schüttelten die Köpfe. Warum das Mädchen sich allerdings versteckte und warum von der anderen Seite der Mauer so ein Lärm zu uns herüberdrang, wußten wir nicht.

"Verdammt, Patricia, wo treibst Du Dich denn rum?" Hinter uns erklang eine dröhnende Stimme, und noch bevor ich weglaufen konnte, spürte ich einen stechenden Schmerz am Schwanz und wurde ohnmächtig. Ich muß geschrien haben, denn als ich wieder zu mir kam, war ich eingesperrt und fühlte mich ziemlich beengt, das kann ich Euch sagen.

Das Zimmer kannte ich, und das Mädchen war wieder nicht da. Oh, Ihr glaubt nicht, wie furchtbar ein Leben in so einem Käfig sein kann! Mir blieb jedoch nichts anderes übrig als abzuwarten, bis mich jemand rettete.

Es kam auch jemand: Der Rotzbengel. Er öffnete die Käfigtür und griff nach mir. Ich konnte in diesem kleinen Ding ja nicht weglaufen, und mich packte die nackte Panik. Aber er war nicht grob oder so. "Komm mal mit, kleine Maus, ich bring Dich weg von hier," sagte er zu mir. Ich wußte nicht, was das nun heißen sollte. Würde ich bei einem der Kinder im Bett landen? Doch der Junge hatte eine andere Richtung eingeschlagen und - ob Ihr es glaubt oder nicht - er ließ mich direktemang vor meiner Wohnungstür laufen.

Niemals bin ich einem Menschen später so dankbar gewesen. Und wieder rannte ich wie der Teufel. Euer Großvater war ganz schön erleichtert, als er mich wiedersah, da könnt Ihr Euch aber sicher sein!"

"WOOOW! Oma, warum hast Du uns das nicht schon lange mal erzählt? DU warst GEFANGEN?" Cheesa sah ihre Großmutter bewundernd an. Die nickte, und ihre Barthaare zitterten jetzt noch, als sie an das Erlebte dachte.

"Ich schlief lange nach dieser Tortur; immerhin war ich auch nicht mehr die Jüngste, aber als es mir wieder besser ging, machte ich mich sofort wieder auf. Dieses Mal versteckte ich mich - Smeralda war sehr erkältet und konnte nicht mitgehen - in einem komischen Kasten. Er war aus Holz und innen hohl. Dazu hatte er einen langen Hals und komische Knöpfe. Aber im Innern war es sehr geräumig und ruhig. Vor allem aber waren hier keine Straßenbengel zu befürchten. Das Mädchen saß wieder mit dem Jungen von neulich im Zimmer. Sie weinte und weinte und konnte gar nicht mehr aufhören. Der Junge umarmte sie fest, doch nichts half. "Aber hey, Tricia, Du mußt doch mal aufhören zu weinen. Es war supermutig von Dir, es der ganzen Familie zu sagen, aber Du hättest mit dieser Reaktion rechnen müssen. Er ist so alt, er versteht Dich einfach nicht mehr. Beruhig Dich doch!" Plötzlich stand der Junge auf. "Wenn Du Dich nicht beruhigst, sing ich Dir mein neues Lied vor!" drohte er und kam direkt auf mich zu. Ich zitterte am ganzen Körper, als er dieses Ding, in dem ich saß, aufhob. Ich kam ins Rutschen und war wieder einmal starr vor Schreck. Endlich fand ich einen Widerstand, an dem ich mich festklammern konnte. "So, mal sehen, ob Dich das ein bißchen aufheitert!" sagte der Junge. Und urplötzlich dröhnte mir ein Lärm um die Ohren, Ihr könnt es Euch nicht vorstellen. Grauenhaft! Ich habe später gesehen, in was für einen Teufelskasten ich mich begeben hatte. Sie machen MUSIK damit oder zumindest etwas, das sie so nennen. Dieser Junge hat mich so malträtiert, daß ich fast wieder ohnmächtig geworden wäre. Als er geendet hatte, klingelten mir die Ohren, aber das Mädchen lachte wieder. "Vielleicht hast Du recht. Aber wenigstens habe ich sie endlich getroffen. Jimmy, sie ist wunderbar. So - ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll - irgendwie völlig frei! Sie kann tun und lassen, was sie will, und was will sie? Ausgerechnet mich dumme Ziege! Eigentlich bin ich doch sogar zu beneiden. Weil: Jetzt weiß ich auch, was ich will. Endlich! Das Mädchen sah zu dem leeren KÄFIG, in dem ich am Tag zuvor noch gesessen hatte und seufzte. "Schade, daß die kleine Maus weg ist. Ich hatte das Gefühl, sie bringt mir Glück. Aber sie ist jetzt bestimmt wieder bei ihrer eigenen Familie. Schade!""

"Echt? Das hat sie gesagt? Mann, Oma. Das ist 'ne verdammt gute Geschichte!" ließ Mopsi verlauten. Ihre Oma putzte sich stolz die Barthaare. "Ja, das kann man sagen. Ich war auch ganz gerührt. Als es dann klopfte, kam das dicke Mädchen herein und hatte noch jemanden dabei. Tricia, wie sie sie alle nannten - außer dem Käpt'n - sprang auf, und ich verrenkte mir den Hals, um diese Person zu erkennen. Es war das Mädchen vom Foto. Ich hielt die Luft an. Wie verabredet verließen das dicke Mädchen und der Junge das Zimmer. Ich wäre auch am liebsten verschwunden, saß aber in diesem verdammten Kasten fest, bis ich einen freien Fluchtweg hätte. Also blieb mir nichts anderes übrig, als zumindest ein Auge und ein Ohr ganz fest zu schließen. Trotzdem hörte ich mit den beiden anderen noch ganz gut. Ich war ein bißchen verlegen, das muß ich zugeben, aber ich mußte diese Sache zu Ende bringen. Die beiden standen sich gegenüber, ebenso verlegen wie ich und sahen sich an. Dann fing die Fremde an zu sprechen. "Diese ... Briefe ... sie haben sich so verdammt sicher angehört. Aber das war ich nicht. Trotzdem wollte ich plötzlich nichts anderes als alles auf eine Karte setzen. Du ..." hier wurde sie auf einmal ganz still und faßte nach der Hand MEINES Mädchens, "Du bist viel zu schön und viel zu wunderbar, um so traurig zu sein, wie Du immer aussiehst." Unser Mädchen sah die andere aus ganz großen, sehr sehr glücklichen Augen an. "Und Du bist viel zu wunderbar, um allein zu sein." Sie sagte das ganz leise. Das andere Mädchen lachte ganz leise. "Es gab Zeiten, da war ich nicht allein. Nur einsam. Und dann war ich beides. Jetzt ist beides ganz schön weit in die Ferne gerückt!" Und erst als sie sich endlich endlich umarmten und ganz ganz vorsichtig, so als wären sie beide aus Glas, küßten, erst da entdeckte ich ganz zufällig, daß ich bequem hinter einem großen Bücherstapel vorbeilaufen und nach Hause gehen konnte. Vom Ausgang aus warf ich noch einen Blick auf die beiden, die jetzt aussahen, als würden sie sich niemals wieder loslassen wollen, und bekam eine Gänsehaut am Schwanz. Vorher jedoch warf ich dem ROTZBENGEL, der an der leicht geöffneten Tür stand und frech wie Oskar spionierte, einen bitterbösen Blick zu. Leider bemerkte er ihn nicht."

Die Großmutter zwinkerte ein wenig. "Und das war die Geschichte. Sie ist so wahr wie das Grau zwischen meinen Ohren, und wenn ich lüge, dann soll auch dieses Essen von Finbar nur eine Ausgeburt meiner Fantasie sein." Sprach's, und die Augen aller Mausekinder richteten sich staunend auf den kleinen Klumpen.


Epilog

"Oooma?" Cheesa sah ihre Großmutter aus verlegenen Augen an. Hinter ihr entdeckte die Alte etwas, das ganz nach einer anderen Maus aussah. "Jaaa?" fragte sie ebenso gedehnt, und ihre Lieblingsenkelin putzte sich ein paarmal die Barthaare, nur so aus Verlegenheit. Dann wandte sie sich um. "Komm schon!" piepste sie, und die andere Maus stellte sich neben sie. Cheesa stupste sie sanft an. "Ich möchte Dir jemanden vorstellen, Oma. Das hier... Das ist meine Freundin Winny. Wir wollen zusammen leben." Cheesa war so stolz, daß sie nicht bemerkte, wie sehr die Barthaare ihrer Großmutter vor Ergriffenheit bebten - und auch aus Bedauern, daß sie selbst so etwas nie wieder würde sagen können. Sie war einfach zu alt.


© Kimba (Danke für diese außergewöhnliche Geschichte!)


Bar Letter

Last update: 21/06/2000

(Online since: 21/06/2000)

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