Fortune's Fool

by Kimba   klimbimba@gmx.net

 

Prolog

Oh, na sicher wirst du es tun, Bruder!" Sie zog die letzten beiden Silben in die Länge, betonte wieder und wieder die Bande zwischen ihnen, die ihm in seinem Leben schon soviel Schmerz bereitet hatte. "Wenn ich morgen bei der Krönung erscheine, wirst du ein Empfehlungsschreiben für mich bereithalten. Du willst doch nicht, dass Mama etwas zustößt?"
Kälte durchzog seinen Körper, und Hilflosigkeit ergriff von ihm Besitz. Er war gefangen in einer Falle, aus der er sich nicht selbst befreien konnte. Würde er sich regen, mussten Menschen leiden, die ihm sehr viel bedeuteten. Und in welche Richtung auch immer er sich rührte - es war ihm nicht möglich zu entkommen.
Stumm nickte er.


1. Kapitel: Der einsame König

Seine Silhouette hob sich gegen den feurigen Sonnenuntergang ab, als hätte sie jemand hineingeschnitzt. Wolkenfetzen zogen vorbei, ähnlich flüchtig und düster wie seine Gedanken. Gedanken an Vergangenheit und Zukunft wechselten ebenso rasch wie die Wolken die Gestalt, wanderten in die Gegenwart und die Sorgen um sein Land, seine Familie, sein Leben.
Der junge König hatte vor einigen Wochen erst den Thron bestiegen, nachdem sein alter Vater bei einem Attentat ums Leben gekommen war. Er war ein Tyrann gewesen, der sein Volk hart und bitter leiden ließ, um sich selbst zu bereichern. Nun musste James seine Thronfolge antreten - sicher, sein ganzes Leben lang hatte man ihn auf diese Bürde vorbereitet, doch letzten Endes hatte er nicht gewusst, ja, nicht einmal ansatzweise geahnt, wie einsam der Posten eines Königs sein konnte.
Sein Land war klein, und immer noch zogen plündernde Horden durch Gebiete, die einst von blühendem Reichtum erfüllt waren - seit dem letzten Krieg, den sein Vater angezettelt hatte, jedoch Stätten der Armut und des Leids waren.
Heute war der Abend vor seiner offiziellen Krönung, und James wollte ein letztes Mal als Prinz - als Mensch - über seine geliebte Heimat blicken. So oft war er mit seinem Freund John oder seiner Schwester Patricia durch die Wälder gejagt; so oft hatte es harte Strafen für die junge Frau gegeben, die sich nicht der Etikette des Hofes anpassen und einfach sein wollte wie sie war.
Er würde sie verheiraten müssen. Sie und seine beiden kleinen Schwestern auch, die noch nicht viel von der Unbill des Lebens mitbekommen hatten. Schon sehnte er sich zurück nach der Zeit, in der er keinerlei Verantwortung für ein ganzes Land und seine Einheimischen tragen musste, sondern nur kritisieren konnte. Still und heimlich zwar, doch er hatte für keinerlei Konsequenzen geradestehen müssen. Nun war er der Herrscher. Und er musste Sorge tragen für sein Volk, einstehen für das, was sein Vater angerichtet hatte.
Das hatte ihn nicht der alte König gelehrt, nein, von ihm hatte er lediglich alles über Kriegsführung, Strategien und Gerichtsbarkeit gelernt. Die Pflicht, Verantwortung zu übernehmen, Konsequenzen für sein Tun zu tragen und in jedem Menschen auch immer ein Schicksal zu sehen, in das mitunter hunderte andere eingewoben waren - das hatte ihn jemand anders gelehrt. Das runde freundliche Gesicht seiner Mutter tauchte vor seinem inneren Auge auf, ihre warmen blauen Augen, ihr wunderschönes Lächeln, das er jeden Tag in seiner kleinen Schwester Barbara Ann wieder entdeckte. Sie hatte ihn immer wieder beiseite genommen, wenn er von einer der Lektionen seines Vaters kam und hatte mit ihm über die Folgen gesprochen - die "wirklichen Folgen", wie sie es nannte und die nichts mit ihm selbst zu tun hatten. Sie hatte auch seine Schwester hinzugezogen, die ein Jahr älter war als er, als Frau jedoch bei den Unterrichtsstunden des Königs nichts zu suchen hatte. Die Mutter machte keinen Unterschied zwischen den beiden.
"Sieh mal, Jamie," hatte sie einmal gesagt. "Wenn du ein guter Mensch bist, spielt es keine Rolle, ob du König bist oder nicht. Denn du wirst das richtige tun. Und mehr kann kein Mensch. Auch du, Patricia, wirst eines Tages Entscheidungen fällen müssen - wenn dir das Schicksal wohlgesonnen ist und du ein eigenes Leben führen darfst. Auch du musst lernen, dass es wichtig ist, die Folgen deines Tuns abzusehen." Beide hatten es zu dieser Zeit noch nicht richtig verstanden - sie war neun, er acht Jahre alt gewesen - doch heute waren ihm die Worte seiner Mutter gegenwärtiger denn je.
Eine vertraute Hand legte sich ihm fest auf die Schulter. "Jamie, das Abendessen ist bereitet. Bitte komm herein." Er sah seinem ältesten und besten Freund und Berater ernst ins Gesicht. "Werde ich dieser Aufgabe gewachsen sein, Johnny?" fragte er leise. Sein Freund folgte seinem Blick, der wieder übers Land schweifte. "Du wirst es sehr schwer haben. Vor allem die Rebellen werden dich bis aufs Blut bekämpfen wollen. Du musst hart durchgreifen, wenn du Ordnung ins Land bringen willst. Doch du hast die richtige Hand für Menschen, und wenn Patricia an deiner Seite und wie bisher deine Vertraute bleibt -" Er beendete seinen Satz nicht, zu schwer wog der Verrat auf seiner Seele, zu massiv stand er selbst unter Druck. Der junge König bemerkte, dass mit seinem Freund etwas nicht stimmte. "Es geht dir auch ziemlich nahe, John, hm? Ich flehe dich an: Bleib am Hofe - ich werde ohne deinen Rat nicht auskommen. Wenn erst die ersten Hürden gemeistert sind - dann steht es dir natürlich frei zu gehen und die ganze Welt zu bereisen. Aber nun -" Verlegen richtete er seinen Blick wieder auf John, der die Augen niederschlug. "Ich brauche dich, Johnny. Bitte geh nicht."


2. Kapitel: Jagd

Mit geschmeidiger Eleganz bewegte sich die Jägerin durchs Unterholz, und von ihrer inneren Wut war nichts zu bemerken. Der Bogen und sie schienen wie aus einem Guss, als sie den Pfeil anlegte und den todkranken Braunbären zur Strecke brachte. Seit Tagen war sie hinter ihm her, doch erst heute hatte sie sich ihm nähern und ihn erlegen können.
Doch es stellte sich keine Zufriedenheit ein, stattdessen traten ihr Tränen der Wut in die Augen. Welcher Mensch brachte es fertig, ein Volk so leiden zu lassen, dass es keine andere Möglichkeit sah, als hungernd in den Wäldern zu hausen? Sie sehnte sich nach Zuhause, nach ihren Eltern, die sie nur so ungern hatten gehen lassen. Doch sie hatte sich der Gruppe um Silvana angeschlossen, weil sie keine andere Chance sah, ihr und ihren Eltern zu einer sicheren Existenz zu verhelfen. Die Rebellen boten ihr die Möglichkeit zu einem gerechten Kampf, auch wenn sie bisher nur an wenigen Aktivitäten hatte teilnehmen dürfen. In ihr brodelte die Wut auf diesen König, den sie nur zweimal in ihrem Leben gesehen hatte - ein alter verknöcherter Greis, der sein Volk bluten ließ, unnötige Kriege führte und sie alle am Rande des Hungertods hielt. Sein Sohn sei auch nicht besser, sagte Silvana - ein hitzköpfiger Stier, der nicht von hier bis heute dachte.
Nica schluckte. Der Bär hatte aufgehört zu zucken und lag jetzt reglos da. Sie weidete ihn aus und schulterte den Kadaver - der Lohn für die Schlepperei wäre eine warme Mahlzeit. Endlich.
Silvana war nicht bei der Gruppe, als sie zurückkehrte - sie hätte andere Dinge zu erledigen hieß es. Nica nahm diese Nachricht schulterzuckend auf - im Gegensatz zu den anderen war sie Silvana nicht so sehr verfallen. Sie erschien ihr immer ein bisschen falsch. Die anderen Mitglieder der Gruppe - alles Männer - waren harte Krieger, die von ihren Lehnsherren verstoßen worden waren. Alle töteten lieber als eine Verhandlung zu führen, doch Nica war sicher, sie hatte es bei den Männern mit ehrlichen Kämpfern zu tun, wie ihr Vater einer war.
Der Bär wurde begeistert empfangen, und Nica wurde warm ums Herz, als die Männer ihr herzlich und grob auf die Schulter schlugen. Erschöpft hockte sie sich in eine Ecke und packte ihre Laute aus, die sie stets bei sich trug. Es dauerte nicht lange, bis eine Art Fest entstand und die Männer laut mitgröhlten, während sie sang.
"Was ist denn hier los?" Eine scharfe Stimme erklang, und Nica blickte auf. Silvana stand in der Tür, wie immer wunderschön und steinhart. Ihre hellen Haare fielen ihr glatt auf den Rücken, und die grauen Augen blickten streng in die Runde. Sie trug ein eisblaues Kleid und einen grauen Umhang - genau die Farbe ihrer Augen, stellte Nica fast bewundernd fest.
"Kaum kehre ich euch den Rücken, Genossen, finden hier Gelage statt, oder wie sehe ich es?"
Brownie, der heimliche Anführer der Männer und federführender Krieger beim Attentat auf den alten König, stellte seinen Teller weg und erhob sich vom Fußboden. "Nein," stellte er fest. "Aber unser Küken da hinten hat uns nach Wochen endlich mal was zu essen ins Haus gebracht. Das ist wohl ein Grund zu feiern, oder nicht?" Nica erschrak über den fast schon dreisten Tonfall, doch Silvana sah ihn nur kühl an. "Nein," war ihre Antwort. "Ein Grund zu feiern wäre der Tod dieses Jünglings, der morgen die blutige Krone auf seinem Haupt tragen wird. Bis das geschieht," sie erhib drohend ihre Stimme, "wird gearbeitet!!!"
Stille trat ein, und Nica stellte leise ihre Laute beiseite. Silvana war noch nicht fertig und blickte sich in der Runde um. "Ich werde morgen bei der Krönung anwesend sein. Ich habe mir einen Platz am Hofe verschaffen können, Männer. Und während ich die Lage von innen auskundschafte, werdet Ihr hier den bewaffneten Widerstand aufbauen. Holt jedes Schwert, jeden Ackergaul und jede Mistgabel, die ihr kriegen könnt!!!" Mit diesen Worten verschwand sie wieder und hinterließ eine eiskalte Stille.
Nica war fassungslos. Wieder einmal hatte es diese Frau geschafft, diese harten Kerle so einzuschüchtern, dass sie keinen Ton sagten.
"Männer!" Ihre klare Stimme durchdrang die Stille wie ein Sonnenstrahl den Himmel nach einem heftigen Gewitter. Die Krieger fuhren herum. "Was denn, Kindchen?" höhnte Brownie, doch Nica blickte ihm fest in das wettergegerbte Gesicht. "Sicher hat Silvana recht, wenn sie sagt, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben. Es ist noch ein langer Weg bis zum Sieg. Doch mein Vater hat stets gesagt "Leerer Magen hat leicht verzagen", und ich meine, er hat recht. Wir alle und vor allem Ihr habt euch diese Mahlzeit verdient, und wir sollten den Göttern danken, dass sie sie uns geschickt haben. Sie ist ein Zeichen dafür, dass wir auf dem richtigen Kriegspfad kämpfen. Bitte, Männer - esst weiter - verärgert die Götter nicht!"
Unverständliches Gemurmel erhob sich, und Nica fragte sich schon, ob sie nun alle Männer gegen sich aufgebracht hatte, doch plötzlich erhob sich Brownie und kam auf sie zu. Er legte ihr seine schwielige Hand auf die Schulter und sah sie aus faltenumkränzten blauen Augen an. "Du hast recht, Kind. Auch wenn wir einen langen Kampf vor uns haben - wir dürfen nie vergessen, was es heißt, die Gnade der Götter zu erfahren.
Also Männer - Haut rein!" brüllte er plötzlich los, und Nica wusste: jetzt war sie aufgenommen.


3. Kapitel: Krönung

James spürte die Last der Krone wie einen stechenden Schmerz, doch er schwor nun vor sich und aller Welt, sein Land zu schützen und seine Menschen zu verteidigen, behüten und zu achten. Die Feierlichkeiten und Schwüre der Gefolgsleute und Lehnsherren dauerten nicht allzulange, zu klein war das Land, das er von nun an regierte. Er würde nun zum ersten Mal Hof halten, und erschöpft sah er sich in der Menge um. Er fragte sich, wo seine Wut geblieben war, die er früher bei jeder Gelegenheit unter Beweis gestellt hatte. Sie war einer tiefen Erschöpfung gewichen, und er wusste nicht, ob sie jemals wiederkehren würde.
Viele Menschen baten an diesem Tage um eine Audienz, viele, weil sie wirklich litten, wenige, weil sie noch ihren Enkelkindern von dieser Audienz berichten wollten. James versuchte, einem jeden Gehör zu schenken und gerecht zu handeln. Zur Seite standen ihm Patricia und John, die ihm mit ihrem wachen Verstand und ihrem Wissen um die gemeinen Leute sehr viel Hilfe und Stütze boten.
Als der letzte Bittsteller gegangen war, fiel James' Blick auf eine atemberaubend schöne Frau, die in einer dunklen Ecke des Thronsaales stand. Sein Herz schlug schneller, als sie ihm einen kühlen und dennoch einladenden Blick zuwarf.
Er beobachtete, wie John sich von seinem Platz entfernte, der Schönheit galant, aber kühl den Arm bot und sie zu ihm führte. Als die beiden vor ihm standen, beugte sein Freund das Knie. Seine Begleiterin verneigte sich tief. James warf seiner Schwester einen unsicheren Blick zu, doch sie hob nur ratlos die Schultern. "Erhebt Euch!" befahl er John - dem John, der von Kindesbeinen an sein bester Freund gewesen war - er kniete vor ihm nieder - warum bloß??? - und sah die beiden abwartend an. In Johns Augen stand ein Ausdruck, den James nicht deuten konnte. Erst sehr viel später würde er erfahren, was seinen Freund an diesem Tag, zu dieser Stunde, in diesen Augenblicken, beschäftigte.
"Wenn ich Euch meine Bekannte vorstellen dürfte, Majestät - Silvana von Raeblow. Sie ist eine sehr talentierte Schriftsetzerin und Schreiberin. Sie hat erfahren, dass der alte Schreiber nun zu seiner Familie zurückgegangen ist und hat mich gebeten, für sie zu sprechen."
James war verblüfft. Warum hatte Johnny nichts gesagt? Warum hatte er das Augenscheinliche so verheimlicht? Denn diese Frau war wirklich eine außergewöhnliche Schönheit. Intelligente wache Augen sahen ihn aus einem feingeschnittenen Gesicht an, und ihr Körper würde jeden Mann zur Raserei treiben. Er musste bei ihrem puren Anblick nach Worten ringen. "Es ist gut, Sir John. Ich werde die Entscheidung überdenken. Mylady, wenn Ihr von Raeblow gekommen seid, werdet Ihr Quartier brauchen. John, bitte Kathleen, der Dame Gemächer zur Verfügung zu stellen."
Als die beiden gegangen waren, sank er in seinem Thron zurück. "Tricia, liebste Schwester, was war das? Warum nimmt er diesen Umweg? Es ist doch so sonnenklar, was diese Frau mit unserem Johnny gemacht hat!" Er lachte leise, als er Patricias Gesicht sah. "Ach komm, Schwesterchen, oder hast du was anderes gedacht?"
Patricia erhob sich. "Mit Eurer Erlaubnis? Ich würde mich gern zurückziehen!" Sie lachte hell auf, als James aufsprang und sich spöttisch verbeugte. "Mylady?" Herzlich nahm er sie um die Hüften und verließ, gefolgt von seinen beiden kleineren Schwestern, den Thronsaal.
Alles in allem war der Tag unproblematisch verlaufen. Jim hatte auf Anraten der Beschließerin ein großes Fest ausgerufen, auf dem sich alle Einwohner der Stadt an Essen, Trinken und Musik gütlich tun konnten. Er selbst zog sich mit seinen Schwestern in seine Privatgemächer zurück, um ein kleines Abendessen zu sich zu nehmen. Auf dem Weg dorthin begegnete ihm John, der einen gehetzten Ausdruck in den Augen hatte. James hielt ihn am Arm fest. "Komm mit, mein Freund. Du gehörst mit zur Familie. Ich möchte mit euch essen!" John folgte seinem König und ältesten Freund, bis sie die Privatgemächer erreicht hatten. Dort hatte Kathleen schon das Essen aufgetragen. Die schwarzhaarige temperamentvolle Frau enstammte einer langen Generation von Schlossbediensteten, und sie hatte James ebenfalls schon als Kind gekannt. Für seine kleineren Schwestern war sie schon fast ein Mutterersatz - so ganz anders als die Ammen und Erzieherinnen, die sie im Laufe ihres jungen Lebens gehabt hatten. Sie lächelte den König strahlend an und machte einen tiefen Hofknicks, worauf er empört aufschnaubte. "Kathleen, was tust du da?" fragte er und zog sie wieder auf die Beine. Die junge Frau hob die Brauen. "Majestät, daran werdet Ihr Euch gewöhnen müssen. Ich werde Euch Eurer Stellung gemäß behandeln. Das steht Euch zu." Sie scheuchte die Dienstmädchen hinaus und legte selbst die Speisen vor.
John war sehr zurückgezogen und still, das fiel auch James auf, der selbst in Gedanken versunken war. Als er ihn ansprach, zuckte sein Freund zusammen. "Entschuldige, James. Ich bin noch ganz bei der Krönung!" entschuldigte er sich, und zum ersten Mal in seinem Leben wusste James, dass sein bester Freund ihn anlog.
Aber warum?


4. Kapitel: Vorbereitungen

Nica und die Männer schufteten den ganzen nächsten Tag; sie fällten Bäume, schnitzten Pfeile und Speere und und und. Abends fielen sie erschöpft auf ihre Lager und schliefen sofort ein. Und so vergingen die nächsten Tage, ohne dass eine Nachricht von Silvana kam.
Nica war für die Jagd zuständig, und es verging kein Tag, an dem sie nichts heimbrachte - mal ein paar Kaninchen, mal einen Fasan.
Auf ihren Streifzügen durch die Wälder hatte sie eine Entdeckung gemacht, die sie sofort in ihren Bann gezogen hatte. Ein schneeweißer Wolf kam ihr vor den Bogen, und minutenlang starrten die beiden sich an, kräftemessend und abschäzend. Nica konnte den Bogen nicht spannen, zu fasziniert war sie von diesem Tier. Es war eine Wölfin, und sie war wunderschön.
Jeden Tag wartete sie nun auf die Begegnung mit diesem wunderschönen Tier, und sie war stets enttäuscht, wenn sie es nicht zu sehen bekam. Sie verbrachte immer mehr Zeit in den Wäldern, bis sie sich eins fühlte mit der Natur und den Geschöpfen, die dort lebten.


5. Kapitel: Verlockung

Silvana sah James aus großen grauen Augen an, die Schultern zusammengezogen, als würde sie Schläge erwarten. "Es tut mir so unundlich leid, Majestät, aber es -" sie zitterte förmlich - "es ist alles ein bisschen viel für mich. Meine Mutter ist entführt worden, und ich bin auf der Suche nach jedem kleinsten Hinweis!" Ihre Stimme vibrierte und erweckte in James das Verlangen, sie sofort zu küssen. Doch soweit war es noch nicht. "Was?" herrschte er sie an. "Du suchst hier nach Hinweisen auf deine verschwundene Mutter? Hier, in meinem Schreibzimmer?" Seine blauen Augen blickten sie zornig an, und endlich kehrte etwas von seiner alten Wut zurück. Sie senkte den Kopf und schlug die Augen nieder. "Ich suche überall, Majestät. Ich finde nachts keinen Schlaf, weil ich vor Kummer fast umkomme." Als sie wieder aufblickte, hatte sie Tränen in den Augen, und James wandte sich ab. Er konnte ihr nicht länger in die Augen blicken, ohne sie in seine Arme zu reißen. Nach einiger Zeit fühlte er eine leichte Hand auf seiner Schulter. "Verzeiht, Majestät, ich habe falsch gehandelt. Ich werde nun gehen und meine Sachen zusammenpacken. Ich hoffe, Ihr werdet mich gehen lassen." Fast streichelnd ließ sie ihre Hand wieder herabsinken, und er fuhr herum. "Bleib!" befahl er ihr, und sie gehorchte mit weit aufgerissenen Augen. "Verzeih mir, Silvana, ich habe vorschnell geredet. Eine Mutter zu verlieren ist das schlimmste Übel der Welt - glaub mir, niemand weiß das besser als ich - und wenn ich kann, werde ich dich nach Kräften bei deiner Suche unterstützen." Sie nickte und wollte sich gerade abwenden, als sie plötzlich bewusstlos zu Boden sank.
Schnell wie der Wind war James bei ihr. Ihr blasses Gesicht war wunderschön, und als er sie aufhob und zu seinem Bett trug, erschien sie ihm leicht wie eine Feder. Nach einigen Minuten schlug sie die Augen auf und sah ihn verwirrt an. "Was - was ist geschehen?" fragte sie mit leiser Stimme. James strich ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre Haut war wunderbar weich und zart. Er erzählte ihr, was vorgefallen war, und sie erschrak. Rasch wollte sie sich aufrichten und stieß dabei mit James' Kopf zusammen. "Verzeiht!" murmelte sie leise, doch da hatte er schon ihren Kopf in seine Hände genommen und sie leidenschaftlich geküsst. Eine zeitlang erwiderte sie seinen Kuss, dann entwand sie sich seiner Umarmung. "Es ist nicht richtig, Majestät!" flüsterte sie und eilte rasch aus dem Zimmer.
Draußen wartete John. Verlegen bat James ihn herein. Doch dem Gesicht seines Freundes war keine Gefühlsregung anzusehen, ganz im Gegensatz zu sonst, denn John war ein sehr emotionaler Mensch - das war er immer schon gewesen, und das hatte er James auch immer schon versucht zu vermitteln. Doch im Moment sah James nur die glatte Maske eines Mannes, der etwas zu verbergen versucht.
"Die Rebellen machen mobil. Ich habe hier die Berichte des Spähers. Eine halbe Tagesreise von hier befindet sich ihr Hauptquartier - ich habe dem Kommandanten schon Bericht erstattet über ihre Truppenstärke und ihre Vorgehensweise, soviel man jetzt schon sagen kann." Er legte einige Pergamente auf James' Schreibtisch. Sein Schmerz war unerträglich, und er wusste - lange konnte er dieses doppelte Spiel nicht mehr spielen. Er musste Mutter finden. Und zwar bald. Dann hatte er diese Schlange wieder in der Hand.
"Danke, John. Wie ist es, möchtest du morgen mit mir jagen gehen? Ich habe zwei Tage Zeit und möchte sie in den Wäldern verbringen. Mit dir. Wir könnten dieses ganze Regieren endlich mal vergessen!" schlug er ihm vor, doch John schüttelte nur müde den Kopf. "Verzeih mir, James, aber ich habe so viel um die Ohren - ich kann nicht. Ein anderes Mal bestimmt." Zwei Tage, an denen er sich ungestört auf die Suche machen konnte - er triumphierte innerlich und wusste trotzdem nicht, wo er anfangen sollte.
James nickte enttäuscht. "Dann werde ich allein reiten. Patricia wird hier gebraucht. Gute Nacht, John!" Er schloss noch die Tür hinter seinem Freund und ließ sich enttäuscht auf sein Bett sinken. Was hatte er nur? Er war doch kein anderer geworden - oder doch?
Ein leises Klopfen ließ ihn hochfahren. Als er die Tür öffnete, blickte er in Silvanas wunderschönes Gesicht. Sie sah ihn ernst an. "Wenn es sein soll, soll es sein, James!" sagte sie nur und ließ sich dann in seine Arme sinken.


6. Kapitel: Begegnungen

James wollte nicht ausreiten, zu sehr hing ihm die vergangene Nacht voller Leidenschaft noch nach. Er verzehrte sich jetzt schon nach Silvana, als er erst eine halbe Stunde im Sattel saß, doch er wusste, er musste jetzt hinaus in die Wälder musste reiten, seinen Kopf durchpusten lassen und von vorne beginnen. Irgendetwas stimmte nicht mit Silvana. Irgendetwas an ihr beunruhigte John, und das machte ihm Angst. Doch er begehrte sie auch, und er hatte tiefes Mitleid mit ihr.

Drei Stunden später gelangte er an einen Waldrand und ließ seinen Hengst langsamer laufen. Er zog seinen Bogen aus der Umhüllung und schulterte ihn gelassen. Der schnelle Ritt hatte ihn ein bisschen entspannt, und jetzt konzentrierte er sich voll und ganz auf die Jagd.

Nica beobachtete nun wohl schon zum zehnten Mal die weiße Wölfin, umd wie immer kehrte Ehrfurcht in sie ein, als sie dieses makellose Fell und den geschmeidigen Körper betrachtete. Doch ein Knacken im Unterholz ließ sie zusammenfahren, und auch der Wölfin lief ein Zittern über den Leib.
Ein Reiter erschien auf der Lichtung; mit gespanntem Bogen stand er da und zielte auf Nicas "Freundin", die Wölfin. Im Bruchteil einer Sekunde war sie auf die Lichtung gesprungen und warf sich vor das Tier. "Nein!" rief sie laut, und es war ihr egal, ob sie entdeckt wurde. Der Reiter sah sie überrascht an, und erst jetzt sah sie sein Gesicht. Stahlblaue Augen blickten sie an, ernst und wütend, dass sie ihm den Schuss verdorben hatte. Die Wölfin ließ ein leises Knurren hören, doch Nica wusste, es galt nicht ihr.
"Geh zur Seite!" befahl er ihr, doch sie konnte eine leise Unsicherheit heraushören. Nica schüttelte den Kopf, einerseits ängstlich, andererseits war sie sich der Wölfin an ihrer Seite mehr als bewusst. "Niemals. Ihr werdet dieser Wölfin kein Haar krümmen. Sie ist etwas besonderes!" stieß sie hervor.

James blickte die in Leder gekleidete Gestalt vor ihm überrascht an und fragte sich, warum er plötzlich so wild darauf war, dieses wunderschöne Tier zu erlegen. Normalerweise war er nicht so...
Er ließ den Bogen sinken und sah die junge Frau an, die mit geröteten Wangen vor ihm stand. "Welchen Forst verwaltest du?" fragte er und stieg vom Pferd. Sie runzelte die Stirn. "Keinen. Hier gibt es seit langem keine Wildhüter mehr. Ich weiß nur, welche Tiere gejagt werden dürfen und welche nicht. Und wenn du der König persönlich wärst, würde ich dich lieber an den Baum da nageln als das Leben dieses Geschöpfs aufs Spiel zu setzen!" fluchte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. James lächelte belustigt. Dann wurde er ernst. "Was meinst du mit "hier gibt es keine Wildhüter mehr"?" fragte er besorgt. Nica lachte hämisch. "Sag mal - wo lebst du denn? Seit Jahren haben die Menschen hier anderes zu tun als auf die Wilderer aufzupassen - sie müssen um ihr Überleben kämpfen!!!" Sie schrie fast, so sehr erzürnte sie dieser Mann, der sie gelassen ansah, aus blauen Augen, die von einigen Lachfältchen umgeben waren. "Es ist wichtig, das Wild zu schützen und zu hegen," begann er mit rauer Stimme. "Die Natur und die Tiere sind die Grundlage dafür, dass Menschen in Zufriedenheit miteinander leben können." Seine Stimme war leise geworden, als er sich im Wald umblickte. Als sein Blick zu ihrem Gesicht zurückkehrte, sah er einen weicheren Ausdruck in ihren Augen. Ihre Stimme war jedoch immer noch spöttisch. "Und nun?" fragte sie ihn. Er sah sie lange an, betrachtete ihre dunklen Augen, in denen neben ihrer Wut auch viel Sorge stand, und schließlich räusperte er sich. "Verzeih mir. Ich habe falsch gehandelt. Die Wölfin steht ab heute unter meinem persönlichen Schutz - sie ist ein Zeichen für mich geworden, dass hier meine Arbeit beginnen soll. Wie heißt du?" wollte er wissen. "Nica!" erwiderte sie. Sie wusste nicht, was sie dazu veranlasste, aber sie begann, diesen Mann zu schätzen. Er trat näher an sie heran und legte ihr eine Hand auf die Schulter. "Mein Name ist James, zweiter dieses Namens aus der Linie von Patrick, dem Ersten, und ich bin nicht stolz, diesen Namen zu tragen. Möchtest du Wildhüterin im königlichen Forst werden?" brachte er heraus.
Nica brauchte eine Weile, um ihre Fassung wiederzuerlangen. DAS sollte der KÖNIG sein? Dieser Reiter, der wie ein gewöhnlicher Jäger durch die Wälder streifte? Sie blieb lange an seinen blauen Augen hängen, die sie eindringlich musterten.
Doch dann gingen ihr die Möglichkeiten für die Gruppe auf und auch die Möglichkeit, mehr über Silvana zu erfahren. Schließlich nickte sie. "Ich will!" erwiderte sie fest. James atmete auf. "Dann finde dich in drei Tagen im Schloss ein und melde dich bei Sir John. Er wird dich einweisen." Sprach's und schwang sich wieder auf den Rücken seines Hengstes.

Nahezu zur selben Zeit ging John allein durch die schmalen Waldwege in der Nähe des Schlosses. Tiefe Schuldgefühle plagten ihn, und er wusste nicht, wie er seinem König je wieder ins Gesicht blicken sollte - wenn Silvana erst einmal die Oberhand über ihn hatte. Und sie war auf dem besten Wege. Mit ihrer Mischung aus mädchenhaftem Charme und wacher Intelligenz hatte sie ihn schon jetzt fast um den Verstand gebracht. Er war sicher, dass James einsam war, dass er eine Gefährtin brauchte, die ihn so nahm wie er war, ihn, seine oft so ungezügelte Wut und seine entwaffnende Ehrlichkeit. Und er war ebenfalls sicher, dass diese Frau sich noch nicht in seiner Nähe befand.
Silvana war eiskalt. Das war sie schon immer gewesen; nie hatte sie auf die Gefühle eines Menschen Rücksicht genommen. Seit sie erwachsen war, lebte sie von Erpressungen und Manipulationen. Und nun hatte sie ihn in der Hand - ihn und seinen treuesten und liebsten Freund.
Und seine Mutter... ihr altes Gesicht tauchte vor seinem inneren Auge auf; ihre strahlenden Augen; ihre warme Stimme, wenn sie ihm als kleinem Jungen vor dem Schlafengehen ein Lied vorgesungen hatte...
"Du darfst dich nicht zum Spielball ihrer Pläne machen lassen!" ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihm, und John fuhr erschreckt herum. Vor ihm stand eine - äußerst ungewöhnliche - Frau. Sie trug ein bodenlanges Gewand aus tiefblauem Samt und einen seidenen goldgewirkten Schal. Ihre Augen blickten ihn ernst an, und in den Händen trug sie einen langen, aus hellem Holz geschnitzten Stab. Sein Kopf war ein geschnitzter Wolfskopf.
"Ich verstehe nicht..." erwiderte John und richtete seine blauen Augen auf ihre braunen, die ihn mit ihrer geheimnisvollen Schönheit voll in ihren Bann zogen. Sie schienen gleichzeitig mitfühlend und kühl, wissend und fragend, liebevoll und distanziert.
"Du wirst es verstehen. Geh deinen Weg, und wenn du mich brauchst, komm zurück. Du findest mich hier."
Blitz und Donner erschraken ihn fast zu Tode, und als er die Augen nach einer Schrecksekunde wieder öffnete, war die geheimnisvolle Schöne verschwunden.
Was wusste sie? "Du darfst dich nicht zum Spielball ihrer Pläne machen lassen..." Nachdenklich ging er weiter, weiter, weiter, bis die Erschöpfung ihn wieder ins Schloss zurücktrieb. Dort begegnete ihm Silvana, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen. "Ich grüße dich, Bruder. Es ist schön, wieder bei der Familie zu sein!" spottete sie. "Vielleicht interessiert es dich zu wissen, dass dein König ein weiches Kind ist - kein Mann. Mein lieber Bruder, James hat in meinen Armen zu heulen begonnen wie ein Baby, nur weil ich ihm eine rührende Geschichte über meine verlorene Mutter erzählt habe..." John spürte eiskalte Wut in ihm hochkriechen. "Du wirst es nicht schaffen, ihn zu entthronen. Niemals. Er hat mehr Stärke als du mit all deinen vierschrötigen Kerlen je zusammenbringen wirst!" entgegnete er kalt, doch sie lachte nur. "Entthronen? Das habe ich überhaupt nicht vor, lieber Bruder. Ich werde ihn HEIRATEN!" raunte sie ihm ins Ohr und ging in die andere Richtung davon. John blickte ihr erstarrt nach.


7. Kapitel: Ankunft

Nica betrachtete das Schloss mit einer Mischung aus Bewunderung und Verachtung. Hier lebten Menschen, die sich ihren Reichtum nicht erarbeitet hatten; nein, sie waren einfach hineingeboren worden. Und hier sollte sie nun leben und arbeiten? Hastig verwarf sie ihre Gedanken - schließlich war es für die Sache.
Sie wurde freundlich aufgenommen und bekam eine kleine Kammer neben den Pferdeställen. Sie besah sich alles mit kritischem Interesse und musste feststellen, dass sowohl die Pferde als auch die Menschen hier einen freundlichen und ausgeglichenen - fast glücklichen - Eindruck machten.
Als sie ihre Sachen verstaut hatte, klopfte es an der Tür. Ein junger Mann mit rotblonden, langen, zum Zopf geflochtenen Haaren stand davor und lächelte sie freundlich an. "Den Göttern zum Gruße! Mein Name ist Joseph, ich bin der Bote des Königs. Im Normalfall laufe ich weiter als bis zu den Ställen, aber der König will Euch heute zum Abendessen sehen. So hält er es immer mit neuen Bediensteten - sie speisen in der ersten Woche mit ihm gemeinsam, damit er sie und sie ihn kennenlernen können. Kommt Ihr?" Nica wusste nicht, was sie erwidern sollte - sicher würde sie in ihrer Waldkleidung gar nicht erst vorgelassen werden. Sie hob ratlos die Schultern, und Joseph lachte schallend. "Richtig, in diesem Staat lassen sie Euch nicht bis zum Speisesaal. Kommt mit, ich weiß die richtige Frau für Eure Probleme." Er führte Nica über den weitläufigen Hof, ihr immer ein paar Schritte voraus, und öffnete schließlich eine kleine Tür. "Geheimgang der Dienstboten!" erklärte er flüsternd und ging voraus bis zu einem Raum, der unschwer als Küche zu erkennen war. Eine dunkelhaarige Frau stand am Herd und rührte mit einer großen Kelle eine Suppe um, als die beiden eintraten. "Große Schwester, ich bringe dir die neue Wildhüterin Nica- sie braucht ein Kleid für das Essen." Als die Frau sich umwandte, blickte Nica in Augen, die bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken schienen. Sie schüttelte die Hand der Frau und erwiderte fest ihren Blick. Ein herzliches Lächeln umspielte die Lippen der Frau, als sie Nicas Lederhose und Leinenhemd musterte. "Mein Name ist Kathleen - ich bin für alles zuständig, nur nicht fürs Regieren. Komm nur mit - ich zeige dir ein paar Sachen." Sie lachte, als Nica unbehaglich die Schultern hochzog. "Ich kann dich verstehen, Kind. Die eigene Kleidung ist eine schützende Haut. Aber ich versichere dir - du wirst bei unserem König keine Rüstung brauchen. Er ist fair und gerecht. Was auch immer - du brauchst ein Kleid." Sie zog Nica hinter sich her bis in ihre eigene Kammer. Dort holte sie einige Kleider aus einer Truhe. "Diese hier gehörten Prinzessin Patricia - sie gibt mir ihre abgelegten Kleider stets für das Waisenhaus. Aber diese hier sind zu groß für die armen kleinen Dinger. Die Prinzessin hat ungefähr deine Größe, sie ist nur ein wenig - dünner!" Kathleen musterte die athletisch gebaute Wildhüterin und reichte ihr schließlich ein bodenlanges schmuckloses Kleid aus grüner Seide, das an den Ärmeln weit wurde und am Kragen mit elfenbeinfarbenen Bändern eingefasst war. Nica stockte der Atem. "Ich kann das nicht annehmen!" flüsterte sie, doch Kathleen lachte nur. "Ach was, Kind. So, jetzt schrubb dich einmal richtig ab und kämme dir die Haare. Du wirst sehen, wie schön du in diesem Kleid aussiehst." Kathleen hatte ein bisschen Mitleid mit dieser jungen Frau, die wohl noch nie ein Schloss oder auch nur ein reiches Haus von innnen gesehen hatte - so verschüchtert wirkte sie. Dennoch hatte sie eine sehr positive Ausstrahlung und gute Manieren. Die Beschließerin war froh, dass nach Jahren der angestaubten Herrschaft wieder junge Menschen hier im Schloss arbeiteten. Sie half Nica beim Waschen und kämmte ihr selbst die schulterlangen rötlichen Haare.
Das Kleid stand ihr zauberhaft, und die Prinzessin würde über das ganze Gesicht strahlen, wenn sie es wiedersah. Denn sie hasste es, Dinge wegzuwerfen, das wusste Kathleen.
"So, jetzt aber los. Komm, ich werde dich zum Speisesaal bringen. Auf dem Weg erkläre ich dir die wichtigsten Dinge. Da wäre zunächst einmal Sir John. Er ist der beste Freund des Königs und sein erster Berater. Er sitzt rechts von ihm. Auf der linken Seite seine Schwester Patricia und die beiden jungen Prinzessinnen - Star und Barbara Ann. Neben ihnen ist ein Platz für ihre verstorbene Mutter frei - sie halten sie immer noch in Ehren. Neben John wird Joseph heute sitzen. Wenn es ein feierlicher Abend ist, kommt auch oft der Barde hinzu - ich denke nicht, dass es heute so sein wird. Ach ja -" ein fast mürrischer Ausdruck überzog ihr gutmütiges Gesicht - "die neue Schriftsetzerin hat auch ihren Platz an der Tafel. Wenn ich dir etwas raten darf - halte dich von ihr fern. Sie ist falsch!" Mit diesen Worten öffnete Kathleen die Tür zum Speisesaal, der um ein Vielfaches größer war als alle Räume, die Nica bisher gesehen hatte. Kronleuchter hingen über dem großen ovalen Tisch, und Kerzen spendeten ebenfalls viel Licht. An den Wänden hingen edle Gobeline, und der Boden bestand aus Marmorfliesen. Nica war sprachlos, als sie diese Pracht sah.
"Früher war dieser Saal nicht nur prächtig, sondern vor allem protzig. Dies hier ist schon fast bescheiden, aber der König möchte noch mehr Veränderungen vornehmen, wenn sich der Aufruhr über die Thronfolge gelegt hat. Er ist kein Freund von Prahlerei, die nur unnötig viel Geld kostet. Und nun - viel Glück!" Sie schob Nica in den Saal.
Die Menschen, die bereits anwesend waren, nahmen kaum Notiz von ihr, lediglich Joseph stand auf und reichte ihr den Arm. "Setz dich zu mir. Wenn der König kommt, stehen wir alle auf. Er selbst hasst diese Formalitäten, und wenn wir ihn nicht immer wieder daran erinnern würden, könnte es sein, dass er das Regieren und das Königsein vergisst. Er hat viele unangenehme Erinnerungen an diesen Beruf." Nica sah Joseph überrascht an. "Aber -" wollte sie fragen, doch da öffnete sich die Tür, und der König trat ein. Er sah müde und wütend aus, und die Frau, die leicht ihren Arm auf seinen legte, als er an ihr vorbei ging, war - Silvana. Der Blick des Königs hellte sich ein bisschen auf, als er sie sah. Dagegen erstarrte Silvana, als sie Nica erblickte. Die junge Wildhüterin legte beschwörend einen Finger auf die Lippen, doch sie wusste - Silvana würde nicht reden.
Plötzlich begegnete sie dem Blick des Königs. Er sah sie lange, ja, intensiv an, doch als sie schüchtern lächelte, blickte er wieder weg und wandte sich an seinen Nachbarn, einen über alle Maßen gut aussehenden Mann mit langen dunkelblonden Haaren. Überaupt schienen alle hier bei Hofe lange Haare zu tragen ...
Das Essen wurde von Dienern aufgetragen, und Nica war froh, dass Joseph an ihrer Seite saß und ihr alle wichtigen Dinge der höfischen Etikette erklärte. Als das Essen beendet war und sich die Sitzordnung etwas auflockerte, stand die wunderschöne blonde Prinzessin auf und näherte sich Nicas Platz. Sie setzte sich - ganz ungezwungen - neben sie und lächelte sie freundlich an. "Ich bin froh, dass James eine Wildhüterin eingestellt hat. Es ist furchtbar, was in den Wäldern geschieht, wenn Menschen leiden. Ich gehe oft selbst auf die Jagd, doch ich kann mich nicht um alles kümmern. Ich wäre dir jedoch sehr dankbar, wenn du in der ersten Zeit zu mir kommst, wenn du Fragen hast. Es ist wichtig, dass Entscheidungen nicht einsam gefällt werden." Sie klang herzlich, aber sehr entschlossen. Nica nickte und erwiderte ihr Lächeln scheu. Die Prinzessin beugte sich zu ihr. "Im Gegensatz zu meinem Bruder kenne ich die Legende der weißen Wölfin. Pass auf sie auf, sie wird es sicher brauchen," sagte sie leise. Dann, etwas lauter, fügte sie hinzu: "Das Kleid steht dir ausgezeichnet!"


8. Kapitel: Ein neuer Tag

Als Silvana in dieser Nacht in seinen Armen schlummerte, fand James keinen Schlaf. Immer wieder hatte er die dunklen Augen der Wildhüterin vor sich, die ihn ernsthaft und ein wenig besorgt musterten. Tiefe Wärme stand in ihnen und irgendetwas, das er nicht benennen konnte. Doch er hatte dergleichen noch nie gesehen. Denn Silvanas Augen, so wunderschön sie auch waren - sie waren immer kalt.
Am nächsten Morgen erwachte sie vor ihm und verließ seine Gemächer lautlos, während er noch unruhig schlief. Sie hastete über den Hof zu den Ställen und hämmerte mit den Fäusten an Nicas Tür. "Öffne, verdammt noch mal!" zischte sie. Nica erhob sich von ihrer Pritsche und entriegelte die Tür. Als sie Silvanas wütendes Gesicht sah, erschrak sie, bat sie jedoch höflich hinein. "Was kann ich für Euch tun?" fragte sie dann mit fester Stimme, während sie innerlich zitterte. Silvana lachte höhnisch. "Was du für mich tun kannst? Wie wäre es zunächst einmal damit, dass du mir verrätst, was um alles in der Welt du hier tust!" Nica sah die Führerin der Rebellen interessiert an. Sie war nicht nur wütend; nein, sie hatte - Angst. Aber wovor?" Die Wildhüterin räusperte sich leise, dann legte sie ihre Fingerspitzen aneinander und erwiderte Silvanas Blick fest und offen. "Ich werde genau das tun, was auch Ihr vorhabt. Ich werde die Pläne und Ansichten des Königs kennenlernen und seine Regierungsweise so genau durchschauen, dass wir damit auch etwas anfangen können. Vier Augen sehen mehr als zwei!" Silvana lachte wieder, diesmal schien es Nica ein wenig erleichtert. "So. Dann wollen wir mal zusehen, dass uns niemand zusammen sieht. Aber dieses höfische Volk ist ja so verblendet - sie haben es verdient in der Hölle zu schmoren. Wir sehen uns!" Mit diesen Worten erhob sie sich geschmeidig von ihrem Stuhl und verließ die Kammer.
Nica goss etwas Wasser in ihre Waschschüssel und machte sich frisch, bevor sie die Kammer ebenfalls verließ. Wie am vorigen Tag trug sie ihre geliebte Lederhose und ein ärmelloses Lederwams - die Sonne schien heute schon am Morgen warm, und es würde sicher ein heißer Tag werden.
Der Rittmeister wartete schon auf sie - er war ein freundlicher alter Mann mit eisengrauem dichtem Bart und lachenden blauen Augen. "So, Kind, dann werde ich dir mal die Pferdchen zeigen. Komm mit." Er führte sie zu den geräumigen Boxen und erzählte ihr die Geschichte eines jeden einzelnen Pferdes. "Dies hier ist unser Highlander - der König reitet ihn am liebsten." Der dunkelgraue Hengst war derselbe, den sie schon damals im Wald gesehen hatte - wirklich ein beeindruckendes Tier. "Wieso steht das Tier des Königs hier bei den anderen Pferden?" fragte Nica überrascht, und der Rittmeister lachte dröhnend. "Ja, das ist wirklich selten. Aber der Bengel hatte schon immer seinen eigenen Kopf. Er ist der Meinung, dass Pferde - so wie alle anderen Lebewesen auch - alle gleich behandelt gehören. Deshalb geht er davon aus, dass ich die anderen Gäule ebenso behandle wie seinen geliebten Highlander." Nachdenklich klopfte er den Hals des Tieres. Dann sah er Nica an. "Und natürlich hat er recht. Früher standen die Pferde der königlichen Familie in einem besonderen Stall und hatten einen eigenen Pfleger. Nun ja, das ist jetzt vorbei," brummte er und ging zur nächsten Box. "Sieh mal, ist er nicht bildschön?" Der Alte deutete auf einen schneeweißen schlanken Hengst. "Er gehört der kleinen Prinzessin Barbara Ann - sie hat ihn mit der Flasche aufgezogen. Sie ist die einzige, die ihn reiten kann, er lässt niemanden sonst auf seinen Rücken, auch Joseph nicht, der ein begnadeter Reiter ist. Diese Stute hier ist seine Mutter - sie hatte nicht genug Milch für ihn. Sie gehört ebenfalls dem König; er hat als Junge auf ihr reiten gelernt." Eine kastanienbraune zierliche Stute kam neugierig an die Boxentür und spitzte die Ohren, als sie die vertraute Stimme des Rittmeisters vernahm. Nica srich ihr vorsichtig über die Nüstern - sie war wunderschön. "Wie heißt sie?" fragte sie fast andächtig. "Chestnut," war die brummige Antwort, und Nica lächelte. "Sie ist wirklich wunderschön!" Der Alte blickte zur Seite. "Bildschön und krank," sagte er mit brüchiger Stimme, und Nica erschrak. "Was hat sie?" fragte sie leise. "Hufrehe. Sie kann nicht mehr geritten werden und leidet sehr. Der König lässt nahezu jeden Tag eine spezielle Tinktur für sie machen, die er ihr verabreicht. Das lindert ihre Schmerzen. Aber irgendwann -" Er sprach nicht weiter, sondern schritt eilig zur nächsten Box. Nica folgte ihm traurig. Sie wusste, was mit Pferden geschehen konnte, die nichts mehr taugten. Fast fühlte sie die großen sanften Augen der Stute in ihrem Rücken. Rasch ging sie weiter. In den nächsten beiden Boxen standen zwei nahezu riesenhafte Schwarzschimmel. Mächtige Köpfe, breite Rücken und massige Hälse beherrschten das Bild, das sich Nicas bewundernden Augen bot. "Majestätisch, hm? Sie ziehen die königliche Kutsche. James mag keine Vollblüter vor seinen Wagen - sie sind ihm zu unruhig, und diese hier machen alles mit, auch ungeduldige Kinderhände und Burschen, die hinter ihnen hermarschieren. Sie heißen Ferris und Floyd."
Nica blieb noch eine Weile bei den beiden Riesen stehen - so große Pferde hatte sie noch nie gesehen. Aber sie waren wirklich beeindruckend.
Dennoch schwirrte ihr der Kopf. Alles, was sie bisher hier erlebt, alles, was sie gesehen hatte, war so verwirrend - so ganz anders als das, was sie über den Herrscher gehört und gedacht hatte.
"Träumst du, Kind?" Sie fuhr hoch und bemerkte, dass einer der Riesen ihr seinen schweren Kopf auf die Schulter gelegt hatte. Sanft, aber bestimmt schob sie ihn beiseite und lachte leise, als sie sein unzufriedenes Schnauben hörte. Ein leises Quieken ertönte aus der nächsten Box. Das was sie sah, entzückte sie zutiefst. Eine stämmige, nicht gerade große honigfarbene Stute mit einer hellen Mähne stand neben ihrem Fohlen und hatte es anscheinend gerade unsanft gezwickt. "Dieses Tier gehört Prinzessin Star. Der Kleine ist ein Zufallsprodukt - sein Vater ist der Schimmel - Antony. Joseph wird ihn in den Beritt nehmen. Irgendwann..."
Weiter und weiter ging es; an die zwanzig Pferde standen in diesem riesigen Stall. Da war Josephs fuchsroter Hengst Distance, das ausdauerndste Pferd im ganzen Land wie der Alte angab, zwei dicke kleine Ponys für die Fahrten zum Markt, vier große Schimmel und vier Rappen für die Vierspänner, und ein schwarzbrauner Hengst - groß, stark, aber nicht fett, mit einer zerzausten Mähne, die in alle Himmelsrichtungen abstand. Er gehörte der Prinzessin Patricia und war ein verlässliches Jagdpferd.
Nica spürte, dass der alte Rittmeister mit seiner ganzen Seele an seiner Arbeit und an jedem einzelnen Pferd hing. Dennoch beschäftigte sie eine Frage. "Habt Ihr kein eigenes Pferd?" fragte sie leise, und der Alte schüttelte den Kopf. "Ich hatte einst eine wundervolle Stute - sie ist bei einem Angriff ums Leben gekommen. Seitdem - nein, diese Pferde hier sind alles, was ich noch habe." Dann lachte er wieder. "Gut, Kindchen - wir sind noch nicht fertig. Sag mir, was du über dieses Pferd hier denkst." Er führte sie in die hinterste Ecke des Stalles, in die kaum noch Licht drang. Neugierig sah sie in die letzte Box, und ein klobiger schwarzweißer Kopf tauchte auf, die Ohren lang und aufmerksam gespitzt, die dunklen Augen klar und aufmerksam. "Ist das ein Pony oder ein Pferd?" wollte sie wissen, und der Rittmeister hob die Schultern. "Das weiß ich selbst nicht, ich hab sowas auch noch nie gesehen. Prinzessin Star hat ihn aufgelesen - irgendwo auf einem Bauernhof, wo er total verwahrlost herumstand. Der Hof war unbewohnt, nur dieses Tierchen war noch da. Ich habe versucht ihn zu reiten, doch er ist faul und hart zu zügeln." Nica wurde sanft angepustet und lachte auf. "Darf ich ihn mal herausholen?" fragte sie, und der Rittmeister öffnete die Boxentür.
Draußen im Licht betrachtete sie das Pferdchen genauer. Es war ein Hengst, noch ein bisschen mager, aber ansonsten kräftig gebaut. Er hatte einen ziemlich langen Rücken und eine flache Kruppe - also eigentlich kein schönes Tier - doch irgendetwas rührte sie an ihm. Der Schecke war wie alle anderen Pferde gut gepflegt, doch er wirkte trotzdem herrenlos.
"Mach ihn dir fertig - du kannst ihn reiten, wenn du willst. Oder den Fuchs - Joseph hat es ausdrücklich erlaubt. Gleich wird die Prinzessin hier sein - sie begleitet dich heute."
Nica sah den Rittmeister aus großen Augen an. "Die Prinzessin?" fragte sie aufgeregt und blickte an ihrem alten Zeug herunter. Wieder war Gelächter die Folge. "Sicher! Sie trägt auch nicht ständig Kleider - wenn auch ihr Lederzeug wesentlich gepflegter ist!"
Der Alte half ihr beim Striegeln und brachte ihr passendes Zaumzeug - Nica ritt stets ohne Sattel, denn nur so fühlte sie sich dem Pferd wirklich verbunden. Der Hengst schien fast überrascht, als sie ihn aufzäumte, so als wollte er sagen "es sind so viele schönere Pferde im Stall - und du suchst MICH aus?". Nica gab ihm einen leichten Klaps auf den Hals und wartete, während Daniel - das war der Name des Rittmeisters - den Hunter herausholte. Er trug den Namen Hurricane. Kurz darauf kam eine schlanke blonde Gestalt in Lederhosen und einem weißen Hemd über den Hof gestürmt, die Haare zu einem losen Zopf geflochten. Sie schüttelte Nica zwanglos die Hand und schien gar keinen Hofknicks zu erwarten. Dennoch versuchte sie einen, den die Prinzessin ernst mit einem Kopfnicken würdigte. Dann machte sie sich persönlich daran, ihr Pferd zu satteln. "Du reitest den Schecken? Wir haben bis heute noch keinen Namen für ihn - bei uns gibt immer der Besitzer dem Pferd einen Namen. Aber er hat keinen. Irgendwie macht dieser Hengst den Eindruck, als würde er auf jemanden warten. Wer weiß?" Sie lachte leise, "vielleicht auf dich!" Sie schwang sich auf den Rücken des Hengstes und nahm von Daniel einen leichten Bogen entgegen. Nica saß ebenfalls auf und war fast glücklich, endlich wieder einmal auf einem Pferd sitzen zu dürfen.
Die beiden durchritten zunächst das naheliegende Waldgebiet, und die Prinzessin klärte sie über die bestehenden Forstgesetze auf, über den Wildbestand und alles, was Nica wissen musste. Der Vormittag verging wie im Fluge, und irgendwann sah die Prinzessin sie mit leuchtenden Augen an. "Ich möchte dir gern einen wundervollen Weg zum Galoppieren zeigen. Dann können wir mal schauen, was der Schecke so kann, ja?" Nica war begeistert und drückte die Schenkel eng an den Pferdekörper. Der Schecke sprang sofort an, und in einem wunderbaren langen Galopp flogen die beiden Pferde über einen stillgelegten Acker. Sicher war der Hunter schneller, doch der Schecke strengte sich mächtig an und wurde fast wütend, als er das Rennen um eine Pferdelänge verlor. Erschöpft, aber glücklich, ritten die beiden Frauen im Schrittempo wieder zurück zum Schloss.
Vor dem Stall stand eine Gestalt, hochgewachsen, athletisch gebaut und wütend. Der König. Aus funkelnden blauen Augen sah er seine Schwester an. "Tricia, ich hab dir verboten, allein auszureiten. Es ist zu unsicher in den Wäldern!" fuhr er sie an, während seine Hände sich zur Faus ballten. Patricia sprang aus dem Sattel und legte ihrem Bruder die Hand auf die Schulter. "Jamie, es ist gut, mach dir keine Sorgen um mich. Mir geschieht nichts. Außerdem finde ich es ziemlich unhöflich von dir zu behaupten, ich wäre allein unterwegs gewesen, wenn ich Nica bei mir hatte!" Sie zog den Hengst ohne ein weiteres Wort hinter sich her in den Stall. Der König blickte ihr verzweifelt hinterher. Dann wandte er sich an Nica, die seinem forschenden Blick kaum standhalten konnte. Ein leichtes Lächeln umspielte seinen schön geschwungenen Mund, und sie war ein bisschen erleichtert. "Nun, wenn die Wolfsfreundin bei meiner Schwester ist, kann ihr wohl wirklich nichts geschehen. Bitte verzeih mir!"
Nica wurde es heiß und kalt unter seinem intensiven Blick. Sie kam sich schmuddelig und ungehobelt vor, wenn sie den König in seiner zwar schlichten, aber dennoch edlen Kleidung betrachtete. Sie war versucht, den Kopf zu senken, tat es aber nicht. Stattdessen machte sie einen Knicks vor dem König. Der sah sie erschreckt an. "Bitte steh auf - ich hasse diese Etikette!" forderte er sie auf und griff nach ihrer Hand. Sie war fest und warm, und James spürte eine Gänsehaut über seinen Rücken rieseln. Rasch ließ er die Wildhüterin wieder los. "Wie ich sehe, hast du dich dieses Hengstes angenommen?" fragte er, und sie nickte. "Es ist ein wundervolles Tier - ein Kämpfer," sagte sie jedoch nur und klopfte dem Pferd den Hals. James nickte. "Er braucht einen einzigen Menschen für sich. Einen Menschen, der ihn versteht." Mit diesen Worten wandte er sich ab und eilte mit langen Schritten davon.

Patricia war in der Stalltür stehengeblieben und hatte das Gespräch zwischen Nica und James mit angehört. Seine letzten Worte hatten sie tief berührt, dachte sie doch dasselbe über ihren geliebten Bruder. Auch sie sorgte sich mehr um ihn als sie ihn wissen ließ - Silvana war auch ihr ein Dorn im Auge, doch sie wagte nicht, etwas gegen sie zu sagen, solange das Hirn ihres Bruders noch so umnebelt war.
Als er gegangen war, trat sie zu Nica. "Heute nachmittag stelle ich dir die umliegenden Bauern vor - jeder einzelne hat eine bestimmte Jagderlaubnis, doch ich halte es für wichtig, dass du die Menschen kennenlernst, die sich hinter diesen Formularen verbergen." Sie lachte leise, als sie Nicas verschrecktes Gesicht sah. "Und iss gut zu Mittag, denn wir werden an jedem einzelnen Hof mindestens einen Schnaps trinken müssen!" Sie nahm ihren Bogen auf und verschwand mit einem Winken.
Nica fühlte sich ein bisschen schwindlig von den ganzen neuen Dingen, die auf sie eingeprasselt waren, und als sie den Hengst wieder in den Stall gebracht hatte, ging sie langsam hinüber zur Küche, in der Joseph und Kathleen schon saßen. Bei ihnen waren zwei junge Männer, einer trug seine langen dunkelblonden Haare lang und offen, der andere schien ihr noch wie ein Kind. Seine Augen blitzten verschmitzt, als er Joseph gerade mit Händen und Füßen eine Geschichte über eine Dachsjagd erzählte. Kathleen stellte Nica eine Schüssel mit Eintopf und ein Glas Bier hin und setzte sich zu ihr. "Wenn ich vorstellen darf - meine kleinen Brüder Patrick und Lino. Patrick ist seit kurzem Barde am Hofe, er hat die schönste Stimme im Land und erzählt die wildesten Geschichten. Lino hier ist momentan noch Page, doch er wird vermutlich irgendwann den alten Rittmeister ablösen. Sein Händchen für Pferde ist fast einmalig. Und Jungs-" sie wandte sich an ihre Brüder, die für ein paar Sekunden aufhörten sich zu kabbeln; - "das ist Nica, die neue Wildhüterin. Seid nett zu ihr, sie ist ein liebes Kind!" Nica runzelte die Stirn, als sie wieder einmal als Kind bezeichnet wurde, doch als sie Kathleens lachendes Gesicht sah, stimmte sie ein.
Es wurde eine vergnügte Mahlzeit, und Nica fühlte sich zum ersten Mal, seit sie hier war, richtig wohl.


9. Kapitel: Verrat

Als es finster war, schlich sich John aus dem Schloss, auf der Suche nach der mysteriösen Frau, die ihn so verunsichert, ihm jedoch auch das gegeben, was er verloren geglaubt hatte - einen winzigen Funken Hoffnung. Als er nach einer längeren Wanderung wieder an der Stelle angelangt war, an der er die Frau zum ersten Mal getroffen hatte, setzte er sich entmutigt auf einen Stuhl. Sicher hatte er sich das alles nur eingebildet.
Plötzlich hörte er ein leises Knacken im Unterholz, und er fuhr hoch. "Wer ist da?" fragte er, doch statt einer Antwort entdeckte er lediglich den Umriss eines Wolfs. Instinktiv griff er nach seinem Schwert, doch dann fiel ihm der Stab ein, den die Frau getragen hatte - der Stab mit dem geschnitzten Wolfskopf. Vorsichtig näherte er sich der Kreatur, die ihn aus gelben Augen wissend ansah. Und plötzlich fiel ihm auf, was ihn schon die ganze Zeit an diesem Tier gestört hatte - es war schneeweiß. Er folgte der Wölfin- denn dass es ein Weibchen war, hatte er rasch erkannt, ins Dickicht. Bald hatte er völlig die Orientierung verloren, doch plötzlich stand er auf einer kleinen Lichtung. Aus dem Schornstein einer kleinen Hütte drang Qualm, und die Wölfin rannte mit langen Sprüngen davon. John ging langsam auf das Häuschen zu. Angst ergriff von ihm Besitz, doch er wusste, er hatte keine andere Chance.

Währenddessen lag Silvana in James' Armen und schmiegte ihren schlanken Körper an ihn. "James, ich muss dir etwas sagen, aber ich habe Angst davor," flüsterte sie tonlos. James sah sie überrascht an; der ängstliche Zug um ihren Mund hatte jedoch ihre kühlen Augen noch nicht erreicht. "Wovor fürchtest du dich?" fragte er. Sie schlug die Augen nieder. "Davor, dass Ihr mich als Verräterin davonjagt. Dabei will ich nur Euer Bestes!" Ihre Finger strichen leicht über seinen Nacken, doch er schob sie fort. "Was denn?" fragte er, ein bisschen ungeduldig.
Sie richtete sich auf. "Euer Freund trägt ein dunkles Geheimnis in sich, das er Euch nie verraten würde - vermutlich nicht einmal unter Folter. Fragt ihn danach, und er wird sich herauswinden. Fragt ihn nach seinem VATER!" Sie stand mit einer fließenden Bewegung auf und richtete ihr Nachtgewand. "Ich muss nun gehen, mein Geliebter. Verzeiht, aber mehr kann ich nicht sagen." Sie wischte sich eine Träne aus dem Gesicht und öffnete die Tür. "Halt!" rief James sie zurück, ein scharfer Unterton lag in seiner Stimme. "Ja, Gebieter?" fragte sie mit seidiger Stimme, und er verwünschte sie und ihre Anziehungskraft. Doch er wusste plötzlich, dass er diese Frau nicht liebte. Sicher, er begehrte sie, und sie schmeichelte seiner Eitelkeit, doch nie würde er in ihren kalten blauen Augen das finden, was er so sehr ersehnte - ein warmes liebendes Lächeln.
"Ich verbiete dir, so von Sir John zu sprechen. Ich verbiete dir, ihn so zu verleumden. Und weiterhin verbiete ich dir, ihn auszuspionieren. Du darfst gehen."
Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete er auf. Doch die Erleichterung, die er sich erhofft hatte, war nicht eingetreten. Stattdessen verspürte er eine undefinierbare Furcht - obwohl er nicht ahnen konnte, welchen Gegner er sich geschaffen hatte.

Er fand wieder einmal keinen Schlaf; die Mauern dieses Schlosses, das schon soviel Leid gesehen hatte, erdrückten ihn schier. Und obwohl er nicht eine Sekunde lang glaubte, dass John - sein Freund John - etwas gegen ihn im Schilde führte, hatte sie in ihm einen leisen Zweifel gesät, ein winzig kleines bitteres Saatkorn. Die Frage war nur - wann würde es beginnen zu keimen?
Unruhig wälzte er sich hin und her, und schließlich stand er auf. Er zog sich seine älteste Lederhose an, warf sich ein Hemd über, stieg in seine Stiefel und verließ das Schloss. Leise schlich er über den Hof zu den Ställen. Chestnut begrüßte ihn mit einem leisen Wiehern; sie erkannte seinen leichten Tritt unter tausenden. Er öffnete die Tür zu ihrer Box und legte ihr die Arme um den Hals. Stumm stand er da, getröstet von der warmen Nähe dieses wundervollen Lebewesens, das ihn schon als kleinen Jungen getröstet hatte, wenn er wie so oft keine Worte hatte für das, was ihn bedrückte. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und schnaubte ihm ihren warmen Atem ins Ohr.
"Ich habe solche Angst, Chest. Angst zu versagen. Da sind so viele Menschen, die nur darauf warten, dass ich in seine Fußstapfen trete und sie ausbeute - sie enttäusche und bekriege, nur um mich selbst zu bereichern.
Und meine Familie, ich muss alles für sie tun, damit sie nicht diesen Rebellen in die Hände fallen, vor allem Tricia - sie ist so leichtsinnig. Ach, Chest, ich kann diese Leute ja verstehen - der Alte hat wirklich kein anderes Ende verdient. Aber es ist so schwer, gleichzeitig sein Erbe anzutreten und auf der anderen Seite alles - aber auch alles - besser zu machen."
Die Stute nahm ihren Kopf herunter und stupste ihn leicht mit den Nüstern an, worauf er leise lachte. "Du hörst immer zu, meine Alte. Ich wünschte nur, ich könnte mehr für dich tun!" Er ließ sich an der Boxwand hinabgleiten und setzte sich ins Stroh - wie er es schon so oft getan hatte, wenn er nicht wusste wohin mit sich und seinen Sorgen.
Doch in dieser Nacht war er nicht allein. In der Box des Schecken hockte Nica - sie hatte jedes Wort mitangehört. Tränen liefen ihr übers Gesicht, Tränen des Mitleids und des Zorns über sich selbst, Tränen, weil sie ihn vielleicht verraten würde, Tränen der Angst vor Silvana und ihren Plänen. Es war nicht mehr wichtig, was sie für Pläne gehabt hatte, als sie gekommen war - wichtig war jetzt etwas anderes. Leise verließ sie die Box und trat zu Chestnut, die unruhig schnaubte. "Majestät?"


10. Kapitel: Botschaften

Die wunderschöne, aber so geheimnisvolle Frau stand vor der Tür zu ihrer Hütte und blickte ihm entgegen. "Ich grüße dich," sagte sie leise und bat ihn herein. Er sah sich in der behaglichen Stube um, die mit vielen kleinen Flickenteppichen ausgelegt war und verneigte sich leicht, die Hand immer noch am Schwert.
"Legt Eure Waffen ab," forderte sie ihn auf, und er gehorchte. War er denn wahnsinnig geworden??? Sie wies auf einen Sessel und setzte sich selbst in einen großen Lehnstuhl. Jetzt erst hatte John die Möglichkeit, sie näher zu betrachten. Diese Frau war nicht im herkömmlichen Sinn schön, doch für ihn war sie atemberaubend. Ihre braunen Augen fesselten ihn und verwandelten seine Knie in zwei weiche, nachgiebige Knoten.
"Eurer Mutter geht es gut. Ich werde Euch zu ihr führen. Doch Ihr dürft sie nicht befreien - noch nicht. Erst muss Damiya entlarvt und ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Sie reist unter vielen Namen, John." Ihm wurde gleichzeitig heiß und kalt, als sie seinen Namen mit einer Zärtlichkeit aussprach, die er noch nie zuvor empfangen hatte, und er rutschte unbehaglich auf seinem Sessel hin und her. Sie lächelte. "Sie ist zu schnell vorgegangen. Euer König misstraut ihr nun - er hat sie seines Gemaches verwiesen, da sie etwas gegen Euch gesagt hat. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir sie überführen können."
"Wir?" Johns Stimme zitterte, als er sah, dass die Frau aufstand und zu ihm trat. Sie legte ihm eine sanfte Hand auf die Wange. "Du spürst es auch, nicht wahr?" Sie ging vor ihm auf die Knie. "Mein Name ist Lissya, und ich habe einige Gaben, die mich sehr weise und einige, die mich sehr einsam machen. Noch nie habe ich mich einem Menschen so sehr genähert wie dir. Doch ich weiß, auch du hast noch nie die wirkliche Nähe einer Frau zugelassen. Und noch nie habe ich vor einem Mann niedergekniet. Und ich werde es nie wieder tun, denn diese Handlung hat etwas feierliches. John -" ihre Stimme sank zu einem Flüstern, "ich schwöre dir, dass du der Erste und Einzige sein wirst, dem ich mich je so sehr nähern werde. Und ich lege den heiligen Eid ab, dass ich nie jemanden so sehr lieben werde wie dich."
Verwirrt sah er sie an. "Ich - was-" stammelte er, doch sie lächelte nur zärtlich und griff nach seiner kalten Hand. "Ich muss diesen Eid ablegen, doch du hast Zeit. Zeit zu erfahren, ob auch du mich lieben wirst. Und eins schwöre ich dir noch: Niemals und zu keiner Zeit wende ich Zauberei gegen ein Wesen, dass ich liebe. Alles was uns gemeinsam ist, ist echt und entspringt keiner Form von Magie."
Sie erhob sich, ließ seine Hand jedoch nicht los. "Nun komm, ich bringe dich zu deiner Mutter."

James fuhr hoch. Vor ihm stand Nica, die dunklen Augen besorgt auf ihn gerichtet, besorgt und ein wenig verlegen ob dieses ungewöhnlichen Zusammentreffens. Er klopfte sich das Stroh von der Hose und runzelte die Stirn. "Nica," sagte er mit rauher Stimme. Sie nickte und räusperte sich. "Ich - es tut mir leid - aber - ich habe alles mit angehört, Majestät. Jedes einzelne Wort. Verzeiht." Sie wollte sich abwenden, doch James hielt sie am Arm fest. "Nein," stieß er hervor. Sie fühlte seinen starken Griff, sah in seine verzweifelten Augen und wusste plötzlich nichts mehr. Einerseits wollte sie sich in seine Arme werfen und alles vergessen, andererseits fühlte sie sich so voller Sünde, dass sie nur noch fliehen wollte. Er ließ sie los und öffnete die Tür der Box. "Bitte begleitet mich ein Stück!" sagte er leise und ging ihr voran aus dem Stall. Er führte sie in den Garten, der eigentlich mehr ein Park war. Schweigend gingen sie nebeneinander her, beide verlegen und schuldbewusst. Irgendwann hielten sie und setzten sich nebeneinander auf eine niedrige Steinmauer. James brach das Schweigen. "Es ist alles wahr. Ich habe furchtbare Angst davor zu versagen. Ich habe Angst, dass meine Freunde durch mich leiden müssen. Und ich habe Angst, dass meine kleinen Schwestern diesen Rebellen in die Hände fallen." Er wusste nicht, warum er ausgerechnet ihr das alles erzählte, doch es war ihm, als würde er in ihren Augen etwas finden, das er bei Silvana so vermisste. Sie kannte ihn kaum, war lediglich seine Wildhüterin, doch er wusste schon mehr über sie als über die Frau, mit der er Nacht für Nacht das Bett teilte. Sie war mutig wie ein Löwe, liebte jedes Lebewesen wie einen Bruder oder eine Schwester. Sie konnte arbeiten wie ein Stier und bei einem höfischen Abendessen dasitzen und über den Prunk des Saales staunen. Sie konnte einen ausgeweideten Hirsch bis ins Schloss zurückschleppen und mit den ansässigen Bauern trinken, und sie konnte so scheu einen Hofknicks machen, dass er jeden Augenblick mit einer Ohnmacht rechnete. Sie konnte sich in ihrem alten Lederzeug lautlos fortbewegen wie ein Jäger - und in einem wunderschönen bodenlangen Kleid schwebte sie fast über den Boden.
Und sie lockte das aus ihm heraus, was ihn so sehr beschäftigte, dass er keinen Schlaf mehr fand. Das er nicht einmal John anvertraute.
"Angst ist nur verwerflich, wenn Ihr nichts dagegen unternehmt, Majestät. Jeder Mensch hat Angst, selbst der mächtigste Herrscher und der stärkste Krieger. Wer keine Angst hat ist entweder wahnsinnig oder tot," sagte sie leise. James sah sie erstaunt an, als sie fortfuhr, etwas mutiger mittlerweile. "Doch ich halte es nicht für notwendig, dass Ihr Euch solche Sorgen um Eure Schwester macht. Sie ist ebenso tapfer wie mancher Kämpfer und genauso geschickt. Sie wird Euch eine große Hilfe sein - und das ihr Leben lang. Sie ist wundervoll. Ein Vorbild für jede Frau in diesem Land."
James spürte einen dicken Kloß im Hals. Schon lange hatte er kein so offenes Gespräch mehr geführt - selbst John hatte sich mehr und mehr zurückgezogen, je länger er regierte. "Das ist sie wirklich."
Nica spürte, wie der König neben ihr nervös wurde und sah ihn von der Seite an. Seine Hände, eben noch zu Fäusten geballt, lagen jetzt auf seinen Oberschenkeln und begannen leicht zu zittern. Er wandte ihr sein Gesicht zu. "Nica, ich muss dir danken für das, was du für mich getan hast. Du bist ebenso wundervoll." Er legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie ganz sanft zu sich heran. Den Bruchteil einer Sekunde später spürte sie seine warmen festen Lippen auf ihrem Mund.
Dann verschwand er in der Nacht und ließ sie mit wild klopfendem Herzen zurück.
"Soso, die kleine Rebellin... Hast du es geschafft, dir sein Herz zu erschleichen?" Wie aus dem Nichts war Silvana plötzlich aufgetaucht - wahrscheinlich hatte sie alles mit angehört. Nica wollte aufstehen und gehen, doch die Anführerin der Rebellen hielt sie fest. "Mein Kindchen, denk nur nicht, dass er wirklich etwas für dich empfindet. Dieser Mann hat kein Herz - er teilt das Bett mit mir und bestimmt noch zehn anderen Mädchen. Und für jedes hat er eine andere Masche. Du solltest aufpassen, Herzchen - sonst wirst du zu einer Verräterin - und das in zwei verschiedenen Lagern." Sie stieß Nica grob auf die Mauer zurück und ging.


11. Kapitel: Wiedersehen

"Mutter," flüsterte John tonlos und stürzte zu der alten Frau, die zitternd in einer Ecke kauerte. Er riss sie in seine Arme und streichelte ihr Haar; bedeckte ihr geliebtes Gesicht mit Küssen. "Johnny," flüsterte die alte Frau gerührt und schlang die Arme um seinen Hals. Er wandte sich zu Lissya. "Sie muss hier raus!" rief er verzweifelt und sah sich in der Höhle um. "Nein!" erwiderte sie fest, und auch seine Mutter schüttelte den grauen Kopf. "John, es wird nicht mehr lange dauern, und Ihr habt diese Schlange überführt. So lange erdulde ich es noch. Lissya hier versorgt mich, wann es nur geht, und wenn ich friere, kommt der weiße Wolf und wärmt mich. Du musst stark sein, mein Sohn, sehr stark. Ich bin es auch."
John spürte Tränen in sich aufsteigen und wandte sich ab. "Ich werde es ihr heimzahlen. Sie wird leiden müssen für das, was sie uns angetan hat. Ich hasse sie."
Die alte Frau zog ihren Sohn in die Arme. "Das wirst du dem Gesetz überlassen, mein Junge. Und nun geh. Sie wird bald wiederkommen."
Lissya nahm ihn beim Arm und zog ihn aus der Höhle. Draußen verband sie ihm wieder die Augen, so dass er den Weg nicht wieder zurückfinden würde. Wieder in ihrer Hütte, sah sie ihm tief in die Augen. "Wenn du jetzt zurückgehst, wirst du die Wildhüterin aufsuchen. Du wirst ihr alles erzählen. Sie kann dir helfen. Und nun geh."
Die weiße Wölfin stand schon vor der Tür und führte ihn auf einem viel kürzeren Weg zurück zum Schloss. John war verwirrt, doch er hielt sich an die Bitte - nein, den Befehl, den Lissya ausgesprochen hatte.
Er fand Nica wach in ihrer Kammer. Sie saß rittlings auf einem Stuhl und starrte in die Nacht. Als sie sah, wer ihre Kammer betreten hatte, sprang sie auf. "Sir John?" fragte sie leicht überrascht, und er setzte sich auf einen freien Stuhl. "Nica, vielleicht wirst du es überraschend finden, dass ich dich aufsuche, doch ich habe keine andere Wahl. Bitte höre mir zu."

Als er geendet hatte, sah Nica ihn aus nassen Augen an. "Bei den Göttern," flüsterte sie. John senkte den Blick. "Lissya sagte, du könntest mir helfen?!" In seiner Stimme klang schiere Verzweiflung mit, und Nica hätte den Freund des Königs am liebsten in die Arme geschlossen. Er hatte ihr die Wahrheit gesagt. War es nun an ihr?
"Eines Tages habe ich erfahren, dass es hier im Norden eine Gruppe gibt, die den König erbittert bekämpft. Ich habe meine Eltern verlassen und mich dieser Gruppe angeschlossen. Doch schon nach einigen Tagen ist der alte König eben von diesen Rebellen getötet worden. Einige aus der Gruppe hatten als neues Ziel, sofort den anderen König zu vernichten, doch die Mehrheit schlug vor, ihn zunächst auszuspionieren. Silvana gehörte zwar zu der radikaleren Front, doch sie war die erste, die hier in den Palast wollte, um zu kundschaften. Mir war sie von Anfang an unheimlich. So glatt, so scharf und fanatisch. Doch keiner widersprach.
Ich war für die Verpflegung und Jagd zuständig, und eines Tages lernte ich so den König kennen. Zunächst war ich hier, um zu sehen, was Silvana trieb und um ebenfalls Informationen zu sammeln, doch schon nach kurzer Zeit war mir klar, dass hier bitteres Unrecht geschehen würde, würde dieser König gejagt und umgebracht." Sie schauderte ob dieser Vorstellung. Fast spürte sie noch seinen sanften Kuss auf ihrem Handrücken. John sah sie lange und intensiv an. "Wir müssen zusammen zu den Rebellen gehen und sie davon überzeugen, dass sie auf die falsche Person hören. Wir müssen Silvana das Handwerk legen. Und wir müssen James berichten. Er verdient unsere uneingeschränkte Ehrlichkeit."


12. Kapitel: Verlust

Am nächsten Morgen hatten die beiden eine lange Unterredung mit James. Als diese beendet war, ging Nica in ihre Kammer zurück und packte ihre wenigen Habseligkeiten zusammen. Dann ging sie noch einmal in den Stall, um sich von dem Schecken zu verabschieden. Er blickte sie aus seinen großen dunklen Augen an, als ihr plötzlich die Tränen die Wangen hinunterliefen.
"Du hast dein Leben aufs Spiel gesetzt, Nica," ertönte plötzlich eine tiefe rauhe Stimme von der Stalltür. Sie fuhr herum und erblickte James schlanke Gestalt, die sich ihr näherte. Bald stand er dicht neben ihr und sah sie aus seinen stahlblauen Augen liebevoll an. "Du hättest gehängt werden können für das, was du mir gestanden hast. Deine Ehrlichkeit hätte dich umbringen können."
Nica wusste nicht, was sie sagen sollte, also blieb sie nur stumm stehen und erwiderte seinen Blick. Er sah sie lange an, ihre dunklen Augen, die immer etwas zerzausten rötlichen Haare, ihre abgenutzte Kleidung. "Aber Nica, wenn du geschwiegen hättest, hätte es mich das Leben gekostet und Johns Mutter auch. Du hast dein Leben aufs Spiel gesetzt, um meins und das einer dir unbekannten Frau zu retten." Fast sachlich sagte er das, während alles in ihm danach rief, ja danach brüllte, sie in die Arme zu schließen und nie wieder gehen zu lassen. Doch er konnte nicht. "Ich bitte dich, nimm ihn als Geschenk. Er hat dich gefunden, du musst ihm einen Namen geben. Und ich bitte dich - komm zurück, wenn du Brownie gefunden hast."
Nica wandte sich dem Pferd zu. "Es gibt nur einen Namen, den er tragen kann," sagte sie leise. Dann sah sie James an: "Fortune's Fool." Sie betrat die Box, wusste, dass dieser Hengst kein Almosen war, sondern dass James recht hatte. Sie legte ihm das Zaumzeug um und führte ihn aus dem Stall. Dort saß sie auf. James stand neben ihr. "Komm bitte bald wieder. Ich habe dir noch etwas zu sagen." Mit diesen Worten wandte er sich ab und ging mit langen Schritten über den Hof.

Nica wollte den Hengst gerade zu einem flotten Trab antreiben, als eine helle Stimme sie zurückhielt. "Warte Nica, warte!" Patricia kam hinter ihr her gelaufen und blieb atemlos neben Fortune's Fool stehen. Dann reichte sie ihr ein Bündel. "Hier, das ist das Kleid, bitte behalte es für dich. Und vergiss nicht, wiederzukommen!"


13. Kapitel: Schwur

Lissya wusste, dass er kommen würde. Sie sah ihn schon von weitem, und ihr Herz begann zu rasen, als sie die so vertraute und dennoch noch so fremde Gestalt näherkommen sah. Als er ganz dicht vor ihr stand, konnte sie die tiefen Schatten unter seinen Augen sehen. Sanft nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in die Hütte. Sie umarmte ihn vorsichtig. Er legte den Kopf auf ihre Schulter, wie um sich von einer langen Reise auszuruhen. "Jetzt bist du hier, John, du hast deinem König die Treue erwiesen und deinem Freund deine Freundschaft. Du hast viel gelitten und viel gewonnen. Silvana wird jetzt bald entlarvt werden - die Kleine Jägerin ist schon auf dem Weg zu ihren Kumpanen - sie kann nicht entkommen. Doch nun sieh mich an, Geliebter - und sage mir, was du siehst." Sie nahm sein schön geschnittenes Gesicht in beide Hände und blickte ihm tief in die Augen. John versank in ihrem Blick, tauchte tief ein in ihre Seele und fand dort tiefe Ruhe, tiefen Frieden mit sich selbst. Fast war es, als würde ein kleines Stück von ihm sterben, doch er wusste, jetzt begann er erst zu leben. Sanft näherte er sich mit seinem Gesicht dem ihren, und als sie sich sanft küssten, war es mehr als ein Liebesbeweis - es war ein heiliger Schwur, den keiner von beiden je aussprechen oder brechen würde.
Stumm standen sie lange so da, ineinander versunken und andächtig. Lissya nahm irgendwann - es kam ihm vor wie eine Ewigkeit - seine Hand. "Wir wollen deine Mutter besuchen. Komm."


14. Kapitel: Verfolgung

Fortune's Fool kam schnaubend vor der großen Hütte zu stehen, und Nica klopfte ihm liebevoll den Hals. Dann stieg sie ab und ging mit wild schlagendem Herzen zum Fenster. Silvana war nicht zu sehen, und so betrat sie die Hütte.
Brownie stürmte auf sie zu, umschlang sie mit beiden Armen und wirbelte sie schwungvoll durch die Luft. "Unser Kind ist wieder da!" brüllte er durch den ganzen Raum, und die Männer stimmten in sein Gejohle ein. Plötzlich war es totenstill. Silvana hatte den Raum betreten. Wie war sie so schnell hierher gekommen? Ein rascher Blick aus dem Fenster brachte fast ihr Herz zum Stillstand. "Chestnut," flüsterte sie tonlos und wollte hinausrennen, doch Silvana versperrte ihr den Weg. "Ja, die Lieblingsstute des Königs," lachte sie hämisch. "Ein lahmer Klepper, aber dennoch wird er sie suchen. Nicht wahr, mein Liebes? Packt sie!" schrie sie gellend, und Brownie erstarrte. "Aber-" setzte er an, doch Silvana hatte ihr schon den Arm auf den Rücken gedreht. Nica konnte nicht reagieren, sie sah nur die gequälten Augen der kranken Stute vor sich. "Sie ist eine Verräterin. Fesselt sie!" befahl sie. Nica warf Brownie einen Blick zu. "Ich habe deinen Sohn getroffen, Brownie. Er liebt dich und-" Silvana schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. "Halt dein Schandmaul!" schrie sie sie an, und Nica spürte, wie ihr etwas Warmes aus der Nase lief. Blut. Brownie sah sie fassungslos an. "Johnny? Wo hast du ihn getroffen?" Silvana trat drohend auf ihn zu, doch der alte Haudegen schob sie beiseite wie einen Vorhang. "Packt dieses hysterische Weib und gebt dem Kind ein sauberes Tuch!" ordnete er an. Zwei der Krieger bekamen die sich windende Silvana zu fassen und fesselten sie an eine Steinsäule. Brownie wischte Nica das Blut aus dem Gesicht. Er selbst war kreidebleich. "Und jetzt erzähle, Kind. Wo hast du Johnny gesehen?"


15. Kapitel: Gelübde

"Als er ganz klein war, hat ihn deine Frau einem alten Lehrer in Pflege gegeben - sie hätte ihn nicht durchbringen können, und John war ein kluger Junge. Er hat oft nach seinem Vater gefragt, doch nie eine Antwort bekommen. Also hat er sich eines Tages auf die Suche gemacht und dich gefunden - bei einer Gruppe rebellischer Kämpfer. Zu dieser Zeit war er jedoch schon längst Junker beim Hof, und er wagte es nicht, dich anzusprechen, aus Furcht, er könnte der Stein des Anstoßes für eine blutige Auseinandersetzung werden. Aber er verfolgte deinen Weg und war stolz auf dich, wann immer er von dir hörte. Doch als der Anschlag auf den alten König verübt wurde und er wusste, was du getan hattest, geriet er in einen teuflischen Zwiespalt. Silvana - sie ist eine Tochter deiner Frau aus zweiter Ehe - erpresste ihn mit ihrem Wissen und nahm Johns Mutter gefangen. Ihr Ziel war die pure Macht. Sie bändelte mit dem jungen König an und wollte sich sein Vertrauen erschleichen. Doch sie ging zu weit. Viel zu früh begann sie John schlecht zu machen - und er witterte Verrat an seinem besten Freund.
Ja, Brownie, dein Sohn ist der beste Freund des jungen Königs. John hat lange gelitten und nicht gewusst, wie er handeln sollte. Doch eine glückliche Fügung hat uns geholfen. Wir haben uns rechtzeitig einander anvertraut."
"Was soll das heißen - einander anvertraut? Was hattest du denn damit zu tun?" fragte Brownie mit ruppiger Stimme, und Nica biss sich auf die Lippen.
"Ich will ehrlich sein, Brownie. Der neue König mag Fehler haben. Ja, er ist sicher nicht perfekt und er ist und bleibt ein König. Aber ich habe noch niemals in meinem Leben jemanden getroffen, dem soviel am Glück anderer liegt. Am Glück und Wohlergehen, Brownie. Du musst mir glauben. Bitte gebt auf. Der König hat es nicht verdient:"
Brownie sah sie aus verschleierten Augen an. Das Bild eines Säuglings tauchte vor seinem inneren Auge auf, das Bild seines ersten Sohnes, den er so bald und so schmählich im Stich gelassen hatte. Das Bild, das ihm immer wieder zum Durchhalten verhalf, wenn die Lage aussichtslos schien. Der Wunsch - nein, die Pflicht - andere, seine Männer, nicht so im Stich zu lassen wie seinen eigenen Sohn.
"Ich will ihn sehen. Ich will mit ihm reden. Nica, führ mich zu ihm. Und dann werde ich mir diesen König mal selbst ansehen."
Doch er kam nicht dazu, die Hüttentür zu öffnen, denn draußen erklang donnernder Hufschlag. "Nein!" ertönte ein gellender Schrei und dann war Totenstille. Nica blickte aus dem Fenster und entdeckte den Highlander. James war soeben abgesprungen und zu seiner Stute gerannt, die mit hängendem Kopf vor der Hütte stand. Ihr brach fast das Herz, doch sie blieb stumm stehen. Durch das geöffnete Fenster konnten sie jedes Wort hören. "Tricia, warte, geh nicht rein. Chest, my dear, oh Götter, was hat sie dir nur angetan..."
Wieder sprang die Tür auf, und nun stand Patricia dort - strahlend schön und bedrohlich wie eine ganze Armada. Sie entdeckte Silvana sofort und ging langsam auf sie zu. "Männer!" sagte sie mit lauter Stimme, und die Krieger fuhren herum. Sie waren gebannt von dieser gefährlichen Schönheit - wie die Göttin der Rache stand sie vor Silvana und stemmte die Hände in die schlanken Hüften. "Ihr hört jetzt besser zu, denn ich sage nicht alles zweimal. Diese Frau hier ist eine Verräterin - sie hat sowohl Euch als auch den König und ihr Land verraten. Sie hat ihre eigene Mutter entführt und gefangengenommen und ihren Bruder erpresst. Sie hat ein unschuldiges Leben aufs Spiel gesetzt und eines vermutlich beendet. Vielleicht werdet Ihr sagen "es war doch nur ein Pferd", ich aber sage - es war ein verdammt unschuldiges Pferd. Es war eine unschuldige Mutter, die Höllenqualen ausgestanden hat, ein unschuldiger Bruder und Sohn und ein unschuldiger Erbe, der nichts verwerflicheres getan hat als der Erstgeborene eines Tyrannen zu sein. Ich bin Patricia, erste dieses Namens aus der Linie von Patrick, dem ersten und Schwester den Königs. Ihr habt zwei Möglichkeiten: entweder ergebt Ihr Euch sofort der Krone und seid von nun an nicht mehr verstoßen, sondern eigenständige Krieger oder Ihr werdet des Landes verwiesen und auf eine noch nicht näher bekannte Insel verschifft! Und zwar noch heute!"
Nica stand zitternd neben Brownie und wagte nicht zu atmen. Niemals war jemand mit diesen Männern so umgesprungen, außer vielleicht Silvana.
Brownie trat einen Schritt vor. Er musterte die junge Frau, die seinem Blick kühl standhielt; dann beugte er das Knie vor ihr. "Mylady, ich schwöre von nun an der Krone die Treue, solange Ihr am Leben seid," sagte er mit lauter Stimme und fügte hinzu: "Mögen die Götter Euch schützen!"
Die anderen Männer folgten seinem Beispiel und knieten ebenfalls nieder. Nica verließ leise die Hütte. Draußen erblickte sie James, der neben seiner Stute kniete. Sie wich geschockt zurück, als sie sah, was er getan hatte. Seine Hände waren blutüberströmt, und Chestnuts Kopf hing leblos herab. Neben ihm lag sein Dolch.
Er sah sie ausdruckslos an. Nica kniete sich neben ihn und schloss der Stute sanft die Augen; Augen, die noch im Tode so sanft blickten. "Sie wird es Euch danken, Majestät," sagte sie fast unhörbar, während aus dem Inneren der Hütte die Treueschwüre zu ihnen hinausdrangen. James reagierte nicht. Erst als sie ihm ihre Hand fest auf die Schulter legte, begann er zu zittern. "Es ist nicht der richtige Augenblick, mein König. Es ist später Zeit zum Trauern. Geht hinein, ich bleibe bei ihr. Sie wird nicht allein sein." Sanft zog sie den König auf die Beine. Er schüttelte sich kurz und ging dann mit schleppenden Schritten in die Hütte, in der die Männer vor seiner Schwester knieten und ihr die Treue schworen. Als sie den jungen Mann mit den blutüberströmten Händen sahen, ging ein erstauntes Raunen durch die Reihen. Patricia nahm seine Hand, ihr war das Blut egal. "Das ist Euer rechtmäßiger König. Gekrönt vom Volk und den Göttern, geboren von Barbara Anna. James, erster dieses Namens aus der Linie von Patrick dem Ersten und erster, der sein Soll als König mit dem Herzen und dem Kopf erfüllen wird." Sie sah ihren Bruder ernst an. "Was soll mit ihr geschehen?" fragte sie ihren Bruder und deutete auf Silvana. James sah die Verräterin aus ausdruckslosen Augen an. Dann fällte er sein Urteil.


16. Kapitel: Rückkehr

Die Hufe des Schecken donnerten über das Holz der Zugbrücke, dicht gefolgt von den starken, aber trägen Pferden der Rebellen. Nica presste ihr Gesicht dicht an den Hals des Pferdes; der scharfe Galopp hatte ihr Tränen in die Augen getrieben. Und nicht nur das - auch der Anlass, aus dem sie das Schloss heute aufsuchte. Zwei Monate waren verstrichen, seit James und Patricia in der Hütte aufgetaucht waren; zwei Monate, in denen sie mit den Männern zusammen das verwilderte Gebiet in eine zivilisierte Gegend verwandelt hatte. Und nun hatte Joseph sie aufgesucht und zur Verlobungsfeier des Königs geladen. Auch John würde heute seiner Braut die Ehe geloben.
Sie brachte die Männer zum Rittmeister, der ihnen gleich Quartiere zuwies. Chestnuts Box stand nicht mehr leer; das Fohlen der Stute Honey stand darin und blickte aus munteren Augen in die Welt. Nica hatte keinen Blick für die Pferde - nicht heute. Sie eilte über den Hof zur Küche und begrüßte Kathleen, die sie herzlich in die Arme schloss. "Kind, endlich kommst du wieder!" rief sie aus und küsste sie auf beide Wangen. Nica lächelte, doch ihr Gesicht war blass. "Ich bleibe nur bis nach der Feier. Das bin ich Sir John und dem König schuldig," erklärte sie pflichtbewusst und setzte sich zu Patrick, der seine Laute stimmte, an den Tisch. Er lächelte sie strahlend an. "Sag mir - welches Lied würdest du für ein so schönes Paar spielen?" fragte er sie mit verschmitzten Augen. Nica hob die Schultern. "Ich kenne sie doch gar nicht. Wie ist sie denn?" fragte sie leise, und Kathleen setzte sich zu ihnen. "Oh, sie ist wundervoll. Ein reizendes kleines Ding, obwohl sie es hassen würde, so genannt zu werden. Patricia hat die Verlobung angeleiert. Eigentlich wollte der König nicht so hopplahopp heiraten, doch sie hat ihn davon überzeugt, dass diese Frau und sonst keine die richtige für ihn ist." Nica schluckte leicht. Nur nichts anmerken lassen, nur nichts anmerken lassen, ermahnte sie sich selbst. Oh Götter, hatte sie sich so in ihm getäuscht? Sie blickte wieder Patrick an. "Ich weiß es nicht," sagte sie leise. Kathleen legte ihr die Hand auf den Arm. "Du brauchst ein Kleid, stimmt's? Schließlich warst du zwei Monate unter Barbaren. Und Patricia wird dir die Haare richten - sie kann das zauberhaft. Nun komm, es sind nur noch zwei Stunden bis zur Feier. Du musst in die Wanne." Sie zog Nica am Arm hinter sich her in einen Waschraum, in dem schon eine große Wanne mit heißem Wasser bereitstand. Zwei Mädchen wuschen ihr die Haare, und Kathleen brachte ihr ein Kleid. Es war aus hellblauer Seide, lang und schmal geschnitten. "Das ist ein Geschenk des Königs!" erklärte Kathleen. "Er möchte dir immer und immer wieder danken. Doch er hat heute selbst keine Zeit." Nica verkniff sich eine verletzte Bemerkung uns stieg in das wunderschöne Kleid. Es passte wie angegossen. Trotzdem fühlte sie sich unwohl. Als Patricia hineinkam und sie herzlich begrüßte, brach sie tatsächlich in Tränen aus. Die Prinzessin hielt sie fest in den Armen und strich ihr beruhigend übers Haar. "Kleines, es wird alles gut," sagte sie nur immer wieder, und Nica schniefte leise. "Verzeih mir," sagte sie mit erstickter Stimme. Patricia lachte leise. "Ist schon gut. Jetzt setz dich hin und schließ die Augen - ich beeile mich."
Nica versuchte sich zu entspannen, doch ein jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie James vor sich - James im Wald auf seinem Hengst, im Stall bei Chestnut, auf der Mauer neben ihr. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie an den zarten Kuss dachte, den sie ausgetauscht hatten.
"So, fertig! Du kannst die Augen aufmachen!" ertönte plötzlich Patricias Stimme. Nica schreckte hoch und blickte in den Spiegel aus poliertem Metall, den sie ihr hinhielt.
Sie erkannte sich kaum wieder. Die schulterlangen Haare waren hochgesteckt, und winzige Blüten waren hineingeflochten. Ihre großen dunklen Augen blickten ein wenig verschreckt, und als sie ein Geräusch von der Tür her vernahm, zuckte sie zusammen.
James kam auf sie zu, ein unsicheres Lächeln auf den Lippen. "Nica, endlich bist du da. Ich dachte, du kommst gar nicht!" sagte er leise und küsste ihre Hand. Wieder überlief sie ein Schauer, doch sie hielt sich standhaft und erwiderte sein Lächeln. "Majestät?" sagte sie und machte einen tiefen Knicks. James zog sie hoch, und einen Augenblick waren sich ihre Gesichter ganz nahe. "Lass das!" sagte er mit rauher Stimme, wie schon beim ersten Mal. Sie sah ihn fest an. "Mein König, Ihr werdet mit solcherlei Etikette leben müssen." Dann wandte sie sich Patricia zu. "Ich erkenne mich nicht wieder. Bin das wirklich ich da in dem Spiegel?"


17. Kapitel

Nica begrüßte John herzlich, der an einem Tisch mit seinem Vater saß. Brownie strahlte über das ganze zerfurchte Gesicht, hatte er nicht nur seinen Sohn, sondern auch seine Frau und eine Schwiegertochter dazugewonnen. "Kindchen, du bist wunderschön!" dröhnte er los, als er sie sah, und Nica lachte verlegen. "Komm, setz dich zu uns," forderte sie John herzlich auf. "Heute wird Joe meinen Platz einnehmen und die Formalitäten beachten müssen - ich bin Ehrengast." Er streichelte sanft Lissyas Hand. Niac bemerkte, wieviel glücklicher John heute wirkte, und sie freute sich aufrichtig für ihn.
"Meine lieben Gäste - der König!" donnerte Josephs Stimme plötzlich los, und alle Köpfe fuhren herum. James trat in Begleitung seiner Schwestern ein und nahm vor seinem Thron Aufstellung. "Setzt Euch, liebe Gäste." er blickte sich in der Runde um und lächelte - immer noch unsicher, aber so war das wohl vor Verlobungen.
"Heute ist ein besonderer Tag!" begann er mit lauter klarer Stimme. "Dreierlei wird geschehen. Zum einen werde ich ein Mitglied des Volkes in den Adelsstand erheben. Zum anderen wird mein treuester Freund und Berater sich verloben. Und zum dritten: Ich schließe mich ihm an!" Gelächter ertönte, und James lächelte etwas gelöster. Innerlich jedoch brodelte er. "Beginnen wir also.
Wie viele von Euch wissen, hat unser Hof und auch unser Land eine schwere Zeit hinter sich, deren Gipfel Verrat und Verbrechen waren. Ohne die Hilfe - nein, ohne das beherzte Eingreifen dreier Menschen wäre diese ganze Sache sicher nicht so schnell zu beheben gewesen sein. Meine lieben Gäste, als Dank erhebe ich Nica von Wolstone zur Baronin von Wolstone. Sie hat sich in der vergangenen Zeit als unverzichtbar für unser Volk erwiesen, und ich möchte ihr so meinen Dank und meine Anerkennung aussprechen. Die Barnonie trägt von heute an einen weißen Wolf im Wappen."
Nica wurde schwindlig. Sie - eine BARONIN? Schwankend erhob sie sich, und Brownie hielt sie am Arm fest, als James auf sie zukam.
Eine große Zärtlichkeit erfasste sie, als er ihr mit ernstem Blick ein Pergament überreichte. Dann trat er wieder zu seinem Thron. "Weiterhin möchte ich bekanntgeben, dass Sir John heute die Verlobung mit Lissya bekanntgegeben hat. Ich bitte um Beifall!"
James' Stimme wurde immer unsicherer, und Nica sehnte sich so sehr nach ihm, dass sie es fast schmerzlich spürte. Nun würde sie erfahren, wer die Frau an seiner Seite sein sollte. Sie ließ den Blick durch die Menge schweifen, doch es blieben nur verschwommene Fetzen zurück.
Als sie wieder zu James blickte, sah er sie eindringlich an. Dann trat er zu ihr und nahm sanft und behutsam ihre Hand.
"Möchtest du meine Frau werden?" fragte er leise. Nica sah in seine blauen Augen, in denen plötzlich wieder Furcht stand. Im ersten Moment war sie versucht, ihm ins Gesicht zu schlagen. Doch dann griff seine Hand nach ihrer. "Ich liebe dich, Nica. Ich liebe dich über alles in der Welt. Und das war es, was ich dir noch sagen wollte. Bitte verzeih."
Sie sah ihm lange in die Augen, versank nahezu in seinem Blick, und plötzlich war sie wieder im Park und saß auf der Mauer. Doch dieses Mal ließ sie ihn nicht wieder gehen. Sie gehörten unwiderruflich zueinander. Langsam schloss sie die Augen und spürte kurz darauf seinen sanften Mund auf ihren Lippen. "Ja," flüsterte sie, kaum hörbar, doch für ihn war es wie ein Fanfarenstoß.


© Kimba (Wieder ein Triumph!!! :o)) )

 

Bar Letter

Last update: 15/10/2000

(Online since: 15/10/2000)

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