Forbidden hidden love

by Kimba   klimbimba@gmx.net

 

Wütend schritt James in seinem Zimmer auf und ab, das er bei seinen regelmäßigen Besuchen auf dem Schloss bewohnte. Dabei wusste er noch nicht einmal, was genau ihn so wütend machte. Die Aussicht auf ein paar zusätzliche Auftritte und Konzerte konnte es nicht sein; dazu hatte er sich schließlich selbst entschlossen. Die Freizeit mit seinen Geschwistern zu verbringen auch nicht, darauf freute er sich seit Wochen, denn er hatte sie alle lange nicht mehr gesehen. Warum also tobte in ihm diese Wut und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen?
Er hätte gern mit Patricia darüber gesprochen, doch sie hatte keine Zeit. Seit Tagen war sie quasi unauffindbar, ständig war sie unterwegs und kam wenn überhaupt erst spät nachts wieder.
James beschloss, seiner Wut durch ein bisschen Sport Luft zu machen und zog sich seine Trainingshose an. Der Basketball lag in der hinteren Ecke seines Schranks, und als er ihn herausgekramt hatte, lief er eilig die Treppen hinunter.
Als er auf dem kleinen Rasenplatz, zu dem auch ein Basketballkorb gehörte, ein bisschen herumgerannt war und imaginäre Gegner geschlagen hatte, ging es ihm ein bisschen besser, doch seine Unzufriedenheit war noch nicht besiegt. Wo steckte diese Frau bloß? Früher hätte er über jeden ihrer Schritte Bescheid gewusst, heute wusste er noch nicht einmal, ob sie ihn überhaupt registriert hatte. Er feuerte den Ball in die Ecke und ging duschen. Auf dem Rückweg begegnete ihm John, der ihn zwar fragend ansah, ihn aber in Ruhe ließ, als James ihn wütend anfunkelte.
Vielleicht sollte er wieder abreisen. Seine Freunde in Dublin würden ihn sicher angemessener behandeln als - sie.

Abends stand ein Konzert in der Stadthalle an, und James ließ seinen gesamten Frust auf der Bühne heraus. Erst als er völlig durchgeschwitzt und erschöpft war, erklangen die ersten Töne von "Please don't go", einem Duett, das er mit seiner Schwester zusammen singen würde. Sie trat nach vorn auf ihn zu und lächelte ihn strahlend an, während sein Magen sich zusammenklumpte. Wieso tat sie jetzt als wäre nichts geschehen? Es war nichts geschehen, antwortete eine innere Stimme, die er jedoch ignorierte. Wütend sang er seinen Part des Lieds und wich dabei ihren Blicken aus, die heute noch viel viel strahlender wirkten als sonst. Was hatte sie bloß?

Nachts klopfte es an seiner Tür. Auf sein brummiges verschlafenes Herein betrat Patricia das Zimmer, in Begleitung eines sympathischen Mannes, der ihn verlegen anlächelte. "Ich wollte dir Dennis vorstellen, Jamie. Ich hatte das Gefühl, dass du sauer auf mich bist und wollte dir nur sagen, dass es absolut nichts mit dir zu tun hat, wenn ich in den letzten Tagen kaum hier war." Sie lächelte ihren Freund an und drückte zärtlich seine Hand. James setzte sich auf. Seine Wut kehrte schlagartig zurück. "Und deshalb holst du mich aus dem Bett? Danke schön, aber ich brauch meinen Schönheitsschlaf, Kleine. Gute Nacht!" sagte er eisig und legte sich demonstrativ wieder zurück. Patricia sah ihn verwirrt an und verließ ein paar Sekunden später wieder das Zimmer. Noch später hörte James draußen ein Auto starten.

Er fand keinen Schlaf in dieser Nacht. Am nächsten Morgen war er schlecht gelaunt und blieb die ganze Zeit in seinem Zimmer, bis das erste Meeting stattfand. Hier bemerkte er, dass auch seine Schwester schlecht geschlafen haben musste. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen wie zu der Zeit, als sie noch sehr krank gewesen war. Mitleid regte sich in ihm, doch er verdrängte es. Schließlich kümmerte sie sich genauso wenig um ihn. Nach dem Meeting verzog er sich wieder in sein Zimmer und begann an einem Drehbuch zu arbeiten, das er schon viel zu lange liegen hatte.
Ein paar Stunden später betrat Patricia ohne zu klopfen sein Zimmer.
"Was hast du, Jamie?" fragte sie ohne Umschweife, und er sah sie mit hochgezogenen Brauen an. "Wieso?" erwiderte er patzig. Ihr Blick wurde traurig, doch sie riss sich zusammen. "Weil du unausstehlich bist, mein Lieber. Ich sag dir eins: Ich habe nicht gemeckert, als du gegangen bist, obwohl ich gelitten habe wie ein Tier. Du bist und bleibst der einzige, mit dem ich reden kann, du bist und bleibst der einzige, der mich versteht. Aber ich glaube, ich verstehe dich nicht mehr. Was habe ich dir denn getan?" fragte sie leise und lehnte sich an seinen Türrahmen. James fühlte sich unter ihrem forschenden Blick mehr als unbehaglich, doch er blieb kühl. "Nichts hast du mir getan, Patty." Er benutzte diesen abgedroschenen Namen absichtlich, um sie zu verletzen, doch warum er ihr wehtun wollte wusste er nicht. Er wusste nur, er konnte ihr nicht mit Wärme oder Freundschaft begegnen.
Sie sah ihn lange an. Dann erwiderte sie: "Jimmy, ich weiß wirklich nicht, was ich dir getan haben könnte. Ich gehe jetzt. Und erwarte nicht, dass ich heute abend was mit dir singe. Dazu hat es mir immer zu viel bedeutet." Dann verließ sie das Zimmer, und James warf ihr ein Buch hinterher, das laut gegen die Tür knallte.

Wochen vergingen, in denen sich die beiden immer weiter voneinander entfernten. James und Patricia litten beide unter dieser Entfremdung, doch keiner konnte etwas daran ändern.
John war der erste, dem auffiel, wie schlecht es seiner kleinen Schwester ging. Eines Abends nahm er sie beiseite und ging mit ihr in sein Zimmer. Dort sah er sie ernst an. "Tricia, Kleines, warum tut er dir so weh? Was ist passiert?"
Als sie die nachdenklichen sanften Augen ihres Bruders auf sie gerichtet sah, so voller Verständnis und Mitgefühl, löste sich der Kloß in ihrem Hals und sie begann zu schluchzen. John hielt sie lange in den Armen, bis sie sich endlich artikulieren konnte. Geschockt hörte er sich ihre Geschichte an. "Ich kann das nicht glauben, Tricia. Warum hast du nie was gesagt?"
Und dann erzählte er es ihr. Die Erleichterung, die er in ihren Augen erblickte, ließ ihn spüren, das richtige getan zu haben.

Das Drehbuch lag unangerührt auf James' Schreibtisch, als es klopfte. Patricia stand wieder in der Tür, doch diesmal lag keine Frage in ihrem Blick. Sie sagte nur einen Satz, der alle Mauern in James zum Einstürzen brachte.
"Bitte schick mich nicht weg."

Wie in Zeitlupe stand er auf und ging auf seine geliebte Schwester zu, die stumm vor ihm stand. Er schloss sie fest in die Arme und zog sie zärtlich an sich. "Ich will dich nie verlieren, Trish," flüsterte er tonlos. Die Zeit verstrich, und er hielt sie immer noch in den Armen, seine Gefühle waren völlig in Aufruhr, und er fühlte sich ohnmächtig, als sie sich fester an ihn schmiegte. Tränen standen in ihren Augen, als sie ihn anblickte. "Warum tust du mir so weh, Jamie? Was habe ich dir bloß getan?" fragte sie mit erstickter Stimme. Er löste sich von ihr und sah sie aus ebenfalls tränennassen Augen an. "Ich kann es dir nicht sagen. Ich kann dich da nicht mit reinziehen. Du würdest es nicht verstehen." Er wollte sich von ihr abwenden, doch sie hielt ihn fest. "Doch, das würde ich, Jamie. Bestimmt.

Ich habe mit John gesprochen, und er hat mir die Wahrheit erzählt. Über dich."

James sah sie geschockt an. Bis heute hatte er gedacht, er wäre der einzige, der über seine Vergangenheit Bescheid wusste. Doch John - natürlich - er musste es wissen, ebenso wie seine anderen großen Geschwister. Patricia konnte sich nicht daran erinnern, sie war nur ein Jahr älter als er.
Doch nie hatte jemand auch nur ein Wort darüber verloren, dass er ein - Waisenkind gewesen war. Bis Barbara Anne ihn bei sich aufgenommen hatte. Ihre Liebe und Fürsorge hatten ihn seine Vergangenheit vergessen lassen. Und nun hatte er schon zum zweiten Mal eine Mutter verloren. Sicher, das alles lag schon Jahre zurück, doch in den letzten Monaten und vor allem in den letzten Tagen hatte er verstärkt an seinen Sonderstand denken müssen. Seit Patricia mit diesem - Dennis - angekommen war. Gut, mittlerweile war Schluss zwischen den beiden, aber seine Eifersucht war übergekocht. Und nun hielt er seine Schwester hier in den Armen.
Seine - Schwester?
Als würde sie seine Gedanken erraten, strich sie ihm zärtlich über die Wange. Er wollte zurückweichen, doch ihre sanften blauen Augen hielten ihn fest. "Tricia, ich kann das nicht ertragen. Es ist nicht richtig." Er senkte den Blick.
Ihre Stimme war sanft und zärtlich, als sie antwortete. "Was empfindest du, Jamie? Was empfindest du für mich?"
In seinem Kopf drehten sich die Gedanken wie ein durchgedrehtes Kettenkarussell. Seine Gefühle waren völlig konfus; und Patricias leichte Berührung an seiner Wange machten ihm die Antwort nicht leichter. Am liebsten hätte er geschrien und sie wieder hinausgeworfen, doch er wusste, diesmal waren sie beide weiter gegangen und würden es nicht mehr rückgängig machen können.
Es war ihm, als hätte jemand anders von ihm Besitz ergriffen, denn seine Stimme hörte sich an, als wäre sie weit, weit weg.

"Ich liebe dich," flüsterte er tonlos.

Es war heraus. Er hatte es gesagt. Er hatte vorher nie gewagt, es auch nur zu denken. Und nun waren die Worte über seine Lippen gekommen. Es war so einfach gewesen. Fast erleichtert schloss er die Augen. Dann hörte er die Tür klappen. Sicher, sie musste gegangen sein. Er hatte sie mit seinen Worten überfallen, verletzt, vielleicht sogar ihre Beziehung zueinander aufs Spiel gesetzt. Nun war sie weg. Doch James konnte sich noch nicht rühren; innerlich spürte er noch fast die Berührung ihrer Hand auf seiner Wange.

Weiche Lippen legten sich auf seine. Als er die Augen wieder öffnete blickte er in Patricias Gesicht. "Ich hab nur die Tür zugemacht," sagte sie leise und umschloss mit beiden Händen sein Gesicht. Dann lächelte sie ihn zärtlich an. "Wir haben eine Menge nachzuholen, Jamie." Plötzlich lag ihr Kopf an seiner Brust, und sie schluchzte hemmungslos. Verwirrt strich James ihr übers Haar. Er nahm sie bei der Hand und führte sie zu seinem Bett. So oft hatten sie hier gesessen und geredet, gekuschelt oder einfach nur geschwiegen. Sanft küsste er ihre Stirn, ihre Lider, ihre Wangen und schließlich - ganz vorsichtig - ihre Lippen. Die Heftigkeit, mit der sie seinen Kuss erwiderte, erschreckte ihn ein wenig, und er ließ von ihr ab.
"Tricia, Tricia, Liebste," murmelte er leise, als sie sich eng an ihn drängte. Sie öffnete die Augen, die vom Weinen immer noch ein bisschen gerötet waren. "Jamie. Halt mich fest und lass mich nie wieder los," erwiderte sie fast unhörbar, und er schloss sie wieder in die Arme. Wie lange hatte er sich gewünscht, sie so in den Armen zu halten, ihren schlanken Körper an seinen geschmiegt; wie oft war er schweißgebadet und mit einem schlechten Gewissen aufgewacht; wieviele Frauen hatte er benutzt, um sich von den Gedanken an sie abzulenken. Und nun lag sie hier bei ihm. Er begann fast ängstlich ihr Gesicht zu streicheln, fuhr mit seinen schlanken Fingern die Konturen ihrer Wangen und ihrer Lippen nach, die sich unter seiner Berührung leicht öffneten. Wieder küsste er sie, und jetzt erwiderte sie seinen Kuss sanft mit verhaltener Leidenschaft. Sie wusste nun, zu wem sie gehörte. Zu diesem Mann, mit dem sie schon immer etwas besonderes verbunden hatte. Zu dem, der sie jetzt hier in den Armen hielt und begann, sie sanft zu streicheln. Der für immer zu ihr stehen würde, egal was passierte. Sie seufzte leise auf, als seine Hand über ihren Hals strich und ganz langsam über ihre Schultern und ihre Arme wanderte.
Ihre Hand griff nach seiner, und lange lagen sie so da, bis sie nebeneinander einschliefen, erschöpft von dem, was sich zugetragen hatte.


Am nächsten Morgen wurde James durch eine leichte Berührung wach. Verwirrt schlug er die Augen auf und erblickte Patricia, die ihren Arm im Schlaf auf seinen Oberkörper gelegt hatte. Sie atmete ruhig, und ihre Lippen waren leicht geöffnet. Sanft küsste er sie, worauf sie ihre Arme um ihn schlang. "Guten Morgen!" flüsterte sie zärtlich und genoss es seine Wärme zu spüren. Ihre Küsse wurden leidenschaftlicher, und sie drängten sich eng aneinander. Jim streichelte ihren Rücken und ließ seine Hände dann unter ihr Shirt gleiten. Ihre Haut war atemberaubend weich und glatt. Sie schmiegte sich verlangend an ihn. "Streichel mich überall, Jamie. Ich sehne mich so nach dir," raunte sie ihm ins Ohr. Er nickte und ließ seine Lippen über ihren Hals streifen, über ihre Schultern und den Ausschnitt ihres Shirts. Patricia sah ihn zärtlich an und nahm dann seine Hand. Sanft streichelte er sie und zog ihr dann langsam das Shirt über den Kopf. Sie war wunderschön. Seine Lippen liebkosten langsam und zärtlich ihre Brüste; seine Zunge umkreiste die Brustwarzen. Leise seufzte Patricia auf und strich mit liebevollen Bewegungen über seinen nackten Rücken. Seine Hände glitten über ihren ganzen Körper, hungrig nach ihrer Liebe und ihrer Leidenschaft. "Hör nicht auf," flüsterte sie. Ihr leises Stöhnen erfüllte ihn mit tiefstem Verlangen, und als ihre Beine seinen Oberkörper umschlangen, konnte auch er sein Stöhnen nicht mehr zurückhalten. Vorsichtig drang er in sie ein, als könnte sie zerbrechen.

Er sah in ihre blauen Augen, die ihn schon so oft angesehen und angestrahlt hatte, sah ihr gerötetes Gesicht, das ihm so vertraut war und die blonden Haare, die seidig ihr Gesicht umrahmten.

Plötzlich entrang sich ein trockenes Schluchzen seiner Kehle. Hastig ließ er von ihr ab und drehte sich auf die Seite. Verwirrt und erschreckt sah sie seine Schultern von verhaltenem Weinen beben. Sanft strich sie über seine warme Haut. "Ich kann das nicht, Tricia - ich liebe dich so verdammt, aber ich kann es nicht." Pure Verzweiflung lag in seiner Stimme, und Patricia musste einmal mehr daran denken, welche Gefühle sie stets überfallen hatten, wenn sie ihm so nahe gewesen war, dass es fast unerträglich wurde. Wie sie sich in seine Arme schmiegen wollte, die so stark schienen und gleichzeitig selbst so viel ersehnten - wie sie stets in seinen blauen Augen versunken war, wenn sie gemeinsam sangen. Und wie schlecht sie sich gefühlt hatte, als sie endlich einen Schlusstrich ziehen und Dennis "vorstellen" wollte. Wie er sie angesehen hatte, mitten in der Nacht, als sie mit ihrem Freund in der Tür stand. Als wäre sie ein Gespenst.
Behutsam zog sie ihn zu sich heran und schloss ihn in ihre Arme. Sie streichelte sanft sein Gesicht und hielt mit der anderen Hand seine Rechte umschlungen, bis sein Schluchzen verebbte. "Es tut mir so leid, Tricia," flüsterte er leise und war hin-und hergerissen von der Wärme, die sie ihm auf der einen Seite gab, und von der Hitze, die in ihm aufwallte. Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen. "Schsch..., sag jetzt nichts, Jamie. Es ist alles gut."
Es war alles so schnell gegangen. Wie überwältigt von der plötzlichen Möglichkeit, sich ihre Gefühle zeigen zu können, waren sie fast ineinander eingebrochen, hatten einander fast überfallen. Und gerade noch rechtzeitig hatte Jim die Notbremse gezogen. Fast war sie erleichtert, dass hier niemals eine Bitterkeit wachsen würde, die überhastete Handlungen sonst hervorriefen. Die Möglichkeit allein ließ sie noch nicht freisein von allen Zwängen, die sie sonst gebunden hatten, immer noch war da etwas zwischen ihnen, dass viel Behutsamkeit und Geduld erforderte.

Es verging eine lange Zeit, in der James und Patricia einander ganz neu kennenlernten; erfuhren, wie sie fühlten, darüber sprechen konnten, wenn sie die Verzweiflung wieder packte und wussten, sie würden mit ihren Gefühlen und Ängsten nie wieder allein sein. Die enge Vertrautheit, die sie schon vorher miteinander verbunden hatte, wuchs langsam heran zu einer Beziehung, in der beide den Schutz und die Zuneigung erfahren konnten, die sie brauchten. Sowohl James als auch Patricia wussten, sie hatten schon eine lange Zeit des Kummers hinter sich und mussten nun nichts überstürzen. Keiner der beiden hatte es nötig, den anderen oder sich gar selbst zu drängen. Das gab ihnen eine Zufriedenheit, die sie nie zuvor gespürt hatten; und wenn sie nebeneinander vor dem Kamin saßen und sich zärtlich die Hände streichelten, fühlten sie sich, als hätten sie die Welt zu ihren Füßen liegen.

Eines Nachts wurde Patricia von einem Geräusch geweckt, das direkt aus dem Nebenzimmer zu kommen schien. Und das Nebenzimmer war Lukes Kinderzimmer. Sie wollte sich gerade auf die andere Seite drehen, da sie vermutete, dass Tanja zum Stillen aufgestanden war, doch dann vernahm sie wütend geflüsterte Worte. Eilig und leise stand sie auf und legte ihr Ohr an die Wand. Diese Stimmen hatte sie noch nie gehört. 'Einbrecher,' schoss es ihr durch den Kopf, und kurzentschlossen packte sie das nächstbeste, nämlich das Rohr des Staubsaugers, und verließ leise ihr Schlafzimmer. Die Tür zu Lukes Zimmer war nur angelehnt, und sie konnte jedes Wort verstehen. "Nun los, hol ihn schon raus - sei nicht so zimperlich!" "Und wenn er schreit?" "Dann knebeln wir ihn eben. Jetzt beeil dich!" Patricia stand starr vor Schreck vor der Tür. Dann dachte sie nichts mehr und handelte blind.
Eine Stunde später saß sie völlig unter Schock in der großen Wohnküche und ließ sich von Joey einen heißen Tee einflößen. Jim hielt sanft ihre Hand und massierte leicht die kalten Finger. Tanja hielt Luke in den Armen und schien gar nicht zu merken, dass ihr die ganze Zeit Tränen der Erleichterung über die Wangen liefen. John und Kathy waren mit den Polizisten im Salon.
Es war schon fast wieder hell, als Patricia mit bleiernen Gliedern ins Bett fiel. Kurz darauf klopfte es an ihrer Tür. Tanja trat ein und setzte sich auf ihre Bettkante. "Pat, ich wollte mich nur noch mal bedanken. Wenn du nicht gewesen wärst -" wieder traten ihr Tränen in die Augen, und sie griff nach Patricias Hand und drückte sie ganz fest. Dann stand sie wieder auf und verließ das Zimmer.
Doch Patricia konnte nicht einschlafen. Immer und immer wieder hatte sie dieses Horrorszenario vor Augen, die beiden Entführer mit dem Baby auf den Armen und sie, die einfach losgeschlagen hatte. Zu der Zeit hatte sie keinerlei Angst verspürt, doch jetzt, als die ganze Anspannung von ihr abfiel, begann sie zu zittern.

"Jamie?"
Jim fuhr hoch. Bis eben hatte er wach gelegen und überlegt, ob er zu Patricia gehen und noch ein bisschen mit ihr reden sollte - doch dann hatte er es verworfen - sie stand noch zu sehr unter dem Schrecken und brauchte ein bisschen Schlaf. Doch jetzt war sie zu ihm gekommen, stand in der Tür und sah ihn aus ängstlichen blauen Augen an. "Hm?" erwiderte er leise und reichte ihr die Hand. Sie schloss die Tür und kroch zu ihm unter die warme Decke. "Ich will heute nacht nicht allein sein," sagte sie nur, und er schloss sie fest in die Arme. "Dann komm her, Miss Lebensretterin!" lachte er leise und deckte sie beide zu. Sie kuschelte sich eng an ihn und spürte seinen Herzschlag unter dem blauen T-Shirt, das er stets zum Schlafen trug. Ruhig und gleichmäßig schlug es - bum-Bum, bum-Bum.
Sie erwachte spät am nächsten Mittag, als Jim schon wieder am Schreibtisch saß und ein Drehbuch bearbeitete - es war immer noch dasselbe. Das blaue T-Shirt lag auf seinem Kopfkissen, und sanft streichelte sie es, als würde er es noch am Körper tragen. Als er sich umdrehte und sie in seinem Bett liegen sah, lächelte er zärtlich und kam zu ihr. "Gut geschlafen?" fragte er leise und strich ihr eine verirrte Haarsträhne aus der Stirn. Sie nickte und richtete sich im Bett auf. Dabei rutschte ihr der dünne Träger ihres Nachthemds von der Schulter. Sanft küsste Jim die nackte Stelle ihrer Haut und sog begierig ihren Duft ein. Sie legte ihm die Arme um den Hals und den Kopf auf die Schulter. "Geliebter..." flüsterte sie leise und küsste ganz leicht seinen sonnengebräunten Nacken. Die feinen Härchen am Haaransatz richteten sich unter der Berührung ihrer Lippen auf, und sie strich sanft mit den Fingern darüber. "Dass du sowas weiches, zartes an dir hast..." Sie lächelte zärtlich und sah ihm in die blauen Augen, die fest auf sie gerichtet waren. "Komisch, hm? Stay rude stay rebel!" verhöhnte er sich selbst und streichelte gedankenverloren die zarte Haut ihrer nackten Oberarme. Sie schauderte. "Rebel ja - aber rude?" Sie lachte leise. "Patricia," murmelte Jim leise. "Hm?" Er schüttelte den Kopf. "Ich wollte nur deinen Namen sagen!" erwiderte er, ganz versunken in ihren Anblick und die Gefühle, die ihre Nähe in ihm auslöste. Es war immer noch neu für ihn, sich so zu einer Frau hingezogen zu fühlen, sich so fallenzulassen und mit all seiner Hingabe zu lieben. Doch er wusste, es war der einzige Weg, den er gehen wollte. Sie berührte sanft seine Lippen mit den Fingerspitzen. "Ich würde dich gern küssen, Jamie," sagte sie mit zitternder Stimme. James nickte. "Dann tu es!"
Ganz langsam näherte sich ihr Mund dem seinen, und als er endlich ihre leicht geöffneten Lippen auf seinen spürte, seufzte er leise und schloss die Augen. Ihre Hände lagen leicht auf seinen Schultern und begannen nun mit einer Wanderung über seine Arme, seinen Hals und seinen Oberkörper. Er umfasste ihre schmale Taille. "Oh Gott," flüsterte er heiser, als sie wieder seinen Nacken mit den Lippen liebkoste. Nie in seinem ganzen Leben hatte er eine solche Erregung verspürt, nie ein so großes Begehren einer so geliebten Person gegenüber.
"Warte, ich schließe die Tür ab." Rasch erhob sich Patricia und drehte den Schlüssel im Schloss herum. Jim blickte ihr entgegen, wie gebannt von ihrer Schönheit. Stumm stand er auf und zog sie in seine Arme. So hatten sie Wochen zuvor an der selben Stelle gestanden, voller Angst und Furcht, in einem Gewitter der Gefühle. Wieder schloss er die Augen, und wieder öffnete er sie, als er ihre weichen Lippen spürte.

"Ich liebe dich," sagte er laut.


© Kimba (Phantastisch!!)

 

Diese Story ist mit folgendem Award ausgezeichnet:

Story-Award 06/2001 Kimba


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Last update: 04/09/2000

(Online since: 04/09/2000)

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