Dublin

by Kimba   klimbimba@gmx.net

 

Jim hasste es, von den Frauen im Publikum begehrt zu werden. Er hasste es, wie sie ihn ansahen. Deshalb war er gegangen. Diese leere Gier in den Augen der Mädchen, als wäre er Ecstasy und kein Mensch. Deshalb lebte er jetzt in Dublin. Deshalb saß er jetzt hier im Pub und trank Bier, und niemand würde ihn dabei fotografieren.

"Entschuldige." Eine rauchige Stimme sprach ihn von der Seite an, mit dem kehligen gälischen Unterton im Dialekt. Jim fuhr herum. Die Frau, die vor ihm stand, lächelte verlegen. Ihre grünen Augen waren tief wie das Meer und unergründlich wie das Moor. Sie trug Jeans und ein Kapuzenshirt. Ihre langen rostroten Haare waren hochgesteckt. "Die Perle von Irlands Krone!" entfuhr es ihm leise. Sie lächelte. "Bitte?" "Nichts," beeilte sich Jim zu versichern und war froh, doch ab und zu ins Deutsche zurückzufallen. Sie lächelte jetzt nicht mehr, sondern sah ihm nur lange ins Gesicht. "Möchtest du tanzen?" fragte sie dann leise, und er - er hatte es ewig nicht getan - nickte. "Gern."

Es war, als wäre er jetzt erst heimgekehrt. Tanzen - es war ihm nie besonders wichtig gewesen, doch hier und jetzt, mit diesem Mädchen in den Armen, erschien es ihm genau richtig. Er fühlte, wie die ganze Last seiner Vergangenheit und alle düsteren Gedaken von ihm abfielen, fühlte nur noch Lebendigkeit und ein bisschen Wehmut darüber, dass das alles irgendwann in den folgenden Minuten vorbei wäre.

"Wie heißt du?" fragte sie ihn in einer Pause, in der sie ein Bier tranken. Ihre Wangen waren gerötet, doch ihre Augen strahlten.

"Jim," antwortete er, und sie betrachtete seine Züge genauer. Die blauen Augen schienen sich bei seinem Namen ein wenig zu verschleiern, doch er lächelte weiterhin. Schon oft hatte sie ihn beobachtet, hatte geahnt, sie würde ihn irgendwann ansprechen. Immer wenn sie ihn erblickte, raste ihr Herz schneller, doch bisher hatte sie nie gewagt ihn anzusprechen. Bis heute. Da hatte er ein solches Verlangen nach Nähe im Gesicht gehabt, dass sie nicht anders gekonnt hatte. Seine Hände hielten ruhig das Glas, während er ihren Blick erwiderte. "Es war wunderschön, mit dir zu tanzen -" "Meg" sagte sie nur und nickte. Dabei blickte sie wieder auf seine Hände, die schlank und gleichzeitig kräftig waren, auf seinen schön geschnittenen Mund, seine etwas traurigen blauen Augen. "Warst du schonmal in Deutschland oder Holland? Oder in Österreich oder Belgien?" fragte er sie plötzlich mit rauher unsicherer Stimme, und sie schüttelte erstaunt den Kopf. Von ihrer Antwort schien ihm viel abzuhängen, denn er wirkte sehr erleichert, als sie verneint hatte. Doch sie bohrte nicht weiter nach und ließ ihn schweigen. Bis er zögernd nach ihrer Hand griff und sie sanft küsste. Eine Gänsehaut raste ihr über den ganzen Körper, so sanft war die Berührung seiner Lippen. "Wofür war der?" fragte sie leise, und er lächelte. "Für dich. Nur für dich." Er hielt ihre Hand in seiner und sah ihr lange in die Augen, nachdenklich lächelnd und zärtlich. Sie wünschte sich, von ihm in den Armen gehalten zu werden - für immer.

Da war keine leere Gier in ihren Augen, nur liebevolles Verstehen und die Lust, bei ihm zu sein. Jim trank seinen letzten Schluck Bier. Die Musiker spielten jetzt ein trauriges altes Volkslied, und er zog sie mit sich auf die Tanzfläche. Langsam bewegten sie sich zur Musik, die ihn innerlich berührte, wie es bei ihm noch nie der Fall gewesen war. Tränen traten ihm in die Augen, Tränen der Erleichterung und der Sehnsucht, und er verfluchte sich für die Zeit, die er vergeudet hatte, um für andere den Clown zu spielen, der er einfach nicht war. Sanft umfasste er mit den Händen ihr Gesicht und küsste zärtlich ihre Lippen. Sie erwiderte seinen Kuss mit derselben Zärtlichkeit und nahm sein Gesicht in beide Hände. "Jamie," flüsterte sie leise, und er nickte. Das war er. Und das würde er bleiben. Für immer.


ende


© Kimba (Schön!)

 

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Last update: 07/07/2000

(Online since: 07/07/2000)

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