Der Wolf

by Kimba   klimbimba@gmx.net

 

(für alle, die John so lieben wie er ist)


John schlenderte langsam durch die nächtlichen Straßen von Köln und summte innerlich ein Lied, das eigentlich noch gar keine Melodie hatte. Er genoss diese Abende, an denen er allein unterwegs sein konnte und die Stadt so normal schien, als hätten sie niemals eine Platte aufgenommen. Der Kapuzenpulli schützte ihn vor neugierigen Blicken, und seine Haare waren im Nacken zu einem Zopf geflochten. Seit langem wollte er mal wieder in die kleine Pianobar, die zu dieser Zeit sicher nicht von Fans bevölkert war, die ihn und seine Gedanken und Gefühle nicht in Ruhe ließen. Er setzte sich an einen kleinen runden Tisch und bestellte sich Wein. Dann lehnte er sich zurück und genoss das Geklimper des Pianisten. Endlich ein paar Wochen Ruhe...

Doch sein Instinkt sagte ihm, dass er beobachtet wurde. Seufzend und unauffällig blickte er sich um und entdeckte am Nebentisch eine Frau, die ihn ebenso unauffällig musterte. Doch sie wich seinem Blick aus, also lehnte er sich wieder zurück. Doch mit der Ruhe war es jetzt aus, da er wusste, sie beobachtete ihn. Er verzog das Gesicht und lächelte die Frau an, innerlich eher auf ein Bringen wir es hinter uns eingestellt. Sie erwiderte sein Lächeln, machte jedoch keine Anstalten, ihn anzusprechen. Als sie aufstand und ging, breitete sich in ihm ein Zwang aus, ihr folgen zu müssen.

Draußen war der volle Mond über der Deutz-Brücke das erste, was ihm auffiel. Wie magisch angezogen ging er in Richtung Rhein und stoppte erst, als er ein markerschütterndes Heulen vernahm. Eine Gänsehaut rieselte ihm über den Rücken, doch statt umzukehren und in das erstbeste Taxi zu springen, folgte er dem unheimlichen Geräusch. Erst an einer kleinen Vorstadtkneipe, die am Rande einer Seitenstraße lag, kam er der Quelle des Heulens auf den Grund.

Am nächsten Morgen wachte John in einer Zelle auf. Er war verwirrt und wusste nicht, wo er war, doch der Neonlichtschein und der Polizist, der vor der Zelle saß, machten ihm schnell klar, dass die Nacht nicht ganz so verlaufen sein musste, wie er es sich vorgestellt hatte.

Der Boden unter ihm war kühl, und er wollte sich gerade erheben, als ihm etwas erschütterndes bewusst wurde: Er war splitternackt!

Als der Polizist bemerkte, dass sein "Gast" wach war, stand er auf und kam zur Gittertür.

"Na, Verrückter, wieder klar im Kopf?" brummte er fast gutmütig, und John sah ihn verwirrt an. "W-Was ist passiert?" fragte er vor Kälte bibbernd, doch der Dicke hob lediglich die Schultern. "Ham dich heute morgen vor der Jugendherberge aufgegriffen, wie du nackt vor den Fenstern rumgesprungen bist. Kannst froh sein, dass die grad renovieren und keine Gäste ham, Verrückter. Macht sich nich gut, sowas."

John wurde schwummrig, und er setzte sich wieder auf den kalten Boden. "War ich so voll?" fragte er sich selbst, und der Polizist grinste. "Musst wenig vertragen, Junge, du hattst nichmal 0,4 Promille. Lass das Saufen lieber sein." Dann erinnerte er sich an seine Pflichten und besorgte John einen alten Jogginganzug aus Nylon. Er forderte ihn auf, seine Aussage zu machen und zu unterschreiben und ließ ihn dann zu Hause anrufen.

Doch wem sollte er das alles erzählen?

Kathleen würde ihn endlos zusammenstauchen und ihn zukünftig überwachen wie ein Schießhund; Tricia hatte im Moment genug eigene Sorgen, Jim war wieder mal unterwegs, Joe wurde von Maite zu einem Wettkampf begleitet. Blieben nur noch drei seiner Geschwister.

"Hi Patrick. Hör zu, kannst du mich abholen und ein paar Klamotten mitbringen?"...

Sein jüngerer Bruder sah John nachdenklich und lächelnd an, als er ihn auf der Wache abholte. Sein sonst so sanftes Gesicht war übernächtigt, Sorgenfalten hatten sich um seinen Mund eingegraben. Und da war etwas in seinen Augen - Patrick konnte es nicht deuten, doch ihm war sofort klar-

Sein großer Bruder machte ihm Angst. Er wich seinem Blick aus, der sonst herzlich und voller Wärme war, heute jedoch gehetzt und wild wirkte. Schweigend fuhren beide nach Hause zurück. Patrick hatte den anderen nichts erzählt, doch sie alle bemerkten in den nächsten Tagen die Veränderung, die mit John vorging. Er sprach mit kaum jemandem ein Wort, schlief morgens bis in die Puppen und wirkte stets angegriffen und scheu. Selbst Kathleen, die sich noch nie von irgendjemandem hatte einschüchtern lassen, wagte es nicht, John auf sein merkwürdiges Verhalten anzusprechen.

John selbst bemerkte seine Wandlungen mit Furcht und Schrecken. Wenn er abends schlaflos im Bett lag und er sich nicht wie sonst mit dem Gedanken an neue Texte oder Melodien ablenken konnte, sondern nur aus dem Fenster starrte und von den Wolken beunruhigt war, die den Mond verdeckten, der stetig abnahm, wurde er von innerer Unruhe getrieben, die ihn aufscheuchte und unstet im Schloss umherirren ließ. Nur zu oft fanden seine Schritte dann den Weg in den Keller, dessen Kühle ihn beruhigte und dessen Finsternis ihn nicht mehr an die Wolken denken ließ.

Tagsüber war er schlapp und müde. Er nahm kaum noch an gemeinsamen Unternehmungen teil und auch die Konzerte waren ihm schon fast zuviel.

Eines Abends auf einem Open-Air jedoch - die Geschwister sollten als Headliner und somit als letzte auftreten, fühlte er seine Energie zurückkehren, spürte sein Blut in den Adern pulsieren und betrachtete seine Geschwister mit ganz neuen Augen. sah die Leere in ihnen, die Gefahr, die von dieser Leere ausging und wusste plötzlich, ihm war in dieser Nacht ein Geschenk gemacht worden, das ihm neues Leben einhauchte. Von seinen Lippen kam ein leises Knurren.

Als Joey nach vorn trat und "The Wolf" anstimmte, ein Lied, das John sonst nur am Rande berührt hatte, weil seine Wildheit ihm so fremd war, brach dieses Leben plötzlich über ihn herein, und als die Wolken davontrieben und den fast wieder vollen Mond freigaben, leuchteten seine blauen Augen wild auf; sein Geheul war ursprünglich und so infernal, dass das gesamte Publikum schwieg - ergriffen und auch geschockt. Joey brachte das Lied zuende, heute jedoch ohne seine üblich "Maxi-Version" und Kunststückchen, zu erschrocken war er über seinen älteren Bruder, der dort am Mikrofon stand und heulte. Sicher, es war erschütternd und überwältigend - er schien plötzlich die ganze Wut, die sich in seinem ganzen Leben in ihm aufgestaut haben mochte, hinauszubrüllen, doch - wenn Joey es heute hätte ausdrücken sollen, würde er sagen, dort hätte plötzlich jemand anders gestanden. Eine ganz andere Person, von der er noch nicht einmal wusste -

ob sie überhaupt eine Person war.

Die Krisensitzung am nächsten Morgen war längst überfällig, und selbst Jim war angereist, weil er seinen Geschwistern einfach nicht glauben konnte, was mit John geschehen sein sollte.

John schlief noch; Patrick hatte ihn die ganze Nacht im Haus herumtigern hören, es jedoch nicht gewagt, ihm nachzugehen. Die sonst so unerschrockene Maite war zu Patricia ins Bett gekrochen wie früher bei einem Unwetter, und selbst Joey hatte die Nacht mit dem Baseballschläger unter dem Kissen verbracht.

Jim kam mit einer großen Tüte Brötchen und der Morgenzeitung herein. Unter "Vermischtes" fand er einen kleinen Artikel mit der Überschrift "Tierische Kellys sorgen für Trubel", in dem Johns Ausbruch als "neues Konzept" dargestellt wurde. "Witzig," brummte Patrick und schüttete die Brötchen in einen Korb, während Patricia allen Kaffee eingoss. Das gemeinsame Frühstück verlief in einer insgesamt ziemlich miesen Stimmung, die Sitzung sollte danach stattfinden. John schlief immer noch.

Barbara Ann war die erste, die das Wort ergriff. "Könnte es sein, dass er krank ist? Und es uns nicht erzählen möchte? Ich meine, vielleicht macht er sich Sorgen um seine Gesundheit," begann sie zögernd, doch Patrick schüttelte den Kopf. "An dem Abend, als er allein weggegangen ist - wie er das eben manchmal so macht - war er super drauf und hat sich auf die Nacht gefreut. Mal wieder allein zu sein und Musik zu hören, ..." er trank einen Schluck. "Und am nächsten Morgen war er so verändert. Das kann nicht sein, Barb'. Ihm muss in der Nacht etwas passiert sein. Etwas verdammt beschissenes."

Joe grinste. "Der Jogginganzug war zwar schlimm, aber so schlimm nun auch wieder nicht!" frotzelte er halbherzig, und Patricia trat ihm unterm Tisch ans Schienbein. Laut jaulte er auf.

Sie rätselten und rieten herum, doch niemandem fiel etwas ein. Gewaltverbrechen, Überfall, Liebeskummer, es konnte alles sein. Doch nichts passte zu dem seltsamen Verhalten, das John beim Konzert an den Tag gelegt hatte. "Vielleicht sollten wir bei der Polizei fragen, wo sie ihn gefunden haben," überlegte Patrick laut. "Schließlich müssen wir da ansetzen. Er erinnert sich ja angeblich an nichts." Jim nickte. "Das ist vielleicht echt nicht dumm. Fragt sich nur, ob die uns was verraten."

"Ob wer euch was verrät?" Die raue Stimme, die plötzlich von der Küchentür her erklang, war erschreckend wild und furchteinflößend. Alle Köpfe fuhren herum, und Jim, der Johns Veränderungen nicht schrittweise miterlebt hatte, fuhr der Schreck in die Glieder.

Vor ihm stand kein Mensch mehr. Er musste an Filme über Wolfsmenschen denken, die fernab jeglicher Zivilisation aufgewachsen waren, an Kasper Hauser, an Nell -. Johns lange Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, er schien sich seit Wochen nicht rasiert, gekämmt oder gewaschen zu haben. Seine blauen Augen hatten ihren Glanz verloren und blitzten ihn nun gefährlich schimmernd an. Etwas schien in ihm zu gedeihen, das nicht mehr menschlich war. Seine Bewegungen waren geschmeidig, doch es waren nicht mehr die eines Tänzers, sondern die eines Tieres, das auf der Jagd war. Ein weiterer Film flimmerte vor James' innerem Auge auf, und dieser trug den Titel American Werewolf. Die Geschwindigkeit, in der seine Gedanken ihm nun durch den Kopf rasten, machte ihn fast schwindlig, und klirrend stellte er seine Tasse ab. Langsam stand er auf und ging auf seinen Bruder zu. "Oh nein. Darüber kann uns auch die Polizei nichts verraten, Johnny. Wir sind in einem verdammten Film gelandet." "Wieso?" knurrte John und wich ein Stück zurück, als Jim nach seinem Arm griff. "Komm mit," lockte er ihn in die Küche. John wollte nach seinem Bruder schnappen, doch ganz tief in seinem Innern spürte er noch die Blutsbande, die sie verband und folgte ihm widerwillig. Auch die Leere, die er bei seinen anderen Geschwistern Tag für Tag spürte, war hier einem Lebenswillen gewichen, der ihn fast unangreifbar machte.

Angelo, Maite, Patrick, Barbara Ann, Joseph, Patricia und Kathleen verfolgten jeden einzelnen seiner Schritte ängstlich gebannt. Jim öffnete das Tiefkühlfach des Kühlschranks und nahm eine Packung rohe Leber heraus, die eigentlich für die Katzen bestimmt war. Er wollte gerade die Folie entfernen, doch da hatte ihm John das Paket schon aus der Hand gerissen und war im Begriff, den Inhalt zu verschlingen. In seinen Augen stand grenzenlose Gier.

Patricia wurde nicht als einziger schlecht, doch sie war die einzige, die den Kopf behielt und sich John näherte. "Wir werden dich jetzt einsperren, John," sagte sie leise, aber bestimmt. "Wir werden dich nicht wieder herauslassen, bis der Mond abnimmt. Und dann werden wir eine Lösung gefunden haben. Du wirst zu uns zurückkehren können." Sie griff nach seinem Arm. "Packt ihn!" schrie Jim plötzlich und fand sich plötzlich in einem kämpfenden Knäuel wieder, dessen Zentrum John war. John, der sich sonst um jede körperliche Auseinandersetzung gedrückt hatte; John, der Sonnenuntergänge liebte; John, der lieber selbst litt als andere zu verletzen;

John, der jetzt kratzte und um sich schlug und versuchte zu beißen. Nur mit vereinter Kraft schafften es die Geschwister, ihn kampfunfähig zu machen und in den Keller zu transportieren. Es gab nur einen Raum ohne Fenster, und das war eine Zelle, die vielleicht zwei mal zwei Meter maß. Doch das dicke Schloss und die Eisentür waren mehr als geeignet, John festzuhalten. Sämtliche Türen, die vom Keller wegführten, wurden verriegelt und verrammelt, und vor die Kellertür wurde das Klavier geschoben. Die verbliebenen acht Geschwister setzten sich wieder um den Küchentisch. Der Kaffee war kalt, und nur das blutige Papier auf dem Fußboden erinnerte an den Beginn des Kampfes, der hier kurz zuvor stattgefunden hatte.

Plötzlich brach Barbara Ann in Tränen aus, und Angelo legte ihr unbeholfen den Arm um die Schultern. "Oh Gott, er war so - so furchtbar!" schluchzte sie leise, "ich hatte schon die ganze Zeit Angst, aber als Jimmy die Wahrheit sagte, wusste ich plötzlich, ich hatte es die ganze Zeit geahnt." Kathleen schüttelte den Kopf. "Ich glaube, ich wache gleich auf und habe einen schrecklichen Alptraum gehabt. Ich kann es nicht fassen. Sowas passiert doch sonst nur in Filmen..."

Patrick nickte, schreckensblass im Gesicht. "Ausgerechnet er, der sonst so warmherzig ist und keiner Fliege was zuleide tut." "Watch out children!" versuchte Joseph einen schwachen Scherz, doch seine Geschwister sahen ihn so scharf an, dass er den Mund hielt. Ihm war auch eigentlich nicht nach Witzen zumute.

Wieder war es Patricia, die den Kopf oben behielt. "Wir können hier nicht rumsitzen und warten, dass eine gute Fee kommt. Wir müssen handeln. Wir sind in einem Film gelandet, also müssen wir das Drehbuch weiterschreiben." Ihre blauen Augen blickten jedoch ebenso ratlos wie die der anderen. "Wenn ich nur wüsste wie..."

Jimmy zog die Nase kraus. "Vielleicht fällt mir was ein. Ich hab schon 'n paar solche Streifen gesehen. Du kannst einen - Werwolf - mit einer silbernen geweihten Kugel töten." Klatsch, machte es, und Patricia hatte ihrem geliebten Bruder eine schallende Ohrfeige verpasst. Verblüfft wollte er sie ansehen, doch sie hatte schon die Küche verlassen und wütend die Tür zugeknallt. "Tut mir leid," brummte er und folgte seiner Schwester nach oben. Leise klopfte er an ihre Zimmertür. "Verschwinde!" hörte er sie nur brüllen, doch er kümmerte sich selten darum, was andere ihm befahlen. Leise drückte er die Klinke herunter. Die Tür war nicht abgeschlossen. Patricia lag lang auf dem Bett, das Gesicht im Kopfkissen vergraben. Ihre Fäuste hämmerten auf die Matratze. Jim setzte sich auf die Bettkante und strich ihr übers Haar. "Hau ab!" verlangte seine Schwester mit erstickter Stimme, doch er blieb, wo er war. "Du glaubst doch nicht dass ich das ernst gemeint hab, Tricia?" fragte er leise, und sie wandte sich zu ihm um. Ihre Augen waren trocken, doch der Schmerz darin war nicht zu übersehen. "Ich weiß überhaupt nichts mehr. du hast gesagt, wir sind in einem verdammten Film gelandet. Dann kann es durchaus sein, dass einer plötzlich zum rücksichtslosen Arschloch mutiert, das seinen Bruder töten würde." Jim schwieg eine Weile. "Oder seine Schwester verlassen, hm?" sprach er ihre Gedanken aus. "Das ist jetzt nicht wichtig," antwortete sie und setzte sich auf, der Blick verschleiert und die Hände zittrig. Jim ergriff sie und drückte sie behutsam. "Doch, das ist immer wichtig. Tricia, ich habe nicht dich verlassen. Ich bin immer für dich da, egal, was passiert. Und das weißt du.

Und ich würde auch keine geweihte Kugel auf unseren Johnny abballern, selbst wenn ich ihn sein Leben lang im Keller einsperren müsste - niemals. Und das weißt du auch." Patricia nickte schweigend, und nun wurden ihre Augen feucht. "Jamie," sagte sie leise und umarmte ihren Bruder ganz fest, "ich habe Angst." Jim hielt sie fest und nickte. "Ich auch," erwiderte er mit zitternder Stimme. Seine Schwester küsste ihn auf die Stirn. "Wir müssen wieder runter. Ich glaube, du warst mit deinen Ausführungen noch nicht ganz zu Ende, oder?"

In der Küche waren alle in eine heftige Diskussion vertieft. Doch der Tag schritt immer weiter fort, und niemand kam auf eine fruchtbare Idee. Geweihte Silberkugeln, verrammelte Keller und sonst gar nichts waren die einzigen Rezepte gegen Werwölfe, die allen bekannt waren. Die Gesichter der Geschwister waren bleich vor Sorge um ihren Bruder, als sie sich nach einem kurzen Mittagessen in die Zimmer zurückzogen.

Stille breitete sich im Haus aus, und Angelo, der eigentlich hatte lesen wollen, konnte sich nicht konzentrieren. Ihm war diese Stille unheimlich. Als sein Blick auf den PC fiel, der auf seinem Schreibtisch stand, huschte ein leichtes Lächeln über sein Gesicht. Keine zwei Minuten später war er im Netz.

John, der im Keller eingesperrt war, war außer sich vor Wut, und obwohl er noch ein bisschen rationales Denken erübrigt hatte, fiel es ihm schwer, an seine Geschwister zu denken, ohne in ein tiefes Knurren auszubrechen. Doch er spürte, noch war es Tag. Erst wenn der Mond am Himmel stände, würden alle seine Triebe wachwerden. Das Blut rauschte in seinen Ohren, je tiefer die Sonne am Himmel stand, und als der letzte Funken Tageslicht verschwand, begannen seine Schmerzen. Sein Körper begann sich zu verformen, die Knochen im Leib drohten ihn von innen zu zersprengen. Doch mit dem Schmerz kam auch die Lust mit dem Mond zu rennen, ihn anzuheulen und den Menschen den Rücken zu kehren, wenn er seinen unbändigen Hunger gestillt hätte. Mörderische Instinkte machten sich in ihm breit, während über ihm in der großen Küche Stille eingekehrt war.

Soeben hatte Angelo einen Bericht vorgetragen.

"Werwölfe kommen in der heutigen Zeit äußerst selten vor. Das liegt vor allem darin begründet, dass das natürliche Wesen der Wölfe den Menschen der Neuzeit mehr als fremd geworden ist. Einem Rudel anzugehören, das gemeinsam auf Jagd geht und dem der Zusammenhalt als Existenzgrundlage dient; den Kreislauf der Natur in sich aufzunehmen und sich seinen Gegebenheiten anzupassen, all das ist immens schwierig in den Zeiten, in denen zu jeder Zeit alles zu haben und zu erfahren ist und in denen sowohl in der Nacht als auch am Tag das Existieren möglich ist. Werwölfe sind nicht mit Menschen und auch nicht mit Wölfen gleichzusetzen; sie sind eine Verirrung beider Spezies. Vereinigen sich die wütenden Triebe eines Wolfes, die er zur Jagd benötigt, mit der Furcht und Einsamkeit eines Menschen, und geschieht dies in höchster Konzentration, so wird diese Person zum Werwolf. Dieser wird ab sofort nur noch getrieben von der Lust zu jagen und zu töten - und dann der Einsamkeit anheimzufallen. Der Vollmond bietet den größten Nährboden für diese explosive Mischung, und sobald ein Mensch, der auch nur ansatzweise diese Gefühle in sich vereinigt, einem Werwolf begegnet, wird er von ihm angefallen und verwandelt sich selbst in eins dieser armseligen Geschöpfe."

Er räusperte sich, bevor er fortfuhr. "Die landläufige Meinung, ein Werwolf wäre nur mit Silberkugeln zu töten und würde sich nur bei Vollmond verändern und ansonsten ein völlig normaler Mensch bleiben, sind hinfällig. Werwölfe werden auch im Alltag zusehends anders, vernachlässigen sich selbst und ihre Familie, der sie jedoch nie etwas antun würden, es sei denn, eins der Mitglieder wäre krank oder hinfällig. Sie vereinsamen und verlieren den Kontakt zum eigenen Menschsein, bis sie sich nur noch verkriechen und lediglich bei Vollmond auf die Jagd gehen.

Einem Werwolf kann geholfen werden. Dies steht unverrückbar fest. Doch diese Hilfe ist nur unter verschiedenen Bedingungen möglich: Zum einen braucht es mehrere Menschen, die diesem Geschöpf bedingungslose Zuneigung entgegenbringen, die ihm in seiner Einsamkeit beistehen können und die sich in ihn einfühlen können. Die verstehen, warum er sich so und nicht anders fühlt.

Zweitens benötigt der Werwolf absolute Ruhe in den Phasen, in denen der Mondwechsel stattfindet. Hier muss er geschont, isoliert und gepflegt werden, wobei er weder als Mensch noch als Wolf behandelt werden kann, sondern als das, was er ist: ein verirrtes Geschöpf, das als letzten Ausweg aus der Einsamkeit und Not die Jagd und die Flucht sieht, um einem Rudel anzugehören, das aus purer Lust am Töten besteht.

Ein Werwolf braucht ein Rudel, dem er angehören kann, ohne töten zu müssen. Dann wird er wieder zum Menschen, der er vorher war. Oder zu einem erfahreneren. Auf jeden Fall aber zu einem liebenden."

Ergriffen schwiegen die Geschwister, als Angelo geendet hatte. "Mein Gott!" flüsterte Kathleen, die immer noch völlig fassungslos war. Vor dem inneren Auge tauchte Johnny auf; Johnny, der schon als Kind fröhlich, herzlich und sanft gewesen war. Der die Musik über alles geliebt hatte und nun -. "Uns bleibt nichts anderes übrig. Wir müssen morgen wieder nach ihm sehen. Den Rest der Nacht kümmern wir uns um sein Leben. Ich möchte mir gern sein Zimmer genauer ansehen," griff Barby das Gespräch wieder auf. Ihr analytischer Verstand meldete sich zu Wort, nachdem sie endlich einen Ansatz gefunden hatten. Die anderen nickten. Als sie die Küche verlassen wollte, hielt Patrick sie zurück. "Ich halte es für das Beste, wenn wir nur noch zu zweit losgehen," meinte er verlegen. Seine Schwester nickte. "Kommst du mit mir?" fragte sie leise, und er erhob sich. Kathleen, Joey, Patricia, James, Maite und Angelo blieben zurück. Als das Gepolter im Keller begann, rückten sie dicht zusammen. Keiner sagte ein Wort.

Auf der Treppe griff Barbara Ann nach Patricks Hand, eine Geste, die sie schon lange nicht mehr gemacht hatte. Er drückte sie leicht und sah sie lächelnd an. Als sie Johns Zimmer betraten, blieben sie erschüttert stehen. Der Gestank war betäubend, und auf dem Fußboden lagen vergammelte Knochen herum. Die Styroporpackungen aus einer Fleischtruhe lagen darum verstreut. Die Bettdecke war zusammengeknüllt in eine Ecke geworfen, und in einer anderen lag - "Um Himmels Willen!" Entsetzt trat Barby näher. Doch es war genau das. John hatte eine Ecke des Zimmers als Klo benutzt. Barby merkte nicht, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen, sie blickte nur entsetzt auf diese - Höhle. Das einzige, was noch an Ort und Stelle stand, war das Foto ihrer Mutter. Lächelnd blickte die gütige Frau auf das Chaos, das sich ihren Augen bot; selbst jetzt noch schien sie für ihren ältesten Sohn nur bedingungslose Liebe zu empfinden.

Als Barby sich zu Patrick umwandte, entdeckte sie auch in seinen Augen Tränen. Er ließ sich auf das unbenutzte Bett fallen und vergrub das Gesicht in den Händen. Sie setzte sich zu ihm und schloss ihn fest in die Arme. "Das ist nicht er, Pad, das ist nicht er," flüsterte sie leise und drückte sich an ihren Bruder, der von wildem Schluchzen geschüttelt wurde. Als er sich ein bisschen beruhigt hatte, sah er sie an. "Einsamkeit, hm? Angst und Isolation. Wut und Furcht. Verdammt, es hätte uns alle treffen können!" brüllte er plötzlich und trat gegen eine der Verpackungen. "Weil wir uns so verdammt weit voneinander entfernt haben. Dieses verdammte Schloss, die Villa, klar - wir leben immer noch zusammen. Aber nicht mehr miteinander. Klar, wir lassen uns gegenseitig unsere Freiheit. Aber wo bleibt das Interesse füreinander? Scheiße, mann, Barb'. So kann es nicht weitergehen. Sollen wir denn alle draufgehen?" Seine Stimme klang plötzlich ganz klein, als würde die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern liegen. Barby wusste, wovon er sprach. Sie wusste es nur zu gut.

Und der einzige von ihnen, der zu jeder Zeit und immer ein offenes Ohr für Kummer und tröstende Worte für Verzweiflung gehabt hatte, der sich jedoch nie mit seinem eigenen Kummer und seiner eigenen Verzweiflung an seine Mitmenschen gewandt hatte, war jetzt von seiner eigenen Einsamkeit und Verzweiflung besessen und hockte in seinem Keller, eingesperrt von seinen Geschwistern, um sie nicht zu töten.

Die beiden saßen lange so da, aneinandergeklammert wie Ertrinkende, bis sich die Tür öffnete. Joey stand vor ihnen. Er betrachtete das Caos, das sich ihm bot und schüttelte den Kopf. "Verdammt," sagte er nur und schob mit seinem Turnschuh einen alten Knochen zur Seite. Dann kniete er sich vor Patrick, dem immer noch die Tränen übers Gesicht liefen. "Hey Kleiner," sagte er leise. Dann griff er nach Patricks Hand. "Das wird wieder. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben. Aber das wichtigste ist erstmal, dass Johnny diesen Saustall nicht vorfindet, wenn er wieder einigermaßen klar im Kopf ist. Lasst uns hier Ordnung machen."

Unten in der Küche drängten sich die anderen eng aneinander, nur Jim schritt unruhig auf und ab. Die Nacht schien endlos. "Wir sollten schlafen. Zwei halten Wache," beschloss Kathleen und stand auf. "Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus."

Alle schleppten ihre Matratzen aus den Zimmern ins große Wohnzimmer, und Angelo feuerte den Kamin an. Er hielt mit Maite die erste Wache; sie hockten nebeneinander auf Stühlen vor der Kellertür und versuchten vergeblich ein Gespräch in Gang zu halten. Der Lärm von unten war unerträglich. Lautes Heulen und Winseln drang zu ihnen hoch; gepaart mit den Lauten eines großen Körpers, der gegen eine Tür rannte und schlug.

Inzwischen waren Patrick, Barby und Joey von oben heruntergekommen und hatten sich zu den anderen gesellt. Doch erst im Morgengrauen fielen die ersten - nämlich Angelo und Maite - in einen leichten von Alpträumen erfüllten Schlaf.

Als die Sonne schon hoch am Himmel stand, gingen Angelo, James, Patrick und Joseph hinunter in den Keller. Hinter der Eisentür herrschte Stille. Alle waren mit einem großen Knüppel bewaffnet, und als Jim die Tür aufschloss, klopfte allen das Herz bis zum Hals.

Was sie erblickten, ließ Patrick vor Entsetzen laut aufstöhnen. John lag zusammengekrümmt in einer Ecke, unbekleidet, und seine Sachen waren zerrissen um ihn verstreut. Seine Hände wiesen unzählige Schürfwunden auf, und seine Brust war zerkratzt und teilweise aufgerissen. Das Leid, das ihm ins Gesicht geschrieben stand, trieb ihm fast wieder die Tränen ins Gesicht. Jim nahm die Decke, die er mitgebracht hatte und legte sie über seinen Bruder. Dann weckte er ihn vorsichtig.

Verschwommen blickte John in ein ihm vage bekanntes Gesicht. Er erinnerte sich daran, wie er mit diesem jungen Wolf früher um die Wette gerannt war und sich vor dem Bau gebalgt hatte. Schutzsuchend drängte er sich an ihn. Er fühlte sich sehr allein. Später holte er den Schlaf nach, den er auf seiner erfolglosen Jagd nicht hatte bekommen können und ließ sich füttern.

Wochen vergingen in diesem Dämmerzustand, doch John hätte die verstreichende Zeit nicht als solche benennen können. Er spürte, wie der Mond abnahm und seine Kraft schwand, dann kam seine Energie langsam wieder zurück, und er war optimistischer. Mittlerweile konnte er jedes Rudelmitglied am Geruch erkennen, und es war tröstlich, dass immer eins seiner Geschwister bei ihm war, bei Tag und auch bei Nacht. Doch instinktiv wusste er, die Zeit würde kommen, in der sie ihn wieder allein lassen mussten. Wenn die Zeit zur Jagd gekommen war.

Und die Zeit kam. Wieder wurde er in diesen Raum gesperrt, doch seine Qualen waren bei diesem Mal nicht ganz so groß, da er wusste, sie würden bald zurück sein. Sie würden ihn wieder aufnehmen, wie sie es schon einmal getan hatten.

Er gehörte zu ihnen.

Monate vergingen, bis John wieder ein Wort sprach. Monate, in denen er hilflos gewesen war wie ein Baby, oder wie ein Welpe. Monate, in denen die Geschwister wieder zusammenwuchsen wie einst, als sie sich noch wirklich gebraucht hatten. Monate, in denen sie verstanden, was sie wirklich miteinander verband. Das war nicht das Business. Es war etwas anderes, das sogar Jimmy verstand und in sich aufnahm.

"Ich gehe heute mit ihm. Ich werde bei ihm bleiben." Patrick blickte seine Geschwister fest an, die ihn anblickten. Patrick hatte in letzter Zeit viele Stunden bei John verbracht, hatte für ihn gesorgt und ihm einfach nur gutgetan. Er wusste, sein Bruder würde ihm nicht wehtun. Der Blick in seinen Augen war wieder sanfter geworden, und fast kam wieder etwas wie Güte in ihnen zum Vorschein, wenn Patrick ihm übers Haar strich oder ihm den Rücken massierte.

"Tu das, Pad. Aber wir werden vor der Tür warten." Angelo umfasste den Basy fester.

Viel zu schnell war der Tag vorbei, und es war an der Zeit, Johnny in den Keller zu bringen. Doch heute gingen alle mit, und Patrick folgte seinem Bruder in den Verschlag.

Es dauerte nicht lange, bis Johns Qualen begannen. Patrick jedoch ließ sich von dem Heulen und Jaulen nicht abschrecken; er trat zu seinem Bruder, der sich auf dem Boden wälzte und hielt ihn fest in den Armen. Er spürte die Kraft, die John entwickelte, spürte den inneren Drang in seinem Bruder, zu rennen und zu jagen.

Aber er wusste, ihm würde nichts geschehen. Zu fest war das Band zwischen ihnen. Und auch zwischen seinen Geschwistern, die vor der Tür über beide wachten.

Ihm rannen die Tränen übers Gesicht, als er den Schmerz seines Bruders mitempfinden musste, doch er ließ ihn nicht los. Bis zum Morgengrauen hielt er ihn umschlungen und fiel dann in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Er erwachte erst spät. John lag neben ihm, doch im Vergleich zu den Malen davor hatte er keine Wunden davongetragen und schien friedlich zu schlafen. Sanft rüttelte Patrick an seiner Schulter, und als John die Augen aufschlug, sah er ihn etwas verwirrt, aber ohne Wildheit und Gier im Blick an. "Guten Morgen," sagte er nur, und Patrick wusste, es war vorbei.

Nein, es begann gerade erst wieder von neuem. Die wiedergekehrte Wärme in Johns Augen versprach ihnen allen ein neues Leben.


© Kimba (Einfach super!)


Diese Story ist mit folgendem Award ausgezeichnet:

Story-Award 04/2001 Kimba


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Last update: 26/04/2001

(Online since: 03/07/2000)


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