Der verlorene Sohn
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ERSTES KAPITEL Das Anwesen war verwaist; nur noch vereinzelte Reste von Pflanzungen wiesen darauf hin, dass hier einst eine große Familie gelebt haben musste. Die Schlossmauern waren zwar noch nicht verfallen, doch verwahrlost, und in den Park-und Gartenanlagen stapelte sich das Laub. Der Herbst war schon zum dritten Mal in Schloss Gymnich eingezogen, seit die Familie es verlassen hatte. Der alte Mann kam oft hierher und betrachtete diesen Zeugen aus früheren Tagen; den Zeugen aus Tagen, in denen er noch eisern die Familie zusammengehalten hatte. Das war jetzt vorbei. Weder Geld noch moralische Predigten hatten seine Kinder davon abhalten können, erwachsen zu werden. Der Alte seufzte, als er die immer noch bekritzelten Laternenpfähle anschaute: Die Schreiberinnen waren der Anlass, nicht jedoch der Grund gewesen, dass eintrat, was eingetreten war. Er selbst hatte diesen Erfolg kaum nachvollziehen können; zu fremd war ihm eine Natur, die sich Götzenbilder aufstellte wie Vasen, die mit schönen Blumen gefüllt wurden. Schöne TOTE Blumen. Seine Kinder waren zu Götzen geworden. Seine Kinder, die er immer ganz nah am Leben gehalten hatte, die den Kreislauf von Leben und Tod so gut kannten wie wohl niemand sonst; seine Kinder waren für fremde Kinder zu leeren Hüllen geworden, um sich fremde Ideale und Vorstellungen einpflanzen zu lassen. Daraus war etwas gewachsen, das der Alte nicht benennen konnte - doch letzten Endes hatte es dazu geführt, dass seine Kinder nun erwachsene Menschen waren. Seit jeher fragte er sich, was er ihnen Gutes getan hatte in der Zeit, da sie ihn noch mehr gebraucht hatten; als er zu schwach war, sich um sie zu kümmern. Sicher, sie waren diese Stars geworden - doch waren sie Menschen geblieben? Sicher, sie hingen immer noch mit zärtlicher Liebe aneinander - doch standen sie auf eigenen Füßen? Sie waren alle ausgezogen; hatten alle das väterliche Nest verlassen und waren glücklich geworden. Und er lebte hier in der Nähe. Nach Spanien zog ihn nichts mehr, er war zu alt. Ächzend setzte er sich auf eine Bank vor dem Tor. Die Nachbarn kannten ihn und begegneten ihm mit mitleidiger Freundlichkeit. Das konnte er nur schwer ertragen, doch im Gegensatz zu früher brauste er nicht mehr so schnell auf. Oh ja, aufbrausend war er gewesen, und er war froh, dass keines seiner Kinder so geworden war - es hatte ihm viel Schmerz gebracht. Keines seiner Kinder??? Vor seinem inneren Auge tauchte ein kleiner blonder Junge auf, der mit zärtlicher Liebe an seiner Mutter gehangen hatte - wie alle seine Geschwister auch. Ein kleiner Junge, damals mochte er elf, zwölf Jahre alt gewesen sein. Ein Junge, der zu seinem Vater grenzenloses Vertrauen gehabt hatte. Der zu ihm gekommen war, öfter als alle anderen, wann immer er eine Frage gehabt hatte. Und er hatte in seine Augen gesehen und sich selbst als Jungen darin entdeckt: lebenshungrig, wissensdurstig und wild. Er hatte alle seine Fragen beantwortet, alle seine noch so kindlichen Wünsche gehört und mit ihm darüber gesprochen. Der Kleine hatte ihm vertraut. Dann dieser Moment, als er vor ihm stand, Angst und Ratlosigkeit im Blick. "Wird Mama wieder gesund?" Er war der erste gewesen, der diese Frage gestellt hatte; der erste, der sie ihm gestellt hatte. Alle anderen waren zur Mutter gegangen, hatten sie gefragt, und sie hatte mit ihnen ehrlich gesprochen. Und er selbst? Da stand der kleine Jimmy und sah ihn aus weit aufgerissenen Augen an, wollte um alles in der Welt eine Antwort. Und Dan wusste nicht - sollte er ihm Trost geben oder die schonungslose Wahrheit über ihm ausschütten? "Bestimmt, Jamie!" sagte er und lachte laut. Viel zu laut. Er hatte es sich nie verziehen. Nie wieder hatte ihn sein Junge mit diesem Vertrauen in den Augen angesehen. Er hatte sich vor ihm zurückgezogen und sich ihm entgegengestellt, wann immer er konnte. Hatte seinem Vater nie wieder glauben können. Bis heute. Dan merkte nicht, dass seine Augen feucht wurden. Eins seiner Kinder hatte er verloren. Den Sohn, der ihm selbst so ähnlich war, dass er ihn nicht hatte verletzen wollen. Die Wunden waren tief und verheilten kaum. Zwanzig Jahre war es nun her, in denen er mit seinem Sohn kaum ein Wort gewechselt hatte. Und niemand wusste, warum das so war. Nur er und Jimmy. ZWEITES KAPITEL "Entschuldigen Sie, es ist Zeit." Der alte Mann blickte auf und in die immer etwas unsicher blickenden Augen seiner Hauhälterin. Er hatte nicht bei einem seiner Kinder leben wollen. Er wollte ihnen nicht mehr im Weg stehen, wie er es jahrzehntelang getan hatte. Stattdessen hatte er sich ein kleines Häuschen gemietet und das nötige Personal dazu. Häufig jedoch hallten die Wände von den Stimmen seiner Kinder und Enkel wider. Er schenkte der alten Dame eins seiner seltenen herzlichen Lächeln. Die alte Frau hatte in ihrem Leben schon viel gesehen und wusste, wem sie offenes Mitleid entgegenbringen konnte und wem nicht. Dieses Mammut würde unter ihrem Mitleid zusammenbrechen und sie feuern, dessen war sie gewiss. Auch achtete sie penibel darauf, dass die anderen Angestellten ihren Klatsch und Tratsch, den sie auf Lager hatten, für sich behielten. Sowohl der Alte als auch seine große Familie hatten lange genug unter Verleumdungen, Gerede und Gerüchten zu leiden gehabt. Mit fester Hand sorgte sie dafür, dass dem ein Ende gesetzt wurde. Nun holte sie den Alten zu seiner täglichen Stunde Physiotherapie ab. Danach war er stets müde und verlangte nur nach Ruhe und einer großen Tasse Tee. Mira schloss die Haustür auf und wusste sofort, dass etwas anders war. Irgend etwas musste geschehen sein. Sie roch so etwas. Als sie gerade das Zimmermädchen rufen wollte, öffnete sich jedoch eine Tür, und John trat auf den Flur, ernst blickend und die Verfassung seines Vaters mit einem Blick erfassend. "Ich muss mit dir reden," sagte er mit fester Stimme, und jetzt spürte auch Daniel, dass etwas Besonderes in der Luft lag. "Komm," sagte er und fasste seinen Sohn unter, der ihn zurück ins Wohnzimmer führte und in einen bequemen Sessel drückte. Er selbst setzte sich auf die äußerste Sofakante. "Was gibt es?" fragte er unsicher und im selben Moment ärgerlich. "Jim. Er hatte einen Unfall." Daniels Knie wurden weich, und dennoch richtete er sich zu seiner vollen Höhe im Sessel auf. "Was ist passiert?" Seine Stimme war brüchig, und wieder einmal erkannte John, wie alt sein Vater geworden war. Ein dicker Kloß machte sich in seinem Hals breit. "Er ist betrunken Auto gefahren; an Mutters Geburtstag. Er hat einen Beckenbruch und eine schwere Gehirnerschütterung. Außerdem hat es ein paar Rippen erwischt. Sie mussten ihn in ein künstliches Koma legen, damit er sich ruhig verhält und die Schmerzen nicht spürt." Johns Stimme war sicher, doch sein Vater spürte noch etwas anderes hinter seinen Worten. "Was noch, Johnny?" wollte er wissen. Wut stieg in ihm auf, Wut auf diesen Jungen, der immer seinen Schädel hatte durchsetzen wollen, der immer viel zu sehr auf seinen Bauch gehört hatte. "Sie wissen nicht, ob er durchkommen wird. Er hat starke innere Blutungen. Er wird heute noch operiert. Ich erwarte jeden Moment den Anruf. Patrick ist in der Klinik in Dublin." Daniel betrachtete alles wie durch einen nebligen Dunst. Sah seinen großen Sohn, der ihm nie Ärger gemacht hatte und der jetzt hier bei ihm war. Sah Mira in der Tür stehen, blass vor Sorge. Sie kannte Jim nicht, als einzigen hatte sie ihn nie gesehen. Dennoch. Er war sein Sohn. "Mira, packen Sie mir einen Koffer mit dem nötigsten. John, buche einen Flug. Heute noch. Und hilf mir hoch." "An Mutters Geburtstag..." Diese Worte hallten in Daniels Schädel wider wie eine Anklage gegen sein Versagen. Er humpelte in sein Schlafzimmer und überwachte Mira beim Packen. Sie wusste, sie konnte ihm nicht widersprechen. Als sie verschwunden war, setzte er sich auf sein Bett und wiegte den grauen Kopf hin und her. Nicht schon wieder. Nicht schon wieder einen geliebten Menschen verlieren. Nicht schon wieder. Nicht schon... NICHT! "Der Flug geht in zwei Stunden. Ich fahre Euch." John stand in der Tür, groß, ernst und abgeklärt. Daniel zuckte zusammen. "Euch?" Hinter John war Mira aufgetaucht, in Hut und Mantel, eine kleine Reisetasche in der Hand. "Ich werde mitkommen. Und jetzt los." DRITTES KAPITEL Die langen Flure in der Klinik verblassten in Daniels Erinnerung zu endlosen grellen Tunneln, durch die er sich langsam kämpfen musste, neben ihm Mira wie eine Säule, die ihn unterfasste und kaum einen Ton sagte. Patrick eilte auf seinen Vater zu und umarmte ihn vorsichtig, als könnte er zerbrechen. "Er ist im Aufwachraum. Hallo Mira. Sie haben gesagt, es wäre alles gut verlaufen. Wir müssen zum Arzt. Komm." Er nahm seinen Vater beim Arm und führte ihn den Gang entlang zu einer verschlossenen weißen Tür. Oh, wie Daniel diese Krankenhäuser hasste. Patrick klopfte und öffnete die Tür. Ein junger hochgewachsener Mann in weißem Kittel kam hinter einem Schreibtisch hervor und schüttelte den Ankömmlingen die Hände. Dann geleitete er sie in eine kleine Sitzecke, in der schon einige Unterlagen ausgebreitet waren. "Ihr Sohn wird glücklich sein, Sie zu sehen. Die Operation ist zwar gut verlaufen, doch ich muss Ihnen noch einiges mitteilen." Er blickte sich in der Runde um. Dann fiel sein Blick auf Mira. "Sind Sie eine Angehörige?" fragte er, und Daniel fuhr ihn an: "Selbstverständlich, und jetzt reden Sie schon. Was ist mit Jimmy?" Patrick schluckte. Schon seit Jahren hatte sein Vater immer nur von "James" geredet. "Jimmy" oder gar "Jamie", wie er von Patricia zärtlich genannt wurde, existierte für ihn nicht mehr. Und nun? Der Arzt nickte bedächtig mit dem Kopf. "Kann ich?" fragte er, und Daniel nickte. "Ihr Sohn wird lange liegen müssen. In seiner Wirbelsäule hat sich ein Blutgerinnsel gebildet, und es wird lange dauern, bis er wieder soweit in Ordnung ist, dass er laufen kann. Zunächst braucht er ein Gipskorsett. Dann wird er ganz langsam wieder laufen lernen müssen. Es wird auch noch lange dauern, bis er entlassen wird. Die Frage ist nun: Wo wird er leben? Hat er eine Frau, die wir benachrichtigen müssen?" Fast wie in alten Tagen war Daniel beinahe über den Tisch gesprungen. Wütend schlug er mit der Faust auf den Tisch. "Natürlich wird er bei MIR leben. Oder ich bei ihm. Glauben Sie, ich lasse meinen Sohn in der Obhut irgendeiner Klinik? Meinetwegen beschäftige ich einen eigenen Arzt, aber hier bleibt er nicht länger als nötig!" brüllte er los und sank dann in seinem Sessel zurück. Mira reichte ihm wortlos sein Notfallspray. Patrick schluckte noch einmal. Diese Ausbrüche kannte er nur zu gut. Und er wusste: Nur Jim konnte sie ihm "entlocken". "Wie lange wird es dauern, bis er wieder laufen kann?" Der Arzt hob die Schultern. "Das wird sich zeigen. Ich kann hier nur spekulieren. Transportfähig wird er sein, sobald sein Becken einigermaßen verheilt ist. Erfahrungsgemäß dauert das drei bis vier Wochen. Dann kann er in Deutschland weiterbehandelt werden." Sie schwiegen, bis sie das Telefon aufschreckte. Nach dem Gespräch kehrte der Doktor zurück. "Ihr Sohn ist aufgewacht. Wollen Sie zu ihm?" Daniel sah seinen jüngeren Sohn fast hilfesuchend an, der den Kopf schüttelte. "Ich werde zuerst gehen." VIERTES KAPITEL Jim erwachte wie in Watte. Nur ganz entfernt spürte er seinen Körper, und wäre er nicht noch so zugedröhnt gewesen, so hätte er sicher Angst verspürt. So jedoch war er nur verwundert. Sein Kopf schmerzte so scharf und direkt, dass sein Bewusstsein rasch zurückkehrte. Sein Blick wanderte durch den Raum, entdeckten seltsame Geräte, ein leeres weißes Bett. Und der Geruch von Krankheit und Hygiene stieg ihm in die Nase. "Jim." Eine vertraute Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück. Er wandte den Kopf - eine ungeheure Anstrengung - und blickte in das besorgte Gesicht seines Bruders. "Ich hab Durst," krächzte er, und Patrick hielt ihm eine Schnabeltasse an den trockenen Mund. Abgestandenes Wasser rann ihm durch die Kehle. "Was ist passiert, Kleiner? Das ist doch wohl kein Krankenhaus, oder?" Patrick lächelte leicht. "Doch, Jim. Du hattest einen Autounfall. Einen ziemlich schweren." Er griff nach Jimmys Hand und drückte sie leicht. "Was ist mit mir, Pad? Was - verdammt, was ist mit meinen Beinen? Ich spür sie nicht mehr! Pad, jetzt RED SCHON!!!" Sein Gesichtsausdruck wurde panisch, und Patrick legte seinem großen Bruder eine Hand fest auf die Schulter. "Du hast einen Bluterguss an der Wirbelsäule. Deshalb spürst du deine Beine nicht. Das wird vergehen, aber es kann eine Weile dauern. Eine ganze Weile. Aber du wirst wieder gesund, bestimmt!" "...wieder gesund..." "Pad, sag die Wahrheit. Was ist mit mir?" Misstrauen hatte sich in Jims Gesicht geschlichen. Sein kleiner Bruder nickte. "Das hat mir der Arzt gesagt. Du hast noch eine Gehirnerschütterung und einen glatten Beckenbruch. Du wirst sehr lange liegen müssen." Jim fühlte sich plötzlich wieder sehr müde. "Ich kann gerade..." wollte er noch sagen, doch da schlief er schon wieder ein. Als er das nächste Mal aufwachte, blickte er direkt in das alte Gesicht seines Vaters, das er seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Daniel wollte die Hand seines Sohnes ergreifen, konnte es jedoch nicht. Er war ihm so fern, es hätte eine Panzerglasscheibe zwischen ihnen stehen können. Jim riss die Augen auf. "So schlimm ist es schon? Was willst Du?" fragte er unfreundlich, und Daniel sah seinen Sohn lange an. Er wirkte so weich, so zerbrechlich. Und dennoch so verhärtet ihm gegenüber. "Ich will, dass du nach deiner Entlassung bei mir bleibst, bis es dir besser geht." ("und bis du mir verziehen hast") "Warum sollte ich? Wie es mir geht, hat dich doch bisher auch nicht interessiert." Leiser Spott umspielte Jims Lippen, doch seine Augen waren dunkel und hart. Daniel kniff die Augen zusammen. "Was du darüber denkst, ist mir egal, junger Mann. Du wirst dieses eine Mal auf mich hören, und wenn ich dich eigenhändig nach Köln tragen muss. Und jetzt schlaf. Du brauchst Ruhe!" FÜNFTES KAPITEL Erschöpft trat der Alte wieder auf den Flur. Jim war wirklich wieder eingeschlafen. Patrick und Mira warteten auf ihn. "Kommt, ich nehme Euch mit zu mir. Wir können hier nichts mehr tun. Und außerdem sollten wir die anderen informieren, dass Jim aufgewacht ist. Und dann koche ich uns was." Mira schüttelte den Kopf. "Patrick, du bist völlig übermüdet. Ich werde das machen." In Patricks Wohnung machte er gleich den Kamin an und schob drei Sessel davor. Daniel sah lange in die Flammen, grüblerisch und ernst. Mira und Patrick unterhielten sich leise in der Küche über Jims Unfall, bis Patrick erschreckt auf die Uhr sah. "Shit, ich muss Tricia noch anrufen! Sie ist in Moskau und kommt da nicht weg, sonst wäre sie die erste, die hier ist." Hastig wählte er eine Nummer. Als er wieder aufhängte, lächelte er Mira warm an. "Sie hat vor Erleichterung geweint. Und ich Idiot hätte fast vergessen, sie anzurufen." Als die beiden mit dem Essen ins Wohnzimmer zurückkehrten, war Daniel in seinem Sessel eingenickt. Die Wochen vergingen, ohne dass Jim auch nur eine kleine Annäherung durch seinen Vater gewürdigt hätte. Er lag da in seinem Gipsbett, sah seinen Vater jeden Tag und wollte doch nichts mehr, als dass er wieder verschwand. Er, der sich jahrelang erfolgreich gegen ihn gewehrt hatte, war nun machtlos und musste seine Gegenwart ertragen. Musste ihm ins Gesicht blicken und ihm zuhören. Doch Daniel redete nicht viel. Nur das Nötigste. Obwohl alles in ihm danach brüllte, seinen Jungen in die Arme zu nehmen, so wie er es früher getan hatte, hielt er sich zurück. Jims beißender Spott tat ihm weh, doch er ließ es sich nicht anmerken. Die Heilung verlief ohne weitere Probleme, und an einem sonnigen Frühlingstag war es endlich soweit. Jim wurde nach Köln transportiert und bei seinem Vater einquartiert. Bis zum letzten Tag hatte er sich dagegen gewehrt, doch ein ernstes Gespräch mit Patrick und dem Arzt hatten ihn doch noch überzeugt. Und Jim selbst war gleichermaßen überzeugt, in einer so unangenehmen Umgebung, und das war das Haus seines Vaters für ihn, viel schneller auf die Beine zu kommen, um abzuhauen. SECHSTES KAPITEL Oft war er in der ersten Zeit den Tränen nahe, doch er weinte nie. Er lag nur da und starrte die Decke an. Die weißtapezierte Decke. Die immer gleiche weiß tapezierte Decke. Seine Muskeln verspannten sich und oft schüttelten ihn Krämpfe. Nie hatte er gedacht, einmal so gelähmt zu sein. Nie hatte er sich gedacht, sich einmal so ausgeliefert zu fühlen. So - ohnmächtig. Sein Vater besuchte ihn regelmäßig zu den Mahlzeiten, doch er überließ es Mira, ihn in der ersten Zeit zu füttern. Daniel wollte seine Übermacht nicht so deutlich demonstrieren, und Mira hatte innerhalb der ersten Tage schon eine gute Beziehung zu James aufgebaut, die durch gegenseitigen Respekt und eine gewisse Distanz gekennzeichnet war. Daniel fragte sich jeden Tag, ob seine Entscheidung richtig war. Jim wirkte immer verbissener, immer ärgerlicher und wütender. Einmal berichtete er Mira von seinen Beobachtungen, und sie lächelte. "Dadurch wird er immer stärker. Unterschätzen Sie Ihren Jungen nicht." Er war ihr über alle Maßen dankbar, dass sie nicht nach dem Grund für die Entzweiung fragte. Eines Morgens sah Jim beim Frühstück, dass Mira geweint hatte. "Möchten Sie reden?" fragte er mitfühlend, denn er hatte die resolute Frau sehr schätzen gelernt, die ihn nie mit Fragen nervte, sondern einfach nur das tat, was richtig war. Nun schien sie völlig aufgelöst. "Ach, es ist nichts, nur-" Sie blinzelte ein paarmal. "Meine Tochter ist entlassen worden. Sie hat als Reiseleiterin gearbeitet und sich auf einer Thailandreise mit einem Touristen angelegt, der nur auf den Babystrich wollte. Sie hat ihn von allen Gruppenaktivitäten ausgeschlossen. Und als sie wieder hier war, stellte sie fest, dass dieser Mann der Golfkumpel ihres Chefs war. Und nun steht sie völlig mittellos da; der Chef hat es so hingedreht, dass sie eine Sperre vom Arbeitsamt bekommen wird." Mira schüttelte besorgt den Kopf. In Jim stieg Mitgefühl für die Frau auf. "Haben Sie mit meinem Vater gesprochen? Er wird sicher eine Lösung finden. Er ist ein Lebenskünstler, wissen Sie? Das war er schon immer." Mira hob überrascht die Brauen. "Nein, das habe ich nicht. Aber was sollte er schon tun können? Es hilft wohl alles nichts - ich werde sie erstmal wieder mit "durchfüttern" müssen. Ich mach es ja gerne, aber ich fürchte, sie selbst ist viel zu stolz dazu. Lieber würde sie in einer Fabrik am Band stehen." Sie verstummte. Jim sah sie nachdenklich an. Mira lächelte verlegen. "Junge, du solltest jetzt ein bisschen schlafen. Vielleicht rede ich wirklich nochmal mit deinem Vater." Sie rückte seine Decke zurecht und verließ dann den Raum, so dass Jim wieder an die Decke starrte. Doch diesmal waren seine Gedanken bei Mira. Er musste eingeschlafen sein, denn als er wieder zu sich kam, hörte er eine sanfte Stimme seinen Namen flüstern. "Jamie, komm schon, wach auf. Jamieeee;" er schlug die Augen auf. Patricia saß vor seinem Bett auf einem Stuhl und hatte sich weit zu ihm herüber gelehnt. Sie war blass und hatte dunkle Ringe unter den Augen. "Endlich bist du da!" sagte er leise und genoss es, die kühle Hand seiner Schwester auf der Stirn zu spüren. Sie nickte und konnte nur schwer die Tränen zurückhalten, als sie ihren starken, lauten und heißgeliebten Bruder so daliegen sah. "Hey, Tricia. Keine Tränen. Bitte!" sagte er leise, und sie lächelte. "Du siehst erschöpft aus, Jamie. Du musst sehr stark sein, wenn du es ertragen kannst, den ganzen Tag zu liegen und an die Decke zu starren." Sie schwieg einen Moment und fuhr dann fort. "An diese Decke vor allem. Du hast ganz ängstliche Augen. Jamie, ich will nicht, dass du dich fürchtest." Das offene Mitgefühl seiner Schwester war zuviel. Heiße Tränen traten ihm in die Augen und liefen ungehemmt über sein blasses Gesicht; leise begann er zu schluchzen. Reden konnte er erst einmal nicht, er wollte nur immer wieder die sanfte Hand seiner Schwester spüren und den süßen Trost, der von ihr ausging. "Wie kannst du das nur aushalten. Du brauchst doch jemanden, der für dich da ist. Der dir zuhört und dich nicht nur versorgt. Jamie, verdammt, so geht das nicht." Sie wartete, bis seine Tränen versiegt waren, dann setzte sie sich behutsam auf seine Bettkante und streichelte sein Gesicht und seine Hände. "Nachts ist es am schlimmsten," erzählte er heiser. "Wenn alles im Haus ruhig ist und ich mich nicht rühren kann. Dann denke ich soviel nach, weil ich tagsüber soviel schlafe. Und die Stille hier - sie bringt mich fast um." Patricia umschloss seine Hände mit ihren. "Ich bleibe ein paar Tage. Aber dann muss ich zurück, den Laden wieder aufmachen. Dennis seckt mitten im Examen. In seinem dritten mittlerweile. Bis dahin bleibe ich bei dir - Tag und Nacht." Sie hielt dieses Versprechen, und zum ersten Mal seit seinem Unfall sah Jim einen Lichtschimmer am Horizont. Sie redeten viel, oder sie schwiegen miteinander. Doch es war immer jemand da, bis zu ihrer Abreise, die Jim wieder in ein absolutes Tief katapultierte. Daniel zog sich wieder zurück; er hatte schon fast aufgegeben. SIEBENTES KAPITEL Mitten in diese Stimmung platzte nun Lea, Miras Tochter, nur mit einem Rucksack bepackt und stürmisch wie ein Tornado. Ihre erste Amthandlung war, einen großen Kuchen für Daniel zu backen, dem sie sehr dankbar für einen kleinen Job als Gärtnerin war. Dabei ruinierte sie fast den neuen Herd, und Mira schämte sich zutiefst. Jim bekam die junge Frau immer nur zu Gesicht, wenn sie an seinem Zimmer vorbeistürmte, eine schlanke Gestalt mit dunkelblonden fransigen Haaren, die immer eine Bundeswehrhose und ein bauchfreies T-Shirt trug. Meistens war Mira ihr auf den Fersen, um Schlimmes zu verhindern, doch Jim hörte abends oft das laute dröhnende Gelächter seines Vaters aus dem Wohnzimmer und verspürte dabei ein ganz leises Gefühl, das er schlecht deuten konnte. Nie wäre er darauf gekommen, dass es schlichte Sehnsucht war. Eines Morgens öffnete sich die Tür zu seinem Zimmer und schlug laut gegen die Wand. Lea. Sie stürmte herein und stoppte erst kurz vor Jims Bett. Sie mochte ungefähr Mitte zwanzig sein, hatte funkelnde dunkle Augen und einen spöttischen Zug um den Mund. "Guten Morgen, ich bin Lea. Meine Mutter hat gesagt, ich soll mich vorstellen!" Sie klang wie ein trotziges Kleinkind. Jim lächelte. "Ich wär sonst auch selbst gekommen, aber -" er grinste. Seit Wochen schlich sich endlich wieder sein altes Grinsen in sein Gesicht ein. Es fühlte sich ein bisschen ungewohnt an, aber - es funktionierte noch. "Ich bin Jim!" sagte er und reichte ihr die Hand. Ihr Händedruck war fest und kein bisschen vorsichtig. Lea nickte. "Und nun? Wie wär"s mit 'n bisschen frischer Luft?" Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern trat die Bremsen los und schob Jims Bett mit ungeahnter Kraft durch die Tür, über den Flur, durchs Wohnzimmer und auf die Terrasse. Am nächsten Tag musste Jim zum Röntgen, und auf keinem Bild war das Blutgerinnsel zu sehen. Er konnte wieder beginnen, sich zu bewegen. Der Therapeut wirkte zwar wie ein Metzger, doch er war konsequent und brachte Jim dazu, persönliche Höchstleistungen zu vollbringen. Oft war Lea dabei; zwischen den beiden hatte sich eine Freundschaft entwickelt, die viel mit ihrer gemeinsamen Power zu tun hatte. Gleich am zweiten Tag ihrer Bekanntschaft war Lea gekommen und hatte ein riesiges VanGogh-Poster an die Decke gehängt. Jeden Tag brachte sie etwas neues mit, einmal sogar ein Teletubbies-Mobilé. Sie sorgte dafür, dass Jim an keine leere weiße Decke mehr starren musste. Sie ließ ihm keine Zeit für Grübeleien, brachte ihm jeden Tag eine einzelne Blume oder einen blühenden Zweig, und immer hatte sie dieses heimliche Lachen in den Augen. Jim war ihr sehr dankbar, und abends lauschte er fiebernd den Gesprächen im Wohnzimmer. Um nichts in der Welt hätte er bei seinem Vater sitzen mögen, doch Leas helle Stimme, die den Alten stets zum Lachen brachte, weckte in ihm lange nicht gespürte Emotionen. Seine Träume in dieser Zeit waren unruhig und wirr; eines Morgens wachte er auf und tastete verwirrt sein tränennasses Gesicht ab. Was er geträumt hatte, wusste er nicht mehr. Später kam Jens und verfrachtete ihn in einen Rollstuhl. Er spürte, dass sein Patient an diesem Tag besonders schlecht gestimmt war und forderte ihn, bis Jim ihn wütend anbrüllte. Im selben Moment stand Lea vor der Tür, einen großen Strauß Margeriten in der Hand. "Hau ab, verdammt noch mal, ich kann dein Grünzeug nicht mehr sehen. Mann, verschwinde!" schrie Jim. Er wusste, dass er ungerecht war, und er hasste sich manchmal selbst dafür. Doch er konnte es einfach nicht mehr ertragen, unselbständig zu sein und immer wieder Rückschläge einstecken zu müssen. Lea sah ihn nur stumm an. Dann drehte sie sich um und verschwand. Jens schüttelte den Kopf. "Das reicht für heute," entschied er und wollte Jim aus dem Stuhl wieder ins Bett helfen. "Nein," erwiderte Jim bestimmt. "Ich werde nicht mehr den ganzen Tag liegen. Ich werde sitzen und rausgehen. Ich halt es hier nicht mehr aus!" Jens hob erstaunt die Augenbrauen. "In Ordnung," sagte er dann. "Du weißt, wie du ins Bett findest. Und ab morgen machen wir drei Sitzungen täglich. Okay?" Jens wusste, wenn ein Patient erstmal so weit war, dass er seine Situation hasste, war er bald stark genug. Stark genug, wieder aufzustehen. Er verabschiedete sich von Daniel und den beiden Frauen und verschwand in seinem Kombi. ACHTES KAPITEL Jim betrachtete seine Beine. Dünn waren sie geworden, dünn und bleich. Aber wenigstens spürte er sie wieder. Er lachte verbittert und steuerte den Rollstuhl zur Terrasse. Das angrenzende Küchenfenster stand auf Kipp, und er konnte eine lebhafte Unterhaltung hören. "Mira, seit etlichen Jahren sind Sie die Erste, der ich mich anvertrauen möchte. Ich habe Angst zu sterben, ohne dass James mir verzeiht. Er hat mir immer schon besonders viel bedeutet - wissen Sie, er war mir so ähnlich! Meine anderen Kinder, so sehr ich sie auch liebe; sie waren mir immer ein kleines bisschen fremder. Aber Jimmy - ihn habe ich immer verstanden. Und in den ersten Jahren ist er auch viel öfter mit seinen Fragen zu mir gekommen. Ich seh ihn noch dastehen und mich angucken, als kleiner Bengel und als Zehnjähriger. Und immer habe ich versucht, ihm ehrliche und richtige Antworten zu geben." Ein langes Schweigen entstand. Jim krampfte seine Hände um die Armlehnen des Stuhls. Es war ihm peinlich, hier zu sitzen, doch irgend etwas hielt ihn davon ab, wieder hineinzufahren. Da löste sich ein Schatten aus einer Ecke der Terrasse. Lea. Mit geröteten Augen trat sie zu ihm und zog sich einen Stuhl heran. Sanft legte sie ihm eine Hand auf die Wange. "Wahrscheinlich wird er es dir nie selbst sagen können, Jimmy. Deshalb musst du jetzt besonders gut zuhören. Du hast noch dein ganzes Leben vor Dir." Das Lachen war aus ihren dunklen Augen verschwunden, und er nickte langsam. Jetzt erklang Miras Stimme. "Was ist dann passiert? Wie haben Sie den Jungen so enttäuschen können?" Ihre Stimme klang brüchig, wie altes Pergament. Eine kleine Pause entstand, in der Lea zärtlich begann, Jims Gesicht zu streicheln. "Ich habe ihn angelogen. Ich habe ihn schützen wollen - vor dieser grauenhaften Wahrheit. Ich wollte ihn so lange wie möglich sein glückliches kleines Leben leben lassen. Das hat er mir nie verziehen. Und ich habe jetzt versucht, ihm wieder näher zu kommen. Ich habe meine Familie so lange zusammengehalten, in Krisen und in fetten Jahren. Bei ihm ist es mir nie gelungen seit diesem Tag. Jetzt, als ich Macht über ihn hatte, dachte ich, ich hätte vielleicht noch eine Chance." Jim schluckte. Lea strich ihm immer noch liebevoll übers Gesicht, und fast geistesabwesend küsste er die Innenseite ihrer Hand. Daniel sah Mira an, innerlich gebrochen und ohne jegliche Hoffnung. "Aber er ist mir ferner denn je. Er hasst mich und wird mir nie verzeihen. Nie." NEUNTES KAPITEL Der Tag verabschiedete sich gerade von den letzten Sonnenstrahlen, als ein junger Mann in einem Rollstuhl an die Tür eines Raumes klopfte, den er noch nie in seinem Leben betreten hatte. Ein leises "Herein" erklang, und sein Herz begann zu rasen. Langsam und unsicher öffnete er die Tür. Ein alter Mann saß in einem Ohrensessel vor der großen Fensterfront und betrachtete die Blaue Stunde, als sein Sohn zu ihm kam. Junge blaue Augen trafen auf alte verschleierte, und ein inniges Verstehen trat in beide Paare. Wortlos griff der Alte nach der Hand seines Sohnes, zu fassungslos, um sprechen zu können. Der junge Mann sah seinem alten Vater fest ins Gesicht. "Ich verzeihe Dir, Papa," sagte er nur.
Verfasserin: KIMBA © Kimba (Einfach toll!)
Dieses Gift hat Kimba für ihre Geschichte Danke schön!!! |
Last update: 13/09/2000
(Online since: 13/09/2000)