Brüderchen und Schwesterchen
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Prolog Als ich wieder zu mir kam, strömte gleißendes Licht durch meine halbgeöffneten Lider. Verwirrt versuchte ich mich aufzurichten, doch zärtliche, aber bestimmende Hände drückten mich zurück auf das - Krankenhausbett? Wie war ich hierher gekommen? Und - wo war HIER? Mein Kopf dröhnte, als hätte ihn jemand mit einem Basy bearbeitet, und ich konnte kaum die Augen offenhalten, so grell war das Licht. Plötzlich bekam ich mit, wie sich direkt neben mir zwei Leute unterhielten. "Oh mann, gut, dass der Schädel nicht gebrochen ist." "Allerdings. Mit einer Gehirnerschütterung ist aber auch nicht zu spaßen. Er wird hierbleiben müssen, zumindest über Nacht." Eine Tür klappte. "Hallo? Hörst du mich?" Ich blinzelte und wollte nicken, doch das Dröhnen wurde nur noch schlimmer. Außerdem wurde mir plötzlich speiübel. Ich ignorierte die Schmerzen und brach direkt in Richtung der Stimme. Als ich mich endlich von allem befreit hatte, was jemals durch meine Speiseröhre gerutscht war, konnte ich zwar wieder aus den Augen gucken, meine Kopfschmerzen waren jedoch unverändert. Ich sah mich um und entdeckte dort, wo einen Moment zuvor noch die Stimme gewesen war, meinen Mageninhalt. Wieder wurde mir schwarz vor Augen. Erstes Kapitel Fyona war verblüfft, als Jimmy Kelly plötzlich von einem herunterstürzenden Scheinwerfer getroffen wurde, der aus dem Nichts gekommen zu sein schien. Sofort war er bewusstlos zu Boden gesunken, fast genau der jungen Frau zu Füßen, die gerade eine Eisbox von einem Ende des Stadions zum anderen geschleppt hatte. Sofort hatte sie ihn ins Krankenhaus gefahren, wo der Arzt eine Gehirnerschütterung diagnostiziert und sie wieder erlassen hatte. Und nun lag Jimmy hier, die blauen Augen geschlossen; seine Hände flatterten unruhig. Es hatte sie mehr als erschreckt, ihren James, den sie immer aus der Ferne bewundert hatte, KOTZEN zu sehen. Doch dann hatte sie ihm liebevoll das Gesicht abgewaschen. Als er irgendwann aufwachte, sah sie ihn lächelnd an. "Du hast eine Gehirnerschütterung. Dir ist ein Scheinwerfer auf den Kopf gefallen. So - und jetzt benachrichtigen wir die Familie." Es tat Fyona zwar Leid, James schon wieder "weggeben" zu müssen, doch das war wohl oder übel ihre Pflicht. Vielleicht würde er sie ja zu einem Kaffee einladen. Doch James sah sie nur fragend an. Dann trat ein Ausdruck der Panik in sein Gesicht. Schweigen breitete sich aus, bis er schließlich wieder die Augen schloss und sie ein paar Sekunden später wieder öffnete. "Verdammt. Ich kann mich nicht erinnern." Seien dunkle Stimme war durchzogen von Verzweiflung und Erstaunen. "Wer bin ich?" fragte er leise, und Fyona schluckte. DAS WAR IHRE CHANCE. Sie musste sie nutzen und zwar schnell. Wenn sie auch nur einen Moment zögerte, konnte es zu spät sein. "Weißt du es wirklich nicht?" fragte sie mit leiser Stimme, die dunklen Augen unverwandt auf Jimmy gerichtet, der blass vor ihr in den Kissen lag. "Es tut mir leid -" Hilfesuchend sah er sie an. "Fyona," half sie ihm weiter, innerlich zum Zerreißen gespannt. Er seufzte. "Sind wir - zusammen? fragte er flüsternd. Fyona musste den Kopf abwenden, denn seine Verzweiflung machte ihr die Entscheidung nur noch schwerer. Da spürte sie, wie eine kalte Hand nach ihrer griff. James' Stimme war unsicher, als er seine Frage wiederholte. "Es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe, aber ich habe scheinbar mein komplettes Gedächtnis verloren," fügte er langsam hinzu. Fyona wurde schwindlig. Ihre Chance! Sie würde ihn haben können - mit Haut und Haaren. Doch rasch verwarf sie diesen Gedanken wieder. Schließlich war James Victor Kelly nicht irgendwer, sondern einer der berühmtesten Stars hierzulande. Er würde gesucht werden; schon jetzt wurde er vermutlich auf der Fahrt ins Hotel der Familie vermisst. "Fyona?" Wieder drang seine wundervolle Stimme an ihr Ohr. Sie erwiderte seinen Blick; dunkle Augen trafen auf verzweifelte blaue. "Ja?" sagte sie leise, immer noch seine Hand in ihrer haltend. "Wo sind wir?" "In einem Krankenhaus. Du musst zur Beobachtung bis morgen hierbleiben, dann -" Seine Hand krallte sich um ihre. "Bitte bleib bei mir. Ich glaube, ich könnte es nicht ertragen, jetzt allein zu sein." Fyona rang mit sich. Auf der einen Seite fühlte sie sich wie eine Verräterin, andererseits war die Versuchung zu groß. Und vielleicht konnte sie ihm so ein Leben ermöglichen, das nicht durchsetzt war von Stress, grellem Rampenlicht und Druck. "Ich bleibe." Ihre Stimme zitterte leicht, doch ihre dunklen Augen versanken geradezu in seinen blauen. "Danke, Fyona." Er sprach ihren Namen mit einer Zärtlichkeit aus, die sie noch nie gehört hatte. Seine Augen schlossen sich wieder, und Sekunden später schlief er fest, während in Fyona ein Plan heranwuchs. Als der Morgen dämmerte und James unruhig wurde, war ihr Entschluss gefasst und alles in die Wege geleitet. Der Arzt entließ James nur unter Vorbehalt, empfahl jedoch viel Ruhe und die gewohnte Umgebung, um sein Gedächtnis trainieren zu können. Fyona nahm ihn am Arm und führte ihn zu ihrem Auto. "Wohin fahren wir?" wollte James wissen. "Fehmarn, da wo wir letztes Jahr -" Sie verstummte. "Tut mir leid, sagte sie leise, und er drückte ihre Hand. "Ist schon in Ordnung. Es wird wiederkommen, wenn ich erstmal in meine vertraute Umgebung komme - wie der Arzt gesagt hat." Auf dem Weg zur Fähre hielt Fyona zu Hause bei ihren Eltern, um einige Sachen einzupacken. James hatte ungefähr die Größe ihres älteren Bruders; ihm würden seine Sachen passen. Sie suchte unauffällige dunkle Kleidung heraus, vor allem Kapuzenpullover, die ihr Bruder, der jetzt BWL studierte, bestimmt nicht vermissen würde und die ihrem Plan zugute kämen. Ihr Herz raste, als sie durch ihr Zimmerfenster blickte und James unten im Auto warten sah. Vorsichtshalber hatte sie die Sonnenblenden heruntergeklappt. Doch ihr blieb keine Zeit zum Träumen. Hastig stopfte sie alles in eine Tasche und rannte wieder aus dem Haus. Sie trat das Gas voll durch, als sie endlich das Ortsschild hinter sich gelassen hatte und hielt nur kurz an um Zigaretten und eine Bild zu kaufen, die sie kurz überflog und dann sofort in den Müll warf, obwohl nichts darin zu lesen war. Irgendwann auf der Fahrt - im nachhinein wusste sie nicht mehr, wann es genau gewesen war - griff James wieder nach ihrer Hand. "Fyona, ich kann mir vorstellen, wie weh ich dir tue, aber bitte hab Geduld. Du bist doch die einzige, die bei mir ist, und ich -" Fyona scherte etwas zu schnell auf die rechte Spur und wäre fast einem Wohnmobil draufgekracht, als sie seine Berührung spürte. "Es ist schon in Ordnung, Jimmy. Es ist nur - du bist so ganz anders!" ...als sie sich es vorgestellt hatte. Er war so unsicher, so - menschlich. Und so abhängig von ihr. "Waren wir schon öfter auf Fehmarn?" wollte er wissen, und Fyona dachte rasend schnell nach. Sagte sie nein, würde er fragen, warum das dann seine vertraute Umgebung sein sollte; sagte sie ja, würde er sich vielleicht wundern, warum ihn niemand kannte. "Wir waren oft für ein Wochenende da, aber..." Sie schwieg und räusperte sich. "Wir sind fast nie aus dem Haus gegangen außer vielleicht mal ans Wasser. Wir haben - äh, andere Sachen gemacht." James nickte verlegen, und Fyona starrte krampfhaft geradeaus. Die Fähre war an diesem Wochentag außerhalb der Ferien fast leer, so dass James von niemandem erkannt wurde. Außerdem trug er seine Haare neuerdings so kurz, dass niemand ihn mit den Kellys in Verbindung bringen würde, von eingefleischten Fans einmal abgesehen, die aber vermutlich gerade in der Schule saßen. Fyona war froh, dass sie noch zwei Monate Semesterferien hatte. Sie musterte James von der Seite. Sein Gesicht war nachdenklich und ernst, so ganz ohne die Wildheit und Frechheit, die er sonst an den Tag legte; seine blauen Augen tief wie das Meer. Sie griff nach seiner Hand. "Denk nicht soviel nach, Jim. Du kannst nichts erzwingen. Es wird alles von selbst kommen, das hast du doch gehört. Und du hast alle Zeit der Welt." Er runzelte versunken die Stirn. "Habe ich gar keinen Job?" wollte er wissen, und Fyona schüttelte den Kopf. "Du studierst Film und hast Semesterferien. Genau wie ich." Sie entdeckte zum ersten Mal etwas wie Interesse in seinen Augen. "Haben wir uns dort kennengelernt?" fragte er und sah sie jetzt direkt an. Sie nickte. "Du bist ein Semester unter mir. Wir kennen uns seit zwei Jahren." "Was mache ich denn sonst den ganzen Tag?" fragte er sie leise. Fyona dachte schnell nach. "Du spielst gern Gitarre und Akkordeon, außerdem schreibst du eigene Drehbücher. Und wir gehen viel ins Kino. Kannst du dich an Filme erinnern?" Er schüttelte den Kopf. "Nein. Es ist alles ganz dunkel. Meine ganze Vergangenheit. Ich meine, ich weiß, wie man atmet und dass das hier eine Fähre ist und Fehmarn sagt mir auch was, aber ich kann es nicht mit mir in Verbindung bringen. Da fehlt so viel. Und es tut mir so leid, Fyona. "Du hast mich immer Fy genannt." Noch nie hatte sie jemand so genannt, doch sie wusste, aus seinem Mund würde diese Abkürzung zärtlich und verspielt klingen. "Fy," wiederholte er nachdenklich. "Das klingt schön." Vom Hafen aus gingen beide zu Fuß zum Ferienhaus von Fyonas Eltern. Es war sehr klein, gerade groß genug für zwei Personen und mit Reet gedeckt. Ein verwilderter Garten wirkte sehr einladend und empfing die beiden an der Nordsee. Fyona schloss die Tür auf und begann, die Räume zu lüften, während Jimmy sich bewundernd umsah. "Es ist wunderschön hier!" brachte er staunend hervor, während er sich wieder und wieder fragte, was vor dieser zauberhaften Frau in seinem Leben wichtig gewesen war. Er hatte das Gefühl, etwas vermissen zu müssen, doch er konnte sich nicht erinnern. Fyona trat zu ihm. "Möchtest du etwas trinken? Ich habe den Kofferraum noch voll; wir müssen nur ausladen. Ich hab versucht, alles zu kriegen, was du magst. Ich hoffe, du magst es immer noch." Sie ging ihm voran in den Garten und sandte immer wieder Stoßgebete gen Himmel. Sie verbrachten den Rest des Vormittags mit Einräumen und gingen dann zum Strand, der zu dieser Jahreszeit menschenleer war. James fragte sich, was Fyona von ihm erwartete. Sollte er ihre Hand nehmen oder ihr den Arm um die Schultern legen? Doch sie ging nur schweigend neben ihm her, die Arme vor der Brust verschränkt. Zweites Kapitel Patricia Kelly war durcheinander. Sicher, Jim war schon oft über Nacht weggeblieben, ohne sich abzumelden, aber am nächsten Morgen hatte er sich spätestens gemeldet. Er war schon immer der unabhängigste der neun Geschwister gewesen, doch ihr gegenüber war er stets loyal gewesen und hatte ihr gesagt, wann er wiederkommen würde. Er wusste, dass sie sich Sorgen machen würde; er war schließlich der Mensch, der ihr am meisten aus ihrer Familie bedeutete. Außerdem wollte er - das wusste sie sicher - am Abend wieder mit auf der Bühne stehen. Was war vorgefallen? Sie befragte ihre Geschwister, doch niemand hatte James gesehen oder mit ihm gesprochen. Seine Tasche stand unbenutzt in seinem Zimmer, noch nicht einmal umgezogen hatte er sich. Sein Portemonnaie und sein Ausweis lagen in der Schublade seines Nachtschränkchens, und Patricia setzte sich nachdenklich auf Jimmys Bett. Als die Tür aufging, fuhr sie hoch, in Erwartung, ihren Bruder dort zu entdecken. Doch es war nur Patrick, der sie fragend ansah. "Du machst dir Sorgen," stellte er fest. Sie nickte bedrückt, und Patrick setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand in seine. "Du kennst in, Tricia. Auch wenn du ihm alles bedeutest, es kann sein, dass er seinen "Tick" kriegt und ein paar Tage weggeht. Das weißt du. Mach dir keine Gedanken, er wird schon auftauchen. Und wenn etwas passiert wäre, meinst du nicht, wir wären längst benachrichtigt worden?" Patricia deutete schweigend auf Jims Papiere, und Patrick verstummte. Sie sagte ihm nicht, dass er sich bei ihr bestimmt gemeldet hätte; das hätte nur wieder Zwietracht gesät, und das wollte sie als letztes. Sie beschloss, einen oder zwei Tage zu warten und dann auf eigene Faust zu suchen. Doch insgeheim wusste sie, dass etwas einschneidendes geschehen sein musste. Abends standen sie ohne Jim auf der Bühne - nicht das erste Mal, aber dennoch war es diesmal anders für sie. Patrick sang mit ihr gemeinsam das Duett, und sie musste sich bemühen, ihren Ton zu halten, so aufgeregt war sie. Kathleen warf ihr immer wieder tadelnde Blicke zu; sicher, SIE musste sich keine Sorgen machen, denn ihr würde James sicher kein so großes Vertrauen schenken. Später im Bett konnte sie lange nicht schlafen; erst gegen Morgen fiel sie in unruhige Träume. 'Du hast das zweite Gesicht.' Diese Worte fielen ihr wieder ein, als sie sich halbwach herumwälzte und an ihre Mutter dachte, die sie so sehr vermisste. Sie hatte bei diesen Worten gelacht, doch etwas war doch hängengeblieben. Oft hatte sie Ahnungen, ob etwas klappen würde oder nicht, ob ein Konzert gut würde oder die Fans sie alle überkreischen würden. Schritte erklangen auf dem Flur, doch es war nur Joey, der zum Klo musste. Am nächsten Tag stand "nur" ein TV-Auftritt an. Patricia versuchte sich zu konzentrieren und ihr bestes zu geben, doch immer wieder musste sie den vergangenen Tag revue passieren lassen. Das Konzert war sehr gut gelaufen, das letzte Open-Air in diesem Jahr; sie und Jimmy hatten "ihr Lied" gesungen und sich dabei wie immer eng miteinander verbunden gefühlt. Er hatte sehr gute Laune gehabt, was in letzter Zeit nur selten der Fall gewesen war. Nach dem Konzert hatte er nur schnell zum Sanitäterzelt gehen und sich nach den Mädchen erkundigen wollen, die so an die Absperrung gedrückt worden waren, dass die Ordner sie herausziehen mussten. Von dort war er nicht zurückgekehrt. Sicher, er hatte gesagt, er würde nachkommen, doch er hatte es nicht getan. WO WAR ER? Als sie nach diesem Tag wieder in einem Hotelzimmer lag, zog sie den Brief hervor, den James ihr vor einiger Zeit aus Dublin geschrieben hatte. *Liebe Tricia! Es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht (bei Dir) gemeldet habe, doch es war mir sehr wichtig, ein bisschen Abstand zu bekommen. Ich dachte, wenn ich jetzt sofort schreibe und du mich bittest zurückzukommen, würde mich nichts mehr hier halten. Doch jetzt habe ich mich einigermaßen eingelebt, und ich kann dir schreiben, ohne Angst mich selbst wieder aufzugeben. Ich habe mir hier ein kleines Häuschen gekauft und bin gerade dabei es einzurichten und zu renovieren, zusammen mit Freunden, die ich beim Studium kennengelernt habe und mit denen ich mich regelmäßig treffe. Sie nennen mich Jim, nicht Jimmy, und ich habe das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, ein eigenständiger Mensch zu sein. Dabei fühle ich mich kein bisschen verwaist, sondern endlich frei. Obwohl ich das Herumziehen aufgegeben hab und jetzt "sesshaft" werde, fühle ich, dass ich mich von unsichtbaren Fesseln befreit habe. Du sagtest mal "I'm a different woman now" und genau so fühle ich mich (mit Ausnahme von woman natürlich). Meine neuen Freunde kennen nur mich. Nicht Patrick oder den Kleinen, nicht Vater und auch nicht unsere ganzen Platten. Auch nicht unsere Streetlife-Romantik, so schön die Zeit auch gewesen sein mag. Ohne sie im Nacken geht es mir besser, und ich möchte hier erst wieder weg, wenn ich sicher sein kann, dass ich, wenn ich zurückkehre, in meine Heimat komme. Tricia, es tut mir so leid, dass ich dich verlassen musste. Aber du wirst es verstehen, wenn es bei dir erst mal soweit ist und du dich sowohl von deiner Krankheit als auch von allem anderen lösen kannst. Ich musste diesen Schritt allein gehen; wären wir zusammen geblieben, hätten wir nur gegenseitig unsere Wunden geleckt und irgendwann aufgegeben. Aber so blieb mir nichts anderes übrig, als mich zurecht zu finden. Und das habe ich getan. Jetzt geht es mir gut. Ich habe zu arbeiten und kann mir die Zeit selbst einteilen. Ich habe Freunde, die ich mir selbst ausgesucht habe. Und ich kann endlich mal losziehen und mich betrinken, ohne mir um irgendwelche Papparazzi Gedanken machen zu müssen. Verdammt. Jetzt sitze ich hier und quassel dich voll. Dabei wollte ich dir doch eigentlich nur sagen (und das tue ich wirklich selten), wie lieb ich dich habe und dass du jederzeit herkommen kannst. Ich werde sicher auch irgendwann zurückkommen, aber es wird keine Rückkehr für immer sein. In Liebe (ehrlich!!!) James* Auf dem Umschlag standen Adresse und Telefonnummer. Hastig kramte Patricia ihr Handy heraus und wählte die Nummer, doch nur der Anrufbeantworter forderte sie auf, ihre Ergüsse zu hinterlassen. Nicht da. Sie würde noch einen Tag warten, nicht länger. Als sie den Brief noch einmal las kamen ihr die Tränen, und hemmungslos schluchzte sie in ihr Kissen. Noch nie hatte sie sich so verlassen gefühlt und so ängstlich, dass Jim wirklich etwas passiert war. Leise klopfte es. Patricia wischte sich das Gesicht ab und rief leise "herein?". In der Tür stand ihr großer Bruder, einer der wenigen, von dem sie behaupten konnte, dass er sie verstand. Abgesehen von Jim natürlich. John trat näher, in der Hand eine Flasche Wein und zwei Gläser. Er setzte sich auf ihre Bettkante und sah sie aus ernsten blauen Augen an. "Möchtest du reden?" fragte er leise, und Patricia setzte sich auf, die Knie angezogen. "Ich weiß nicht, Johnny. Pad sagt, er wird wiederkommen, er hat nur wieder seinen Tick, aber-" "Aber du kennst ihn besser und weißt, dass er sich bei DIR immer abmeldet?" beendete John leise lächelnd ihren Satz. Sie nickte überrascht. "Woher-?" John lächelte immer noch. "Ich habe einfach Augen im Kopf, Trish. Wenn er wieder mal verschwunden war und alle sich fragten warum und wohin und wann er wiederkommen würde, warst du, die am engsten mit ihm verbunden ist, immer die Ruhe in Person. Du musstest wissen, wo er war, sonst hättest du dich ähnlich aufgeregt." Sie errötete. "Ich wollte es Euch sagen!" begann sie, doch John schnitt ihr mit einer weichen Geste das Wort ab. "Ach komm, kleine Schwester. Lüg mich nicht an. Nicht mich. Du hast es nicht nötig." "Aber-!" "Kein Aber, Trish. Es ist absolut unnötig, etwas zu verraten, was nur dir gilt, Trish. Es war richtig. Sicher, es war plötzlich diese Unsicherheit da, nicht zu wissen, ob er kommen würde, aber ich möchte dir eins sagen: Diese Freiheit, die Jim sich genommen hat, stünde uns allen zu. Statt ihm also Vorwürfe zu machen, wie es einige tun, sollten wir ihm lieber dankbar sein." Er schenkte die beiden Gläser voll und reichte eins seiner Schwester, die ihn verdutzt ansah. "Dankbar? Wofür? fragte sie, während John einen Schluck Wein trank. Er lachte leise. "Dafür, dass wir jetzt wissen, dass es auch "unvollständig" funktioniert. Dass Veränderungen dazugehören und trotzdem das ganze "System" noch nicht zum Einsturz bringen." Sie unfasste das Glas mit beiden Händen und betrachtete John gebannt. "Guck mal, die Veränderungen waren schon die ganze Zeit da. Erst mit Mama, dann wurde der Kleine geboren. Dann ohne die Großen, ohne Mama, wir wurden älter, sind herumgezogen. Dann dieser Chartbreaker. Das Publikum veränderte sich, plötzlich waren wir sowas wie 'ne Boygroup mit Familie, zumindest eine Zeit lang. Die beiden Kleinen wurden Superstars. Und auch die beiden werden immer größer - Keine Boygroup würde die beiden nach so langen Jahren der Veränderungen noch haben wollen." Johns Miene war eindringlich, ebenso wie sein Ton. "Trish, wir und Kathy haben das alles am dichtesten mitbekommen; am bewusstesten. Wir sind diejenigen, die all diese Veränderungen schon bewusst mitgemacht haben, aber trotzdem noch glauben, glauben zu müssen, dass wir diese perfekte Familie verkörpern." Patricias Blick verschwamm. Perfekt? Never. Die großen Geschwister waren gegangen, die eine ganz andere Frau Mutter genannt hatten. Nur Kathleen war geblieben. Und das viele Herumgeziehe - wunderschön zwar, aber nie perfekt. Oft an der unteren Armutsgrenze - warum war niemand von ihnen in einem Kinderheim gelandet? Keine Schule. Mutters Tod. Ein alleinerziehender Vater. Die große Schwester als Mutterersatz. "Perfekt waren wir bestimmt nie, sagte sie leise und trank nun ebenfalls einen Schluck Wein, "aber bestimmt so normal wie jede andere Familie auch." Beide schwiegen eine Weile und hingen ihren Gedanken nach, bis John nickte. "Jim ist gegangen. Das ist normal in seinem Alter. Unnormal ist, dass WIR das bisher noch nicht getan oder noch nicht einmal daran gedacht haben. Sicher, ich liebe die Musik und bin jedesmal glücklich, wenn ich wieder ein neues Lied "erfinde", aber auch ich habe manchmal die Sehnsucht etwas eigenes zu tun. Und das hat nicht unbedingt etwas mit dieser Familie zu tun. " Patricia nickte. "Ich kenne das. Aber es kam mir immer wie Verrat vor. Ich dachte immer, Jimmy wäre der einzige, der sowas wirklich durchzieht, eben weil er sich schlecht anpassen kann. Aber wenn ich so drüber nachdenke-" "Tu das mal, Trish. Und mach dir keine so großen Sorgen. Und noch was: Bitte kein Alleingang. Ich helfe dir bei allem, was du vorhaben solltest. Gute Nacht!" "Gute Nacht," sagte sie leise, doch da war ihr Bruder schon verschwunden. Drittes Kapitel Jimmy und Fyona schliefen beide schlecht in dieser Nacht. Fyona wälzte sich auf der Couch hin und her und dachte über Amnäsie nach; Jimmy fühlte sich fehl am Platz in dem großen Bett und dachte über sich selbst nach. Und über diese Amnäsie. Er fragte sich, wo seine Familie sei und wusste doch gar nicht, ob er überhaupt eine hatte. Fyona hatte er nicht gefragt; aus Angst, sie noch mehr zu verletzen. Er fragte sich, ob sie ihm gefiel. Sie hatte dunkle sanfte Augen, die ihm ein bisschen ängstlich vorkamen - die Sorge um ihn?, und ihre schulterlangen dunklen Haare waren rotstichig und fransig geschnitten. Ihre Figur war wohl am ehesten - normal zu nennen, der dicke Pulli hatte viel verdeckt. Seine Gefühle für sie waren - neutral. Er kannte sie nicht, und auch die Berührungen, die sie ganz vorsichtig ausgetauscht hatten, waren ihm fremd und unvertraut. Als er endlich in einen unruhigen Schlaf fiel, träumte er wirres Zeug. Er stand vor einer riesigen Menschenmenge, die einer Massenhysterie nahe war und immer wieder seinen Namen brüllte. Die Menschen wogten auf ihn zu, und er wollte wegrennen, doch als er an sich hinuntersah, entdeckte er schwere Ketten an seinen Füßen und konnte sich nicht regen. Immer näher kam die Menge. Er wollte schreien, doch sein Mund ließ sich nicht öffnen. Er war wie gelähmt, und erst, als eine Frau von der Seite auf ihn zutrat und seine Schulter berührte, war er frei. Er sah sie an, doch langes blondes Haar verdeckte ihre Gesichtszüge. "Geh, James. Geh, du bist frei." Ihre Stimme war sanft und leise, und er wusste, wenn er ihr Gesicht sehen würde, würde er sie wiedererkennen. Doch plötzlich war sie weg, und er erwachte schweißgebadet. Fyona stand vor ihm. Er erzählte ihr nichts von seinem Traum aus Angst, die blonde Frau wurde eine böse Erinnerung in ihr wecken. Doch er wagte es endlich, sie nach seiner Familie zu fragen. Ein Schatten glitt über ihr Gesicht. "Deine Mutter ist gestorben, als du ungefähr zwölf warst, James. Es tut mir leid." Er fühlte, wie eine eiserne Faust seinen Magen umklammerte und sah sie ängstlich an. "Und mein Vater; meine Geschwister? Habe ich welche?" Fyona dachte wieder einma rasendschnell nach. "Dein Vater lebt in der Nähe von Köln. Ihr habt keinen besonders guten Kontakt zueinander. KRISSI! "Aber Deine Schwester - mit ihr verstehst du dich sehr gut. Sie lebt in Köln direkt. Soll ich sie anrufen?" James' Knie wurden weich. Warum hatte sie das nicht gleich gesagt? War die blonde Frau seine Schwester? "Bitte, wenn du das tun würdest?!" Fyona nickte. Sie ging zum Wagen und schaltete ihr Handy ein um Krissi anzurufen. Ihre älteste Freundin würde ihr helfen, das wusste sie. Innerhalb von einer Viertelstunde war alles geklärt. Krissi würde noch an diesem Tag mit der nächsten Fähre kommen. Fyona wartete ungeduldig, bis sie ihrer ältesten Freundin endlich am Fähranleger entgegeneilen und sie umarmen konnte. Jimmy folgte ihnen langsamer. Er hatte gesehen, dass die Frau, die vom Schiff kam, der aus seinem Traum nicht im geringsten ähnelte. Doch wenn das seine Schwester sein sollte, wäre sie eine Person, der er vertrauen konnte? "Du bist doch total bescheuert, Fyona. Was machst du denn für Scheiße? Da kommst du nie lebend wieder raus!" zischte Krissi ihrer Freundin zu. Fyona verzog das Gesicht. "Ich muss es jetzt durchziehen, Chris. Es geht nicht mehr anders. Jetzt halt die Klappe und zieh es auch durch, wenn du mir helfen willst!" Chrissi sah ihrer Freundin in die dunklen Augen, die fast fieberhaft glänzten. Sie schwor sich, niemals wieder auf einen ihrer dummen Pläne einzugehen. Doch jetzt hatte sie zu "arbeiten". Sie blickte James entgegen, der noch ungefähr fünf Meter entfernt war und dachte daran, wie sie einen älteren Bruder behandeln würde, wenn es ihm genauso ergangen wäre. Sie hatte keinen, doch schauspielern hatte sie schon immer gut gekonnt. Sie sah in seine blauen Augen, die sich fast an sie hefteten und entdeckte in ihnen einen Anflug von Enttäuschung. "Jimbo," sagte sie mit weicher Stimme und ging langsam auf ihn zu. James blieb stehen und musterte die Frau, die seine Schwester sein sollte. Grüne Augen strahlten ihn aus einem runden Gesicht an, dessen Nase mit winzigen Sommersprossen bestäubt war. Sie war fast ebenso groß wie er und schleppte einen Rucksack mit sich, auf den ein Schlafsack geschnallt war. Ihre Jeans waren von einem verwaschenen Blau; darüber trug sie einen hellen Kapuzenpulli. Als sie direkt vor ihm stand, konnte sie die Angst in seinen Augen lesen, und es tat ihr unheimlich weh, ihn anlügen zu müssen. "Du erkennst mich nicht." Ihre Stimme war rau und fest, und er nickte leicht. Sie griff nach seiner Rechten und drückte sie leicht, bevor sie fortfuhr. "Mach dir nichts draus, dann werden wir uns eben neu kennen lernen. Bis du wieder der Alte bist." Sie blickte Fyona entgegen und lächelte sie an. "Gehen wir. Fyona, du kennst ihn genauso gut wie ich. Lass ihm die Zeit und hab Geduld," sagte sie leise. Ihre Freundin nickte. Viertes Kapitel Als Jim am nächsten Tag immer noch kein Lebenszeichen von sich gegeben hatte, stand Patricias Entschluss fest. Sie packte ein paar Sachen in einen Rucksack und nahm den Hund mit, der ihr helfen sollte, ihren Bruder zu finden. John würde sie regelmäßig berichten, das hatte sie ihm versprochen. Doch sie wollte allein gehen. Zunächst rief sie in allen Krankenhäusern an, um herauszufinden, ob ihr Bruder dort eingeliefert worden war. Sie wurde überall abgewiesen, doch beim letzten hatte sie ansatzweise Glück. Ein junger Mann sei an besagtem Tag eingeliefert worden; seine Freundin hatte ihn jedoch am nächsten Morgen mitgenommen und hatte auch keine Versichertenkarte abgegeben. Die Rechnung war privat bezahlt worden. Nein, wie der Mann ausgesehen hatte, konnte niemand sagen, und nein, über seine Diagnose würde ihr niemand Auskunft geben, solange sie ihre verwandtschaftliche Bindung nicht beweisen könnte. Der Rettungsdienst wenigstens konnte ihr endlich weiterhelfen. Außer sich vor Zorn über das, was sie erfahren hatte, machte sie sich wieder auf den Weg, wusste aber auch nicht genau wohin. Auch als sie wütend durch die halbe Stadt gestapft war, war ihr Zorn noch nicht verraucht. WO WAR ER? Am Nachmittag ging sie in der Firma die Listen der Leute durch, die im Merchandising und im Service gejobbt hatten und keine feste Anstellung hatten, denn diese Leute waren nach dem Open-Air die einzigen gewesen, die noch im Stadion waren - außer dem festen Stab der Mitarbeiter. Jeden einzelnen rief sie an, sprach mit allen über das Konzert und gab vor, eine statistische Erhebung zu machen. Sie persönlich, ja. Nein, sonst niemand. Ja, es würde eine Möglichkeit geben, die Kels persönlich zu treffen. Irgendwann. Nur eine Frau konnte sie nicht erreichen. Fyona Wiegand. Der Name sagte Patricia nichts; sie konnte keine Freundin von James sein. Doch vielleicht hatte sie etwas mit seinem Verschwinden zu tun? Kurzerhand ließ sie sich zu ihrer Wohnung fahren, die verlassen dalag. Und an diesem dämmrigen Abend fasste sie einen mutigen Entschluss: Sie öffnete ein gekipptes Fenster und stieg in die Wohnung ein. Alles sah ganz normal aus. Zwei Zimmer, Küche, Bad, an der Wand ein paar Bilder. Dort neben dem Bett - was war das? Ein kleines Schränkchen bot die Abstellfläche für Kerzen und Bilder - von James. Patricia hatte nie die Wohnung eines Fans betreten, doch das hier musste sie sich ansehen. Die Bilder waren in einem Halbkreis um die Kerzen geordnet und zeigten Jim auf der Bühne, auf dem Motorrad, inmitten seiner Geschwister und als kleinen Jungen mit Joey. Abfotografiert vom Bildschirm. Die Kerzen hatten alle Herzform. Patricia fühlte sich, als wäre sie in eine Situation geplatzt, die mehr als peinlich war, und sie wollte eigentlich nichts mehr als diese Wohnung wieder verlassen. Doch sie musste herausfinden, was diese Fyona mit James' Verschwinden zu tun hatte. Ein Bild einer dunkelhaarigen Frau hing an der Wand in der Küche; das war sie wohl. Sah eigentlich nett aus, doch sie wollte sich nicht einlullen lassen. Wenn sie ihren Bruder im Vollbesitz seiner Kräfte "verschwinden lassen" konnte - was hatte sie für Mittel und Wege? Patricia schauderte, als plötzlich das Telefon kingelte. Der Anrufbeantworter sprang an, und sie hörte eine tiefe mänliche Stimme sprechen: "Sag mal Kleine, was hat dich denn jetzt geritten? Bring sofort meine Klamotten zurück, ich brauch sie fürs Wochenende. Falls es dir entgangen ist: Wenn man etwas anziehen möchte, gibt es Geschäfte, in denen man einkaufen kann. Also: ich komm schnell vorbei und hol sie mir; du hast nur keine Lust, ans Telefon zu gehen, ich kenn dich!" Patricia musste wider Willen lächeln. Das klang nach einem großen Bruder. Sie begann die Wohnung zu durchsuchen, systematisch und genau. Sie fand etliche Boxen mit Fotos, Videos etc etc etc. Ein Filofax lag aufgeschlagen neben dem Telefon. Doch welche Nummer sollte sie anrufen? Wo steckte diese Frau? Es schien ihr fast, als müsste sie warten, bis dieser Bruder auftauchte. Doch wie sollte sie ihm die Situation erklären? Eine Fremde in der Wohnung seiner Schwester würde ihn bestimmt nicht glücklich machen. Sie wartete vor der Tür, wo Finbar an einer Laterne angebunden war, doch schon nach kurzer Zeit wurde sie von einem rostigen R5 belohnt, der direkt vor der Tür im Halteverbot zum Stehen kam. Ein dunkelblonder Mann steig aus und wollte gerade auf die Klingel drücken, als sie ihm die Hand auf die Schulter legte. "Entschuldigung. Wollen Sie zu Fyona?" Der Mann fuhr herum und sah sie erstaunt an. "Ja, warum?" wollte er wissen, und Patricia legte ihren gesamten hilflosen Charme in ihre Mimik. "Ich suche sie schon seit vorgestern, sie hat sich eine Seminararbeit von mir geliehen, und ich brauche sie jetzt unbedingt zurück. Aber ich kann sie nirgends finden. Wissen Sie vielleicht, wo sie stecken könnte?" Der Mann sah sie mürrisch an. "Näää. Ich weiß, dass sie vor ca. drei Tagen noch bei 'nem Konzert gejobbt hat, danach hab ich sie auch nicht mehr gesehen. Aber am Tag drauf hat sie bei meinen Eltern meine gesamten Kapuzenpullis abgeholt, weiß der Teufel warum. Normalerweise trägt sie ihre eigenen Klamotten." Patricia nickte leicht. "Aber ich brauche diese Arbeit wirklich. Gibt es denn keinen Ort, an den sie gefahren sein könnte? Vielleicht zu einer Freundin oder so? Kurzurlaub?" Sie ließ ihre Stimme leicht zittern, eine Fähigkeit, mit der sie bei ihrem Vater früher alles erreicht hatte. Der Mann zeigte nun ein kleines Lächeln. "Tja, vielleicht ist sie in unserer Hütte. Warten Sie, ich versuch sie über Handy zu erreichen." Bange Sekunden verstrichen, bis Ulli - so hieß der Bruder - zurückkam. "Mailbox. Das heißt normalerweise, dass sie echt nicht gestört werden will. Aber was soll's - wir brauchen unsere Sachen wieder. Lust auf 'ne kleine Tour nach Fehmarn? Ich lad Sie ein." Das war schon fast zu einfach, dachte Patricia, als sie neben Ulli im Auto saß und sie über die Landstraßen rasten. Wer sagte ihr, dass Jim wirklich bei Fyona war? Wer sagte ihr, dass er nicht wirklich einen seiner Ticks hatte? Niemand konnte ihr so etwas sagen. Sie spürte es einfach. Fünftes Kapitel Chrissy und James machten - wie James und Fyona zwei Tage zuvor - einen Spaziergang zum Strand. Chrissy hatte ein wahnsinnig schlechtes Gewissen diesem jungen Mann gegenüber, der ihnen beiden nun so ausgeliefert war. Fast war sie soweit, ihm die ganze Wahrheit zu sagen. James spürte ihre Unsicherheit. "Ich hatte heute nacht einen Traum." Er berichtete von der Menschenmenge und der blonden Frau, die ihn befreit hatte. "Ich wollte es Fyona nicht sagen, weil ich Angst habe, sie noch mehr zu verletzen. Aber du bist meine Schwester...?!" Er verstummte, und Chrissy nickte leicht. "Über die blonde Frau kann ich dir nichts sagen, Jimbo. Nur soviel, dass sie dir wahrscheinlich viel bedeutet oder bedeutet hat. Sperr dich nicht gegen diese Gefühle; sie sind echter als vieles, was dir begegnen mag." James fragte sich wieder und wieder und wieder, wann sein Gedächtnis nun wiederkehren mochte. "Sie sind das einzige worauf ich mich verlassen kann. Sonst habe ich nichts." Als sie zum Häuschen zurückkehrten, stand ein klappriges Auto vor der Tür, und als James das Haus betrat, spürte er einen Schlag in der Magengegend, denn im Wohnzimmer saß niemand anders als die blonde Frau. Sie redete auf Fyona ein, die ein ziemlich blasses Gesicht hatte. Neben Fyona saß ein junger Mann, der sehr wütend aussah. James konnte ihr Gesicht immer noch nicht erkennen, doch er fühlte eine Verbundenheit ihr gegenüber, die er weder bei Fyona noch bei Chrissy gehabt hatte. Alles in ihm wollte sich in ihre Arme werfen, dabei hatte er noch nicht einmal ihr Gesicht gesehen. Plötzlich wurde er von einem grauen Ungetüm angefallen und umgeworfen. Lautes Bellen drang an sein Ohr, und er fiel hintenüber, genau mit dem Hinterkopf auf die steinerne Türschwelle. Dann hörte er nichts mehr. Epilog Das Licht flackerte, als ich wieder zu mir kam. Eine sanfte vertraute Hand strich mir über die Stirn und sah mich lächelnd an. Ich versuchte mich aufzurichten, doch sie drückte mich zurück auf das Sofa. "Bleib liegen, Brüderchen," sagte sie leise und drückte meine Hand. Da wusste ich endlich, ich war zurück. Tricia war da. Und würde nie weggehen. Erleichtert schloss ich die Augen. © Kimba (Toll geschrieben!) |
Last update: 27/09/2001
(Online since: 13/06/2000)