Beinahe
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Langsam und bedächtig schritt der alte Kontrolleur durch die nächtliche U-Bahnstation. Er hatte eine anstrengende Nacht hinter sich und freute sich nun auf ein gemütliches Feierabendbier und vielleicht die Fußballberichte im Fernsehen. Viele Schwarzfahrer waren heute unterwegs gewesen, doch wie so oft hatte er kaum Anzeigen erstattet, denn die meisten waren unter achtzehn und deshalb kaum diesen bürokratischen Aufwand wert. Viele junge Mädchen waren heute mit der Bahn unterwegs gewesen, selbst mitten in der Nacht. Jetzt jedoch, so gegen fünf Uhr morgens, waren die Bahnen wieder leer und die Station verlassen bis auf eins der Mädchen, das verloren dastand und auf die erste Bahn wartete. Die ersten Putzkolonnen traten an, um leere Bierdosen aufzusammeln und den Boden zu fegen; die Neonröhren strahlten wie so oft ein kränkelndes Gelbweiß aus. Der Alte schritt zur Rolltreppe, als er plötzlich ein Kribbeln im Nacken spürte, das ihm stets etwas unangenehmes ankündigte. Er drehte sich um und erstarrte. Aus der Ferne hörte er das Raunen der sich nähernden Bahn. Doch nicht das war es, was ihn so beunruhigte; nein, es war das Mädchen, das plötzlich wie im Schlaf einige Schritte vorwärts machte und sich den Gleisen näherte. Der alte Mann reagierte instinktiv und rannte los. Genau in dem Moment, in dem er nach der Jacke des Mädchens griff, sprang sie. Doch sein Griff war hart und so fiel sie nur auf den Boden der Station, während die Bahn ohrenbetäubend laut vorbeiraste. Der Kontrolleur zog das Mädchen auf die Beine und gab ihr eine schallende Ohrfeige. Selbst geschockt von seiner Tat zuckte er zurück, und das Mädchen hielt sich die schmerzende Wange. "Scheiße, mann," zischte sie wütend und wich dem Blick aus seinen Augen aus. Der Alte war kein sehr redseliger Typ, doch die blauen angsterfüllten Augen des Mädchens rührten ihn doch. "Entschuldigung, aber es musste sein," brummte er verlegen und ließ ihre Jacke wieder los. Schon gut," erwiderte sie und blickte zu Boden. Als hätten die beiden sich verabredet, gingen beide in Richtung Rolltreppe und fuhren schweigend hinauf in den erwachenden Morgen. Es nieselte leicht, und der Platz inmitten der Fußgängerzone, der tagsüber voll von Menschen war, wirkte ausgestorben. Lediglich die kleine Trinkhalle hatte schon (oder immer noch) geöffnet. Der Alte bestellte zwei Becher Kaffee und reichte einen dem Mädchen, das sehr blass und einsam wirkte. "Warum haben Sie das getan?" fragte sie leise, und er hob die hageren Schultern. "Könntest meine Enkelin sein. Warum tun junge Mädchen das?" brummelte er wieder und trank einen Schluck Kaffee. Dann setzte er sich auf den kleinen Mauervorsprung neben dem Kiosk und stellte seinen Becher ab. Sie setzte sich neben ihn. Irgendwie vertraute sie diesem alten Mann, der so aus dem Nichts aufgetaucht war und sie an ihrem Vorhaben gehindert hatte. Im ersten Moment war sie wütend gewesen, denn sie war sich so mutig vorgekommen. Jetzt spürte sie nur noch Scham. Doch sie wollte nicht darüber nachdenken. Scham und Angst, das waren Gefühle, mit denen sie aufgewachsen war; die sie nie aus ihrem Leben hatte verbannen können. Sie reichte dem Mann ihr Tagebuch. "Ich muss jetzt gehen. Das hier schenke ich Ihnen. Vielleicht sehen wir uns mal wieder. Danke für den Kaffee!" Der Alte schüttelte ratlos den Kopf. Dann öffnete er das Buch. Doch was er sah waren keine Worte, sondern Fotos, dicht an dicht geklebt und alle beängstigend. Viele zeigten junge Mädchen, denen sehr ähnlich, die er heute beim Schwarzfahren erwischt hatte. Doch nicht einzeln, nein - in MASSEN. Manchmal wohl hunderte. Andere zeigten Menschen, junge Menschen, die blass in Räumen hockten und sich zu verstecken schienen. Der Alte runzelte die Stirn. Die kannte er doch... Die letzte Seite zeigte das Mädchen. Klein und blass saß sie auf dem Platz in einem Reisebus und weinte. Darunter stand nur ein Wort: WARUM? Lange dachte er nach und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Langsam ging er nach Hause, wo seine Enkelin ihm schon einen Kaffee gekocht hatte. Sie strahlte ihn an und reichte ihm ein Fotoalbum. Doch ohne es zu öffnen und sich wie sonst mit seiner Enkelin zu freuen, warf er es in den Müll und drückte das fassungslose Mädchen auf einen Stuhl. Er war versucht, seine zweite Ohrfeige zu verteilen, doch da er das noch nie getan hatte, riss er sich zusammen und setzte sich ebenfalls. Dann zog er das Buch aus der Tasche. "Lass uns reden," sagte er nur. © Kimba (Traurig und rührend!) |
Last update: 07/07/2000
(Online since: 07/07/2000)