Au-Pair in Freiarbeit
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"Also, wir machen jetzt eine zeitlang Freiarbeit, Leute." Frau Göhde, die neue Deutschlehrerin, erhob sich von ihrem Stuhl und verteilte die Aufsatzhefte. "In jeder Deutschstunde schreibt Ihr ein Stück mehr zu Eurem Thema, das Ihr zugelost bekommt. Die Hauptsache hierbei ist, daß Ihr Fantasie und einen schönen Stil lernt. Wenn Ihr Fragen habt, wendet Euch an mich, ja?" Sanne schlug müde ihr Heft auf. Sie hatte die ganze Nacht durchgemacht und mit ihrer Freundin zusammen ein Video gedreht, das sie ihrer anderen Freundin Nicky zum Geburtstag schenken wollten. "Stell Dir vor, Du erinnerst Dich an etwas, das Du vor langer Zeit erlebt hast. Dabei ist es nicht wichtig, ob Du es wirklich erlebt oder Dir nur ausgedacht hast. Das Tagebuch Regen Regen Regen. Regen draußen, Regen in meinem Kopf, Regen überall in meinem Leben. Mir ist manchmal so langweilig, daß ich ernsthaft befürchte, erwachsen zu sein. Ich arbeite jeden Tag acht Stunden, jede Woche fünf Tage, jeden Monat vier Wochen. Nichts ändert sich. Irgendwann mal hab ich studiert, das war noch die witzigste Zeit meines Lebens. Und die davor. Aber jetzt...ich weiß nicht. Mein Leben ist so verdammt eintönig geworden. Ich langweile mich. Ich denke jetzt oft an die Vergangenheit, die so ganz anders war als die Gegenwart. So aufregend! Vor allem, wenn ich das Radio oder die Glotze anmache, denke ich an früher... Wenn das hier ein Film wäre, würde jetzt eine Wischblende alles verschwimmen lassen. Dann würde ein Bild erscheinen und darunter stände "Köln". Das Bild wäre ein Boot auf einem Fluß. Tja, und da wären wir, in meiner Vergangenheit, die ich eigentlich nie so richtig aufgeschrieben habe. Komisch. Sonst tue ich das immer. Aber vielleicht war das alles doch ein bißchen zu unglaubwürdig, zu fantastisch. Es ist ein ziemlich verregneter Tag, als das Taxi beim Hafengelände hält. Ich steige aus und trage meine Taschen und Koffer selbst hinein, hinter das Tor, und werfe einen ersten Blick auf dieses Schiff. Ein bißchen komisch komme ich mir hier schon vor. Ich bin ziemlich aufgeregt, weil ich, und nur ich, diesen Wahnsinnsglückstreffer gelandet habe, nur ich werde jetzt hier ein Jahr lang als Au-Pair arbeiten. Trotzdem habe ich ziemliche Angst und gehe nur langsam auf den Anlegesteg zu, an dem das riesige Hausboot liegt. Durch die hohe Mauer ist es von neugierigen Blicken abgetrennt. Dahinter stand ich auch schon so manches Mal, aber jetzt werde ich dort LEBEN. Noch bevor ich mich bemerkbar machen kann, öffnet sich die Tür und -ich schlucke ein paarmal tief- Barby Kelly steht persönlich vor mir. Sie sieht irgendwie ganz anders aus als auf der Bühne, trägt Jeans und einen dunkelroten Pulli und hat einen Pferdeschwanz. Sie begrüßt mich total freundlich und nimmt mir zwei meiner Taschen ab. Dann zeigt sie mir "meine" Kabine, die ich mit Patricia teilen werde. Alle teilen sich hier mit einem anderen eine Kabine. Dann läßt sie mich eine Weile allein, damit ich meine Sachen auspacken kann. Sie will nach einer halben Stunde wiederkommen, um mich mit den anderen bekanntzumachen. Als erstes sehe ich mich in der Kabine um. Auf dem Regal stehen viele Bücher, psychologische, medizinische und esoterische. All das, was ich also sowieso schon weiß, sehe ich auf einmal real vor mir. Ich komme mir ein bißchen wie ein Eindringling vor, weil doch sonst das Privatleben der neun Geschwister so abgeschottet wird. Mein Bett ist das obere. Es ist mit dunkelblauer Bettwäsche bezogen und riecht ganz frisch. Auf dem Kopfkissen liegt ein beschriebenes Blatt Papier. "Liebe Sanne!" steht darauf. "Ich freue mich schon darauf, meine Kabine mit Dir teilen zu können und hoffe, Du lebst Dich bei uns schnell ein. Aber wir sehen uns ja sicher gleich. Liebe Grüße, Patricia." Verlegen stecke ich den Zettel in meine Hosentasche. Als Barby wiederkommt, habe ich das meiste schon ausgeräumt. Aufgeregt bin ich immer noch. Das alles, was ich schon immer sehen und erleben wollte, jetzt so selbstverständlich um mich zu haben, macht mich total verwirrt. Ich muß an Nicky denken, die mich beneidet wie sie sonst wohl noch niemanden beneidet hat. Aber es konnte nur eine gewinnen. Und das war ich. Mein Herz klopft bis zum Hals, als ich hinter Barby den großen Wohnraum betrete. Neun Augenpaare sehen mich neugierig an, und ich würde am liebsten im Boden versinken. Doch stattdessen sehe ich sie ebenfalls an. Vater Kelly steht langsam auf und kommt auf mich zu. Mir fällt auf, daß er das gleiche Gewand trägt wie auf der Bühne. Er lächelt mich an. Auf Englisch begrüßt er mich herzlich und weist mich in die Gepflogenheiten der Familie ein. Au-Pair, sagt er, heißt für ihn so zu tun, als wäre ich ebenfalls ein Kind der Familie. Ich habe die gleichen Rechte und Pflichten wie die anderen auch. Er wirkt sehr feierlich, aber im nachhinein glaube ich, daß das einfach an seiner amerikanischen Herkunft liegt. Er ist der einzige, sagt er noch, der mit mir nur englisch sprechen wird, die "Kinder" reden alle deutsch. Dann bietet er mir einen Stuhl an. Er stellt mir seine Kinder vor, und fast hätte ich laut losgelacht, denn die kennt doch nun wirklich jeder. Alle geben mir die Hand, nur Angelo hebt lässig seine rechte Hand und bewegt sich kein Stück in seinem Sessel. Alle tragen ganz andere Sachen als auf der Bühne, Jeans, T-Shirts und sowas. Ich sehe weit und breit keine Rüschen und keinen Samt. Wir sitzen ein paar Minuten so da und sagen gar nichts, bis Patricia mir Tee anbietet und auch gleich in die Küche geht. Plötzlich fangen sie an, mich auszufragen, vor allem die jüngeren sind total neugierig darauf, was ich sonst so mache. Das scheinen sie ja alle nicht so richtig zu kennen. Ich erzähle aus der Schule, von meinen Freunden und wundere mich ziemlich, daß sie das echt zu interessieren scheint. Das nimmt mir ein bißchen meine Aufregung. Als ich gerade von Nicky erzähle, kommt Patricia mit dem Tee. Ich kriege trotzdem kaum was runter. In der ersten Nacht liege ich ewig lange wach. Ich höre ein ganz ganz leises Schnarchen von unten und muß mir ein Kichern verkneifen. Erst als ich schon mindestens drei Stunden wachliege, werde ich schläfrig. Deshalb bin ich auch ziemlich müde, als ich morgens von Patricia geweckt werde. Wir sind dran mit Frühstückmachen, die anderen schlafen noch. Wir unterhalten uns ein bißchen, aber irgendwie weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Sie ist immerhin gute zehn Jahre älter als ich. Ich bin ein wenig erleichtert, als Barby und Maite aufstehen, mit ihnen kann ich besser reden. Sie helfen uns beim Tischdecken und sind schon so früh am Morgen total gut gelaunt. Mir fällt auf, daß einige der Geschwister ziemliche Morgenmuffel sind. John zum Beispiel sieht aus, als hätte er drei Wochen nicht geschlafen. Er trinkt auch nur ein Glas O-Saft und sagt keinen Ton. Oder Paddy. In den nächsten Wochen sollte ich noch lernen, daß er nie vor zehn Uhr angesprochen werden will. Die Geschwister haben zu dieser Zeit gerade kaum Verpflichtungen und sind deshalb die meiste Zeit zu Hause. Sie benehmen sich tatsächlich wie ganz normale Menschen und zoffen sich auch, wo sie nur können. Nach ungefähr einer Woche habe ich mich einigermaßen eingewöhnt und schreibe den ersten Brief an Nicky. Ich weiß, daß ich ihr total vertrauen kann. Ich erzähle ihr vom Leben hier auf dem Boot, von den Geschwistern und den Dingen, die ich schon mit ihnen erlebt habe. Klar, nach einer Woche ist das nicht allzuviel, aber immerhin mehr, als andere mit ihnen erlebt haben. Zweimal waren wir auf einem Flohmarkt, aber immer nur in kleinen Gruppen. Das hat sich als ungefährlicher herausgestellt. Das erste Mal war ich mit Barby und Maite unterwegs, das zweite Mal mit Paddy und Joey. Das war witzig! Joey hat mir einen riesigen Strohhut geschenkt, der eine ziemlich ekelhafte Plastikblume an der Seite hat, in rosa! Überhaupt sind alle total nett zu mir. Gar nicht wie zu 'nem Au-Pair, eher wie zu 'nem Gast. Aber das legt sich bestimmt, wenn ich erst länger hier bin. Nach einem Monat war ich das erste Mal mit in einem richtigen TV-Studio. Abgefahrene Sache. Ich saß im Publikum und hab alles von vorn bis hinten mit angeguckt. Dabei hab ich mich gefühlt, als würden meine eigenen Geschwister da vorn stehen und Musik machen. Danach waren alle ganz wild auf meine Meinung. Später sind wir noch zu dritt spazierengegangen, am Rhein runter, mitten in der Nacht, John, Barby und ich, und es war echt wunderschön! Die ganzen Lichter und so... Ein paar Nächte später ist mir was total peinliches passiert. Eigentlich wollte ich das niemandem erzählen, aber was soll's? Also, als Kind bin ich öfter im Schlaf rumgelaufen. Das war aber eigentlich schon vorbei, aber trotzdem bin ich in der einen Nacht losgewandert. Am nächsten Morgen bin ich neben Paddys Bett aufgewacht. Oh mann, ich hab mich so geschämt!!! Aber er hat nur gegrinst und sich Sorgen gemacht, ob ich mich wohl erkältet hätte. Außerdem hat er mir versprochen, daß er niemandem davon erzählen würde. Ich bin auch unbemerkt ins Bett zurückgekommen. Das war aber zum Glück das einzige Mal, daß mir sowas passiert ist, toi toi toi. Das nächste, an das ich mich so richtig erinnere, war ein dicker fetter Streit zwischen Paddy und seinem kleinen Bruder. Die Stimmung war total unerträglich, dabei ging es echt nur um Kleinigkeiten. Das heißt, es ging zuerst um eine Kleinigkeit, ums Staubsaugen. Angelo war dran, hatte aber anscheinend keine Lust und es verbummelt. Statt ihn aber nur daran zu erinnern, hat Patrick einen riesigen Streit vom Zaun gebrochen. Da ist mir erst richtig aufgefallen, was für Konkurrenten die beiden sind und wie sehr sie das auch annervt. Mir taten beide ziemlich leid. Patrick, weil er irgendwie so hilflos war und sich nur mit dieser blöden Staubsaugergeschichte Luft machen konnte, und Angelo, weil er überhaupt nicht gerafft hat, was da in ihnen vorgegangen ist. Die zwei haben sich angeschrien als wären sie Todfeinde, und die anderen haben das mehr oder weniger ignoriert. Wahrscheinlich kannten sie diese Art Streit schon und wußten selbst nicht, wie sie damit umgehen sollten. Als sie beide in verschiedene Richtungen verschwanden, Angelo in seiner Kabine, Patrick auf der Terrasse und keiner ihnen folgte, mußte ich an meinen ersten Tag denken, als mir gesagt wurde, ich würde jetzt auch mit zur Familie gehören. Und da keiner der anderen sich um die beiden kümmerte, folgte ich Patrick kurzerhand auf die Terrasse. Er stand an der Brüstung und kehrte mir den Rücken zu. Als ich ihn leise ansprach, fuhr er herum wie vom Blitz getroffen. Wir haben lange geredet, und dabei habe ich erfahren, daß dieser Mensch voller Angst steckte, die wahrscheinlich bis heute nicht so ganz besiegt ist. Er erzählte mir von seinem ersten großen Auftritt in der (ehemaligen) DDR, als er zum ersten Mal das Lied "David's Song" singen durfte/sollte/mußte und solche Angst hatte, den Text zu vergessen, daß Johnny, der das Lied vor ihm gesungen hatte, während des ganzen Lieds neben ihm knien und ihm vorsagen mußte. Er erzählte, daß genau dieser Abend Johns Abschied vom Leben im Mittelpunkt gewesen war. Danach war es Patrick gewesen. Seine beiden anderen Brüder waren immer eher am Rande erschienen, sie machten sich nicht ganz soviel aus dem Rampenlicht. Und dann war der Kleine auf einmal so schnell groß geworden. Während ich da so auf der Terrasse stand und Patrick zuhörte, erschien er mir, als hätte er schon viel mehr Jahre auf dem Buckel als seine zwanzig, und ich versuchte, ihn ein bißchen aufzuheitern, vor allem, weil er doch überhaupt keinen Grund hatte, so dermaßen eifersüchtig zu sein, vor allem natürlich auch, weil sein kleiner Bruder ein völlig anderer Typ war als er. Auf seine Schwestern und seine großen Brüder war er ja auch nicht eifersüchtig. Wir waren lange draußen und redeten und redeten und redeten. Ich hätte mir nie träumen lassen, wie normal ich mit diesem Jungen umgehen konnte. Es war gerade so, als wäre er mein eigener Bruder, dem ich auch ruhig mal den Kopf zurechtrücken konnte. Deshalb war ich auch keineswegs aufgeregt oder so, als er mich plötzlich umarmte. "Danke, Sanne!" sagte er leise, und dann gingen wir wieder ins Boot zurück. Bevor ich meinen Job angetreten hatte, hatte ich mich oft gefragt, wie diese ganzen Leute unter einem Dach es gebacken kriegen, diese wunderschönen Songs zu schreiben, und das auch noch ungestört. Aber nach einer Weile habe ich es bei so ziemlich allen herausbekommen. Patricia schreibt am liebsten nachts, wenn alles ruhig ist, ihre Texte und hat dann schon gleich am nächsten Morgen eine passende Melodie dazu auf den Lippen, die nur noch ein bißchen gefeilt werden muß. John schnappt sich entweder den Hund zum Spazierengehen oder seinen Fotoapparat und geht ein paar Stunden raus. Wenn er dann wiederkommt, verschwindet er für eine Weile in seiner Kabine, die er allein bewohnt und kommt erst wieder raus, wenn alles perfekt ist. Manchmal dauert das Tage, in denen er immer das gleiche tut: morgens aufstehen, seinen Saft trinken, losgehen, wiederkommen, essen, sich einschließen, schlafen gehen. Bei Patrick ist es immer völlig verschieden, dem kommen ständig irgendwelche Ideen, die er aber auch ständig wieder verwirft: beim Duschen, beim Essen, beim Autofahren. Barby hingegen nimmt sich richtig Zeit für ihre kreativen Phasen, wie sie es nennt. Dann macht sie sich einen richtigen Stundenplan. Manchmal vertont sie auch einfach ihre Aquarelle. Das klingt vielleicht komisch, ist aber wirklich wahr. Und Maite ist ständig verliebt und schreibt darüber ihre Lieder, meistens inmitten ihrer Geschwister. Sie läßt sich da durch nichts aus der Ruhe bringen. Da ist Joey wieder ganz anders. Der schraubt an irgendwelchen Sachen rum oder fährt mit dem Auto in der Gegend herum, bis sich seine Unruhe gelegt und er mindestens einen Text geschrieben hat. Dann schrammelt er solange auf seiner Gitarre herum, bis der Song fertig ist, und weil er meistens ziemlich schnelle Lieder macht, machen auch immer Leute mit bei seinen Improvisationen. Das ist 'ne ziemlich witzige Sache. Sein "Zwilling", wie alle Jimmy nennen, ist da total anders. Der schreibt kurze Geschichten oder Gedichte und bringt die dann auf ein Liedmaß. Tja, und die anderen haben mich nicht eingeweiht; Kathy war sowieso die meiste Zeit auf ihrem eigenen Boot, und Angelo hatte eines schönen Tages einfach ein Lied fertig, ohne mir zu verraten, wie er das denn geschafft hat. Vielleicht lag es aber auch daran, daß genau an diesem Tag irgendwie alles Mist war. Gleich morgens bekam ich einen Brief von Nicky. Sie war stinksauer auf mich, daß ich ihr noch nicht öfter geschrieben habe und sie (vor allem) noch nicht eingeladen hatte, obwohl ich ihr das fest versprochen hatte. Aber was sollte ich denn tun? Ich konnte ja schlecht sagen "Mädels, ich bekomme für ein paar Tage Besuch, bitte laßt sie hier wohnen, sie will Euch auch gar nicht stören", oder? Auf jeden Fall war mir bei dem Gedanken an sie gar nicht wohl. Das nächste war, daß der Hund irgendwas Schlechtes gefressen hatte und fast daran eingegangen wäre, wenn John nicht sofort mit ihm zur Tierklinik gefahren wäre und sie ihm dort den Magen ausgepumpt hätten. Der nächste Knaller war ein Mädchen, das sich direkt hinter dieser Absperrmauer die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Nette Nachricht. Und erst dann war es drei Uhr nachmittags. Ich kann mich noch so genau an die Uhrzeit erinnern, weil Jimmy um kurz vor drei mit Sack und Pack das Boot verließ, um einen Zug um halb vier zu bekommen. Er wollte nach Cork, wie lange, sagte er nicht. Er ließ seinen Geschwistern nur einen Brief da. "Hi! Ich verschwinde für eine Weile, mir wächst das hier alles über den Kopf. Ich habe keine Lust mehr, nur als uniformer Wechselbalg dazustehen, wenn ich eigene Sachen machen kann. Das geht nicht gegen Euch, Ihr wißt, ich liebe Euch alle, weil Ihr so seid wie Ihr seid und weil ich weiß, daß ich immer zurückkommen kann. Aber ich kann nicht mehr. Wenn ich bliebe, würde ich Euch nur das Leben schwermachen. Also, macht erstmal allein weiter und: meldet Euch nicht bei mir! James". So in etwa lautete der Inhalt. Alle (bis auf Patricia, die mir später erzählte, daß sie es schon vorher gewußt hatte) waren völlig von den Socken und zugegebenermaßen auch ein bißchen sauer, was ich auch gut verstehen konnte. Trotzdem ging mir Nicky nicht aus dem Kopf. Schließlich war sie meine beste Freundin, und ich wollte es mir wirklich nicht mit ihr verderben. Noch am selben Abend schrieb ich ihr, was sich getan hatte und ließ auch Jimmys "Nestflucht" nicht aus. Sie würde die Wände hochgehen, das wußte ich, weil ich nicht alles versucht hatte, ihn daran zu hindern. Sie war total verliebt in diesen Mann. Als ich ungefähr drei Monate da war, begann ich mich das erste Mal zu fragen, wann ich aufgehört hatte, sie als die Superstars zu sehen, die sie ja nun einmal waren. Ich glaube, es fing wirklich an dem Abend an, an dem ich mich so lange mit Patrick unterhalten hatte. Zwar war es bei diesem Mal geblieben, aber dennoch war das der entscheidende Schritt gewesen. Sonst verstand ich mich mit Barbarella, wie sie oft genannt wurde, am besten. Sie war ruhig und ausgeglichen, und auch wenn sie auf der Bühne immer einen etwas unkoordinierten muffeligen Eindruck machte - zu Hause war sie witzig und nett, dabei aber nie überkandidelt. Wir gingen oft zusammen weg, und einmal nahm ich sie sogar mit zu einem Treffen mit Nicky. Ich hatte lange geschwankt, ob ich sie nicht doch einladen sollte, mich aber dann dagegen entschieden. Das war mir doch zu blöd. Also trafen wir uns in Köln in einem Pub, nach zweiundzwanzig Uhr, also für Barb relativ ungefährlich. Ich hatte Nicky nichts von ihr erzählt. Um so weiter riß sie dann die Augen auf, als sie erkannte, wer mich da begleitete. Schön war das. Wir hatten einen total netten Abend, bis Nicky dann die letzte Bahn nehmen mußte. Barby und ich waren (noch ein Knaller!) von Joey gebracht worden, er wollte uns auch wiede abholen. Davon verriet ich Nicky jedoch auch nichts. Als wir uns trennten, lächelte Barby meine Freundin an und lud sie für ein paar Tage ein. Die Telefonnummer gab sie ihr auch. Ich war begeistert und sang den ganzen Rückweg vor mich hin. Als ich zu Hause (wie sich das anhört - immer noch) in meine Kabine gehen wollte, sah ich etwas vor meiner Tür liegen. Es war ein kleines Päckchen. Als ich es neugierig auspackte, fiel mir ein wunderschöner Ring mit einem blauen Stein entgegen. Ein Briefchen lag daneben. "Liebe Sanne. Als ich durch die Stadt gegangen bin, habe ich diesen Stein gesehen und mußte sofort an Deine Augen denken. Daß er an einem Ring befestigt war, erinnerte mich daran, wie nahe wir uns sind und wie sehr es doch möglich ist, daß wir uns nie einholen, denn siehst Du: Dieser Ring ist keine Sackgasse, wir können uns immer wieder verfehlen." Vorsichtig sah ich mich um, erblickte jedoch niemanden, der mir diesen Streich gespielt haben könnte. Die Worte hatten mich genau ins Herz getroffen. Doch von wem waren sie gekommen? Ich packte das Schmuckstück unter meine Socken in eine kleine Kiste; ich wollte ihn nicht tragen, bevor ich nicht wußte, von wem er war. Ich war völlig durcheinander und kurz davor, Patricia zu wecken, doch dann entschied ich mich dagegen. Von wem auch immer der Ring war, mit ihm wollte ich dieses Geheimnis teilen. Und natürlich wollte ich es auch lüften. Schon am nächsten Morgen beim Frühstück streute ich eine erste Spur. "Meine Mutter hat mir 'n bißchen Geld zum Verprassen geschickt!" erzählte ich beiläufig beim Frühstück. "Wißt Ihr 'n schönes Schmuckgeschäft? Ich kann meine alten Ohrringe nicht mehr sehen!" sagte ich und deutete auf meine heißgeliebten Creolen. Mein Glück war, daß nur Joey, Paddy und John noch am Frühstückstisch saßen, die anderen waren entweder in ihren Zimmern oder räumten die Küche auf. Doch alle zuckten nur die Schultern. "Keine Ahnung, wir kaufen so'n Kram immer auf dem Flohmarkt. Da findest du doch bestimmt auch was!" Joey sah mich grinsend an. "Na, heute schon was vor? Sonst führ ich Dir die schönsten SecondHand-Ohrringe aus ganz Köln vor!" schlug er vor und begann dann, sein Geschirr zusammenzustellen. Ich hob eine Augenbraue. "Warum nicht? Ich hab Zeit!" ewiderte ich und sah ihm dabei fest in die Augen, die, wie ich feststellte, unwahrscheinlich blau waren. "Hey, nicht so schnell. Joe, Du wolltest Dich doch heute endlich um die Waschmaschine kümmern!" warf John vorwurfsvoll ein und strafte seinen Bruder mit einem ärgerlichen Blick. Ich sah ihn verwundert an, sagte jedoch nichts. "Jaja, das mach ich schon noch. Also, was ist, hast Du Lust, Sanne?" fragte Joey, der schon einen leicht ungeduldigen Tonfall an den Tag legte. Ich nickte beiläufig, um nur nicht mehr in diese blauen Augen blicken zu müssen... "Ich komme mit!" ertönte da eine Stimme von der Tür. Angelo lehnte sich lässig an den Türrahmen und trommelte mit seinen unverzichtbaren Drumsticks auf dem Holz herum. "Wieso das denn?" schallten mir Joeys, Johns und Patricks Stimmen entgegen. Als ich nachmittags mit den vieren über den Flohmarkt schlenderte, war ich natürlich kein Stück weiter. Dafür aber ein Stück ärmer. Ich beschloß, meine folgenden Versuche preisgünstiger zu gestalten. Noch als ich ins Bett stieg, grübelte ich und versuchte mir vorstellen zu können, wer mir diese wunderbaren Worte vors Zimmer gelegt hatte. Als mein Kopf das Kissen berührte, stieß er auf etwas plüschiges. Ich drehte mich um und erblickte einen dicken kleinen Frosch, der eine Perücke mit langen Haaren trug und mich aus Glubschaugen trübe anblickte. Er hatte ein kleines Herz um den Hals hängen, auf dem in ungelenken Buchstaben "KÜSS MICH, SONST STERB' ICH!" stand. Ich lachte leise. Wer von den Geschwistern war nicht nur einfühlsam, sondern auch noch witzig? In der Nacht wechselte ich die Marschrichtung: Ich versuchte nicht herauszufinden, wer da was von mir, sondern von wem ICH etwas wollte. Ich wußte es nicht. Sicher, Patrick-Paddy war mittlerweile wie ein großer Bruder für mich, und er hatte unglaubliche Grübchen, aber dafür hatte Joey diese blauesten Augen der Welt und brachte mich immer zum Lachen. John hingegen gab mir immer das Gefühl, ihm alles sagen zu können, und wenn seine Augen mich anlachten, war mir schon mulmig. Und Angelo versuchte immer wieder, mir zu imponieren und war dabei sterbensniedlich (wenn auch ein wenig jung!). Jimmy kam ja gar nicht erst in Frage. Außerdem war der für Nicky reserviert. NICKY! Die hatte ein Faible für solche Geschichten. Sie würde mir helfen können. Zum Glück würde sie bald herkommen. Endlich konnte ich auch einschlafen. Noch eine Woche, Nicky... Diese Woche brachte mich schon am ersten Tag gleich fast um den Verstand. Ich konnte beim Frühstück keinen klaren Gedanken fassen, ich mußte sie alle ständig betrachten. John sah bedrückt aus, Joey wütend, Paddy gleichgültig und Angelo völlig frustriert. Das Frühstück verlief ziemlich schweigend. Stumm brachte ich mein Geschirr in die Küche. Als ich wiederkam, saß John allein am Tisch. Ich lächelte ihn an und begann, den Tisch abuzwischen. Nichts geschah, außer daß Angelo wiederkam und sich neben seinen Bruder fläzte. Er trommelte auf den Tisch ein, als wäre er aus Granit und war völlig in einen Rhythmus vertieft, den niemand sonst erkannt hätte. Nach geschlagenen zehn Sekunden sprang John auf und verließ den Raum. Verwundert blickte ich ihm nach und ging dann in meine Kabine. Patricia saß gerade am Schreibtisch und hatte Kopfhörer auf. Als sie mich sah, lächelte sie mir zu und nahm die Dinger ab. "Hier, hör mal. Hat mir Jimmy heute geschickt!" Sie setzte mir die Kopfhörer auf und spulte das Band zurück. Dann hörte ich Jimmys rauhe Stimme, nur mit seiner Gitarre begleitet, singen. "winter's comin' up my soul Dann begann er zu sprechen: "Hi Tricia. I think I'll stay away longer. Don't wait. When YOU need me, call me!" Mir waren vor Rührung fast die Tränen in die Augen gestiegen, und nur ein Klopfen an der Tür hielt mich davon ab loszuheulen. Barby stand davor und verdonnerte mich zu einem langen Spaziergang. Die frische Luft tat mir gut, und ich konnte mir über einiges klar werden. Ich mußte einfach abwarten. Außerdem beschloß ich, heute abend die ganze Sippe durchzuküssen. Natürlich nur symbolisch! "Und weil heute mein vierter Monat anfängt, möchte ich mich bei Euch allen für alles bedanken!" erklärte ich am Abend und stand auf, um Maite zu umarmen. Neben ihr stand Angelo, der mich verlegen an sich zog, als ich ihn umarmte. Er bekam ein Küßchen auf die Wange, da sein Vater genau neben ihm saß. Ihn drückte ich auch. Danach Patricia und Kathy. Joeys unglaubliche Augen musterten mich, als ich auf ihn zutrat. Er stellte sich wesentlich geschickter an als sein kleiner Bruder. Dafür bekam er auch einen Kuß auf den Mund, den er sanft erwiderte. Barby und ich fielen uns fröhlich in die Arme, dann trat ich zu John. Der jedoch sah mich ernst an. Dann strich er mir lächelnd mit den Fingern durchs Haar und küßte mich auf die Stirn. Ich schluckte und sah Patrick mit hochgezogenen Brauen an. Er blickte zu Boden, und ich hob sein Gesicht an, bevor ich ihn ebenfalls auf den Mund küßte. Er war noch sanfter als sein Bruder... Am nächsten Tag wußte ich, welcher wichtige Fehler mir diesmal unterlaufen war: Die ganze Familie brütete eine dicke Erkältung aus, der bisher nur ich entgangen war. Aber an eben jenem Morgen hatte ich plötzlich zehn Erkältungen auf einmal. Dumm für mich. Fieber, eine dicke Nase und tränende Augen waren das, was ich jetzt am wenigsten brauchte. Ich sah den Püschfrosch an. "Du bist auch schon infiziert!" bekam er zu hören und wurde dann völlig unsachgemäß als Sonnenbrille gegen das hereinfallende Licht benutzt. Ich war den ganzen Tag allein, denn ausgerechnet heute war ein wichtiger TV-Termin für alle zehn. Als mein Selbstmitleid erschöpft war, begann ich ein wenig auf Erkundungsreise zu gehen. Nein, ich schnüffelte nicht. Zu einem Ergebnis kam ich auch nicht. Also nahm ich mir aus Barbys Bücherregal einen dicken Wälzer (erst später erfuhr ich, daß sie ihn selbst geschrieben hatte) und legte mich wieder ins Bett. Ich schlief schon wieder, als mich die Klingel weckte. Vor der Tür stand ein Bote mit drei Sonnenblumen. "Sind Sie Frau Sanne..." "Sandmann!" half ich dem Mann auf die Sprünge. Er nickte. "Dann ist das für Sie!" erklärte er und drückte mir die Blumen in die Hand. Ich schleppte sie erst einmal in die Dusche und nahm die Karte ab. "Bitte versuch nicht, mich zu entlarven. Wenn ich das wollte, würde ich mit meinem Namen unterschreiben. Gib mir Zeit!" stand darauf. Ich verzweifelte fast. Ständig dachte ich an ihn, ich war völlig verrückt nach ihm und wußte einfach nicht, wer es war. Außer Angelo. Zu solchen Worten war er einfach noch nicht fähig. Ich ignorierte die Karte geflissentlich und stellte die Blumen später neben das Bett. Bis ich mir einen neuen Plan ausgedacht hatte, war es ungefähr zwei Uhr nachts. Aber meine verstopfte (zue) Nase hinderte mich sowieso am Schlafen. Trotzdem stand ich am nächsten Morgen auf. Plan C wollte gut durchstrukturiert sein. Als ich über ihn nachdachte, stellte ich fest, daß ich ihn komplett vergessen hatte und seufzte tief durch. "Du siehst aus, als könntest Du 'n bißchen frische Luft gebrauchen. Hast Du Lust auf 'ne kleine Motorradfahrt?" In Joeys Augen blitzte es vielversprechend. Ich überlegte kurz. "Klar, warum nicht? Nach dem Mittag?" fragte ich ihn, doch er schüttelte den Kopf. "In einer Stunde!" erwiderte er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Mir war alles recht. Ich ging ins Bad und sah in den Spiegel. Allerdings kam es mir weniger wie ein Spiegel als wie eine Plakatwerbung für Hefeknödel vor. Mit einem Abdeckstift versuchte ich zu retten, was zu retten war und zog mich dann um. Mit Joey war ich noch nie allein gewesen... Und ich schwor mir, ich wollte es auch nie wieder sein, zumindest nicht auf dieser Höllenmaschine, die er siegesgewiß durch dir Straßen prügelte. Erst als wir ein kleines Waldgebiet erreicht hatten, drosselte er die Karre. An einem kleinen Teich hielten wir an und stiegen ab. Joey holte eine Kiste vom Gepäckträger oder wie das bei einem Motorrad auch immer heißt und packte ein Picknick aus. Ein richtiges Picknick, mit rotweißkarierter Decke und allem drum und dran. Wir merkten überhaupt nicht, wie schnell die Zeit verstrich. Erst als Joey aufsprang und "Scheiße, die Waschmaschine" brüllte, wurde mir klar, daß wieder einmal ein Tag ohne diese Reparatur verstrichen war. In einem Affentempo rasten wir nach Hause, wo Joey sich gleich an die Maschine machte. Ich machte mit Patrick zusammen Abendessen. Als er dabei einmal ganz dicht an mir vorbeiging, blieb er hinter mir stehen. "Du riechst aber gut!" sagte er leise und begann dann, den Tisch zu decken. Verblüfft sah ich ihm nach. Beim Abendessen kam ich allerdings auf andere Gedanken, denn die Familie begann, ihren Urlaub zu planen, den sie in der Villa in Cork verbringen wollte. Ich sollte mit. Allerdings waren es bis dahin noch gute zwei Monate, und zum ersten Mal in meinem Leben würde ich Weihnachten nicht mit meiner Familie feiern. Aber glücklicherweise schrieben mir meine Eltern regelmäßig, und Heimweh hatte ich auch keins. Ein paar Tage später fuhren Joey und ich zum Bahnhof, um Nicky abzuholen. Ich saß völlig nervös neben ihm, doch er ließ sich absolut nichts anmerken und fuhr, wie immer zu schnell und sehr sicher, durch Kölns Innenstadt. Am Bahnhof stieg er aus und öffnete mir die Tür wie ein vollendeter Gentleman. "Ich warte hier!" erklärte er und setzte sich wieder ins Auto, das -wie immer- im Halteverbot stand. Aufgeregt rannte ich zum Bahnsteig, auf dem Nickys Zug gerade einfuhr. Sie sprang eilig aus dem Abteil und fiel mir überglücklich um den Hals, als sie mich entdeckt hatte. "Ich glaub's ja noch gar nicht!" rief sie und drückte mich ganz fest. Ich lachte nur. Schließlich hatte ich es auch nicht glauben können. "Wir müssen unbedingt reden, Nicky. Wir gehen gleich, wenn wir angekommen sind, spazieren, ich muß Dir so einiges erzählen. Du drehst durch, wenn Du das hörst!" versprach ich ihr und zerrte sie zum Auto, wo er schon wartete. Beim Boot angekommen, wurde Nicky ebenso herzlich empfangen wie ich "damals", doch ich sah zu, daß wir endlich rauskonnten. Meine Liebste sah mich an wie eine Geisteskranke, fügte sich jedoch in ihr Schicksal-sie würde ja noch länger hier sein. Meine Geschichte entschädigte sie jedoch für diesen überstürzten Aufbruch in allen Maßen. Als wir ungefähr eine Stunde unterwegs gewesen waren, setzten wir uns auf eine Bank am Rhein und ruhten uns aus. Da kam dann auch ihre unvermeidliche Frage: "Und jetzt?" Ich sah sie ratlos an. Nicky lachte mich an. "Komm, wir gehen alle Fakten nochmal durch. Also, da haben wir zuerst diesen Ring..." Eine weitere Stunde später waren wir soweit, daß wir zumindest zwei Menschen, nämlich Jimmy und Angelo, ausklammern konnten. Blieben aber immer noch drei. Ich fragte mich, ob John nicht vielleicht zu alt für solche Spielereien sei, aber Nicky winkte entschlossen ab. "Im Gegenteil! Er könnte Dir zum Beispiel genau aus diesem Grund diesen Ring und den Brief vors Zimmer gelegt haben. Weil er sich zu alt vorkommt, es Dir offen zu sagen. Die anderen beiden sind wahrscheinlich einfach zu schüchtern." Ich sah meine Freundin erstaunt an. "Bist Du gar nicht eifersüchtig oder so?" Nicky grinste. "Ich bin nur sauer, weil Du Jimmy nicht davon abgehalten hast zu verschwinden. Das war echt scheiße. Was er wohl gerade macht?" Wir saßen beide noch eine Weile gedankenversunken auf der Bank, bis es merklich kühler wurde. Während des Rückwegs entwickelten wir einen neuen Plan, der auf jeden einzeln zugeschnitten war. Nicky sollte mir bei der Umsetzung helfen. Aber zuerst sollte sie mal vorgestellt werden. Nicky benahm sich ungefähr so wie ich bei meiner Vorstellungsrunde, nur daß sie als Gast und nicht als neues Familienmitglied vorgestellt wurde. Trotzdem war sie genauso aufgeregt wie ich. Kein Wunder. Ich beobachtete das allgemeine Händeschütteln und lächelte in mich hinein, während ich insgeheim darauf brannte, Plan D durchzuführen. Bei John wollten wir beginnen. Er war heute ausgesprochen gut drauf, weil er endlich wieder einmal ein paar wunderschöne Fotos hatte schießen können, und er brannte darauf, sie endlich zu entwickeln. Nicky, die nach dem Mittagessen plötzlich sterbensmüde wurde, legte sich hin. Ich hingegen folgte John in seine Dunkelkammer. Vorher jedoch hatte ich den Ring aufgesetzt. Ich ließ mir von ihm alle möglichen technischen Details erklären etc. etc. und hielt ihm dabei schon fast zu offensichtlich immer wieder den Ring unter die Nase. Er reagierte überhaupt nicht, und ich war froh darüber, wieder einen mehr ausklammern zu können. Am Nachmittag setzten Nicky, Patrick, Barby, Patricia und ich uns zusammen und spielten eine Runde Monopoly, ein Spiel, bei dem ich immer verlor. Ich ging also vorher in meine Kabine und setzte den Frosch neben mich aufs Sofa. "Mein Glücksbringer!" erklärte ich, als ich Patricks fragenden Blick sah. Er lachte nur und war für mich deshalb auch ein Grund, ausgeklammert zu werden. Aber halt! Dann blieb ja nur noch... ich spürte, wie mir eine Gänsehaut den Rücken runterlief. Na klar! Diese verdammt blauen Augen konnten nur eins gesagt haben, immer und immer wieder. Ich hatte es einfach nur nicht verstanden. Ich war während des ganzen Spiels völlig abwesend und brannte darauf, daß Joey endlich nach Hause kam. Natürlich verlor ich auch dieses Mal und machte mich danach an meine häuslichen Pflichten, die Nicky natürlich mit mir teilen wollte. Gemeinsam putzten wir das Bad. Als ich eine herumliegende Jeans achtlos über einen Hocker warf, fiel allerlei Kram aus der Tasche. Neugierig hob ich ihn auf. Ein Plektrum, mehrere Schlüssel, ein Cutter und ein kleingefalteter Zettel kamen zum Vorschein. Das hier war eindeutig Patricks Schlüssel, den er ständig verbummelte. Neugierig faltete ich den Zettel auseinander. "Das gibt's doch nicht!" flüsterte ich dann fassungslos. Nicky sah mir fragend über die Schulter. "Was denn?" wollte sie wissen, und ich deutete auf den Zettel, einen Kassenbeleg eines Schmuckgeschäfts. Ein Beleg über einen Ring. "Paddy?" Nicky war ebenfalls ziemlich verwirrt. "Vielleicht wollte er sich nur nichts anmerken lassen, immerhin waren lauter Leute um ihn rum!" versuchte Nicky, die Situation zu erklären. Ich schüttelte den Kopf. "Vielleicht," sagte ich leise, doch da ertönte draußen laut und scheppernd die Hupe von Joeys alter Maschine. Ich warf einen Blick auf den Ring. "Komm, wir gehen raus. Nein, warte, ich gehe raus. Du wartest hier!" befahl ich Nicky. "Ich bin gleich wieder da!" Ich setzte den Ring, den ich zum Putzen abgenommen hatte, wieder auf und lief nach draußen. Joey packte gerade die neue Waschmaschine aus dem Kofferraum. Als er mich sah, grinste er. "Na? Faßt Du mal mit an? Das Ding ist doch ganz schön schwer!" Gemeinsam wuchteten wir den riesigen Kasten ins Bad, wo Nicky auf der Badewanne saß und ein Comic las. Als sie uns sah, verschwand sie wie ein geölter Blitz und schloß die Tür hinter sich. Ich sah ihn etwas verlegen an, und er grinste wieder. "Du weißt es, oder?" fragte er leise. Gerade als er nach meiner Hand griff, hämmerte jedoch von außen jemand an die Tür, und wir fuhren erschreckt auseinander. "Los, Beeilung, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!" ertönte Patricks Stimme wütend vor der Tür. Ich merkte, daß ich knallrot wurde und ließ Joeys Hand langsam los. Gemeinsam verließen wir das Badezimmer und ernteten einen so bösen Blick, daß es mir fast die Sprache verschlug. "Ihr könnt Eure Turtelei auch woanders abhalten!" fauchte Patrick, und mir wurde plötzlich eiskalt. Was war das denn auf einmal? Mir fiel der Kassenzettel in seiner Jeans wieder ein. Doch noch bevor ich ihn zur Rede stellen konnte, knallte er uns die Tür vor der Nase zu. Wir sahen uns verwundert an. Joey zuckte die Schultern. "Akuter Harndrang!" erklärte er, doch mir war überhaupt nicht zum Lachen. Im Gegeneil, ich brauchte dringendst ein bißchen Ruhe. Ich fand Nicky draußen auf der Terrasse; sie war immer noch in das Comic vertieft. Ich erzählte ihr atemlos von den Geschehnissen der letzten fünf Minuten, und sie sah mich überrascht an. "Beide? Das ist ja nicht zu glauben!" platzte sie heraus und konnte sich überhaupt nicht mehr beruhigen. Mir war immer noch nicht zum Lachen. "Ich glaube, ich leg mich mal hin, ich hab tierische Kopfschmerzen!" erklärte ich und ging wieder hinein. Vor meiner Kabine lag ein Umschlag. Ich seufzte. So langsam hatte ich keine Lust mehr auf das Versteckspiel, und ich wußte auch überhaupt nicht, was ich denn tun sollte. Ich nahm ihn an mich und kletterte ins Bett. Als ich den Umschlag öffnete, traf mich fast der Schlag. Ein Foto. John. Eine Sonnenblume vor einem Sonnenuntergang in schwarz-weiß. Auf der Rückseite ein paar Zeilen: "Auch das Fehlen von Farbe kann diesem Bild nicht seine Schönheit nehmen. Auch das Fehlen von Licht kann Dir nicht Dein Strahlen nehmen. Aber das Fehlen von Dir kann mir meinen Tag versauen." Ich war mal wieder kurz davor, in Tränen auszubrechen. Bullshit everything. Es klopfte. Auf mein ungeduldiges "Herein" erschien Angelo in der Tür, verlegen und cool wie immer, und wie immer hatte er seine Sticks dabei. "Was denn?" fragte ich ungeduldig, und er lächelte verlegen. "Ich wollte nur fragen, wie Dir das hier gefällt. Ich hab es gestern geschrieben!" sagte er leise und reichte mir einen Zettel. "Every time I look at your face you give me this feeling Ich sah ihn mit hochgezogenen Brauen an. "Willst Du's wirklich wissen?" fragte ich, und er nickte. Ich gab ihm das Blatt zurück. "Tut mir leid. Aber es überfordert mich total. Laß mich bitte allein!" erwiderte ich knallhart und drehte mein Gesicht zur Wand. Ich hatte endlich die Nase voll, und mir war auf einmal vollkommen egal, ob jetzt alle oder überhaupt niemand irgendwas von mir wollte. Ich jedenfalls wollte nur noch WEG. Hastig sprang ich aus dem Bett und warf ein paar Sachen in eine Tasche. Ich öffnete die Haustür und verschwand unbemerkt. Doch gerade, als ich das Tor öffnen wollte, sah ich, daß sie sich alle fünf davor postiert hatten, wütend, mit entschlossenen Gesichtern. Ich wunderte mich zuerst nur, daß Jimmy ebenfalls dabei war, doch dann bekam ich einen so großen Schreck, daß mir quasi "das Blut in den Adern gefror." Sie waren nicht alleine, jeder von ihnen hatte mindestens hundert oder zweihundert oder tausend Doppelgänger. Und sie kamen immer näher und näher und riefen alle was im Chor, was ich nicht verstehen konnte. Es hörte sich auf jeden Fall ziemlich bedrohlich an, obwohl sie alle alle alle Millionen Geschenke für mich dabei hatten. Ich wich zurück. Sie kamen näher. Ich wich noch weiter zurück. Sie folgten mir. Ich stieß mit dem Rücken gegen eine Wand. Sie bewegten sich immer noch auf mich zu, etliche Augen, Grübchen und und und. Sie streckten mir wie Zombies ihre Hände entgegen. Erst da begann ich zu schreien Dieses verdammte Paradies hatte sich zumindest für mich in kürzester Zeit in die Hölle verwandelt, eine Hölle, in der ich von niemandem wußte, was ich denn nun denken, fühlen oder tun soll. Als sie ganz nahe bei mir waren, verstand ich plötzlich, was sie riefen. WACH AUF WACH AUF WACH AUF!!! "Komm, wach auf, Sanne, es ist schon so spät!" Das Streicheln wurde immer intensiver, die Stimme immer lauter. Als ich es überhaupt nicht mehr ertragen konnte, fuhr ich herum. Sanne blickte in das Gesicht ihrer Deutschlehrerin. Sie lächelte milde. "Krissi hat mir erzählt, daß Ihr nicht geschlafen habt. Deshalb habe ich Dich schlafen lassen. Aber jetzt ist Pause. Geh an die frische Luft, und wenn es Dir dann nicht besser geht, geh lieber nach Hause!" bot sie ihr an. Sanne sah sich verwirrt um. Sie war in ihrer Klasse! Aber wo- aufgeregt forstete sie ihr Heft durch. Ihre gesamten Aufzeichnungen... alle weg, nur die Einleitung stand noch da. Sie bemerkte, wie Nicky sie angrinste. "Kann doch jedem mal passieren!" lachte sie fröhlich. © Kimba (Danke schön für diese tolle Geschichte!) |
Last update: 21/06/2000
(Online since: 21/06/2000)