Das Wasser reflektierte weiße Punkte an die hohe Klippe. Sie spielten lustige Spiele. Es sah beinahe künstlich aus, wie von Menschenhand geschaffen. Und doch auf so eine beruhigende Weise, wie man sich die schönste Meditation vorstellen konnte.
James saß auf einem Stein und ließ flache Kieselsteine auf dem Wasser springen. Hinter ihm war ein kleiner Sandstrand, auf dem der rauhe Wind Muster hinterlassen hatte. Vor ihm erstreckte sich die gewaltige Irische See.
Neben James lag, im weißen Sand, seine Gitarre. Daneben unbeschriebene Blätter, mit einem Stein beschwert.
Am Horizont tümpelte ein kleines Fischerboot. Der kühle Ostwind zerzauste seine, für Irland so typische, rotblonde Mähne.
"Ach" stöhnte Jimmy und griff zu seiner Gitarre. Er zupfte einige Töne und sie verhallten im Wind.
Sollte diese schöne, beruhigende Sequenz bald vorbei sein? Wenn nur ein Mensch sein düsteres Geheimnis kennen würde, wäre alles aus...
Einige hundert Meter weiter hörte er seine jüngeren Geschwister fröhlich Fußball spielen. Maite quiekte vergnügt, als Joseph ihr den Ball entreißen wollte, sie ihn jedoch auf den Boden beförderte.
Sie hatten ihren Bruder auch gefragt, ob er nicht vielleicht Lust hätte, mitzuspielen. Doch seit dem tragischen Ereignis vor 5 Tagen, hatte James keine Lust mehr überhaupt etwas zu unternehmen.
Bei jedem Geräusch zuckte James zusammen. Und alles nur, weil er vor 5 Tagen unbedingt noch einmal ins Pub wollte.
Er verließ, nachdem er noch mit einpaar Freunden zwei Guinnes getrunken hatte, das Pub und nahm die Abkürzung durch den großen Park. Plötzlich bemerkte Jimmy, daß er verfolgt wurde. Als er sich umdrehte, hatte er auch schon ein Messer an seinen Rücken gepreßt. "Gib´ mir Dein Geld, oder ich schlachte Dich ab !" drohte eine männliche Stimme hinter Jimmy. Natürlich gab James´ sein Geld dem Räuber, aus Angst, ermordet zu werden. Doch 30 Pfund waren dem Täter nicht genug und versetzte dem Hilflosen einen schmerzhaften Schlag in die Rippen, dessen Auswirkungen Jim heute noch spürte. Sein Gegner stach Jimmy noch in den Oberarm (Er war am nächsten Tag beim Doktor, berichtete seiner Familie aber nichts.) Jimmy drehte sich um und schlug dem Täter mit seiner ganzen Kraft ins Gesicht. Sein Gegner stürzte nach hinten und sein Kopf zerschellte an einem Eisenabfalleimer. Jimmy beugte sich schnell zu seinem Feind herab, aber zu spät, er war tot.
Jim verließ den Ort des Schreckens so schnell seine zitternden Beine ihn tragen konnten.
Als er um ca. Vier Uhr in der Früh Heim kam, schliefen zum Glück schon alle Geschwister. Er verband sich notdürftig den verletzten Arm und schlich die Stiegen in sein Zimmer. Verwirrt legte er sich in sein Bett und schlief schließlich um sechs Uhr ein.
Um beim Frühstück seiner Familie nicht begegnen zu müssen, verschloß James die Türe und bat Patricia, die ihn wecken wollte, ihn doch noch schlafen zu lassen, weil es ihm nicht gut sei. Als seine Geschwister am Frühstückstisch saßen, schlich James die Treppe hinab und ging zum Doktor.
Auf dem Weg zu diesem, mußte er den Park durchqueren. Mit flauem Magen passierte er die Eichenallee, auf welcher das Unglück geschehen war. Dort war die gesamte Polizei der Stadt Cobh anwesend. Viele Schaulustige drängten sich um den Tatort. Jimmy sah nur zu, so schnell wie möglich hier weg zu kommen.
*
"Jimmy, Jimmy! Was ist den mit dir los?" unterbrach ihn Barby´s zarte Stimme, "Du träumst schon seit Stunden hier rum." Sie kam näher und legte ihren Arm auf seine Schulter. "Ach Babsi..." stöhnte dieser. "Maite hat alles fürs Picknick vorbereitet, wir essen jetzt und ich soll unseren Träumer holen." James folgte Barby zu dem Platz, wo seine jüngste Schwester Maite schon alles gerichtet hatte. Sein Bruder und bester Freund Joseph erzählte ihm irgendwelche Sachen, doch es perlte wie Wasser an ihm ab. "Wie findest du das?" fragte Joey. "Was? Was hast du gesagt?" bekam dieser zu Antwort. "Vergiß es!" meckerte Joey und widmete sich wieder dem Essen.
Jimmy knabberte an seinem Hähnchenbein herum. "Ich weiß zwar nicht was es ist, aber es beschäftigt ihn wirklich sehr." bemerkte John, sein ältester Bruder. "Bestimmt eine Frau!" fügte Joseph hinzu.
Nach dem Essen verdrückte sich Jimmy Kelly wieder auf seinen Stein. Er hatte sich gerade wieder hingesetzt, als sein Handy klingelte. Wer mag das wohl sein? Fragte sich James. Es war doch Sonntag. Er drückte die Taste zum Abheben. "Ja?" "Hallo, ich wollte nur sagen, daß wir wissen wer und wo du bist und das wir Jack rechen werden, denke nicht, daß ihr zwei gestern Abend alleine wart..." Tuuuu
Scheiße! Fluchte James und plötzlich überkam ihn ein fürchterlicher Brechreiz. Er übergab sich hinter einem Felsen.
Sein Handy läutete wieder, gerade als sich Jimmy aufgerappelt hatte. "Ja?" stöhnte er in sein Telefon. "Na, jetzt geht dir wohl dein Arsch auf Grundeis, was? Ich sag dir, wir rechen Jack! Ciao Bello!"
James rannte zu seinen Geschwistern, wo Joseph stand und lautstark diskutierte. Er zog ihn grob hinter einen Felsen, wo ihn sicher keiner der Geschwister hören konnte. Dort erzählte er seinem Bruder die ganze Misere.
"Bullshit!" war das erste, was Joseph ausstieß. "Mensch Jimmy, warum bist du nicht gleich zur Polizei gegangen?" "Sag mal, denkst du, daß ich ins Kittchen will?" fauchte Jimmy seinen Gegenüber an, während ihm tausend Tränen der Verzweiflung über die, vor Aufregung erröteten, Wangen. "Aber du hast die Sau doch nicht mit Absicht ins Jenseits befördert, oder?" Joey sah seinem Bruder in die tränenüberlaufenen Augen. "Oh Joseph, hätte ich dir bloß nichts gesagt!" Mit diesen Worten wandte sich Jim von seinem Bruder ab.
Er setzte sich wieder auf seinen Stein. Der Tag ging nun zu Neige und die Sonne stand tief überm Horizont. Am Zenit standen die ersten Sterne und der Mond ging auf. Die Sonne färbte das Meer blutrot - so rot wie Jack´s Blut...
James versuchte sein Problem im Alkohol zu ertränken. Er hatte sich die Wiskey-Flasche aus dem Korb geholt und es sich an seinem Stein gemütlich gemacht. Sein Handy hatte James ausgeschaltet und sein Kopf auf eine zusammengerollte Decke gelegt. So schlief James dann ein.
Seine Geschwister hatten sich Decken und Schlafsäcke mitgebracht. Eigentlich sollte es ein toller Ausflug werden. Doch Jim und Joe´s Nachdenklichkeit hat alles verdorben.
Lautes Getöse weckte den verkarterten Jimmy. Einen Moment dachte er, daß es alles nur ein böser Traum war. Doch die Realität ho0te James Kelly schnell wieder ein: Kaum war er richtig zu sich gekommen, bemerkte er einen Zettel neben sich liegen, auf dem in Blutroten Lettern der Satz: "Rache ist süß" zu lesen stand. Der Adressat nahm den Zettel und zerknüllte ihn. "Bullshit!" fluchte er vor sich hin. Die Idioten mußten hier gewesen sein. Langsam bekam Jim es mit der Angst zu tun. Diese Typen wußten wer er war, was er tat und wo er sich gerade befand. Sie trachteten ihm nach dem Leben.
James ging zu den Schlafsäcken seiner Geschwister und weckte Joseph, welcher sich räkelnder Weiße nach Jimmy´s Befinden erkundigte.
"Die Fucker haben mir eine Nachricht geschrieben. Mensch, Joey, die wollen mir ans Fell!" antwortete James mit angstvoller Stimme. "Ich fahre jetzt nach Ever Green. Du kannst ja mit."
"Klaro, komme ich mit." Beschloß Joey und rollte seinen Schlafsack auf.
Der Lärm hatte nun auch die anderen geweckt. Kathleen, der älteste Geschwisterteil wollte sofort wissen, was die beiden schon wieder treiben. Als Joey erklärte, daß es Jimmy furchtbar schlecht ginge und er dringend Heim müsse, gab Kathy ihren Segen. "Aber nicht das ihr mir irgendetwas anstellt!" waren ihre abschließenden, mahnenden Worte.
Doch wenn Kathy gewusst hätte, was ihren Bruder in den nächsten Tagen widerfahren würde, hätte sie diese bestimmt nicht so ohne Weiteres nicht fahren lassen...
Die beiden stiegen in Jimmy´s Mercedes, nachdem sie sich geeinigt hatten, wer fährt. Joey stellte den ersten Gang ein und fuhr los. Sie passierten die unsagbar atemberaubende Grünen Flächen, die sich beitseits der Straßen erstreckte. Als sie eine Weile gefahren waren, beschloßen die Beiden, eine kurze Rast zu machen. Joseph, der mit mächtigem Tempo dahin braußte, versuchte zu bremsen, doch es tat sich nichts! Er konnte das Pedal noch so fest treten, es tat sich einfach nichts. Panik brach bei den Männern aus. Doch weil die nächste Höhe schon in Sicht war beruhigten sich die Brüder wieder. Als Joey das Auto zum Stehen gebracht hatte, stiegen die beiden aus.
"Das waren sie!" schrie James aufgeregt, beinahe hysterisch.
"Beruhie dich." versuchte Joe seinen Bruder zu trösten, obwohl er selbst jemanden zum Beruhigen gebraucht hätte.
Jetzt standen die Beiden da. Mitten in der irländischen Pampa - in der Mitte von Nirgendwo.
Der Wind pfiff den Männern um die Ohren und dunkle Wolken zogen auf.
"Irgendwie scheiße, ne?" meinte Joey ironisch.
"Scheiße?" antwortete James, "Hey man, wir sind verloren, hey!"
"Verloren sind wir noch lange nicht, sagen wir, wir wissen nicht, wo wir sind." verschönte Joseph.
"Und was sollen wir nun tun? Wir haben nichts zum Essen und verdursten werden wir auch - Joey, ich will Heim!" streikte Jimmy. "Ich warte jetzt so lange, bis ein Auto vorbei kommt und das halte ich an. Eher bewege ich mich nicht vom Fleck!"
Doch James bedachte nicht, daß diese Straße eine seltene, bis nie befahrene Landstraße war. Dies versuchte Joseph seinem Bruder zu einzutrichtern.
"Toll! Und was schlägt Mr. 9 mal Klug vor?"
"Irgendwo muß hier Destrou liegen, ich würde Norden tippen." fingierte der Draufgänger Joseph.
"Tippen..." nörgelte sein Bruder.
"Ja! Dort hinter dem Wald muß es sein. Dort rufen wir dann ein Taxi, daß uns zur Polizei bringt.
"Von mir aus. Du bist der Pfadfinder, aber..."
Weiter kam James gar nicht, weil sein um 2 Jahre jüngerer Bruder ihm am Ärmel in die Richtung des Waldes zerrte.
"Beeile dich, daß wir heute Abend, vor Einbruch der Dunkelheit, dort sind. Ich habe keinen Bock, die Nacht im Wald zu verbringen."
So trabten die Brüder los: Joey wild entschlossen und Jimmy im Gedanken, daß er an der Straße längst einen Anhalter gefunden hätte.
Es wurde 15.00 Uhr, es wurde 16.00 Uhr. Irgendwann begann es auch zu regnen. Und es wurde Nacht. Bis die Beiden ein Licht sahen:
"Das muß Destrou sein!" rief Joey ganz außer sich.
"Am besten wir suchen erst mal ein Hotel um uns frisch zu..."
"Halt die Schlapper!" wurde James jäh unterbrochen. Als er sich umschaute, erblickte er drei große Männer mit Maschinengewehren in den Händen. Jimmy und Joey schluckten.
"Was habt ihr hier zu suchen?" sagte der Größte.
"Also, unses Auto ist kaputt gegangen und äh..." James schaute auf den Lauf der MG.
"Was mein Bruder erklären will, ist: Unser Auto hat den Geist aufgegeben und wir mußten quer Feld ein laufen, um nach Destrou zu laufen. Aber leider können wir nicht weiter, weil ihr uns hier nicht weg lasst - aus welchem Grund auch immer." Joey stützte seine Hände an die Hüfte und machte einen ziemlich starken Eindruck neben Jimmy, der etwas ängstlich drein schaute.
Plötzlich kamen zwei Männer auf sie zu und tasteten die Brüder nach Waffen ab.
"Und ihr seit wirklich zu Fuß von der Hauptstraße bis hier her marschiert?" fragte der Große ungläubig.
"Schon." Antwortete Joseph keck.
"Na, dann seit ihr sicher recht müde."
Die Gebrüder nickten.
"Also, dann kommt mit, ihr könnt die Nacht bei uns verbringen! Aber nur wenn ihr uns versprecht, nie jemandem auch nur ein Wort über uns zu erzählen, ja?" der starke Gegenüber sah beide skeptisch an.
"Ja, klar!" freute sich Joey über die freundliche Einladung.
"Äh, Joey..." flüsterte Jimmy,
"Halt´s Maul, James. Das ist die Gelegenheit ein warmes Plätzchen für heute Nacht zu finden. Oder willst du weiter durch die Wildnis irren?" faucht ihn sein, um ein Jahr jüngerer, Bruder an.
"Kommt ihr beiden jetzt, oder was ist los?" rief einer der drei.
Joseph folgte unbehelligt den Fremden, während Jimmy mit großen Bedenken hinterher lief.
Die Brüder folgten den Maskierten in eine große Hütte. Im Flur legten die Männer ihre Verkleidung ab. Einer half Joey und Jimmy aus den Jacken und hängte diese an die Garderobe.
"Also ich bin Thomas. Der Fettwanzt ist Martin und der dürre hier ist Michael." Stellte der am stärksten wirkende sich und die Anderen vor.
"Das ist mein Bruder James und ich bin Joseph. Ihr könnt uns aber Jimmy und Joey nennen."
"Okay, ihr Beiden, wir stellen euch den Anderen vor. Und noch etwas," der Thomas schaute die Bruder scharf an, "passt auf was ihr zu wem sagt, okay?"
Sie nickten.
Im Gefolge der Kellybrüder betraten sie einen riesigen Raum, einer Wirtschaft ähnlich. Hier herrschte reges Leben. Mindestens 5 Duzent Männer saßen hier um Tische herum, tranken Guiness und unterhielten sich laut. Als sie die Brüder bemerkten, wurde es still.
"Das sind Jimmy und Joey. Sie werden die Nacht hier verbringen." Stellte Thomas sie vor.
"Sind sie okay?" schrie einer aus der Menge.
"Natürlich, David, glaubst du, ich bin blöd, oder was?!" fauchte Thomas.
Er gab den Gebrüdern ein Zeichen ihm zu folgen. Sie liefen an einen Tisch und setzten sich. Gleich waren sie von einigen Männern umgeben. James fiel es nun auf, daß alle ziemlich düster aussahen. Einer hatte zum Beispiel eine ziemlich lange Machete an einen Gürtel, wieder ein anderer hatte eine 99er Magnum in der Tasche. Noch ein anderer sah sehr gefährlich aus. Dieser schaute Jimmy auch musternd intensiv an, so daß ihm ein schauer nach dem anderen über den Rücken jagte.
"Was seit ihr eigentlich für eine Gesellschaft?" wollte Joseph nun wissen. Im Saal ging nun ein Raunen um sich.
"Wir sind unschuldig- verurteilt- geflohene."
"Hä?!" stoß James aus.
"Na ist doch ganz einfach," erklärte ein Anderer, "wir wurden zu Unrecht vom Gesetz verurteilt. Darauf hin sind wir geflohen und hier ist unser Versteck."
"Und warum tragt ihr dann Waffen und so?" erkundigte sich Jimmy.
"Falls uns irgend jemand," (ein Tier von einem Mann schaute James bedrohend an) "an die Polizei verrät, und wir uns schützen müssen."
Die Brüder zogen es nun doch vor, das Fragen zu lassen und sich unauffällig unter die Leute zu mischen. Sehr beglückend fanden sie es, so natürlich und unkompliziert aufgenommen zu werden, ohne irgendwelche Fragereien bezüglich ihrer Herkunft und so weiter.
Als sich der Raum zu nachtschläfriger Stunde leerte, begleitete ein netter, alter Mann die beiden in ihre Zimmer. Natürlich konnte man diese Zimmer nicht mit dem Hyatt- Hotel vergleichen, doch sie waren kompfortabel mit Fernseher und WC.
Eigentlich konnte man sich nicht vorstellen, daß dieser schöne Ort der Ruhe, ein Zufluchtsort für zu unrecht verurteilte Verbrecher darstellte, sondern eher eine Pension oder ein Kurhotel.
Durch die Aufregung übermüdet, schlief James schnell, tief und fest ein.
Am nächsten morgen wachte er durch lautes Vogelgezwitscher auf. Welch Ruhe ihn umgab...
Nachdem sich die Brüder frisch gemacht hatten, liefen sie, die sich mit rotem Teppich erstreckende, Treppe hinab. Unten herrschte schon reger Betrieb: Einige Männer trugen volle Teller, beladen mit den besten Köstlichkeiten, andere wiederum mit Tassen, Zahnbürsten, Handtücher...
Joseph und James folgten dem Kaffeegeruch in die Küche. Dort standen an einem Herd drei Männer in weißen Uniformen und Kochhüten auf dem Kopf. Sie bemerkten nicht, wie sich die Brüder über den frischen Kaffe hermachten, bis Thomas´ Stimme die Köche zusammenzucken ließ.
"Guten Morgen, ihr beiden! Gut geschlafen?"
Die Brüder schauten ihrem Gegenüber mit großen, blauen, unschuldigen Augen an. Sie hatten ja ohne Erlaubnis Kaffee genommen.
"Schmeckt euch der Kaffee?"
"Ja, super!" antwortete Joseph.
"Kommt mit, Frühstücken!" befahl Thomas. "Ihr seit sicher hungrig, oder?"
Die Brüder nickten und gingen in den großen Saal, wo die anderen Männer das Frühstück zu sich nahmen. Sie setzten sich an einen Tisch und aßen ihre Brötchen mit Marmelade, welche Thomas ihnen auf die Teller geladen hatte.
Nach dem Mahl ergriff James das Wort:
"Vielen Dank für eure Gastfreundlichkeit," er zog seinen Geldbeutel und gab Thomas 200 irische Pfund. "Aber wir müssen jetzt weiter nach Destrou."
"Steck dein Geld wieder ein, Jimmy!" Thomas nahm das Geld und drückte es James in die Hand. Doch Jimmy legte es wieder auf den Tisch.
"Dann lasse ich es eben hier liegen!" sprach er trotzig.
"Typisch Jimmy, immer den Allerweltsmann raushängen lassen." Brummelte Joey.
"Bevor ich mich schlagen lasse, nehm ich das Geld." Lachte Thomas freundlich. "Kennt ihr den Weg nach Destrou?"
"Eigentlich nicht." Meldete sich Joseph.
Thomas malte den Brüdern den Weg auf. Anschließend holte er den Beiden noch einpaar Schnitten als Wegproviant.
Joey und Jimmy bedankten sich noch bei Thomas und seinen Gleichgesinnten und liefen dann quer Feld ein durch den Wald Richtung Destrou.
*
Die Brüder hatten noch circa 10 Meilen vor sich, als es zu Donnern begann. Schnell zuckten auch grelle Blitze über den Himmel. Aber die Männer wanderten unbehelligt weiter durch den tiefen Wald. Zur Mittagszeit machten sie Rast:
"Oh Joey, hätte ich dich da bloß nicht mit hinein geritten!" drückte Jimmy sein schlechtes Gewissen aus.
"Komm, dafür sind doch Brüder da!" tröstete Joey seinen großen Bruder und nahm ihn in den Arm.
Nach einer viertelstündigen Pause ging die Reise dann weiter. Zum Nachmittag hin kam auch wieder die Sonne durch die dicken Wolken hervor. Und auch die Laune der Beiden hob sich stündlich.
"War schon ein komischer Haufen, oder?" fragte Jimmy seinen pfeifenden Bruder.
"Ja, richtig unheimlich. Aber nett, ne?" James nickte und sprang über einen umgestürzten Baum.
Es wurde Abend und das Ziel war immer noch nicht in Sicht. Mittlerweile begannen sich die Brüder Sorgen zu machen, ob sie sich nicht vielleicht verirrt hatten.
"Wir müßten doch schon längst in Destrou sein!" nörgelte Joey herum.
Als es Nacht wurde und Destrou immer noch nicht in Sicht war, legten sie sich unter eine dicke Eiche und schlummerten friedlich nebeneinander ein.
Lautes Motorbrummen ließ die Beiden wieder zu sich kommen. Von dem Geräusch hochgeschreckt, sprang Joseph auf.
"Nein, Jimmy, sieh da!" er deutete auf die Straße, welche durch hohes Gestrüpp kaum sichtbar war. Dort standen schon die ersten Häuser der Stadt Destrou.
Die Brüder hatten also um sonst die Nacht im Wald verbracht, weil sie nur einige Minuten von der Ortsmitte entfernt waren.
2.
Im Hotel angekommen, machten sich James und Joseph Kelly erst einmal frisch. Sie aßen im Restaurant zu Mittag, bevor Jimmy sich um ein Abschleppwagen kümmerte, der sein Mercedes von der Landstraße abholen sollte. Außerdem telefonierten sie noch mit der Family, berichteten ihnen jedoch nichts von ihrem Erlebten. Anschließend hielten sie noch Siesta. Nach dem Abendmahl riefen sie sich dann ein Taxi und fuhren nach Ever Green.
Auf der dreistündigen Autofahrt bimmelte Jimmy´s Handy. Am Telefon war der Autoabschleppdienst. Er berichtete James, daß man seinen Mercedes ausgebrannt am Straßenrand gefunden hatte.
"Bullshit! Das darf doch wohl nicht wahr sein!" brüllte James ins Handy. Sein Gesprächspartner berichtete ihm, daß die Firma die Polizei benachrichtigt hätte.
"Was ist?" wollte Joseph sofort wissen.
James atmete tief durch, "Die Idioten wollen mir an die Wäsche, Joey! Die haben den Mercedes angesteckt!"
Sein Bruder schaute ratlos trein.
Das Taxi passierte das Tor des Anwesens. Joseph stellte dem Fahrer einen Scheck aus und beide gingen ins Haus. Die Familie war immer noch im Urlaub.
Die Brüder liefen erst mal in Joey´s Zimmer. Von dort aus sie Stimmen, begleitet von Schritten, hörten. Sie sahen sich einander an. Beide wußten, was los war und wem die Stimmen gehörten.
Joey rannte an seinen Nachttisch und holte seine Magnum aus der Schublade. James schaute seinen Bruder böse an.
"Frag´ jetzt nicht, sondern verstecke dich im Schrank!" befahl Joseph, der unters Bett krabbelte.
So verharrten die Beiden dann für zwei Stunden. Mittlerweile war es 02.00 Uhr. Joseph holte den zitternden James aus seinem Schrank.
"Ich glaube, daß die Schweine jetzt weg sind."
"Das gibt´s doch nicht, Joey. Die sind doch wahnsinnig, oder? Was wollen die? Geld? Joey, ich halt das nicht mehr aus!" Jimmy fiel hilflos seinem Bruder in die Arme. Er zitterte am ganzem Leibe.
"Vielleicht sollten wir ihnen wirklich Geld anbieten." Er überlegte, "Aber wenn man einmal nachgibt, nehmen die uns aus wie die Weihnachtsgänse."
James nickte nachdenklich. Sein gegenüber bemerkte, daß er mit den Tränen kämpfte.
"Komm, daß schaffen wir schon, wäre doch gelacht, wenn wir diese Idioten nicht in die Knie bekommen würde, wir haben schon ganz andere Sachen durchgemacht." er knuffte Jimmy zärtlich.
"Auf jeden Fall wäre es besser, wenn wir uns hier erstmal verkrümeln. Die sind uns närmlich auf den Färsen. Ich glaube, draußen stehen auch einige, die warten bloß, bis wir rauskommen. Jetzt höre mal auf zu zittern und überlege, wie wir hier lebendig herauskommen!"
Sie setzten sich auf das Bett und überlegten. Plötzlich fand Jimmy des Pudels Schwanz:
"Erinnerst du dich noch an die Türe im Keller?" Sein Bruder nickte. "Die Türe - Vater hatte uns doch mal die Gruselgeschichte über den geheimen Fluchtweg des "Earl of Nemor" erzählt. Der Weg führt angeblich zum Anwesen der o´Neller´s."
Schnell holte Joseph schwarze Kerzen unterm Bett hervor. Jimmy schaute ihn böse an.
"Frag´ jetzt nicht blöd, sondern mach, daß wir runter kommen!"
Im dunkeln tapsten sie die lange, aus dunkelbraunem Holz gearbeitete, Treppe hinab. Leise, ganz leise öffneten sie die schwere Kellertüre. Joseph konnte James gerade noch so festhalten und bewarte ihn davor, die Treppe herunter zu fallen.
Nun hieß es die Türe zu finden. Keiner der Beiden hatte eine Ahnung, wo sich diese befinden könnte. Und da sich die Katakomben viele hundert Meter unter dem Anwesen erstreckten, blieb den Brüdern nichts anderes als zu suchen übrig.
Beide gruselte es ein Wenig, denn Vater Daniel hatte ihnen schon schreckliche Dinge über den Keller erzählt. Auch unten im Dorf berichtete man sich nicht gerade schöne Sachen über die Katakomben von Ever Green.
So umklammerten sie sich einander wie zwei kleine Jungen, nicht wie ein 25 und ein 27- jähriger. Sie liefen einen schmalen Gang entlang. Gelegentlich huschten einpaar Ratten vor ihnen weg und merkwürdige Geräusche drangen an die Ohren der Männer. Am Ende des Ganges war sie endlich, die Türe.
Bloß ein Hindernis war da noch: Die Holztüre war mit einem dicken Vorhängeschloß fest verschlossen.
"Verdammte Scheiße" zischte Joseph so, daß er beinahe die schwarze Kerze in seiner Hand ausblies. Jimmy schaute nur ratlos trein.
"Gehen wir halt mal in die andere Richtung." Schlug Jim dann vor.
Das taten sie dann auch.
Mit schnellen Schritten begaben sich die Brüder in den nächsten Gang. Die Flamme fackelte und Alles in Allem war dieser Gang sehr zugig. Joseph meinte, daß es von einem Ausgang rühren sollte. Der Weg führte über Holzdielen, welche ziemlich morsch waren. Auf einmal brach Jimmy´s Bein ein.
"Joey, warte mal!" stoppte er seinen Bruder. Joseph half ihm heraus und zu Beider Überraschung sahen sie durch das Loch einen weiteren Tunnel.
"Mensch Joey, schau mal da!" staunte Jim.
"Da müssen wir runter!" plante Joey, "Komm, pack mit an!"
Schon hatten die Beiden die ersten Dielen abmontiert und kletterten durch das Loch nach unten. Sie rannten den Gang entlang, bis sie an eine morsche Holztüre kamen, die Joseph mit einem gekonnten Tritt öffnete.
Sie rannten durch den Wald des Anwesens der o´Nellers. So schnell sie ihre Beine tragen konnten, liefen sie über das Grundstück und kletterten über das hohe Eisentor.
Draußen angekommen, hielt Joey inne:
"Sag mal Jimmy, was hast du jetzt eigentlich vor?"
Sein Bruder zuckte mit den Schultern.
"Willst du jetzt nicht endlich einmal zur Polizei gehen?" Joseph sah Jim streng an.
Sein Gegenüber schwieg ihn an.
"Ja was nun?" drängte Joey.
"Wenn ich zur Polizei gehe, dann killen die mich!" James schaute seinen Bruder mit riesigen blauen Augen an.
"Na und meinst du, daß die gerade mit uns Karten spielen wollten?"
Er schaute betreten zu Boden.
"Vielleicht wollen sie ja Geld? Und vielleicht lassen sie uns dann in Ruhe!" Jimmy strahlte über das ganze Gesicht, doch auch diese Freude verschwand schnell, als ihn sein Bruder vor die Tatsache stellte, daß diese Gangster bestimmt keine Ruhe geben würden, wenn sie einmal Lunte geschnuppert hätten.
Ratlosigkeit bestimmte ihren Weg. Was sollte James jetzt tun? Wenn er zur Polizei ging, würden ihn die Schurken umbringen. Und wenn er ihnen Geld anbieten würde, würden sie in bis zur Armmut schröpfen. Es war ein Teufelskreis- nein, es war die Hölle!
Und Jimmy hatte seinen Bruder mit hineingeritten. Nun steckte Joseph auch noch mit in der Tinte...
James wollte in diesem Moment nur noch sterben...
*
Ein Vogel besang den neuen Tag und weckte die beiden Brüder durch seinen Gesang. Sie waren eingeschlafen, als sie sich in das Dickicht des Nachbars gelegt hatten.
Josephs erste Worte waren keine ausgesprochenen: er sah seinen Bruder nur streng an. Was nun? Fragten seine Augen.
Jimmy drehte sich dezent weg. Er wollte Joey´s Frage nicht beantworten, doch er konnte diesem Problem nicht entfliehen.
Sie setzten sich auf und James befahl: "Überlegen, wir müssen jetzt überlegen!"
Und so saßen sie dann im Unterholz und überlegten.
"Sag mal," Joey richtete sich auf und zappelte hin und her, "kannst du dich noch an Thomas erinnern?"
Jimmy runzelte seine Stirn und nickte stumm.
"Mensch Jimbolino, daß ist doch unsere Chance! Die helfen uns bestimmt aus dem Schlammassel raus!"
"Oder auch nicht..." entgegnete sein Bruder skeptisch.
"Jetzt seh doch nicht gleich schon wieder schwarz. Ich meine, auch diese Jungs sind zu unrecht verurteilt, und spätestens wenn du zur Polizei gehst, wirst du das auch. Oder denkst du, die glauben dir?"
James atmete tief durch. "Naja, und wenn die Freunde sind und sich untereinander kennen oder sogar zusammen arbeiten?"
"Probieren geht über studieren!" versuchte Joseph seinem Bruder zu überzeugen, was ihm auch gelang.
Via Handy riefen sie sich ein Taxi. Der Taxifahrer fragte die Beiden erstmal vorsichtshalber, ob sie auch genügend Geld dabei hätten, weil bei "Landstreichern" vorsichtig sein mußte. (die Bruder sahen wirklich so aus: Schmuddelig und rochen dazu auch nicht nach Parfum- wie man halt so erscheint, wenn man eine Nacht im Wald war...)
Joey wollteschon wieder Luft holen, um dem Taxifahrer gehörig die Meinung zu sagen, doch Jimmy beruhigte seinen aufbrausenden Bruder und antwortete mit einem knappen "Ja."
Stillschweigend fuhren sie ihrem Schicksal entgegen. Völlig ausgeliefert, Jimmy mit einer gewissen Todesangst...
Nach einer Stunde kamen sie schließlich bei der Landstraße in Destrow an. Joey drückte dem Chauffeur einen Scheck in die Hand...
Plötzlich ertönte ein lauter Schlag, worauf ein fürchterlicher Schmerz folgte. James öffnete seine Augen und neben ihm lag der Familienhund Finbar auf dem Boden. Schweißgebadet rappelte sich Jimmy auf und zog sich an seinem Bett hoch. Was war geschehen? Erstmal setzte er sich auf die Bettkannte und trank einen Schluck Wasser, eher er kapierte, daß alles nur ein schrecklicher Traum war, der Gott sei Dank, endlich vorbei war. Er schaute auf die Uhr und laß, daß es erst Mitternacht war. Man könnte ja noch einmal ins Pup gehen, dachte er sich und zog sich an.
Als es etwa gegen drei Uhr war, beschloß er sich von seinen Kumpels zu verabschieden. James nahm die Abkürzung durch den Park, als er Schritte hinter sich bemerkte. Gerade als er sich umdrehen wollte, hatte ihm sein Verfolger schon ein Messer an den Hals gedrückt und zischte:
"Gib´ mir dein Geld!" James gab ihm seine 30 Pfund, doch diese genügtem dem Täter nicht und er tat Anstallten um Jimmy umzubringen. Aber James drehte sich um und schlug dem angreifer mit aller Kraft ins Gesicht: Der fiel nach hinten und schlug mit seinem Kopf auf einen Eisenmülleimer.
Als sich James über seinen Gegner beugte, sah er, daß dieser tot war...