Die Weihnachtsgeschichte des Jimmy Kelly

by Kiki   Kerstin12349308@aol.com

 

"Angelo, was ich dir schon immer mal sagen mußte: Du kannst ja vieles. Aber das Drummen, das kannst du nicht!" Plärrte Jimmy mit seiner gewohnt- aggressiver Stimme. Wenn Angelo jetzt ein Widerwort gegeben hätte, hätte er mindestens eine Ohrfeige geerntet...
"Wenn ich in zwei Stunden wieder komme und du hast den Takt immer noch nicht drauf, dann rede ich mit deinem Vater. Und was dann passiert, weißt du ja!" Ja- das wußte Angelo. Dann würde es Stubenarrest geben und er dürfte Kira so lange nicht sehen, bis er sich vom Drummen Blasen geübt hätte. Was konnte er dafür, daß Melanie ihn betrogen hatte und Jimmy seit dem ein ewig- tief hatte?
James knallte die Türe des Studios zu und stampfte die Treppe hoch. Gott, hatte er eine Wut im Bauch. Diese steigerte sich, als er Maite in der Küche Plätzchen backen sah. Munter, sang sie "All I want for Christmas..."
"Mensch, wie sieht es denn hier aus?!"
Maite drehte sich um: "Hallo Jimmy! Willst du mal probieren?" Sie hielt ihrem großen Bruder einen frischen Keks hin.
"Selbst essen macht dick!" War seine Antwort. Maite zuckte mit den Achseln und widmete sich wieder dem Nudelholz.
"Sag mal, backst du, oder hast du ne Mehlschlacht gemacht? Hier ist ja alles voller Mehl!" Schimpfte er. Maite ignorierte ihn und so schlich Jimmy aus der Küche, weiter nach Fehlern der Geschwister suchend.
Als er so durch die Diele wanderte, tönten singende, fröhliche Stimmen an sein Ohr. Sein Bruder und seine Schwester sangen Weihnachtslieder.
Müssen die mich ständig provozieren? Dachte sich Jimmy und riß die Türe auf.
"Könnt ihr vielleicht mal Ruhe geben?! Hört sich ja grausam an!"
Patricia stand auf und wollte etwas sagen, doch Jimmy war auch schon wieder verschwunden.
"Was hat er bloß?" Sie setzte sich zu John auf das Sofa und schaute ratlos auf ihr Glas Punsch.
"Ich glaube, er hat eine ziemlich schlechte Phase, seit er Melanie mit diesem anderen Kerl erwischt hatte." Versuchte John eine Lösung für das Fehlverhalten seines Bruders zu suchen.
"Doch was können wir dazu?"...

"Was kann ich dafür? Hättest du das Tempo aus deiner Hose raus, hättest du jetzt keine Fusseln in der Tasche!" Verteidigte sich Barby im Bügelzimmer.
"Bist du nicht in der Lage, meine Hosentaschen vor dem Waschen zu kontrollieren?"
"Bin ich etwa der Kontrolleur? Mensch Jimmy jetzt führ dich nicht so auf, nur wegen einpaar Fusseln!"
Währe Barbara nicht eine Frau, hätte sie jetzt eine gefangen! Dachte James und verließ wutschnaubend das Zimmer.

Paddy saß in seinem Raum und malte ein Bild. Er schaute aus dem Fenster und versuchte die Schattenspiele des Baumes mit Kohle einzufangen. Was im- seiner Meinung nach- gut gelang. Aber das war nicht Jimmys Meinung...
"Patrick, wenn du nicht malen kannst, dann laß es doch diejenigen machen, die es können!"
"Autsch, daß war mein Ego! Du kannst so herrlich aufbauend sein, Jimmy!" Meinte Paddy beiläufig und schenkte dem Kritiker keine Beachtung.
Doch der dachte gar nicht daran aufzuhören, seinen kleinen Bruder zu traktieren: "Das ist reinste Zeit- und Geldverschwendung!"
"Jim, verpiss dich!" Schrie Paddy "dein ewiges rumgemecker geht mir voll auf den Keks! Kann ich was dazu, wenn du Melanie nicht gut genug warst?"
BATSCH!
Da hatte er eine sitzen. Und bevor er noch irgend etwas sagen konnte, war James auch schon wieder weg.

Jimmy schlurfte die Treppe hinab. Mit finsterer Mine betrachtete er Joey, der gerade vom Training kam. Müde setzte sich dieser auf den Boden und zog sich die Schuhe aus. Zu oft hatten sich die Brüder in der letzten Zeit gestritten und nicht selten kam es dann zu Handgreiflichkeiten.
"Mußt du mit deinen dreckigen Schuhen ins Haus kommen?" Keifte James.
Joey blickte kurz auf, schüttelte den Kopf und sprach: "Die sind nicht dreckig, die hab ich vorher abgeputzt."
"Und wenn sie nicht dreckig sind, dann stinken sie nach Käse und das stört mich!"
Des Friedens Willen stellte Joey seine Laufschuhe auf die Veranda. Er war es leid, sich ständig mit seinem Bruder streiten zu müssen. Noch vor drei Monaten sind sie zusammen durch dick und dünn gegangen. Und jetzt?
Jimmy wußte nichts mehr zu meckern und ging ins Wohnzimmer, wo Kathy und Sean Weihnachtssterne bastelten.
"Tut das Not?" Stichelte James.
Kathy schaute Jimmy an und fragte: "Was?"
"Na das ihr hier Papier zerschneidet, daß dann sowieso nach Weihnachten in den Müll fliegt."
"Jimmy, daß ist Weihnachten! Normale Leute basteln Sterne in der Adventszeit." Sie schüttelte den Kopf und schnippelte wieder an ihrem goldenen Glanzpapier herum.
"Normale Leute, die zuviel Geld und zuviel zeit haben! Weißt du, Kathy, mich kotzt das ganze Getue um Weihnachten an!"

* * *

Es war zwei Tage vor Heilig Abend, somit der 22.12.
Einsam, aber zufrieden schlurfte er die Treppe nach oben. Warum konnten die anderen nur so glücklich sein wenn er es nicht war? Er konnte es nicht mehr hören- das Lachen, das Singen und der Plätzchenduft hing ihm auch weit zum Hals heraus. Er legte sich auf sein Bett und schloß die Augen. Weihnachten ohne Melanie... Ach Scheiße! Er schlug mit der Faust auf die Matratze und wälzte sich von der einen auf die andere Seite.
Plötzlich drang ein Geräusch an seine Ohren. Er mußte eingedöst sein und irgendein Geschwister wollte sich sicher ein Pullover ausleihen, ohne zu fragen.
Na warte, dem werde ich’s geben!
Jimmy sprang auf und erschrak beinahe zu Tode, als er im Schein des Mondes, der durch sein Fenster schien, einen Mann sah. Nein, daß war kein Mann, das war ein Ungeheuer! Lumpen hingen an seinem abgemagerten Leib herab und Blut lief aus einer Platzwunde an seinem Kopf. Dunkle Augenränder säumten seine eingefallenen Augen.
"Wer- wer sind sie?" Stotterte Jimmy ängstlich.
"Du kennst mich. Du kennst mich gut James!" Eine Stimme, die Jim das Blut in den Adern gefrieren ließ, ertönte und weißer Rauch trat aus seinem Mund.
"Wer sind sie und wie kommen sie hier rein?"
"Ich bin der Geist der Weihnacht und ich will dich warnen."
"So ein Humbug!" Fluchte James, der das alles als albern abstempelte.
" Wenn du dich nicht änderst, wirst du Besuch bekommen..."
"Wer will mich besuchen? Ach kommen sie, Schluß mit lustig! Verschwinden sie aus meinem Zimmer oder es gibt Ärger!"
"Gut, wie du willst. Ich gehe." Mit einem Mal hatte sich der Unheimliche in Luft aufgelöst und war weg.
Jetzt hat mich meine Familie schon so aufgeregt, daß ich Halluzinationen bekomme. Dachte sich Jimmy und drehte sich um zum Schlafen.

* * *

Der Morgen des 23. Dezember graute.
James erwachte und blickte mürrisch aus dem Fenster. Schnee... überlegte er. Schnee... daß bedeutet wieder Arbeit: Schnee schieben. Oh, ich hasse Schnee und ich hasse Weihnachten und überhaupt...
..und überhaupt haßte Jimmy zur Zeit alles.
Müde schlich er hinab in die Küche, wo sich ein Teil seiner Geschwister schon versammelt hatten. Kaffeeduft vermischte sich mit dem Geruch, frisch gebackener Muffins.
Maite und Paddy gackerten aufgeregt, von wem sie wohl was geschenkt bekommen würden.
Jimmy setzte sich- mit seinem typischen miesen Gesicht- zu ihnen an den Tisch.
"Und, Jimmy? Was wirst du Patricia in der Weihnachtsnacht unter den Christbaum legen?" Wollte Maite wissen.
"Nix." Antwortete James knapp.
"Was?" Fragte Patrick entsetzt.
"Weihnacht fällt dieses Jahr aus! Ist sowieso nur das Fest der Geschäfte. Alles nur kommerziell und so." Er schlürfte an seinem Kaffee, dem ihn Maite hingestellt hatte.
"Aber- aber Weihnachten ist doch das Fest der Liebe!" Entsetzte sich Paddy und schaute seinen Bruder mit großen Augen an. "Du hattest es doch immer geliebt, ausgefallene Geschenke zu..." doch er konnte gar nicht mehr weiter sprechen, dann James unterbrach ihn:
"Das war, bevor mir die Augen aufgegangen waren. Ich schenke jemandem etwas, wenn mir der Sinn danach steht und nicht weil der vierundzwanzigste Dezember ist!" Mit diesen Worten stapfte Jimmy nach oben in das Badezimmer.

Joey öffnete die Türe. "Sean will mit uns einen Schneemann bauen. Machst du mit?"
"Siehst du nicht, daß ich mich gerade rasiere? Was dir übrigens auch mal raten würde." Das war nicht die Antwort, die sich Joe von seinem Bruder erhofft hatte und so schloß er die Türe und ging.
Jimmy zog sich an und beeilte sich aus dem Haus zu kommen. Unten im Wohnzimmer, sah er seine Schwester Barby und Kathy, wie sie sich abmühten, die Spitze auf den Christbaum zu setzen.
"Oh, Jimmy, gut, daß du gerade kommst. Wir bräuchten mal deine Hilfe!" Sagte Kathy, die gerade damit beschäftigt war, die Leiter, auf der Barby stand, zu halten.
"Seh ich aus, als ob ich Zeit hätte?" Und schon verschwand er aus der Türe.

James setzte sich in sein Auto und fuhr aus dem Tor. Dort hatten sich einige Mädels mit Geschenken versammelt. Natürlich wollten sie in aufhalten, als Jimmy mit seinem Wagen heraus gefahren kam. Doch dieser leierte nur sein Fenster herab und brüllte: "Verzieht euch!" Dann trat er aufs Gas und fuhr davon. Ein kleines Mädchen, so um die 10 Jahre, mit einem Päckchen in der Hand, sagte leise: "Fröhliche Weihnachten, Jimmy."...

Er öffnete die Türe zum Pub. In den letzten Monaten wurde James zu einem Stammgast. Hier waren seine wahren Freunde: Der Wirt, der ihm immer den Whiskey nachschenkte, der Alte in der Ecke, dem man sein Herz ausschütten konnte und der immer "Jaja, Jungchen, daß wird schon wieder." Sagte und.... hm..., ja das waren schon all seine Freunde. Aber mehr brauchte er auch nicht um glücklich zu sein. Glücklich war Jimmy, wenn er in Ruhe sein Guinnes und seinen Whiskey trinken konnte. Ohne Leute, die ewig gute Laune hatten und "Oh du Fröhliche" sangen.

Erst gegen Nachmittag, betrat James das Haus. Seine Familie saß um den Wohntimmertisch, hatten die Kerzen des Adventskranzes angezündet und Plätzchen auf den Tisch gestellt. Im Kamin knisterte das Feuer und im Hintergrund tönte leise Weihnachtsmusik aus den Boxen der Anlage.
"Jimmy, willst du dich nicht etwas zu uns setzen?" Fragte Vater Dan, als er seinen Sohn die Treppe hochschleichen sah. "Wir haben hier Tee und Christstollen."
"Nee, kein Verlangen." Murmelte der Angesprochene und schlurfte- mit leichtem Seegang- die Treppe hinauf.

Seine Geschwister hatten schon alles probiert! Mit ihm zu reden, ihn von seinem Kummer abzulenken... aber nichts half. Nein, mit jedem Versuch wurden sie mit noch schlechterer Laune bestraft.

* * *

Jimmy öffnete die Türe zu seinem Zimmer, zog seine Stiefel aus, feuerte diese in die Ecke und ließ sich auf sein Bett sinken. "Wir haben Christstollen und Tee!" Wiederholte er, bevor er eindöste.
Doch sein Schlummer wurde durch ein lautes Poltern jäh unterbrochen. Als James seine Augen öffnete, stand wieder so ein komischer Kauz vor ihm. Er hatte fast Ähnlichkeit mit dem, aus der vorigen Nacht. Bloß das dieser nochmal so häßlich war und um einiges größer. Der Fremde hatte ein Cape über seinen Kopf gezogen und bei genauerem Hinsehen, konnte Jim erkennen, daß es ein alter Mann war, mit Narben im ganzen Gesicht verteilt.
"Na, und was willst du mir mitteilen? Hast du auch Christstollen und Tee?" Lallte James ihm entgegen.
Sein fremder Besucher schwieg.
"Fass` dich kurz, ich bin müde und will schlafen!"
"Guten Tag, James Victor Kelly!" Sein Gegenüber verbeugte sich tief. "Ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht."
James räkelte sich. "Ja, und?"
"Ich bin gekommen um dir etwas zu zeigen. Komm mit!"
"Wohin? Ich geh doch nicht mit jedem Wildfremden irgendwo hin."
"Jetzt beeile dich, wir haben nicht viel Zeit!" Drängte der Fremde. Jimmy wollte sich noch schnell etwas anziehen, doch der unheimliche Mann meinte, daß er das nicht brauchen würde, nahm ihn bei der Hand und zog ihn in Richtung des Kamins. Jim hatte Angst, daß er mit seinem Kopf gegen die Feuerstelle krachen würde, doch nein- die beiden liefen durch die Wand!

Sie fanden sie sich wieder vor dem Wohnzimmerfenster des Evergreen- Anwesens.
"Erkennst du das Haus hier?" Wollte Jim´s Begleiter von ihm wissen.
"Ja, das ist Evergreen, unser Haus in Irland." Antwortete dieser mürrisch. "Aber wie kommen wir hier her?"
Sein Begleiter zuckte mit den Schultern und führte Jimmy etwas näher an das Fenster. Als er die Eisblumen ein wenig entfernt hatte, konnte James in das Wohnzimmer schauen: Dort stand ein herrlich geschmückter Tannenbaum, Kerzen brannten und jetzt konnte er auch Stimmen vernehmen, welche "Stille Nacht" sangen. Nach und nach wurde das Bild deutlicher. Jim erkannte seine Familie- und sich selbst. Er saß unter dem Baum und spielte ein Kinderspiel mit dem Vergnügten Sean, der sich vor Lachen krümmte. Maite kam, mit einem großen Teller mit Keksen und Nüssen heran spaziert und reichte ihn Jimmy, der sich mit einer netten Geste bedankte. Dieser stand nun auf, nahm Seany auf den Arm, gab ihn ein Küßchen auf die Stirn und setzte ihn zu Kathy. Er selbst nahm auf dem Sofa Platz und stimmte in das Lied mit ein.

"Was sagst du dazu?" Fragte der Fremde.
Doch James- mit einem Mal nüchtern- antwortete nur schroff: "Was soll ich dazu sagen? Das war letztes Jahr- und weiter?"
Der Mann schüttelte nur seinen Kopf , nahm Jimmy bei der Hand und schon standen sie wieder in seinem Schlafzimmer.
"Zur elften Stunde wirst du noch einmal Besuch bekommen..." mit diesen Worten löste sich der Unheimliche in Luft auf.

"Tzzz! Was soll man davon halten?" Sprach Jim zu sich selbst und legte sich wieder in sein Bett. Schlafen konnte er jedoch nicht. Irgendwie beschäftigte ihn sein Besuch schon...

* * *

Pünktlich zum Glockenschlag, der von der Kirchturmglocke rührte, machte sich der zweite Besucher bemerkbar. Mit einem lauten Schlag landete dieser auf dem Boden.
"Und wer bist du?" Wollte Jimmy wissen.
"Oh, du erwartest mich? Ich bin der Geist der diesjährigen Weihnacht."
Jim blickte in das Gesicht des Mannes. Er mußte in seinem Alter sein. Aber die Lumpen hatten wahrscheinlich schon mehrere Menschen überlebt.
"Als hätte ich mir`s nicht denken können... und wohin gehen wir diesmal?"
"Das wirst du gleich sehen." Wie sein erster Besucher packte ihn dieser Geist am Arm und schleifte ihn Richtung Kamin.

Nach diesem Szenario standen die Beiden vor Schloß Gymnich. Der Fremde lief zum Fenster und machte eine Geste, daß James ihm folgen sollte, was dieser auch tat.
"Schau nur, schau! Was du angerichtet hast! Schau genau hin James!"
Jimmy blickte durch die Scheibe: Da saßen sie nun, seine Familie. Keiner sang, keiner lachte. Patricia trug Punsch auf einem Tablett herein. Doch kein Jimmy, weit und breit. Barby liefen Tränen über die zarten Wangen und Maite schaute, als würde sie es ihr gleich tun wollen. Joseph stirrte vor sich hin und die anderen schwiegen sich an.
Plötzlich ging die Türe auf und Jimmy betrat- besoffen- die Familienrunde: "Fröh-hölische Weinaaacht- hick- habt ihr schooon die Gschenke unter den Christbaum geschmissen?" Schon stürmte er auf den Weihnachtsbaum zu.
"Jimmy- jetzt laß es gut sein. Du brauchst ja kein Weihnachten zu feiern, wenn du nicht willst. Aber laß uns in Ruhe!" Sagte John, doch dann verschlug es auch ihm die Sprache. Denn sein betrunkener Bruder öffnete das Fenster und beförderte- lauthals lachend- sämtliche Päckchen und Pakete aus dem Fenster.
Sein Bruder Joey wollte ihn daran hindern, doch er bekam nur Jimmys Faust ins Gesicht...

Als James dies sah, krümmte er sich vor Lachen: "Hey, der ist cool! Der hats drauf! So muß man es machen! Genau- alle Geschenke aus dem Fenster!"
Sein Begleiter schüttelte sein Haupt und packte Jimmy bei der Hand, der immer noch grinste.
Schon standen beide vor seinem Bett. "Wenn du dich nicht bis morgen geändert hast, dann wirst du nochmals Besuch bekommen... und der wird nicht so zarkhaft mit dir umgehen!" Somit verschwand der Fremde.

* * *

Der Wecker klingelte. James schlug so fest auf ihn, daß er in seine Einzelteile zerbröselte. Fluchend stieg er auf und zog sich an. "Eindeutig zu viel gesoffen, gestern abend." Murmelte er und lief, schlurfenden Schrittes, in das Badezimmer. Dort stand Johnny am Spiegel und wusch sich das Gesicht.
"Gib’s auf, John. Du wirst doch nicht hübscher." Mit diesen Worten schob er seinen großen Bruder zur Seite und begann mit seiner Morgentoilette.
John wollte etwas sagen, doch er verzichtete darauf. Es würde ja doch nur in einem Streit enden.
Jimmys Tag verlief nicht anders als der vergangene. Bloß daß es einmal wieder eine Schlägerei mit Bruder Joseph gab. Und das nur, weil dieser sich erbost hatte, seine warmen Wollsocken zurück zu verlangen. Wie konnte er das nur tun, wenn Jimmy sie gerade anhatte?
Mit einem blauen Auge lief er wieder seinen Weg zu seinen Freunden. Doch auch diese ließen ihn im Stich. Ein großes, rotes Schild hing an der Türe: "Über die Festtage geschlossen."
Was war denn das für ein Grund? Spinnen die jetzt alle? Fragte sich James und ging sich- Freund Whiskey- im Einkaufscenter holen.

Als er nach Hause kam, hatten seine Geschwister sich alle in ihren Zimmern verkrochen. Wahrscheinlich packten sie Geschenke ein, wie sie es jedes Jahr, am 24. Dezember, zu tun pflegten.
"Zeitverschwendung!" Befand James und verzog sich mit seinem "Freund" in sein Zimmer. Doch bevor er die Flasche ansetzte, wirbelte sie- wie von Geisterhand bewegt- durch die Luft und krachte an die Wand.
"Gut, wenn ihr mir den Stoff nicht gönnt, dann hole ich mir eben eine von Vaters Flaschen!" Murmelte er genervt und lenkte seine Schritte Richtung Zimmertüre.
"Du wirst nirgendwo hingehen!" Schallte eine Stimme durch den Raum.
Doch Jimmy sagte lässig: "Hey, ich weiß das es keine Geister gibt. Das weiß ich schon seit 20 Jahren!." Er öffnete die Türe. Doch plötzlich riß eine fremde Kraft ihm den Türknauf aus der Hand und sie krachte zu.
Die Kraft, die nicht von dieser Welt zu scheinen war, packte nun auch Jimmy und schleuderte in auf sein Bett: "Hör zu! Ich bin der Geist der zukünftigen Weihnacht. Und wenn du jetzt noch ein Widerwort sagst, dann wird dieses Weihnachten dein Letztes gewesen sein." Der Unsichtbare Fremde schien sehr sauer zu sein. James schaute mit weit aufgerissenen, blauen Augen in die Richtung, wo er seinen Besucher vermutete. Plötzlich quietschten die Dielen und aus einer dunklen Ecke des Raumes trat ein Mann, nicht größer als 1,75m.
Als Jimmy sich sehr anstrengte um das Gesicht des Mannes zu sehen, erschrak er zu tiefst: Das war er! Der Mann, etwa 10 Jahre älter als Jimmy, sah aus wie Jimmy: Es war Jimmy in 10 Jahren!
"Ja, Jimmy, ich bin du. In zehn Jahren. Laß mich dir erzählen, wie es mir ergeht."
James nickte stumm.
"Ich bin sehr einsam, habe keine Freunde und meine Familie will schon seit Jahren nichts mehr von mir wissen. Das Geld, welches mir von ruhmreichen Tagen geblieben ist, habe ich in ein großes, altes Schloß in Irland investiert. Weit weg von der nächsten großen Stadt. Die einzigen Leute, mit denen ich regelmäßig Kontakt pflege, sind die uralte Haushälterin und der Postbote. Ich war schon seit 5 Jahren nicht mehr in der Stadt und habe Angst, mich bei meiner Familie zu melden. Denn die wissen nicht einmal, wo ich lebe. Ich schätze, daß wollen sie auch nicht wissen..." er schwieg und sah James aus traurigen Augen an. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: "Als ich meine Familie verlassen habe- besser gesagt, als sie mich aus dem Hause gejagt hatten- wurde alles anders. Meine Familie machte keine Musik mehr und verteilten sich in alle Länder der Welt. Das stand im letzten Brief, den mir meine Schwester Patricia vor 7 Jahren geschrieben hatte. Ich hatte diesen Brief niemals beantwortet..."
Jimmy schluckte leise und getraute sich nichts zu sagen.
"Komm mit. Komm, ich zeige dir, wie ich meine Festtage verbringe." Es war nun keine harte Stimme mehr, die Jimmy entgegen schlug. Eher war es die Sprache eines sehr traurigen Mannes, einsam und gebrochen.
James brauchte keine weitere Aufforderung und folgte dem Fremden in die gewohnte Richtung....
Sie standen vor einem Fenster eines alten, sehr großen Schlosses. In dem Zimmer brannte eine Kerze und in einem Lehnstuhl saß ein Mann- Jimmy. Dieser starrte in das gleißende Licht der Flamme. In seiner Hand hielt er ein verknittertes Foto seiner Familie...
"Länger brauchen wir hier nicht zu stehen." Beschloß der Mann, "Es wird sich nichts an der Szene ändern. Das ist mein Weihnachten. Ich begehe diesen Tag nicht anders, als jeden Tag. Jeden Tag im Jahr, jeden Tag in meinem Leben. Bis ich eines Tages müde werde und in meinem Sessel einschlummere..."

* * *

Der aufdringliche Geruch von Kaffee durchflutete das ganze Haus. James stapfte die Treppe hinab. Als Paddy ihm begegnete, senkte er seinen Blick.
"Fröhliche Weihnachten, Paddy!" Plärrte Jimmy so laut, daß mindestens das halbe Haus aufwachen mußte. Patrick schaute seinen Bruder skeptisch an und dachte: Ohje, was mag jetzt wohl kommen?
Spontan griff James seinen kleinen Bruder an die Hand und zog ihn die Treppe runter Richtung Haustüre. "Was hast du vor?" Fragte der Überraschte etwas verängstigt.
Jimmy öffnete die Türe, schob Paddy hinaus und folgte ihm. Er bückte sich, nahm eine Hand Schnee und seifte Patrick kräftig ein. Dieser wehrte sich und das Ganze endete in einer lustigen Schneeballschlacht. Paddy hatte sich schon lange nicht mehr so gut mit Jimmy amüsiert.
Als sich nach dem Frühstück die gesamte Familie im Wohnzimmer zu der Bescherung versammelte, war- oh Wunder- auch James Victor Kelly anwesend. Natürlich hatte ein jeder seiner Geschwister ein Päckchen mit seinem Namen unter den Baum gelegt. Aber auch Jimmy hatte etwas: Frühs, bevor alle aufgestanden waren, hatte er für jeden- in Sonntagsschrift- einen Gutschein geschrieben, da er ja keine Geschenke gekauft hatte.
Bevor sich alle auf die Päckchen in buntem Papier mit großen Schleifen stürzten, richtete Jim noch ein Wort zu seiner Familie:
"Tut mir leid, was ich euch die letzte Zeit angetan hatte."
Nach diesem Satz stürzten sich seine Geschwister auf Jimmy und umarmten ihn.


© Kiki

(Echt toll!)

 

Santa Bar

Last update: 21/11/2004

(Online since: 10/12/2000)


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