She's crazy

by Jutta   Jutta.Scheidecker@gmx.de

 

Herbst 1993

"I know one thing that the truth...äh…, Ach, Mist!" Barby Kelly fluchte leise vor sich hin. Sie schrieb ein neues Lied, besser gesagt, sie versuchte es seit Stunden. Sie stützte ihre Arme auf die Gitarre und holte tief Luft. Sie war kurz davor, einen Schreikrampf zu kriegen. Die Melodie hatte sie ja schon, nur der Text haperte noch ordentlich. Sie überlegte, was sie zu dieser Melodie singen sollte. "Barby, mach doch mal ne Pause. Komm, geh mit mir auf den Markt, ich muss für Kathy īn paar Sachen besorgen", rief Paddy ihr zu, der Barbys Komponier- Versuche schon eine ganze Weile beobachtete. "Na gut", sagte Barby ergeben. Zusammen mit Paddy ging sie auf den Wochenmarkt in der kleinen Stadt irgendwo in Deutschland, wo sie sich gerade aufhielten. Als sie den Markt verließen, waren sie voll bepackt. "Wie war das, Paddy? `N paar Sachen? Das ist ja ein Dutzend!", beschwerte sich Barby scherzhaft. "Klar, was hast du denn gedacht?" Die beiden lachten ausgelassen. Sie verstanden sich super. Manchmal sagte Paddy das, was Barby dachte. Es schien, als könnten sie einander die Gedanken lesen. "Übrigens, Barby: du musst singen ī....that the truth in her eyes make me love her.`" "Wie kommst du darauf, Paddy?" "Deine Augen sehen so aus." "Findest du?" Paddy nickte. Barby liebte seine Ehrlichkeit. Als Barby und Paddy beim Bus ankamen, stellten sie ihre Besorgungen in die Ecke und Barby rannte gleich zu ihrem Bett, wo noch ihre Gitarre lag. Sie setzte sich aufs Bett und fing wieder an zu spielen. Sie dachte an das, was Paddy zu ihr gesagt hatte. Sie sang ihr Lied so, wie er es gesagt hatte und plötzlich ging es von ganz alleine, sie musste gar nicht über den Text nachdenken, sie sang einfach nach ihrem Gefühl. Plötzlich musste sie weinen, ihr eigenes Lied ging ihr sehr zu Herzen. Manchmal sagte Paddy, sie sei verrückt und jetzt, spätestens jetzt wusste sie, dass er wirklich recht hatte. Ja, sie war wirklich verrückt. Manchmal, wenn es regnete, ging sie nach draußen und tanzte im Regen. Jeder andere Mensch würde sich einen trockenen Unterschlupf suchen, aber Barby liebte den Regen, zumindest, wenn sie gute Laune hatte. Paddy hatte mal zu ihr gesagt, sie sähe aus wie ein Engel, wenn sie da draußen im Regen tanzte. Paddy war zwar erst 15, aber er war in manchen Dingen so viel erwachsener als andere 15-jährige Jungs, fand Barby. Er hatte eine richtig poetische Ader, sein neuestes Lied "An Angel" brachte das sehr zur Geltung. Barby liebte diesen Song, vom ersten Gitarrenklang an hatte sie ihn geliebt. Paddy wurde manchmal verlegen, wenn Barby ihm sagte, dass so ziemlich jedes Mädchen sich in ihn verlieben würde, wenn sie das Lied gehört hätte. Paddy mochte es nicht so besonders, als Mädchenschwarm bezeichnet zu werden, aber trotzdem fasste er das immer wieder als Kompliment auf. Er bezeichnete Barby immer wieder als Engel, aber sie hörte das nicht gern. Jetzt kam "Engel" Barby zu ihm und erzählte, dass sie das Lied fertiggeschrieben habe. Gespannt hörte Paddy ihr zu. Als sie fertig war, klatschte er begeistert. "Das ist super, Barby, echt ein schönes Lied!" "Danke!" Sie erzählte ihm, wie sie auf einmal das ganze Lied gesungen hatte, ohne auch nur einmal über den Text nachdenken zu müssen. Als Barby gegangen war, hörte Paddy in seinem Ohr immer wieder dieselben Zeilen. "She is crazy, she is crazy, you canīt hurt her you canīt break her." In seinem geistigen Auge sah er Barby vor sich, sie tanzte und ihre Schritte waren so leicht, dass man meinen könnte, sie schwebte über den Boden. Ihr Haar glänzte in den seidigsten Tönen, auch wenn die Sonne nicht schien. Ihre Figur war so klein und zierlich, am liebsten möchte man sie in Watte packen, aber sie war so stark in ihrem Inneren.


Frühjahr 1996

"I wanna know is anybody gonna help me when Iīm down?" Barby spielte ihr neuestes Lied auf ihrer Gitarre. Paddy sah sie bedrückt an. Seit die Kelly Family so berühmt geworden war, war Barby immer stiller geworden. Sie kam mit dem Erfolg und den vielen kreischenden Fans nicht zurecht. Immer wieder wurde sie auf der Straße erkannt und nach Autogrammen und Fotos gebeten. Das war ja eigentlich auch nicht schlimm, aber es waren nicht ein oder zwei, nein, es waren immer so viele Fans auf einmal. Einmal standen über zwanzig kreischende Mädchen um sie herum und sie hatte nur einen Bodyguard dabei gehabt. In diesem Moment hatte sie eine Todesangst gehabt, hatte geweint, weil sie solche Angst hatte. Sie fühlte sich so verfolgt, so einsam und isoliert. Sie war gefangen im goldenen Käfig, sie hatte ihre Freiheit gegen den Erfolg eingetauscht, ein hoher Preis für dieses Luxusleben, dass die Kellys nun führten. Paddy hörte die Verzweiflung in der Stimme seiner Schwester, als sie ihm ihr Lied "Like a queen" vorspielte. Es war ein Hilferuf, aber Paddy bezweifelte, dass ihn viele Fans verstehen würden. Er ging zu Barby und nahm sie lange in den Arm. "Ach Paddy, ich halt das einfach nicht mehr aus. Manchmal wünsche ich mir, wir wären wieder arm, aber dafür frei wie die Vögel am Himmel." Paddy konnte Barby gut verstehen, er hatte das auch schon oft gedacht. "Meinst du, einige werden mein Lied verstehen", fragte Barby ihn. "Einige bestimmt. Es gibt immer noch Fans, die unsere Musik lieben und nicht uns selbst." "Ja, du hast bestimmt recht."


Anfang Mai 1997

"Warum müssen wir denn wieder nach Deutschland zurück? Hier in Irland ist es doch so schön. Vor allem so ruhig und keine kreischenden Fans." Paddy sah Kathy verständnislos an. "Wir sind fürs Business einfach zu weit weg. Die Fans wollen uns mal wieder live sehen und wir können nicht jedes Wochenende von Irland nach Deutschland fliegen", antwortete Kathy. Barby sagte nichts. Sie saß ruhig am Frühstückstisch und aß ihre Cornflakes. Die anderen plapperten wild durcheinander. "Hey, Barby, hast du nichts dazu zu sagen", rief Jimmy. Barby sah ihn nur an und lächelte vielsagend. Später kam sie mit ihrer Gitarre wieder. "Ich hab ein neues Lied geschrieben.", erklärte sie. Sie nahm ihre Gitarre und spielte. "Leave it to the spirits take life as it comes..." Als sie fertig war, sagte sie: "Ich habe gelernt, das Leben so zu nehmen wie es kommt, man kann es sowieso nicht ändern." Paddy betrachtete seine Schwester. Ja, sie war erwachsen geworden, aber sie war immer noch so verrückt wie früher. Gestern, als sie wieder ein Aquarell malen wollte, kam ihre Hündin Finbarr in ihr Zimmer gestürmt und hatte die ganze Staffelei umgerannt. Danach waren Barby und Finbarr von oben bis unten mit Farbe beschmiert, aber das machte Barby nichts aus, später ging sie auch so an den Strand hinter dem Haus und schrieb da "Leave it to the spirits". Dann tanzte sie am Strand, sie sah aus als wäre sie in eine Badewanne voller verschiedener Farben gefallen. Paddy hatte sie lächelnd beobachtet. Ja, verrückt war sie in gewisser Hinsicht auf jeden Fall.
Er war froh, dass Barby nicht so traurig war, als sie wieder nach Deutschland gingen.


Wintertour 1999

Barby war die ganze Tour über total gut drauf, das machte Paddy glücklich. Er hatte Barby schon lange nicht mehr so lustig erlebt. Sie ging auf den Konzerten voll aus sich heraus, was auch die Fans bemerkten. Sie jubelten Barby zu und sie bekam langen Beifall nach ihren Songs. Nach dem Konzert in Karlsruhe fragte Paddy Barby: "Wie geht’s dir?" "Klasse. Die Fans waren so super lieb, das Konzert war einfach toll, obwohl es so kurz war. Das fand ich schade für die Fans. Aber in Karlsruhe hat es mir bis jetzt immer sehr viel Spaß gemacht, die Fans hier sind großartig!" "Ja, das stimmt", bestätigte Paddy. Auch er spielte gerne in der Europahalle, auch wenn sie die Halle nicht mehr voll kriegten.


April 2000

Die Stimmung auf dem Konzert in Rastatt war super, aber es waren auch viele "Kreischies" dabei. Das ging Barby ganz schön auf die Nerven. "Mann, können die uns nicht einfach mal zuhören ohne dazwischen zu schreien?!", ärgerte sich Paddy in der Pause und Barby nickte.
An ihrem Geburtstag am 28. April sagte Barby beim Frühstück zu ihren Geschwistern: "Ich möchte diese Tour nicht mitmachen, ich möchte mal wieder Abstand von dem ganzen Stress haben." Paddy sah sie traurig an. Aber er wusste, dass es eines Tages dazu kommen musste. Eine Tour, die sie jetzt also nur zu sechst machen mussten, weil Johnny ja auch eine Pause machte, genauso wie Kathy. Da sagte Jimmy ganz spontan: "Barby, wenn du möchtest kannst in meinem Haus in Irland wohnen. Ich bin ja eh mit den anderen auf Tour. Was sagst du dazu?" "Das ist echt lieb von dir." Also war Barby bei der Sommertour 2000 nicht dabei.


August 2000

Barby saß am Strand in Irland und dachte daran, dass ihre Geschwister heute auf der Loreley auftraten. Die Loreley war immer was besonderes für die Geschwister gewesen und heute würden nur sechs statt neun auftreten. Barby fragte sich, wie viele Fans wohl da sein würden.

Einige Wochen später telefonierte sie mit Paddy. Sie redeten über die Tour und über Barbys Leben in Irland. "Paddy, ich muss dir noch was sagen", sagte sie leise. "Was hast du denn?", fragte Paddy. "Paddy, ich werde nie mehr mit euch Platten machen, ich werde auch nicht mehr mit euch auftreten. Ich kann einfach nicht mehr." Paddy fiel vor Schreck fast das Handy aus der Hand. Ganz leise fragte er sie, ob das ihr Ernst sei. Ja, antwortete sie ihm und sie wisse nicht, ob sie irgendwann wieder kommen würde. "Aber Barby, was soll ich denn ohne dich machen? Hast du denn schon vergessen, was unsere Mama gesagt hatte, als sie starb? Keep on singing waren ihre letzten Worte. Barby, wir haben es ihr versprochen!" "Ich weiß Paddy, aber hätte Mama denn gewollt, dass wir uns quälen mit der Musik so wie wir es in den letzten Jahren taten?" "Wahrscheinlich nicht, aber du kannst mich doch hier nicht allein lassen. Du hast mir immer zugehört, du hast mir geholfen, wenn mich der Mut verließ und... verdammt, Barby, du bist meine Lieblingsschwester!" "Du bist mein Lieblingsbruder Paddy, ich liebe dich über alles, ich war für jeden von euch da, wenn ihr Probleme hattet, ich hab mich nie über euch beschwert, aber ich muss jetzt auch mal an mich denken, verstehst du das?" Nein, Paddy verstand nicht. Wie konnte sie ihn nur mit diesen kreischenden Verrückten alleine lassen? Er versuchte mit allen möglichen Argumenten, Barby dazu zu bewegen, sich das noch mal zu überlegen, aber Barby war so stur, wie Paddy sie noch nie erlebt hatte. Ein heftiger Streit entbrannte zwischen den beiden, noch nie hatten sie sich so sehr gestritten. Zum Schluss sagte Barby leise: "Es tut mir so leid, Paddy!" Dann legte sie auf. Sie ging zum Strand und weinte, keinesfalls hatte sie mit Paddy streiten wollen. Sie setzte sich in den Sand und schlang ihre Arme um die angewinkelten Knie.
Leichenblass hörte Paddy das Tuten in der Leitung. Wie kam es nur zu diesem Streit? Das hatte er nicht gewollt, es tat ihm so schrecklich leid. Er wusste gar nicht, wer angefangen hatte, aber das war ihm jetzt auch egal.


Mai 2001

Seit ihrem Streit hatte Paddy nicht mehr richtig mit Barby geredet. Zwar hatten sich alle Geschwister zu Weihnachten auf Schloss Gymnich getroffen, aber Barby und Paddy sagten sich nur "Hallo" und das wars.
Heute würden sie in Holland ihr erstes Konzert geben. Wieder nur zu sechst. Paddys Stimmung war am Boden, er wünschte sich so sehr, dass Barby hinter ihren Congas stand, aber sie tat es nicht.
Am Nachmittag vor dem Konzert in Enschede saß Paddy allein in seiner Garderobe. Barby fehlte ihm so sehr und er wünschte sich nur eins: Dass sie zurückkam und er sich bei ihr entschuldigen konnte.
Beim Konzert sah er in der ersten Reihe drei Mädchen und eine Frau in Kathys Alter. Zwei der Mädchen hielten Schilder mit der Aufschrift "I love your music" und "Thank you 4 your wonderful music". Er fühlte sich ein bisschen besser. Und überhaupt war die Stimmung bei den Fans super, es wurde weder geschubst noch gedrängelt, wie es in Deutschland oft war. Paddy wollte gerade "I’ll swim I’ll swim" ankündigen, als plötzlich Gitarrenklänge erklangen. Er drehte sich um und konnte es kaum glauben: Barby kam aus dem Dunkel des Bühnenaufgangs hervor mit ihrer Gitarre in der Hand. Sie ging zum Leadmikro und begann, ihr Lieblingslied zu singen:

I know one thing that the truth
In her eyes make me love her
Sticks could break her
Little fine bones but words
Could never harm her

She is crazy she is crazy
You canīt hurt her
You canīt break her

I see the skies through her eyes
And the sun shines through her smile
Sticks and stones
Could break her bones
But words could never harm her

She is crazy, she is crazy
You canīt hurt her
You canīt break her
She is crazy she is crazy
You canīt hurt her
You canīt break her

The roses are crying…

I miss her more
Than words can express
Her lonely dances
Like the waterfalls

She is crazy she is crazy
You canīt hurt her
You canīt break her
She is crazy she is crazy
You canīt hurt her
You canīt break her,
You canīt break her

Paddy standen Glückstränen in den Augen. Noch nie hatte er Barby so singen hören. Als Barby sich zu ihm umdrehte, sah er, wie ihr Tränen übers Gesicht liefen. Paddy nahm sie in den Arm. "Es tut mir alles so leid, Barby. Bitte verzeih mir", sagte er leise. "Mir tutīs auch leid, Paddy. Ich werde wieder mit euch singen, versprochen. Keep on singing she said." Glücklich setzten sie das Konzert fort. Barby sang auch zwei neue Songs, die sie in Irland geschrieben hatte. Sie tanzte, als hätte sie in Irland nichts anderes getan und bei Joeys Gitarrensolo von "Key to my heart" kündigte Paddy strahlend seine Schwester Barbarina an. Lange hatte er sie nicht mehr so genannt, aber jetzt würde er sie wieder so nennen, da war er sich sicher.

Ja, Barby ist wirklich verrückt, aber ist es nicht genau das, was einen Menschen ausmacht? Paddy und Barby hielten von diesem Moment an fest zusammen, fester als jemals zuvor.


Dedicated to Barby Ann and Michael Patrick Kelly:
Keep the music and your dreams in your hearts!


Geschrieben am 27. April 2001


© Jutta (Danke schön!)


Bar Letter

Last update: 12/02/2002

(Online since: 12/02/2002)


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