Ich bin immer bei Dir

by Jutta   Jutta.Scheidecker@gmx.de

 

Es war ein trüber Regentag. Patrick hatte mal wieder die Schnauze voll. Die Plattenfirma verlangte eine neue Single und zwar schnell. Aber er wollte "Thanking blessed Mary" nicht rausbringen und einen anderen Song hatte er nicht. Vielleicht wollte Maite "So many things" rausbringen? Patrick seufzte. Kapierten die Typen von der Firma nicht, dass man einen guten Song nicht von heute auf morgen schreiben kann? Patrick war sauer und enttäuscht. Er setzte sich mit Finbarr an den kleinen See. Warum verstand ihn bloß keiner? Warum konnte er nicht so sein, wie alle anderen in seinem Alter auch? Warum konnte er nicht frei sein? Freiheit, sein Lieblingswort, von dem er so sehr träumte. Warum verstanden die Fans nicht, dass er auch mal seine Ruhe haben will? Sie verstehen nicht, dass sie ihm wehtun, wenn sie seine Freundin beschimpften. Warum? Waren sie noch nie verliebt? Sie sagen immer, sie lieben ihn, was für eine Liebe soll das denn sein?! Die hatten doch keine Ahnung von wahrer Liebe. Und keine hatte Respekt vor ihm oder seiner Musik. Patrick stiegen Tränen in die Augen. Sollte das ewig so weiter gehen? Was war mit seinen Träumen, seinen Gedanken, seinen Wünschen? Er fühlte sich plötzlich schrecklich einsam. Sicher, er hatte Barby, aber er brauchte eine Freundin, ein Mädchen, das ihn verstand, das ehrlich zu ihm war und ihm zeigte, was leben heißt. Warum war das alles nur so schwer? Patrick liefen Tränen über die Wangen. Er vermisste seine Mutter so sehr, er hatte nur einen Wusch, sie noch einmal zu sehen. Nur ein einziges Mal. "Mama", flüsterte er und sah zu dem wolkenbehangenen Himmel. "Bitte komm zurück, ich brauch dich!" Plötzlich fing eine Träne, die von seiner Wange tropfte, an zu leuchten. Patrick kniff die Augen zu.

Patrick erwachte auf einer grünen Wiese. "Ah, du bist endlich wach." Patrick hörte eine Stimme hinter sich und drehte sich um. Da entdeckte er - nein, war das möglich? - ein kleines Mädchen, das aussah wie Patricia. Das konnte doch nicht sein. Während Patrick grübelte, ob er spinnt oder nicht, sagte eine andere Stimme: "Junge. Ist alles in Ordnung mit dir?" Patrick drehte sich um und sah direkt in das Gesicht von einer jungen Frau. Es war seine Mama. Auf einmal liefen ihm Tränen über die Wangen. Seine Mama, die er so vermisste, stand neben ihm. Aber wenn er ihr sagen würde, dass er eins ihrer Kinder war, würde sie ihn für verrückt erklären. "Warum weinst du", fragte Barbara ihn mit sanfter Stimme. Patrick wischte sich die Tränen ab. "Es geht schon wieder." "Du siehst hungrig aus. Komm mit uns nach Hause und iss mit uns. Patricia, sag dem Papa, dass wir einen Gast haben." Das kleine Mädchen rannte voraus. Patrick merkte, dass er hier in Spanien war. "Wie heißt du denn?", fragte Barbara ihn. "Ähm..." Sollte er ihr seinen richtigen Namen sagen? Er entschied sich für die Kurzform seines ersten Vornamen Michael. "Ich heiße Mikey." O Mann, wie konnte er nur seine geliebte Mama belügen? Er hatte jetzt schon ein schlechtes Gewissen. Die beiden gingen auf ein Haus zu, das aus Steinen gebaut war. "Komm rein", sagte Barbara freundlich. Drinnen rannten viele Kinder umher. Nur die Größeren halfen ihrem Vater beim Kochen und Tisch decken. Patrick sah ein kleines Mädchen, etwas 4 oder 5 Jahre alt, in einer Ecke tanzen. Patrick lächelte, es war Barby. "Mikey?" "Mikey, darf ich dir meinen Mann Daniel vorstellen?" Echt ein komisches Gefühl, seine eigene Familie kennen zu lernen, dachte Patrick, als er seinem Vater die Hand gab. "Ich heiße übrigens Barbara Ann", sagte die junge Frau. "Das sind unsere Kinder Danny, Paul, Caroline, Kathleen, John, Patricia, James, Joey, Barby, Patrick und Maite schläft noch. Kinder, das ist Mikey. Er ist heute Abend unser Gast." Ein herzliches "Hallo" schallte Patrick entgegen. Der kleine Paddy zog seine Mama am Rock und quengelte: "Ich hab Hunger, Mama!" "Ja, gleich, mein Schatz." Patrick half beim Tisch decken. "Danke, dass du uns hilfst", sagte Kathleen. "Kein Problem."
Als alle am Tisch saßen, sprach Dan ein Dankgebet. Dann aßen sie alle. Als Patrick den ersten Löffel in den Mund schob, merkte er, dass es sein Lieblingsessen von früher war. Seit seine Mutter gestorben war, hatte er das nicht mehr gehabt. Er aß genüsslich den ganzen Teller leer. "Mikey, wie alt bist du?", wollte Jimmy wissen. "Ich bin 23." "Hast du keine Familie? Wo sind die denn alle?" Der kleine Paddy sah ihn abwartend an. "Die sind zu Hause." "Woher kommst du", bohrte Paddy weiter. "Also, geboren bin ich in Dublin, aber ich wohne in Köln mit ein paar von meinen Geschwistern." "Ich bin auch in Dublin geboren!", rief Paddy. "Wirklich? So ein Zufall", meinte Patrick, als wüsste er von nichts. "Warum bist du nicht daheim?", fragte Barby. "Ja, weißt du...ich hab ein bisschen Stress zu Hause und bin für einige Wochen weggefahren und hier gelandet. Aber morgen geht's weiter." "Wohin willst du denn?", fragte John. "Ich weiß nicht...das wird sich zeigen." "Bleib doch noch ein paar Tage. Wir würden uns sehr freuen", schlug Barbara spontan vor. Sie spürte eine starke Verbindung zu diesem Jungen, obwohl sie ihn gar nicht kannte. "Wenn ich darf", sagte Patrick. Dan nickte. "Danke."
Später saßen alle zusammen. Die älteren Geschwister spielten Instrumente und sangen. Patrick grinste. Wie niedlich und witzig sie damals klangen. "Ähm...darf ich mal die Gitarre haben?", fragte er. "Klar, hier." Johnny gab ihm die Gitarre. Alle sahen Patrick gespannt an. Er fing an, "An Angel" zu spielen. Die anderen hörten gespannt zu, wie er das Lied mit aller Hingabe sang. "I wish I were you, oh I wish I were you." Als er fertig war, sagte Barbara: "Das ist ein wunderschönes Lied. Hast du das geschrieben?" Patrick nickte. Die Kinder bestürmten ihn mit Fragen. "Kannst du noch eins singen?" "Kannst du noch andere Instrumente spielen?" usw. Also spielte Patrick noch "Alien" "Why donīt you go" "Looking for Love" "I canīt help myself" und auch "Calling heaven", was ihm nicht leicht fiel. "Wahnsinn", staunte Joey. "Wer hat dir das alles beigebracht?" "Meine Eltern und Lehrer." Alle redeten noch lange, bis Dan sagte: "So Kinder, ab ins Bett! Morgen müssen wir früh raus!" Patrick durfte in Johns Bett liegen, aber er konnte nicht schlafen. Als er Barbara auf der Wiese sah, wäre er ihr am liebsten um den Hals gefallen und geweint, bis alles raus war. Er schlich nach unten. Er nahm die Gitarre und fing an "Mama" zu spielen. Plötzlich liefen ihm Tränen über die Wangen, er wusste selbst nicht, warum. Auch Barbara lag noch wach. Wer war dieser Junge bloß? Und warum spürte sie, dass sie ihn sehr gut kannte? Plötzlich hörte sie ganz leise eine Gitarre. Sie stand auf und ging nach unten. In der Wohnzimmertür blieb sie stehen. Sie sah Patrick, der mit geschlossenen Augen diesen schmerzvollen Song sang. Erst jetzt fiel ihr auf, wie viel Ähnlichkeit er mit ihrem kleinen Paddy hatte. Das Lied ging ihr sehr zu Herzen, als wäre es für sie geschrieben worden. Aber das war doch unmöglich. Mikey war keins ihrer Kinder und schließlich schon 23. Aber in Dublin geboren und die Musik brachten die Eltern ihm bei...Ach was, das war unmöglich! Barbara Ann verwarf den Gedanken sofort. Sie ging wieder nach oben, um Patrick nicht zu stören.
Am nächsten Morgen gings auf die Straße. "Mikey, es würde uns freuen, wenn du uns begleitest und mitspielst", sagte Dan. "Gerne." Mit dem Doppeldeckerbus fuhren sie in die Stadt. Auf dem Marktplatz bauten sie ihre Instrumente auf und begannen zu singen. Patrick lächelte. Die vielen alten Lieder waren wirklich in Vergessenheit geraten. Es machte ihm Spaß, mit seinen Geschwistern zu singen, es war ein vertrautes und geborgenes Gefühl. Und vor allem: Seine Mama war dabei. Sie spielten den ganzen Tag, ehe sie sich gegen 17 Uhr auf den Heimweg machten.
Spät am Abend, als Dan die Kinder ins Bett schickte, hielt Barbara Patrick zurück. "Mikey, kann ich mal mit dir reden?" Patrick nickte. Die beiden setzten sich ins Wohnzimmer. "Ich muss auch mit dir reden", sagte Patrick. "Ich heiße nicht Mikey. Mein Name ist Michael Patrick Kelly. Mama...erkennst du mich nicht?" Barbara traute ihren Ohren kaum. Wie war das denn möglich? "Mikey, mein Paddy liegt oben und schläft." "Mama, ich weiß auch nicht, wie ich hierher gekommen bin, aber ich bins wirklich", sagte Patrick den Tränen nahe. Er ging auf Barbara zu. "Mama. Ich weiß nur, dass ich am See gesessen bin und geweint habe. Bitte glaub mir, du bist meine Mama!" Patrick sah seine Mum verzweifelt an. Barbara erinnerte sich an das Lied, dass er letzte Nacht gesungen hatte. Der Schmerz in seiner Stimme, diese Sehnsucht...und je länger sie in Patricks verzweifelte Augen sah, desto sicherer wurde sie, dass er recht hatte. "Ach Patrick...", sagte sie sanft. "Mama." Patrick fiel ihr weinend in die Arme. "Ich hab dich so vermisst, Mama!" Patrick ließ seinen Gefühlen freien Lauf. Er weinte, bis er nicht mehr konnte. "Ist schon gut, Patrick, lass es raus!" Lange lagen sich die beiden in den Armen. "Barby wird auf unseren Konzerten tanzen und Johnny wird ein Lied singen, das uns berühmt machen wird. Papa wird uns die besten Lehrer geben. Joey und Jimmy bleiben die Strolche in der Familie und Patricia wird ein Lied über unseren Uropa singen. Kathy wird dir später sehr zu Hand gehen, um auf die Kleinen aufzupassen." "Du bist es wirklich Patrick!" "Da wo ich her komme, war es gerade Dezember im Jahr 2000." "So weit schon?" "Ja. Patricia wird Denis heiraten, Kathy hat einen Sohn namens Sean, John wird sich in Maite verlieben und Joey hat mit seiner Freundin Tanja einen Sohn namens Luke." "Das klingt schön Patrick. Was ist mit dir und deinem Vater?" "Papa wird uns immer helfen. Wir werden immer fest zusammen halten. Und ich...ich werde weiterhin Lieder schreiben und Musik machen, wie die anderen auch! Wir werden großen Erfolg mit unserer Musik haben. Aber der hat leider auch seine Schattenseiten." "Das Leben ist kein Zuckerschlecken, Patrick. Aber glaube mir, es gibt immer schöne Stunden im Leben. Genieße jede Minute und streite dich nicht mit den anderen. Du weißt, dass ich immer da bin, auch wenn du mich nicht sehen kannst." Patrick erschrak. Wusste seine Mutter etwa, dass sie sterben würde? "Wie meinst du das?" "Einmal ist für jeden die Zeit gekommen, mein kleiner Patrick." Barbara Ann machte eine Pause. "Spielst du mir bitte das Lied vor, das du letzte Nacht gesungen hast?" "Mama, ich...Also gut." Patrick nahm die Gitarre und sammelte sich noch mal. Dann schloss er die Augen und fing an zu spielen. Es fiel ihm verdammt schwer, vor seiner Mutter diesen Song zu singen, aber er stand es durch und als er fertig war, sagte sie leise: "Danke!", während er mit den Tränen kämpfte. "Soll ich dir noch mein letztes Lied vorspielen", fragte er, um sich abzulenken. Barbara nickte. "Es heißt `Thanking blessed Mary`." Er zupfte die ersten Töne und begann zu singen: "Such a beautiful sight..." Als er geendet hatte, sagte seine Mum: "Ein wunderschönes Lied, Patrick." Sie spürte, dass er den Tränen nahe war und nahm ihn in die Arme. Patrick ließ seinen Gefühlen freien Lauf, ihm war, als würden die Tränen alle Traurigkeit der letzten Jahre aus seiner Seele spülen. Barbara Ann streichelte seine Haare und den Rücken. "Solange du die Musik in deinem Herzen hast, ist alles gut. Ich bin immer bei dir, vergiss das nie, mein kleiner Patrick!" "Ganz bestimmt nicht", schluchzte er leise. "Ich hab dich lieb, Mama!" "Ich dich auch, kleiner Patrick!"

Patrick erwachte. Wo war er? Wo war seine Mum? Er sah sich um. Er befand sich am See, Finbarr lag ruhig neben ihm. Hatte er nur geträumt? Sein Blick schweifte über den See. "Ich bin immer bei dir, vergiss das nie, mein kleiner Patrick!", hörte er die Stimme seiner Mutter. Ein Strahlen zog über sein Gesicht. "Ja, Mama, du bist immer bei mir." Er war froh, dass er diesen Traum gehabt hatte. Von da an genoss er jeden Tag, auch wenn es nicht immer ganz einfach war. Seitdem war er viel fröhlicher.


Jutta Scheidecker 23. - 26.12.2000


© Jutta (Zum träumen!)


Bar Letter

Last update: 14/03/2001

(Online since: 14/03/2001)


Zurück zur Storypage

Back to the Storypage