Be yourself

by Jutta   Jutta.Scheidecker@gmx.de

 

Paddy ging es sehr schlecht. Er ertrug die vielen kreischenden Mädchen, die sich Fans nannten, nicht mehr. Er traute sich kaum noch aus dem Schloss und ging nur mit drei oder mehr Bodyguards nach Köln. Aber durch die fühlte er sich isoliert und gefangen. Er wusste, er musste ausbrechen, sonst würde er eingehen.

Eines Nachts, es war nach Mitternacht, Barby, Jimmy und Dan schliefen schon, schlich Paddy sich aus dem Schloss. Er verließ das Grundstück über ein Hintertor und haute nach Köln ab. Es war Freitag, die jungen Leute waren noch auf den Straßen, Disco war angesagt. Als er durch die Straßen lief, wurde er plötzlich von fünf Mädchen umringt. Sie kreischten, machten ihre Fotos, zogen ihn an den Haaren. Eine kniff ihm hart in den Hintern, da rannte er davon, Tränen strömten über seine blassen Wangen. Schließlich lehnte er sich erschöpft an eine Hauswand. Über ihm leuchtete ein Schild, in dem Haus befand sich eine Bar.
Paddy ging hinein und setzte sich an die Theke. Sein Blick fiel auf die Alkoholflaschen in den Regalen. Er bestellte sich einen doppelten Wodka. Als er das Glas in der Hand hielt, stürzte er das Getränk hinunter. Es war scheußlich, aber nach einer Weile fand Paddy Geschmack daran und bestellte sich noch einen. Nach dem dritten Glas dröhnte sein Kopf ein bisschen, aber das machte ihm nichts aus. Als er das vierte Glas geleert hatte, wurde ihm ein bisschen schwindlig und das Dröhnen in seinem Kopf verstärkte sich.
Plötzlich kamen einige Mädchen in die Bar, aber Paddy hatte keine Angst, er war zu benebelt, um genau zu wissen, wen er da vor sich hatte, dass es die waren, die ihm vorhin fertiggemacht hatten. Er redete locker mit ihnen, scherzte und lachte. Den Mädchen schien sein Verhalten zu gefallen, sie schienen nicht zu bemerken, dass Paddy einen in der Krone hatte. Nur eine schien zu bemerken, dass Paddy gar nicht recht wusste, was er tat. "Was hältst du davon, wenn ich dir zeige, worauf Girls stehen", säuselte sie ihm verführerisch und unauffällig ins Ohr. Paddy war so angeheitert, dass er ohne Einwand nickte. Er nahm sie mit ins Maritim Hotel, das nur fünf Gehminuten entfernt war, wo er sich von ihr verführen ließ.

Seitdem ging er ein bis dreimal pro Woche in irgendwelche Bars oder Kneipen. Er wusste, dass sie kommen würden, um von ihm mitgenommen zu werden. Er trank seine Wodkas oder Whiskys und nahm dann immer die Hübscheste mit. Das ging ein paar Wochen so, bis ihm ein Mädchen auffiel, das er bisher noch nie bei den anderen gesehen hatte. Sie hielt sich im Hintergrund, redete auch kein Wort. Nach einer Woche wurde er neugierig und er nahm sie mit. Sie hatte große braune Augen, die eigentlich nicht begierig, sondern eher ängstlich schauten, als er sagte, sie solle mitkommen. Schüchtern ging sie mit, sie stellte ihm keine Fragen, wie die anderen es oft taten und das machte Paddy stutzig.
Im Hotelzimmer hatte Paddy den Eindruck, dass sie etwas sagen wollte, aber sich anscheinend nicht traute. "Was willst du denn wissen", fragte er und plötzlich blitzten ihre Augen. "Warum tust du das, Paddy?" "Was?" "Dich betrinken und die Mädchen mitnehmen", antwortete sie schüchtern. Ihre Frage erstaunte ihn. Das wusste er eigentlich auch nicht, warum er das tat. Vielleicht, weil er sich wünschte, es könnte so werden wie früher oder dass er so sein könnte wie andere in seinem Alter.
Die beiden setzten sich aufs Bett und Paddy erzählte ihr alles: Von dem Ruhm, mit dem er nicht klar kam, die vielen Fans, seine Angst um das Band, das ihn und seine Geschwister verband und langsam zu zerreißen drohte, von dem Tod seiner Mutter... Er war froh, dass ihm jemand zuhörte, auch wenn er das Mädchen nicht kannte. Lange hörte sie ihm zu und schließlich sagte sie: "Warum bist du nicht, wer du bist?" Paddy verstand nicht. "Du versteckst dich hinter einer Fassade, hinter dem ewig lächelnden Paddy, auch wenn dir nicht danach zu Mute ist. Und das macht dich kaputt, das ist dein Problem, das du lösen musst. Sei einfach du selbst, mit all deinen Gefühlen, weine oder lache, wenn dir danach ist. Du brauchst dich nicht zu verstecken. Die Fans, die dich wirklich mögen, werden dich verstehen, sie machen sich sowieso alle Sorgen um dich und fragen sich, warum du nicht endlich ausbrichst und du selbst bist." Paddy überlegte. "Ist das denn wirklich so einfach", fragte er misstrauisch. "Wenn du nicht den Mut hast, du selbst zu sein, kannst du's gleich vergessen. Paddy, es ist doch nichts schlimmes, einfach nur du zu sein. Du kannst zum Beispiel, wenn du das nächste Mal in eine Bar gehst, gleich sagen, dass es reicht, dass du keinen Bock mehr hast." Sie sah im fest in die Augen.
Paddy merkte, dass sie recht hatte. Er musste sich nicht verstellen, er konnte er selbst sein, er brauchte nur den Mut dazu und den hatte sie ihm in dem fast zwei Stunden- Gespräch gegeben. "Danke", sagte er schließlich. "Schon gut."

Eine Woche später ging Paddy durch Köln. Hinter ihm rannten mal wieder 20 Fans her. Als Paddy in den Kölner Dom gehen wollte, um der Heiligen Maria zu danken, dass dieses Mädchen ihm die Augen öffnete, bat er die Fans, ihn alleine zu lassen. Einige verstanden das und warteten draußen. Aber der andere Teil musste natürlich hinterher. Aber Paddy ignorierte sie und zündete für seine Mama eine Kerze an. Er betete lange und als er fertig war, rief eins der Mädchen: "Das du an diesen ganzen Bibel und Gottesquatsch glaubst, wundert mich immer noch. Glaubst du etwa, da oben ist jemand, der verhindert, dass wir mit den Fotos weitermachen?"
Langsam ging er auf sie zu und nahm ihr mit einer schnellen Bewegung den Foto aus der Hand und wickelte den Film auf. "Nein", sagte er währenddessen, "er verhindert das nicht. Aber er gibt mir den Mut, das hier zu tun." Mit diesen Worten gab er ihr Foto und Film zurück. Dann ging er den Kreuzweg entlang zum Ausgang, während die Mädchen fassungslos zurückblieben.
Am selben Abend ging er wieder in eine Bar und bestellte sich eine Cola. Als die Mädchen kamen, sah er auch das Mädchen, das ihm Mut zugesprochen hatte. Sie nickte ihm zu. Als die erste ihn mit einem eindeutigen Anmachspruch locken wollte, sagte er: "Vergiss es! Ich hab es echt nicht nötig, mich mit kleinen Mädchen rumzuärgern!" Als sie das hörte, fing sie an zu schreien: "Was fällt dir überhaupt ein?! Obwohl... du warst eh 'ne Niete im Bett!"
Das war zuviel. Paddy drehte sich um und seine Hand klatschte auf ihre Wange. Sie kreischte noch hysterischer, sie würde ihn verklagen. "Weißt du was? Das ist mir scheißegal! Und jetzt verschwinde! Und ihr anderen am besten auch!" Als die Mädchen weg waren, setzte sich das Mädchen von damals zu ihm. "Siehste, war doch nicht schwer, oder? Bin sehr stolz auf dich!" "Danke noch mal für alles! Kommst du mit Eisessen?" "Gern."
Während sie beide ihr Eis löffelten, fragte Paddy: "Wie heißt du eigentlich?" "Dana." "Nochmal danke für alles, Dana! Ich weiß gar nicht, wie ich das wieder gutmachen soll." "Das ist doch selbstverständlich!" "Find ich nicht. Es gibt nicht mehr viele, die einfach zuhören können." Sie sah ihm verlegen in die Augen. Später brachte Paddy sie nach Hause. Er fuhr sie in den kleinen Kölner Vorort. Sie stiegen aus. "Danke für diesen schönen Abend, Paddy." "Wenn hier jemand zu danken hat, dann bin ich das. Nochmal tausend Dank!" Er sah ihr lange in die Augen. Dann näherte er sich ihr und küsste sie zärtlich. Dana erwiderte den Kuss. "Ich glaub, ich hab mich in dich verliebt, Dana", gestand er ihr. "Ich liebe dich auch, Paddy!"

Von diesem Tag an wusste Paddy, dass er stark war, er konnte sich wehren und sein neues Lebensmotto hieß schlicht und ergreifend: Be yourself!


Für Paddy: Sei einfach wie du wirklich bist!

13.04.01


© Jutta (Toll!)


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Last update: 14/03/2001

(Online since: 14/03/2001)


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