"Also, hier haben wir eine etwa 22Jährige Frau, sie ist heute Nacht nach einem schweren Unfall eingeliefert worden. Diagnose nach der Eingangsuntersuchung: schweres Schädel-Hirn-Trauma, Verletzung des rechten Lungenflügels, Milzriss, Verletzungen an der Wirbelsäule und mehrere Frakturen der Extremitäten. Erste OP kurz nach der Einlieferung, ein weiterer OP-Termin ist für morgen Nachmittag angesetzt, aber wenn ich ehrlich sein soll lieber Kollege, viel Hoffnung habe ich nicht." Nachdenklich blättert der junge Arzt in den Unterlagen und stutzt dann. "Haben wir keine Angaben zu ihrer Identität?" Nein, leider noch nicht. Sie ist in einen schweren Autounfall verwickelt worden, drei andere Insassen sind noch an der Unfallstelle verstorben, die Fahrerin steht immer noch unter Schock und es wurden keine Papiere bei ihr gefunden. Die Polizei hat jetzt die Ermittlungen aufgenommen." Ein weiteres Nicken und dann geht die Visite weiter.
Eine Schwester kommt in den Raum der Intensivstation und blickt einen Moment schweigend auf die junge Frau. Trotz der vielen Blessuren und des dicken Verbandes ist ein Gesicht erkennbar, das sehr hübsch sein muss. Vorsichtig wischt sie ihr mit einem feuchten Lappen über das Gesicht und beginnt dann die Infusionen und Zugänge zu überprüfen. "Du bist schon ein armes Würmchen.", murmelt sie und streicht ihr beruhigend über die Hand.
Irgendwann fühlt sie sich beobachtet und dreht sich zur Fensterscheibe. Dort sieht sie einen jungen Mann stehen, der sie schon eine zeitlang zu beobachten scheint. "Hey Kleine, ich glaube, du hast Besuch.", sagt sie und winkt den Mann hinein. "Guten Tag, ich bin Schwester Clara. Gehören sie zu der Patientin." Stumm schüttelt der Mann den Kopf und schaut immer noch auf die junge Frau, die reglos im Bett liegt. "Ich... Ich war mit in den Unfall verwickelt.", murmelt er irgendwann leise. "Oh! Da haben sie aber Glück gehabt. Haben sie mit im Auto gesessen?" "Nein, mein Auto wurde von ihr und ihren Freundinnen von der Strasse gedrängt. Ich habe noch einmal Glück gehabt, aber das andere Auto ist auch von der Strasse abgekommen und hat sich mehrmals überschlagen...", hier stockt er und schluckt.
"Könnte ich bitte einen Moment mit ihr alleine sein?" Zögernd blickt die Schwester nach draußen, wenn jemand mitbekommt, dass sie die Patientin mit einem Fremden alleine lässt, kommt sie in Teufels Küche. Sie schaut in die flehenden Augen, seufzt einmal und geht dann. "Zehn Minuten, dann bin ich wieder hier." Langsam geht er zu ihrem Bett und schaut auf die den leblosen Körper. Unschuldig sieht sie aus, wie sie so daliegt und er kann kaum glauben, dass so jemand skrupellos das Leben anderer aufs Spiel gesetzt hat, nur um ein paar Fotos zu bekommen. Wenn er nicht so schnell reagiert hätte, würde er auch hier liegen.
Ein Gefühl der Abscheu macht sich in ihm breit, wieso können ihn die Fans nicht einfach in Ruhe lassen, wieso? Er gibt ihnen doch schon soviel! Er lässt Fotos mit sich machen, gibt Autogramme, hat sein Privatleben fast gänzlich aufgegeben und trotzdem scheinen sie immer noch nicht zufrieden zu sein. Sie wollen mehr, immer mehr! Gibt man ihnen den kleinen Finger wollen sie die ganze Hand und geben nicht auf, bis sie sie wirklich haben. "Warum hast du mir das angetan?"
Flackernd öffnen sich die Augen der jungen Frau, verwirrt blickt sie auf den jungen Mann und flüstert: "Patrick!" Als er seinen Namen aus ihrem Mund hört, verhärtet sich sein Gesicht und alle Weichheit scheint zu verfliegen. "Patrick, verzeih mir was passiert ist!" Das Flüstern ist kaum hörbar und als sie nach seiner Hand tastet zieht er sie schnell weg. "Wieso sollte ich dir verzeihen? Wieso?" "Damit ich in Frieden sterben kann! Bitte! Ich habe das nicht gewollt! Ich..." Hier fällt sie zurück in die tiefe Dunkelheit und lässt einen nachdenklichen Patrick zurück.
"Paddy, ich muss mit dir sprechen!" Schnell dreht er sich um und sieht eine weitere junge Frau, die kalkweiß im Türrahmen steht und zittert. Sie kommt ihm bekannt vor, er muss sie schon einmal gesehen haben. "Paddy, lass mich das alles erklären!" Bei der erneuten Erwähnung seines Namens fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Sie ist Diejenige, die gestern nach dem Konzert an ihm gehangen hat, die ihn bedrängt hat und sie war die Fahrerin des Autos. "Wag es nie wieder mich anzusprechen! Ist das klar! Geh weg von mir und trete mir nie wieder unter die Augen!" Tränen treten in ihre Augen und sie beginnt zu schluchzen. "Mach mit mir was du willst, du hast allen Grund mich zu hassen, aber sei nicht sauer auf Mirjam! Sie konnte nichts dafür, sie wusste nicht, was wir vorhatten. Wir hatten ihr versprochen, sie nach dem Konzert zum Bahnhof zu fahren und dann, dann haben wir dich wegfahren sehen und sind hinterher. Mirjam hat gezetert und geschrieen, sie wollte raus aus dem Auto, aber wir haben sie nicht gelassen, wir wollten dich nicht verlieren."
Laut schluchzend schlägt sie die Hände vors Gesicht und sinkt zu Boden. Kalt blickt Patrick auf die Gestalt am Boden und fragt: "Du meinst, ihr habt sie gezwungen mit im Auto zubleiben?" Ein schwaches Nicken. Verstört blickt Patrick auf sie und kann nicht fassen, was er da eben gehört hat. Jetzt wird nicht nur sein Leben aufs Spiel gesetzt, sondern auch das Unschuldiger. "Paddy wirst du... Wirst du mich anzeigen?" Jetzt ist es endgültig um seine Fassung geschehen und er wird laut: "Wie skrupellos bist du eigentlich? Du hast drei Menschenleben auf dem Gewissen und wenn nicht ein Wunder geschieht wird in Kürze ein viertes dazu kommen und alles was dir wichtig ist, ist ob ich dich anzeige? Du widerst mich an! Aber weißt du was? Ich werde dich nicht anzeigen, das was du getan hast kann kein Gericht der Welt wieder gut machen und die Gewissheit über das, was du getan hast wird Strafe genug sein! Ich wünsche mir, dass du nie wieder glücklich in deinem Leben wirst und nun geh mir aus den Augen!"
Schluchzend verlässt sie die Intensivstation und Patrick lässt sich seufzend auf den nächstbesten Stuhl fallen. Was ist nur los in dieser scheiß Welt? Schwester Clara kommt um die Ecke und stutzt, als sie den jungen Mann weinend auf dem Stuhl sitzen sieht. "Alles in Ordnung?", fragt sie und setzt sich neben ihn. Er schüttelt den Kopf und meint leise: "Sie heißt Mirjam. Ihre Bekannte war eben hier." Schwester Clara wird hellhörig und fragt nach. "Wissen sie auch ihren Nachnamen oder wo sie wohnt?" Er schüttelt den Kopf, leider weiß er auch nicht mehr. "Haben sie sonst noch was erfahren?" "Nichts was für die Polizei wichtig sein könnte. Aber könnten sie mir bitte eine Frage beantworten, wie stehen ihre Chancen?"
Schwester Claras Blick wird traurig und einen Augenblick ringt sie mit sich. Eigentlich dürfte sie ihm nichts über den Zustand der Patientin erzählen, aber er sieht so traurig aus, dass sie nicht anders kann. "Nun gut, ich werde ihnen erzählen was los ist, wenn sie mir versprechen, es niemandem zu verraten. Ihre Verletzungen sind sehr gravierend und selbst wenn sie die nächste Nacht und die nächste OP übersteht wird sie nie wieder ganz gesund werden. Die Wirbelsäule ist so schwer verletzt, dass sie von der Hüfte abwärts gelähmt sein wird, der rechte Lungenflügel ist irreparabel geschädigt und durch die schweren Hirnverletzungen werden wahrscheinlich schwerwiegende Hirnschäden zurückbleiben. Was sonst noch an Spätschäden auftreten wird kann keiner genau sagen. Aber ganz ehrlich, wenn sie die nächste Nacht überstehen sollte ist das ein echtes Wunder. Viel Hoffnung gibt es nicht."
Stumm nickt er und fragt leise: "Darf ich bei ihr bleiben? Sie hat doch sonst niemanden und wenn sie... Wenn sie heute Nacht stirbt soll sie nicht alleine sein." Schwester Clara nickt und Patrick setzt sich wieder neben das Bett. Mitten in der Nacht schreckt er durch ein Geräusch auf und bemerkt, dass Mirjam die Augen aufgeschlagen hat. Verzweifelt blickt sie ihn an und öffnet den Mund um etwas zu sagen, doch er legt seinen Finger auf ihren Mund und flüstert leise: "Mirjam, du hast gefragt ob ich dir verzeihe, aber es gibt nichts zu verzeihen. Du hast nichts Falsches getan und wenn du gehen musst, dann geh. Verzeih mir, dass ich vorhin so grob war, ich hatte ja keine Ahnung was passiert ist. Und verzeih mir, dass du wegen mir so leiden musst."
Sacht nickt Mirjam und als sie dieses Mal nach Patricks Hand greifen will, hält er diese ganz fest. "Warum ist die Welt nur so ungerecht?" Mirjam zuckt mit den Schultern. "Hast du Angst?" Sie schüttelt vorsichtig den Kopf und flüstert: "Der Tod ist ein Ausruhen von Not und Elend, er ist nicht schlimm. Ich vertraue einfach, dass es besser wird." Patrick schweigt und schaut auf den Monitor, der Herzschlag, der vor einigen Minuten noch regelmäßig war, wird immer schwächer, bis irgendwann nur noch eine durchgezogene Linie zu sehen ist. Sofort sind Schwestern und Ärzte um das Bett herum und Patrick wird nach draußen geschoben. Trotz allem lächelt er, Mirjam hat Recht, der Tod ist Ausruhen von Not und Elend und sie hat es verdient.