Anna war erschöpft. Sie sehnte sich so sehr nach dem Ende dieses Jahres, dass sie kaum andere Gedanken fassen konnte, so viel ist passiert, nicht alles negativ, doch es war ein arbeitsreiches Jahr. Sie konnte kaum fassen, dass sie bald mit Irina auf ihr letztes Kelly-Konzert in diesem Jahr gehen würde, wusste nicht, ob sie sich freuen sollte oder nicht....
Die Zeit verging, und der Konzerttag war da. Langsam, sehr langsam stand Anna auf, machte sich frisch, frühstückte, setzte sich wieder auf ihr Sofa, versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Heute würde sie die Kellys zum letzten Male in diesem Jahr sehen, der Abschied von diesem Jahr begann.
Irina holte sie, wie immer pünktlich, ab und sie fuhren zu der kleinen Halle, weit war diese nicht entfernt. Da waren sie wieder, die bekannten Gesichter der Fans, die üblichen Foto-Geschäfte, das übliche frohe Plaudern und Warten auf die Kellys, Eiseskälte umhüllte Anna, ein schneidender Wind, der kühlen Regen brachte, zerrte an ihrem Haar, an ihren Händen. Und dann die Frage von Irina: "Anna, wollen wir mal zum Backstageeingang schauen?" ... Warum nicht, Anna hatte das noch nie getan und wollte einmal wissen, wie das so war. Die beiden Mädchen gingen, mit noch einem Mädchen, das ihnen schüchtern folgte, sie hatte noch niemals einen Kelly getroffen, nicht einmal auf Autogrammstunden, zum Backstagebereich. Eine Absperrung und eine Plane trennten diese Welt von der ihren, und dann kam der Bus, langsam fuhr er durch den kleinen Eingang, der freigemacht wurde, er passte geradeso hindurch, die Kellys stiegen aus. Patricia, die alles andere als munter aussah, verschwand sehr schnell, Joey gab routiniert und im Eiltempo Autogramme, verschwand ebenfalls, so schnell er konnte. Dann riefen einige Mädchen sehr brüsk und fordernd nach Jimmy, der auch anhielt. Anna mochte das alles nicht, diese aufgeheizte Stimmung, dieses Fordern, diese Unsicherheit der herauskommenden Kellys. So ging es auch Irina. Die zwei Freundinnen hatten einige Kellys auf Autogrammstunden getroffen, hatten sich über ihre schönen Erlebnisse gefreut. Natürlich wussten sie, dass die Kellys dort zu ihnen höflich sein mussten, doch zumindest drängten sie sich nicht auf. Jimmy indes ging von einem Fan zum nächsten, machte Fotos, gab Autogramme, ohne ein Wort. Er schwieg, nicht einmal höflicher Smalltalk drang von seinen Lippen, er schaute mit leerem Blick umher und schwieg. Anna war nun an der Reihe, trat schüchtern auf ihn zu: "Hallo, Jimmy" sagte sie und hielt ihm die Hand hin... und er schwieg. "Ich.. ich wollte nichts von dir, dir nur einmal guten tag wünschen" sagte Anna, er reichte ihr zwei Finger, schaute sie nicht an... und er schwieg... Da war der Punkt, an dem sie zusammenbrach... Sie konnte nicht mehr... Das Jahr hatte sehr viel Arbeit gebracht, auch sehr viel Streit, sehr viele Lügen einer ehemals guten Freundin, die ihr Geldnot vorgespielt und Annas Geld, das sie ihr geliehen hatte, eigentlich ihrem freund, der mittlerweile damit verschwunden ist, gegeben hat, Freundschaften hatten sich neu sortiert, ihr Großvater war verstorben, ihr neues Pferd war gekommen und es hatte eine gehörige Einstellungsphase mit allen Kämpfen mitgebracht, Anna konnte nicht mehr.... "Ich ertrage es nicht mehr, ich muss hier weg" wisperte sie noch, bevor ihr Gesicht von Tränen benetzt war, und sie fortrannte. Sie überlegte nicht mehr, ihr Kopf war leer, immer neue Tränen entrannen ihren Augen, sie rannte, um nicht mehr denken zumüssen, um alles in die Straße zu schütten und zu stampfen, sie rannte, um diesen Mann, dem sie nichts getan hatte und der so traurig und leer blickte, nicht mehr sehen zu müssen, der genauso erschöpft war wie sie, dann blieb sie stehen.... Sank auf ein kleines Mäuerchen nieder. Sie weinte. Sie schrie nicht, denn ihre Wut und all ihre gefühle, ihre Gedanken waren im Straßenteer, und sie war zu erschöpft, um zu schreien, sie weinte nur... Leise, fast unhörbar, schluchzte sie, die Tränen rannen ihr auf die Hände. Sie sah nicht, wie ein kleinr Junge an ihr vorüberging, hastigen Schrittes auf dem Weg zum Spielen, und sie sah nicht, wie das Licht allmählich verlosch und es langsam dämmerig wurde. Sie saß auf ihrem Mäuerchen und weinte.
Sie wusste nicht, wie lange sie dort gesessen hatte, als sie die Rufe hörte: "Anna!! Anna!!! Um Gottes Willen, bo bist du? Anna!!!" "Irina!!! Hier, hier!" rief Anna nun, sie fürchtete sich, es war fast dunkel und sie wollte nicht allein sein.. nicht jetzt, wo es so dunkel war. "Oh Gott Anna... Was machst du denn... Ich habe mir Sorgen gemacht.. Ich kenne dich ja, und ich weiß, wie deine Gefühlsausbrüche sein können... Aber jetzt hast du mich erschreckt." Sagte Irina halb zwinkernd, halb mütterlich besorgt. "Es tut mir so leid, Irina... Ich wollte dich nicht erschrecken... Ich.. habe nur auf einmal so viel Angst vor Jimmy bekommen, ich meine, er, blickt so leer, wie ich mich fühle und..." "Er hat auch zu mir keinen Ton gesagt, kein einziges Wort. Ich glaube, er hatte einfach keine Lust, kam da aber nicht raus, weil die Fans ihn ja gerufen haben. Komm mit jetzt. Noch dauert es eine halbe Stunde, bis das Konzert beginnt, und du willst doch auch ins Warme, oder?" "Ja" sagte Anna tonlos und folgte Irina.
Nach einem schnellen Fußmarsch erreichten sie die Halle, kamen eine Viertelstunde vor Konzertbeginn an. Patrick war noch bei den fans und gab Autogramme. Sie wussten nicht, warum er jetzt noch hier war und keinen Soundcheck machte, oder hatte er ihn schon gemacht und war noch einmal herausgekommen, weil die Stimmung recht ruhig geworden war? Warum auch immer, er war da. Erst stellte Anna sich hinter Irina, sie konnte das alles nicht ertragen, diese heiteren Leute, die lebten, als gäbe es keine Sorgen, Hauptsache, sie bekamen 1000 Autogramme, diese leeren gespräche, die sie führten, doch trat sie vor, um einmal vor Patrick zu stehen, wo er nun schon einmal da war. Er sah sie an, lächelte und fragte: "Na, alles klar?" "Nein, mir geht es nicht gut." Sagte Anna. Auch er sagte keinen Ton, doch er warf ihr einen Blick zu, einen Blick, der so viel Kraft in sich barg, dass sie meinte, einen Stern im Dunkel zu erkennen. So ähnlich hatte er sie schon einmal angesehen, das war damals auf dem ersten Konzert nach dem Tode ihres Großvaters, sie hatte sich so allein gefühlt, Patricks und Maites Gesang hatten sie so sehr berührt, und Patrick hatte sie angesehen, sie stand damals in der 1. Reihe, mit einem Blick, der sagte, dass es immer einen Frühling gibt. Doch damals war dieser Blick nicht so stark gewesen wie dieser. Dieser richtete ihren Kopf auf, und auch sie sah ihn an, und ihr Blick sagte "Danke". Dann ging er in den Backstagebereich und sie zusammen mit Irina in die Halle, wo sie sich einen schönen Platz suchten. Anna lauschte jedem neuen Lied gebannt, sah in das lächelnde Gesicht Irinas, und dachte, dass das neue Jahr mit Sicherheit einen Frühling haben würde, und sie wollte jede Frühlingsblume mit liebevollen Augen betrachten, das nahm sie sich vor.
Schlusswort:
Liebe Fans, entschuldigt, dass meine Kurzgeschichte so theatralisch geworden ist, aber sie wurde in einem Anfall von Endjahres-Melancholie geschrieben, und die ließ auch meine Fantasie etwas durchgehen... Aber das ist ja das schöne an der Fantasie, sie hat keine Grenzen, nicht wahr? Ich wünsche euch allen ein tolles Jahr 2004!