Sturm im Herzen

by Ena   ena.sunshine@web.de

Ich laufe völlig gedankenverloren durch die Dünen. Ständig sacke ich im Sand ein. Sehr schlechter Boden, wenn man schneller als eine Raupe von der Stelle kommen möchte! Na komm, weiter Sarah! Einen Schritt vor den anderen.
Ich kann nicht genau sagen, was mich eigentlich antreibt. Eigentlich wollte ich nur irgendwohin. Irgendwo, nur nicht da sein, wo ich vorher gewesen bin. Einfach weg! Im Grunde könnte ich mich genauso gut in den Sand fallen lassen und hier bleiben, bis die Sonne untergeht – oder mir ein Meteorit auf den Kopf fällt. Es ist eigentlich völlig egal. Einfach egal! Doch irgend etwas in mir verhindert, dass ich anhalte. Was es ist? Ich kann es nicht sagen.
Plötzlich verändert sich die Landschaft um mich herum. Hier sind keine Dünen mehr. Ich stehe auf einem Sandhügel, der mich nur etwa 15 Meter vom Meer, welches ich die ganze Zeit schon rauschen gehört habe, trennt. Es taucht plötzlich vor mir auf! Wirklich plötzlich. Auf einmal ist es da. Ich hatte noch nicht einmal bewusst wahrgenommen, dass ich mich dem Meer nähere. Und jetzt ist es auf einmal direkt vor mir. Der Ozean, so riesig, dass man kein anderes Land in der Ferne entdecken kann. Mächtig. Unergründlich. Unbeschreiblich.
Ich glaube, dass ist der erste klare Gedanke, den ich fasse, seid ich unser Ferienhaus verlassen habe. Und mit einem Mal ist die Spannung weg, die mich zwang, immer weiterzurennen. Ich lasse mich in den Sand fallen und beginne, hemmungslos zu weinen.
Verdammte Scheiße. Ich kann das einfach nicht fassen! Warum passiert eigentlich immer mir so ein Mist? Das hier scheint wirklich nicht so richtig mein Tag zu sein. Mein Monat. Jahr. Oder Leben.
Ich sollte vorne anfangen. Mein Name ist Sarah, ich bin 17 Jahr alt und komme aus Zürich. Bis vor etwa zwei Wochen war mein Leben auch noch völlig normal. Ich hatte eine kleine glückliche Familie, d.h. eine kleine Schwester, eine Mutter und einen Vater, mit denen ich in einem kleinen Häuschen am Stadtrand wohnte und eigentlich ziemlich glücklich vor mich hin lebte. Ich hatte einen Freund, mit dem ich über ein halbes Jahr zusammen war, den ich sehr liebte und mit dem ich ebenfalls eigentlich ziemlich glücklich war. Und dann hatte ich noch eine beste Freundin namens Celine, mit der ich alles zusammen machte, die alles über mich wusste und die ein kleiner – vielleicht auch ein großer – Teil meines Lebensglücks war.
Tja. Das war vor etwa zwei Wochen. Ich war vor etwa zwei Wochen allerdings auch noch etwas anderes, etwas, das ich heute nicht mehr bin. Naiv. Sehr.
Mein Freund, mit dem ich ja "eigentlich ziemlich glücklich" war, hat mich verlassen, unmittelbar nachdem ich ihn mit meiner "besten Freundin", mit der ich "alles zusammen machte und die alles über mich wusste" im Bett erwischt hatte, als ich in sein Zimmer platze um ihn mit einem Frühstück zu überraschen. Celine, du weißt schon, die alles von mir wusste, schien leider vergessen zu haben, dass ich in einer Freundschaft sehr viel Wert auf Ehrlichkeit und in einer Beziehung sehr viel Wert auf Treue lege. Mein Freund, sorry, Ex-Feund, scheinbar ebenfalls! Sowas!
Tja, und meine "kleine glückliche Familie" empfing mich schon im Hausflur, als ich wieder nach Hause kam. Meine Eltern hatten beschlossen, sich scheiden zu lassen – einfach, weil das mit der "kleinen glücklichen Familie" wohl doch nicht immer so gut klappte, wie ich mir das gedacht hatte.
Naja, und jetzt, zwei Wochen nach diesem wunderschönen Tag, nachdem wir, also meine Mutter, meine Schwester und Ich – bemerke: ohne meinen Vater! – unsere Sachen gepackt und auf einen "Kurztrip zur Beruhigung" in unser Ferienhaus an die Nordsee – im Dezember!!! – gefahren waren, kann ich noch nicht einmal mehr sagen, ob wir weiterhin in diesem "kleinen Häuschen am Stadtrand" wohnen werden – oder ob mein Vater das gerne für sich beanspruchen möchte! Ja, und warum ich jetzt hier am Strand sitze und heule wie ein Schlosshund ist auch schnell erklärt: Meine Mutter, gerade mal zwei Wochen wieder Single, hat mir gerade ihren neuen Freund Karl vorgestellt. Das sind doch mal Wahnsinnsvorraussetzungen für einen Top-Urlaub!
Du denkst dir jetzt bestimmt so etwas wie "Das sie in dieser Situation noch so coole Sprüche reißen kann, find ich ziemlich komisch!" oder "So schlimm kann’s ja nicht sein, wenn man die Geschichte noch ironisch sehen und wiedergeben kann", richtig? Mhm. Vielleicht hast du Recht und diese Ironie ist wirklich unangebracht. Aber weißt du was? Ich glaube, wenn ich sie nicht zur Hilfe hätte, dann wäre ich nicht angehalten, als ich das Wasser vor mir auftauchen sah. Ich wäre einfach weitergelaufen. Immer weiter.
Mein Name ist Sarah, ich bin 17 Jahre alt und komme aus Zürich. Und ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr!
Ich sitze also dort am Strand und bin nach ein paar Minuten völlig fertig vom Weinen. Ich öffne die Augen und starre einen Augenblick aufs Wasser. Irgendwie wirkt es auf mich sehr beruhigend, sodass nach einiger Zeit auch die letzten Tränen versiegt sind. Ich sehe mich um. Jetzt erst wird mir klar, dass ich gar nicht die einzige bin, die sich an diesen verlassenen Strand verirrt hat. Ein ganzes Stück von mir entfernt liegt eine Frau am Strand, neben ihr spielen zwei kleine Kinder im Sand. Und zu meiner Linken sitzt in der Ferne ein Mann am Rande der Dünen. Er hält eine Gitarre in der Hand und scheint genauso gedankenverloren zu sein wie ich. Ich löse mich aus meiner Embryohaltung und lasse mich zurück in den Sand fallen. Eine ganze Weile liege ich so da und starre in den Himmel, ohne überhaupt etwas zu sehn. Ich liege einfach nur da und denke an nichts. Meine Verzweiflung ist einer tiefen Trauer gewichen, die sich in mir breit macht und sich wie ein Ring um mein Herz legt. Ich fühle mich einfach nur leer. Ich höre das Kreischen einer Möwe und folge ihr mit den Augen. Sie fliegt über mich hinweg über das Wasser, einem fernen Ziel entgegen.
Der Himmel. Noch so etwas, das riesig, mächtig und unergründlich ist. Genauso wie meine Situation. Und ich habe diesen Gedanken noch nicht einmal zuende gedacht, da fällt mir der erste Regentropfen auf die Stirn. Na super. Schlimmer geht’s immer, oder wie? Ich richte mich auf. Die Frau mit den Kindern tut es mir gleich und legt ihr Handtuch zusammen. Der Mann mit der Gitarre ist verschwunden. Auch meine Umgebung hat sich verändert. Der Himmel ist nun fast durchgehend düster, auch das Meer sieht mit einem Mal völlig grau aus. Wie lange hab ich denn bloß hier gelegen?
Als mich der zweite, dritte, vierte Regentropfen trifft, seufze ich und stehe langsam auf. Den Weg zurück zu dem Dünenweg zu finden, dürfte ziemlich einfach werden: Ich muss schließlich einfach meinen Fußspuren folgen, die sich in Richtung Horizont entfernen. Fünf. Sechs. Ok, ich sollte mich beeilen. Sonst kann ich in meine Leidensgeschichte nachher wahrscheinlich auch eine Lungenentzündung einfügen. Es ist schon verdammt kalt, im Winter hier oben am Meer. Was hatten wir nochmal in der Schule gelernt? Nordsee. Winterstürme. Sturmflut. Wilde Wellen auf stürmischer See. Naja, passt doch perfekt oder?
Ich kann die Tropfen jetzt nicht mehr zählen. Als ich nach einer kleinen Ewigkeit endlich mein Fahrrad am Rand des Dünenweges entdecke, regnet es beständig und meine Haare hängen mir in nassen Strähnen ins Gesicht. Trotzdem bleibe ich stehen und zögere. Wo will ich eigentlich hin? Nach Hause ins Ferienhaus ist keine Alternative für mich. Wenn ich meine Mutter und ihren Macker jetzt sehe, kratz ich einem von ihnen die Augen auf – wohlmöglich noch beiden! Und meine weinende Schwester kann ich jetzt auch nicht ertragen. Aber wohin dann?
Als der erste Donner ertönt wird mir klar, dass es völlig egal ist, wohin ich fahre – aber hier muss ich weg! Schnell! Noch so etwas, das ich in der Schule gelernt habe: "Halte dich niemals bei Gewitter in den Dünen auf – das ist lebensgefährlich." Und auch, wenn es mir ziemlich scheiße geht, - suizidgefährdet bin ich nicht!
Ich schwinge mich also auf mein Fahrrad und fahre los. Nur zur Sicherheit in die Richtung, aus der ich gekommen bin – mich in den Dünen zu verirren ist auch nicht gerade mein größter Traum! Doch nach einigen Metern wird mir klar, dass ich es wohl nicht sehr weit schaffen werde. Ich kann vor lauter Regen kaum etwas sehen. Die Tropfen prasseln mir auf den Kopf, die Schultern und die Hände. Mir ist eiskalt, ich bin klatschnass. Außerdem bin ich völlig erschöpft, teils vom Weinen, teils auch vom Laufen und Radeln. Am liebsten würde ich schon wieder anfangen zu heulen, aber ich beherrsche mich, um nicht noch mehr Kraft zu verlieren. Tatsache ist jedenfalls, dass ich mich gerade ziemlich verarscht fühle – von Petrus, von meinem Leben und allen, die daran teilhaben, von allem irgendwie.
Als ich mich grade frage, wann der Blitz, mit dem ich schon die ganze Zeit rechne, wohl in meinen Kopf einschlagen wird, entdecke ich meine Rettung: Ein kleines Häuschen am Wegesrand, so eine Art Unterstand für Fahrradfahrer und Spaziergänger taucht in der Ferne auf. Kleine Wunder gibt es wohl doch immer wieder! Ich gebe alles, um dieses Holzding zu erreichen. Meine Beine sind total schwer und tun weh. Mein Atem geht stoßweise. Und dann habe ich es endlich geschafft!
"Hallo!" Ich erschrecke zu Tode als ich von hinten angesprochen werde, während ich noch mein Fahrrad abstelle. Ruckartig fahre ich herum. Der Mann mit der Gitarre – komischerweise nur halb so nass wie ich – sitzt auf der Bank und sieht mich an! "Hallo!" sage ich völlig irritiert. Er guckt mitleidig. "Na, hat dich der Sturm auch überrascht? Du siehst ja tropfnass aus!" Nein, ich bin in eine Regentonne gestiegen! Danke für diese Konversation, denke ich und nickte nur nichtssagend. Schweigen. Ich starre in den Regen und lausche dem Donner. Das Gewitter ist direkt über uns. Meine Zähne beginnen zu klappern, so kalt ist mir. Ich registriere neben mir eine Bewegung. Der Mann mit der Gitarre steht auf, zieht seine Jacke aus und reicht sie mir. Ich muss wohl gucken, als hätte er mir einen Heiratsantrag gemacht, denn er lacht. "Ich bin nicht so nass geworden wie du, und du frierst. Du klapperst wie ein Klapperstorch! Also nimm die Jacke!" Ich kann kaum reagieren. Es klingt wahrscheinlich total schwachsinnig, aber ich kann nicht fassen, das dieser Mann so nett zu mir ist. Ich weiß nicht, aber irgendwie rührt mich das schon wieder fast zu Tränen. Er muss es bemerkt haben, denn er sieht mich besorgt an. "Was hast du denn?" Ich schüttele den Kopf und starre zu Boden. Dann sammle ich mich wieder. Ganz ruhig, Sarah. Ich schaue auf, in seine immer noch abwartenden Augen und versuche mich an einem traurigen Lächeln. "Danke!" sage ich, und nehme ihm endlich die Jacke ab. Hätte nie gedacht, dass es mal so ein Akt für mich sein könnte, eine nette Geste anzunehmen ohne anzufangen, zu weinen. Ich komme mir völlig bescheuert vor. Eigentlich weiß ich auch gar nicht was mit mir los ist! Der Kerl hat mir nur seine Jacke angeboten, und ich fange fast an zu heulen. Ist doch krank!
Er räuspert sich. Ich spüre, dass er wissen will, was mit mir los ist. Das er etwas sagen will. Aber er tut es nicht. Ich bin ihm dankbar dafür. Ich könnte ihm auch nicht antworten. Will es auch nicht.
Die Zeit vergeht, in der wir nur nebeneinander sitzen und in den Regen starren. Irgendwann seufze ich. "Hört das heut auch noch mal auf?" Wieder sagt eine Weile keiner was, bis er nach ein paar Sekunden, die mir wie eine Ewigkeit erscheinen, sehr leise antwortet. "Das ist hier an der Nordsee sehr häufig im Winter. Ich glaube manchmal, nirgends auf der Welt sind die Winterstürme unberechenbarer!" Ich nicke, ohne ihn anzusehen. "Kann sein!" sage ich, es ist ein kaum hörbares Krächzen. Wieder steigen mir die Tränen in die Augen. Was verdammt nochmal ist denn heute los mit mir? Ich bin doch sonst nicht so eine Heulsuse! Warum hab ich mich denn auf einmal so wenig unter Kontrolle?
Und noch während ich mich das frage, passiert etwas, was ich im ersten Moment kaum glauben kann: Der Typ neben mir greift nach seiner Gitarre und beginnt zu spielen! Das ist doch einfach nicht zu fassen, oder? Wir sitzen hier beide völlig durchnässt vom Regen in einem Unterstandshäuschen mitten in den Dünen, schweigen uns an – und mitten in diese ohnehin schon total deplazierte Situation fängt der Kerl auf einmal an, Gitarre zu spielen. Das erste Mal, und auch nur, weil ich so schockiert bin, sehe ich ihm ins Gesicht – wirklich ins Gesicht. Und es fällt mir wie Schuppen von den Augen, als er beginnt zu singen. Meine Sinne sind plötzlich hellwach. Dieser Mann singt von Hoffnung, vom Glauben, von so vielen Antworten auf meine Fragen. Er singt seine Lebensgeschichte, die plötzlich meiner so ähnlich zu sein scheint. Ich kann es kaum glauben.

Pray, pray pray pray, pray pray pray,
for a happier day, oh come on and
pray, pray pray pray, pray pray pray,
and the lord will show you the way

We all have our crosses to carry
if we carry them humbly there's no need to worry
if we forgive we'll be forgiven
then our purified hearts will feel the presence
of God's eternal love burn inside
I ain't no religious expert
but I don't have to be
to know that God ain't illusion
I'm testifying what I witness
'cause a faith without acts
is a dead faith that's why I wrote this song
so we can

Pray, pray pray pray, pray pray pray...
Oh we've got to pray, pray pray pray,
Pray, pray pray for
a happier day

Ich sehe ihn an, kann ihn nicht mehr aus den Augen lassen. Er tut es mir gleich, schaut mir die ganze Zeit fest in die Augen und singt diese wunderschöne Melodie, und diese wunderschönen Worte. Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt restlos kitschig rüberkomme, aber das was er singt, berührt auf eigenartige Weise direkt mein Herz. Es ist, als würde jedes einzelne Wort auf direktem Wege dorthin befördert. Diese Brücke, die er auf diese Art zu meinen Gedanken und Gefühlen herstellt, hätte über tausend Worte nicht gebaut werden können.
Und um die Sache jetzt noch wundersamer zu machen, muss ich in diesem Moment feststellen, dass der verdammte Regen aufgehört hat und nun die Wolkendecke aufreisst. Es ist unfassbar, aber sogar vereinzelte Sonnenstrahlen kommen hervor. Wenn die ganze Sache nicht so real wäre, ich würde nicht eine Sekunde daran zweifeln, dass ich jetzt völlig durchgeknallt bin.
Der Mann neben mir, den ich mittlerweile erfolgreich identifiziert habe, verstummt, schließt die Augen und atmet tief ein. Dann steht er auf und sieht mich an. "Machs gut!" Mehr sagt er nicht. Und ich auch nicht. Mir hat es endgültig die Sprache verschlagen. Aber als sich unsere Blicke wieder treffen, kommt es mir vor, als machte jemand in meinem Herzen das Licht an. Er lächelt. Und wie durch ein Wunder lächle ich zurück, ein Lächeln, das wirklich von Herzen kommt.
Dann dreht er sich um und geht, der Sonne entgegen, um sein Geheimnis mit weiteren Menschen zu teilen. Und ich sitze immer noch in seiner Jacke in diesem Häuschen.
Es ist, als wäre ich einem Engel begegnet. Und urplötzlich weiß ich, dass der Sturm jetzt vorbei ist.


© Ena, 03/2005


Diese Story hat beim Sponsored Story-Contest mitgemacht.


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Last update: 06/04/2005

(Online since: 06/04/2005)


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