Zwei Seiten der Einsamkeit

by Doro   doro-violet@gmx.de

 

Der Regen fiel schneller als die Tränen über seine Wangen liefen. Paddy schluchzte auf und wischte sie mit einer hastigen Bewegung weg. Doch diese Bewegung hätte er sich sparen können. Die Tropfen wurden sofort von weiteren ersetzt. Nur wenige Autos kreuzten seinen Weg in dieser einsamen Straße. Paddy gab es auf, die Tränen und den Regen abzuwischen. Er musste es ja doch zulassen, die Naturgewalten, den Schmerz, alles. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und lief mit schleppenden Schritten weiter. Er hatte sowieso kein Ziel.
Man hatte sie ausgebuht. Zum ersten Mal in ihrer langen Karriere als Kelly Family hatte man sie auf der Bühne ausgebuht. Paddy unterdrückte das Weinen und trat nach einem Stein, der mit einem Krachen auf der nassen Straße landete. Nie würde er die erstaunten Gesichter seiner Brüder und Schwestern vergessen, als man aus dem Publikum nur noch einen langgezogenen Schrei hörte: "KATHY!"
Er hatte nicht gewusst, dass die Fans Kathy genausosehr vermissten wie er es tat.
Kathy! Paddy verzog das Gesicht und wollte nach einem weiteren Stein treten, doch er fand keinen mehr. Kathy! Paddys Gedanken vermischten sich. Er fand auch keine Kathy mehr. Sie war schließlich einfach gegangen. Einfach so. Warum? Wieder musste er schluchzen. Wäre sie doch noch da! Sie hätte ihn davon abgehalten, im Regen zu weinen...

"Was soll das heißen?" Kathy runzelte die Stirn und setzte die Lesebrille auf. Ihre Augen wirkten riesig eulenhaft durch die Gläser. "Du bist die ganze Nacht durch den Regen gelatscht und hast dich dann in einer Kneipe betrunken? Was bezweckst du
damit?"
Paddy zuckte aufsässig mit den Schultern. "Nichts! Ich bin erwachsen, ich kann tun, was ich will!"
"Ach!" brummte Kathy. "Und glücklich bist du dabei, oder was? Ich vermute eher, dass es etwas damit zu tun hast, dass du sie immer noch nicht vergessen kannst, nicht wahr?"
Paddy wurde rot und verschränkte hastig die Arme vor der Brust. "Das hat mit der dummen Kuh doch nichts zu tun, die ist für mich gestorben," sagte er eilig, doch seine Stimme klang nicht so, wie sie klingen sollte.
"Das nächste Mal, wenn du Liebeskummer hast, kommst du einfach zu mir," meinte Kathy, und Paddy nickte zögernd.

Ein Auto fuhr vorbei und spritzte Paddy nass. Er fluchte. Seine Hose und seine Jacke waren längst vom Regen durchweicht, aber jetzt war vermutlich auch noch seine Unterwäsche nass. Paddy schluckte. Am liebsten würde er jetzt doch nach Hause gehen. Aber was hielt ihn dort? Und sowieso war es bis zum Schloss viel zu weit. Im Regen wollte er auch nicht bleiben. Aber wo sollte er denn hin? In diesem Stadtteil kannte er niemanden. Und er konnte sich ja nicht schon wieder irgendwo betrinken.
"Hey!" Ein bärtiger Penner stand plötzlich vor ihm. "Haste mal Feuer?"
"Nichtraucher," stotterte Paddy.
"Scheiße." Der Penner griff in seine Hosentasche. "Hey Kleiner, aber Kohle haste, oder?" Unwillig nickte Paddy. "Na prima. Dann können wir ja ein Bierchen zusammen trinken, hä? Hast du Lust?"
"Lust?" wiederholte Paddy langsam. "Nun ja, ich habe..."

"... Lust!" Paddy strahlte sie an. "Na klar habe ich Lust, dein Album zu produzieren, Kathy! Ich wette, es wird ein Hit!"
"Du weißt gar nicht, was das für mich bedeutet, Paddy," sagte Kathy leise und strich sich das perfekt in Form geföhnte halblange Haar über die Schulter. "Jimmy und Patricia reden ja nicht mehr mit mir, weil sie denken, dass ich nie mehr zurückkomme. Aber du denkst das nicht, nicht wahr, Paddy? Du weißt, dass ich mir nur ein zweites Standbein aufbaue, nicht wahr? Du weißt, dass ich nächstes Jahr zurückkomme, und dann gehen wir alle wieder zusammen auf Tour, das weißt du doch, Paddy?" Ihre Stimme klang ängstlich.
"Aber logo weiß ich das!" sagte Paddy ehrlich.
"Da bin ich aber froh!" sagte Kathy erleichtert und schloss ihn in die Arme.

"... keine Lust!" erwiderte Paddy unwillig und drehte sich weg. "Warum rede ich denn überhaupt mit Ihnen?" Er ließ den überraschten Penner einfach stehen und stapfte weiter. Sie hatte gelogen! Sie hatte gelogen! Es hallte in seinem Kopf. Sie war nicht zurückgekommen. Ihr Album war nicht der Hit geworden, den sie erhofft hatte, aber trotzdem kam sie nicht zurück und arbeitete schon wieder am nächsten Album, verbissen in ihre Arbeit und die Umstände ignorierend.
Völlig in Tränen aufgelöst betrat Paddy ein blödes Café. Zumindest sollte es eins sein, sah aber wirklich total heruntergekommen aus. Na und? Es war ihm egal. Er war ja auch heruntergekommen, er sah aus wie ein streunender Hund und niemandem war er wirklich wichtig. Ja, hier passte er gut hin.
Die Beleuchtung war offenbar kaputt, denn es war fast vollkommen düster. Paddy ließ sich auf einen fast kaputten Stuhl an einen Tisch mit dreckiger Tischdecke fallen. Ein Kellner mit Hakennase kam an den Tisch und fragte ihn umständlich, was er trinken wollte.
"Trinken?" fragte Paddy, wie aus einem Traum erwacht. "Ich möchte..."

"... Sekt!" verkündete Paddy mit lauter Stimme und strahlte den Kellner des Nobelcafés an. "Wir haben wirklich etwas zu feiern. Meine Schwester veröffentlicht heute nämlich ihr zweites Soloalbum!"
"Paddy!" Kathy stieß ihn kichernd in die Seite. Schon wurde der Sekt gebracht, und beide hoben die Gläser mit der sprudelnden Flüssigkeit. "Cheers!" "Cheers! Und auf dich, Kathy!"
Beide tranken einen tiefen Schluck. Dann sah Kathy Paddy lächelnd an. "Ohne dich hätte ich das nie geschafft, Paddy. Ich möchte, dass du das weißt."
"Ach," sagte Paddy verlegen, "ist doch Quatsch. Na ja, ich wünsche dir eine Menge Erfolg. Und trotzdem hoffe ich, dass du wiederkommst."
"Ich komme wieder. Das weißt du doch inzwischen, Paddy."
"Das weiß ich," wiederholte Paddy.
"Siehst du." Kathy beugte sich über den Tisch und drückte Paddy einen dicken Kuss auf die Wange. Paddy wurde rot. Kathy lachte nur und hob ihr Glas. "Wir sind ein Super-Team, das weißt du doch. Cheers!"

"... Bier! Ein doppeltes!" Paddy sah trotzig auf. Ein Scheiß-Team sind wir, dachte er. Sie will uns ja nicht mehr. Sie braucht uns ja nicht mehr. Eine blöde Kuh ist das!
Kurz darauf wurde ihm ein Glas lieblos auf den Tisch gestellt. Paddy trank einen riesigen Schluck und fühlte sich gleich viel besser. Patricia hatte zu ihm gesagt, er müsse wirklich aufpassen, um nicht als Alkoholiker zu enden. Na und? Es war Paddy total egal. Er war doch sowieso nichts. Und diese Nacht würde auch genauso scheiße zuende gehen, wie sie angefangen hatte. Vielleicht sollte er eine Nutte abschleppen oder so. Hatte er noch nie gemacht, aber heute war's doch genau das Richtige. Er sah sich im Café um. Vielleicht saß ja eine am Nebentisch. Doch das Café war fast ganz leer. Am Nebentisch saßen zwei Typen im Anzug und diskutierte, an der Paar saß ein Liebespaar und schmuste, und in der Ecke saß eine Frau und trank Kaffee. Die? Nein. Paddy schüttelte den Kopf. Die erinnerte ihn zu sehr an Kathy.
Aber Moment! Das war ja Kathy!
Paddy fielen fast die Augen aus dem Kopf. Er zögerte nur wenige Sekunden, dann rannte er hinüber und ließ sich neben Kathy auf einen Stuhl fallen. "Kathy!"
"Paddy?" Kathy lächelte ihn müde an. "Was machst du denn hier?"
"Und selbst?" fragte Paddy von oben herab. "Du bist doch hier die neue Aretha Franklin, denke ich. Warum hängst du in diesem Assi-Schuppen rum?"
"Ich habe nie gesagt, dass ich so gut bin..." fing Kathy überrascht an.
"Na ja, aber sagen wir's doch mal knallhart: dein Album ist ein Flop. Warum kommst du nicht zurück? Du hast es uns schließlich versprochen!"
Kathy bekam einen harten Zug um den Mund. "Ich will es solo schaffen, und es geht dich gar nichts an!"
"Also gut." Paddy stand auf. Das war nicht seine Schwester. Man konnte sich nicht mehr auf sie verlassen. "Dann hab' ich mich wohl in dir getäuscht. Ich hab' hier nichts mehr verloren. Viel Erfolg noch."
Plötzlich griff eine kalte Hand nach Paddy. Er drehte den Kopf und sah Tränen in Kathys Augen. "Geh' nicht," schluchzte sie plötzlich. "Ich liebe euch doch. Ich schaffe es nicht ohne euch. Mein Album ist ein Flop, weil ich ohne euch nicht gut bin. Ich brauche euch alle. Ich... ich will zurück."
Paddys Mund verzog sich zu einem Lächeln. "Dann komm' zurück," sagte er.
Kurz darauf konnte man die beiden durch die Straßen rennen sehen. Der Regen fiel noch immer, doch es machte ihnen nichts. Sie hielten sich an den Händen und sprangen durch die Pfützen, und Paddy war mindestens genauso glücklich wie Kathy. Jetzt, da Kathy zurückkam, würde es nicht schwer sein, auch Johnny und Barby zu überreden. Ja, jetzt war Kathy wieder da. Alles andere war nur noch halb so schwer.


© by Doro August 9th. 2001


© Doro (Danke schön!)

 

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Last update: 19/12/2001

(Online since: 19/12/2001)

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