Paddy und Johnny Kelly saßen müde in der Abflugshalle des Flughafens von Berlin. In wenigen Minuten startete ihre Maschine nach Spanien zu ihren Geschwistern. Die beiden Brüder hatten gemeinsam den ECHO-Preis in Empfang nehmen müssen, da die anderen nicht mitgekommen waren. Kathy war im 8. Monat schwanger, sie hätte den Flug nicht durchstehen können. Und die anderen hatten schlicht und einfach zuhause bleiben wollen.
Paddy blickte finster auf die drei Bodyguards, die die beiden Kelly-Jungs mitr grimmigen Gesichtern bewachten. Er hasste es. Immer waren diese blöden Heinis dabei. Noch nicht einmal aufs Klo ließen sie ihn allein gehen. Was sollte der Quatsch? Er konnte gut auf sich selbst aufpassen. Um diese Zeit waren sowieso keine ausgeflippten Fans mehr in der Abflugshalle. Es war halb drei Uhr nachts. Scheiß-ECHO-Verleihung. Paddy war müde, einfach nur müde. Johnny neben ihm kippte auch schon fast weg.
Ein fetter Bodyguard trat plötzlich auf die beiden zu. "Eure Maschine ist startbereit." Paddy nahm seine Reisetasche und stand auf. Johnny blieb sitzen.
"Johnny!" rief der Bodyguard.
"Huch!" Johnny schreckte hoch. "Ich muss eingeschlafen sein..."
"Wäre ja nicht das erste Mal!" knurrte ein anderer Bodyguard.
Im Flugzeug konnte Johnny erst einmal so richtig ausschlafen. Die Stewardess brachte ihm einen Schlaftrunk und eine Decke. Nach wenigen Minuten war Johnny schon im Land der Träume. Paddy war ebenfalls todmüde, aber er konnte nicht einschlafen. Ihm gegenüber saß Hermann, der Chef der Bodyguards, und betrachtete ihn unablässig. Feindselig starrte Paddy ihn an. Warum glotzt du mich so blöd an? schrien seine Augen. Hast du Angst, ich werde hier vor deinen Augen entführt oder was? Die anderen beiden Bodyguards waren eingeschlafen. Schlaf' doch auch! flehte Paddy in Gedanken. Oder guck' wenigstens weg. Ich will meinen Krimi weiterlesen.
Den Krimi, er hieß Tod im weißen Häubchen, hatte Paddy kurz vor der Reise nach Berlin aus Kathys Bücherregal geklaut. Kathy war nämlich der Meinung, das sei kein geeignetes Buch für einen Vierzehnjährigen. Sogar sie selbst hatte beim Lesen des Krimis Angst bekommen. Ein Grund mehr für Paddy, das Buch zu lesen. Da er im Hotel aber nur heimlich unter der Bettdecke hatte lesen können, war er auch erst auf Seite 23.
Leider machte Bodyguard Hermann keine Anstalten, einzuschlafen oder wegzugucken. Also zog Paddy frustriert statt dem Krimi die BRAVO aus seiner Reisetasche. Doch noch bevor er den Fotoroman zur Hälfte gelesen hatte, ertönte die Stimme des Piloten: "Wir landen in wenigen Minuten."
"Also dann, bis morgen," sagte Hermann, als er John und Paddy vor ihrem Haus abgeliefert hatte. "Ich hole euch morgen Mittag zum Studiotermin ab."
"Du meinst wohl heute Mittag!" ächzte John. "Es ist fast fünf!"
Hermann lachte, stieg in sein Auto und brauste davon.
John schloss die Tür auf. "Leise! Die anderen schlafen sicher schon!"
Doch in der Küche brannte noch Licht. Kathy saß am Tisch und las in einer Zeitschrift. Als sie die zwei Brüder erblickte, sprang sie schnell auf und wackelte auf die beiden zu.
"Bleib' sitzen!" zischte John. Er lief zu seiner Schwester und küsste sie auf die aufgedunsenen Wangen. Kathleen winkte über den Tisch hinweg Paddy zu und seufzte: "Gut, dass ihr wieder hier seid. Ich hab' solche Probleme mit Jimmy. Er treibt mich zur Weißglut, dabei weiß er doch genau, dass ich mich schonen muss!" Vorsichtig strich sie über ihren kugelrunden Bauch.
Plötzlich hörten sie tapsende Schritte im Gang, und dann öffnete Maite vorsichtig die Küchentür. "Ihr seid ja wieder da!" flüsterte sie und wankte in die Küche, ihren Teddybären fest an sich gepresst.
"Du schläfst ja gar nicht mehr!" wunderte sich Kathy. "Es ist fünf!"
"Ich bin nicht mehr müde!" erklärte Maite.
John setzte sich aufseufzend auf einen Küchenstuhl und nahm Maite auf den Schoß.
Paddy konnte kaum noch die Augen offenhalten. Kathy bemerkte das sofort und meinte: "Maite, Paddy, ihr könnt noch ein paar Stunden schlafen."
"Aber ich..." widersprach Maite.
"Keine Widerrede!" befahl John scharf. "Ich bringe dich jetzt ins Bett!" Er hob sie hoch und trug sie aus der Küche.
"Nacht, Kathy! Nacht, Paddy!" rief Maite noch schnell.
Paddy war zu schwach, um zu antworten. Er stand langsam auf und wankte aus dem Zimmer. An der Tür drehte er sich noch einmal um und fragte Kathleen: "Gehst du nicht ins Bett?"
"Nein, ich kann nicht liegen. Gute Nacht, Patrick."
"Gute Nacht, Kathy."
Paddy schlief nur etwa vier Stunden. Um halb zehn wurde er von Barby geweckt. "Wach' endlich auf und erzähl' mir, wie es war!"
"Was denn?" murmelte Paddy und rieb sich die Augen.
"Na, die Verleihung!"
"Ach so. Ja, ganz gut. Wir haben einen Preis gewonnen."
"Das sagst du erst jetzt!" schrie Barby.
"Sorry, aber als ich heimgekommen bin, hast du bereits geschlafen!"
Barby ging beleidigt aus dem Zimmer. Paddy zog sich an und ging hinunter in die Küche. Seine Geschwister waren bereits um den großen Tisch aus Eichenholz versammelt und frühstückten. Nur Patricia stand noch am Herd und kochte Kaffee für die älteren Mitglieder der Familie.
Die Tischordnung war entsprechend der Altersordnung innerhalb der Familie. Kathy saß wie immer an der Stirnseite und schnaufte vor sich hin. Johnny saß neben ihr und las die Tageszeitung. Dann kam Patricias Platz, und daneben saß Jimmy und rührte missmutig in seiner leeren Tasse. Kathy gegenüber saß Joey, unrasiert und ungekämmt, und las den Sportteil aus Johns Zeitung. Rechts von Joey saß Barbie mit halbgeschlossenen Augen und wirkte leicht müde. Dann kam Paddys Platz, schnell setzte er sich. Neben ihm belegte gerade Maite ihr drittes Brot. Typisch Maite: der Kaffee war noch nicht einmal serviert, aber sie war schon am Futtern! Zwischen Maite und Kathy saß Nesthäkchen Angelo und balancierte vorsichtig seine Kabatasse zum Mund.
"Der Kaffee ist fertig!" rief Patricia fröhlich und trug die Kanne zum Tisch. Sie schenkte den Großen ein. Doch als sie zu Jimmy kam, zog der seine Tasse weg.
"Bist du wahnsinnig?" schrie Patricia. "Warum ziehst du die Tasse weg? Jetzt hab' ich alles aufs Tischtuch geschüttet!"
"Ich will nicht!" murrte Jimmy.
"Aber sonst trinkst du doch auch immer Kaffee!" meinte Barby Ann verwundert.
Jimmy antwortete nicht. Wütend rührte er weiter mit dem Löffel in der leeren Tasse. Maite tippte sich bedeutungsvoll an die Stirn. Patricia wischte die Sauerei auf dem Tischtuch weg.
"Wer möchte noch Kaffee?" fragte sie.
"Ich," meldete Angelo.
"Aber du bist doch dafür noch viel zu klein!" lachte Tricia.
"Das verstehe ich nicht!" meinte Angelo verwundert. "Eben habe ich doch auch welchen getrunken!"
"Das war doch Kaba!" erklärte Kathy.
"Ach so!" Angelo grinste, und alle lachten. Bis auf Jimmy natürlich.
Johnny faltete die Zeitung zusammen und legte sie weg. "Und was steht heute auf dem Programm?"
"In einer Stunde werden wir zu den Studioaufnahmen abgeholt," verkündete Joey und grabschte nach der Zeitung.
"Zwei Lieder müssen wir heute aufnehmen," erklärte Trish.
"Dann machen wir uns mal fertig!" schlug Kathy vor.
Johnny und Patricia räumten den Tisch ab. Die anderen verschwanden.
"Kämm' dich mal!" befahl Barby ihrem Bruder.
"Später!" rief Paddy und stürmte nach oben. Dort las er seinen Krimi weiter. Ein paar Seiten weiter wurde er ganz blaß, seine Augen weiteten sich. Au weia. Kein Wunder, dass Kathy beim Lesen Angst bekommen hatte.
"Paddy!" Joey riss die Tür auf. "Wir müssen los!"
"Kannst du nicht anklopfen?" maulte Paddy und versuchte, das Buch unauffällig verschwinden zu lassen.
Joey entging leider nichts. "Hey, was ist das?"
"Ähhmm... Hausaufgaben!"
Joey fing an zu lachen. "Du gehst doch nicht zur Schule, du Depp! Du willst mich wohl verschaukeln?"
Zum Glück schrie in diesem Augenblick Angelo von unten: "Wir müssen los!"
Das Studio befand sich auf einem Hügel, neben einer alten Ruine. Doch dafür konnten die Kellys sich leider nicht interessieren. Sie mussten Trishs No Lies und Stay Beside Me, einen Song von Jimmy und Joey, aufnehmen. Besonders die Aufnahmen zu Stay Beside Me erwiesen sich als schwierig.
"So geht das nicht, Leute," schimpfte Joey. "Ihr müsst im Takt bleiben! Besonders du, Maite!"
"Ich war im Takt!" verteidigte sich Maite. "Angelo war falsch!"
"Ich doch nicht!" rief Angelo. "Pad hat falsch angespielt."
"Jetzt war's wieder ich!" brummte Paddy wütend.
"Konzentriert euch gefälligst!" befahl Joey.
"So klappt das doch nie!" stöhnte Patricia.
Kathy riss das Kommando an sich. "Wir probieren es anders. Jimmy, sing' noch mal deine Strophe!"
Jimmy weigerte sich. "Ich hab' keine Lust mehr!"
"Lass' den Quatsch, Jimmy, mach' es!" sagte John.
"Nö!" sagte Jimmy und ging einfach aus dem Zimmer.
Kathy stöhnte. "Er macht mich fertig. Ich muss an die frische Luft!!"
"Also gut, Pause!" meinte Barby entnervt.
"Nein, wir müssen weitermachen!" verlangte Joey störrisch.
Doch alle verließen das Studio. Joey blieb allein sitzen.
"Egoisten!" schrie er ihnen wütend hinterher.
Die frische Luft tat gut. Johnny und Angelo begannen aus Spaß zu raufen. Maite rief: "Lasst uns mal zur Ruine gehen!"
Kathy und Paddy blieben als Einzige unten. Kathy schnaufte. "Ich muss mich setzen. Hinter dem Studio ist eine Bank."
Die beiden liefen um das Haus herum. Auf der besagten Bank saß Jimmy und rauchte eine Zigarette.
"Huch!" schrie Kathleen. "Ich dachte, du wärst mitgegangen auf die Ruine!"
"Siehst ja, dass es nicht so ist," brummte Jimmy.
Paddy und Kathy setzten sich zu ihm. Jimmy rauchte weiter.
"Man raucht nicht in Gesellschaft einer Schwangeren," bemerkte Kathy.
Jimmy reagierte nicht.
"Vom Rauchen kriegt man Lungenkrebs," fuhr sie fort.
Keine Reaktion.
"Mach' endlich die Zigarette aus, wie oft soll ich es denn noch sagen!" herrschte sie ihn an.
"Du hast überhaupt nicht gesagt, dass er sie ausmachen soll!" meinte Paddy.
Jimmy warf die Zigarette auf den Boden und drückte sie aus.
Kathy stand auf, murmelte irgendetwas über gefährliche Kälte für Schwangere und ging zurück ins Haus. Kaum war sie außer Sicht, zündete Jimmy sich eine neue Zigarette an.
"Darf ich mal ziehen?" fragte Paddy.
"Keine Zigaretten an Minderjährige!" giftete Jimmy.
Paddy wurde auf einmal furchtbar traurig. Nicht, weil Jimmy ihm keine Zigarette gegeben hatte, sondern weil Jimmy so anders geworden war. Seit wann rauchte er überhaupt? Was hatte er für Probleme?
"Möchtest du vielleicht über irgendetwas reden?" fragte Paddy hilfsbereit.
"Mit dir ganz bestimmt nicht!"
Paddy wurde noch trauriger. "Vergiss' es," murmelte er unglücklich und wollte gehen.
"Warte!" Jimmy holte ihn ein.
Aufmerksam sah Paddy seinen großen Bruder an. Jimmy holte tief Luft. "Es tut mir Leid. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Es ist einfach alles zuviel."
"Ich weiß," nickte Paddy. Wusste er es wirklich?
In diesem Augenblick kam Kathy wieder. "Wenn ihr nicht von Joey ermordet werden wollt, dann kommt jetzt lieber wieder ins Studio. Er will weitermachen."
Dieses Mal klappte der Chorgesang problemlos. Joey war überglücklich. "Das war gut. Und jetzt muss Jimmy nochmal seinen Part singen."
Widerstandslos folgte Jimmy. Doch er leierte seine Strophe lustlos herunter.
"Dagegen war das vorhin ja ein Meisterwerk, Jimmy!" sagte Patricia verärgert. "Gibst du dir etwa keine Mühe?"
"Nein, tu' ich nicht, aber selbst wenn ich mir welche geben würde, würd's nicht klappen," sagte Jimmy verzweifelt.
"Dann lassen wir es für heute," meinte John lustlos.
"Nein!" brüllte Joey.
"So haut es ja doch nicht hin!" sagte Patricia traurig. "Können wir nicht ein anderes Lied aufnehmen?"
"Wie wäre es mit Stronger Than Ever?" schlug Paddy vor.
"Ich bin noch nicht mit dem Text fertig!" meldete Barby.
"Dann schreib' ihn jetzt fertig," stöhnte John.
"Ich kann nicht in einer solchen Stimmung schreiben," jammerte Barby.
Joey lachte hämisch. "Dann müssen wir eben doch mit Stay Beside Me weitermachen!"
"Eben nicht, wir schaffen es ja doch nicht," meinte Kathy. "Packen wir lieber zusammen und gehen nach Hause."
"Das ist unfair!" brüllte Joey.
Doch er war überstimmt. Sie packten ihre Sachen und fuhren nach Hause.
Zuhause saßen alle missmutig am Wohnzimmertisch.
"Nur ein Lied aufgenommen!" stöhnte Barby. "Wir entwickeln uns rückwärts!"
"Reg' dich nicht auf," meinte Patricia. "Es ist ja doch nicht mehr zu ändern."
"Ruht euch jetzt aus!" befahl Kathy.
Paddy ging nach oben und las seinen Krimi fertig. Danach stellte er ihn zurück ins Bücherregal. Zum Glück unauffällig, denn die anderen stritten immer noch mit Joey wegen der missglückten Aufmahme.
Am nächsten Morgen mussten sie nach Essen fahren, um ein Zeltkonzert zu geben. Hermann, Peter und Hans, die Bodyguards, waren natürlich dabei.
Als sie in Essen den Flughafen verließen, um im Taxi zum Zeltplatz zu fahren, warteten schon jede Menge Fans auf die Kellys. "Paddy, Paddy," kreischten sie und wollten sich auf ihn stürzen. Doch die Bodyguards konnten ihn abschirmen. Waren die doch für etwas gut?
Als sie endlich im Taxi saßen, musste Paddy über seine Situation nachdenken. Sie hatten schon so viele Fans, und fast alle wollten IHN. Wie sollte man bei dieser Ansicht normal bleiben? Paddy wusste nicht, was er tun sollte. Er hatte Angst, Angst, dass er abheben würde. Es war verdammt schwierig, Paddy Kelly zu bleiben, wenn man Paddy Kelly war.
Der Weg vom Flughafen zum Zeltplatz war lang, und es war heiß im Auto. Joey warf sein T-Shirt aus dem Fenster und verursachte dadurch ein ziemliches Verkehrschaos.
"Paddy," Patricia schubste ihn an, "was ist los? Müde? Soll ich dir eine Geschichte von früher erzählen, die mir gerade einfällt?"
Paddy nickte. Und während Patricia erzählte, erinnerte er sich plötzlich genau an diese Episode seines Lebens..........
Paddy Kelly vor 11 Jahren. Als dreijähriges Kleinkind auf dem Arm seiner Mutter. Seine blonden Locken wehen im Wind, seine Backen sind rot vor Aufregung. Gerade hat die Familie Shortnin' Bread in der Fußgängerzone gesungen. Paddy natürlich nicht, dafür ist er noch zu klein. Papa Dan zählt das Geld, das die Zuschauer auf die Straße geworfen haben. Es ist eine Menge!
"Und was machen wir jetzt?" fragt die fast zwölfjährige Patricia.
"Wie wäre es mit einem Eis?" schlägt der Vater vor.
"Hurra, hurra, wir kriegen ein Eis!" rufen Jimmy, Joey und Barby, fassen sich an den Händen und tanzen im Kreis. Kathy und John, die beiden Älteren, lächeln verständsnisvoll.
Vater und Mutter Kelly ziehen mit ihrer Kinderschar zu einem Eissalon an der Straßenecke. Jimmy und Joey rennen gleich hinein und besetzen einen Tisch. Ein Kellner kommt und wartet auf die Bestellung. Kathy und John bestellen sich gemeinsam ein riesiges Spaghetti-Eis. Jimmy und Joey brüllen ungefragt ihre Wünsche hinaus. Patricia kann sich für keine Sorte entscheiden ; Barby ist es total egal, Hauptsache Eis!
"Und was möchtest du, mein kleiner Paddy?" fragt Mutter Barbara liebevoll.
"Okolade und Erdbeer," brabbelt Paddy, und alle lachen.
"Und für meine Frau und mich eine Doppelportion Mokka," schließt Dan.
"Aber bitte mit Sahne!" bemerkt John, und es wird wieder gelacht.
Während sie auf das Eis warten, erzählt Vater Dan seinen Kindern Witze. Barbara muss ihren Mann bremsen, wenn die Witze zu unanständig werden.
Schon ist das Eis da. Alle stürzen sich gierig auf ihre Portionen. Paddy beäugt vorsichtig den Eislöffel mit dem langen Stil. So etwas hat er noch nie gesehen. Er wirft den Löffel auf den Boden.
Barbara hebt ihn lachend auf. Sie säubert den Löffel, häuft etwas Erdbeereis darauf und steckt ihn Paddy in den Mund. Gierig leckt Paddy den Löffel ab. Mmmh, schmeckt das gut.............
Ja ja, das waren noch Zeiten, dachte Paddy bitter, als sie vor dem Zelt anhielten. Heute können wir nicht einmal mehr allein auf die Straße gehen, geschweige denn in einem Eissalon ein Eis essen, ohne dass wir von Fans verfolgt werden.
Sie stiegen aus dem Auto und bereiteten sich auf das Konzert vor, das in drei Stunden stattfinden würde. Es war nur ein kleines Zelt, etwa für 200 Leute. John und Joey bauten darin die Bühne auf. Patricia drehte den anderen Mädchen Lockenwickler in die Haare. Angelo machte eine Mikrofonprobe: "Hallihallo, wir sind die Kelly Family, ich bin König Angelo, und das ist Johnny, unser Hofnarr!"
"Blödmann!" lachte Johnny und gab ihm einen Schubs.
Patricia stand indessen schon an einem anderen Mikro und sang sich die Seele aus dem Leib.
"Könnt ihre eure Texte? Habt ihr eure Instrumente? Weiß jeder, was er zu tun hat? Geht vorher noch mal aufs Klo!" warnte Kathy.
"Aye aye, Capitano!" brummte Joey.
Dann gingen die Kellys hinter die Bühne, um sich schön zu machen. Währenddessen füllte sich das Zelt mit Fans.
Paddy stimmte seine Gitarre. "One two three four, one two three four!" Angelo rannte durch die Garderobe, um sein Stirnband zu finden. Maite kreischte, weil ihr Kleid ein Loch hatte. Kathy musste es schnell flicken. Barby saß ruhig in einer Ecke.
"Bist du nervös, Barby?" fragte Johnny.
"Nei-nei-nei-nein," versicherte Barby zitternd.
Joey ließ eine Flasche Cola fallen. Sie zerbrach, und die Cola verfärbte Patricias Rock. Sie musste nun stattdessen ein Umstandskleid von Kathy anziehen. Die Situation wurde immer angespannter. Jimmy und Joey versuchten, sich zu beruhigen, indem sie rauften. Eine weitere Flasche ging zu Bruch.
Kurz gesagt, es ging drunter und drüber.
Von draußen hörten sie das Geschrei der Fans und ihr rhythmisches Klatschen. Hermann öffnete die Garderobentür. "Es ist zwei vor sieben. Ihr müsst hoch."
Sie liefen zur Bühne. John stürmter als Erster hoch. Die Fans jubelten. Johnny begrüßte sie und kündigte Angelo an, der als Zweiter auf die Bühne rannte. Dann kam Kathleen, dann kam Patricia, und so weiter. Als Letztes rief John: "Und hier ist - Paddy Kelly!"
Paddy sprang mit einem Satz ins Scheinwerferlicht - und alle schrien: "Paddy, Paddy, Paddy, PADDY!!"
Instinktiv rannte Paddy wieder zurück hinter die Bühne. Nein, er konnte es nicht. Er konnte da jetzt nicht rausgehen. Wenn er das jetzt tat, war alles verloren. Soweit durfte es nicht kommen. Wenn er da jetzt rausging, war er nicht mehr der kleine Paddy, der von Mama mit Eis gefüttert wurde. Wenn er da jetzt rausging, war er nur noch Paddy Kelly.
Plötzlich stand Kathy neben ihm. "Ja, bist du denn vom wilden Watz gebissen worden?" zischte sie. "Du kannst doch nicht einfach von der Bühne runterrennen!"
"Ich kann nicht!" schluchzte Paddy. "Kathleen, ich hab' solche Angst vor ihnen!"
"Erzähl' keinen Quatsch!" fauchte Kathy. "Geh' jetzt hoch und sing'! Du machst sonst alles kaputt!"
Mit Tränen in den Augen ging Paddy ein zweites Mal auf die Bühne. Die Fans kreischten wieder. Wie in Trance ging er ans Mikrofon, begrüßte die Fans und legte dann mit Maccaroni los.
Es wurde dann doch noch ein ganz nettes Konzert. Paddy fragte sich, ob er vielleicht zu dramatisch veranlagt war.
Am nächsten Tag waren sie schon wieder in Spanien. Abends verkündete Johnny: "Im Kino läuft morgen Abend Die Firma. Wollen wir da nicht alle zusammen reingehen?"
"Wir können doch nicht einfach so ins Kino gehen," meinte Maite.
"Doch. In Spanien sind wir schließlich nicht ganz so bekannt," sagte Barby.
"Also, dann morgen um acht. Ich lasse gleich mal Karten reservieren," meinte John.
Doch wie fast immer kam alles anders. Als sie am nächsten Morgen beim Frühstück saßen, sagte Patricia zu Kathleen: "Ich habe jetzt auch angefangen, Tod im weißen Häubchen zu lesen."
"Oh!" entfuhr es Paddy. "Bist du schon bei der Stelle, wo..."
Kathys Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Alles Abstreiten half nichts mehr, sie wusste, dass Paddy es gelesen hatte. "Du gehst nicht mit ins Kino!" bestimmte sie.
Paddy fing an zu weinen. "Bitte, alles, nur das nicht!"
"Strafe muss sein!" erwiderte Kathy streng.
"Aber wir haben schon die Kinokarten reserviert!" sagte Joey.
Doch Kathy blieb hart.
Um halb acht zogen sieben Kellys los ins Kino - Paddy und Kathy, der schlecht geworden war, blieben zuhause. Paddy ging hoch in sein Zimmer und legte ein Puzzle, weil ihm so langweilig war. Als er danach wieder in die Küche kam, buk Kathy einen Marmorkuchen. "Hallo
Paddy! Komm', wir wollen uns wieder vertragen. Bist du mir noch böse?"
"Aber nein," sagte Paddy, der nicht nachtragend war. Er lief zur Kuchenschüssel und naschte ein bisschen, und noch ein bisschen, und noch ein bisschen.
"Nicht so viel, Paddy!" rief Kathy. "Du bist schon dick genug!"
"Ich?" Paddy lachte. "Das sagt ja gerade die Richtige! Du siehst aus, als hättest du einen Elefanten verschluckt!"
Kathy wurde ganz blaß. Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und japste nach Luft.
Paddy rannte ängstlich zu ihr. "Sorry, Kathy. Ich nehm's zurück, okay?"
Kathleen ächzte nur noch.
"Mann, Kathy, jetzt kipp' mir hier nicht um!" schrie Paddy voller Angst.
"Die Fruchtblase ist geplatzt!" stöhnte Kathy.
"Bitte was?" Paddy verstand gar nichts mehr. "Ich dachte, das ist ein Marmorkuchen?!"
"Himmel, ich krieg' meine Wehen!" schrie Kathy.
Sofort war Paddy hellwach. Shit, was mach' ich jetzt. Blitzschnell rannte er zum Telefon und wählte eine Nummer. Eine Männerstimme meldete sich. Paddy sprudelte einfach drauflos. "Hermann, hier ist Patrick. Ich hab' einen absoluten Notfall, kannst du bitte ganz schnell kommen, ich weiß nicht..."
"Ich komme," sagte Hermann ganz ruhig.
Paddy legte auf und eilte wieder zu Kathy. Die lag inzwischen auf dem Boden und stöhnte jämmerlich. "Wie geht's dir?" fragte Paddy nervös.
"Beschissen! Es kann jede Minute soweit sein..."
"Oh Gott!" kreischte Paddy und rannte wieder ans Telefon. Dieses Mal rief er die Feuerwehr an. Etwas Besseres fiel ihm wirklich nicht ein. Kathy lag immer noch auf dem Küchenboden und keuchte.
Endlich traf die Feuerwehr ein, zeitgleich mit Hermann und Hans. Sie luden Kathleen ins Auto und fuhren mit Blaulicht und Sirene davon. Paddy saß allein am Küchentisch und wartete. Hoffentlich ging alles glatt über die Bühne. Wo blieben nur die anderen?
Dann musste er über Kathleens Kind nachdenken. Was würde es für ein Leben haben? Der Vater hatte Kathy sitzengelassen, es würde mit einer alleinerziehenden Mutter aufwachsen. Sie Onkel und Tanten waren allesamt recht berühmt. Es würde bestimmt ein chaotisches Leben für Kathys Sohn bzw. Tochter werden.
Endlich hörte er einen Schlüssel im Schloss und die Stimmen seiner Geschwister.
"Ach, dieser Tom Cruise ist ja so toll," hörte er Patricias Stimme im Flur.
"Ich persönlich fand den Film blöd!" sagte Joey. "Ich hätte..."
Paddy rannte in den Flur. "Hey Leute, es ist was passiert..."
"Du bist ja ganz blaß!" stellte Maite fest.
"Jetzt hört mir doch mal zu!! Kathy hat ihre Wehen gekriegt, sie ist jetzt im Krankenhaus!!"
"Aber das ist doch zwei Wochen zu früh!" stöhnte Joey. "Wie lange ist sie schon dort?"
Paddy sah auf die Uhr. "Vielleicht eine Stunde."
"Wir müssen sofort zu ihr!" rief Barby aufgebracht.
"Paddy weiß aber doch bestimmt nicht, in welches Krankenhaus man sie gebracht hat," meinte Patricia. "Oder?"
"Nein," musste Paddy zugeben.
"Die arme Kathy!" schluchzte Johnny. "Sie bekommt ein Kind und keiner ist bei ihr!"
Nervös setzten sich die Kellys um den Tisch und warteten. Lange sagte keiner ein Wort. Sie saßen einfach nur da und warteten und hatten Angst und waren nervös. Angelos Vorschlag, Karten zu spielen, lehnten die anderen entrüstet ab. Wie konnten sie spielen, wenn Kathy zur gleichen Zeit vielleicht Höllenqualen erlitt? Es war zum Verrücktwerden. Sie konnten auch nicht ihren Vater anrufen, um ihm alles zu erzählen. Dan war auf Hawaii und hatte keine Telefonnummer hinterlassen.
In die Stille hinein klingelte plötzlich das Telefon. Jimmy und Maite sprangen gleichzeitig auf. Doch Jimmy war schneller und hob den Hörer ab.
"Entweder das Krankenhaus oder Vater," flüsterte Barby aufgeregt.
"Sei still!" zischte Johnny. "Ich will hören, was Jimmy sagt!"
Alle hielten die Luft an. Jimmy lachte ins Telefon. "Ja. Ja. Das ist ja phantastisch! Ja, wir kommen sofort. Danke. Auf Wiedersehen." Mit glücklichem Gesicht legte er auf.
"Ja, und??" brüllte Joey.
Jimmy strahlte. "Es ist da! Es ist ein Junge! Er heißt Sean!"
Während Joey, Maite, Barby und Patricia ins Krankenhaus fuhren (mehr passten nicht ins Auto), erzählte Jimmy den anderen das Weitere. "Sie mussten einen Kaiserschnitt machen. Kathleen geht es gut. Das Baby ist normal entwickelt, es ist blond und hat blaue Augen."
"Ich freue mich so," lachte Angelo.
Paddy sagte überhaupt nichts. Das musste er erst einmal verarbeiten. Sean. Sean Kelly. Zum Glück war er gesund.
Nach einer halben Stunde kamen die anderen wieder. Alle schworen, dass es ein ganz süßes Baby war. Patricia hatte sogar geweint, obwohl sie ihren Neffen nur durch eine Trennscheibe hindurch gesehen hatte.
Nun fuhren John, Angelo, Paddy und Jimmy ins Krankenhaus. Sie wurden von einer Schwester zu Kathy geführt. Sie lag in einem Bett und stillte Sean.
"Halloo, Kathy!" trompetete Angelo.
"Leise!" zischte John.
Kathy lächelte. "Wie schön, dass ihr da seid. Das ist Sean. Ist er nicht goldig?"
Doch, da mussten sie ihr Recht geben. Johnny zog ein Taschentuch aus seiner Jackentasche und wischte sich über die Augen.
"Weinst du, Johnny?" fragte Angelo listig.
"Ach Quatsch," sagte Johnny mit tränenerstickter Stimme.
"Möchtest du ihn mal halten?" fragte Kathy.
Sie gab ihn Johnny auf den Arm. Sean guckte ihn mit seinen großen blauen Kulleraugen an. Eine Träne lief über Johns Gesicht. Schnell drückte er Paddy das Baby in die Arme und angelte nach seinem Taschentuch. Sean grinste Paddy an und quiekte.
Sean.
"Gib' ihn mir auch mal!" bettelte Jimmy.
Paddy gab ihm das Baby. Jimmy streichelte sanft über Seans kleimes Gesicht und knuddelte ihn vorsichtig. Und Paddy konnte direkt fühlen, wie sich in diesem Moment Jimmys gesamte Gereiztheit und Angespanntheit in Luft auflösten.
Gegen später kehrten die vier wieder zurück nach Hause.
"Na, der kleine Sean war doch echt niedlich, oder?" fragte Barby.
"Stimmt. Wir wurden wahrlich nicht enttäuscht," meinte Johnny.
So langsam kam bei den Kellys eine ausgelassene Stimmung auf.
"Wir müssten eigentlich jetzt feiern!" rief Joey fröhlich. "Schließlich ist heute der kleine Seanie geboren worden!"
"Ich hole Sekt!" rief Tricia und rannte in den Keller.
"Wollen wir nicht irgendwo schick essen gehen?" schlug Paddy vor.
"Wir sind berühmt!" erinnerte Barby.
"Ach, stimmt ja!" Doch heute konnte nicht einmal das Paddys Laune trüben. Er ging stattdessen ans Telefon. "Guten Abend, ist hier der Pizza-Service? Könnten Sie uns bitte 15 Pizzen liefern?"
"Du willst mich wohl verarschen??" brüllte der Typ am anderen Ende.
John riss den Hörer an sich. "Kelly hier."
"Ach so! Natürlich, Herr Kelly! Die Pizzen kommen sofort!"
Na bitte. Eine Viertelstunde wurden die dampfenden Pizzen gebracht. Patricia füllte die Sektgläser. Auch die Kleinen durften zur Feier des Tages Sekt trinken.
"Auf Baby Sean!" rief John, und alle tranken einen Schluck.
"Und auf Kathy!" rief Jimmy, und alle tranken den zweiten Schluck.
"Und darauf, dass wir noch erfolgreicher werden!" rief Maite.
"Das sehe ich anders!" meinte Paddy und kippte den Sekt in den Ausguss.
Dann aßen sie ihre Pizzen und tanzten Polonaise durch das ganze Haus, bis sie zu müde waren und schlafen gingen.
Am nächsten Tag jetteten die acht Kellys nach Köln, um ihre neue Platte weiter aufzunehmen. Kathy blieb noch im Krankenhaus.
Dieses Mal klappte die Aufnehme von Stay Beside Me perfekt. Jimmy sang mit sehr viel Power, und Joey war völlig zufrieden. Barby hatte den Text von Stronger Than Ever fertiggeschrieben, also nahmen sie dieses auf, und dann noch Too Many Ways, einen Song von Johnny, und dann noch Looking For Love und Take Away, die beide Paddy geschrieben hatte.
"Heute haben wir fünf Lieder aufgenommen!" staunte Patricia.
"Vielleicht deshalb, weil Kathy nicht dabei war!" vermutete Maite kichernd.
"Jetzt ham' wir uns 'ne Belohung verdient!" meinte Angelo zu Paddy. "Gehst du mit zu KAUFHOF? Ich will mir ein neues Playstation-Spiel kaufen."
"Klar," meinte Paddy.
Die beiden Brüder zogen ihre Jacken an und wollten losgehen, doch an der Tür wurden sie von Johnny aufgehalten. "Hey, wo wollt ihr denn hin?"
Paddy schwieg. "Zu KAUFHOF," erklärte Angelo.
Johnny schüttelte ernst den Kopf. "Ihr wisst doch, dass ihr nicht allein gehen sollt. Ich hole schnell Peter, der soll mit euch gehen."
Er ging weg, um den Bodyguard zu suchen. Kaum war er außer Sichtweite, rannten Paddy und Angelo aus dem Studio, hinaus auf die Straße.
"Ich fühle mich, als wäre ich völlig frei!" Paddy fing übermütig an, auf der Straße zu tanzen.
Plötzlich sahen sie John auf sich zurennen kommen. Er schien sehr wütend zu sein.
"Shit!" zischte Angelo. "Da ist Johnny!"
Zum Glück kam in genau diesem Augenblick eine Straßenbahn. Paddy und Angelo sprangen schnell hinein. Doch oh shit - die Bahn fuhr noch nicht los, es stiegen immer noch Leute ein.
"Gleich kommt er!" meinte Angelo verzweifelt.
Johnny trat entschlossen auf die Straßenbahn zu. Doch in diesem Moment kamen plötzlich zwei weibliche Fans auf ihn zugestürzt und versuchten, ihn zu küssen. Die Bahn fuhr los.
"Tja, das kommt davon, wenn man ohne Bodyguard auf die Straße geht!" lachte Paddy höhnisch.
In der Innenstadt stiegen sie aus und gingen zu KAUFHOF. Während Angelo die Playstation-Spiele testete, sah Paddy sich in der CD-Abteilung um. Für die Kelly-CD STREET LIFE war ein Extra-Stand aufgebaut. Paddy blieb lange davor stehen. Wie wird wohl die neue CD einschlagen? Ob man dafür auch einen Extra-Stand aufbauen wird? Bis jetzt haben wir ja noch nicht einmal einen Namen.
Die Verkäuferin betrachtete ihn misstrauisch. Paddy war das unangenehm, und er ging an einen anderen Stand. Die Verkäuferin ging nun zum Kelly-Stand und schaute abwechselnd auf die CDs und auf Paddy. Hoffentlich erkennt sie mich nicht, dachte Paddy. Ich geh' mal lieber wieder zu Angelo.
Der erwartete ihn schon ungeduldig. "Gut, dass du kommst, Paddy. Ich hab' mich für ein Adventure-Spiel entschieden!"
Paddy warf einen Blick auf das Preisschild. "Huch! 150 DM!"
Angelo ging lässig zur Kasse und bezahlte mit einem 200-DM-Schein. "Ich hab' jetzt noch 50 DM übrig. Wollen wir zu McDonalds gehen? Ich lade dich ein!"
Sie liefen über die Hauptstraße. An einer Ecke stand ein alter Mann, spielte Gitarre und sang dazu. Viele Passanten waren begeistert stehengeblieben. Einige Kinder tanzten zur Musik. Paddy blieb fasziniert stehen. So haben wir auch mal angefangen.
"Komm' jetzt!" Angelo zog ihn ungeduldig am Arm.
"Wir müssen ihm etwas Geld geben. Er spielt so gut!" sagte Paddy.
"Ich hab' nur einen 50-DM-Schein."
Paddy kramte in seiner Jackentasche und fand tatsächlich noch ein Fünfmarkstück.
"5 DM? Spinnst du?" zischte Angelo.
Paddy hörte nicht auf ihn. Er trat auf den Mann zu und warf ihm das Geld in den Gitarrenkasten. Der alte Mann unterbrach sein Singen. Er lächelte Paddy freundlich an und sagte: "Vielen Dank." Dann sang er fröhlich weiter, als wäre nichts geschehen.
Angelo zerrte Paddy zu McDonalds und schob ihn an einen Tisch. "Such' dir was aus," meinte er großzügig. "Ich nehme Chicken."
Chicken? Spontan fiel Paddy ein Lied von STREET LIFE ein. Chicken Pies. Ihr seid die Hühner, und ich bin der Hahn, hatte er damals immer zu den Fans gesagt.
Jetzt erst kapierte Paddy den tieferen Sinn dieses Liedes, das er vor einem Jahr geschrieben hatte. Ich bin der Hahn, und ihr seid die Hühner. Ich gackere, und ihr gackert auch. Ich sage, Angelo ist blöd, und ihr findet Angelo auch blöd. Ich bring' mich um, und ihr tut es auch.
Shit, ich will das nicht. Ich will nicht, dass sie alles gut finden, was ich sage. Ich will wissen, wo meine Grenzen liegen. Sie sollen mir ruhig widersprechen. Ich bin nicht perfekt. "Ich will kein Vorbild sein," murrte Paddy.
"Wie bitte?" fragte Angelo.
"Ähmm, ich nehme Pommes," sagte Paddy schnell. Angelo eilte los, um das Essen zu holen. Paddy blieb am Tisch sitzen. Der alte Mann von vorhin fiel ihm wieder ein. Genauso wollte er selbst auch leben: Musik machen für die Leute, aber nicht berühmt sein. Nicht so richtig jedenfalls. Das wäre ein Leben. Mit einem Mal beschloss Paddy, dieses Erlebnis in einem Song zu verarbeiten.
Angelo kam mit einem Tablett voller Essen zurück. "Hast du einen Kuli?" fragte Paddy aufgeregt. Angelo reichte ihm einen Kugelschreiber. Paddy fing an, auf der Serviette zu schreiben. "Bist du blöd?" fragte Angelo. Doch Paddy ließ sich nicht stören. Angelo biss missmutig in seinen Chicken-Burger. Nach einer Weile aß er auch die Pommes von Paddy auf. Doch der schrieb seelenruhig weiter.
"Ich bin fertig!" jubelte er nach einiger Zeit.
"Ich bin auch fertig," sagte Angelo beherrscht. "Mit dem Essen und mit den Nerven. Wir müssen zurück ins Studio."
Sie fuhren mit der Straßenbahn zurück. Die anderen Kellys packten bereits wieder alles zusammen. Als Johnny Paddy und Angelo erblickte, stürzte er mit blitzenden Augen auf sie zu. Angelo konnte fliehen. Paddy versuchte es auch, aber da packte Johnny ihn schon am Arm. "Hiergeblieben, Mr. Patrick Kelly! Ich muss mal ein ernstes Wörtchen mit dir reden!"
"Lass' mich los!" maulte Paddy, doch John zerrte ihn in eine Ecke und schubste ihn in einen Sessel. Dann hielt er ihm einen Vortrag über unerlaubtes Weggehen und Widersetzung gegenüber Älteren. Unauffällig zog Paddy seinen Walkman auf. Als die Kassette am Ende war, redete John immer noch. "So, ich glaube, das reicht jetzt. Ich hoffe, du wirst dich noch lange an diese Strafpredigt erinnern. Jetzt müssen wir aber zum Flughafen."
Einen Tag, nachdem sie wieder nach Spanien zurückgekehrt waren, kamen Kathy und ihr Baby Sean aus dem Krankenhaus.
Doch ganz so schön, wie sich die anderen das vorgestellt hatten, wurde das Leben mit Sean nicht. Er fing oft mitten in der Nacht an zu schreien und weckte alle. Kathy war noch recht schwach vom Kaiserschnitt, und so musste John nun jede Nacht aufstehen und Sean beruhigen und herumtragen. "Ich fühle mich wie ein überforderter Vater," stöhnte John nach einer Woche.
Auch Vater Dan wusste inzwischen Bescheid über sein Enkelkind, denn er hatte aus Hawaii angerufen, wo er noch einige Monate bleiben wollte.
"Er hätte ja ruhig kommen können, um Sean zu besichtigen," meinte Maite morgens beim Frühstück.
"Ist heute nicht unser freier Tag?" fiel Angelo ein.
"Vormitttags geht's noch mal ins Studio. Der Nachmittag ist frei," erklärte Patricia.
Kathy kam mit fragendem Gesicht ins Zimmer. "War jemand an meinem Geldbeutel?"
"Ja, ich hab' 'nen Zehner bei dir gewechselt, als wir ins Kino gegangen sind," sagte Johnny.
"Das ist es nicht! Mir fehlen 200 DM!" rief Kathy.
"Vielleicht hast du das Geld irgendwo verlegt?" meinte Paddy.
"Wir können es ja später suchen. Jetzt müssen wir erst ins Studio!" sagte Angelo.
"Aber wir haben noch eine halbe Stunde Zeit!" sagte Joey verwundert.
"Och, lasst uns doch schon jetzt gehen!" bettelte Angelo.
Jimmy lachte. "Du hast es aber eilig! Aber gut!"
Im Studio nahmen sie zuerst die Ballade When The Last Tree... auf. Danach zeigte Paddy ihnen das Lied, das er für den alten Mann geschrieben hatte. Es hieß nun One More Freaking Dollar. Alle lasen sich den Text durch. "Echt perfekt!" meinte Maite mit verklärtem Gesicht und sprach damit allen aus der Seele. Schnell probten sie das Lied und nahmen es kurz darauf auf. Danach stand nur noch ein Song auf dem heutigen Programm. Doch die Aufnahmen zu Kickboxer, Angelos Lied, wollten irgendwie nicht klappen.
"Vielleicht lassen wir es besser sein und probieren es ein anderes Mal wieder. Bei Stay Beside Me hat es ja auch so geklappt!" meinte Jimmy.
Angelo nickte, doch er schien sehr niedergeschlagen zu sein. Zuhause setzte er sich gleich vor den Fernseher und begann, Playstation zu spielen.
Paddy setzte sich enttäuscht neben ihn. "Mann Angelo, wir wollten doch Fußball spielen..."
"Lass' mich!" knurrte Angelo.
Barby kam mit Sean im Arm ins Wohnzimmer. "Na Jungs, was macht ihr denn so?" Schwungvoll setzte sie Sean aufs Sofa. Sofort fing der an zu brüllen.
Wie der Blitz kam Kathy aus der Küche geschossen. "Was tust du meinem Kind an?!" fauchte sie.
"Ich hab' doch gar nichts getan!" fiepte Barby und eilte davon.
Kathy nahm ihr schreiendes Baby auf den Arm. "Na Seanielein, nicht weinen!" Sie schnüffelte an ihm. "Puuh, ist die Windel wieder voll! - Bitte wickel' ihn mal!" sagte sie zu Jimmy, der gerade aus dem Garten kam.
"Iiiiich??" winkte Jimmy empört ab. "Das ist Frauensache!"
"Oh, du bist ein Egoist, du bringst mich noch ins Grab!" schrie Kathy und stampfte mit dem Fuß auf, woraufhin Sean erst recht zu brüllen begann. "Und du, Angelo, mach' gefälligst den Fernseher aus, wenn ich rede!"
"Wenn du brüllst," verbesserte Paddy.
Erstaunlicherweise gehorchte Angelo sofort und ging nach oben. Doch nach fünf Minuten kam er wieder und ging nach draußen. Er wirkte wie in Trance.
Der spinnt! dachte Paddy nur und ging nach oben in sein Zimmer. Auf seinem Bett fand er ein Kuvert. Darauf stand in Angelos krakeliger Schrift: AN PADDY. Schnell holte Paddy den Brief heraus. Da stand:
LIEBER PADDY!
ES TUT MIR LEID UND ES IST SCHWER, ABER ICH MUSS ES TUN.
DEIN ANGELO
Schockiert sprang Paddy auf. Ganz klar, was Angelo damit meinte. Aber warum? Und er war doch noch so jung! Paddy hatte nur einen Gedanken: Ich muss es verhindern!
Er rannte nach draußen, sprang auf sein Fahrrad und fuhr los. Wo konnte Angelo nur sein? Wo war ein guter Platz zum Sterben? - Die Eisenbahnbrücke. Genau. Paddy fuhr so schnell er konnte dorthin. Tatsächlich. Angelo saß auf dem Geländer. Seine langen blonden Haare flatterten im Wind. Er konnte jede Minute loslassen.
Paddy sprang vom Rad. Krachend folg es auf den Boden. Angelo drehte den Kopf. Fast hätte er den Halt verloren.
"Spring' nicht!" schrie Paddy wie von Sinnen. "Tu' es nicht! Nein!"
Angelo liefen die Tränen übers Gesicht. "Es geht nicht anders. Es ist schon okay so."
"Gar nichts ist okay!" Paddys Herz klopfte wild. "Du bist doch erst 10! Denk' doch an den ganzen Spaß, den du verpasst, wenn du ja jetzt runterspringst!"
Angelo heulte lautlos. "Ist mir total egal."
Paddy hatte Tränen in der Stimme. "Angelino, du bist doch mein Bruder. Ich hab' dich doch lieb, verdammt noch mal. Und denk' an die anderen!"
"Was jucken mich die anderen!" schrie Angelo mit rotem Kopf. Er war wütend über sein Weinen. "Mann Paddy, ich hab's dir doch erklärt! Es ist besser so, glaub's mir! Und jetzt verpiss' dich endlich und glotz' nicht so dumm! Ich will springen!"
"Du willst gar nicht wirklich springen!" behauptete Paddy. "Sonst wärst du schon längst gesprungen und würdest dir nicht mein Gelaber anhören!"
Angelo kletterte langsam vom Geländer und lief auf seinen Bruder zu. Paddy nahm ihn in die Arme. Angelo weinte laut. "Ich kann nicht mehr!" schluchzte er. "Wenn Kathy erfährt, dass ich ihre 200 DM gestohlen hab', wird sie echt sauer! Und die Aufnahme von Kickboxer klappt auch nicht!"
"Ich helfe dir dabei," sagte Paddy ruhig. "Und das mit Kathy kriegen wir auch noch irgendwie hin."
Angelo sah seinen großen Bruder dankbar an. "Oooh, Paddy, ich hab' dich ganz doll lieb!"
Als sie das nächste Mal ins Studio gingen, brachte Paddy Angelo seine besten Tricks bei. Die Aufnahme klappte sehr gut.
"Hat noch irgendjemand einen neuen Song geschrieben?" erkundigte sich Patricia. "Wir brauchen noch Songs für die neue Platte."
"Ich hab' ein Lied geschrieben," gab Barby zögernd zu. "Es heißt I Can't Stop The Love. Aber ich glaube nicht, dass es zu mir passt."
Die anderen lasen sich den Text durch. "Ich könnte das singen," meinte Paddy begeistert.
"Nein, ich," widersprach Jimmy.
"Oh oh - jetzt haben wir zwei Kandidaten!" stellte John fest.
"Ja - was machen wir denn jetzt?" schluchzte Kathy.
"Mann, Kathleen, piens' doch hier nicht rum!" meinte Joey. "Ich bin dafür, dass wir es zweimal durchproben: einmal mit Jimmy und einmal mit Paddy."
Gesagt, getan. Zuerst sangf Jimmy, danach sang Paddy. Dann sahen die beiden ihre Geschwister erwartungsvoll an.
Nach einer kurzen Beratung mit den anderen meinte John: "Ihr wart beide total gut."
"Beide gleich gut?" fragte Jimmy enttäuscht.
"Ja!" riefen die anderen.
"Aber vielleicht war ja einer von uns ein kleines bisschen besser?" beharrte Paddy.
"Nein!" riefen alle.
"Was machen wir denn jetzt?" schluchzte Kathy.
"Ich zähle aus!" entschied Angelo. "Eine kleine Mickymaus / zog sich mal die Hose aus / zog sie wieder an / und du bist dran - Patricia!"
"Was?" rief Patricia überrascht. "Ich hatte doch gar nichts gesagt!"
"Du darfst nur zwischen Patrick und Jimmy auszählen!" erklärte John.
"Ach so!" Angelo grinste verlegen. Er zählte noch einmal aus, und dieses Mal gewann Jimmy.
"Das ist unfair!" protestierte Paddy.
"Was willst du?" fragte Jimmy und grinste überheblich. "Es war ein faires Spiel und du hast eben verloren - Pech!"
Jimmy und Paddy. Es war schon immer eine Hassliebe gewesen. Paddy konnte sich immer anstrengen, soviel er wollte, Jimmy war immer der Bessere. Paddy hasste Jimmy deswegen und war gemein zu ihm, und sobald Jimmy das merkte, wurde er traurig, denn er wusste ja nicht warum! Und wenn Jimmy traurig war, hatte Paddy ein schlechtes Gewissen und konnte nicht mehr gemein zu ihm sein.
Am nächsten Tag hatten sie frei. Und passenderweise regnete es in Strömen.
"Das ist unfair!" knurrte Joey beim Frühstück. "Ich wollte doch zum Angel gehen!"
"Geh' doch morgen, morgen soll es Sonnenschein geben!" tröstete Johnny.
"Aber morgen haben wir ein Interview in der Schweiz!" rief Joey. Es war wirklich zum Verzweifeln!
Patricia kam aus dem Keller. "John, ich glaube, ein Fax kommt, ich kann das Teil nicht bedienen, geh' du hin!"
John eilte in den Keller. Nach wenigen Minuten brachte er ein Fax aus Hawaii mit: ein Foto von Vater Dan in der Badehose, umringt von leichtbekleideten Blondinen unter Palmen. Joey und Jimmy bekamen sofort Stielaugen.
"Vater ist wirklich abstoßend!" meinte Barby angewidert.
"Lass' ihn doch, er will auch mal seinen Spaß haben!" vermittelte Joey. "Und die Frauen sind doch wirklich toll! Ich wünschte, ich wäre mitgegangen!"
"Ihr seid echt unmöglich!" sagte Barby entrüstet und ging aus dem Zimmer.
Wenig später lag Paddy allein auf seinem Bett. Ihm war langweilig. Wenn es nicht regnen würde, wäre er mit Angelo in die Stadt gegangen und hätte ein Geschenk für Patricia gekauft, denn sie hatte bald Geburtstag.
Aus Jimmys Zimmer donnerte gerade das Instrumental-Intro von I Can't Stop The Love. Jimmy probte wohl. Paddy summte mit. Ha, Jimmy, Einsatz verpasst! Jimmy gab sich überhaupt keine Mühe. Ihm ging es wahrscheinlich gar nicht um das Lied, sondern nur darum, seinen Kopf durchzusetzen.
Wieder erklang das Intro. Ob Jimmy dieses Mal den Einsatz schaffen würde? Ja, er schaffte sogar die ersten Sätze, dann brach er wieder ab. Paddy grinste. Er hörte Jimmy fluchen. Dann ertönte das Intro zum dritten Mal.
Genug! Paddy konnte und wollte es nicht mehr hören. Wo waren nur seine CDs? Wahllos griff er nach einer CD und schob sie in den Player. Erst jetzt erkannte er, dass es die Kelly Family - CD NEW WORLD war. Verachtungsvoll übersprang er die Titel, auf denen Jimmy sang, und blieb schließlich bei The Rose, einem Lied von Kathy, Patricia und John hängen.
Dieses Lied ist wahnsinnig schön, dachte Paddy. Wer hat diesen Song eigentlich im Original gesungen? Bette Midler, glaube ich. Ob sie jemals unsere Version gehört hat?
Aus lauter Langeweile setzte er sich an den Schreibtisch und entwarf einen Brief an Bette Midler. Er schilderte ihr das Lied und bat sie, es sich anzuhören und ihm zurückzuschreiben, ob es ihr gefiel. Dann wollte er schon die Privatadresse drunterschreiben, doch da fielen ihm die Worte seines Vaters ein: "Gib' niemandem deine Adresse, und schon gar nicht jemandem, den du nicht gut oder gar nicht kennst!!!!!!!!!!!!"
Also gut, Paddy schrieb die Faxnummer ans Ende des Briefes, unterschrieb, steckte den Brief und die CD in einen Umschlag und radelte im strömenden Regen zum Briefkasten.
Ungefähr eine Woche später rief Vater Dan mal wieder an. Paddy ging ans Telefon. "Ach, du meldest dich auch mal wieder, Daddy!"
"Was soll der Unsinn?" polterte Dan los. "Melde ich mich nicht regelmäßig jede dritte
Woche?"
"Doch, doch," erwiderte Paddy schnell. "Was gibt's Neues? Ist Hawaii immer noch so
schön?"
"Es wird jeden Tag schöner!" schwärmte Dan. "Ich habe die Spielcasinos für mich entdeckt. Hab' schon 40 DM gewonnen."
"Das ist ja nicht viel," maulte Paddy.
"Ihr Kinder, ihr wisst den Wert des Geldes nicht mehr zu schätzen! Und jetzt gib' mir mal Kathy."
Am Abend saßen die Kellys alle beim Abendessen.
"Wir haben keinen Apfselsaft mehr," stellte Maite fest.
"Ich hole welchen aus dem Keller," bot Joey an. Nach kurzer Zeit kam er mit einem Kasten voller Flaschen wieder. "Unten ist ein Fax gekommen."
"Warum hast du es denn nicht gleich mitgebracht?" fragte Kathy.
"Ich kann das nicht! John ist der Einzige, der das Monsterteil bedienen kann!"
Stöhnend erhob sich John und ging in den Keller. Nach wenigen Minuten kam er wieder nach oben gerannt. Er war rot im Gesicht und sah sehr nervös aus.
"Paddy," sagte er mit wackliger Stimme, "bevor ich es vorlese: hast du zufällig einen Brief mit einer CD drin nach Amerika geschickt?"
"Ähm, ja," sagte Paddy verlegen.
"Wahnsinn!" kreischte John. "Es ist kein Traum!" Er musste sich am Tisch festhalten, um nicht umzukippen. Barby sprang auf und stützte ihren Bruder.
"Mann, was steht denn da jetzt drin?" schrie Angelo.
Barby schielte nach dem Fax. Nachdem sie es gelesen hatte, fing auch sie an zu kreischen. "Wahnsinn! Ich sterbe!"
"Jetzt lest doch endlich vor!" brüllte Paddy.
Mit zitternder Stimme erzählte Barby: "Bette Midler ist von unserer Version von The Rose total begeistert! Sie lädt uns nach Amerika ein!"
In diesem Augeblick wurde Paddy der größte Bette-Milder-Fan der Welt.
Eine Stunde nach dem Abendessen hatte sich Paddys Zimmer in ein Bette-Midler-Museum verwandelt. Aus allen Zeitschriften hatte er ihre Bilder herausgerissen und an die Türen und Schränke geklebt. Verschwunden waren die Breakdance- und Graffitti-Poster, überall hingen jetzt nur noch Bette Midler - Poster. Patricia hatte großzügig zwei CDs von Bette herausgerückt und Joey hatte im Keller sogar noch eine alte Bette Midler - Tasse gefunden, in der Paddy nun seine Stifte aufbewahrte.
Nach getaner Arbeit warf Paddy sich müde aufs Bett. Kathy öffnete die Tür. "Hier sieht's ja toll aus!"
"Findest du wirklich?" Kritisch betrachtete Paddy sein Zimmer. "Meinst du nicht, es ist zu wuchtig?"
"I wo!" Kathy setzte sich zu ihm. "Ich finde es sehr schön. Himmel, bin ich aufgeregt! Nächsten Dienstag geht's schon los! Ich war noch nie in Los Angeles!"
Paddy rechnete nach. "Nächsten Dienstag... das bedeutet, dass Vater es nicht mehr vorher erfährt!"
Kathy drückte ihren kleinen Bruder. "Ich bin so wahnsinnig nervös! Hoffentlich klappt alles! Was soll ich nur anziehen?" Sie rannte aus dem Zimmer.
Paddy lehnte sich zurück und betrachtete die vielen Poster. "Oh Bette, du machst uns alle noch ganz crazy!"
Schließlich war es soweit. Um acht wollten die Bodyguards Hermann, Peter und Hans die Kellys abholen. Um sieben waren die Kellys an der absoluten Nervositätsgrenze.
"Ich hab' die völlig falschen Sachen eingepackt!" stöhnte Barby und fing an, ihren Koffer wieder auszupacken.
"Wo ist mein MARS-Riegel?" schluchzte Maite. "Ich hab' soooooo Hunger!"
"Du hast doch grad' erst gegessen!" wunderte sich Joey.
"Wo ist meine Gitarre?" rief Paddy.
"Die brauchst du doch nicht!" rief Patricia.
"Klar braucht er die!" rief Johnny.
"Die braucht er nicht!" rief Jimmy.
"Wo ist mein MARS-Riegel?" plärrte Maite.
"Herrgott, Maite, er ist in meiner Handtasche," rief Kathleen verärgert, die gerade Angelo einen Zopf flocht.
"Ich will keinen Anzug anziehen," maulte Angelo.
"Und ob!" bestimmte Kathy. "Die Jungs gehen alle in Anzügen und die Mädchen alle in Blusen und Faltenröcken!"
"Was soll die Verkleiderei?" maulte Joey.
Jimmy war nicht dazu zu überreden, den Anzug anzulassen. Er kippte sich mit Absicht Kaba darüber und bekam von Kathy zu hören, dass er ein unmöglicher Sargnagel sei.
Paddy wendete einen anderen Trick an. Er versteckte seinen Anzug unter dem Bett und ging in Unterwäsche zu Kathy. "Ich kann meinen Anzug nicht anziehen, Kathy. Ich finde ihn nicht!"
"Schluss, Schluss!" schrie Kathy. "Zieht doch alle an, was ihr wollt!"
Schnell zogen die Kellys ihre Freizeitklamotten an. Am Ende standen nur noch Kathy und John in Anzug und Bluse da.
Es klingelte. Hermann stand vor der Tür. "Wir können losfahren."
Kreischend klammerten sich die Kleinen aneinander.
Kathy nahm ihre Handtasche und sagte würdevoll: "Ab ins Abenteuer!"
"Mann Paddy, guck' dir diese Wolkenkratzer an!" schrie Angelo und starrte begeistert aus dem Fenster von Hermanns Mietauto.
Paddy drehte vorsichtig den Kopf. Ihm war so wahnsinnig schlecht. 12 Stunden waren sie geflogen. Nun waren sie in L.A., und bald würden sie vor Bette Midlers Villa stehen.
"Sie hätte uns ruhig mit einem Auto abholen können!" meckerte Johnny und versuchte, den grell weinenden Sean zu beruhigen. "Schlafe, mein Seanie, schlaf' ruhig ein..."
"Sie kennt uns doch gar nicht!" meinte Patricia.
"Wir sind da!" sagte Hermann und stoppte den Wagen.
Die Kellys kletterten aus dem Wagen. Es war ein unglaublicher Anblick. Mitten in diesem schönen ruhigen Viertel stand diese elfenbeinfarbene Villa. Die Fenster reflektierten das Licht der Sonne. Das ganze Haus erweckte den Eindruck eines riesigen Juwels. Vor dem Haus lag ein großer Garten, schon eher ein Park.
Kathy trat unsicher ans Tor und klingelte.
"Yes, please?" schallte sofort eine Stimme aus der Sprechanlage.
"Kelly Family," sagte Kathy.
Summend öffnete sich das Tor. Die Kellys standen im Park. Die Villa stand auf einer kleinen Anhöhe.
"Lasst uns gehen," meinte John.
Als sie nur noch wenige Schritte vom Haus entfernt waren, kam eine junge dunkelhaarige Frau auf sie zu. "Guten Tag, Kelly Family."
Das war Bette Midler?
Jimmy begann sofort zu flirten. "Guten Tahag!" flötete er.
Die Frau lächelte. "Kommen Sie doch herein. Mrs Midler wird Sie so bald wie möglich empfangen."
"Ach so, eine Angestellte," machte Jimmy enttäuscht.
Staunend betraten die Kellys die Villa. Schon stand ein junger Mann in hotelmäßiger Uniform vor ihnen. "Guten Tag, verehrte Kelly Family. Mrs Midler wird Sie sofort empfangen. Warten Sie bitte im Erfrischungszimmer auf sie. Ich werde sie sofort dorthin begleiten. Folgen Sie mir bitte." Er rauschte davon. "Erfrischungszimmer?" flüsterte Barby überrascht.
Sie folgten dem Pagen durch einen langen Gang. Schließlich brachte er sie in ein Zimmer, schloss die Tür und zog sich zurück.
Das Erfrischungszimmer war etwa so groß wie das gesamte Haus der Kellys in Spanien. Lederbezogene Sessel standen im Kreis um ein Lacktischchen, auf dem eine Schale voller Kekse stand. Sonst war das Zimmer leer, nur einige moderne Bilder hingen an den Wänden. Eine Zimmerwand bestand aus Milchglas. Dahinter konnte man undeutlich Grünzeug sehen. Es war ganz still im Raum. Joey griff nach einem Keks aus der Schale.
"Lass' das lieber," zischte Johnny. "Vielleicht sind die Kekse nur eine Attrappe!"
"Quatsch, sie schmecken sehr gut!" widersprach Joey.
Barby warf sich aufseufzend in einen Sessel. "Kneift mich, ich glaub', ich träume!"
Jimmy kniff sie fest in den Arm. Barby schrie auf, und in genau diesem Moment öffnete sich eine Tür in der Glasscheibe und SIE stand vor ihnen.
Bette Midler, in einem eleganten einfarbigen Kostüm und toupierten Haaren, kam lachend auf die Kellys zu. "Hallo Kelly Family," sagte sie mit breitem amerikanischem Akzent und lachte wieder, wobei sie ihre makellos weißen Zähne zeigte. Sie gab jedem die Hand und fragte ihn nach seinem Namen. Als sie bei Paddy angelangt war, fragte sie mit melodischer Stimme: "Yo, and what's your name?" Paddy brachte kein Wort heraus, er musste die ganze Zeit in ihre großen braunen Augen schauen. Sein Herz klopfte so laut, dass sie es hören musste. Sie sah aus wie im Fernsehen, ganz genau so, aber irgendwie auch ganz anders.
"His name is Patrick," sagte Kathy an Paddys Stelle.
"Patrick," sagte Bette langsam. Sie schien zu überlegen. "Du hast mir geschrieben, nicht wahr?"
"Ähhmmm, ja..."
"That was nice, yeah!" Bette nahm ihn stürmisch in den Arm. "Ihr habt sicher Hunger,
right? Im Dschungel ist alles für euch aufgebaut."
"Im Dschungel?" fragte Joey verblüfft, während Maite sich schon die Lippen leckte.
"Yeah. So nenne ich dieses Zimmer hier." Bette stieß schwungvoll die Tür in der Milchglasscheibe auf.
Zimmer ist ja wohl echt untertrieben, dachte Paddy, während sie durch den Dschungel liefen. Das war wirklich der reinste Regenwald: überall tropische Pflanzen, ein kleiner Fluss neben dem Marmorweg, über den Bette und ihre Gäste liefen. Paddy warf den Kopf in den Nacken, trotzdem konnte er die Decke nicht sehen. Es war schwül ; und an den Seiten standen große Volieren, in denen Papageien um die Wette kreischten. Sean fing an zu lachen und zu brabbeln.
In der Mitte stand ein großer Tisch, der bereits festlich gedeckt war. "Setzt euch," befahl Bette. Gehorsam folgten die Kellys. Bette klingelte mit einer Glocke, die neben ihrem Teller stand. Sofort öffnete sich eine weitere Tür in der Milchglasscheibe, und vier Männer in Uniformen trugen riesige Torten ins Zimmer und stellten sie auf dem Tisch ab.
"Thanks Jungs, ihr könnt euch zurückziehen," sagte Bette. "Und ihr Kellys, schlagt zu!"
Paddy aß vier Stück Torte. Johnny warf ihm die ganze Zeit über böse Blicke zu. Das gehörte sich nicht! Sogar Maite hielt sich zurück. Schließlich wusste John sich nicht anders zu helfen und sagte verzweifelt zu Bette: "Bitte entschuldige, dass Paddy so viel Torte isst. Er kennt es nicht anders, weißt du. Ich möchte mich dafür entschuldigen..."
"Ach Quatsch!" sagte Bette. "Er soll soviel essen wie er will! Und ihr anderen auch. Schlagt nur zu! Es ist genug da!"
"Na also," sagte Paddy zu John und griff nach dem fünften Stück. Auch Maite strahlte befreit und aß ein weiteres Stück. Kathy und Johnny tauschten verzweifelte Blicke.
Nachdem die vier Männer den Tisch abgeräumt hatten, klatschte Bette in die Hände und rief: "Jetzt müsst ihr mir vorsingen!"
"So eine Scheiße," meinte Angelo und wurde von Kathy mit entsetzten Blicken gestraft, "wir haben unsere Instrumente nicht dabei!"
"Wenn das alles ist - gehen wir doch ins Musikzimmer!"
Sie wurden von einem anderen Pagen die Treppe hinaufgeführt. Das Musikzimmer war nicht übermäßig groß. Es hatte Teppichboden und an der Wand hing ein gerahmtes Bild von Bette. In der Mitte des Zimmers stand ein riesiges Klavier, in den Schränken standen Gitarren, Trommeln, Congas, Flöten und ein Akkordeon.
"Legt los!" sagte Bette und setzte sich in einen Sessel.
Die Kellys schnappten sich passende Instrumente, dann sangen sie The Rose. Bette Midlers Augen füllten sich mit Tränen. "Zugabe!" rief sie begeistert, als das Lied zuende war.
Also gut. Sie sangen Hiroshima, Old McDonald, Chicken Pies, Let It Be, Thrills, Shortnin' Bread, House On The Ocean, A Hard Day's Night und Honest Workers. Bette war absolut begeistert.
"Darf ich?" flüsterte Paddy Kathy zu.
"Was denn?" brummte Kathleen.
"Also," sagte Paddy verlegen zu Bette, während er seine Gitarre stimmte, "du bist die Erste, die unseren neuen Song hören darf. Er heißt übrigens One More Freaking Dollar." Er fing an zu singen, und da mussten die anderen wohl oder übel auch mitmachen. Bette klatschte begeistert im Takt mit.
"Jetzt sing' du!" bettelte Maite.
Bette setzte sich ans Klavier und stimmte From A Distance an. Die Kellys schnieften hingerissen.
Nach dem Song klopfte es plötzlich, und das Zimmermädchen erschien. "Mrs Midler, das Abendessen ist fertig."
"Schon so spät?" wunderte sich Jimmy.
"Ja, beim Musizieren vergeht die Zeit," lachte Bette und stand auf. "Und ihr dürft den Zeitunterschied nicht vergessen. Ich hoffe, ihr tut mir den Gefallen und bleibt über Nacht?"
Konnten sie da Nein sagen? Nach dem Essen zeigte Bette ihnen ihre Zimmer. Jeder Kelly erhielt ein eigenes Schlafzimmer mit Bad nebenan.
Als Paddy allein war, sah er sich genau um. Das Bettzeug sowie das Bad waren in Hellorange gehalten, und es duftete überall nach Pfirsich.
Paddy zog seinen Schlafanzug an und putzte seine Zähne. Als er gerade ins Bett gehen wollte, klopfte es. Wer konnte das sein? Na ja - wahrscheinlich...
"Komm' halt rein, Kathy," maulte Paddy.
Die Tür öffnete sich, und Bette Midler - immer noch in dem eleganten Kostüm - kam herein.
"Ich bin zwar nicht Kathy," lächelte Bette, "aber darf ich trotzdem reinkommen?"
"Klar," meinte Paddy verlegen. Er genierte sich in seinem Schlafanzug. "Setz' dich."
Bette setzte sich auf sein Bett. Sie kam sofort zur Sache. "Wie bist du auf die Idee gekommen, mir zu schreiben?"
"Es hat geregnet, und mir war langweilig," gab Paddy zu.
Bette lachte. "Dir war langweilig? Du müsstest doch eigentlich voller Ideen stecken, oder?"
"Lieber Langweile als Action!" meinte Paddy finster.
"What do you mean by that, Paddy?"
"Unsere Fans. Ich hab' so Angst vor ihnen!"
"Angst vor euren Fans?" Bette war verwundert.
"Sie sehen mich als etwas, was ich nicht bin. Sie haben so große Erwartungen in mich. Die werde ich niemals erfüllen können. Ich hab' Angst, dass ich deswegen irgendwie durchdrehe. Ich hab' voll Angst, dass ich anfange, von irgendwas süchtig zu werden oder in die Klapsmühle komme. Ich glaube, ich schaffe das alles nicht. Als ich Barby mal davon erzählt habe, hat sie nur gelacht. Sie hat gut reden. Bald wird sie 18, dann kann sie machen, was sie will. Sie kann in der Band bleiben oder Putzfrau oder Staatsanwältin werden. Und ich kann das eben noch nicht. Ich glaube nicht einmal, dass ich es bis dahin schaffe, wohin Barby es geschafft hat."
"Das klingt aber ziemlich düster," sagte Bette.
"Weißt du, was ich wirklich will?" fragte Paddy mit Tränen in den Augen. Und dann erzählte er ihr von dem alten Mann. "Genauso will ich auch sein," schloss er seinen Bericht. "Ich will nicht von den Fans geliebt werden, sondern von den Menschen. Verstehst du, was ich meine? Ich hasse es, wenn sie nach mir schreien, weil sie sich sonst was von mir denken. Die kennen mich doch gar nicht!" Paddy schluckte. "Entschuldige. Ich bin unmöglich. Sie lieben mich - oder jedenfalls das Bild, das sie von mir haben - und ich rede so schlecht über sie. Vielleicht ist das auch nur das Bild, das ich von ihnen habe. Oh Shit. Du musst mich doch jetzt für ein egoistisches Arschloch halten."
Bette lächelte. "Nein, ich halte dich nicht für ein egoistisches Arschloch. Ich weiß, wie du dich fühlst. Aber bitte glaub' mir eins, Paddy: Du WIRST dich über sie freuen. Sicher, du leidest wegen ihnen, aber Leid macht dich auch immer kreativ. You need to suffer to be a poet. Und sieh's auch mal materiell. Jetzt denkst du noch so über sie. Aber wenn eure neue Platte ein Hit wird, dann wirst du diese Leute auch lieben können. Die Menschen machen dich nicht reich. Die Fans machen dich reich."
Sie schwieg.
"Wahrscheinlich wird dir das jetzt noch nicht weiterhelfen," meinte sie nach einer Weile.
"Nein," gab Paddy ehrlich zu. "Wir sind ja reich. Und das mit dem Leid, das klingt ja nicht so toll..."
"Das ist wahr." Bette stand auf und löschte das Licht. "Gute Nacht, Paddy."
"Gute Nacht." Paddy kuschelte sich in die Kissen und war im selben Moment eingeschlafen.
Am nächsten Morgen wurde Paddy von einem Zimmermädchen geweckt. Schnell zog er sich an und eilte ins Dschungelzimmer. Die anderen Kellys saßen bereits am Tisch und aßen.
"Na Paddy, gut geschlafen?" begrüßte Angelo ihn.
Paddy ignorierte die Frage und rief: "Wo ist Bette?"
"Das Zimmermädchen hat uns verraten, dass Bette eine notorische Langschläferin ist," erzählte John.
"Vielleicht hatte sie gestern eine heiße Nacht," spekulierte Jimmy. "Und du wohl auch!"
"Jimmy, er ist 14!" fauchte Kathy.
"Wie kommst du darauf, Jimmy?" fragte Paddy ärgerlich.
"Ach, tu' doch nicht so unschuldig!" Jimmy grinste anzüglich. "Ich hab' sie in dein Zimmer gehen sehen heute Nacht. Was ist da gelaufen, hä? Antworte mir, Paddy!"
"Mit Idioten rede ich grundsätzlich nicht," sagte Paddy und drehte sich zu John. "Was machen wir nach dem Frühstück? Zeigt Bette uns L.A.?"
"Ha, schön wär's!" brummte Johnny. "Danach geht's ab nach Hause!"
"Huch!" Paddy erschrak. "Schon wieder 12 Stunden fliegen!"
Nachdem sie alles gepackt hatten, verabschiedeten sie sich bei Bette, die extra für diesen Anlass aufgestanden war.
"Leb' wohl, Paddy, bis bald," sagte Bette liebevoll und drückte ihn. "Aber du bist ja so blaß. Hast du schlecht geschlafen, oder bist du krank?"
"Ich hab' nur Angst vor dem Flug," flüsterte Paddy.
"Ach so! Da hab' ich ein ganz tolles Mittel dagegen. Du schläfst ein und wachst erst wieder auf, wenn ihr schon lange wieder zuhause seid! Komm' mit!"
"Halt! Hat das denn auch keine Nebenwirkungen?" schrie Kathy und rannte ihnen hinterher.
Bette löste zwei kleine weiße Tabletten in Wasser auf und gab es Paddy zu trinken. "Es wirkt sofort. Hörst du mich noch?"
Paddy wollte ihr antworten, doch dann verschwomm alles vor seinen Augen und schon war er weg.
Einige Tage später war Patricias 23. Geburtstag. Unglücklicherweise hatten sie an diesem Tag ein Interview mit einer Zeitung in Berlin.
Paddy schenkte seiner Schwester eine Annie Lennox-CD. Joey schenkte Trisha feuerrote Unterwäsche, woraufhin ihr Gesicht die gleiche Farbe annahm.
Am Berliner Flughafen brüllten die Fans nach Paddy und Angelo. Paddy bekam Mordgelüste, doch Hermann konnte ihn zurückhalten.
Das Interview dauerte lange. Die Reporter machten Fotos von dem kleinen Sean. Kathy wurde befragt, welche Windelmarke sie (bzw. Sean) benutzte und ob sie ihren Sohn mit ALETE fütterte.
Als das Interview zuende war, beratschlagten die Kellys, ob sie essen gehen sollten, zu Ehren von Patricias Geburtstag. Doch für kein Restaurant konnten sie sich entscheiden: das eine war zu klein, das nächste hatte keinen Wickeltisch für Sean und im dritten saß eine ganze Horde Kelly-Fans! Schließlich landeten sie in einer schmuddeligen Döner-Kneipe.
"Auf Patricia!" sagte Maite, und alle hoben die Gläser.
Die Döner schmeckten nach nichts und die Cola schmeckte nach noch weniger.
"Komisch ist nur," meinte Angelo kauend, "dass Vater nicht angerufen hat, um Patricia zu gratulieren!"
"Vielleicht ist ihm etwas zugestoßen," jammerte Kathy.
"Kathy, du bist wirklich unmöglich!" fauchte John und hieb auf den Tisch. "Er wird schon noch anrufen!"
Doch er rief nicht an. Weder an diesem Tag, noch am nächsten.
Am 1. Dezember hatte Bette Midler Geburtstag. Paddy schrieb ihr einen langen Brief. Dabei erwähnte er ‚ganz zufällig', dass er vier Tage später Geburtstag hatte. Ob sie den Wink kapierte?
Zu dem Brief packte er eine Schachtel kostbarer Pralinen. Sie hatten ihn fast sein ganzes Geld gekostet, doch das war es ihm wert. Schnell brachte er das Päckchen zur Post.
Am nächsten Morgen...
"Vater hat wieder nicht angerufen!" schimpfte Joey.
"Vielleicht hat er keine Zeit," meinte Maite besänftigend.
"Keine Zeit, ha!" Barby lachte hysterisch. "Diese Bikini-Tussen haben ihm den Verstand geraubt!"
"Das ist doch Quatsch!" meinte Jimmy.
"Doch, so ist das!" schrie Barby.
In diesem Augenblick kam eine Gestalt mit zerrissenen Kleidern und schwarzem Gesicht aus dem Keller.
"Ein Gespenst!" schrie Kathy und versteckte sich unter dem Tisch.
"Gespenster sind weiß!" sagte die Gestalt mit Johnnys Stimme.
"Ach, du bist es!" sagte Kathy und kam unter dem Tisch hervor. Jimmy lachte.
"Was hast du nur getan?" fragte Paddy.
John grinste. "Das Fax ist explodiert."
"Na endlich," meinte Angelo.
Maites Geburtstag kam, dann der von Paddy. Er bekam jede Menge Geschenke: besonders freute er sich über die Freestyle-CD von Johnny, die es eigentlich nur in China zu kaufen gab.
Aber wo blieb nur das Geschenk bzw. die Nachricht von Bette Midler?
Den ganzen Nachmittag saß Paddy vor dem Fax und wartete. Er las dabei zwei Krimis, sechs BRAVOs und lernte vier neue Songtexte. Doch nichts passierte.
Erst um elf ging Paddy ins Bett. Um halb sechs wachte er wieder auf und rannte gleich zu Johns Bett. "Johnny!" rief er und rüttelte ihn. "Ist was für mich gekommen?"
"Nein!" knurrte Johnny müde, "was soll denn gekommen sein?"
In diesem Moment stürzte Paddy in eine tiefe Krise.
Joeys Geburtstag kam, Angelos Geburtstag kam, Weihnachten kam, Silvester kam. Paddy war alles egal. Er hatte so viel erwartet und nichts war passiert. Für Bette war er nichts weiter als ein Kelly-Kind mit verrückten Flausen im Kopf gewesen. Sie hatte ihm alles bedeutet. Er hatte ihr gar nichts bedeutet. Paddy war völlig am Ende seiner Kräfte. Er war froh, wenn er wenigstens schlafen konnte. Die Bette Midler - Poster waren immer noch da, aber er sah sie nicht mehr. Er hatte nicht einmal die Kraft, sich umzubringen. Vater rief auch nicht an...
Kurz nach Silvester stand eine Tour auf dem Programm.
"Wir können doch nicht touren, wenn Patrick in einer solchen Verfassung ist," meinte Patricia. "Oder was meinst du dazu?"
"Ist mir egal," meinte Paddy mit Grabesstimme.
Also tourten sie. Während der Tournee ging es Paddy immer schlechter. Er nahm sechs Kilo ab. Auch seine Seele wurde immer verletzlicher. Man konnte kein vernünftiges Wort mehr mit ihm sprechen, und als im Radio ein Moderator über die Kelly Family höhnte, brach er in Tränen aus.
Jeden Abend ging er auf die Bühne und sang. Die Fans kreischten, wenn sie ihn sahen, doch jetzt war es ihm egal. Sollten sie doch mit ihm machen, was sie wollten.
Irgendwann mussten sie die Tour abbrechen, aus Sorge um Paddy und ihren Vater. Er hatte sich schon ewig nicht mehr gemeldet.
Für Paddy änderte sich damit nichts. Er lag weiterhin den ganzen Tag im Bett.
Doch eines Nachmittags...
"Patrick! Telefon!" brüllte John.
Missmutig schleppte Paddy sich ins Wohnzimmer und knurrte "Kelly," in den Hörer.
"Paddy!" rief eine aufgeregte Stimme. "War das ein Stress, bis ich eure Nummer herausgekriegt hatte! It's me, Bette Midler!"
"Bette?" Paddy wurde fast ohnmächtig. "Warum hast du unsere Nummer? Du hättest uns doch ein Fax schicken können!"
"Mann, Patrick! Unser Fax ist doch kaputt!" erinnerte John.
"Oh nein!" Vor lauter Freude und Trauer und allem halt fing Paddy an zu weinen.
"Jedenfalls wünsche ich dir alles, alles Gute nachträglich, und danke für deinen schönen
Brief!" rief Bette. "Und morgen bekommst du dann auch endlich dein Geschenk von mir!"
Paddy war einfach überglücklich. Und am nächsten Morgen kam ein großer Lieferwagen aus den USA und brachte jede Menge Süßigkeiten für Paddy und seine Geschwister.
Langsam ging es Paddy wieder besser. Er nahm wieder sechs Kilo zu (ja, es lag an den Süßigkeiten!) und konnte endlich wieder lachen.
Nun wurde One More Freaking Dollar als Single veröffentlicht.
Eines Morgens klingelte das Telefon. Kathy ging ran.
"Und, wer war's?" fragten alle, als sie aufgelegt hatte.
"Die Leute von Kel-Life. One More Freaking Dollar ist in die Charts eingestiegen!"
"Wow!" jubelten alle.
"Das müssen wir feiern! Ich rufe gleich den Pizza-Service an!" schlug die ewig hungrige Maite vor.
"Heute nicht!" sagte Patricia. "Wir müssen jetzt erst einmal einkaufen gehen."
Also zogen sie ihre Jacken an und fuhren zum großen Einkaufszentrum. Dort wurden sie zum Glück nicht oft erkannt.
"Nehmt so viele Süßigkeiten wie ihr wollt!" meinte Kathy, die den Einkaufswagen schob. "Schließlich haben wir was zu feiern!"
Also schlugen sie so richtig zu.
Als sie nach Hause kamen, räumten sie erst einmal die Sachen auf. Jimmy brachte die Getränke in den Keller. Kurz darauf kam er wieder hoch. "Ein Fax ist gekommen!"
"Babbel' doch weiter," murrte Paddy. "Das ist doch kaputt!"
"Ich hab' es gestern repariert!" verkündete Johnny und stürmte in den Keller. "Es ist von Vater!" rief er nach kurzer Zeit.
Schnell rannten die anderen in den Keller und lasen das Fax.
Liebe Kinder, stand da in Dans schwungvoller Handschrift, ich habe lange gebraucht, euch mitzuteilen, was mir passiert ist. Ich bin spielsüchtig geworden, verzeiht mir. Glücklicherweise bin ich wieder geheilt. Doch ich habe unser ganzes Geld verspielt. Ich musste das Schiff, den Bus und das Auto verkaufen. Wir stehen praktisch vor dem Nichts. Das Haus und alles, was ihr jetzt noch habt, gehört uns.
Eine Weile waren alle still. Dann stöhnte Maite: "Oh nein!!"
"Habt ihr gelesen?" fragte Johnny mit gepresster Stimme. "Alles, was wir jetzt noch haben, gehört uns."
Kathy kramte in ihrem Geldbeutel. Es befanden sich nur noch ein paar Münzen darin.
"Oh nein!" heulte sie. "Das überleben wir nicht!"
"Wir bekommen ja noch die Einnahmen von der Tour," tröstete Patricia.
"Und jeder hat auch noch ein bisschen privates Geld!" meinte Joey.
"Trotzdem!" weinte Kathy. "Wir sind am Ende!"
"Hätten wir doch bloß vorhin beim Einkaufen nicht so zugeschlagen!" Jimmy machte sich Vorwürfe.
"Wir schaffen das schon!" John war noch zuversichtlich.
Doch in den nächsten Tagen wurden sie auf eine harte Probe gestellt. Das Geld reichte hinten und vorne nicht.
"Und unsere STREET LIFE - CD ist schon so lange veröffentlicht, die kauft ja keiner mehr. Und dann steigen wir nicht in den Charts, und das bedeutet kein Geld!" stöhnte Barby.
Eines Tages kam Jimmy mit fünf STREET LIFE -CDs wieder. "Jetzt steigen wir in den Charts wieder!"
"Bist du verrückt?" schrie Johnny. "Wir sparen wie blöd, und du kaufst doppelte CDs, nur damit wir in den Charts nach oben steigen!"
"Kaufen?" Jimmy war verwundert. "Ich hab' sie doch geklaut!"
"Bist du hohl?" schrie Johnny. "Sie steigen doch nur in den Charts, wenn du sie KAUFST!!"
"Niemand darf erfahren, dass wir unsere eigenen CDs klauen!" jammerte Kathy.
Johnny vergrub die CDs dann im Garten.
In den nächsten Tagen wurde es immer schlimmer. John verkaufte schweren Herzens das Fax und den Fernseher.
In der Zeitung war eine riesige Schlagzeile: KELLY FAMILY: GROSSE FINANZIELLE PROBLEME! SIE SIND PLEITE!
Bette Midler schickte ihnen ohne Kommentar einen Scheck. Johnny schrieb sofort zurück: "Das können wir doch nicht annehmen!"
"Ihr müsst sogar. Und meldet euch, wenn ihr noch was braucht!" lautete die Antwort.
Doch leider rauchte auch Bettes Geld nicht lange. Und so sprach John ein ernstes Wort mit Paddy und Angelo.
"Ich soll meine Playstation verkaufen?" protestierte Angelo.
"Und ich meinen CD-Player?" fragte Paddy.
John seufzte. "Seht ihr das denn nicht ein? Wir nagen völlig am Hungertuch. Kathy heult die ganze Zeit. Und Bette noch einmal um Geld bitten, das wollen wir nicht."
"Also gut." Angelo seufzte. "Ich gehe gleich jetzt."
"Und ich geh' morgen," beschloss Paddy.
Am nächsten Morgen packte Paddy seinen CD-Player in eine Tüte und ging zu dem kleinen Music-Shop in der Innenstadt, um ihn zu verkaufen.
"Hmmh," sagte der Händler und betrachtete die Anlage genau, "ich gebe dir 150 dafür."
"Nur?" Paddy war enttäuscht. "Okay, er ist alt und das Radio ist kaputt, aber..."
"180 ist mein Gnadenpreis!" meinte der Händler.
"Also gut."
Etwas niedergeschlagen machte Paddy sich auf den Heimweg. Nur 180, das würde höchstens für zwei Tage reichen. Sie brauchten schließlich für alle Essen und Trinken. Lange würden sie das nicht mehr durchhalten. Und Vater, der ja eigentlich an allem Schuld war, war immer noch auf Hawaii. Er musste sich erst Geld für eine Rückflugkarte verdienen.
Paddy bog in eine Seitenstraße ein. In dieser Straße war ihm immer etwas mulmig zumute. Sie war menschenleer, nur in der Ferne sah er jemanden auf sich zukommen. Es war ein alter Mann in einem edlen Anzug. Wie ein Killer sieht er jedenfalls nicht aus, dachte Paddy. Der Mann kam näher. Paddy sah ihn nun genau. Aber - das war doch...
... Der alte Mann aus der Kölner Fußgängerzone. Der Mann, dem er 5 DM in den Gitarrenkasten geworfen hatte. Der Mann, der ihn zu One More Freaking Dollar inspiriert hatte.
Aber wie kam dieser Mann nach Spanien? Und warum trug er diesen eleganten Anzug?
Er war schon lange vorbeigegangen. Paddy schüttelte den Kopf. Das konnte er gar nicht gewesen sein.
Aber angenommen, er war es gewesen? Dann war er reich geworden, hatte wahrscheinlich die Straßenmusik aufgegeben.
Paddy dachte an den Moment, als er im McDonalds gespürt hatte, dass er sein wollte wie dieser Mann.
Aber dann war ja alles, was Paddy gedacht hatte, falsch!
Mittlerweile war Paddy vor dem Kelly-Haus angekommen. Er schloss auf und ging ins Wohnzimmer. Dort brannte eine Kerze, der Rest des Hauses war dunkel. Auf dem Boden lagen alle Geschwister, mit Sean, in dicke Decken gewickelt.
"Was macht ihr denn da?" fragte Paddy fassungslos.
"Wir sparen an Strom und Heizung," erklärte Kathy bibbernd.
"Setz' dich hin, und lass' am Besten gleich die Jacke an!" sagte Maite müde.
Paddy setzte sich gehorsam.
"Wir haben etwas beschlossen, Patrick," sagte Patricia. "Wir hören auf mit dem Singen. Wir haben kein Geld, das Album weiter aufzunehmen. Und bei den Plattenaufnahmen streiten wir uns sowieso nur noch. Und gerade du hast immer schon gesagt, dass wir es lassen sollen."
Und in diesem Moment verstand Paddy Bette Midlers Worte.
Die Menschen machen dich nicht reich. Die Fans machen dich reich.
"Wir dürfen jetzt nicht aufhören!" schrie Paddy, und seine Stimme überschlug sich fast. "Wir müssen die neue Platte machen! Sie ist das Einzige, womit wir es schaffen können! Wenn wir jetzt etwas für unsere Fans tun, dann tun sie auch etwas für uns! Wir brauchen sie jetzt!"
Alle schwiegen. Dann fragte Patricia: "Seit wann denkst du so?"
Paddy erzählte ihnen von dem Gespräch mit Bette Midler.
John sagte nachdenklich: "Bette ist sehr klug."
"Paddy aber auch," meinte Barby. "Er hat nämlich Recht."
"Wollt ihr wirklich weitermachen?" fragte Paddy.
"Ja!" riefen alle.
"Lasst uns lieber noch eine Nacht darüber schlafen!" meinte Kathleen.
Eng aneinandergekuschelt verbrachten die Kellys die Nacht in dem kalten Wohnzimmer. Am nächsten Morgen fragte Kathy: "Wollt ihr wirklich nicht aufhören?"
"Nein!" schrien alle.
"Super!" jubelte Kathy.
Bereits einen Tag später fingen die Kellys wieder mit den Studioaufnahmen an. Das Geld dafür liehen sie sich von der Bank. Alles klappte perfekt. Keiner fing unnötig Streit an, keiner war unkonzentriert.
Einige Tage später rief überraschend Bette Midler an. "Du darfst mir nicht böse sein," sagte sie zerknirscht zu Kathy. "Ich hab' nämlich was gemacht."
"Ja, was denn, um Himmelswillen?" schrie Kathy entsetzt in den Hörer.
"Ich habe eure CD NEW WORLD in Amerika veröffentlichen lassen..."
"Na ja," meinte Kathy überrascht, "das ist ja nicht soo schlimm..."
"Nein," gab Bette zu, "aber sie steht schon auf Platz 1!"
"Himmel!" Kathy schnappte nach Luft.
Fassungslos legte sie nach dem Gespräch auf. Paddy kam mit beleidigtem Gesicht aus dem Garten gerannt. "War das Bette? Ich wollte auch mit ihr reden..."
"Sei' bloß still!" kreischte Kathy. "Ich muss dir was erzählen!"
Schnell berichtete sie ihm alles. Paddy war überglücklich. Platz 1 bedeutete Anerkennung und Geld, und das war die Lösung ihrer Probleme!
Einige Tage später machten sie die Coverfotos für das neue Album, die letzten Arbeiten, und dann...
"Hurra, das Album ist veröffentlicht!" jubelte Jimmy.
"Ich hole Sekt!" rief Joey und stürmte in den Keller.
"Und wir backen Pizza!" riefen Maite und Paddy und rannten in die Küche.
So feierten sie und hofften, dass die neue Platte ein Erfolg werden würde. Sie hatten sie WOW genannt, was in ihrer Situation fast schon trotzig klang.
Am selben Tag kamen die Einnahmen aus den USA an, wo die Kellys mit ihrer alten Platte NEW WORLD riesige Erfolge feierten. Nun hatten sie wieder Geld! Mit einem Schlag waren die Kellys alle ihre Probleme los!
Einige Tage später kam endlich Vater Dan nach Hause. Er war braungebrannt und sah trotz allem recht erholt aus. Seine Kinder waren überglücklich, dass er wieder bei ihnen war, nur Joey war enttäuscht, weil er die Bikinifrauen nicht mitgebracht hatte.
Die Kinder führten ihn in die Küche, wo es Windbeutel und jede Menge Kuchen gab. Das Fax und der Fernseher waren wieder auf dem Tisch placiert, auch das Schiff, den Bus und das Auto hatte John zurückkaufen können. "Probier' mal, Papa!" sagten Jimmy und Angelo und steckten sich Windbeutel in den Mund.
"Aber warum denn so viel - wir sind doch pleite?!" stotterte Dan verblüfft.
John ließ die Bombe platzen: "Vater, wir sind wieder reich! In Amerika sind wir jetzt Stars!"
Dan fiel buchstäblich die Kinnlade runter.
Eines Morgens beim Frühstück...
"Paddy, Post für dich!" trompetete Maite.
Paddy riss den Umschlag auf und las.
"Was ist es denn?" fragte Dan.
"Eine Einladung zur Verleihung der GOLDENEN SCHALLPLATTE. Aber warum nur für mich allein? Ich hab' gar keine Lust, da hinzugehen!"
"Natürlich gehst du," sagte Jimmy. "Bodyguard Hermann wird dich begleiten."
Schließlich kam der große Tag. Paddy hatte sich extra für den großen Anlass in einen Anzug gezwängt. Nun saß er mit Hermann in der fünften Reihe und glotzte gelangweilt auf die Bühne, wo gerade eine Gruppe namens 2 UNLIMITED auftrat.
Nachdem das zuende war, betrat der Moderator Dieter Thomas Heck wieder die Bühne und sagte ins Mikrofon: "So, das waren ja zwei ganz nette Hüpfer, aber für die Goldene Schallplatte hat's dann doch nicht ganz gereicht, die geht nämlich an die Kelly Family! Paddy Kelly wird den Preis abholen!"
Alles klatschte und jubelte.
"Geh' schon hoch!" zischte Hermann. "Du bist gemeint!"
Paddy rannte schnell auf die Bühne. Dieter schüttelte ihm die Hand und rief dann: "Den Preis bekommt Paddy von seinen Geschwistern überreicht!"
Ein Vorhang öffnete sich, und die Kellys, mitsamt Sean und Dan, betraten die Bühne. Kathy und Jimmy kamen Hand in Hand. Endlich hatten die sich mal richtig vertragen! Alles klatschte.
Patricia überreichte Paddy den Preis und sagte dann ins Mikrofon: "Diesen Preis möchten wir Paddy überreichen, denn ohne ihn hätten wir die Platte WOW nicht fertiggestellt!" Sie gab Paddy das Mikro. Er reagierte nicht.
"Sag' doch was, du Esel!" rief Johnny von ganz hinten.
Paddy holte tief Luft und sagte dann: "Ich möchte mich in Namen meiner Familie für diesen Preis bedanken. Es ist eine große Ehre für uns, denn wir hätten fast nicht mehr an WOW weitergearbeitet. Aber jetzt sind wir froh, dass wir es getan haben. Unseren Fans haben wir diesen Erfolg zu verdanken. Hoch leben die Fans! Da kann man echt nur noch sagen: WOW!"
Alles klatschte. Dan warf seinem zweitjüngsten Sohn einen bewundernden Blick zu. Und Paddy genoss diesen Augenblick, in dem alle IHM zujubelten. Endlich konnte er die Fans
akzeptieren.
Später im stillen Kämmerlein dachte Paddy noch einmal über Bettes Worte nach. Die Fans hatten sie aus ihrer Notsituation gerettet, allein deswegen musste er sie lieben. Und das mit dem Leiden? Ehrlich gesagt wollte Paddy nicht leiden. Und so ganz verstand er auch nicht, wie Bette das gemeint hatte. Aber er war ja auch noch jung, er hatte noch viel Zeit!
Als sie Tage später von einem Ausflug nach Hause kamen, rief Bette an und wollte unbedingt mit Paddy sprechen. "Eure Fans hier in Amerika rennen mir fast die Bude ein," sagte sie. "Ihr müsst so bald wie möglich kommen!"
"Gerne!" sagte Paddy. "Wann?"
"Wie wäre es mit Freitag? Am Samstag ist nämlich die Verleihung der AMERICAN MUSIC AWARDS, und ein Vöglein hat mir gezwitschert, dass ihr unter den Gewinnern seid."
"Das ist super!" rief Paddy. "Klar kommen wir!"
Die Tage vergingen schnell, und schon war der Freitag gekommen. Auch Vater Dan kam mit, er wollte Bette schließlich auch kennenlernen.
"Nimmst du ein Beruhigungsmittel?" fragte Kathy, bevor sie zum Flughafen fuhren.
"Lieber nicht." Paddy schüttelte den Kopf. "Bette holt uns doch in L.A. vom Flughafen ab, und da will ich wach sein."
"Ach so." Kathy lächelte verschwörerisch. Irgendwie war sie cool.
Schon saßen sie im Flugzeug. Mit jeder Luftmeile, die sie zurücklegten, wurde Paddy kribbeliger und sein Herz klopfte wilder.
Schließlich kamen sie in Los Angeles an.
Paddy sah sich suchend in der Abflugshalle um. "Wo ist Bette?"
"Sie wird schon noch kommen!" tröstete Bodyguard Peter. Ja, die Bodyguards waren auch dabei, aber wenn Paddy die Fans akzeptieren konnte, dann doch auch die Bodyguards!
"Vielleicht hat sie uns vergessen!" meinte Paddy unruhig.
"Da vorne ist sie!" rief Angelo. "Wo?" fragte Peter. "Na, die Schöne!" sagte Angelo altklug.
Bette Midler - in einem schwarzen Mantel und begleitet von zwei Bodyguards - kam lachend auf die Kellys zu. "Welcome!" rief sie. Paddy konnte seinen Augen nicht trauen. Sie hatte AUCH Bodyguards! Eigentlich klar, aber wenn man aus dieser Gemeinsamkeit sogar noch einen Nutzen ziehen konnte...
Paddy riss sich von den anderen los und stürmte geradewegs in Bettes Arme. Alles war vergessen, bis auf eine Sache.
Bette strich ihm liebevoll durch die Haare und lächelte ihn erwartungsvoll an.
"Oh Bette," flüsterte Paddy, "du hattest ja so Recht!"
© by Doro Franz.............. February 1998 ~ überarbeitet: September 2001
Anmerkung der Autorin:
Die 1. Fassung dieser Geschichte war noch sehr viel kommerzieller. Bei der Überarbeitung habe ich (mit dem Wissen von heute) versucht, die Kellys nicht allzu begeistert von ihrem zukünftigen Ruhm darzustellen. Trotzdem zeigt sich natürlich, dass sie auch in der jetzigen Fassung noch viel an Geld und Bekanntheit denken. Als ich das Buch geschrieben habe, war ich 13 und konnte die Probleme der Kels noch nicht richtig nachempfinden. Womit ich nicht sagen möchte, dass ich das jetzt kann, aber heute bin ich zumindest davon überzeugt, dass sie mit ihrer jetzigen Situation nicht glücklich sind. Aber ob sie zu Street Life - Zeiten nicht wirklich berühmt werden wollten? Wer weiß das schon?
In diesem Sinne hoffe ich, dass euch die Story trotzdem ein bisschen gefallen hat. Ihr könnt mir ja mal mailen: