Kathy betrat das Haus als Erstes und wischte sich die Hände, die noch immer feucht von der Erde waren, an ihrem schwarzen Rock ab. Dann sah sie sich nach Vater um, der sich mit Mühe die wenigen Stufen zur Haustür hinaufzog. Sie machte schon einen Schritt auf die Tür zu, um ihm zu helfen, doch da hatte John auch schon den Arm seines Vaters ergriffen und half ihm hinauf.
Gut. Kathy drehte sich um und rief nach Patricia. Wenige Sekunden später stand ihre jüngere Schwester vor ihr, das lange Haar an ihrem schmalen Gesicht herunterhängend und die kleine Maite auf dem Arm tragend. Kathy sah, dass ihre Schwester geweint hatte. Aber was war nach diesem Tag zu erwarten gewesen?
"Ist alles in Ordnung?" fragte Patricia leise.
Kathy nickte, obwohl ihr bewusst war, dass jeder wusste, dass nichts in Ordnung war. "Sie haben das Grab jetzt zugemacht," antwortete sie mit sanfter Stimme. "Vater, Johnny und ich haben noch einmal Blumen hingelegt. Ich hoffe, dass es heute nicht mehr regnet. Es ist so schwül."
Patricia nickte nur. Ihr gesamtes Gesicht war verquollen. "Angelo und Paddy schlafen," meinte sie dann. "Barby, Jimmy und Joey sitzen drüben im Schlafzimmer. Ich gehe auch mal schnell wieder zu ihnen, sonst werden sie wieder traurig. Kannst du mir Maite abnehmen?"
"Natürlich." Kathy nickte, und Patricia drückte ihr ihre kleine Schwester in die Arme. Dann eilte sie davon, ihre langen Haare und ihr weiter Rock wehten hinter ihr her. Schmerzlich sah Kathy ihr hinterher. Sie sieht wirklich aus wie Mama, dachte sie wehmütig. Eines Tages wird sie eine Schönheit sein.
Johnny und Vater hatten inzwischen ebenfalls die Küche betreten. Als Dan einen Blick auf die kleine Maite warf, lächelte er für den Bruchteil einer Sekunde.
Er ist um Jahre gealtet, dachte Kathy. Wenn ich doch nur wüsste, wie ich ihm helfen könnte. Doch sie wusste nicht einmal, wie sie sich selbst helfen sollte. Barbara Anns Tod hatte ein solches Loch in die Familie gerissen, und Kathy hatte große Angst, dass alles zerbrechen würde. Caroline zum Beispiel hatte gestern Abend schon angedeutet, wenn die Trauerzeit vorübergegangen wäre, würde sich hier einiges für sie ändern. Nach der Beerdigung heute Morgen war sie auch spazieren gegangen und seitdem nicht wiedergekommen, niemand wusste wo sie war.
"Setzen wir uns ins Wohnzimmer," sagte sie.
Im Wohnzimmer fiel Dan kraftlos in einen Sessel und starrte leer vor sich hin. Kathy und Johnny tauschten Blicke. Es tat ihnen so schrecklich weh, ihren Vater so sehr leiden zu sehen. Die Liebe ihrer Eltern war etwas ganz Besonderes gewesen. Und die kleinen Kinder! Angelo, Maite, Paddy und Barby waren noch viel zu jung, um ohne ihre Mutter zu leben. Doch Kathy fragte sich, ob Johnny und sie denn alt genug waren, um mit dem Verlust umgehen zu können. Sie glaubte es nicht. Sie brauchten ihre Mutter doch immer noch. Und Vater... er konnte sich noch so oft sagen, dass es für Barbara besser war, dass sie nicht mehr leiden musste. Natürlich war es das. Aber nun waren SIE es, die leiden mussten.
"Möchtest du etwas trinken, Vater?" fragte Johnny hilfsbereit.
Vater Dan sah müde auf. "Einen Whiskey," sagte er tonlos.
Johnny guckte seinen Vater zuerst etwas komisch an, aber dann nickte er doch ergeben. "Also gut, Vater. Aber nur heute. Ich hole ihn dir aus der Küche." Er verließ das Wohnzimmer, und kaum hatte Kathy sich ihrem Vater gegenüber in einen anderen Sessel gesetzt, hörte sie Johnnys Stimme aus der Küche: "Kathy, kommst du mal bitte?"
Sie erhob sich und ging in die Küche.
Johnny stand vor dem Schrank, die Whiskeyflasche in der Hand und recht suspekt darauf schauend. "Nun sieh‘ dir das mal an, Kathy!" wisperte er und schüttelte anklagend die halbleere Flasche. "Vorgestern war sie noch fast voll! Ich schwöre dir, er trinkt heimlich!"
Kathy schüttelte zweifelnd den Kopf, sie wollte es nicht glauben. "Und wenn Jimmy und Joey Blödsinn damit gemacht haben?" fragte sie.
"Die beiden hätten die Flasche wohl eher zerbrochen. Nein, Kathy, wir müssen es hinnehmen. Vater hat den Whiskey getrunken. Ich hätte nie gedacht, dass er soviel trinkt."
Kathy seufzte nur. Sie konnten es ja doch nicht ändern, zumindest nicht heute. Johns Blicke brannten vorwurfsvoll auf ihr, und sie zuckte nur mit den Achseln. "Ich weiß doch auch nicht. Gib‘ ihm den Whiskey, es ist ja nicht mehr viel drin. Ich muss an die Tür, es hat geklingelt."
Sie ging in den Flur und öffnete die Haustür. Linda stand davor, einen Korb in den Händen. "Ich wollte dir etwas zum Abendessen bringen, Kathy. Ihr hattet bestimmt keine Zeit mehr, um einzukaufen. Das Brot ist noch ganz frisch."
"Ich danke dir, Linda," sagte Kathy und nahm die alte Frau in die Arme. Linda erwiderte sanft die Umarmung. "Ihr schafft das schon," flüsterte sie. "Barbara passt im Himmel auf euch auf. Ich bitte dich nur, Kathy, kümmer‘ dich um deinen Vater."
"Natürlich," antwortete Kathy. Nachdem sie den Besuch verabschiedet hatte, nahm sie den Korb und ging zurück zu John und Vater.
Später am Abend brachte Kathy Angelo, Maite und Paddy zu Bett. Die drei Kleinen waren nicht wirklich müde, aber es war für alle ein langer Tag gewesen. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Kathy dankbar, dass ihre Geschwister noch so klein waren. Wenn sie Glück hatten, bekamen sie den Schmerz und den Verlust noch nicht so richtig mit. Patricia hatte die Aufgabe, Barby zu Bett zu bringen. Jimmy und Joey durften noch ein wenig aufbleiben. Sie saßen unten bei Vater und Johnny im Wohnzimmer. Auch Paul hatte sich zu ihnen gesetzt, nur Caroline war noch immer nicht aufgetaucht.
Angelo schlafen zu legen dauerte am längsten, obwohl er ein friedliches Kind war. Aber Kathy konnte sich nicht satt sehen an seinen großen blauen Augen und seinen blonden Löckchen. Er erinnerte sie so sehr an Mama, dass es schmerzte. Wenigstens Angelo musste es nicht fühlen, er würde in vielen Jahren nicht mehr wissen, wie seine Mutter gewesen war. Und doch war Kathy sich nicht sicher, ob das so gut war. Es war trotz aller Schmerzen schön, Barbara Ann gekannt zu haben.
Nachdem sie noch einmal bei Paddy, Barby und Maite ins Zimmer geschaut hatte, sorgte sie auch dafür, dass Patricia, Jimmy und Joey schlafen gingen. Danach setzte Kathy sich wieder zu Vater, Johnny und Paul ins Wohnzimmer, und sie redeten noch lange über Mama und ihr Leben mit ihnen.
Gegen Mitternacht wurde Vater immer kraftloser und wollte ebenfalls zu Bett gehen. Johnny und Paul standen auf, um ihn zu stützen. "Wir schlafen heute Nacht bei Vater im Zimmer. Nicht, dass er heute Nacht noch etwas trinken will," raunte Johnny Kathy zu. Sie nickte.
Erst als sie in ihrem eigenen Schlafzimmer war, konnte Kathy ihren Tränen freien Lauf lassen. Den ganzen Tag hatte sie die Starke gespielt, die Beerdigung organisiert und dafür gesorgt, dass ihre Familie nicht auseinanderbrach, und das würde sie auch für den Rest aller Zeiten tun. Sie tat es gerne, nur manchmal... in der Stille der Nacht... Kathy zündete eine Kerze an und betete still für Barbara Ann. Dann löschte sie das Licht und ging zu Bett.
Spät in der Nacht kam Caroline zurück. Sie zog sich im Dunkeln aus und legte sich leise ins Bett, um Kathy nicht zu wecken. Kathy tat, als ob sie schlafen würde.
Am nächsten Morgen saßen alle zusammen am Frühstückstisch. Vater wirkte übernächtigt, gab sich aber Mühe, sich seinen Kummer nicht anmerken zu lassen. Kathy hatte alle Hände voll zu tun, sie musste Angelo Milch geben, Paddy das Honigglas aufschrauben, Barby Medizin gegen ihre Halsschmerzen geben und Patricia einen Zopf flechten. Caroline saß neben ihr und schmierte Maite ein Brot, ließ aber durch ihren Gesichtsausdruck deutlich erkennen, dass sie dazu keine Lust hatte.
Nachdem alle mit dem Frühstück fertig waren, standen John und Paul auf und begannen, den Tisch abzuräumen. Caroline stand so hastig auf, dass ihr Stuhl bedenklich wackelte, und verschwand ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer.
Barby schielte ihr hinterher und meinte dann: "Papa... dürfen wir auch aufstehen?"
Dan nickte. Barby, Paddy und Maite sprangen vom Stuhl und folgten Patricia, die Angelo trug, nach oben. Jimmy stieß Joey an. "Wollen wir spielen gehen?" - "Okay!"
In Sekundenschnelle waren alle außer Kathy und Vater vom Tisch verschwunden. Dan sah seinen Kindern nur hinterher. Kathy hatte das Gefühl, ihm Mut zusprechen zu müssen. "Vielleicht ist es gut, wenn sie gleich wieder spielen und lachen," meinte sie. "Die Schmerzen werden ihr ganzes Leben über wiederkehren, lassen wir sie glücklich sein, wenn sie können."
"Vielleicht..." Dan sah seine Tochter leer an. Dann gab er sich einen Ruck. "Vorhin, als du Maite und Angelo gebadet hast, hatte ich ein Gespräch mit Caroline," sagte er. "Sie will gehen."
"Sie will gehen?" Kathy sah ihn erschrocken an.
"Sie möchte raus aus unserer Familie, sie sagt, jetzt hält sie nichts mehr hier... sie muss wegen Barbaras Krankheit nicht mehr helfen, sie findet, ihre Pflicht ist erfüllt... sie möchte nach Frankreich und dort im Krankenhaus arbeiten... sie hat schon eine Stelle dort..."
Kathy konnte nicht antworten, heftige Wut schnürte ihr die Kehle zu. So einfach war es also für ihre Schwester. Jetzt, da Barbara gestorben war, hielt sie nichts mehr in ihrer Familie. Dabei fingen die Sorgen doch jetzt erst an. Doch was sollte sie dagegen tun? Kathy wusste, sie würde Caroline nicht zurückhalten können. Wenn ihre Schwester sich für ein anderes Leben entschieden hatte, dann war sie für die Familie verloren.
"Kathy," sagte Vater. "Du kannst ebenfalls gehen, wenn du das möchtest. Wenn ich Caroline nicht zurückhalte, werde ich auch dich nicht zurückhalten. Wir werden dir nie vergessen, was du in den Jahren von Mamas Krankheit und auch in den Tagen nach ihrem Tod für uns getan hast. Aber du bist jung, die Welt steht dir offen. Wenn du gehen möchtest, kannst du gehen."
Kathy sah in das alte, von Kummer zerfurchte Gesicht ihres Vaters. Ihn verlassen? Ihre Geschwister zurücklassen? Jetzt? Sie spürte, wie ihr Herz vor Traurigkeit ganz schwer wurde. "Niemals!" sagte sie entschieden und schloss ihren Vater in die Arme.
© by Doro Franz...... January 2003