Sunday Morning. Sieben Uhr in Cóbh, dem kleinen, aber wunderschönen Dorf im Süden von Irland. Die Straßen waren noch leer, von der Küste zog ein kühler Wind zwischen den Häusern hindurch. An den meisten Fenstern waren die Vorhänge noch zugezogen, Rollos waren eine Seltenheit.
Auf dem Marktplatz in der Mitte des Dorfes pickten einige Tauben nach Essensresten vom vorherigen Markttag. Bisher hatte in Cóbh noch jeder Markttag mit einer tüchtigen Essensschlacht geendet.
Lief man vom Marktplatz aus nach rechts, kam man an ein großes weißes Haus mit Blumen an den Fenstern und roten Ziegeln auf dem Dach, das "Irish Pub", das von Manuel und seiner Verlobten, der Obstverkäufern Sharon geleitet wurde. Das Pub war der beliebteste abendliche Treffpunkt der Männer von Cóbh, denn dort traf man immer jemanden, den man kannte, und konnte sich so richtig vollaufen lassen.
Auch wenn in wenigen Jahren ein neues Jahrtausend anbrach, wirkte dieses kleine Dorf wie aus dem Mittelalter hinübergerettet. Es gab kaum Autos, aber immerhin elektrisches Licht und fließendes Wasser. Die meisten Bewohner des Dorfes waren rechtschaffene Arbeiter, Altersklassen von 35 aufwärts. Junge Leute gab es erst einige Schritte weiter... aber dazu später.
In Cóbh kannte jeder jeden, und im Großen und Ganzen verstanden sich die Bewohner auch untereinander prächtig. Der Bürgermeister Vincent war ein kluger und gelassener Mann, der auch andere Meinungen akzeptierte. Die Einwohner waren für ihn nicht seine Untertanen, sondern seine Freunde, und es kam auch oft vor, dass man Vincent abends bei einem Bierchen im Pub antreffen konnte.
Verließ man nun das Dorf in Richtung Süden, kam man an eine Landstraße, die einen Hügel hinauf zu East Grove führte. Und dort war es, das große Haus der Kelly Family.
Kein Laut schallte durch die Mauern nach draußen, denn auch im Kelly-Haus steht um sieben Uhr morgens noch die Zeit still. Nicht einmal Finbar, die irische Wolfshündin, tobte mit lautem Gebell durchs Haus.
Um das Haus zischte der Wind. Ein Fenster im ersten Stock stand offen. Wenn man da nun hineinspähte, was man ja eigentlich nicht tun sollte, dann konnte man John Kelly, auch genannt Johnny, in seinem Bett liegen sehen. Er schlief noch selig, neben seinem Bett lagen ordentlich zusammengefaltet die Kleider vom Vortag auf einem Stuhl.
Die Tür zum nächsten Zimmer war einen Spalt breit offen. Auf einem großen Doppelbett mit rosa Laken lag jemand ganz in die Decke eingehüllt und hielt sein Kissen fest umarmt. Erst auf den zweiten Blick konnte man erkennen, dass es sich um Paddy Kelly, 20 Jahre halt, handelte. Vielleicht sollte man ihn besser schlafen lassen?!
Also gut, weiter ins nächste Zimmer. Hier stand ebenfalls ein Doppelbett, allerdings mit grünem Bettbezug. Inmitten von mindestens zehn Kuscheltieren schlief das Moppelchen der Kellys, Maite. Ihren Lieblingsteddy Futzel hielt sie fest an sich gepresst und es sah so aus, als würde sie an seiner Pfote nuckeln.
Maite war 18.
Wenn man die Wendeltreppe in den zweiten Stock hinaufstieg – aber leise bitte – stieß man auf vier weitere Schlafzimmer. Das erste an der Treppe war das größte. In einem Kinderbett schlief der sechsjährige Sean. Direkt daneben war das "Elternbett", in dem Seans Mutter Kathy schlief. Doch es lag noch jemand neben ihr. Aber das war ja Vincent, der Bürgermeister! Was sollte denn das?
Nur keine Aufregung, bitte. Kathy und Vincent waren seit etwa einem Jahr ein Paar. Allerdings war Vincent nicht der Vater von Sean, dieser war kurz nach der Geburt seines Sohnes gestorben.
Der nächste Raum war vollgestopft mit Bücherregalen, Zimmerpflanzen und Fitnessgeräten. Das Einzelbett war bereits leer, denn Patricia Kelly saß bereits an ihrem Schreibtisch. Vor ihr lag aufgeschlagen ein großes Chinesisch-Wörterbuch, und murmelnd wiederholte sie die schwierigen Sätze.
Im nächsten Zimmer musste man sich erst einmal umgucken und staunen. An der Decke war ein riesiger gemalter 3-D-Wolfskopf, und an den Wänden standen die Grafittis WOLF und WHY WHY WHY.
Im Bett in der Mitte des Zimmers lag Joey Kelly. Seine Decke lag auf dem Boden, sein Schlafanzughemd war aufgeknöpft und Joey schnarchte laut. Chaotisch, chaotisch!
An der Tür zum nächsten Zimmer hing ein BRAVO-Megaposter von Madonna. Innen traf man noch mehrere Male auf die Sängerin, denn von CDs über Poster und Bettwäsche bis hin zu T-Shirts besaß Jimmy alles über seine Lieblingssängerin. Jimmy selbst war allerdings nicht im Raum, er war bereits wach und duschte. Ein Madonna-Duschgel besaß er aber nicht.
Nun war der Rundgang für diesen Stock beendet, und es ging im Dachgeschoss weiter. Das erste Zimmer im Gang gehörte Angelo. Er lag eingewickelt in eine Wolldecke im Bett, eine StarWars-Figur im Arm. Tja, was für Paddy Guildo Horn und für Jimmy Madonna waren, war eben StarWars für Angelo.
Dann kam das letzte Schlafzimmer, das von Barby. Barby hatte seit ein paar Monaten einige seltsame Angewohnheiten. Sie konnte nur bei Licht einschlafen und schlief unter dem Bett. Aber ansonsten war ihr Zimmer wie ein normales Mädchenzimmer: ein Schreibtisch, ein Spiegel, ein Kleiderschrank und Hunde- und Ballettposter an den Wänden.
Eine Stunde später waren immerhin schon einige Dorfbewohner auf den Beinen. Zum Beispiel Sharon und Manuel. Sharon schrubbte im Pub die Theke, und Manuel verteilte die Speisekarten auf den Tischen.
Plötzlich öffnete sich quietschend die Tür zum Pub, und eine Frau trat ein. Sie war etwa 60 Jahre alt, hatte kurze rotblonde Haare und trug einen exklusiven Pelzmantel. In den Händen trug sie zwei schwere Koffer.
Manuel ging auf sie zu. "Guten Tag, gnädige Frau. Leider hat das Pub erst ab sieben geöffnet, kommen Sie doch bitte heute Abend wieder, das Bier ist großartig. Kann ich sonst etwas für Sie tun?"
"Ich denke schon," erwiderte die Dame zögernd. "Können Sie mir vielleicht sagen, wie ich zum Landsitz der... hm... Kelly Family komme?"
"Aber natürlich. Sie laufen rechts, bis Sie aus dem Dorf heraus sind. Und dann geradeaus, immer den Hügel hinauf. Sie können es gar nicht verfehlen."
"Danke." Die Frau packte ihre Koffer und wieselte zur Tür hinaus. Manuel starrte ihr mit offenem Mund hinterher. "Was für 'ne seltsame Nummer! Meinst du nicht auch, Sharon?"
Sharon kam zu ihm gelaufen. "Mhm, ja, ziemlich seltsam! Die ist nicht von hier!"
"Auch schon gemerkt?" knurrte Manuel genervt.
Um halb neun waren alle Kellys bis auf Joey wach. Kathy machte für alle das Frühstück, und Paddy deckte gemeinsam mit Barby den Tisch. Maite saß neben Kathy und naschte aus dem Nutellaglas. "Du kannst uns ruhig helfen!" herrschte Paddy seine Schwester an.
"Wollen wir nicht Joey wecken?" fragte Jimmy, als alles gerichtet war.
"Ach was, wir lassen ihn schlafen," meinte Patricia. "Er ist sicher müde, er hat gestern die halbe Nacht mit einem Kumpel aus Köln telefoniert."
"Ich hab‘ ihn ja nicht dazu gezwungen," brummte Jimmy.
Beim Frühstück hatte John eine tolle Idee: "Vater kommt ja nachher. Aber bis dahin ist noch etwas Zeit. Wollen wir nicht heute nach Cork zum Großeinkauf fahren?"
Paddy hatte dazu keine Lust. Die anderen schon. "Und was machen wir mit Joey, sollen wir den schlafen lassen?" fragte Kathy.
"Ach Gott, lasst den doch pennen. Ich bin ja da," sagte Paddy.
Also fuhren die anderen mit dem Bus los. Paddy räumte den Tisch ab, dann setzte er sich vor den Fernseher. Plötzlich klingelte es. Paddy rannte zur Tür. Wer hat denn da schon wieder seinen Schlüssel vergessen, dachte er frustriert und öffnete.
Draußen stand eine fremde Frau mit zwei großen Koffern. Sie war etwa 60 Jahre alt, hatte rotblonde Haare und trug einen Pelzmantel. Mit amerikanischem Akzent fragte sie: "Gehören Sie zur Kelly Family?"
"Ja." Haben wir wirklich so alte Fans? dachte Paddy.
In diesem Moment kam Joey die Treppe herunter. Ungekämmt, ungewaschen, unrasiert mit offenem Schlafanzughemd. Der Frau klappte die Kinnlade runter. In der Mitte der Treppe blieb Joey stehen und gähnte laut mit offenem Mund. Paddy schämte sich in Grund und Boden. "Achten Sie nicht auf ihn!" flehte er. "Was wünschen Sie?"
Irritiert fragte die Frau: "Sind Sie ein Sohn von Dan Kelly?"
"Ja."
"Ist der Herr zu sprechen?"
"Nein, tut mir Leid, er ist nicht hier... Moment! Er kommt uns ja heute besuchen! Ungefähr um vier wird er hier sein. Sind Sie eine Bekannte von meinem Vater?"
"Ja, gewissermaßen," sagte die Dame und lächelte etwas verträumt dabei. "Gut, dann komme ich um vier wieder. Auf Wiedersehen."
"Wiedersehen," sagte Paddy und schloss die Tür.
Joey saß inzwischen müde auf der Treppe. "Wer war’n das?"
"Joey!!" fauchte Paddy. "Wie kannst du einfach so runterkommen, in so einem Aufzug! Du hast die Dame total verschreckt! Wer weiß, wer sie war! Vielleicht eine ganz wichtige Frau vom Fernsehen!"
"Reg‘ dich ab, sie kommt ja wieder," maulte Joey. "Wann gibt es denn Frühstück?"
"Schon längst vorbei. Die anderen sind sogar schon außer Haus," verkündete Paddy.
Joey gähnte wieder und begann, sich ein Brot zu schmieren.
Etwa eine Stunde später kamen die anderen Kellys vom Einkaufen zurück.
"Hallo Pad," ächzte Kathy und stellte eine Tüte auf den Tisch. "Ist Joe schon wach?"
"Ja," nickte Paddy. "Wisst ihr, da war vorhin..."
"Wir haben dir auch was mitgebracht," verkündete Maite und überreichte Paddy eine Tüte Chips. Glücklich rannte Paddy damit nach oben, futterte und las ein spannendes Buch. Die rätselhafte Dame hatte er schon lange vergessen.
Etwas später klingelte es. Das musste Vater sein. Paddy legte das Buch zur Seite und wollte hinunter zu den anderen gehen. Dabei sah er zufällig auf seine Uhr. Es war fünf vor vier. Auf einmal fiel Paddy die seltsame Frau wieder ein. Sie wollte doch jetzt gleich kommen, und die anderen wussten gar nichts davon! Wie gejagt rannte Paddy nach unten.
"Leute," rief er noch auf der Treppe, "wir bekommen gleich Besuch von..."
"Paddy! Willst du mich nicht erst einmal begrüßen?" fragte Vater Dan, der gerade zur Tür herein kam.
Paddy fiel seinem Vater um den Hals und zischte seinen Geschwistern zu: "Heute Morgen war eine Frau da, aus Amerika oder so, sie wollte mit Vater sprechen."
"Mit mir?" fragte Dan höchst überrascht. "War es nicht vielleicht Silvia?"
"Bist du verrückt? Silvia kenne ich doch!" verteidigte Paddy sich. Manchmal glaubte sein Vater wohl, er wäre total blöd.
"Wer auch immer es war, sie wird schon wiederkommen!" meinte John.
"Jetzt lasst uns erst mal Kaffee trinken!" meinte Joey.
In diesem Moment klingelte es, und Angelo öffnete schnell die Tür. Und draußen stand wieder diese Frau.
Dan wirbelte herum. "Jenny!" rief er ungläubig. "Dan!" rief die Frau, und schon umarmten sich die beiden.
Die Kinder standen da wie vom Donner gerührt. "Das war also Jenny, Vater Dans erste Frau, die Mutter von Kathy und den aus der Band ausgestiegenen Kindern Caroline, Danny und Paul. Dan hatte sich in Spanien von Jenny scheiden lassen und hatte daraufhin seine zweite Frau Barbara Ann geheiratet und mit ihr die übrigen Kinder bekommen. Jenny hatte seitdem nie wieder etwas von sich hören lassen.
"Wo ist denn meine Tochter Kathleen?" fragte Jenny fröhlich in die Runde. "Oh, da bist du ja!" Stürmisch umarmte sie die überraschte Barby.
"Nein, falsche Baustelle!" mischte John sich ein. "DAS ist doch Kathy!" Er zeigte auf seine ältere Schwester, mit mit Sean an der Hand wie versteinert in der Ecke stand.
"Oh, ach so!" Jenny geriet etwas aus der Fassung und umarmte schnell Kathy. Dann fiel ihr Blick auf Sean. "Ja, wer ist denn das?"
"Das ist Kathys Sohn Sean," erklärte Paddy.
"Huch – ich bin Oma!" Jenny war überrascht.
"Möchtest du mit uns Kaffee trinken?" fragte Dan.
"Natürlich, gerne!"
Alle gingen ins Wohnzimmer und begannen, Kuchen zu futtern. Jenny saß neben Dan und redete eine Menge. Dabei verspeiste sie ein Stück Kuchen nach dem anderen. Die Kinder sahen sie etwas überfordert von der Seite an.
"Nachdem ich von Spanien weggezogen bin, hatten wir ja keinen Kontakt mehr," plapperte Jenny. "In den letzten Jahren habe ich dann wieder zu Caroline, Danny und Paul Kontakt aufgenommen. Und dieses Jahr wollte ich euch alle kennenlernen."
"Du wirst hoffentlich einige Tage bleiben?" fragte Dan.
"Gerne," entgegnete Jenny erfreut.
Erstaunt sahen die Kids sich an. Seit wann war Dan denn so begeistert von Besuch? Okay, es war seine Ex-Frau, aber trotzdem...
"Bist du verheiratet, Kathleen?" fragte Jenny.
Kathleen blieb still, und so antwortete Johnny für sie. "Nein, aber sie hat einen Freund."
"Aha. Und von wem ist das... ähm... Kind?"
"Von ihrem verstorbenen Freund," erklärte John.
"Ich muss Vincent anrufen," murmelte Kathleen.
"Natürlich, geh‘ nur," meinte der Vater. "Und ihr anderen könnt auch aufstehen. Jenny und ich tratschen noch ein bisschen."
Im Flur fragte Joey seine Geschwister: "Wie findet ihr die?"
"Na ja, bisschen komisch," gab Patricia zu.
"Ich mag keine Pelzmäntel!" empörte sich Maite.
"Sie will mehrere Tage bleiben!" flüsterte Jimmy.
"Kommt schon, das werden wir überleben!" meinte Paddy.
Die Kids warteten, bis Kathy fertig telefoniert hatten. Dann wollten sie sie fragen, was sie selbst denn von ihrer Mutter hielt. Doch kaum hatte Kathy den Hörer aufgelegt, zog sie auch schon ihre Schuhe und ihren Mantel an.
"Wo willst du denn jetzt noch hin? Es ist gleich halb zehn!" sagte Barby.
"Zu Vincent," sagte Kathy nur und war schon fast zur Tür heraus.
Sean schrie: "Mama, nimm‘ mich mit!" Doch sie war schon weg.
Sean fing an zu weinen. "Mama soll mir vorlesen!"
"Ganz ruhig, ich lese dir gleich was vor!" beruhigte Maite ihn.
"Und wir, gehen wir ins Bett?" fragte Patricia. "Vater bekommen wir heute wohl nicht mehr zu Gesicht."
Johnny ärgerte sich. "Ich muss doch noch wegen der Steuererklärung mit Vater reden!"
"Dann mal viel Spaß beim Warten. Ich geh‘ schlafen!" sagte Paddy und ging hoch.
Am nächsten Morgen wachte Paddy um halb neun auf. Scheiße, ich werde immer viel zu früh wach, ärgerte er sich. Nächste Woche gehen wir auf Tour, da muss ich doch eh früh genug aufstehen.
Doch es war nichts zu machen, also zog Paddy sich an und wollte nach unten gehen. Im Gang traf er auf Jimmy, der gerade vom zweiten Stock kam. "Sag‘ mal Paddy, kannst du dir das vorstellen? Das Gästezimmer ist unten und das Gästebad auch. Aber Jenny benutzt unser Bad im zweiten Stock!"
"Woher willst du das wissen?" wandte Paddy ein. Jimmy lachte nur verächtlich. "Da oben steht ein Pflegemittel für Pelzmäntel!"
In der Küche erwartete die beiden die nächste Überraschung. Jenny war bereits wach und hatte schon das Frühstück gemacht. Vater, Barby, John und Angelo saßen sogar schon am Tisch. Johnny und Vater waren bereits über die Steuererklärung gebeugt.
Jenny wirbelte herum. "Na Jungs, guten Morgen! Setzt euch! Was möchtet ihr trinken? Saft, Kaffee, Milch, Tee, Kaba?"
"Kaffee. Schwarz," sagte Jimmy.
"Tee, bitte," sagte Paddy.
Jenny ging aus dem Zimmer, um die Tassen aus dem Geschirrschrank im Nebenzimmer zu holen. Kaum war sie aus der Küche verschwunden, zischte Jimmy: "Vater! Warum bist du auf einmal so begeistert von deiner Ex? Wie lange soll sie hierbleiben?"
Überrascht legte Dan die Steuererklärung zur Seite, woraufhin John anfing zu maulen. "Jenny wird wohl noch einige Tage bei uns bleiben. Du fragst, warum ich so begeistert von ihr bin? Bin ich das? Nun ja, ich finde, Jenny ist eine hübsche und sympathische Frau. – Nun hör‘ doch auf zu heulen wie ein kleines Kind, John! Du bist 31!"
"Wenn du Jenny so sympathisch und hübsch findest, warum hast du dich denn dann eigentlich von ihr scheiden lassen?" hakte Jimmy nach.
Doch bevor Dan antworten konnte, war Jenny auch schon zurückgekehrt. "Da bin ich wieder!" flötete sie und stellte die Tassen so schwungvoll vor Paddy und Jimmy auf den Tisch, dass Paddy Angst bekam, das Porzellan könnte zerspringen.
Nach und nach erwachten auch die anderen Kellys und kamen an den Tisch. Nur Kathy fehlte.
"Wo ist Kathy?" fragte Vater Dan.
"Sie war über Nacht nicht da. Sean hat bei mir im Bett geschlafen," erzählte Patricia.
"Bestimmt hat Kathy bei Vin übernachtet," sagte Joey.
"Unglaublich!" fauchte Dan. "Kinder unter 18 brauchen ihre Mütter rund um die Uhr!" Angelo grinste bei diesen Worten spöttisch.
"Wo treibt sich meine Tochter nur rum?" wimmerte Jenny.
Das darf ja wohl nicht wahr sein, dachte Paddy. Doch es kam noch härter. "Heute möchte ich gerne die schöne Gegend besichtigen. Wer zeigt mir das Dorf?" fragte Jenny.
Nach kurzer Zeit erschrockener Stille sagte Patricia: "Okay, das mache ich." Sie stieß Angelo an. "Ich komm‘ auch mit," stotterte er völlig überrumpelt.
Plötzlich hörten sie den Schlüssel im Schloss. "Das wird Kaddi sein!" meinte Maite, und alle sprangen auf, um zur Tür zu rennen. Doch Jenny war die Schnellste. Sie fiel Kathy um den Hals und rief: "Mein Kind! Wo warst du nur?"
"Bei Vincent," murmelte Kathy.
"Was fällt dir eigentlich ein..." fing Dan an, doch Sean kreischte dazwischen: "Mama!"
"Ach, lasst mich doch alle in Ruhe!" zischte Kathy, schob alle beiseite und wollte die Treppe hinauf stürmen. Doch Joey stand ihr im Weg. "Geh‘ weg!" blaffte Kathy ihn an, und als Joey nicht sofort reagierte, bekam er einen Kinnhaken verpasst. Dann stürmte Kathy die Treppe hinauf. Joey und die anderen Kellys sahen ihr fassungslos hinterher.
"Die Wechseljahre sind eine schwere Zeit," bemerkte Jenny milde. "Da muss man Verständnis haben."
Wenig später waren die meisten Kellys ausgeflogen. Tricia und Angelo machten mit Jenny den versprochenen Spaziergang durchs Dorf. Kathleen war mit Vincent weggefahren. Barby und Jimmy waren mit Sean ins Schwimmbad nach Cork gefahren. John und Joey hielten im Garten ihr Mittagsschläfchen. Maite war mit Sharon weggegangen, keiner wusste, wohin.
Paddy langweilte sich. Er hatte jetzt Lust, sich mit seinem Vater über Jenny zu unterhalten. Er sprang die Treppen hinunter und summte dabei Save All Your Kisses For Me vor sich hin. Paddy riss die Tür zum Wohnzimmer auf.
Vater Dan saß auf dem Sofa und blätterte in alten Fotoalben. Auf dem Tisch standen Plätzchen und Räucherstäbchen. Dazu lief melancholische Musik.
Paddy hustete demonstrativ.
Dan sah auf. "Oh, Paddy! Komm‘ mal gerade her!"
Gehorsam folgte Paddy und setzte sich neben Dan aufs Sofa. Dan zeigte auf ein verblichenes Schwarzweißfoto. "Guck‘ mal, das sind Jenny und ich!"
Auf dem Foto sah Paddy seinen Vater als jungen Mann in einer schicken Uniform. Daneben stand eine hübsche junge Frau in einem einfachen Kleid. Jenny!
"Das Foto muss in den 50er Jahren aufgenommen worden sein!" sagte Vater Dan stolz.
"Aber warum guckst du dir das jetzt an?" fragte Paddy.
"Vielleicht will ich später Jenny die Fotos zeigen," entgegnete der Vater.
"Hat Jenny nochmal geheiratet?" wollte Paddy wissen.
"Ja, einen reichen Staatsmann. Aber der ist inzwischen gestorben. Kinder haben sie keine bekommen."
"Papa, glaubst du, Kathy ist überfordert mit der Situation?"
"Ach, was weiß ich. Vielleicht tut sie ja nur so," meinte Dan.
"Doch nicht Kathy!" Paddy dachte nach. "Glaubst du, Jenny möchte bei und einziehen?"
"Das weiß ich nicht. Wir haben noch nicht darüber gesprochen."
"Du würdest sie also hier einziehen lassen?" Paddy war geschockt.
"Ja, natürlich, warum denn nicht? Ich verstehe mich gut mit ihr."
"Und Silvia?"
"Was ist mit Silvia?"
"Sie ist doch deine Freundin. Denkst du denn gar nicht mehr an sie, Daddy? Was meinst du, was sie dazu sagen würde?"
"Silvia hat damit überhaupt nichts zu tun."
Paddy sah zur Seite. "Du liebst Jenny noch immer, nicht wahr?"
"Was soll das?" polterte Dan los.
"Oder jedenfalls liebst du sie JETZT WIEDER. Ich glaube ja, dass du Mama wirklich geliebt hast, und Silvia später auch. Aber jetzt hast du dich wieder in Jenny verknallt, stimmt’s, Papa?"
"Marsch, rauf in dein Zimmer, Paddy! So etwas muss ich mir von meinem zwanzigjährigen Sohn nicht sagen lassen! Verschwinde!"
Paddy stand langsam auf und ging aus dem Zimmer. Er konnte seinen Vater nicht mehr verstehen. Sein Herz war gefüllt mit Bitterkeit gegen Dan.
Zum Kaffee trafen alle wieder im Schloss ein. Dan und Jenny machten danach einen Spaziergang an der Küste. Die Kinder blieben fassungslos zurück.
"Nicht mal den Tisch können sie helfen abzuräumen," knurrte Patricia und machte sich an die Arbeit. Barby stand auf und half ihr.
"Wie war denn eigentlich der Spaziergang mit Jenny?" wollte Maite wissen.
"Frag‘ nicht," stöhnte Patricia. "Die hat uns durch Gassen geschleppt, da waren wir selbst noch nie!"
"Aber wir haben eine ganz tolle Villa gesehen," meldete Angelo. "In der Nähe von den Schrebergärten. Da zieht jetzt eine Gräfin oder so was Ähnliches ein."
"Stimmt, ich hab’s heute Morgen in der Zeitung gelesen!" meinte Johnny.
"Eine echte Gräfin?" Jimmy war fasziniert.
Johnny hatte inzwischen die Zeitung gefunden. "Ja, da steht’s. Gräfin Wilma von Garbo-Schlossherrenstein. Sie kommt aus London."
"Cool," flüsterte Jimmy.
"Müssten wir die Dame denn nicht eigentlich begrüßen und uns vorstellen?" fragte Paddy zögernd. "Das macht man doch so, oder?"
"Typisch Pad, will sich überall anbiedern!" empörte sich Joey, doch Barby hielt ihn zurück. "Ist ja gar nicht wahr! Das macht man wirklich so. Ich will die Gräfin auch kennenlernen! Was ist, Pad, wollen wir jetzt gleich gehen?"
"Ja!" sagte Paddy sofort. Er wollte nur noch weg von Vater, Jenny und allem. "Geht noch einer mit?" Doch die anderen hatten keine Lust, und so gingen Barby und Paddy allein. Es war schon etwas dämmerig draußen. Nach einer Weile standen sie vor einer großen Villa. "Das muss es sein!" meinte Barby. "Die Villa passt überhaupt nicht ins Dorf," meckerte Paddy. "Ach, egal," sagte Barby. "Lass‘ uns klingeln."
Nachdem sie auf den Klingelknopf neben dem Briefkasten gedrückt hatten, schallte es aus der Sprechanlage: "Ja bitte?"
"Guten Abend!" rief Paddy. "Wir sind die neuen Nachbarn und wollten uns vorstellen!"
Die Gartentür summte, und die beiden Kelly-Kids liefen den Gartenweg entlang bis zum Gebäude. Dort stand ein Hausmädchen. "Guten Abend. Die Gräfin wird Sie sicher sofort empfangen. Wen darf ich melden?"
"Melden Sie Paddy und Barby Kelly," sagte Paddy.
"Gerne. Ich darf Sie solange in den Wintergarten führen."
Das Hausmädchen führte Barby und Paddy in den Wintergarten voller Pflanzen und Sessel. Die beiden Kellys waren etwas überrascht und drückten sich leicht verunsichert in die Sessel. Plötzlich öffnete sich die Tür und die Gräfin erschien.
Wilma von Garbo-Schlossherrenstein war etwa 40 bis 45 Jahre alt. Sie hatte eine dunkelbraune kinnlange Bob-Frisur, war viel zu stark geschminkt und trug ein giftgrünes zwangsjackenähnliches Kleid. Höchst seltsam.
Sie gab Barby kurz die Hand und begrüßte sie höflich. Doch als sie Paddy die Hand reichte, veränderten sich irgendwie ihre Gesichtszüge. Sie sah Paddy sehr interessiert an. Nicht nur das. Sie zog ihn richtiggehend mit den Augen aus. Paddy war das gar nicht recht. Schnell zog er seine Hand wieder weg und sagte hastig: "Wir wollten uns nur mal vorstellen und schauen, ob Sie sich zurechtfinden?"
"Ja, ja, alles in Ordnung," sagte die Gräfin träge. "Dann bis bald mal."
Und schon standen Paddy und Babs wieder auf der Straße.
"Und, wie fandest du die?" wollte Barby Ann von ihrem Bruder wissen.
"Sie ist viel zu stark geschminkt..." fing Paddy an.
"Hast du gesehen, wie sie dich angeguckt hat?" fragte Barby. "Also, ich finde, das ist eine sehr einschüchternde Frau!"
"Quatsch, von so einer Tusse musst du dich nicht einschüchtern lassen," tröstete Paddy sie. "Das ist nur eine lahme Lustgreisin, mehr nicht."
"Gehen wir noch in Manuels Pub?" fragte Barby plötzlich. "Ich mag nicht heim."
"Hast du denn Geld?" fragte Paddy.
"Ja."
Also betraten sie das "Irish Pub", in dem wieder mal Hochbetrieb herrschte. "Oh, die Kelly-Kids!" rief Manuel von der Theke aus. "Was darf’s denn sein?"
"Irish Coffee," sagte Paddy.
"Orangensaft," sagte Barby.
Manuel brachte das Gewünschte und lehnte sich dann über die Theke. "Ich hab‘ euch schon lange nicht mehr hier gesehen, schon gar nicht dich, Babsie. Gibt’s was Neues? Wo wart ihr denn gerade?"
"Bei dieser neuen Gräfin," sagte Paddy und trank einen tiefen Schluck von seinem Irish Coffee. Woooh, das zog rein!
"Ah ja, ich hab’s in der Zeitung gelesen," sagte Manuel. "Die werde ich wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen, wahrscheinlich trinkt die nur 5-Uhr-Tee! Püh! Und was gibt’s sonst so Neues bei euch?"
"Vaters frühere Frau hat sich bei uns eingenistet," erzählte Paddy.
"Du," fragte Manuel, "trägt die einen Pelzmantel und hat rotblonde Haare?"
"Ja, warum?"
"Die war gestern hier im Pub und hat nach dem Weg zu euch gefragt."
"Ja, das wird sie gewesen sein."
"Und wie ist die so?" fragte Manuel.
"Sie ist gräßlich!" sagte Babsie. "Sie spielt sich auf, als wäre sie unsere Mutter und verdreht Papi total den Kopf!"
Überrascht sah Paddy Barby an. Er hätte sich ehrlich gesagt nie getraut, Barby nach ihrer Meinung über Jenny zu fragen. Aber es war beruhigend, dass Babsi genauso über sie dachte wie er.
"Ja, so sah die alte Tante auch aus," nickte Manuel. "Ich hoffe, ihr nehmt mir das jetzt nicht krumm. Noch’n Getränk?"
Jetzt war’s auch schon egal. "‘Nen doppelten Coffee," sagte Paddy.
Als Barby und Paddy spät abends nach Hause zurückkehrten, fanden sie ihre Geschwister in der Küche. Aus dem Wohnzimmer dröhnte Gekicher.
"Wir dürfen nicht rein, Papa und Jenny wollen allein sein," sagte John frustriert.
"Wer weiß, was da drin jetzt abgeht," setzte Jimmy grinsend hinzu.
"Papa zeigt Jenny alte Fotos," sagte Paddy müde.
"Woher willst du denn das wissen?" fragte Patricia.
Paddy erzählte seinen Geschwistern von dem Gespräch mit Dan am Vormittag.
"Das wird ja immer besser," ärgerte sich John.
"Sollen wir ihr nicht doch eine Chance geben?" fragte Maite die anderen.
"Natürlich," sagte John, "nur: ich habe das Gefühl, dass Jenny für immer hierbleiben will, und dann haben wir nichts mehr zu lachen!"
"Das meinst du nicht im Ernst!" schrie Kathy.
"Eben doch! Sieht doch ein Blinder, dass Vater sich wieder in sie verknallt hat. Sie wird so schnell nicht mehr gehen!" antwortete Paddy.
"Wenn Mama das wüsste!" jammerte Barbi.
"Das würde uns auch nix nützen!" meinte Jimmy.
"Aber was ist mit Silvia, sie ist doch mit Papa zusammen!" meinte Lino.
"An die denkt er gar nicht mehr, er hat sie noch kein einziges Mal angerufen!" sagte Paddy.
"Wir können sie ja warnen," schlug Joey vor.
"Bist du beknackt? Wir mischen uns da nicht ein, hinterher haben WIR dann den Ärger!" protestierte Angelo.
"Aber irgendwas müssen wir doch tun!" wimmerte Patricia.
"Ja, schlafen gehen!" schlug Joey vor und gähnte. "Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus!"
Die anderen lachten nur ungläubig.
Die Tage vergingen schnell. Jenny lebte immer noch bei den Kellys. Dan verbrachte den ganzen Tag mit ihr und weigerte sich hartnäckig, Silvia anzurufen. "Darf Jenny etwa nicht wissen, dass du eine Freundin hast?" fragte Paddy kritisch. "Red‘ doch nicht so laut!" zischte Dan und sah sich ängstlich nach Jenny um.
Paddy verbrachte eine Menge Zeit mit Barby. Sie war in letzter Zeit sehr still und ruhig und damit ein guter Ausgleich zu dem hyperaktiven Paddy. Früher waren beide nicht so gewesen.
Eines Morgens saßen die Kelly-Kinder allein am Frühstückstisch. Dan und Jenny zogen es vor, allein zu frühstücken und waren nun spazieren.
"Wenigstens müssen wir dann nicht immer das Geturtel ertragen," sagte Maite frustriert.
"Bald sowieso nicht mehr. Übermorgen gehen wir doch auf Tour," erinnerte John seine Schwester.
"Übermorgen ist das schon?" Paddy freute sich. "Aber das bedeutet ja, dass Dad auch nicht mit auf Tour kommen wird. Er will doch Jenny sicher nicht alleinlassen," meinte Angelo.
In diesem Moment kamen Jenny und Dan nach Hause. "Kinder, ich muss mit euch reden," trompetete der Vater. "Bitte kommt ins Wohnzimmer."
Die Kinder erhoben sich. "Auweia, jetzt kommt’s. Bestimmt ist sie schwanger," flüsterte Jimmy. "In dem Alter? Ich glaub‘ eher, die wollen heiraten," zischte Babs.
Dan und Jenny saßen dicht nebeneinander auf dem Sofa. Kaum hatten die Kinder sich gesetzt, räusperte sich Dan. "Nun, meine Kids, wie ihr wisst, geht ihr übermorgen auf Deutschland-Tournee. Ich werde wie immer mitkommen. Aber auch Jenny wird euch begleiten."
Einen Augenblick herrschte absolute Stille. Dann fragte Paddy atemlos: "Du meinst, Jenny will mit uns auf der Bühne stehen und singen?!?"
"Aber nein!" Jenny lachte albern. "Ich werde lediglich hinter der Bühne dabei sein. Ich wollte schon immer mal wissen, was auf einer Tournee so abgeht!" "Ach so," stotterte Angelo.
Dan hob die Augenbrauen. "Ihr habt doch nichts dagegen?"
"Aber nein, Vater," stotterte Jimmy verlegen.
"Gut." Dan grinste. "Dann sollten wir vielleicht mal packen."
Die Kinder verließen das Wohnzimmer. "Generalbesprechung bei Patricia," zischte John, und alle Kellys stürmten in den zweiten Stock.
Kaum hatte Patricia die Tür ihres Zimmers hinter sich geschlossen, wetterte Johnny auch schon los: "Das wird doch 'ne Katastrophe! Die soll nicht mit auf Tour! Jenny wird alles vermasseln!"
"Wir können doch nichts dagegen tun!" sagte Joey. "Auf einen Krach mit Vater sollten wir es nicht ankommen lassen!"
"Hauptsache, sie singt nicht. Da müssten wir uns ja vor unseren Fans schämen!" tobte Johnny weiter.
"Kaddi, sag‘ doch auch mal was dazu!" bat Patricia ihre Schwester. Doch Kathy starrte nur vor sich hin. Alle staunten, denn sonst hatte nur Barbie diese Tour drauf.
"Wir müssen halt versuchen, ihr auf der Tour aus dem Weg zu gehen," meinte Maite verzweifelt.
"Ach, jetzt stellt euch net so an! Wäre doch gelacht, wenn wir dieses Problem nicht irgendwie beseitigen könnten!" meinte Angelo.
Doch die anderen lachten nur.
Zwei Tage später fuhren sie ab. Das erste Konzert sollte in Berlin stattfinden, es war ein Open-Air-Konzert.
Dan wollte den Kelly-Bus höchstpersönlich steuern. Innen wurde es etwas eng, denn nun waren sie ja eine Person mehr. Finbar durfte nicht, sie wurde in der Zeit von Vincent betreut, der zuhause blieb. Und zu aller Überraschung ließ Kathy auch Sean bei ihm.
"Aber Käthe, sonst nimmst du Sean doch auch immer mit!" meinte Patricia verwundert. "Warum dieses Mal nicht?" Aber Kathy gab keine Antwort.
Um fünf kamen die Kellys in Berlin an. Das Konzert sollte um halb neun stattfinden.
Vor dem Konzert erholten sich alle Kellys auf dem Freizeitgelände hinter der Bühne. Nur Jenny rannte ständig auf der Bühne herum und war immer da, wo sie nicht sein sollte. Sogar Dan sagte, sie solle sich beherrschen.
Um sechs trafen sich alle Kellys zum Soundcheck auf der Bühne. Paddy war direkt wahnsinnig vor Freude. Er liebte es, auf der Bühne zu stehen. Barby Ann wohl eher nicht, dachte er mit einem Seitenblick auf seine unglückliche Schwester.
Doch nicht alles klappte. Der Anfang der Show sollte so aussehen, dass Angelo am Schlagzeug den Takt von When The Boys Come Into Town vorgeben sollte und die Kellys dann nacheinander auf die Bühne stürmten. Doch sie verwechselten die Reihenfolge, Maite drängelte sich vor, Patricia fiel auf Joey, Paddy stolperte über Kathleen und statt zu stürmen, stürzten die Kellys auf die Bühne.
"Ach, wir waren schon lange nicht mehr auf der Bühne," ächzte Tricia.
"Hopp, alles nochmal!" drängte Angelo.
Dieses Mal klappte der Einzug problemlos. Aber dafür geschah etwas anderes: Johnny rannte ans Mikro, doch man hörte ihn nicht singen, er machte nur den Mund auf und zu wie ein Fisch.
"Die Mikros sind nicht angeschlossen," stellte Jimmy sachlich fest.
"Unsere Queen könnte sich ja mal behilflich machen," murmelte Joey und rief dann laut: "Jenny? Holst du uns bitte die Mikrokabel?"
Jenny betrat die Bühne, die Arme voller Kabel. Leider ging sie sehr ungeschickt damit um. Ein Kabel wickelte sich um Paddys Beine, und ehe er sich versah, lag er auf dem Boden. Alle beugten sich über ihn.
"Oh oh, Entschuldigung," wimmerte Jenny.
"Was ist nur passiert?" fragte Maite.
"Tut es sehr weh?" fragte Barby.
"Blutest du irgendwo?" fragte Patricia fachmännisch und bog Paddys Beine auseinander.
"Quatsch!" sagte Paddy und stand auf. "Macht doch nicht so’n Theater! Das gibt ein paar blaue Flecken, aber mehr auch nicht!"
Punkt halb neun begann das Konzert. Angelo gab wie verabredet den Takt am Schlagzeug vor und alle Kellys rannten auf die Bühne, und Kathy, Johnny und Maite sangen gemeinsam den ersten Song. Und dann kam Key To My Heart, und bei diesem Lied hatte Paddy seinen ersten großen Auftritt. Er sprang herum, sang, tanzte, schlug Räder, haute abwechselnd auf die Congas und auf die Drums und jagte mit seiner Gitarre hin und her.
Nach einer Stunde verschwanden die Kellys in die Pause. Angelo und Joey klatschten sich ab: "Das ist ein tolles Konzert!" Maite und John zogen sich schnell um, die anderen stärkten sich mit Mineralwasser.
Unbemerkt setzte Paddy sich in eine Ecke. Kathy merkte das dann doch. "Paddy, ist was?"
"Nein... ich hab‘ nur ein bisschen Schmerzen in den Beinen..."
"Das kommt von den blöden Kabeln!" knurrte Kathy. "Schon‘ dich jetzt lieber ein bisschen."
"Paddy! Kathy!" schrie Joey. "Mann, wir müssen wieder auf die Bühne!"
Paddy sprang auf die Bühne, und sofort waren alle Schmerzen vergessen. Der nächste Titel war Rock’n’Roll Stole My Soul, und bei diesem Song hob Paddy regelmäßig ab. Er wirbelte über die Bühne und fiel fast runter.
Nach eineinhalb Stunden war das Konzert zuende. Glücklich rannten die Kellys von der Bühne. "War das super," seufzte Angelo zufrieden. Paddy jedoch musste sich erst einmal hinsetzen.
"Tut es so arg weh?" fragte Johnny besorgt.
Paddy grinste etwas gequält. "Na ja..."
"Wo sind die Schmerzen am schlimmsten?" fragte Trisha sachlich.
"Im rechten Bein, glaub‘ ich."
Patricia schloss ihre Finger vorsichtig um Paddys Bein und drückte fest zu. Paddy schrie. "Auuuuuuu! Bist du verrückt?"
"Oh oh, das hört sich ja gar nicht gut an!" rief Angelo.
"Wir werden dich als erstes zu einem Arzt bringen," meinte Johnny. "Ich werde dich fahren. Kann uns einer der Bodyguards ein Auto besorgen?" "John, es ist kurz vor zwölf!" meinte Maite besorgt. "Na und? Irgendwo in Berlin wird es doch auch um diese Zeit einen Arzt geben!" sagte John böse.
Doch ganz so einfach wurde es dann doch nicht. John klapperte halb Berlin ab, doch keine Arztpraxis hatte mehr auf. Paddy saß unterdessen im Auto und jammerte vor sich hin. Die Schmerzen wurden immer unerträglicher.
Endlich kamen sie zu einem Notarzt, der noch auf hatte. Er untersuchte Paddys rechtes Bein genau. "Das sieht nicht besonders gut aus. Ich werden Ihnen einen Verband verpassen. Bitte stellen Sie das Bein die nächsten Tage lang ruhig."
"Wie meint er das – ruhig stellen?" fragte Paddy niedergeschlagen, als er mit John die Praxis verließ. "Ich muss doch auftreten!"
"Das sollen heute nicht mehr deine Sorgen sein!" tröstete John ihn. "Denk‘ jetzt nicht mehr darüber nach!" Paddy tat ihm den Gefallen und schlief im Auto ein.
Am nächsten Morgen besprachen die Kelly-Geschwister auf der Fahrt nach Hamburg im Bus, wie sie das Konzert heute Abend gestalten wollten.
"Mit dem Verband kann Paddy auf keinen Fall so rumtoben wie sonst immer," sagte Joey.
"Er kann doch Keyboard spielen," schlug Barby mit leiser Stimme vor.
"Und ich kann Paddys Gesang bei Rock’n’Roll Stole My Soul übernehmen," bot Jimmy an. Das gefiel Paddy ganz und gar nicht, aber er sagte: "Okay." Er hatte ja keine andere Wahl.
"Aber kann Paddy denn die ganze Zeit hinter den Keyboards stehen?" wollte Angelo wissen. "Das ist doch anstrengend für ihn."
"Stimmt. Ich werde ihm einen Stuhl besorgen," verkündete John. Paddy war nicht sonderlich begeistert, aber was sollte er schon tun?
"Gibt es sonst noch irgendwelche Wünsche oder Ansprüche, wenn wir schon mal dabei sind?" fragte Kathy.
"Ich möchte wieder eine Strophe bei Peces En El Rio singen," meldete Barby zaghaft.
Überrascht sah Kathy sie an. "Aber Barby, wir hatten uns doch darauf geeinigt, dass Maite deine Strophe übernimmt."
Barby erwiderte nichts mehr, aber sie schien niedergeschlagen zu sein. Mit verschlossenem Gesicht verkroch sie sich in eine Ecke.
"Was sagt eigentlich Papa zu der Sache mit Paddys Bein?" wollte Maite wissen.
Joey machte eine wegwerfende Handbewegung. "Frag‘ doch net. Der ist total auf Jenny fixiert und interessiert sich für sonst nix!"
Das Konzert in Hamburg fand in einer Halle statt. Um halb sechs begannen die Kellys mit dem Soundcheck. John besorgte Paddy einen seltsamen Stuhl auf Rollen, wie ein Computerstuhl. Mit diesem Teil sollte Paddy während dem Konzert zwischen den Congas und dem Keyboard hin und herfahren. Aufstehen durfte er nicht. "So schlimm ist es doch gar nicht!" maulte Paddy. "Du willst doch deine Gesundheit nicht leichtfertig aufs Spiel setzen!" sagte Angelo. "Ha! Welche Gesundheit?" maulte Paddy. "Das ist doch für die Fans, die hinten stehen, total blöd, wenn ich singe und die sehen gar net, wo ich bin!"
"ICH kann ja für Paddy singen!" bot Jenny freudestrahlend an.
Den anderen stockte der Atem. "Lieb von dir, aber ich glaube, Pad kriegt das schon noch hin," stotterte Jimmy.
Um halb acht rannten die Kellys auf die Bühne, das heißt, acht Kellys stürmten rauf und zwei Ordner schoben Paddy auf seinem Stuhl auf die Bühne.
Beim ersten Song When The Boys Come Into Town merkten die meisten Fans noch nichts. Als Paddy allerdings auf seinem Stuhl hinter dem Keyboard Key To My Heart anstimmte, waren sie doch etwas verwundert. Warum kam er denn nicht nach vorne?
Trotzdem lief die Show ganz gut. Jimmy übernahm Paddys Song Rock’n’Roll Stole My Soul, Johnny übernahm seine Parts bei Papa Cool, und Angelo sang zur Freude seiner Fans Fell In Love With An Alien. Doch trotz allem erklangen immer wieder ungeduldige "Paddy, Paddy" - Schreie.
Allerdings musste Paddy sich doch eingestehen, dass die Sache auch etwas Gutes hatte. Nun, da er so gehandicapt war, hatte er die Gelegenheit, seine Geschwister beim Singen genau zu beobachten. Selbstkritisch musste Paddy zugeben, dass er, wenn er selbst gesungen hatte, nie auf seine Geschwister, sondern immer nur auf sich selbst geachtet hatte.
Schließlich, bei dem Song Baby Smile, übernahm Kathy wieder die Keyboards, und Paddy konnte seinen Stuhl zur Seite schieben. Barby lief in die Mitte der Bühne und begann zu singen. Und plötzlich überkam Paddy ein trauriges Gefühl, wenn er seine Schwester ansah. Barby stand in der Mitte der Bühne – nicht vorne, in der Mitte – und sang mit gesenktem Kopf ihren Song. Baby Smile. Ein bezeichnender Titel! Ihre Stimme klang traurig, und kein einziges Mal winkte sie den Fans zu. Paddy war richtig verzweifelt, noch nie war ihm das aufgefallen. Wie wenig wusste er doch von seinen Geschwistern!
Doch es kam noch viel schlimmer: Während Barby in der Mitte der Bühne Baby Smile sang, tanzte Maite weiter hinten voll ab und gröhlte ins Mikro, auch wenn sie bei diesem Song gar nichts zu singen hatte. Stirnrunzelnd beobachtete Paddy, wie Patricia ihren Platz verließ und mit ihrer Trommel auf Maite zusteuerte. Nun tanzten die beiden ab, lachten und amüsierten sich prächtig, während die unglückliche Barby sich da vorne mit Singen abquälte und nicht wusste, was hinter ihr vor sich ging. Paddy hasste Patricia und Maite in diesem Moment. Er fühlte eine tiefe Verbundenheit mit Barby. Er musste ihr helfen, jetzt sofort!
Entschlossen stemmte er sich von seinem Stuhl hoch.
"Was machst du da?" zischte Kathleen am Keyboard.
"Ich muss ihr helfen," stieß Paddy hervor.
"Wem musst du helfen? Mach‘ keinen Quatsch, Pad, hock‘ dich wieder hin!"
Doch nun war Paddy nicht mehr zu bremsen. Obwohl sein Bein schrecklich weh tat, schleppte er sich einige Meter weit nach vorne. Doch er übersah plötzlich eine Stufe, stolperte und flog mit voller Kraft auf den Bühnenboden, direkt neben Babsy. Sie fuhr herum. Die Fans kreischten, und auch die Kellys erschraken.
"Paddy, was hast du gemacht?" schrie Maite in ihr Mikro.
"Auuuua!" heulte Paddy.
Schnell stürzten einige Ordner und Geschwister zu Paddy und halfen ihm auf. Jimmy schnappte sich ein Mikro und erklärte den Fans: "Wir müssen die Pause ein bisschen vorziehen..."
Hinter der Bühne fragte John: "Was um Himmelswillen hast du dir dabei gedacht?"
"Ich musste Babs helfen," stotterte Paddy.
"Mir?" fragte Barby.
"Warum wolltest du ihr helfen?" fragte Jimmy. "Es war doch alles okay."
"Ich muss ihr helfen," wimmerte Paddy. "Sie ist so allein..."
"Ich glaub‘, du hast Fieber," meinte Patricia und fasste ihm an die Stirn. "Fass‘ du mich bloß nicht an!" kreischte Paddy.
"Hat der’n Schock oder was?" fragte Maite angenervt.
"Ich bring‘ ihn in die Heia," sagte Joey und trug den überraschten Paddy weg.
"Wo ist eigentlich Vater? Was sagt der dazu?" brüllte Kathy.
"Euer Vater ist mit Jenny spazieren," meldete ein Ordner.
Patricia bekam einen Heulkrampf. "Früher war Vater bei jedem Konzert dabei! Jetzt brauchen wir ihn, und er ist nicht da! Unser Vater entgleitet uns immer mehr!"
Paddy hatte einen Freund namens Antonio Cugno, der in Dortmund wohnte. Im Augenblick allerdings lebte Antonio in einer Entzugsklinik in London, denn er hatte massive Drogenprobleme gehabt und teilweise auch Paddy mit hineingezogen. Doch trotzdem hielt Paddy noch immer zu seinem besten Freund und verteidigte ihn allen gegenüber. Und als die Kelly Family ein Konzert in Dortmund gab, beschloss Paddy spontan, Antonio zu besuchen.
"Aber ich dachte, er ist zur Zeit in London?" fragte Kathy.
"Nein, in seinem letzten Brief hat er mir geschrieben, dass er diese Woche nach Dortmund kommt, um seine Eltern zu besuchen," erklärte Paddy. "Darf ich ihn besuchen? Biiiitteeeee, Kathy!"
"Na, ich weiß ja nicht..." meinte Kathy.
"Lass‘ ihn doch gehen," schaltete Jimmy sich ein. "Beim Soundcheck muss er ja nicht dabei sein, er hat ja eh kaum was zu tun!"
"Also gut," sagte Kathy widerstrebend. "Ich fahre dich hin. Aber zum Konzert muss ich dich wieder holen."
"Klar. Danke," sagte Paddy.
Also fuhr Kathy Paddy zu Antonios Wohnung, und Paddy humpelte zum Aufzug. Seit seinem gefährlichen Sturz hatte er ein Gipsbein und konnte auf der Bühne nun kaum noch was tun.
Paddy klingelte im dritten Stock bei CUGNO. Er hörte Schritte innen, dann öffnete sich die Tür, und eine Frau stand vor ihm. Paddy kannte sie nur von Fotos, es war Antonios Mutter. "Guten Tag."
"Guten Tag. Ich bin Paddy Kelly. Ist Antonio da?"
"Nein."
"Nicht?" Paddy erschrak. "Aber er wollte doch heute kommen..."
"Ja, wollte." Frau Cugno seufzte. "So war es auch geplant gewesen. Aber Antonio hat vorgestern eine schwere Lungenentzündung bekommen und konnte deshalb nicht kommen."
"Oh." Traurig sah Paddy auf die Pralinenschachtel in seiner Hand. "Ich hab‘ ihm so schöne Pralinen mitgebracht..."
"Bring‘ sie doch in sein Zimmer. Du weißt ja, wo es ist."
"Okay." Paddy ging durch den Flur und öffnete die Tür zu Antonios Zimmer. Und dann blieb ihm fast das Herz stehen: alle Wände waren mit schwarzen Laken abgedeckt, die Rollos waren heruntergelassen, an der Decke hingen Spinnweben. Dieser Raum sah aus wie das Zimmer von jemandem, der vor vielen Jahren gestorben war. Doch das Schlimmste war, dass alle Kelly-Poster von den Wänden abgehängt worden waren.
Paddy fühlte sich elend. Von einer bösen Vorahnung getrieben lief er zum Nachttisch, wo immer das Foto von Antonio und Paddy gestanden hatte. Doch dieses Foto war weg. Der Rahmen lag auf dem Boden, das Glas war zerbrochen.
Für Paddy war es, als habe ihm jemand mit voller Wucht in den Magen gehauen. Er wollte nur noch weg von hier. Schnell verabschiedete er sich von Antonios Mutter und rannte aus dem Haus. Zum Glück stand Kathleens Auto noch am gleichen Platz. Paddy riss die Autotür auf und ließ sich keuchend auf den Beifahrersitz fallen.
"Pad? Ich hab‘ den Motor nicht angekriegt. Warum kommst du denn schon wieder? War Antonio nicht da?" fragte Kathy.
"Nein," sagte Paddy kurz.
"Aber ich dachte..."
"Ja ja, er wollte kommen. Er hat eine Lungenentzündung bekommen und musste in London bleiben," sagte Paddy genervt.
"Der Arme! Am Besten schreibst du ihm schnell einen mitfühlenden Brief," schlug Kathy vor.
"Hah! Den Teufel werde ich tun!" Paddy wurde sauer. "Weißt du, was Antonio gemacht hat? Er hat alle Kelly-Poster von den Wänden abgehängt und sogar das Bild von ihm und mir aus dem Rahmen gerissen! Ich werde ihm nie wieder schreiben!!"
"Bitte, wenn du meinst," sagte Kathy und gab endlich Gas.
Einige Tage, nachdem sie die Tour beendet hatten und nach Irland zurückgekehrt waren, bekam Paddy auch seinen Gips ab. Aber jetzt nützte das ja nicht mehr ganz so viel, jetzt war die Tour ja zuende.
Jenny war immer noch da. Ihre Haare wurden langsam etwas länger, und die Kids befürchteten, dass sie versuchte, wieder ein Kelly zu werden. Oh, wäre doch ihr reicher Ehemann noch am Leben!
Eines Morgens frühstückten alle zusammen. Das war sehr selten geworden. Joey war den ganzen Morgen schon in einer aggressiven Stimmung. Und so kam es, dass er seinen Vater beim Frühstück wie beiläufig fragte: "Hast du eigentlich Silvia schon angerufen?"
"Nein!" sagte Dan drohend.
"Wer ist Silvia?" fragte Jenny sofort argwöhnisch.
"Eine Geschäftspartnerin," log Dan. "Nun esst weiter, Kinder."
"Was habt ihr denn heute vor?" erkundigte sich Jenny, ganz in ihrer Rolle als Mutter. Aaaarg!
"Ich geh‘ zum Friseur," sagte Jimmy. "Ich will mir Rastas flechten lassen."
"Wie kommst du denn bloß auf so eine Idee?" fragte Maite.
"Madonna hatte auch mal Rastazöpfe."
"Was an Madonna gut aussieht, muss an dir noch lange nicht genauso aussehen," stellte Maite fest.
"Apropos Friseur – Jenny, willst du nicht mitgehen?" schlug Angelo vor.
Jenny lachte. "Nein, Angelo, ich glaube, ich werde mir die Haare wachsen lassen, vielleicht so wie du."
Die anderen erschraken. "Aber kurze Haare stehen dir viel besser," machte Johnny einen verzweifelten Versuch.
"Nun ist’s aber genug!" befahl Dan. "Jenny soll das selbst entscheiden!"
Nachdem er mit Angelo den Tisch abgeräumt hatte, fuhr Jimmy nach Cork zum Friseur. Auch die anderen verschwanden in alle Richtungen. Barby und Paddy gingen nach oben in Paddys Zimmer. Barby setzte sich auf einen Stuhl und Paddy ließ sich aufs Bett fallen. Sie redeten nicht miteinander ; nach einer Weile wurde die Stille unerträglich. "Möchtest du Musik hören?" fragte Paddy.
"Klar," sagte Barby.
Paddy ging zum CD-Ständer. "Was ist dir lieber? Neneh Cherry oder Madonna?"
"Lieber zweiteres," meinte Barby. Paddy legte eine CD ein, und bald dröhnte Bad Girl durchs Zimmer. Ob Barbie sich auch so fühlte?
Barby betrachtete das Zimmer. Paddys Augen folgten ihrem Blick. Über das Bett, den Schrank, die Guildo-Poster, den Schreibtisch, und sie blieben schließlich wieder an Paddy hängen. "Was ist?" fragte Paddy unsicher.
"Wo ist das Bild von Antonio und dir?" fragte Barby. "Da an der Wand hing es."
"Ich hab‘ es abgehängt," erwiderte Paddy.
"Warum?"
"Er hat ja auch sein Bild von mir weggetan! Und er hat auch alle Poster von uns abgehängt! Da seh‘ ich es gar nicht ein, dass ich noch Fotos von dem Blödmann aufhängen soll! Oder?"
Barby guckte ein bisschen verwirrt. "Meinst du, dass du auf dem richtigen Weg bist? Du redest doch von seinem Zimmer in Dortmund, oder?"
"Ja, klar. Warum?"
"Vielleicht hat er alle Poster und Fotos von dir mit nach London mitgenommen?"
"Oh Gott!" Auf diese Idee war Paddy noch gar nicht gekommen.
"Oder seine Mutter hat sie abgehängt. Du hast doch selbst gesagt, dass sie etwas komisch ist. Ich glaube nicht, dass Antonio dich nicht mehr mag."
"Oh Gott!" Paddy war wie betäubt. "Ich habe ihm Unrecht getan! Und er ist krank! Ich muss ihn sofort anrufen!" Und schon stürmte Paddy aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Babsi folgte ihm und fand Paddy im Flur, wo er das Telefonbuch durchsuchte. "Mann, da steht die Klinik nicht drin!"
"Das ist ja auch das Telefonbuch von Cork!" sagte Barbie vorwurfsvoll. "Wir haben gar keins von London!"
Was nun? Zum Glück wusste Patricia, die gerade vorbeikam, Rat. Sie rief die Auskunft an, und Paddy schrieb sich die Nummer der Klinik auf. Dann rief er dort an.
"St.Mary-Klinik," meldete sich eine Dame.
"Guten Tag," sagte Paddy zögernd. "Könnte ich vielleicht mit Antonio Cugno sprechen?"
"Antonio Cugno... Moment, ich sehe in meinen Unterlagen nach... oh, Herr Cugno ist leider an einer Lungenentzündung erkrankt. Im Moment braucht er absolute Ruhe."
"Shit!" meinte Paddy niedergeschlagen.
"Ich kann ihm allerdings eine Nachricht von Ihnen hinterlegen," sagte die Dame. "Wie ist Ihr Name?"
"Paddy Kelly."
"Wie schreibt man Paddy?"
"P-A-D-D-Y."
"In Ordnung. Was möchten Sie dem Herrn mitteilen?"
Paddy überlegte. "Schreiben Sie einfach... dass ich ihn herzlich grüßen lasse und dass er bald wieder gesund werden soll."
"Na bitte, hat doch geklappt!" sagte Barbie, als Paddy aufgelegt hatte.
"Jaa!" sagte Paddy zufrieden und rieb sich die Hände. "Jetzt wird alles gut. Danke, Barbie Ann. Was ist, wollen wir noch ein bisschen Mau-Mau spielen?"
Sie wollten, und so machten sie es sich im Wohnzimmer bequem. Doch kaum hatten sie die Karten ausgeteilt, sprang die Haustür auf und Jimmy kam mit einer schicken Rastazopffrisur hereingerannt.
"Hey Jimmy, sieht gut aus!" riefen Barby und Paddy wie aus einem Munde.
"Ich muss euch unbedingt was erzählen," keuchte Jimmy. "Wo sind denn alle?"
Schnell kamen alle Geschwister ins Wohnzimmer. Jimmy sah genervt auf. "Das sind gar nicht alle! Wo ist Vater?"
"Er ist mit Jenny in Dublin!" meldete Angelo. "Tolle Frisur übrigens!"
Endlich saßen alle. Jimmy zappelte wie verrückt herum. "Jetzt erzähl‘ doch endlich, du hältst es ja kaum noch aus!" drängte Joey. "Was ist denn so Tolles passiert?"
"Ja also, ich war doch heute beim Friseur in Cork, und das hat 'ne Weile gedauert mit dem Flechten, ja, und als ich schon ein paar Stunden da war, da geht plötzlich die Tür auf, und die Gräfin kommt rein!"
"Ach, die Tusse!" kommentierte Barby.
"Quatsch, seid doch emol still! Sie ist dann neben mir gesessen. Sie hat irgendwie die Spitzen geschnitten gekriegt oder so was. Wir haben uns unterhalten. Sie hat gesagt, dass sie Paddy und Babsi kennt. Ihr Name ist Gräfin Wilma von Garbo-Schlossherrenstein. Sie hat mir Komplimente über meine Rastazöpfe gemacht und hat mich für morgen zum Kaffee eingeladen! Cool. oder?" Erwartungsvoll sah Jimmy die Geschwister an.
"Ja, und wo ist jetzt das Spannende an der Geschichte?" fragte Maite verwirrt.
"Ach, ihr versteht gar nix!" rief Jimmy enttäuscht.
Am nächsten Nachmittag zog Jimmy tatsächlich seinen Smoking an und stylte sich für das Date mit der Gräfin. Die anderen zogen ihn auf.
"Hast du dir auch die Ohren gewaschen?" neckte Joey ihn.
"Sind deine Schuhe geputzt und hast du dich auch richtig rasiert?" fragte Angelo kichernd.
"Jim, du stinkst wie eine ganze Parfümwolke!" empörte sich Patricia.
"Jetzt hört doch auf, mir auf die Nerven zu fallen!" schimpfte Jimmy.
"Jimmy, wo gehst du hin?" ertönte plötzlich Vater Dans Stimme. "Kannst du mir etwas im Keller helfen?"
"Vater, ich muss dringend weg!" sagte Jimmy verzweifelt. Es war doch wie verhext: die ganze Zeit ging Dan seinen Kindern aus dem Weg, und gerade jetzt wollte er etwas!
"Was brauchst du denn für eine Hilfe, Papi? Vielleicht kann ich das machen!" bot Joey an. Glücklich rannte Jimmy zur Tür hinaus.
"Es ist nicht viel," sagte Dan. "Mir muss nur jemand helfen, das Computerzimmer im Keller freizuräumen. Jenny braucht ein Zimmer."
"Was! Soll Jenny hier wohnen?" platzte Paddy heraus.
"Sei nicht albern, Patrick!" befahl Dan. "Eigentlich wohnt Jenny doch schon die ganze Zeit hier. Aber nun soll sie auch ein eigenes Zimmer haben."
Vater Dan und Joey gingen in den Keller, um das Zimmer leerzuräumen. Die anderen blieben fassungslos zurück.
"Das darf nicht sein!" jammerte Kathy immer wieder.
"Vielleicht kommt der Computer ja jetzt in mein Zimmer!" hoffte Angelo. "Wie kannst du jetzt an so etwas denken?" schrie John ihn an.
"Jenny nistet sich hier total ein. Was sollen wir bloß dagegen tun?" fragte Patricia verzweifelt.
"Patricia, wir können nichts tun!" antwortete Maite bedrückt.
"Warum räumt die Madame eigentlich ihr Zimmer nicht selbst frei?" fragte John spöttisch.
Genau in diesem Moment kam Jenny in den Flur, wo die Geschwister standen. "Hallo, habt ihr Dan
gesehen?"
"Er ist im Keller," meinte Kathy.
"Ah ja," sagte Jenny und wollte schon die Treppe hinunter gehen. Doch Patricia hielt sie zurück. "Sag mal Jenny... stimmt es, dass das Computerzimmer jetzt dein Zimmer wird?"
Überrascht sah Jenny sie an. "Ja. Warum? Habt ihr damit ein Problem?"
"Ähm, äh, nein, aber warum gerade das Computerzimmer?" fragte Barby. "Es ist so schön groß, wir sind da oft drin."
"Ich brauche ein großes Zimmer, weil ich üben muss."
"So, was übst du denn?" fragte Joey bissig. "Kelly-Kinder erziehen?"
Die Ironie entging Jenny. "Nein, ich übe singen," erklärte sie.
"Singen??" Den Kelly-Geschwistern schwante Fürchterliches. "Sag‘ bloß, du willst mit in unserer Band singen?" fragte Paddy mit leichenblassem Gesicht.
"Warum nicht? Euer Vater meint, das könnte gehen. So, jetzt muss ich aber zu ihm runter. Huhuuu, Dan, ich komme!" Jenny sprang die Kellertreppe herab. Zurück ließ sie die verstörten Kellys.
"Zwickt mich, das muss ein schlimmer Albtraum sein!" wimmerte Patricia.
"Wollen wir nicht abhauen?" fragte Maite in die Runde.
"Wir werden nicht vor Jenny kuschen, das haben wir doch gar nicht nötig!" knurrte Johnny. "Eher soll Jenny gehen!"
"Aber sie wird nicht gehen!" sagte Kathy.
"Warum nicht? Schließlich waren wir zuerst da!" meinte Angelo.
"Nein, eigentlich war Jenny lange vor uns da!" stellte Patricia bitterböse fest.
"Ich wünschte, Mama wäre nie gestorben!" jammerte Babsi los. "Jetzt hör‘ doch auf damit!" fauchte Johnny. Barby sah ihn erschrocken an. "Er meint es nicht so!" flüsterte Paddy ihr zu.
In diesem Moment kam Jimmy in seinem Smoking nach Hause gestolpert. Mit den Rastas sah er so anders aus. "Hi Leute! Ist was los?"
Schnell erzählten ihm die anderen empört alles. "Das ist ja 'ne Katastrophe!" stöhnte Jimmy.
"Hast du 'ne Idee, was wir machen sollen?" fragte Paddy ihn. "Seh‘ ich so aus?" fragte Jimmy. "Eher
nein!" murmelte Angelo.
"Wie war es denn eigentlich bei der Gräfin?" wollte John wissen.
"Ja, ganz nett," gestand Jimmy.
"Ganz nett! Jetzt erzähl‘ doch mal genauer!" meinte Kathy.
"Nö! Ihr versteht mich ja doch nicht!" erklärte Jimmy. "Also erzähle ich euch gar nix mehr!"
"Ach, dann behalt‘ deinen Scheiß doch für dich!" knurrte Joey.
Einige Tage später, als alle Kellys gemeinsam beim Mittagessen saßen, fragte Kathy: "Hast du schon Post von Antonio gekriegt, Paddy?"
"Leider nein," antwortete Paddy.
"Dann hat dein Anruf wohl nicht viel genützt," meinte Jimmy.
"Ach was, er ist doch krank, da ist es klar, dass er mir noch nicht schreiben kann."
"Und wie fühlst du dich in deinem neuen Zimmer, Jenny?" fragte Maite sarkastisch.
"Oh, sehr gut." Jenny strahlte. "Ich probe schon mit Feuereifer eure Songs!"
"Gib‘ uns mal eine Kostprobe," sagte Dan.
Hätte er doch nur den Mund gehalten! dachte Paddy. Doch es war zu spät, und Jenny legte mit Because It’s Love los. Es klang einfach schauerlich. Sogar Finbar fing an zu jaulen.
Nach dem zweiten Refrain hielt John es nicht mehr aus. "Hey Jenny, kannst du nicht versuchen, wenigstens EINEN Ton zu treffen?"
"Hör‘ nicht auf ihn!" sagte Dan. "Du machst das phantastisch. Nicht wahr, Paddy?" Er durchbohrte Paddy mit seinen Blicken. "Klar doch!" stotterte Paddy ängstlich.
"Bald kann Jenny mit euch auf Tour gehen." Behaglich lehnte Vater Dan sich zurück.
Es war nicht zum Aushalten.
Unvermittelt fragte Jimmy: "Vater, kann ich für eine Woche zelten gehen?"
Überrascht sah Dan seinen Sohn an – zum ersten Mal seit einigen Wochen. "Zelten gehen, na klar. Wohin soll’s denn gehen?"
"Och, so Shannon, Dublin, Galway, die Runde halt," gab Jimmy zur Antwort. "Morgen soll’s dann losgehen."
"Du zeltest allein? Hast du denn da gar keine Angst?" fragte Angelo.
"Quatsch, ich zelte doch nicht allein! Mit Ed und Brad zusammen, die kommen morgen nach Irland."
"Mit Ed und Brad? Aber von denen hast du doch schon ewig nichts mehr gehört, oder?" fragte Patricia.
"Ach was, Ed hat gestern Abend noch angerufen und gefragt, ob ich mitkommen will!"
"Gestern Abend? Davon habe ich ja gar nichts mitbekommen!" sagte Barby.
"Das war, als du gerade gebadet hast, da hat der angerufen," sagte Jimmy schnell. "Aber ich habe doch gestern Abend gar nicht gebadet!" murmelte Barby.
"Von mir aus kannst du gerne zelten gehen!" meinte Dan.
"Hurra!" juchzte Jimmy. "Ich packe gleich!"
Jenny schmiegte sich an Dan. "Ja ja, Dan, zelten waren wir auch mal zusammen."
"Ja!" bestätigte Dan.
Jenny fuhr verträumt fort: "Da haben wir Paul gezeugt, erinnerst du dich noch..."
"Ja!" bestätigte Dan.
"Ich glaube, wir sollten Jimmy mal beim Packen helfen!" stotterte Angelo, und fluchtartig rannten die Kids nach oben.
Am nächsten Morgen schnallte Jimmy seinen großen gelben Rucksack auf und verabschiedete sich von seinen Geschwistern. "Also dann ciao. Bis in einer Woche."
"Mach’s gut, Jim," antworteten die anderen.
"Holen dich Brad und Ed nicht hier ab?" fragte Joey.
"Nee, wir treffen uns in Cork. Okay, tschüs. Wo ist denn Vater, ihm muss ich auch noch bye sagen."
Sie suchten im ganzen Haus, doch Dan und Jenny waren unauffindbar. Schließlich fand John auf dem Sofa einen Zettel: WIR SIND WEGGEFAHREN. EINEN SCHÖNEN TAG.
"Was fällt denen eigentlich ein?" fauchte Jimmy und stampfte wütend mit dem Fuß auf. Dabei fiel ein kleines Päckchen aus seiner Hosentasche. Angelo hob es stirnrunzelnd auf. "Sag‘ mal Jimmy, was willst du denn damit?"
Jimmy sagte nichts darauf, doch er wurde knallrot und riss Angelo das Päckchen aus der Hand. Dann verabschiedete er sich schnell und rannte aus dem Haus.
"Um Himmels Willen, was war denn das?" fragte Paddy erstaunt.
Angelo zuckte nur mit den Schultern. "Keine Ahnung. Sah aus wie Kondome oder so was."
"So etwas hat Jimmy doch nicht!" erwiderte John sofort geschockt.
"Ha, wer weiß, mit wem er wirklich zelten geht..." lachte Joey, "... und wer dabei gezeugt wird!"
"Das war nicht schön von euch, dass ihr einfach weggegangen seid!" sagte Patricia, als Dan und Jenny zurückkamen. "Der arme Jimmy wollte sich doch von euch verabschieden."
"Er wird’s überleben," meinte der Vater. "Wir sind einfach ins Grüne gefahren."
"Und wen habt ihr dieses Mal gezeugt?" fragte Paddy ironisch. Jenny und Dan kicherten nur und sahen sich verliebt an.
"Aber Papa, was ist denn jetzt eigentlich mit Sil-..." fing Angelo an.
"... ja, Silvester ist bald!" beendete Dan den Satz und sah Angelo drohend an.
In diesem Moment klingelte es. "Das wird Jimmy sein!" sagte Barby. "Bestimmt hat er was vergessen."
"Na seht ihr, jetzt kann ich mich auch von ihm verabschieden!" meinte Dan. "Das ist alles kein Problem."
Paddy wusste, es konnte nicht sein, aber für eine Sekunde wünschte er sich, vor der Tür stünde Antonio.
Alle Kellys eilten zur Tür, und Maite riss sie auf. Doch vor der Tür stand nicht Jimmy. Auch nicht Antonio. Es war Dans Freundin Silvia.
"Silvia!" rief John.
"Silvia!" staunte Joey.
"Hallo!" sagte Silvia zaghaft. "Ist Dan bei euch? In Köln ist er nicht, ich habe schon lange nichts mehr von ihm gehört. Da dachte ich, dass ich..."
Mitten im Satz erstarrte sie, denn ihr Blick war auf Dan und Jenny gefallen, die wie ein Ehepaar eng nebeneinander standen.
"Oh," sagte Silvia leise. Mehr nicht. Und dann drehte sie sich auf dem Absatz um und lief weg. Dan raffte sich auf und eilte ihr hinterher. Silvia begann nun zu rennen. "Silvia!" brüllte Dan im Laufen. "Lass‘ dir doch erklären..."
Erschrocken sahen die Kellys ihnen hinterher. "Was war denn das für eine Tante?" fragte Jenny hochmütig.
"Mann," bellte Joey. "Das war gar keine ‚Tante‘, sondern Vaters Freundin Silvia!"
"Dans Freundin?" Jenny wurde ganz blaß.
"Ja, Vaters Freundin. Jetzt weißt du’s," sagte Maite befriedigt.
Keuchend kam Dan zurück, allerdings ohne Silvia. Jenny stürzte sich gleich auf ihn und fauchte: "Du hast eine Freundin!"
"Jetzt nicht mehr," ächzte Dan.
"Was soll das heißen?" schrie Kathy.
"Hast du etwa mit Silvia Schluss gemacht?" fragte Patricia fassungslos.
Dan nickte zufrieden. "Es gab soeben einen heftigen Streit, aber jetzt bin ich frei für Jenny." Er legte den Arm um sie.
"Oh, Dan," säuselte Jenny und verschwand mit ihm.
Wieder vergingen einige Tage, und nichts änderte sich. Jenny war immer noch da. Das Computerzimmer im Keller reichte ihr wohl nicht mehr, und so besetzte sie einfach Jimmys Zimmer!
"Aber wenn Jimmy vom Zelten zurückkommt, musst du wieder in den Keller!" sagte Angelo. "Kein
Problem!" lachte Jenny nur. Inzwischen war sie davon überzeugt, die zweite Madonna zu sein. Um ihr Singen zu perfektionieren, lieh sie sich ungeniert Jimmys Madonna-CDs aus und verlegte sie irgendwo im Haus.
"Bald wird Jenny mit euch auf Tour gehen!" prophezeite Dan. Die Kinder konnten es schon nicht mehr hören.
Eines Morgens hopste Paddy fröhlich die Treppe hinunter, denn wenn er fröhliche Musik gehört hatte, hopste er immer, und riss die Tür zum Wohnzimmer auf. Auf dem Sofa lagen Jenny und Dan und waren SEHR BESCHÄFTIGT. Sie bemerkten Paddy nicht einmal. Schnell zog Paddy die Tür wieder zu und schlich wieder nach oben. Aber jetzt hüpfte er nicht mehr. Jetzt ist es also soweit, dachte er. Kaum ist Silvia aus dem Weg geräumt, verlieren sie endgültig alle Hemmungen. Nicht mal abschließen können die!
Er betrat sein Zimmer. Ein Guildo-Poster war von der Wand gefallen und lag zerknittert auf dem Fußboden. Ach Scheiße. Ging denn heute alles schief?
Paddy versuchte, das Poster wieder an die Wand zu kleben, doch es hielt nicht mehr. Tesafilm war auch nicht mehr da. Paddy war erschöpft. Er hockte sich auf seinen Sessel und heulte. Nach einer Weile kam Maite in sein Zimmer. "Hey Paddy, warum heulst du denn?"
"Es ist kein Tesa mehr da," plärrte Paddy.
Maite tippte sich an die Stirn. "Und deshalb heulst du? Nur ein paar Schritte weiter befindet sich ein Dorf namens Cóbh, falls du das nicht weißt. Da kannst du dir deinen Tesa holen."
Paddy sackte zusammen. "Jetzt noch laufen?"
"Ach was, du hast doch ein Fahrrad! Ich begleite dich ja auch, ich muss noch bei Sharon was abholen und zu Lunkeley und zum Metzger will ich auch noch. Okay?"
"Okay!" Paddy trocknete seine Tränen.
"Ich muss nur noch schnell mein Rad holen, das steht im Keller. Wir treffen uns vor dem Tor," rief Maite und stürmte davon.
Paddy rannte nach oben in den dritten Stock und klopfte bei Barby. Als sie die Tür öffnete, sprudelte er hervor: "Babsarella, willst du mit Maite und mir ins Dorf, wir müssen Tesa kaufen und ich..."
"Ich komm‘ ja mit," unterbrach Barby ihn. "Aber ich möchte mich vorher gerne noch umziehen, ist so heiß draußen."
"Klar doch," meinte Paddy erleichtert und rannte zurück in sein Zimmer, um Geld einzustecken. Dann eilte er zum Fahrradschuppen, holte sein Rad und fuhr vors Tor. Dort wartete bereits Barby, in einem roten Kleid ohne Ärmel. Ihr Rad war kaputt, weil Angelo damit in den Whirlpool gefahren war.
"Achtung, jetzt komm‘ ich!" Mit atemberaubendem Getöse kam Maite um die Ecke gefahren. Sie trug Ellenbogenschützer, Knieschützer und einen rotweißen Fahrradhelm. In ihrem Fahrradkorb thronte Futzel, ihr Teddybär.
Maite kam neben den beiden zum Stehen. Paddy drückte Barby sein eigenes Rad in die Hände und stieg auf Maites Gepäckträger. Maite wunderte sich. "Ey, was wird’n das jetzt?"
"Babs soll mit meinem Rad fahren."
"Soll sie doch auf ihrem eigenen fahren."
"Babs hat doch grad‘ keins."
"Und du?"
"Ich fahr‘ bei dir mit."
"Nein, so geht das nicht," sagte Maite entschlossen. "Entweder wir fahren beide und Babs muss laufen, oder nur ich fahre und ihr lauft beide. Such’s dir aus."
Paddy musste nicht lange überlegen. Er sagte: "Ich laufe mit Barby."
"Bitte sehr," sagte Maite und brauste davon. Barbie und Paddy machten sich zu Fuß auf den Weg, nachdem Paddy sein Rad zurückgebracht hatte.
Paddy schnaufte. "Maite ist eine dumme Kuh."
"Ach, ist doch egal," sagte Barby.
Sie liefen den Hügel hinunter und erzählten sich dabei lustige Geschichten. Babs war so fröhlich und ausgelassen wie schon lange nicht mehr. Plötzlich erblickten sie einige Meter weiter eine Gruppe von Jugendlichen.
"Bestimmt 'ne Schulklasse auf Klassenfahrt," meinte Paddy.
Inzwischen hatten die Kids Barby und Paddy entdeckt und fingen an zu schreien. "Da sind zwei von der Kelly Family! Paddy! Paddy! Barby! Wir kommen! Huhu!"
"Und tschüs," sagte Babs energisch und machte sich wieder auf den Heimweg. "Babsarina, wo läufst du
hin?" rief Paddy, doch er konnte ihr nicht folgen, denn inzwischen hatten die Fans ihn umkreist. Paddy gab fleißg Autogramme und ließ sich mit den Mädchen fotografieren, doch dabei schweiften seine Gedanken immer wieder ab zu Barby. Was war denn nur mit ihr los? Warum hatte sie plötzlich Angst vor den Fans? Früher hatte sie doch auch nichts gegen sie gehabt!
Nachdem alle mit Fotos und Autogrammen eingedeckt waren, konnte Paddy ins Dorf gehen und seinen Tesa kaufen. Doch er musste ständig an seine Schwester denken. Er erinnerte sich, wie Barby Ann so traurig Baby Smile gesungen hatte. Und wie unglücklich sie gewesen war, als sie keine Strophe mehr bei Peces En El Rio hatte singen dürfen. Wir müssen sie wieder mehr mitmachen lassen, dachte Paddy. Unbedingt. Gleich nachher werde ich mit den anderen sprechen.
Er hatte noch keine Lust, heimzugehen, also betrat er das "Irish Pub". Manuel stand an der Theke. "Hallo Pad, du kommst aber früh!" Paddy sah sich um. Er war fast allein im Pub, nur einige Urlauber saßen an einem Fenstertisch.
Paddy setzte sich auf einen Barhocker. Manuel kam grinsend näher. "Na Paddy, ich weiß schon, was du
willst! Einen doppelten oder normal?"
"Heute lieber normal," antwortete Paddy, und nach wenigen Minuten stellte Manuel einen Irish Coffee vor ihn hin. "Und was tut sich so bei euch? Ist die Tusse immer noch da?"
"Ja," sagte Paddy mit Grabesstimme, "aber lass‘ uns nicht darüber reden."
"Okay," sagte Manuel. "Aber was gibt’s sonst so Neues? Alle gesund?"
Paddy trank einen Schluck. "Ja ja. Sonst ist alles okay. Jimmy ist mit ein paar Freunden irgendwo in der Country zelten."
"Nein, das weiß ich aber besser!" meinte Manuel. "Der ist hier im Dorf."
"Hä? Hier im Dorf? Spinnst du?" Paddy verschluckte sich fast.
"Ich schwöre! Ich seh‘ Jimmy fast jeden Tag, er hat ja jetzt Rastazöpfe. Er wohnt bei dieser Gräfin. Ich sehe ihn oft morgens beim Einkaufen, ich glaube aber, er will nicht gern gesehen werden. Letztens habe ich ihn auch in so einem Bonzenauto gesehen, mit der Gräfin – heftig knutschend."
Paddy war fassungslos. "Ich kann nicht glauben, dass Jimmy uns so eine Show vorgespielt hat!"
"Geh‘ halt zur Villa und schau‘ nach," schlug Manuel vor.
"Nee danke!" knurrte Paddy beleidigt.
Daheim erzählte Paddy seinen Geschwistern sofort alles. Sie waren außer sich.
"Jimmy und diese Gräfin! Was hat das zu bedeuten?" jammerte Kathy.
"Wie konnte er uns nur so anlügen?" fauchte Maite.
"Der kriegt Ärger!" knurrte John.
"Wann kommt er denn eigentlich zurück?" wollte Paddy wissen.
"Ich glaube, morgen," meinte Angelo.
"Dem werden wir aber was erzählen!" drohte Kathy.
"Wollen wir nicht Vater von allem erzählen?" fragte Patricia.
"Sag‘ emol, bist du dumm? Dem erzählen wir gar nichts mehr!" brüllte John.
"Na, dann bin ich ja mal auf morgen gespannt!" sagte Joey.
Am nächsten Morgen frühstückten die Kids alleine, denn Dan und Jenny schliefen noch bzw. taten andere Dinge, bei denen sie nicht gestört werden wollten.
Immer wieder brummte John: "Nach dem heutigen Tag wird Jim sich wünschen, nie geboren worden zu sein!" "Sei doch nicht so hart!" meinte Maite. "Okay, er hat uns belogen, aber..." "Ist das etwa nichts?" fragte John böse.
Plötzlich klingelte es. "Das ist Jimmy!" stieß Angelo hervor, und alle sprangen auf. John war jedoch am Schnellsten, und noch ehe die anderen die Küche verlassen hatten, hörten sie einen knallenden Schlag.
Sie rannten zur Tür und sahen gerade noch, wie sich Jimmy stöhnend seine Backe hielt. "Das wird dich lehren, mich anzulügen!" brüllte John.
"Hast du’n Knall oder was?" murmelte Jimmy.
"John, lass‘ Jimmy in Ruhe!" sagte Kathy.
Alle führten Jimmy ins Esszimmer, und Barby hielt ihm einen nassen Waschlappen ans Gesicht. Jimmy stöhnte. "Was war denn das für eine Begrüßung?"
John war immer noch böse und warf ihm vor: "Du brauchst gar nicht so zu tun! Wir wissen alles über dich und die Gräfin!"
Jimmy wurde etwas blaß. "Ach, deshalb! Ja okay, ich hätte es euch sagen sollen... aber ich war mir doch noch nicht sicher..."
"Du hättest uns doch sagen können, dass du eine Woche bei Wilma von Garbo-Schlossherrenstein verbringen wolltest. Wir hätten dich schon nicht bei Vater verraten!" sagte Maite vorwurfsvoll.
"Gut, gut!" Jimmy grinste gequält. "I’m sorry! Zufrieden?"
"Alles okay!" sagte Angelo.
"Aber ich finde..." beharrte Maite.
"Jetzt hör‘ doch auf!" sagte Kathy. "Die Woche ist vorbei, wir können nun die ganze Sache vergessen!"
"Nein, eben nicht!" Jimmy wurde nervös. "Da ist doch noch was!"
"Was denn?" fragte Paddy.
"Nun ja..." Jimmy war nicht mehr blaß, jetzt wurde er rot. "Ich möchte heiraten!"
"Was??" quiekte Joey.
"Du willst heiraten?" rief Barby.
"Etwa diese Gräfin?" schrie Paddy.
"Wen denn sonst?" fragte Jimmy genervt. "Ich werde Gräfin Wilma von Garbo-Schlossherrenstein heiraten!" Nun klang seine Stimme irgendwie stolz!
"Das kann doch alles nicht wahr sein!" wimmerte Kathy.
"Warum denn net? Ich hab‘ jetzt eine Woche bei ihr gewohnt, ich bin darauf vorbereitet."
"Aber dann wirst du ja ein Graf!" schrie John.
"Klar doch!" Jimmy lachte eingebildet. "Graf James Victor von Garbo-Schlossherrenstein! Hört sich doch stark an, oder?"
"Echt stark!" Patricia fing an zu weinen. "Jimmy, es gibt doch so viele schöne Mädchen auf der Welt! Warum gerade sie?"
"Warum nicht sie?"
"Aber Jim," sagte Angelo, "die ist doch mindestens 15 Jahre älter als du!"
"Na und?" Jimmy blieb cool.
"Aber warum?" heulte Patricia. "Sag‘ doch warum! Liebst du sie denn?"
"Ich denke schon."
"Ist sie wenigstens gut im Bett?" fragte Joey.
"Ja, schon!" Jimmy grinste.
"Aber sie passt doch gar nicht zu dir!" sagte Paddy.
"Hey, würdest du das mal bitte mir überlassen?"
"Wir können nichts tun!" sagte Kathy betrübt zu den anderen.
"Ihr tut so, als wäre das der Weltuntergang!" meinte Jimmy beleidigt.
"Ist es ja auch!" murmelte Angelo.
"Warum denn?"
"Stell‘ dir vor, du heiratest, und dann will deine Gräfin auch noch hierher ziehen! Wir sind mit Jenny schon genug gestraft!" sagte Barby.
"Ach, ich werde zu ihr ziehen. Es ist ja im gleichen Ort," sagte Jimmy.
"Und unsere Fans? Denkst du, die kriegen nicht raus, dass du heiratest?" fragte Maite.
"Eine Weile lässt sich das bestimmt vertuschen."
"Okay, aber vor einem kannst du es nicht vertuschen, und das ist Vater. Du musst es ihm sagen!" drängte Barby.
"Mach‘ ich," versprach Jimmy. "Aber nicht mehr heute!"
Einige Tage lang ging noch alles gut, doch dann hatte Jimmy das Versteckspiel satt. Als alle frühstückten und Jenny und Dan ungeniert herumknutschten, platzte er heraus: "Ich werde heiraten!"
Dan fuhr herum. "Was? Wer hat das gesagt?"
"Ich," meinte Jimmy.
"Wen denn?" brüllte Dan.
"Gräfin Wilma von Garbo-Schlossherrenstein. Sie wohnt im Dorf."
"Dann ist’s ja gut," brummte Dan und wandte sich wieder Jenny zu.
Jimmy war sehr enttäuscht von Vaters Desinteresse. "Es scheint ihm scheißegal zu sein, dass ich heirate," beklagte er sich bei seinen Brüdern.
"Vater ist doof!" sagte John, der sich wieder mit Jimmy versöhnt hatte. "Vielleicht ist er nur überrascht!" meinte Paddy.
In diesem Augenblick kam Kathy gerannt. "Hey Jungs, macht euch fertig! Um zwei haben wir ein Interview in Dublin!"
Sie stiegen in den Bus, und Vincent fuhr sie nach Dublin. Auf der Fahrt sagte Paddy plötzlich: "Lassen wir doch heute mal Barby das Interview geben."
"Warum denn ich?" fragte Babsey.
"Genau, mach‘ du das mal!" sagte Joey. "Du warst noch nie dran."
"Okay, von mir aus!" meinte Barby.
In Dublin wurden sie geschminkt und dann zum Interview- und Fototermin gebracht. Im Studio wurde Barby dann interviewt, und die anderen Kellys mussten nur neben ihr sitzen und schön aussehen.
"Wann kommt das neue Album?" fragte der Reporter.
"Irgendwann bald," erwiderte Barby – sie war noch etwas ungeübt.
"Gibt es privat etwas Neues?"
"Ja, Jimmy heiratet," erwiderte Barby.
"Au Backe!" murmelte Paddy.
Hinter den Kulissen schnappte Jimmy sich Barby und brüllte sie an: "Wie konntest du das nur tun! Das soll doch noch niemand erfahren!"
Barby fing an zu weinen. "Es tut mir Leid!"
"Und du glaubst, damit ist alles wieder gut? Dumme Kuh!" tobte Jimmy weiter.
"Aber ich..." fing Babsarina an.
"Mann, das geht rum in den Zeitungen! Morgen weiß dann die ganze Welt, dass ich heirate!" fauchte Jimmy.
"Wir hätten Barby nicht das Interview geben lassen dürfen!" sagte Johnny. "Sie kann das einfach nicht!"
Als Barby das hörte, fing sie noch lauter an zu schluchzen. Paddy ging zu ihr und umarmte sie. "Jetzt lasst doch Babsarina in Ruhe! Niemand ist perfekt!"
"Ja, du musst natürlich immer zu ihr halten!" meinte Maite bissig.
"Ach, ist auch schon egal!" sagte Kathy schließlich. "Man kann’s ja doch nicht mehr ändern."
Jimmy sollte Recht behalten: am nächsten Tag war seine Hochzeit das Hauptthema in allen Zeitschriften. Nur war nicht bekannt, wer Jimmys Braut war. Also fuhren Hunderte von Reportern zu East Grove und knipsten alle Kellys, die sich blicken ließen.
Auch Dan bekam eine Zeitung in die Hand und brüllte los: "Jimmy! Du heiratest!"
"Aber das weißt du doch, Vater!" sagte Jimmy.
"Warum hast du mir kein Wort davon gesagt?" polterte Dan los.
"Aber er hat es dir wirklich gesagt, Vater!" erinnerte Patricia ihn.
Jenny fand die Sache mit den Reportern sehr aufregend und ging oft nach draußen, um sich alles genau anzusehen. Die Reporter wussten nicht, wer sie war, und knipsten deshalb drauflos. Am nächsten Tag war Jenny in jeder Zeitung, mit der Überschrift: DIESE FRAU HEIRATET JIMMY!
Jimmy wurde so wütend wie noch nie. "Als ob ich Jenny heiraten würde! Womit hab‘ ich das verdient?"
"Wie können die so etwas schreiben, Jenny ist nun wirklich viel zu alt für dich!" sagte Maite.
"Mir reicht’s!" verkündete Jimmy. "Ich werde sobald wie möglich heiraten, und dann sollen sie meinetwegen schreiben, was sie wollen! Ich werde jetzt Wilma anrufen!" Und dann stapfte er mit dem Telefon aus dem Zimmer.
"Wenn das mal gut geht!" seufzte Paddy.
Eine Viertelstunde später kam Jimmy grinsend wieder. "Alles bereit. Nächsten Freitag heiraten wir!"
"Ach! Und wo?" wollte Kathleen wissen.
"In einer Kathedrale in Dublin. Wilma kennt den Pfarrer, und der kann..."
"Wann lernen wir eigentlich deine Gräfin mal kennen?" fragte Angelo.
"Ach, bei der Hochzeit..."
"Jimmy, Jimmy!" stöhnte Joey. "Willst du dir das nicht nochmal überlegen?"
"Was gibt’s da zu überlegen?" fragte Jimmy sauer. "Ich werde heiraten! Jetzt erst recht!"
An seinem Hochzeitstag stand Jimmy schon um halb sechs auf. Die Trauung sollte um halb elf stattfinden.
Ich bin heute bestimmt als Erster wach! dachte Jimmy zufrieden. Die anderen schlafen sicher alle noch, da kann ich schnell noch den Kühlschrank plündern, denn das Restaurant mit dem Hochzeitsessen haben wir erst um zwölf reserviert.
Im Schlafanzug lief Jimmy hinunter in die Küche. Doch am Tisch saßen bereits Patricia, Sean, Kathy und Vincent. "Überraschung, Jim! Wir sind extra wegen dir so früh aufgestanden!"
"Toll," knurrte Jimmy, mit dem heimlichen Frühstück war jetzt wohl Sense. Na ja, er konnte auch zuerst duschen. Also ging er in den ersten Stock und betrat das Bad. Doch dort saß gerade John auf dem Klo. Schnell schlug Jimmy die Tür wieder zu und rannte einen Stock höher. Doch da war abgeschlossen. Jimmy hämmerte gegen die Badezimmertür. "Aufmachen!" "Ich bin in der Badewanne!" ertönte Paddys Stimme. Also ging Jimmy sich erst anziehen und dann frühstücken. Nach einer Weile kamen alle Geschwister.
"Na, Jim, schon aufgeregt?" fragte Joey lächelnd.
"Och, na ja," meinte Jimmy.
"Wo bleiben eigentlich Vater und Jenny?" fragte Maite.
"Ich glaube, die pennen noch," meinte Patricia.
"Das darf doch wohl net wahr sein!" kreischte Jimmy.
"Ich geh‘ sie wecken!" sagte Angelo. "Macht ihr euch schon mal schön, bei mir geht das schnell!"
"Bei dir geht das gar nicht!" murmelte Joey.
Die anderen zogen Anzüge und Kleider an und halfen dann Jimmy, sich fertigzumachen. Paddy fiel ihm um den Hals und flüsterte: "Jimmy, bist du glücklich?"
"Klar," meinte Jimmy.
"Du klingst überhaupt nicht verliebt!" beschwerte sich Joey, der seinen Bruder gerade mit Parfüm vollsprühte. "Bist du denn überhaupt verliebt?"
"Glaub‘ schon."
"Aber das musst du doch spüren!" sagte Maite.
"Ich glaub‘ schon, dass das Gefühl, das ich hab‘, Liebe ist. Ich kenn‘ es nicht anders."
"Aber wenn du wirklich verliebt bist, merkst du das bestimmt!" sagte Barby. "Das ist so ein starkes Gefühl, das ergreift einen total!" Alle lächelten, denn sie wussten, dass Barby schon schöne und traurige Erfahrungen mit diesem Gefühl gemacht hatte.
"Ich kann es immer noch nicht glauben, dass Jim heiratet!" sagte Kathy.
"Ja, eigentlich müsste ja ich als Erste heiraten, schließlich bin ich älter!" meinte John. "Aber Jimmy hat sich vorgedrängelt!"
"Hört mal, gackert nicht über ungelegte Eier. Noch kann sich alles ändern," prophezeite Barby.
"Was soll sich denn jetzt noch ändern?" fragte Jimmy.
Angelo kam gerannt. "F*ck, ich kriege Vater und Jenny nicht wach!"
"Ey toll! Es ist neun, wir müssen los!" fauchte Jimmy.
"Was denn, wir haben doch noch ewig Zeit!" sagte Patricia. "Ich muss mir noch die Haare machen!" "Und ich hab‘ noch keinen Lippenstift drauf!" fügte Barby hinzu.
"Die Weiber brauchen wieder ewig!" nörgelte Angelo.
"Wir müssen doch los!" jammerte Jimmy.
"Beruhig‘ dich!" meinte John. "Wie wäre es, wenn wir Jungs schon jetzt nach Dublin fahren, und die Schwestern kommen mit Vater und Jenny nach?"
"Eine gute Idee, dann stört ihr uns nicht beim Schminken!" sagte Kathy. "Nehmt ihr den Rolls Royce oder den Bus?"
"Wir fahren im Rolls, und ihr nehmt den Bus. Vater soll euch fahren," gab Johnny seine Anweisungen. "Und wagt es nicht, zu spät zu kommen, sonst trete ich euch alle einzeln in den Hintern!"
"Aye aye Captain!" sagte Maite.
Die Jungs sprangen in den Rolls Royce. Jimmy fuhr, und Johnny saß neben ihm. Paddy, Joey und Angelo drängten sich auf die Rückbank. Joey zerrte an seinem Anzug. "Ich fühl‘ mich in dem Fetzen nicht wohl!" Angelo setzte seinen Walkman auf und ruckte mit dem Kopf im Takt. "Was ist mit deiner Gräfin?" rief Paddy nach vorne. Jimmy sah hektisch auf die Uhr. "Sie ist bestimmt schon in der Kirche."
Plötzlich sah Johnny in den Rückspiegel und sagte: "Hey Jim, wir werden verfolgt von Motorrädern voller Paparazzi!"
"Jetzt geht’s uns wie Lady Di!" brüllte Joey.
Jimmy sah sich wütend um. "Hey Mann, die sollen uns net verfolgen! Na wartet nur!" "Was willst du denn machen?" fragte Paddy.
"Rat‘ mal," keuchte Jimmy und drückte aufs Gas. Der Rolls preschte über die Autobahn. Angelo wurde auf Joey geschleudert und verlor seinen Walkman. "Jimmy, fahr‘ doch langsamer!" schrie Paddy.
Doch Jimmy hörte gar nicht auf ihn und fuhr nur noch schneller. Auch die Motorräder beschleunigten. Jimmy ging noch einen Gang rauf, und plötzlich verlor er die Kontrolle über den Rolls. Das Auto geriet auf die Gegenfahrbahn und stieß mit einem hellblauen Cabrio zusammen. Die beiden Fahrzeuge landeten am Rand der Autobahn. Die Motorräder fuhren lärmend vorbei. Sie waren gar nicht hinter den Kellys hergewesen!
Die Kelly-Jungs erholten sich nur langsam von ihrem Schock. "Oh Gott, was habe ich nur getan!" stöhnte Jimmy. "Lasst uns aussteigen und schauen, ob dem Fahrer des Cabrios was passiert ist!" sagte Johnny.
Die Jungs kletterten aus dem Rolls Royce und rannten zu dem blauen Cabrio. Dort öffnete sich nun eine Autotür, und eine junge Frau in einem langen Rock und mit hockhackigen Stiefeln sprang heraus. Ohne die Kellys zu beachten, rannte sie vor ihr Auto und schrie los. "Oh nein! Mein Auto ist beschädigt!"
"Entschuldigen Sie bitte..." fing Jimmy an, doch die Frau lachte nur bitter. "Sie haben gut reden, Ihr Auto ist ja nicht kaputt!"
Tatsächlich, der Rolls war unbeschädigt, die Kellys konnten ihre Reise fortsetzen und würden nicht zu spät zur Hochzeit kommen. Darüber war Jimmy so froh, dass er anfing zu lachen.
"Ich finde das gar nicht lustig!" fauchte die junge Frau. "Mein Auto ist kaputt, und ich muss heute noch nach Frankreich!"
"Aber beruhigen Sie sich doch!" bat John. "Wir werden uns auf den Weg zu einer Tankstelle machen und für Sie den Abschleppdienst anrufen."
"Okay," sagte sie.
Angelo hatte seinen Walkman wiedergefunden und hockte sich damit ins Gras. "Jimbo, kommst du auch nicht mit zur Tankstelle?" fragte Paddy.
Jimmy schüttelte den Kopf. "Nein, ich werde versuchen, alles wieder gutzumachen und werde die Dame un-terhalten." Er ging zu ihr und gab ihr die Hand. "Jimmy Kelly."
Die Frau schlug ein. "Christine Tyler."
Paddy, John, und Joey machten sich auf den Weg zur nächsten Tankstelle. Dort telefonierte Joey mit dem Abschleppdienst. Danach gingen die Jungs zurück zu den Autos. Angelo saß neben der Fahrbahn und hörte Walkman. Daneben saßen Christine und Jimmy und unterhielten sich prächtig.
"Alles klar?" fragte Christine, als Paddy, John und Joey vor ihr standen.
"Alles klaro!" sagte John. "Der Abschleppdienst wird gleich hier eintreffen und Sie und ihr Auto mitnehmen. Alles geht natürlich auf unsere Rechnung."
"Vielen Dank," sagte Christine.
"Ja, wir müssen dann jetzt auch mal weiter," sagte Paddy und sah auf seine Uhr.
"Haben Sie heute noch etwas Wichtiges vor?" fragte Christine und stand auf.
"Ja," sagte John. "Jimmy heiratet."
"Oh." Mit einem Mal war das Lächeln aus Christines Gesicht verschwunden. Traurig verabschiedete sie sich von Jimmy. "Ciao, viel Glück."
"Tschüs," sagte Jimmy leise.
"Aber dieses Mal fahre ich," sagte John. "Du hast heute schon zuviel angerichtet, Jimmy."
Also fuhr John, und Angelo, der durch seine laute Musik nichts mitbekam, saß neben ihm. Hinten quetschte sich Jimmy zwischen Paddy und Joey. Alle winkten Christine hinterher.
Sie waren schon einige Meter weit gefahren, als Jimmy plötzlich hervorpresste: "Mir tut’s Herz weh!"
"Oh oh. Das kommt bestimmt doch von unserem Unfall. Sollen wir dich noch schnell zu einem Arzt fahren?" fragte Joey besorgt.
"Doch nicht so!" stieß Jimmy genervt hervor. "Du weißt, was ich meine, oder, Pad?" Plötzlich fing er an zu weinen.
"Hat es vielleicht was mit Christine zu tun?" fragte Paddy vorsichtig.
"Ja, ja, ja!" wimmerte Jimmy.
Paddy musste lachen. "Oh Mann! Jimmy, du bist verliebt!"
Jimmy hielt verblüfft inne. "Verliebt??"
"Ja klar! Du hast dich in Christine verliebt! Oh, ich freu‘ mich so für dich! Ist das nicht ein tolles Gefühl?"
Doch Jimmy heulte wieder los. "Ja, stimmt ja. Oh, ich muss zurück zu ihr! Dreht um!"
"Jimmy, das geht nicht!" sagte Joey sanft und legte den Arm um Jimmy. "Schließlich heiratest du jetzt
gleich!"
"Das kann ich nicht!" schluchzte Jimmy. "Ich muss zu Christine! Verdammt, ich werde sie nie
wiedersehen!"
John hielt am Rand der Fahrbahn an, und Angelo nahm seinen Walkman ab. Zu viert versuchten sie, Jimmy gut zuzureden. "Lasst mich doch einfach aussteigen und zurück zu ihr laufen!" bettelte Jimmy.
"Das geht nicht!" erklärte John ihm. "Du hast Wilma versprochen, sie zu heiraten. Und das musst du dann jetzt auch machen."
Jimmy plärrte nur noch.
"Es gibt nur eine Rettung," sagte Joey schließlich. "Wir fahren nach Dublin, und Jim erklärt seiner Gräfin, warum er sie nicht heiraten kann. Okay?"
"Okay," schniefte Jimmy. John gab Gas, und der Rolls jagte über die Autobahn.
Eine Stunde später kamen sie vor einer riesigen Kathedrale in Dublin an und stiegen aus. "Es sieht aus, als wären wir die Einzigen hier!" stellte Johnny fest.
"Aber es ist doch schon Viertel elf!" jammerte Jimmy.
Angelo rüttelte an der Tür der Kirche. Zwar war offen, doch niemand war da, auch wenn alles bereits festlich geschmückt war. Nun standen die fünf Kelly-Jungs in der Kathedrale und wussten nicht, ob sie lachen oder weinen sollten.
Wieder öffnete sich die Tür. Doch es war nicht die Gräfin, sondern die Kelly-Mädchen mit Vater Dan, Jenny, Sean und Vincent. Überrascht kamen sie näher. "Was ist denn hier los, ist ja gar keiner da," staunte Barby.
"Die Brau fehlt," erklärte Joey.
"Ist mir grad‘ recht!" knurrte Jimmy.
"Was ist denn mit dem los?" flüsterte Kathy Paddy zu. Doch er konnte ihr nicht mehr antworten, denn gerade erschien der Pfarrer. "Ja, was ist denn hier los?"
"Die Gräfin ist noch nicht eingetroffen," verkündete Patricia.
"Seltsam!" murmelte der Pfarrer. "Sonst sind es immer die Männer, die sich vor der Hochzeit drücken
wollen!"
"Was machen wir jetzt?" fragte Paddy.
"Was wohl?" schaltete sich Vater ein. "Wir warten auf die Dame!"
"Aber länger als bis dreiviertel elf warte ICH nicht!" knurrte Maite.
"Ach Dan," mischte sich Jenny ein, "wenn sie nicht mehr kommt, dann heiraten WIR beide!"
Die anderen hielten die Luft an.
"So ein Quatsch," murmelte Dan liebevoll.
"Ein Glück!" flüsterte Kathy.
In diesem Moment öffnete sich die Kirchentür, und Gräfin Wilma erschien. Nicht im Brautkleid, sondern in einem roten Kostüm. An der Hand führte sie einen großen Mann im Anzug.
"Wilma!" schnaufte Jimmy überrascht.
Ohne auf die anderen Kellys zu achten oder den Typen loszulassen, stürmte Wilma auf Jimmy zu. "Jimmy, ich kann dich nicht heiraten!"
Jimmy guckte wie ein Auto. "Warum?"
Gräfin Wilma wies aufgeregt auf den großen Mann. "Jimmy, ich dachte, ich wäre in dich verliebt. Aber dann habe ich Sir Gregor kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Wir können nicht heiraten!"
"Okay!" Jimmy sah zu Wilma und dann hinauf zu Sir Gregor, der etwa zwei Köpfe größer war. "Und wie soll’s jetzt weitergehen?"
"Sir Gregor und ich gehen!" verkündete Wilma stolz und schleppte ihn aus der Kirche.
"Is‘ ja hart!" stöhnte Paddy.
"Jetzt haben wir doch schon das Hochzeitsessen bestellt!" jammerte Kathy. "Was machen wir jetzt damit?"
"Was wohl?" fragte Jimmy. "Wir gehen hin und lassen’s uns schmecken! Bezahlt ist’s sowieso!"
"Meinst du?" zweifelte Barby.
"Klar!" sagte Angelo. "Gehen wir gleich, ich hab‘ Hunger!"
Also gingen die Kellys ins Gasthaus. Das Essen schmeckte vorzüglich, alle hatten viel Spaß. Plötzlich bemerkte Dan: "Jimmy fehlt! Wo ist er denn?"
Keiner wusste es genau, aber alle vermuteten richtig: Jimmy war noch mal losgefahren, um Christine zu suchen. Später kam er wieder ins Gasthaus. Aber ohne sie.
Da Jimmy nicht geheiratet hatte, beruhigte die Presse sich langsam wieder. Jimmy sah Christine nicht wieder, doch er konnte sie nicht vergessen und sprach auch fast nur noch von ihr. Aber dafür hatte Angelo nun eine Freundin. Sie hieß Kira. Für sie schrieb er den neuen Song I Will Be Your Bride, der bald als Single veröffentlicht wurde.
Jimmy mochte den Song nicht so besonders, weil er ihn immer an seine verpfuschte Hochzeit erinnerte. Aber auch Paddy stand dem Lied anfangs etwas kritisch gegenüber. Es ging um Beziehungen in guten und in schlechten Zeiten – war es Angelo etwa schon so ernst mit Kira? Er war doch erst 16!
"Angelo hat eine Freundin, Joey will keine, John kriegt keine – aber auch Jimmy ist verliebt!" beklagte Paddy sich bei Barby. "Nur bei mir ist wieder nichts los!"
"Du wirst schon mal wieder eine Freundin finden, du musst nur etwas nachhelfen!" tröstete Barby.
"Ha!" rief Paddy. "Wie denn? Ich krieg‘ doch gar nix auf die Reihe! Nicht mal Antonio schreibt mir!"
"Du musst halt mehr unter Leute gehen!" riet Barby Ann ihm.
"Wie denn, wenn doch die ganzen Kreischweiber vor dem Schloss stehen!" rief Paddy.
"Da hast du’s doch – Mädchen, so viele du willst!" sagte Barby lachend.
"Ach, mit dir kann man nicht diskutieren!" knurrte Paddy genervt. Doch die Sache, wie er eine Freundin bekommen könnte, beschäftigte ihn sehr. Vielleicht klappt es, wenn ich es mir ganz fest wünsche! dachte er. Doch nichts geschah.
"Mach‘ dich doch nicht verrückt!" sagte Maite. "So klappt das net! Du musst schon was dafür tun!" "Misch‘ dich doch net in mein Leben ein!" fauchte Paddy nur.
ICH WILL EINE FREUNDIN! schrieb er am nächsten Morgen mit Edding auf den Badezimmerspiegel. Un-glücklicherweise kam gerade John rein. "Das geht doch nie wieder ab!" stöhnte er. "Und ich glaube nicht, dass du dich verliebst, indem du Möbel verschmierst!"
"Dann sag‘ DU mir doch, was ich machen soll!" brummte Paddy.
"Willst du meine ehrliche Meinung hören?" fragte John und begann, den Spiegel sauberzuwischen. "Denk‘ einfach nicht mehr dran! Irgendwann kommt deine Traumfrau ganz von selbst!"
"Ach, du mich auch!" brummte Paddy und lief in die Küche zu den anderen. Kathy las gerade Zeitung. "Hey, hört mal zu! Heute ist Mitternachtsmesse in Cóbh. Wollen wir da nicht alle zusammen hingehen?"
"Klar, vielleicht lenkt’s mich ja ab," sagte Jimmy.
"Ich war noch nie auf einer Mitternachtsmesse," sagte Angelo.
"Doch, als Baby," verkündete Kathy. "In Spanien waren wir auch schon, mit Papa und Mama!"
"Du meinst wohl mit unserer Mama!" sagte Maite.
"Nun hör‘ schon auf!" schrie Kathy. "Barbara ist auch meine Mutter!"
"Entschuldige bitte!" sagte Maite hochnäsig. "Aber ich dachte immer, die liebe Jenny wäre..."
"Nicht streiten!" befahl Paddy. Doch Kathy rauschte bereits wütend aus der Küche.
"Toll, Maite!" meinte Joey sauer. "Da haben wir den Salat!"
"Was denn?" verteidigte sich Maite. "Ich hab‘ doch nur die Wahrheit gesagt, und Jenny ist doch wirklich ihre Mutter!"
"Aber musst du sie denn immer daran erinnern?" fragte Barby. "Schließlich hat sich Jenny später nie um sie gekümmert und du weißt ja selbst, wie sie ist!"
"Ist ja gut!" brummte Maite. "Dann werd' ich mich halt entschuldigen, damit ich wieder meine Ruhe hab‘!" Sie lief aus dem Zimmer, und die anderen hörten sie nach Kathy rufen.
"Vielleicht legen wir uns noch ein bisschen hin, damit wir heute Nacht fit sind!" schlug Angelo vor. "Gerne," gähnte Jimmy.
"Sollen wir Vater und Jenny fragen, ob sie mitkommen?" wollte Paddy wissen.
"No!" sagte Patricia entschieden. "Sie würden sowieso nicht mitgehen. Wir brauchen gar nicht erst darum zu betteln."
Kurz nach elf trafen sich alle Kellys mehr oder weniger ausgeschlafen vor dem Tor. Es war stockdunkel und kalt. Zum Glück waren keine Fans mehr da.
"Hat jetzt eigentlich einer Jenny und Vater Bescheid gesagt, dass wir gehen?" fragte Patricia bibbernd.
"Nö, der merkt das doch ’eh net!" sagte Joey. "Außerdem können wir fortgehen wann wir wollen!"
"Also, gehen wir!" kommandierte Kathleen.
Lachend und schwatzend liefen die Kellys den Hügel hinunter ins Dorf. Es dauerte eine Weile, bis sie sich dort im Dunkeln zurechtfanden. Doch endlich standen sie vor der Kirche.
"Es ist ja überhaupt niemand da!" stellte Paddy fest.
Maite ging zur Tür und rüttelte fest daran. "F*ck, abgeschlossen!"
"Was soll der Scheiß?" knurrte Angelo. "Der ganze Weg umsonst!"
"Haben wir uns vielleicht in der Zeit geirrt?" fragte Babs.
Kathy sah auf die Uhr und schüttelte den Kopf. "Ausgeschlossen, es ist vier vor zwölf!"
"Hey, wollen wir vielleicht ein bisschen auf dem Friedhof spazieren gehen?" schlug Johnny vor.
"Nachts auf den Friedhof?" Maite schüttelte sich. "Bischt du dumm? Wohl gar nicht abergläubisch?"
"Kein bisschen!" behauptete John. "Nun kommt schon, oder wollt ihr lieber gleich wieder den ganzen Hügel hinauflaufen?"
"Na gut!" bibberte Maite.
Die Kellys waren noch nie auf dem Friedhof gewesen. Angelo, Joey und Tricia hatten überhaupt keine Angst oder taten zumindest so. Sie liefen ganz vorne, sangen und machten Lärm, um zu zeigen, dass sie sich nicht fürchteten. Dahinter liefen Johnny, Kathy, Maite und Jimmy und unterhielten sich leise. Hinter ihnen liefen Paddy und Barby, die beide etwas Angst hatten. Paddy mochte Friedhöfe auch bei Tag nicht unbedingt. Er hätte Barby gerne gefragt, ob es ihr auch so ging. Aber Barbie sagte nichts, sie seufzte nur ab und zu.
Die Kirchturmuhr schlug zwölf. Laut und bedrohlich klangen die Glockenklänge über den stillen Friedhof. Paddy fasste Barbys Hand fester an. Die Blätter der Bäume raschelten im Wind, und in der Ferne heulte eine Eule.
Jimmy drehte sich um und raunte: "Ich wäre jetzt lieber im Pub..." Paddy lächelte und nickte. Doch plötzlich knackte etwas im Gebüsch. Alle Kellys fuhren herum. Vier oder fünf Typen, groß und breit wie Kleiderschränke, krochen aus dem Gebüsch. Sie trugen Lederjacken und Kappen. Ihre Hände hatten sie hinter dem Rücken versteckt. Hatte sie Waffen dabei?
"Hey... ihr!" johlten die Kerle, offensichtlich stockbesoffen. "Wer... seid... ihr... denn?"
"Weiterlaufen!" zischte Johnny seinen Geschwistern zu. "Nicht rennen! Nicht stehenbleiben! Ruhig laufen! Keine Angst zeigen!"
Scheinbar ruhig setzten die verschüchterten Kellys sich wieder in Bewegung. Die Typen lachten auf und folgten ihnen. Patricia, Angelo und Joey, die ganz vorne liefen, wurden immer schneller. Und da verlor Barby die Nerven. Sie ließ Paddys Hand los und rannte vor zu ihnen. Nun wurde Paddy bewusst, dass er allein hinten war und die Typen ihn gleich packen konnten. Paddy raste nun ebenfalls los, zwängte sich zwischen Kathy und Jimmy hindurch und warf dabei Kathy um. Endlich war er bei der vorderen Reihe angelangt. Er klammerte sich an Angelos Haaren fest, realisierte das aber erst, als Angelo "Aua!" schrie. Und in dem Moment, als Angelo schrie, dachten die Geschwister, die Typen hätten ihn gepackt, und rannten alle panisch los.
"Yeah!" brüllten die Kerle und rannten ebenfalls schneller. Paddy packte wieder Barbys Hand und jagte los. "Rennt!" kreischte Maite von hinten. "Rennt!" Paddy hatte ganz furchtbare Angst. Hinter sich hörte er Schritte, aber der wusste nicht, ob es seine Geschwister oder die wilden Typen waren. Babs hatte ihn auch wieder losgelassen. Alles ging so schnell. Am liebsten hätte Paddy geweint. Endlich waren sie runter vom Friedhof. "Wo sind wir eigentlich?" erklang Angelos panische Stimme. Das Schrittgetrappel in den engen Gassen wurde weniger. "Nicht stehenbleiben!" ertönte Johns gehetzte Stimme. "Rennt weiter!"
Endlich kamen sie an eine große Straße. Unter einer Straßenlaterne hielten die zitternden Kellys an. Immer noch voller Angst starrten sie einander in die Gesichter. Die Kerle waren weg.
"Es ist geschafft," sagte Kathy mit brüchiger Stimme. "Wir sind gerettet."
Paddy sah auf seine Geschwister, die im Schein der Straßenlaterne unheimlich ernst und tapfer aussahen. Er konnte nicht mehr, er fiel Barby in die Arme und schluchzte los. Auch Maite hielt sich an Johnny fest.
"Ist ja gut," murmelte Barby und strich dem zitternden Paddy über den Rücken, "jetzt ist ja alles vorbei."
In Paddys Schluchzen hinein sagte Kathy plötzlich: "Da fehlen zwei."
"Was? Wer?" fragte Maite verzweifelt.
"Joey und Jimmy fehlen."
"Oh nein!" wimmerte Paddy.
"Sie sind bestimmt von den Männern geschnappt worden!" fügte Barby unglücklich hinzu.
"Vielleicht konnten sie sich befreien. Wir müssen hier auf sie warten!" sagte Angelo.
"Weiß eigentlich einer, wo wir gerade sind?" fragte John verzweifelt in die Runde.
"Nee, keine Peilung!" sagte Maite.
"Hier kenn‘ ich mich auch nicht aus, ich war hier noch nie!" meinte Kathy.
"Gleich fang‘ ich auch an zu heulen!" jammerte Johnny los.
In diesem Moment tauchten zwei schemenhafte Gestalten am Ende der Straße auf.
"Oh no! Die Typen kommen wieder!" schluchzte Patricia.
"Wenn wir Glück haben, sind es Jimmy und Joey," sagte Kathy langsam.
Sie hatten Glück. Beim Näherkommen erkannten sie, dass es wirklich Joey und Jimmy waren, die ihnen zuwinkten. Paddy rannte zu ihnen und klammerte sich an Jimmys Arm fest. "Hatte ich eine Angst um euch!"
"Wo wart ihr nur?" fragte Johnny.
"Es ging alles so schnell," erklärte Joey. Plötzlich sind wir alle losgerannt, und dann haben Jimmy und ich euch unterwegs verloren. Die Typen sind euch hinterhergerannt, und da sind wir hinten am Marktplatz vorbei zurück zum Friedhof gegangen, aber da wart ihr nicht mehr. Also haben wir euch im ganzen Dorf gesucht."
"Zurück zum Friedhof? Mann, Joey und Jimmy, hattet ihr denn gar keine Angst?" fragte Angelo.
"Überhaupt nicht!" tönten die beiden.
"Ich werde nie wieder auf den Friedhof gehen!" verkündete Barby.
"Ich auch nicht!" Patricia schüttelte sich. "Nicht für eine Million!"
"Joey, Jimmy, wisst ihr vielleicht, wo wir hier sind?" fragte Maite.
"Klar doch!" Jimmy nickte. "Ganz in der Nähe wohnt Wilma. Wir müssen nur einmal links und einmal rechts gehen, dann sind wir auf dem Marktplatz."
Die Kellys machten sich auf den Heimweg. Die meisten hatten sich noch nicht beruhigt und redeten pausenlos von dem gerade Erlebten. Nur Paddy brachte kein Wort heraus, er stand noch immer unter Schock. So etwas hatte er noch nie gehabt. Seine Beine zitterten so, er konnte überhaupt nicht laufen. Barby und Johnny mussten ihn den Hügel hinauf stützen.
Im Kelly-Haus brannte noch Licht. "Warum sind die denn noch wach, es ist fast eins!" sagte Patricia und schloss auf. "Vater? Jenny? Wo seid ihr?"
Dan trat aus dem Wohnzimmer, gefolgt von Jenny. "Kinder! Da seid ihr ja endlich! Wo wart ihr nur? Wir haben euch im ganzen Haus gesucht!"
"Du hast uns gesucht, Vater? Das glaubst du ja wohl selbst nicht!" spottete Maite. Doch Dan kapierte die Ironie nicht. "Wo wart ihr?"
"Wir wollten auf die Mitternachtsmesse gehen, aber irgendwie war die heute nicht," erklärte Joey.
"Natürlich nicht!" meinte Dan belehrend. "Sie war gestern! Jenny und ich waren schließlich dort!"
"Aber Vater, ich habe es heute Morgen in der Zeitung gelesen!" meinte Kathy.
Dan hielt Kathy die Zeitung vor die Nase. "Meinst du die da?"
"Ja."
"Guck‘ emol aufs Datum!"
"Der 26.. Na und?" fragte Kathy.
"Heute ist der 27.," klärte Jenny sie auf und wies auf den Kalender.
"Oh neeeeeeeeiiiiin!" heulte Angelo los.
Sie erzählten Vater nichts von den gefährlichen Typen. Jimmy meinte, es wären vielleicht protestantische Terroristen aus Nordirland gewesen. Den anderen war das eigentlich egal, Hauptsache, sie würden sie nie wiedersehen.
Maite sagte zu Paddy: "Ich merke, dass dich das alles sehr mitnimmt. Deshalb werde ich dir Futzel für heute Nacht geben!" Sie drückte ihm ihren Teddybären in die Hände. "Danke," murmelte Paddy und setzte ihn auf den Schreibtisch. Paddy hatte Angst vor dem Einschlafen in dieser Nacht. Er ging so spät wie möglich ins Bett und stand so früh wie möglich wieder auf. Ich muss unbedingt Antonio von der Sache schreiben, dachte er sich. Paddy nahm sein Briefpapier und schrieb LIEBER ANTONIO drauf. Doch dann zögerte. War es nicht besser, erst im Briefkasten nachzuschauen, ob Antonio schon geschrieben hatte? Also ging Paddy nach unten, wo seine Geschwister schon am Frühstückstisch saßen, und fragte, ob er die Post holen sollte.
"Hol‘ sie," sagte Jimmy müde, "aber für uns alle, net nur für dich!"
Paddy ging vor ans Tor und leerte den Briefkasten. Hm, ein Katalog für Kathy, eine Karte für Angelo, ein Brief für Patricia und noch ein Brief mit einem schwarzen Umschlag. Oh, er war an Paddy selbst adressiert. Schwarze Briefe? Seltsam! Paddy nahm die Post und brachte sie ins Haus.
"Ist was für mich gekommen?" fragte Maite am Tisch.
"Nein," meinte Paddy, "aber hier für Angelo... und das ist für Tricia, und das für Kathy!" Er teilte die Post aus und setzte sich dann an seinen Platz, um seinen Brief zu lesen.
Doch nach den ersten Sätzen wurde sein Hals plötzlich ganz trocken und seine Augen feucht. Paddy hätte den Brief am liebsten weggelegt, doch er konnte nicht, er musste ihn zuende lesen. Als er sich endlich bis zum Ende gequält hatte, legte er den Kopf auf die Tischplatte und fing an zu heulen.
"Oh Gott, was hast du denn?" schrie Patricia. Als Antwort schluchzte Paddy nur noch lauter. Seine Geschwister waren vor Schreck wie gelähmt. Nur Barby reagierte sofort. Sie rannte zu ihrem Bruder und legte die Arme um ihn. "Jetzt beruhig‘ dich erst mal, Pad."
Doch das war nicht so einfach. Paddy konnte gar nicht mehr aufhören mit dem Schluchzen. Sein Kopf stieß an den Tellerrand, und seine Haare hingen im Marmeladenglas, doch Paddy nahm es gar nicht wahr. Barby nahm den Brief in die Hand und las ihn stirnrunzelnd durch.
"Was ist denn jetzt los?" fragte Kathy besorgt.
"Antonio ist tot," stieß Paddy hervor. "Das ist ein Brief von der Klinik."
"Er ist tot? Aber warum denn so plötzlich?" fragte John geschockt.
"Er war doch krank, hatte Lungenentzündung..." Paddy konnte nicht mehr weitersprechen. Barby drückte ihn noch fester. "Armer Paddy!" flüsterte sie. "Mein armer Paddy!"
"Aber er war doch noch so jung," murmelte John fassungslos.
Ja, Antonio war noch so jung gewesen. Erst einundzwanzig. Damals, als Antonio noch drogenabhängig gewesen war, hatte Paddy oft daran gedacht, wie es wohl wäre, wenn er tot wäre. Aber nun war er tot, und Paddy würde ihn nie wiedersehen. Genau wie seine Mutter.
Paddy und Antonio waren einfach die besten Freunde gewesen, auch wenn sie sich kaum ähnlich gewesen waren und die anderen Kellys nicht sehr für diese Freundschaft gewesen waren. Aber Paddy hatte ihn bewundert. Antonio war so stark, so selbstbewusst... gewesen. Er hatte Paddy so gekannt, wie die Fans ihn niemals kennen würden. So frei... Er hatte die andere Seite von Paddy Kelly gekannt, die niemand kannte, nicht einmal Barby Ann. Paddy hatte keine Geheimnisse vor Antonio gehabt. Er hätte immer alles für ihn getan. Und nun war er tot, einfach tot!
Paddy heulte heftig, und sofort waren alle Geschwister bei ihm und trösteten ihn und strichen ihm übers Haar, aber sie konnten Paddys Sehnsucht nach seinem Freund nicht stillen. Doch er war ihnen dankbar!
"Guten Morgen!" trällerte Jenny und betrat die Küche. Sie setzte sich an den Tisch und begann, die Zeitung zu lesen. Nach einer Weile fragte sie unschuldig: "Warum esst ihr denn nicht?"
"Mann, Paddy weint, siehst du das denn nicht?" fragte Joey zornig.
"Ach!" Scheinbar interessiert legte Jenny die Zeitung zur Seite und verschränkte die Arme vor der Brust. "Und warum weint er, wenn man fragen darf?"
"Weil sein bester Freund gestorben ist!" sagte Angelo.
"So?" Jenny warf Paddy einen flüchtigen Blick zu. "Nun heul‘ mal nicht. Das gibt sich schon wieder."
"Bitte??" schniefte Paddy.
"Hast du denn gar kein Gefühl, Jenny?" fragte John bitter.
Seelenruhig trank Jenny ihre Tasse leer. "Ich habe heute noch viel vor. Räum‘ mal den Tisch ab, Paddy!"
Eine Sekunde lang waren alle sprachlos vor Entrüstung. Dann explodierte Paddy. Er sprang so schnell vom Tisch auf, dass das Geschirr klirrte. "Was fällt dir ein, Jenny?! Du hast mir gar nix zu sagen, du kannst mich mal! Dass du sowenig Gefühl hast! Meine Mutter hätte nie..."
"Phh!" Jenny lachte nur albern und ging zum Geschirrschrank. "Du kennst deine Mutter ja nicht einmal!"
Paddy fuhr herum. "Was soll das heißen??"
Jenny sah ihn nicht an, während sie weitersprach. "Dan hat mir alles erzählt. Lieber Paddy Kelly, du bist das Ergebnis eines Seitensprungs deines Vaters mit einer anderen Frau!"
Lange Zeit verging. Alle außer Jenny starrten auf Paddy. Er konnte in den Augen seiner Geschwister lesen, dass auch sie es nicht gewusst hatten. Und dann brach Paddy zusammen und heulte. Barby rannte zu ihm, doch Paddy schubste sie weg. "Lass‘ mich! Es hat doch alles keinen Sinn. Ich gehöre gar nicht zu euch!"
"Aber du gehörst zu uns!" sagte Barby verzweifelt.
"Nein!" schluchzte Paddy. "Gib‘ es auf! Ich bin nicht euer Bruder!"
"Du bist genauso unser Bruder, wie Kathy unsere Schwester ist!" sagte Maite, doch Paddy las in ihren Augen etwas anderes. In Maites Augen stand riesig groß: DU BIST KEINER VON UNS. DU BIST NICHT BARBARA ANN KELLYS KIND.
Paddy stand auf, ganz ruhig und gelassen. Er dachte nur eins: Ich bin NICHT Barbara Kellys Kind. Meine Geschwister – sie sind Fremde. Es kam einfach alles zusammen. Dass er keine Freundin hatte. Die schrecklichen Typen gestern. Antonio war tot. Und nun das. Paddy konnte es nicht mehr ertragen. Es war zu spät. Und alles ging ganz schnell. Paddy gab dem Stuhl einen Tritt. Er fiel um. Das hatte gut getan. Paddy griff nach einem Zipfel der Tischdecke...
"Nein, Paddy, nein!" schrie Jimmy. "Lass‘ es sein!" Doch Paddy nahm ihn gar nicht wahr. Mit aller Kraft riss er an dem Tischtuch, und es segelte zu Boden, mit allem was auf dem Tisch stand: Geschirr, Besteck, Marmeladengläser, Cornflakespackungen.
"Nein, Paddy!" kreischte Angelo.
Paddy sank in die Knie und hob einen Stuhl hoch. Dann stand er wieder auf und ging damit auf Jenny zu. Jenny floh kreischend aus dem Zimmer. Nun stand Paddy direkt vor dem hölzernen Geschirrschrank mit der Glastür. Voll ohnmächtiger Wut schlug Paddy mit dem Stuhl darauf ein. Immer wieder. Holz und Glas splitterten durcheinander. Die Kelly-Geschwister rannten nach draußen.
Paddy hob eine große scharfe Glasscherbe vom Boden auf und betrachtete sie eingehend. Als er sich wieder erhob, sah er direkt in Jimmys Gesicht. "Paddy, komm‘ wieder zu dir!" bat Jimmy eindringlich.
Paddy sah tief in Jimmys Augen, und plötzlich erkannte er darin seinen Vater wieder. "Was hast du mit mir gemacht?" fragte Paddy drohend. Dann legte er sich die Glasscherbe an den Hals.
"Paddy, nein!" schrie Jimmy voller Panik und versuchte, ihm die Glasscherbe zu entreißen. Paddy riss die Hand mit der Scherbe hoch. Sie schlitterte über seine Stirn und riss ihm die Kopfhaut auf. Paddy sank zu Boden.
Nach einer Weile beugte sich Kathy über ihn. "Paddy, du bist verrückt!" flüsterte sie.
Paddy öffnete den Mund und berührte mit der Zunge das Blut, das über seine Wangen strömte. "Ich bin verrückt," sagte er und lächelte.
"Verdammt," fluchte Kathy und faltete den Stadtplan von Cork auseinander, "ich glaube, ich hab‘ mich schon wieder verfahren!"
Paddy auf dem Rücksitz sagte gar nichts. Von ihm aus konnte Kathy sich noch hundertmal verfahren. Er wollte nicht ans Ziel kommen. Denn das Ziel war die Praxis des berühmten Psychiaters Dr. Eddy Dolby.
Schon beim Frühstück heute Morgen hatte Kathy gesagt: "Heute fahre ich mit Paddy zum Psychiater." Hun-dertmal hatte Paddy versucht, ihr zu erklären, dass er nicht verrückt war, sondern gestern nur einen Nervenzusammenbruch gehabt hatte. Doch Kathy hatte ihn in ihren BMW gepackt, war losgefahren und hatte den Kassettenrecorder eingeschaltet. Eine Weile ging alles gut, doch dann kam auf der Kassette ausgerechnet das Lied Madre Tan Hermosa, das Lieblingslied seiner Mutter. Und dann musste Paddy wieder daran denken, dass es ja gar nicht seine Mutter war, und war wieder ausgerastet. Paddy hatte seinen Kopf immer wieder gegen die Fensterscheibe gehauen. Als wäre er dort nicht vorgestern schon mit 17 Stichen genäht worden. Und deshalb war Kathy nun absolut davon überzeugt, dass er nicht mehr zurechnungsfähig war. Und Paddy hatte schon Visionen von weißen Kitteln und Klapsmühlen.
Kathy hielt das Auto an und sagte: "Da sind wir."
Sie half Paddy die Treppe hinauf, kam ihm dabei aber nicht zu nahe. Paddy hätte heulen können. Im Wartezimmer mussten sie eine Weile warten. Dann kam Dr. Dolby aus dem Sprechzimmer und begleitete einen anderen Patienten zur Tür. "Auf Wiedersehen, Mr. Bowie, bis morgen um die gleiche Zeit." Er schloss die Tür und drehte sich zu Paddy und Kathy um. "Ah, Sie sind also Mr. und Mrs. Kelly. Guten Tag. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Mr. Kelly, folgen Sie mir bitte ins Sprechzimmer. Mrs. Kelly, Sie können solange hier auf Ihren Bruder warten."
"Aber," protestierte Kathleen, "ich möchte gerne bei der Behandlung zusehen!"
Dr. Dolby sah Paddy fragend an. Paddy blickte in die Augen des jungen Arztes, der übrigens keinen Arztkittel, sondern Jeans trug. Und auf einmal ahnte er, dass er zu diesem Mann Vertrauen haben konnte. "Ich möchte gerne allein mit Ihnen sein," sagte er bestimmt.
"Wie Sie wünschen." Dr. Dolby warf Kathleen einen entschuldigenden Blick zu, dann schob er Paddy ins Sprechzimmer und machte die Tür hinter sich zu. "So, nun sind wir unter uns, Paddy – ich darf Sie doch Paddy nennen?"
"Sicher, ist ja schließlich mein Name." Paddy lächelte gequält. Er musste sich nicht auf die Couch legen, sondern durfte ganz normal an einem Tisch Platz nehmen. Dr. Dolby setzte sich ihm gegenüber und sagte freundlich: "Nun sprechen Sie sich mal aus!"
Paddy erzählte ihm alles ganz genau, von den grässlichen Typen auf dem Friedhof, von Antonios plötzlichem Tod und von dem, was er von Jenny erfahren hatte. Dr. Dolby lauschte aufmerksam und unterbrach ihn nicht. Am Ende sagte Paddy niedergeschlagen: "So, das war alles. Bin ich jetzt verrückt?"
Dr. Dolby lächelte. "Nein, Paddy, ich glaube nicht, dass Sie verrückt sind. Ich glaube, dass Sie einen Nervenzusammenbruch hatten. Aber wie auch immer, die Sache ist vorbei. Ihr Leben hat eine entscheidende Wende genommen, und Sie müssen nun mit den Veränderungen klarkommen. Aber ich bin mir äußerst sicher, dass Sie das schaffen, Paddy. Ich werde Ihnen noch einige Tabletten verschreiben. Der Rest ist mit etwas Lebenswillen ganz leicht zu schaffen."
"Und ich werde nicht eingewiesen?" fragte Paddy vorsichtig nochmal nach. "Nein." Dr. Dolby stand auf. "Ich werde jetzt noch einige praktische Tests mit Ihnen machen, aber ich glaube nicht, dass dabei noch etwas Schlimmes herauskommt."
Zuerst musste Paddy mit Tinte einen Klecks auf ein Blatt Papier machen und sagen, was er darin sah. Der Klecks sah aus wie eine Handtasche, und so sagte Paddy das auch. Mit dieser Antwort war Dr. Dolby öffensichtlich zufrieden. Dann machte er mit Paddy noch einen Reaktionstest und einen Allgemeines-Wissen-Test. Paddy bestand sie alle beide.
Dann begleitete der Arzt Paddy wieder ins Wartezimmer. Kathy sprang nervös auf. "Und?" zischte sie.
"Es ist alles in Ordnung, Mrs. Kelly," beruhigte der Arzt sie. "Sie können Paddy wieder mit nach Hause nehmen."
Kathy und Paddy verabschiedeten sich und verließen Dr. Dolbys Praxis. Kathy schloss das Auto auf und sagte: "Du sitzt hinten."
"Mann Käthe, jetzt hör‘ doch auf!" sagte Paddy. "Ich bin nicht verrückt!"
"Dann sitz‘ halt vorne," murmelte Kathy, und sie stiegen ein. Auf der Fahrt fragte Kathleen plötzlich: "Und wie soll das jetzt weitergehen?"
"Was?" fragte Paddy.
"Na, mit Jenny und Mama und dir und allem."
"Erst mal," sagte Paddy entschlossen, "werde ich Vater fragen, warum er Mama betrogen hat. Und ich will wissen, wessen Kind ich wirklich bin."
Kathy erschrak. "Aber Pad, willst du das wirklich tun? Vielleicht drehst du dann wieder durch?"
"Ich muss einfach wissen, wer meine Mutter ist!" sagte Paddy fest.
Doch einige Tage lang brachte Paddy es einfach nicht fertig, mit seinem Vater über die Sache zu reden. Er war seelisch noch nicht soweit, und außerdem steckte Jenny immer mit Dan zusammen.
Doch dann kam der Morgen, an dem Jenny in Dublin Klamotten einkaufen ging. Vater Dan saß mit seinen Kindern am Frühstückstisch und las Zeitung.
Irgendwann konnte Paddy sich nicht mehr zurückhalten. "Vater, kann ich kurz mal was mit dir besprechen?"
"Natürlich, Paddy," tönte Dans Stimme hinter der Zeitung hervor.
"Ähm, können wir dafür nicht rausgehen?"
"Warum denn? Du hast doch keine Geheimnisse vor deinen Geschwistern, oder?"
Also gut, dann eben nicht. "Wer ist meine Mutter?" platzte Paddy heraus.
Oh oh, darauf waren die Geschwister nicht gefasst. Alle starrten zu Paddy hinüber, und Jimmy verschluckte sich sogar an seiner Milch und hustete.
"Oh Jimmy, kannst du noch nicht einmal vernünftig trinken?" fauchte Dan und legte die Zeitung weg. "Jetzt hol‘ gefälligst einen Lappen und wisch‘ die Sauerei weg!"
"Jetzt sag’s mir doch!" rief Paddy verzweifelt.
"Was soll der Quatsch?" herrschte Dan ihn an. "Du weißt doch, wer deine Mutter ist! Barbara Ann Kelly, wer sonst?"
"Nein. Sag‘ mir die Wahrheit, bitte!" flehte Paddy.
Dan guckte etwas verwirrt.
"Du brauchst vor uns keine Hemmungen zu haben, Papi," sagte Angelo. "Wir wissen es auch!"
"Was wisst ihr?" fragte Dan lahm.
"Na ja, wir wissen, dass du Mama mit einer anderen Frau betrogen hast und dabei Pad entstanden ist!" meinte Johnny.
"Ja, aber wer war diese andere Frau?" fragte Joey. "Das wollen wir jetzt auch mal wissen!"
"Wer hat euch das gesagt?" fragte Dan leise.
"Das war Jenny," riefen alle durcheinander.
Alle zuckten zusammen, als Dan schrie: "Diese Frau zerstört unsere Familie! Sie verbreitet Lügen über meine Kinder! Der werde ich was erzählen!"
"Es ist also nicht wahr?" fragte Paddy ungläubig.
Dan schüttelte heftig den Kopf. "Unsinn! Paddy, du bist das Kind von Barbara und mir! Und von niemandem sonst! Genauso wie deine Geschwister!"
Paddy fühlte sich so unheimlich befreit. Er sprang auf und fiel seinem Vater in die Arme. Dann umarmte er Barby, und dann alle anderen. Die Kelly-Kids waren glücklich. Nur Dan war immer noch böse. "Wenn ich Jenny in die Finger kriege..."
In diesem Moment hörten sie den Schlüssel im Schloss, und kurz darauf stand Jenny im Esszimmer –vollbepackt mit Tüten aus Nobelboutiquen. "Hallo! Na, alles klar? Warum macht ihr denn so dumme Gesichter? Sind eure Cornflakes vermatscht?" Jenny lachte dämlich.
"Du brauchst gar nichts zu sagen!" brüllte Dan und stand auf. Drohend ging er auf die überraschte Jenny zu. "Du hast Paddy belogen! Du hast gesagt, er wäre das Ergebnis eines Seitensprunges!"
"Nun hab‘ dich doch nicht so!" zischte Jenny schnippisch. "Das war doch nur Spaß, ich konnte ja nicht wissen, dass er es ernst nimmt. Er wird schon nicht daran zugrunde gehen!"
"Aber er hat einen Nervenzusammenbruch gehabt," sagte Barby leise.
"Was?" Dan fuhr herum.
"Aber ja doch, Vater. Pad war doch beim Psychiater. Sag‘ bloß, du hast das nicht gewusst," sagte Patricia.
"Was dachtest du denn, warum Paddy den ganzen Kopf zugepflastert hat?" fragte Maite.
"Und warum er jeden Tag Tabletten schluckt?" fragte Jimmy.
"Mal ganz ehrlich, Vater, was weißt du eigentlich von uns?" fragte John leise.
Und dann passierte etwas ganz Überraschendes: Vater Dan fing an zu weinen. "Geh‘ mir aus den Augen!" schrie er Jenny an. "Du hast alles kaputt gemacht! Ich kann dich nicht mehr ertragen!" Er schlug nach Jenny.
"Vater, nein, nicht so!" rief Angelo.
In diesem Moment klingelte das Telefon. Alle erstarrten. Patricia ging schnell ran. "Ja, Kelly hier? – Oh, du bist’s, Caroline!"
Was? Erstaunt sahen alle Kellys sich an. Caroline, ihre Schwester aus Frankreich, rief doch so selten an. "Bestimmt braucht sie Geld!" flüsterte Jimmy.
"Jetzt sei‘ doch still!" zischte Kathy. "Ich will hören, was Patricia sagt!"
Die sagte eine ganze Menge. "Was? Ja, Jenny ist hier bei uns. Wie? Sie soll zu dir nach Frankreich
kommen? Heute noch? Ja, ich glaube, das ist auch für alle das Beste. Ich geb‘ sie dir mal." Sie reichte den Hörer an Jenny weiter. Jenny verschwand mit dem Telefon in ein anderes Zimmer.
"Was will Caroline denn?" wollte Vater Dan wissen.
"Ach, Caroline langweilt sich ziemlich und möchte gerne, dass Jenny kommt," berichtete Patricia.
"Hurra! Wir haben wieder unsere Ruhe!" rief Joey überglücklich und klatschte sich mit Maite ab.
"Wir helfen dir gerne beim Kofferpacken," sagte Barbie, als Jenny wieder ins Zimmer trat.
"Frechheit! Mich einfach so aus dem Haus zu werfen!" fauchte Jenny.
"Du hast deine Chance vertan!" sagte John böse.
Paddy hatte trotz allem irgendwie Mitleid mit ihr. "Sei‘ nicht traurig, Jenny. Mit Caroline hast du es bestimmt leichter als mit uns."
Barby, Paddy und Angelo gingen schließlich mit Jenny nach oben und halfen ihr beim Packen. Dann verabschiedete Jenny sich kühl von allen und ging.
Einige Tage später war Antonios Beerdigung. Sie fand in Dortmund statt. Alle Kellys außer dem Vater fuhren hin, auch wenn die meisten von ihnen Antonio nicht gemocht hatten. Aber so ist es nunmal: Sobald jemand gestorben ist, war er plötzlich der liebste Freund von allen.
Paddy hatte sich extra für diesen Tag von Dr. Dolby starke Beruhigungstabletten verschreiben lassen. Nun fühlte er sich irgendwie wie in Watte gepackt. Er konnte seine Geschwister nur verstehen, wenn sie laut sprachen, und seine eigene Stimme war nervtötend lahm.
Sie kamen rechtzeitig in Dortmund am Friedhof an. In der Leichenhalle warteten schon viele schwarz angezogene Menschen. Paddy begrüßte Antonios Eltern. Es waren unzählige Leute da, die Paddy noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Alle redeten leise deutsch und italienisch miteinander. Heute verstand Paddy kein Wort. Etwas verloren stand er in der Halle herum.
"Paddy!"
Als Paddy seinen Namen hörte, drehte er sich suchend um. Plötzlich bekam er einen leichten Schubs von hinten. Er fuhr herum. Hinter ihm standen Tonino und Vinni, Antonios Freunde aus Dortmund. Paddy lächelte nur gequält, er war so weggetreten durch die Tabletten, dass er nicht einmal mehr "Hallo" sagen konnte. Tonino – auch Gorilla genannt – nahm ihn schweigend in die Arme und fing an zu weinen. Paddy drückte ihn fest. Vinni stand fassungslos daneben. "Warum hat es gerade Antonio getroffen?" flüsterte er. "Er war doch noch so jung!"
"Das ist wahr," flüsterte Paddy.
"Aber warum er?" schluchzte Gorilla. "Er ist doch weggekommen von dem Zeug! Warum musste er trotzdem sterben?"
"Als er gestorben ist, haben wir sofort aufgehört zu kiffen," sagte Vinni.
Joey trat auf die drei zu und sagte: "Der Sarg wird gleich zugemacht. Willst du Antonio noch einmal sehen, Paddy?"
"Nein," flüsterte Paddy. Er konnte nicht.
Aber Vinni und Gorilla gingen mit. Die anderen Trauergäste gingen schon in die Kapelle. Paddy und seine Geschwister setzten sich in die zweite Reihe.
Der Sarg wurde in die Kapelle gefahren. Er war voller Blumen. Ganz oben lag der größte Kranz: IN LIEBE, KELLY FAMILY.
Paddys Herz verkrampfte sich bei diesem Anblick. Da drin konnte doch unmöglich sein Freund liegen.
Der Pfarrer begann eine Rede über den Tod im Allgemeinen und Antonio Cugnos Tod im Besonderen. Dann schloss er mit den Worten: "Und nun spielen wir Antonios Lieblingslied, das auch für ihn geschrieben wurde."
Ganz zart fing das Klavier an: "Holding back all my trouble..."
Es war Paddys Lied One More Song. Alle begannen bei diesem Lied zu weinen. Doch Paddy konnte einfach nicht. Es waren keine Tränen da. Aber sein Herz tat so weh! Paddy presste die eine Hand auf sein Herz, mit der anderen klammerte er sich an einer Haarsträhne fest.
Als das Lied verklungen war, wurde der Sarg aus der Kapelle gerollt. An die Trauernden wurden Rosen verteilt, die dann ins Grab geworfen wurden. Nun musste Paddy die Hand vom Herzen nehmen, um die Blume zu halten. Seine Haare ließ er allerdings nicht los.
Der Pfarrer und die Messdiener liefen zuerst, dann kam der Sarg, und dahinter liefen die Trauernden. Es war kalt und windig auf dem Friedhof. Schließlich versammelten sich alle vor dem Grab. Ein kleines Kreuz stand dahinter: ANTONIO CUGNO. 1976 – 1998. Paddy schluckte. Er presste die Augen fest zusammen und klammerte sich an die Haarsträhne, als hinge davon Antonios Leben ab. Und plötzlich hielt Paddy eine lange Locke in der Hand.
"Von Gott wurde es gegeben, von Gott wurde es genommen," dozierte der Pfarrer.
Fassunglos starrte Paddy auf die ausgerissenen Haare. Sie mussten seine längsten gewesen sein.
Der Sarg war im Grab verschwunden. Nun warfen Antonios Eltern die Blumen und eine Schaufel voll Erde ins Grab. Danach war Paddy dran. Er ging ganz nah zum Grab hin und warf die Rose hinein. Danach nahm er die Schaufel und schleuderte etwas Erde hinterher. Dann wurde ihm bewusst, dass er noch etwas in der Hand hatte.
"Für dich, nur für dich," murmelte Paddy und ließ die Haarsträhne ins Grab wehen. Dann trat er zur Seite und blickte hinauf in den Himmel.
I wish I were a swallow. Then I’d fly to you.
Beim darauffolgenden Essen waren die meisten schon wieder gut gelaunt.
Auch Gorilla und Vinni waren dabei. Sie nahmen Angelo mit nach draußen, wo der seine erste Zigarette rauchte. Jimmy schlug ihm die Kippe aus der Hand, weil er dachte, es wäre ein Joint.
Paddy aß und trank fast nichts. Es ging ihm nicht in den Kopf, dass die anderen alle schon wieder so tun konnten, als wäre überhaupt nichts geschehen. Kathy saß neben ihm und hielt seine Hand ganz fest. Sie verstand ihn.
Nach dem Essen sagte Patricia: "So, jetzt wollen wir mal wieder heim nach Irland!"
"Ich möchte nochmal auf den Friedhof," sagte Babsy.
Also fuhren die Kellys nochmal hin und gingen ans Grab.
Es war bereits verschlossen, doch das Kreuz stand bedrohlich da. ANTONIO CUGNO. 1976 - 1998.
Es trieb Paddy die Tränen in die Augen, und wieder hatte er die Melodie im Ohr: "Holding back all my
trouble..."
Ich werde dieses Lied nie wieder singen.
Der Wind tobte, und es fing leise an zu regnen.
Doch tief in seinem Inneren wusste Paddy, dass er One More Song irgendwann wieder singen musste.
Doch im Augenblick war überhaupt nicht ans Singen zu denken. Die Kellys relaxten und genossen ihre Freiheit von Jenny. Joey machte zum x-ten Mal beim Triathlon mit und kam auf den 4. Platz. Jimmy drehte einen Kurzfilm in Irland, der dann auf Filmfestivals in verschiedenen Ländern gezeigt wurde. Angelo schrieb ein wunderschönes Lied namens I Feel Love, und Paddy half ihm dabei. Barby lachte wieder öfter und tanzte auch manchmal. Kathy, Vincent und Sean waren die reinste Bilderbuchfamilie...
Kurz gesagt, alles lief gut.
Eines Morgens rief Caroline an. Paddy ging ans Telefon. "Oh, hallo Caroline! Ist Jenny gut bei dir angekommen?"
"Ja, alles klar. Wir gehen oft in Paris einkaufen," sagte Caroline. "Aber deshalb rufe ich nicht an. Paddy, ich brauche eure Hilfe!"
"Was?" Paddy war verblüfftt. "Unsere Hilfe?"
"Ja, Paddy. Sag‘, kennst du ein Mädchen, das Christine Tyler heißt?"
"Aber ja doch!" rief Paddy. "Das ist doch..."
"Sie ist mein Au-Pair-Mädchen," verkündete Caroline. "Als sie demletzt in Irland war, hat sie sich dort verliebt, hat sie mir erzählt. Aber da der Typ an diesem Tag noch heiraten wollte, hat sie schweren Herzens versucht, ihn zu vergessen. Aber als sie letzte Woche auf dem Filmfestival war, hat sie Jimmy in seinem Film wiedergesehen und hat sich wieder in ihn verliebt. Jetzt hängt sie den ganzen Tag nur rum und heult und arbeitet nicht. Kannst du nicht etwas machen?"
Paddy fing an zu lachen. "Das wird schon wieder gut. Warte mal 'ne Minute." Er knallte den Hörer hin und rannte in Jimmys Zimmer. Mit wenigen Worten erklärte er seinem Bruder, worum es ging. Jimmy kapierte sofort. Er stürmte nach unten, grabschte nach dem Hörer und verlangte darum, mit Christine sprechen zu dürfen.
Paddy warf sich lachend im Wohnzimmer in einen Sessel und verschränkte zufrieden die Hände hinter dem Kopf. Das hatte ja super geklappt. Vielleicht sollte er sich als Herzblatt bewerben?
Vater Dan kam mit missmutigem Gesicht ins Wohnzimmer geschlurft. "Mit wem telefoniert Jimmy denn so angeregt?"
"Er baut sich gerade eine Beziehung auf," antwortete Paddy mit einem Lächeln.
"Das würde ich auch gerne," seufzte Dan und ließ sich in einen Sessel fallen.
"Mit Jenny?" Paddy war geschockt.
"Unsinn!" Dan machte eine abwehrende Handbewegung. "Jenny war wie ein Traum, doch jetzt bin ich aufgewacht. Nun weiß ich, zu wem ich wirklich gehöre."
"Zu Silvia?" hakte Paddy nach.
Dan nickte. "Aber es ist zu spät! Ich habe ihr zu weh getan!" rief er verzweifelt.
Aus dem Flur hörten sie Jimmy aufgeregt telefonieren. "Ich bin so froh, dass du mich nicht vergessen hast, Christine!"
"Wie macht er das bloß immer?" flüsterte Dan.
Und plötzlich mussten sie beide lachen, Daddy und Paddy. Sie lachten so sehr, dass sie fast vom Sessel fielen. Und plötzlich hatte Paddy das Gefühl, dass er wirklich ein Herzblatt war.
"Was ist los, warum grinst du so?" fragte Vater verwundert.
Paddy musste lachen, er konnte nichts dagegen tun. "Wir haben noch ein zweites Telefon, Papa," sagte er leise.
Dan verstand und wurde auf einmal ganz kribbelig. Paddy musste für ihn wählen. Als es am anderen Ende tutete, reichte er den Hörer an seinen Vater weiter.
"Ähm... oh, hallo Silvia... hier ist Dan!"
Doch einige Tage später war es vorbei mit dem Urlaub. Die Kellys mussten in Dublin ein Konzert geben. Danach gab es noch einen Monat Pause, und dann startete die große Kelly Family-Deutschland-Tour.
Auf der Fahrt nach Dublin fragte Joey Paddy: "Willst du wirklich One More Song nicht mehr singen?"
"Nein, das kann ich nicht," erwiderte Paddy.
"Aber Paddy, wir können One More Song doch nicht einfach ausfallen lassen!" machte John ihm Vorwürfe.
"Aber ich habe es mir geschworen!" sagte Paddy.
Doch nun fielen alle über Paddy her und meinten, er MÜSSE das Lied singen, es wäre schließlich ein großer Hit. "Bitte versuch‘ es nochmal," bat Angelo.
"Wenn es sein muss," knurrte Paddy, auch wenn ihm das gar nicht recht war.
In Dublin in der Konzerthalle angekommen, begannen die Kellys gleich mit dem Soundcheck. Paddy schnappte sich schnell eine Gitarre und hoffte, die anderen hatten schon vergessen, was sie von ihm verlangten. Doch zu früh gefreut... "One More Song sollten wir gleich üben!" rief Jimmy. Zwei Ordner rollten den Flügel auf die Bühne. Nun hatte Paddy keine andere Wahl mehr. Zögernd setzte er sich ans Klavier. "Komm‘ schon Patrick, du schaffst das schon!" feuerte Barbi ihn an.
Also haute Paddy in die Tasten und fing an zu singen. Doch dabei musste er die ganze Zeit an Antonio denken, und nach der zweiten Strophe konnte er nicht mehr. Paddy brach weinend über dem Klavier zusammen und schluchzte: "Ich kann nicht mehr! Bringt das Klavier weg, ich kann das alles nicht mehr ertragen!"
Schnell setzten sich die anderen Geschwister mit Paddy in eine Ecke und trösteten ihn, so gut sie konnten.
"So wie es aussieht, müssen wir wohl auf One More Song verzichten," sagte Kathy schließlich.
"Aber das geht doch nicht!" regte John sich gleich wieder auf. "Wir können doch nicht ein Lied einfach weglassen!"
"Wir müssen uns halt eine Alternative einfallen lassen!" sagte Patricia. "Wir singen dafür einfach ein anderes, ein altes Lied!"
"Ja, wie wär’s denn mit Hiroshima?" schlug Maite vor.
"Oder Imagine oder Sean O’Kelley oder..." zählte Barby auf.
"Oh Babsy, du bringst mich auf eine gute Idee!" sagte John plötzlich. "Wir singen mal wieder Hey Didelidey, das haben wir schon lange nicht mehr getan!"
"Au ja!" sagten alle.
"Das muss aber dringend noch geübt werden!" sagte Joey. "Los, alle an die Instrumente!"
Doch in diesem Moment trat ein Ordner auf sie zu. "Leute, ihr müsst jetzt runter von der Bühne. Wir müssen die Fans reinlassen!"
"Aber wir müssen noch ein Lied proben!" wandte Jimmy ein.
"Interessiert mich nicht, Rastaman!" sagte der Ordner. "Und jetzt runter!"
Wütend liefen die Kellys in ihre Garderobe. "Na ja, hoffentlich klappt’s auch so!" meinte Patricia.
Zwei Stunden hatten sie noch Zeit, um sich zu entspannen, dann mussten sie auftreten. Nacheinander stürmten alle Kellys auf die Bühne und starteten mit When The Boys Come Into Town. Die Fans waren total begeistert, und es machte so richtig Spaß aufzutreten. Schließlich, an der Stelle, an der sonst One More Song gesungen wurde, gab Angelo nun den Takt von Hey Didelidey vor. Die Ordner wussten davon nichts und rollten den Flügel auf die Bühne. Jimmy wedelte nervös mit den Armen, und schnell brachten sie das Klavier wieder weg. Babsy fing darüber an zu lachen. Doch schnell fasste sie sich wieder, verließ die Congas, ging nach vorne und sang voller Power ihre Strophe ins Mikro. Danach begab sie sich in den rechten Bühnenvordergrund und begann zu tanzen. Wow, zum ersten Mal seit ewig langer Zeit auf der Bühne, dachte Paddy staunend. Auch er stürmte mit seiner Gitarre nach vorne und schmetterte seine Strophe ins Mikro. Danach wollte er eigentlich wieder nach hinten gehen, doch als sein Blick auf die hopsende und tanzende Barby fiel, überlegte Paddy es sich anders. Er drückte dem völlig überraschten Joey seine Gitarre in die Hände und stürmte zu seiner Schwester. Babs hakte ihn unter, und die beiden wirbelten über die Bretter. Paddy wurde fast schwindelig, aber er freute sich, dass es Barbie so gut ging. Sie strahlte die ganze Zeit. Und die Fans waren sowieso begeistert.
Nach den letzten Takten der Zugaben stürmten die Kells in die Garderobe. "Wow Barby, du warst ja super drauf," prustete Maite. "Woran lag’s?"
Doch bevor Barbi antworten konnte, kam ein Ordner und meldete: "Ihr habt Besuch bekommen!" Und wer erschien? Vincent mit Sean und Vater Dan mit Silvia, denn sie hatten sich wieder vertragen.
Erst mal waren alle damit beschäftigt, die Neuangekommenen zu begrüßen. Dann kam der Ordner wieder und sagte: "Es kommt noch jemand!"
"Doch wohl nicht Jenny?" fragte Patsie ängstlich.
"Nein."
"Soll reinkommen."
Die Tür öffnete sich, und ein hübsches junges Mädchen erschien...
"Christine!" brüllte Jimmy und sprang auf, um sie in den Arm zu nehmen. Glücklich betrachteten alle die Begrüßungsszene.
"Das ist ja wie im Bilderbuch," meinte Paddy.
"Ja, und genauso geht’s jetzt auch weiter," sagte Dan. "Kommt, ich lade euch alle zum Essen ein!"
Also gingen sie in Dublin indisch essen und setzten sich dann wieder in den Tourbus, um nach Hause zu fahren. Vincent fuhr und Vater saß neben ihm. Christine war das Tourleben nicht gewöhnt und schlief während der Fahrt ein. Die neun Kelly-Geschwister setzten sich hinten im Bus zusammen.
"Es hat mir total viel Spaß gemacht, Hey Didelidey zu singen," verkündete Barby.
"Ja, das hat man gemerkt," sagte Angelo.
"Vielleicht sollten wir den Song wieder ins Programm nehmen, wenn wir demnächst auf Tour gehen!" meinte Johnny.
"Okay," sagten die anderen.
"Sagt mal, erinnert ihr euch noch daran, als Barby eine Strophe bei Peces En El Rio singen wollte?" fragte Joey. "Ich glaube, wir haben alle solche Wünsche für die Tour. Wie wäre es, wenn jeder seinen größten Wunsch für die Konzerte aufschreibt? Und wenn wir dann auf Tour gehen, kramen wir die Zettel wieder hervor und versuchen, alles zu realisieren. Wie findet ihr das?"
"Eine gute Idee. Ich hole gleich mal eine Kiste, in der wir die Zettel aufbewahren können," meinte Angelo. Johnny teilte Stifte und Papier aus, und alle schrieben drauflos.
Paddy zögerte erst eine Weile, doch dann schrieb er es doch hin: ICH WILL WIEDER ONE MORE SONG SINGEN!
"Paddy, fertig?" Maite hielt ihm die Kiste unter die Nase. Paddy knüllte den Zettel zusammen und ließ ihn in die Kiste fallen. Dabei hatte er das gleiche Gefühl wie damals, als er seine Haarsträhne in Antonios Grab hatte wehen lassen.
Vielleicht werde ich es nicht gleich beim ersten Konzert singen. Vielleicht beim zweiten. Vielleicht erst am Ende der Tour. Vielleicht gar nicht. Jedenfalls werden ich den Ordnern sagen, dass sie das Klavier immer mitnehmen sollen.
Jimmy schrieb nun ganz groß UNSERE WÜNSCHE auf den Deckel der Kiste. "Hoffentlich lässt sich alles realisieren."
"Kinder, bin ich müde!" gähnte Kathy.
In diesem Augenblick keimte in Paddy ein Gedanke auf. Ein ziemlich guter Gedanke sogar. "Ich habe noch einen Wunsch," sagte er.
"Du hast wohl nie genug!" murrte Maite.
"Es ist kein musikalischer Wunsch," verteidigte Paddy sich. "Und eigentlich hat er auch nichts mit euch zu tun."
"Mach’s nicht so spannend, sag‘, was los ist!" befahl John.
"Ich möchte ein Buch schreiben," sagte Paddy.
"Wie – ein Buch schreiben?" Alle sahen ihn verdattert an.
"Na ja, ein Buch schreiben. Über mein Leben. Autobiographie heißt das glaube ich."
"Aber Pad – kannst du denn überhaupt schreiben?" fragte Patricia. "Überleg‘ dir das bitte gut!"
"Ich werde das Buch ja nicht allein schreiben," beruhigte Paddy sie. "So was macht man doch immer mit erfahrenen Leuten zusammen. Also, darf ich das machen?"
"Klar, wenn du willst," meinte Kathy.
"Aber schreib‘ nix Fieses," bat Angelo.
"Ich doch nicht."
"Und wie soll das Meisterwerk heißen?" fragte Barby.
Paddy überlegte nicht lange. "DER REIFEPROZESS VON PADDY KELLY!"
Alle lachten.
"Warum lacht ihr?" fragte Paddy. "Bin ich nicht seelisch gereift in der letzten Zeit?"
"Na hoffentlich," scherzte Jimmy liebevoll.
"Sie meinen also, ich kann heute noch vorbeikommen? Sagen wir, so um zwei? Oh danke. Okay, ich freue mich. Bis dann!"
"Wen hast du angerufen?" fragte Barby, als Paddy aufgelegt hatte. Sie saß mit Kathy auf dem Sofa und beide strickten.
"Einen Buchverlag in Cork," sagte Paddy. "Ich soll heute noch vorbeikommen. Die sind sehr daran interessiert, mit mir zusammenzuarbeiten."
"Na toll!" sagte Kathy.
"Jetzt muss alles ganz schnell gehen!" meinte Paddy hektisch. "Ich muss was Schickes anziehen. Ich kann ja nicht im Schottenrock zu diesem Termin erscheinen! Und Fotos! Ich brauche unbedingt Fotos, alte und neue, für das Buch!"
"Soll ich dir helfen?" bot Barby an.
"Danke, Babsarella, das geht schon."
Paddy raste auf den Speicher und kramte in den alten Fotoalben. Mit etwa 40 Fotos bepackt rannte er schließlich zurück in sein Zimmer, um sich umzuziehen. Nach einigem Überlegen entschied Paddy sich für einen schwarzen Anzug. Er packte die Fotos in einen Umschlag und rannte die Treppe hinunter. Dort traf er auf Dan.
"Du siehst toll aus. Mein Sohn!" sagte Dan stolz. "Danke!" lächelte Paddy.
"Wer weiß, vielleicht startest du ja jetzt eine zweite Karriere als Schriftsteller..." fuhr Dan fort.
"Meinst du?" fragte Paddy zögernd. "Das ist ja eigentlich nicht unbedingt geplant..."
"Wie du meinst!" sagte Vater. "Aber Paddy, denk‘ dran, dass es nie zu spät für einen Neuanfang ist!"
"Klar doch!" sagte Paddy und griff nach dem Autoschlüssel. Er ging vors Tor und sprang in sein schwarzes Cabrio. Paddy gab Gas und preschte bald über die Autobahn. Im Radio lief der neue Song von Aerosmith. Paddy fühlte sich gut. Er war total entspannt. Nach einer Stunde kam er in Cork vor dem Verlagsgebäude an. Etwas schüchtern betrat Paddy das große Haus. Die Empfangsdame schickte ihn gleich in ein großes Zimmer. Dort setzte Paddy sich verlegen an einen großen Schreibtisch. Wie damals bei Dr. Dolby. Was wohl jetzt passieren würde? Plötzlich fiel Paddy ein, dass er schon seit Ewigkeiten keine Tabletten mehr genommen hatte und es ihm trotzdem gut ging.
Eine junge Dame in einem hellblauen Kostüm betrat das Zimmer. Sie hatte lange hellbraune Haare, blaue Augen und machte einen SEHR netten Eindruck. Sie ging zu Paddy und gab ihm die Hand. "Guten Tag, Paddy. Mein Name ist Jessy Gaye und ich werde mit Ihnen zusammen an Ihrem Buch arbeiten."
"Ähm, ja, sehr schön," stotterte Paddy und wurde glühend rot.
Jessy setzte sich ihm gegenüber und sie machten gemeinsam Pläne, wie sie vorgehen wollten. Doch Paddys Gedanken schweiften immer ab. Immer wieder musste er in Jessys Augen schauen. Sie waren so wunderschön blau. Und sie schien so intelligent zu sein. Ob das wohl...
"Paddy, Sie hören mir ja gar nicht zu!" holte Jessy ihn lächelnd in die Gegenwart zurück.
"Entschuldigung," stotterte Paddy und sein Gesicht verfärbte sich noch mehr, "das ist nur alles so
ungewohnt..."
"Ich weiß," erwiderte Jessy verständnisvoll. "Aber Sie haben noch lange Zeit, sich an die Situation zu gewöhnen. Wir werden sicher einige Monate an der Biographie arbeiten."
"So lange?" fragte Paddy begeistert.
Jessy nickte. "Für heute sind wir allerdings fertig. Wann könnten Sie wiederkommen?"
"Gleich morgen?" fragte Paddy eifrig.
"Aber gerne doch!" sagte Jessy. "Ich glaube, wir werden eine gute Zusammenarbeit haben. Bis morgen!"
"Bis morgen!" Paddy bekam richtig Herzklopfen, als er sich verabschiedete. Er ergriff vorsichtig Jessys Hand und drückte einen Kuss darauf. "Aber Paddy!" sagte Jessy lachend und wurde auch rot.
Paddy ging hinaus auf den Parkplatz und setzte sich in sein Cabrio. Doch er fuhr noch nicht los.
Nun gestand Paddy sich zum ersten Mal ein, dass er sich ein bisschen verliebt hatte. Ein bisschen?? Es hatte ihn so richtig erwischt. Er war bis über beide Ohren verknallt. In Jessy.
Was hatte John gesagt? Gerade dann, als er nicht drangedacht und sich nicht unter Druck gesetzt hatte, war es passiert. Genau da hatte er sich verliebt. Und vielleicht – vielleicht? – vielleicht! – würde seine Liebe ja erwidert werden. Recht gehabt, Johnny!
Und ob Vater auch Recht gehabt hatte? Ob Paddys Buch wirklich erfolgreich werden würde? Es ist nie zu spät für einen Neuanfang, hatte Vater gesagt. Stimmte ja auch. Man konnte nicht ewig an der Vergangenheit festhalten. Paddy sah wieder zum Himmel hinauf.
Vielleicht würde ja trotzdem alles gut werden.
© by Doro Franz.................... around 1998 (some parts changed in 2001)....... <
.................... für Hannelore........................