Paddy ging ans Tor, damit die Schreie aufhörten. Er konnte nicht von sich sagen, dass er wirklich ans Tor gehen wollte, aber er musste es tun. So konnte es nicht weitergehen. Es war schlimm hier geworden, schlimm in Gymnich. Er lief durch den verschneiten Park, die Hände in den Manteltaschen. Am Tor schrien sie noch lauter, als sie ihn erblickten. Sie wollten Fotos, wollten Autogramme, wollten Küsschen, griffen nach seinen Händen.
"Hey," sagte er, "könnt ihr nicht ein kleines bisschen leiser sein? Meine Schwester Barby hat die Grippe. Sie muss viel schlafen, und man hört euch sogar im Schloss. Könnt ihr ein bisschen ruhig sein, würde das gehen,
ja?"
Die Fans interessierten sich nicht für Barbys Grippe. Sie hatten vermutlich nicht ein Wort von dem, was Paddy gesagt hatte, gehört. Sie schrien nur noch lauter und zückten die Fotoapparate. "Grins' mal in die Kamera, Paddy!"
Also grinste Paddy in die Kamera. Es widerstrebte ihm selbst von tiefstem Herzen, doch auf dem Foto würde man das nicht sehen, und das war es doch, was sie wollten. Vielleicht musste er einfach alles tun, um sie zufriedenzustellen, vielleicht würden sie ihn dann irgendwann mal normal behandeln. Vielleicht musste er seine eigenen Wünsche zurückschrauben. Vielleicht musste er es akzeptieren, dass sie sich nicht für Barby interessierten, dass sie nur auf ihn scharf waren. Vielleicht musste er einfach nur abwarten, bis es ihnen langweilig wurde. War das die Lösung? Er wusste es nicht.
Joey ging ans Tor, weil er in die Stadt musste. Gerne hätte er das Schloss mal wie ein ganz normaler Mensch, der zur Sparkasse musste, verlassen, doch daran war ja nicht zu denken. Sie standen schon wieder da und schrien, schrien nach Paddy, schrien nach Angelo, schrien nach ihm selbst. Es freute ihn in keinster Weise. Aggressiv ballte er die Fäuste in seinen Jackentaschen. Warum, warum nur waren sie so verrückt? Man konnte sich doch nicht einfach vor die Häuser fremder Menschen stellen, mal ganz realistisch betrachtet, das KONNTE man doch eigentlich nicht, oder?
"Joey, bekommen wir ein Autogramm?" fragte ein Mädchen, das gestern auch schon hier gestanden hatte, und reichte Joey ein Diddl-Buch. Er kannte es, bereits gestern hatte er darin unterschrieben.
Missmutig setzte Joey seine Unterschrift schwungvoll auf eine neue Seite. "Also gut," brummte er und gab ihr den Stift zurück. "Danke. Kriegen wir auch ein Foto?" "Ja, aber versprecht mir, dass ihr weg seid, wenn ich zurückkomme." "Na klar, Joey!"
Also posierte Joey für das Foto, öffnete das Tor und fuhr mit dem Auto zur Sparkasse.
Als er zwei Stunden später zurückkam, standen sie natürlich immer noch dort. Rüttelten an den Gitterstäben, schrien nach Paddy, schrien nach Angelo, schrien nach Joey. Joey stöhnte auf. Er hätte es doch wissen müssen. Aber er hatte gedacht, er könne vernünftig mit ihnen reden, und das war falsch gewesen.
Genervt drückte er auf die Hupe. Doch sie ließen nicht vom Tor ab. Joey war alles egal, er drückte aufs Gaspedal. In letzter Sekunde konnten die Fans zur Seite springen. "Du Arschloch, fast hättest du uns überfahren!" brüllten sie, machten aber trotzdem Fotos. Joey zeigte ihnen den Mittelfinger. War ihm doch egal, was die davon hielten. Eines Tages würde er es nicht dabei belassen. Eines Tages würde er... "Oh, ich könnte ihnen in die Fresse hauen!" murmelte er wütend. War das die Lösung? Er glaubte es nicht... aber er wusste es nicht.
Jimmy ging ans Tor, weil er es nicht hatte glauben können. "Sie stehen den ganzen Tag da," hatten Paddy und Joey ihm gesagt. "Sie kommen mit Bussen aus Polen und Tschechien und Deutschland und sonst woher, stellen sich vor das Tor und schreien von früh bis spät. Und sie knipsen die ganze Zeit. Wie am Fließband."
"Kann doch nicht sein," hatte Jimmy den beiden geantwortet. "Den ganzen Tag? Glaub' ich nicht. So blöd kann doch keiner sein!"
"Jim, du kannst dir das nicht vorstellen, weil du in Irland nicht belästigt wirst. Aber es ist wirklich so. Glaub' es uns."
Jimmy hatte es nicht geglaubt und war ans Tor gegangen. Nur aus Spaß. Und er war von den vielen Blitzen fast blind geworden. Und nun stand er seit drei Stunden hier und gab Autogramme, weil die Fans ihn einfach nicht gehen ließen, und er war viel zu kalt angezogen. Angelo lief kurz in der Ferne vorbei und lachte ihn höhnisch aus, aber dann entdeckten die Fans ihn und begannen, ihn zu fotografieren, und Angelo rannte weg.
Das kann doch einfach nicht wahr sein, dachte Jimmy immer wieder, während er mechanisch seinen Namen schrieb. So schlimm war es damals nicht gewesen... damals... Nein, er würde nicht zurückgehen, solange die Fans so aufdringlich waren. Dem setzte er sich ganz bestimmt nicht aus. Da war er in Irland doch viel besser aufgehoben! Er war doch nicht blöd!
Aber... konnte er denn einfach gehen? Seine Geschwister mussten sich das Gekreische ja auch täglich anhören, da konnte er doch nicht einfach so locker wieder nach Irland verschwinden, oder? Aber andererseits, wer zwang seine Geschwister, hierzubleiben? Sie konnten ja auch gehen! Oder?
"Ach, ich weiß es nicht," murmelte Jimmy, während er für weitere Fotos posierte und die Augen vor den heftigen Blitzen schloss. Er wusste es wirklich nicht. Und er hatte auch keine Lust, darüber nachzudenken, ihm war alles egal, er war so müde. Er würde ein anderes Mal darüber nachdenken... nur nicht jetzt... War das eine Lösung? Er hatte wirklich keine Ahnung.
Patricia ging ans Tor, weil sie aufgegeben hatte. Die Fans würden sie ja doch finden. Ob sie in ihrer Wohnung war oder bei Denis, beim Friseur oder im Supermarkt, die Fans würden sie finden. Also konnte sie auch gleich hierbleiben. Hier hatte sie wenigstens noch ihre Familie, auch wenn diese völlig zerfressen war vor Angst und Resignation. Und wessen Schuld ist das? dachte Patricia wütend.
Sie hatte sich abgewöhnt, die Fans zu bitten zu gehen. Sie würden ja doch nicht gehen. Nie würden sie gehen. Sogar an Weihnachten waren sie vor dem Tor gestanden und hatten geschrien, und das hatte wieder mal alles kaputt gemacht. Nie hätte es so kommen dürfen. Patricia verstand sie einfach nicht.
Mit gesenktem Kopf näherte sie sich dem Tor. Die Fans schrien schrill auf. "Patricia! Bekommen wir ein Foto?"
Die Frage war unnötig gewesen, natürlich bekamen sie ein Foto, natürlich bekamen sie viele Fotos. Während zwanzig Leute nach ihren Fotoapparaten kramten und weitere zwanzig bereits losknipsten, liefen die ersten Tränen über Patricias Wangen. Das sah sowieso niemand, und wenn, dann würde es auch niemanden interessieren. Außer, dass sich die Fotos dann vielleicht besser verkaufen würden.
Verdammt! Sie hatte nie vor den Fans weinen wollen, aber es geschah doch, und es war ihre Schuld. Patricia wusste, dass es trotzdem niemanden interessierte. Und doch gab sie die Hoffnung nicht auf, dass eines Tages ein Fan, nur ein Fan hinter die Fassade blicken und verstehen würde, wie die Kellys sich fühlten. Und für diesen Fan musste sie ihre Gefühle zeigen. War das die Lösung? Sie hoffte es, immer noch.
Angelo ging ans Tor, weil er trotz allem glaubte, sein Leben in einiger Normalität fortzusetzen. Er konnte sich von diesen Menschen doch nicht sein Leben diktieren lassen. Wenn er das Schloss verlassen wollte, um Kira zu besuchen, dann machte er das auch! Himmel! Er ließ andere Menschen doch auch tun und lassen, was sie wollten! Stand ihm dieses Recht denn nicht auch zu?
Bestimmt kann man dieses Problem lösen, dachte Angelo. Wenn ich doch nur wüsste wie. Er versuchte es mit Reden. Es konnte doch nicht sein, dass diesen Menschen die Gefühle der Kellys vollkommen egal waren. Sie waren doch alle Fans von ihnen, und wenn sie sie mochten, dann konnten sie sie doch nicht zerstören, oder?
Er näherte sich dem Tor. Die Fans jubelten und griffen durch die Gitterstäbe nach seinen Händen. Angelo seufzte tief. Dann begann er es ihnen zu erklären. Dass sie gerne hier stehen konnten, aber vielleicht nicht jeden Tag. Dass er gerne Autogramme gab, aber vielleicht nicht gerade jetzt. Dass er heute zu Kira gehen wollte.
"Fucking bitch Kira," murmelte ein Fan.
In Angelo kochte es. Doch er konnte nicht zuschlagen. Er konnte auch nicht wegrennen. Das würde nichts helfen. Also blieb er am Tor stehen und erklärte alles ein zweites Mal, redete und redete und wusste doch ganz genau, dass niemand zuhörte. War das die Lösung? Es erschien ihm nicht wahrscheinlich, und doch fürchtete er den Tag, an dem er anders entscheiden würde.
Maite ging ans Tor, weil sie sich geschmeichelt fühlte. Sie hatte oft einen bitteren Geschmack dabei, weil sie wusste, dass sie die Einzige war, die gerne ans Tor ging. Aber sie brauchte es einfach. Sie hatte nie viel von sich gehalten, sie fand sich immer noch viel zu dick. Und da tat es doch einfach gut, ans Tor zu gehen und zugejubelt zu bekommen. Okay, manchmal wünschte sie die Fans auch zum Teufel, wenn sie Pickel hatte und die knipsten sie trotzdem. Aber im Allgemeinen fühlte sie sich richtig glücklich und high.
"Maite, bekommen wir Autogramme, bekommen wir Fotos, bekommen wir Küsschen?"
Maite schrieb Autogramme, posierte für Fotos, verteilte Küsschen und winkte huldvoll wie ein Hollywood-Star in die Menge. Die Fans waren selig, wie immer, wenn ein Kelly tat, was sie wollten. "Wir lieben dich,
Maite!" riefen sie.
"Ich liebe euch auch!" antwortete Maite glücklich und meinte es ganz ehrlich. Die Fans gaben ihr so viel, so viel...
... und doch stieg ein leiser Zweifel in ihr auf. Warum freute nur sie sich über die Fans? Warum litt der Rest der Familie so unter ihnen? Maite erinnerte sich an Joey, der jeden Tag böse Verwünschungen gegen die Fans ausstieß, an Paddy, der mit den Nerven völlig runter war und an Barby, die seit Monaten nicht mehr ans Tor gegangen war. Maite zog die Stirn in Falten. Wenn die Fans gut waren, warum hatten sie dann ihre Schwester kaputtgemacht?
Ohne ein weiteres Wort drehte Maite sich um und ging zurück zum Schloss. Die Fans schrien empört. Sie verstanden es nicht. Und Maite selbst verstand es ja auch nicht. Handelte sie nicht nur so um ihrer Geschwister willen? Sie selbst hatte ja nichts gegen die Fans, zumindest nicht heute. Musste sie so handeln? War es richtig, dass sie sich ihren Geschwistern unterordnete? War das die Lösung? Sie wusste es nicht, es war irgendwie komisch.
Kathy ging ans Tor, weil sie wütend war. Sie sah es gar nicht ein, dass sie sich von diesen Kindern herumterrorisieren lassen musste. Wenn die vor dem Tor schreien wollten, bitte, das war nicht ihr Ding. Sie wollte heute in die Stadt, und selbst wenn der Bundeskanzler persönlich am Tor stehen würde, sie ging da jetzt raus!
Dieser stand natürlich nicht am Tor, dafür aber viele andere Fans. Bei Kathys Erscheinen begannen sie zu jubeln und laut nach Kathy und Paddy zu schreien. Paddy? Kathy drehte den Kopf. Der war ja gar nicht in der Nähe! Oh, diese Menschen gingen ihr so auf die Nerven! Ohne die Fans zu beachten, schloss sie das Tor auf und drängte sich zwischen den Fans hindurch. "Jetzt lasst mich doch mal hier raus, Kinners!"
Erleichtert machte sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle, doch ihre Laune würde bald durch weiteres Geschrei getrübt. Sie hätte es wissen müssen: die Fans vom Schloss waren ihr gefolgt. Wütend drehte Kathy sich einmal um die eigene Achse, schrie: "Verschwindet!" und fuchtelte mit ihrer Handtasche herum. Die Fans wichen zurück, machten aber fleißig Fotos.
Endlich kam der Bus. Kathy stieg ein und drängte die Fans zurück, und der Bus fuhr los. Sie ließ sich auf einen Sitzplatz fallen und sah aus dem Fenster auf die fotografierenden Fans. Von diesem Anblick bekam man ja Magenschmerzen.
"Ach, was soll's," knurrte sie halblaut, "bald bin ich ja sowieso weg. Weg von dieser Familie, weg von diesen Menschen, weg von diesem Ort." Sie holte tief Luft. War das die Lösung? Sie war sich schon relativ sicher, aber es würde sehr wehtun.
John ging ans Tor, weil... oh, er wusste es gar nicht so richtig. Er war durch den Park gelaufen, um frische Luft zu schnappen, und sein Weg hatte ihn wie von selbst zum Tor geführt. Die Fans schrien nach ihm. Wenn schon Paddy nicht kam, dann war John halt auch recht.
Und zu seiner großen Überraschung wurde er gleich nach seiner Schwester gefragt. "Wann kommt Barby?"
"Ich weiß es nicht. Bestimmt kommt sie morgen," log John.
Dann wollten sie Autogramme und Fotos. John ließ sie alles mit sich machen. Er konnte immer noch nicht so ganz fassen, was hier passiert war. Er musste es miterleben, deshalb machte er mit. Nach zwei Stunden wurde es ihm aber zuviel, er bat die Fans freundlich, ihn gehen zu lassen. Sie waren zufrieden, denn sie hatten gerade Paddy entdeckt, also konnte John gehen.
Kopfschüttelnd lief John zurück zum Schloss. Das alles hätte es früher nicht gegeben.
Er dachte oft an Street Life und wie schön es damals gewesen war. Damals hatte niemand ihn belästigt, nie. Und die anderen auch nicht. Warum war das jetzt so? Warum denn nur? John konnte nicht sagen, dass er es verstand. Auf jeden Fall machte es ihn unglücklich. Er hatte das nie gewollt.
Er träumte sich zurück in die Straßenzeiten, so oft es nur ging. War das die Lösung? Rein realistisch betrachtet glaubte John das nicht. Aber es half wenigstens ein bisschen.
Barby ging nie ans Tor. War das die Lösung? Wer wusste das schon. Sie lag in ihrem Bett, den Kopf unter der Decke vergraben und die Hände auf die Ohren gepresst, aber trotzdem hörte sie die Schreie der Fans am Tor. Es war die Hölle. Nie wieder wollte sie da raus. Nie wieder.
Jeden Tag kam Paddy, weinte und erzählte ihr alles. Dass er wieder alles getan hatte, um die Fans zufriedenzustellen. Dass John sich täglich fragte, was denn nur mit den Kellys passiert war. Dass Kathy die Fans angeschrien hatte. Dass Maite sich immer öfter weigerte, freiwillig ans Tor zu gehen. Dass Patricia heimlich nachts in ihrem Zimmer geweint hatte. Dass Angelo es nicht mehr einsah, ihnen alles doppelt und dreifach zu erklären. Dass Jimmy zurück nach Irland gehen wollte.
Barby beschloss, nie wieder ans Tor zu gehen.
Eines Tages kam Paddy und war in Tränen aufgelöst. Er berichtete, dass Joey das Auto eines Fans demoliert hatte und den Kellys nun eine Gerichtsklage drohte. Und vor dem Tor standen schon wieder mehr Fans.
Barby vergrub weinend den Kopf in den Händen. "Das ist das Ende!"
"Nein," sagte Paddy leise, "nein, das ist nicht das Ende."
Fragend hob Barby den Kopf.
"Das ist der Anfang," sagte Paddy.
© by Doro Franz.......... July 2002