From their hearts

by Doro   doro-violet@gmx.de

 

"Was hältst du davon?" fragte Angelo und gab den Blick auf sein Werk frei.
Paddy runzelte die Stirn. "Wenn man das Gekritzel jetzt auch noch lesen könnte, wäre das toll."
"Mann!" Entrüstet nahm Angelo ihm den Zettel wieder weg. "Das ist mein neues Lied!"
"Ach so!" Paddy seufzte. "Sag‘ das doch gleich! Gib den Zettel noch mal her, ich konnte es wirklich nicht lesen. Die Sonne blendet so."
Angelo reichte seinem Bruder ein zweites Mal den Zettel, und Paddy hielt sich die Hand über die Augen, um nicht von der brennenden Sonne geblendet zu werden.
"There's no limits, life is long, there's no boundaries 'cause life goes on..." las er laut vor. "Na ja, viel ist das ja noch nicht."
"Aber wenn mir doch nichts einfällt!" sagte Angelo.
Die beiden saßen auf dem Mannheimer Maimarktgelände hinter einem großen Bretterzaun, vor den Fans gut abgeschirmt, auf einer Bank an einem kleinen Tisch und warteten auf das Konzert. Doch es war erst halb zwölf, und das Konzert begann erst um halb acht.
Paddy nahm seinen Colabecher und trank mit nachdenklichem Gesicht einen tiefen Schluck. Angelo seufzte auf und schrieb weiter auf seinem Blatt herum.
"Hey ihr zwei!" Unbemerkt war Patricia auf die beiden zugetreten. "Na, alles klar bei euch? Ihr habt's gut, ihr könnt draußen in der Sonne sitzen!"
"Na, ob das Glück ist, darüber lass‘ uns lieber nicht streiten!" ächzte Paddy und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
"Was machen denn die anderen so?" fragte Angelo.
Patricia zählte auf: "Kathy spielt mit Sean, Johnny baut das Schlagzeug auf, Adam guckt zu, Barby und Maite machen sich schon die Haare und wo Joey ist, weiß ich gar nicht. Ich war bis eben in der Kantine, bald gibt's Essen."
"Was gibt's'n?" unterbrach Paddy sie.
"Spaghetti mit Hackfleisch."
"Och nee!"
In diesem Augenblick sprang Angelo wutentbrannt auf, zerriss seinen Songtext in tausend kleine Fetzen und rannte wütend in die Halle.
"Was hat der denn?" fragte Patricia und ließ sich auf der Bank nieder.
"Sein Lied klappt anscheinend nicht!" entgegnete Paddy.
"Und was machst du?"
"Weiß nicht."
"Schreib‘ doch einen Brief an Jimmy," schlug Patricia ihm vor.
"Nee danke, ich verzichte!"
"Paddy." Patricia sah auf einmal sehr ernst aus. "Jimmy ist nicht gegangen, weil er uns nicht mehr mag, er ist gegangen, weil er an der Filmhochschule in Dublin studieren will. Das musst du einfach verstehen."
"Ist ja gut," knurrte Paddy.
"Und Adam ist ein großartiger Kerl, nicht wahr?" fragte Patricia. "Sprich‘ mir nach: Adam ist großartig."
"Lass‘ diesen Psycho-Quark!" fauchte Paddy. "Ich weiß das selbst am Besten: Jimmy ist gegangen, weil er keine Lust mehr hatte. Und Adam haben wir nur geholt, weil er unser Cousin ist. Wieviel zahlt Vater ihm dafür, dass er mit uns auf die Bühne geht?"
"Paddy!" Nun wurde Patricia aber wirklich böse. "Quark ist, was du redest! Ich sehe nicht ein, warum ich dir ständig alles erklären soll! Denk‘ doch, was du willst! Ich resigniere!"
"Du willst nur nicht zugeben, dass ich Recht habe!"
Paddy sprang auf und lief in die Halle. Hier war es deutlich kälter aus draußen in der Sonne, und da Paddy nur ein Unterhemd trug, fror er erbärmlich.
Auf der Bühne standen bereits Joey, Kathy und Johnny. Angelo saß in einer Ecke und schmollte. Die anderen besprachen den Ablauf der Show. Paddy setzte sich neben Joey und rieb seine Arme, damit ihm nicht mehr so saukalt war.
"Also, der erste Song ist When The Boys Come Into Town, und dann kommt Key To My Heart, und danach You Belong To Me, Break Free und Roses Of Red," sagte John. "Aber was wollen wir danach nehmen? Father's Nose oder You're Losing Me? Ich persönlich würde You're Losing Me vorziehen."
"Du, du brauchst mir keine Vorschriften zu machen!" keifte Kathy.
"Aber ich..." begann John verwundert, doch dann bemerkte er Paddy. "He, was machst du denn hier? Bist du nicht mit Patricia draußen? Kannst du sie mal reinholen, ich muss was mit ihr besprechen."
"Hol'se doch grad‘ selbst!" giftete Paddy.
"Ich gehe sie holen," sagte Joey und zog sich seine Jacke an. "Ey, draußen ist es heiß!" rief Paddy ihm hinterher.
"Also Kathy, was nehmen wir jetzt?" fragte Johnny weiter.
In diesem Moment betrat Adam die Halle.
"Ach, dich gibt es ja auch noch!" sagte Angelo.
"Das Essen ist fertig!" verkündete Adam.

In ihrer Garderobe saßen die neun schließlich und aßen aus Papptellern ihre Nudeln mit Hackfleisch.
"Sag‘ mal, bist du böse mit Patricia?" wollte Maite wissen.
"Warum?" fragte Paddy.
Maite wies auf Tricia, die heftig gestikulierend auf Joey einredete. "Sie erwähnt immer wieder deinen Namen."
"Soll sie doch!" knurrte Paddy.
"Was bist'n du so schlecht drauf?"
"Die Nudeln schmecken wie Pappe!"
"Aber das kann doch nicht alles sein!"
"Geht's dich irgendwas an?" giftete Paddy.
"Entschuldigung!" fauchte Maite. "Du bist ja echt unausstehlich! Hoffentlich bringt der Soundcheck dich auf andere Gedanken!"
Nach dem Essen machten sie also Soundcheck. Das meiste klappte schon problemlos. Paddy musste zugeben, dass Adam gar nicht so schlecht war, wie er gedacht hatte. Aber... es war halt nicht dassselbe wie mit Jimmy.
"Hat Vater schon angerufen?" fragte Johnny.
"Ja, heute Morgen," meinte Angelo. "Aber Jimmy hat noch nicht angerufen."
"Wahrscheinlich hat er keine Zeit," meinte Patricia und warf einen bitterbösen Blick auf Paddy.
"Es ist gleich Einlass!" sagte Kathy. "Wir sollten die Bühne räumen und uns umziehen!"
Doch in der Garderobe gab es Streit. Zuerst stritten sich Paddy und John um eine Hose.
"Ich hab‘ die Hose gekauft!" beharrte John. "Also ist es meine!"
"Aber ich hab‘ sie immer an!" knurrte Paddy.
"Sie ist dir viel zu groß, du Winzling!" sagte John und zog die Hose an. Paddy kochte vor Wut. "Soll ich vielleicht in Boxershorts auftreten?"
"Zieh‘ doch deine Lederhose an!" schlug Joey vor. Also gut.
Dann wurde Patricia angemeckert. "Diesen Rock kannst du nicht anziehen!" behauptete Kathy.
"Warum denn nicht? Es ist doch meiner!"
"Aber er ist viel zu kurz!" schnaubte Kathy. "Wenn Vater das sieht..."
"... aber er sieht es nicht!" rettete Angelo seine Schwester. Also durfte Tricia ihren Rock anbehalten.
"Adam, du kannst nicht wieder dieses Hemd anziehen!" fing jetzt Paddy an. "Du hast es schon fast eine Woche an! Pfui bäh! Zieh's aus!"
"Wie ihr meint!" sagte Adam brav.
"Schnell, bring's noch zur Wäsche!" meinte Patricia.
"Okay!" meinte Adam, rannte los und stolperte über Angelo, der auf dem Boden lag und überlegte: "Zieh‘ ich meine Brille auf? Oder lieber nicht?"
Barby machte indessen Stimmübungen: "Baby smile, don't cry baby..."
Auch Johnny trainierte seine Stimmbänder: "Put on the red shoes that you want to..."
Barby versuchte ihn zu übertönen: "Baby smile, baby smile, baby smile!"
"Everybody's dreaming, so am I!!" kreischte Johnny.
"Rrruhe!" brüllte Joey.
Adam kam mit freiem Oberkörper wieder. "Ich habe nichts zum Anziehen!"
"Leih‘ dir ein Hemd von mir!" sagte Angelo schnell.
Adam zog sich das Hemd an und fragte verschüchtert: "Geht das bei euch immer so zu?"
"Ha, das ist noch gar nix, geh‘ erst mal VOR die Bühne!" sagte Maite.
Doch eine Stunde vor dem Konzert beruhigten sich alle wieder. Paddy und Barby verzogen sich in eine ruhige Ecke.
"Freust du dich?" fragte Barby.
"Geht so," sagte Paddy.
"Ich mich schon. Auf welches Lied freust du dich denn am meisten?"
Paddy zögerte nicht. "I Feel Love," sagte er.
I Feel Love hatte Paddy vor einigen Wochen zusammen mit Angelo geschrieben. Die beiden sangen es zusammen mit Maite. Es war Paddys absolutes Lieblingslied, seiner Meinung nach war diese rockige Nummer sogar besser als One More Song.
Sie saßen noch eine Weile zusammen und unterhielten sich, bis Maite kam und rief: "Die Show geht los, wir müssen auf die Bühne!"
"Eigentlich habe ich jetzt gar keine Lust dazu," maulte Paddy. Doch als er gemeinsam mit den anderen ins Scheinwerferlicht rannte und die Fans kreischen hörte, war alles andere vergessen.

Nur wenige Wochen später war die Tour vorbei, und die Kellys kehrten zurück nach Hause, nach Irland.
"Hier wohnt ihr also," staunte Adam, als er das Schloss East Grove betrat.
"Toll, oder?" meinte Barby.
"Es ist bestimmt eine Menge Post gekommen," meinte Joey und kramte im Briefkasten. "Hmmm... hier für Johnny... Angelo... Kathy..."
"Nix für mich?" fragte Paddy.
"Nein, sieht nicht so aus."
"Was soll ich heute Abend kochen?" fragte Maite. "Wie wär's denn mit Irish Stew?"
"Au ja, prima!" sagten alle.
Paddy rannte nach oben in sein Zimmer. Zum Glück war alles noch da. Paddy ließ sich auf sein Bett fallen. Endlich wieder ein eigenes Bett! Dann sprang er auf und stellte sich ans Fenster. Er sah hinaus auf die nächtliche Küste von Irland, bis Maite zum Essen rief.
"Wir müssen noch den Anrufbeantworter abhören!" sagte Angelo beim Essen. "Vielleicht ist ja sogar was Interessantes drauf."
Paddy stellte ihn an. Alle lauschten.
- "Maite, ich liebe dich total! Dein größter Fan!"
– "Angelo, ich finde dich echt super! Bis zum nächsten Konzert! Ich hab‘ dich lieb, deine Caro!"
– "Hey Leute! Hier ist Jimmy! Können wir uns irgendwann bald treffen? Ich rufe wieder an, wenn ihr zuhause seid! Ciao!"
"Na bitte!" sagte Angelo.
- "Kathy, wann kann ich Sean abholen? Ciao, Vincent."
"Der Kerl nervt!" fauchte Kathy.
- "Hallo, hier ist Henry. Ist mein Sohn Adam gut angekommen? Er soll mich bitte zurückrufen. Gruß, Henry."
- "Hi Kids, hier ist Papa. Alles klar? Bitte ruft mich sofort zurück!"
"Wer tut's?" fragte Joey, als keine Anrufe mehr kamen.
"Ich melde mich freiwillig!" sagte Barby.
"Ich muss meinen Vater auch anrufen!" meldete Adam.
"Klar, hier hast du ein Handy," meinte Paddy. "Schöne Grüße von uns allen."
Barby und Adam gingen telefonieren. Adam kam bald wieder, aber Barby telefonierte fast eine Stunde. Als sie wiederkam, waren ihre Wangen gerötet.
"Warum bist du denn so aufgeregt?" fragte Johnny. "Was hat er denn gesagt?"
"Was ganz Tolles!" Barby schnaufte. "Er will für uns ein Schloss in Deutschland kaufen!"
"Was, wirklich? Geil!" schrie Paddy.
"In Deutschland? Cool," meinte Patricia.
"Wo steht es denn?" wollte Adam wissen.
"Ich weiß nichts Genaueres."
"Nicht? Worüber habt ihr denn dann so lange geredet?" fragte Angelo.
"Na, über die Tour."
"Wann ruft er denn wieder an?" wollte Paddy wissen.
"Weiß net, jedenfalls kommt er morgen," sagte Barby.
"Ah, sag‘ das doch gleich!" meinte Maite.

Am nächsten Morgen klingelte es schon um sieben Uhr morgens, als die meisten Kellys gerade mal wach wurden.
"Seit wann kommt Vater denn so früh?" jammerte Kathy und band sich einen Turban um die nassen Haare. "Paddy, mach‘ doch mal bitte auf!"
Paddy schlurfte zur Tür und riss sie auf. Doch davor stand nicht Vater...
"Hallo Paddy!" sagte Vincent und trat ein. "Wo ist Kathy?"
Bevor Paddy antworten konnte, stand Kathy auch schon vor ihrem Noch-Ehemann – mit einem Handtuch um den Kopf und im Morgenmantel. Sie stemmte die Hände in die Hüften. "Guten Morgen. Was willst du so früh hier?"
"Warum so unfreundlich, liebste Kathy?" erkundigte Vincent sich unschuldig. "Ich möchte meinen Sohn abholen, wenn du das gestattest."
"Sean hat noch nicht einmal gefrühstückt!" entgegnete Kathy mit funkelnden Augen.
"Für eure ungeregelten Essenszeiten kann ich nichts!" erwiderte Vincent böse. "Komm, Sean!"
Sean erschien und sah schüchtern zwischen seinen Eltern hin und her.
Kathy gab ihrem fünfjährigen Sohn einen Kuss und fauchte Vincent an: "Wann bringst du ihn zurück?"
"Gegen acht. Ciao, Paddy." Vincent packte Sean an der Hand und weg waren sie.
"Ich hasse ihn!" fluchte Kathy. "Ich freu‘ mich auf den Scheidungstermin!"
"Mach‘ jetzt lieber deine Haare!" sagte Barby. Zu Paddy meinte sie: "Der wahre Leidtragende in dieser Geschichte ist Sean!" Paddy nickte.
Kurz darauf kam Vater Dan. Alle hatten ihn lange nicht gesehen. Erst ließ er sich Fotos von der Tour zeigen, dann kam die Sprache allmählich auf Schloss Gymnich bei Brühl, das zwangsversteigert wurde. Dan zeigte Fotos. "Ist es nicht wunderbar?" fragte er die Kinder. "Da würdet ihr euch doch sicher sehr wohlfühlen!"
"Es ist echt phantastisch!" sagte Patricia.
"Und so groß, und mit Schlossgraben!" staunte Johnny.
"Aber sehr, sehr teuer!" stellte Maite fest.
"Ich werde auf jeden Fall morgen zur Versteigerung gehen!" sagte Dan. "Ich möchte, dass Kathy mich begleitet. Sie ist eine clevere Geschäftsfrau!"
"Aber morgen besuchen wir Jimmy in Dublin!" sagte Joey besorgt.
"Er wird auf Kathy verzichten können!" sagte Vater. "Kathy soll mit mir kommen. Es geht um eure Zukunft!"
Das war einer von Dans Lieblingssätzen. Aber was sollten sie tun? Das Schloss war es bestimmt wert.
"Und was ist mit East Grove?" fragte Paddy.
"Na, East Grove behalten wir," sagte Angelo. "Denkst du, das geben wir jemals wieder her?"

 
Am nächsten Morgen fuhren sieben Kellys mit dem Bus nach Dublin. Kathy war schon früh morgens mit Vater nach Bonn gefahren, und Adam traf sich in Cork mit seinem Vater. Die anderen wollten Jimmy besuchen.
Paddy wusste nicht, ob er sich auf Jimmy freuen sollte. Er hatte ihn lange nicht mehr gesehen und vermisste ihn, aber andererseits war Jimmy freiwillig weggegangen und seine Geschwister mussten sich mit Adam trösten.
"Holen wir Jimmy von der Filmhochschule ab?" fragte Maite.
"Nein, nein, wir treffen uns in der Stadt mit ihm," sagte Patricia.
Nach einigen Stunden kamen sie in der Innenstadt an. Es dauerte lange, bis Johnny einen Parkplatz gefunden hatte. Sie trafen Jimmy vor einem Café.
"Jimmy!" kreischte Maite, als sie ihren Bruder erblickte. "Aber... deine Haare!"
Freundlich grinsend kam Jimmy ihnen entgegen. Seine Haare waren milimeterkurz abgeschnitten und grellblond gefärbt.
Jimmy umarmte alle zur Begrüßung. "Wie schön, euch alle wiederzusehen! Wo ist denn Kathy?"
"Sie ist mit Papa in Deutschland," erklärte Johnny. "Sie wollen ein Schloss kaufen."
"Wirklich? Das ist ja toll," meinte Jimmy. "Kommt, gehen wir doch in dieses Café."
Schnell gingen sie hinein und setzten sich an einen Tisch, um dort weiterzuquatschen. Doch schon kam ein Kellner auf sie zu und fragte: "Was möchten Sie trinken?"
Hätte er das doch nicht gefragt! Denn nun brach ein wahrer Kelly-Orkan über ihn los.
"Ich nehme einen Irish Coffee. Aber mit viel Alkohol."
"Ich will eine Limo. Ist da eigentlich Koffein dabei? Leute, weiß das einer?"
"Ich nehme einen Kaffee. Mit Zucker. Und Milch. Nee, ohne Milch."
"Und ich möchte einen Cappucchino."
"Da ist doch Sahne drin! Ich denke, du hasst Sahne!"
"Dann nehm‘ ich doch was anderes."
"Was nehme ich denn nur?"
"Also, ich hätte ja am liebsten alles."
"Was! Tee gibt's ja auch! Dann nehme ich eben grünen Tee. Also keinen Cappu, sondern Tee."
"Dann will ich auch lieber Irish Coffee."
"Ist im Kaffee Mokka drin?"
"Du Idiotin, Mokka ist da immer drin!"
"Ich will aber Limo ohne Eiswürfel!"
"John, krieg‘ ich auch was zu essen?"
"Nein, Maite, nicht hier."
"Ich hab‘ aber Hunger!"
"Bekomme ich drei Getränke?"
Verzweifelt sah der Kellner vom einen zum anderen. Johnny hatte zum Glück das beste Gedächtnis und bestellte für die anderen, und der Kellner rauschte erleichtert ab.
Als er die Getränke brachte, unterhielten sich die Geschwister schon wieder. Jimmy fragte nach der Tour, und die anderen fragten nach seinen Filmen. Paddy saß etwas ausgeschlossen daneben und nippte an seiner Limo. Irgendwie wollte er auch mit Jimmy reden, irgendwie aber auch wieder nicht. Und die neue Frisur sah ja echt bekloppt aus.
Nachdem sie das Café verlassen hatten, musste Jimmy sich auch schon wieder verabschieden. Er umarmte alle zum Abschied. Als er bei Paddy angekommen war, sagte er: "Paddy, ist irgendwas mit dir los? Du warst so schweigsam."
"Ich, ich..." stotterte Paddy unbeholfen.
Jimmy sah ihn aufmerksam an. "Du weißt doch, Paddy, dass du immer mit mir reden kannst. Schreib‘ mir doch mal einen Brief."
"Vielleicht, danke, Jimmy," flüsterte Paddy.

"Don't give up... ‘cause you have friends... Don't give up... ‘cause I believe... There's a place where we belong."
Paddy hatte die CD vor einigen Tagen im Keller gefunden. Sie war schon ziemlich alt, aber dieses Lied hatte es ihm angetan.
Heute Morgen war Kathys Scheidungstermin gewesen. Sie hatte Sean bekommen – und Vincent eine hohe Abfindungssumme.
"Und, wie fühlst du dich jetzt?" hatten die anderen Kellys beim Mittagessen gefragt.
"Super!" hatte Kathy gesagt. "Ich bin voller Tatendrang..."
Plötzlich sprang Paddy auf und rannte nach unten.
Kathy saß unten im Wohnzimmer, zusammen mit Patricia und John. Schon auf der Treppe hörte Paddy, dass da etwas nicht stimmte. Johnny und Kathy stritten sich heftig, immer begleitet von Patricias Schluchzern. Lauernd blieb Paddy auf der untersten Treppenstufe stehen.
"Das kannst du nicht machen!" fauchte Johnny. "Du zerstörst alles!"
"Gar nichts zerstöre ich!" schimpfte Kathy zurück. "Das ist ganz allein meine Privatangelegenheit, und ich bereue schon, dass ich es euch gesagt habe!"
"Natürlich, es hat doch auch was mit uns zu tun!" sagte John böse. "Unsere Gruppe leidet darunter! Und die Familie auch!"
"Bitte Kathy, überleg's dir doch noch mal!" weinte Patricia.
"Sie soll nichts überlegen, sie soll ihre Pläne aufgeben!" brüllte John.
"Das geht dich nichts an!" schrie Kathy. "Du hast mir gar nichts zu sagen."
"Gut!" meinte John. "Dann rufe ich jetzt Vater an, der wird dir deine Flausen schon austreiben!" Paddy hörte Schritte, und schon stand Johnny vor ihm. "Oh, hi Paddy. Stehst du schon lange hier?"
"Es geht," sagte Paddy leise. "Warum streitet ihr euch?"
"Was?" Überrascht sah Johnny ihn an. "Wir streiten uns doch gar nicht!"
"Aber..." fing Paddy an.
Patricia und Kathy kamen in den Flur, und Kathy sagte: "Aber Paddy, du hörst wohl Gespenster! Wir haben uns doch nicht gestritten!"
"Ach nee!" sagte Paddy. "Und warum bist du ganz außer Atem und warum heult Tricia?"
"Ich habe mir einen traurigen Liebesfilm angesehen!" sagte Patricia und versteckte ihr Gesicht schnell hinter einem Taschentuch.
"Ach!" knurrte Paddy. "Und dieser Film hat Johnny so berührt, dass er gleich Vater anrufen muss, oder
was?" Wütend drehte er sich auf dem Absatz um, rannte die Treppe hinauf in sein Zimmer und schmiss sich auf sein Bett. Er war total sauer.
Nicht weil sich die drei gestritten hatten. Aber die konnten das doch zugeben!
Es hätte doch gereicht, wenn sie gesagt hätten: "Schau Paddy, wir haben eine kleine Meinungsverschieden-heit, aber es ist nicht so wichtig, als ob wir dir davon erzählen müssten!"
Es hatte irgendwas mit Kathy zu tun. Sie wollte wohl irgendwas tun, was John und Patricia nicht recht war. Aber was? Paddy kam nicht drauf.

Die nächsten Tage vergingen recht ruhig, niemand stritt sich so richtig, höchstens über Kleinigkeiten. Johnny und Kathy sprachen nur noch das Nötigste miteinander, doch außer Paddy schien das niemandem aufzufallen. Adam war nur noch zum Schlafen im Schloss, ansonsten traf er sich jeden Tag mit seinem Vater Henry, und die anderen Kellys bekamen ihn kaum noch zu Gesicht.
"Wie soll man denn da ein Familienleben aufbauen, wenn der nur zu den Auftritten kommt, aber sonst nie da
ist?" knurrte Kathy.
"Hey komm, es wäre doch viel schlimmer, wenn er sich hier auf unsere Kosten durchfressen würde, aber nicht mit uns auftreten würde!" sagte Barby.
"So schlimm wär‘ das auch net. Er ist kein großer Gewinn für die Gruppe," meinte Paddy.
"Wie meinst du das? Er kann sehr gut singen!" sagte Barby.
"Was? Er hat uns noch nie vorgesungen, er singt immer nur mit uns im Chor. Vielleicht hat er in Wirklichkeit eine ganz scheußliche Stimme," meinte Kathy.
"Ist nicht wahr. Mir hat er schon vorgesungen, als wir allein in einem dunklen Zimmer waren," sagte Barby. "Er hat eine sehr schöne Stimme, er ist nur schüchtern."
"Na toll, dann bringt uns auch die schöne Stimme nix!" sagte Paddy.
In diesem Moment kam Angelo ins Zimmer. "Leute, Vater hat eben angerufen. Er will, dass wir bald anfangen, die neue Platte aufzunehmen."
"Au ja, darauf freue ich mich schon!" meinte Barby.
"Von mir aus könnten wir heute schon anfangen!" sagte Patricia.
"Nein, das können wir eben nicht," sagte Kathy.
"Warum denn nicht?" fragte Paddy. "Wir haben doch alle schon neue Songs geschrieben, zum Beispiel I Feel Love oder du You're Losing Me oder..."
"Es geht jetzt nicht!" sagte Kathy streng.
"Aber warum nicht, Käthe?" fragte Maite.
"Ich kann euch sagen warum!" fing Johnny höhnisch an. "Die liebe Kathy..."
"Sei du ruhig!" fauchte Kathy und rannte aus dem Zimmer. Verblüfft sahen ihr alle hinterher.
Joey rückte zu Johnny und zischte: "Sag‘ uns, was los ist!" Doch Johnny schüttelte nur den Kopf und sah aus dem Fenster.
"Kathy ist schon die ganze Zeit so komisch!" sagte Angelo.
"Hat es vielleicht was mit Jimmy zu tun?" fragte Barby vorsichtig. Patricia schüttelte den Kopf. "Ja, was denn dann?" fragte Joey wütend. Johnny öffnete schon den Mund, doch Patricia legte ihm den Finger auf die Lippen und mahnte: "Sie muss es euch selbst sagen!"
"Ach, seid ihr dumm!" Maite sprang auf. "Ich frage sie jetzt selbst!" Sie polterte die Treppe hinunter. Doch kaum eine Sekunde später stand sie schon wieder im Raum. "Sie telefoniert mit Vater!"
"Oh Gott!" wimmerte Patricia.
Schweigend warteten alle. Dann kam Kathy wieder. "Morgen kommt Vater," meinte sie triumphierend.
"Hast du's ihm gesagt?" fragte Johnny mürrisch.
"Nein, ich werde es ihm morgen sagen!" Stolz verließ Kathy das Zimmer.
"Das gibt eine Katastrophe!" schluchzte Patricia.

"Hallo Vater, schön, dich zu sehen!" sagte Kathy fröhlich.
Erstaunt musterte Dan seine Kinder. "Warum musste ich so plötzlich kommen? Ist etwas passiert?"
Paddy hatte den ganzen Morgen über schon das Gefühl, dass etwas Bedrohliches in der Luft lag. Adam war schon im Morgengrauen verschwunden, und inzwischen schienen auch Angelo und Maite Bescheid über Kathys Pläne zu wissen. Nur das dumme Paddylein wusste wieder nichts. Er war älter als die beiden, verdammt noch mal, was sollte der Scheiß?
"Komm doch erst mal rein, Vater. Der Kaffee ist gerade fertig," sagte Kathy.
Sie gingen alle ins Esszimmer und setzten sich an den großen Tisch. Maite servierte mit ernstem Gesicht den Kaffee.
Dan nahm einen tiefen Schluck. "Nun erzählt doch mal! Was ist los?"
"Das kann dir wohl Kathy am Besten erzählen!" sagte Johnny bissig.
Dan warf Kathy einen aufmunternden Blick zu. Die gab sich einen Ruck. "Also, Vater," begann sie zögernd, "du hast immer gesagt, dass ich die beste Stimme von allen deinen Töchtern habe..."
Dan wand sich nervös unter Maites wütenden Blicken. "Gut, gut! Und weiter?"
"Nun, dieser Meinung sind auch andere Leute..."
"Und weiter?" fragte Dan.
"Kurz gesagt: Ich habe keine Zeit, mit meinen Geschwistern eine neue Kelly Family – Platte aufzunehmen. Ich werde ein Soloalbum veröffentlichen!" Stolz blickte Kathy um sich.
Alle am Tisch schnappten nach Luft. Paddy fühlte sich wie erschlagen. "Das kannst du doch nicht machen!" schrie er. "Ich hab‘ euch doch gesagt, sie spinnt!" schrie Johnny. "Aber wirklich!" brüllte Maite. Und plötzlich schrien alle durcheinander.
"RRRRRRRRRUUUUUUUUUUHHEEEEE!" brüllte Vater. Erschrocken schwiegen alle. Böse starrte Dan von einem zum anderen. "Ist das dein Ernst?" erkundigte er sich.
"Mein voller Ernst." Kathy nickte.
"Aber... aber das ist gemein!" zischte Joey. "Dann will ich auch ein Soloalbum aufnehmen!" "Ich auch, ich auch!" schrien einige andere.
Angelo fing an zu weinen. "Ihr seid alle so gemein! Macht doch gleich alle Soloalben, dann trennen wir uns doch gleich! Hat doch alles keinen Sinn, wir sind doch gar keine Familie mehr! Jimmy ist schon gegangen, geht ihr doch auch alle!" Barby nahm Angelo die Brille ab, die von Tränen ganz beschlagen war. Paddy rückte zu seinem kleinen Bruder und nahm ihn in den Arm. "Jetzt hört doch auf!" fuhr er die anderen an. "Seht ihr nicht, wie schlecht es Angelo geht? Er heult, Mann!"
Dan stand auf und lief im Zimmer hin und her. "Ich bin sehr böse auf euch!" fing er schließlich an. "Ihr seid schon richtige Konsumkids geworden! Bah!" Dan schüttelte sich. "Ihr wisst gar nicht mehr, was es heißt, eine Familie zu sein!"
Nun fingen auch Patricia und Maite an zu heulen. Dan sah stur zum Fenster hinaus.
"So sag‘ doch was, Vater!" bettelte Johnny.
"So kann es nicht weitergehen!" sagte Dan düster. "Hier wird keiner ein Soloalbum aufnehmen! Ihr kümmert euch um eure Platte und werdet wieder zusammenwachsen, wie früher! Ohne Konsumterror von außen. Ich werde euch an einen abgeschiedenen Platz bringen. Keine BRAVOS, keine Interviews, keine Auftritte. Nur ihr und eure Platte."
Alle schwiegen wie vom Donner gerührt.
"Morgen fahre ich euch weg!" sagte der Vater. "Und ich hole euch erst wieder, wenn das Album fertig aufgenommen ist!" Mit diesen Worten ging er. Die Tür schlug zu, und die Kellys hörten sein Auto wegfahren.

"Glaubst du, Vater bringt uns wirklich weg?" fragte Paddy leise.
"Darauf kannst du Gift nehmen!" meinte Angelo düster.
Die beiden saßen auf der Mauer vor ihrem Garten und starrten auf die Landstraße. Patricia harkte im Garten, und Kathy saß mit Sean auf einer Decke.
"Aber das kann Papa doch nicht machen!" fing Paddy wieder an. "Er kann uns doch nicht einfach irgendwo einsperren, bis wir ein Top-Album abliefern! Das geht doch..."
"Jetzt sei doch endlich emol still!" unterbrach Angelo ihn wütend.
Paddy wunderte sich, dass er gar nicht richtig sauer wurde. Zu groß war die Angst, dass Vater sie wirklich wegbringen würde.
John betrat den Garten, zusammen mit Adam. "Leute, habt ihr schon eure Koffer gepackt? Vater will um elf hier sein!"
"Ich wünschte, wir könnten wieder auspacken!" murmelte Paddy.
"Was ist eigentlich mit Jimmy, kommt er jetzt mit?" rief Patricia von weitem.
"Ich hab‘ angerufen, aber bei ihm hebt keiner ab!" knurrte John.
"Dann musst du mitkommen, Adam!" sagte Patricia.
"Nein!" wehrte Adam erschrocken ab. "Es war abgemacht, dass ich nur mit auf die Bühne gehe, nicht ins Studio!"
"Studio? Wer weiß, wo der uns hinbringt!" knurrte Paddy.
In diesem Moment wirbelte Staub auf, und Vater Dan kam die Landstraße entlanggebraust.
"Shit! Er kommt im Bus. Er tut es wirklich," flüsterte Kathy.
Dan kletterte aus dem Bus. "Hallo Kinder. Holt eure Koffer. Wir haben nicht viel Zeit!"
Angelo und Paddy sprangen ängstlich von der Mauer und rannten ins Schloss. Dort trafen sie auf Joey. "Vater ist gekommen," zischte Paddy. Joey sah stirnrunzelnd auf Paddys Beine. "Sag‘ mal, willst du dich nicht vorher noch umziehen?"
"Wenn ich nicht im Rock gehen darf, haue ich ab!" fauchte Paddy.
Vater wartete in der Eingangshalle auf die Kinder, die ihre Koffer herschleppten. "Sehr gut. Und jetzt Kofferkontrolle!" Er öffnete Angelos Koffer und holte einen Game Boy heraus. "Nein, nein. Das bleibt schön zuhause!"
Angelo schnappte empört nach Luft, brachte den Game Boy aber schweigend weg.
Nachdem Dan alle Koffer durchsucht hatte, fragte er: "Und wo ist Jimmy?"
"Wir konnten ihn nicht erreichen!" erklärte Maite.
"Na toll!" fauchte Dan. "Versucht es gefälligst nochmal!"
Mit zitternden Fingern nahm Maite den Telefonhörer auf und rief in Jimmys Wohnung an. Doch niemand hob ab.
"Ich werde ihn schon noch schnappen!" drohte Dan. "Nun steigt erst mal ein, ich fahre zum Flughafen in Dublin."
"Oh Gott, Vater, wo fliegen wir denn hin?" fragte Paddy angsterfüllt.
"Du hast nichts zu fragen!" schnitt Dan ihm das Wort ab. "Kathy, hol‘ Sean, ihr anderen steigt ein! Adam, du kannst in der Zeit natürlich hier wohnen bleiben. Aufräumen brauchst du nicht, und bedien‘ dich ruhig aus dem Kühlschrank!"
"Oh Gott!" flüsterte Paddy.

In Dublin angekommen holte Dan für alle die Flugkarten. "Oh nein!" wimmerte Johnny, als er einen Blick darauf geworfen hatte. "Wir fliegen nach London! Vater, was hast du nur mit uns vor?"
"Still jetzt!" befahl Vater Dan. "Wir fliegen nach London, von dort aus aufs Festland, und dann fahren wir mit dem Bus weiter. Ihr werdet nicht in England bleiben."
"Aber nicht nach Holland. Bitte nicht nach Holland!" flehte Barby.
"Wir fahren nicht nach Holland. So, und jetzt gebe ich keine Auskünfte mehr. Joey, versuch‘ nochmal, Jimmy anzurufen!" sagte Vater.
Joey telefonierte auf seinem Handy, doch Jimmy war nicht erreichbar. "Der Glückliche!" maulte Angelo.
"Sobald ich euch abgeliefert habe, werde ich Jimmy nachholen!" versprach Dan drohend. "Und jetzt auf zur Passkontrolle!"
Doch bei der Passkontrolle gab es natürlich wieder Probleme. Der Beamte sah stirnrunzelnd auf Paddys Haare und Kleider und dann auf seinen Pass. "Aber... Patrick Kelly... das verstehe ich nicht..."
"Mann, Sie arbeiten in Dublin, haben Sie noch nie einen Mann im Schottenrock gesehen?" fauchte Paddy.
"Ist ja gut!" knurrte der Beamte und winkte ihn durch.
Wenig später saßen acht verheulte Kelly-Kinder in der Maschine nach London.
"Nun weint mal nicht!" versuchte Dan sie zu trösten. "Wenn ihr mit der neuen Platte fertig seid, bekommt ihr auch Schloss Gymnich dafür. Ich habe es ersteigert!"
Das war ja wenigstens mal eine gute Nachricht. Paddy begann wieder etwas Mut zu schöpfen. Doch kaum waren sie am Flughafen London Heathrow angekommen, war alles wieder vorbei. Dort herrschte soviel Lärm und Trubel, dass die Kellys sich bald verloren. Sean rannte kreischend weg, gefolgt von Kathy, die ihn einfangen wollte. Patricia und Barby klammerten sich an einen Pfosten in der Eingangshalle, um nicht mitgerissen zu werden. "Alle zu mir!" brüllte Dan.
Paddy fand sich plötzlich inmitten einer Gruppe von Japanern wieder. Er versuchte, Vater Dan und die Geschwister wiederzufinden, doch sie waren von der Menge verschluckt worden. Nachdenklich nahm Paddy seinen Koffer und zog ihn in eine ruhige Ecke. Dort setzte er sich auf den Koffer und überlegte, was er jetzt machen sollte.
"Na, Paddy!" Maite stand plötzlich vor ihm.
"Wo sind die anderen?" fragte Paddy.
"Das interessiert mich nicht!" fauchte sich plötzlich. "Ich lasse mir von Vater nichts mehr vorschreiben! Ich bin fast 19 und habe es satt, mich von ihm herumkommandieren zu lassen! Ich gehe nicht mit euch! Ich fliege allein weg, weg von Vater!"
"Wie?" Paddy bekam den Schock seines Lebens. "Aber Maite, das kannst du doch net machen! Vor ein paar Tagen hast du noch über Kathy geschimpft, weil sie ihr eigenes Ding machen wollte, und jetzt bist du kein bisschen besser!"
"Ich habe meine Meinung eben geändert." Maite sah auf einmal ganz ernst aus. Sie griff in die Tasche ihres Anoraks und zog ein Flugticket heraus. "Schau, Paddy, ich habe schon eins gekauft. Ich fliege nach Spanien. Stell‘ dir nur vor, wie schön es dort sein wird. Ich kann tun und lassen, was ich will. Willst du nicht mitkommen?" flüsterte sie.
Paddy zögerte kurz. Dann schüttelte er den Kopf.
"Wie du willst." Maite warf ihm eine Kusshand zu, dann nahm sie ihren Koffer und wackelte eilig auf den Zoll zu. Paddy sah ihr wie gebannt nach.
"Paddy!" Patricia kam auf ihn zugestürmt. "Da bist du ja! Wir haben dich schon überall gesucht!" Sie führte ihn zurück zu den anderen. "Jetzt fehlen nur noch Maite und Joey!" stellte Vater Dan fest.
Joey fanden sie schnell, er stritt mit einem prallen Österreicher, der aus Versehen seinen Koffer mitgenommen hatte. "So, jetzt sind wir fast komplett!" meinte Kathy und drückte Sean an sich. "Aber wo bleibt nur Maite?"
Nun musste Paddy sein Schweigen brechen. "Maite will nicht mitkommen," gestand er zögernd. "Sie will nach Spanien fliegen."
"Waaaaaaaas?" schrien alle.
"Dieses Kind ist unmöglich!" fauchte Dan.
"Was sollen wir nur tun?" fragte Johnny. Verzweifelt wandte er sich an einen Flughafenarbeiter. "Entschuldigung, wann geht die nächste Maschine nach Spanien?"
Der Arbeiter wies auf das große Glasfenster, durch das man gerade ein Flugzeug in den Himmel aufsteigen sah. "Da fliegt sie."


Sie flogen nach Frankreich. Dan hatte, nachdem er Maite genügend verflucht hatte, einen Bus gemietet und war mit den Kindern aufgebrochen. Sie wussten immer noch nicht, wo die Reise denn nun hinging. Dan fuhr, hörte dabei Volksmusik und wollte nichts gefragt werden. Die anderen saßen hinten im Auto und waren verzweifelt.
"Maite hat das einzig Richtige getan," klagte Angelo. "Sie ist rechtzeitig abgehauen!"
"Wären wir doch nur mitgegangen!" jammerte Joey. "Paddy, du warst so dumm, warum hast du uns nicht Bescheid gesagt?"
"Maite liegt jetzt bestimmt schon in der Sonne, während wir im Studio eingesperrt werden!" seufzte Patty.
"Wo sind wir eigentlich?" fragte Angelo plötzlich.
Barby sah aus dem Fenster. "Oh! Da war eben ein Schild, auf dem irgendwas mit Paris stand!"
"Wenn wir in Frankreich bleiben, das geht ja noch!" meinte Joey.
"Vielleicht fahren wir ja hier nur durch," meinte Paddy.
"Vater fragen wir lieber nicht, der dreht sonst noch durch," sagte John. "Wer spielt mit Karten?"
Also spielten sie eine Weile, bis das Auto plötzlich stoppte und Vater Dan nach hinten zu ihnen kam. "Wir sind bald da, und ich sollte euch jetzt mal erklären, was euch erwartet!"
"Genau, Vater, das wäre mal angebracht," sagte Joey.
Vater ignorierte dies und begann: "Also, meine Freundin hat eine Kollegin, und deren Bruder hat eine Verlobte, und deren Eltern haben ein kleines Tonstudio auf einer Insel in der Nähe von Paris. Dort bringe ich euch jetzt hin, dort könnt ihr eure Platte ohne Druck von außen aufnehmen. Na, wie findet ihr das?" Dan sah die Kids erwartungsvoll an.
"Uns schwirrt der Kopf," gab John zu.
"In einer Stunde sind wir da," sagte Dan und ging wieder nach vorne. Der Bus rollte weiter.
"Wir auf einer Insel mit einem älteren Ehepaar? Ob das gutgeht?" fragte Kathy in die Runde.
"Was ist, wenn die nur Volksmusik hören?" jammerte Angelo.
"Gibt's auf der Insel überhaupt Strom?" überlegte Joey.
So steigerten sie sich gegenseitig immer weiter hinein und kamen schließlich zu dem Schluss, Dan wollte sie auf eine einsame Insel zu mordenden Greisen bringen.
Nach etwa einer Stunde parkte Dan den Bus am Rande der Seine und zeigte den Kindern die Insel. Paddy musste zugeben, dass sie gar nicht so schlimm aussah, wie er gedacht hatte. Soweit man sehen konnte, war die Insel gut zugewachsen.
"Wir müssen mit dem Boot hinüberfahren!" verkündete Dan und zeigte auf einen hölzernen halbkaputten Kahn. "Johnny und Joey, ihr rudert!"
Doch dazu kam es gar nicht, denn als die Kellys mit ihren schweren Koffern den Kahn bestiegen, ging er fast unter. Kreischend retteten sich die Kellys an Land.
"Maite hat uns großzügig ihren zweiten Koffer dagelassen, und jetzt brauchen wir den ja nicht mehr!" meinte Dan bissig und versenkte Maites Koffer in der Seine.
"Wenn Vater sauer auf wen ist, wird er echt unberechenbar," flüsterte Barby Paddy zu. Doch nun klappte die Überfahrt, und wenige Minuten später standen die Kellys am Ufer der Insel.
"Warum werden wir nicht abgeholt?" fragte Dan verärgert und brüllte: "Hattie! Mick! Wo seid ihr?"
Die Büsche bogen sich auseinander, und ein älteres Ehepaar erschien. "Da seid ihr ja!" riefen die beiden fröhlich, und die Frau schloss Angelo gleich in die Arme.
"Kinder, das sind Mick und Hattie Lupo," stellte Dan sie vor. "Hattie und Mick, das sind meine Kinder Angelo, Barby, Paddy, Patricia, John, Joey, Kathy und ihr Sohn Sean!"
Paddy konnte Hattie und Mick gleich gut leiden. Die beiden trugen T-Shirts und kurze Hosen, denn auf der Insel war es recht warm. "Kommt schnell ins Haus, das Essen ist schon fertig," sagte Hattie und hakte Paddy und Barby unter.
Schnell durchquerten die elf die dicht bewachsene Insel. Plötzlich standen sie auf einer Lichtung vor einem niedlichen Schwarzwaldhäusel.
"Ach wie niedlich!" flüsterte Joey.
"Gefällt es euch?" fragte Mick. "Das ist unsere kleine Pension. Im Augenblick haben wir aber keine Gäste außer euch. Hoffentlich macht es euch nichts aus, wenn ihr euch jeweils zu zweit ein Zimmer teilen müsst."
"Ach, das wird schon gehen," meinte Patricia.
"Jetzt kommt schnell rein, das Essen ist schon fertig," sagte Hattie.
Sie führte die Kellys in das große Zimmer im Erdgeschoß. Der Tisch war fast so groß wie der Tisch der Kellys in Irland. Hattie servierte einen großen Topf.
"Was gibt's denn?" wagte Paddy zu fragen.
Hattie hob den Deckel des Topfes hoch, und Paddy schaute hinein. Hhhmm! Erbsensuppe! Paddy strahlte.

"Hat's geschmeckt?" fragte Mick.
"Äh, ja, super!" beeilte Paddy sich zu sagen.
"Darf ich dir noch was geben?" fragte Hattie.
"Au ja, okay."
Hattie schöpfte ihm nach und sagte lächelnd zu Dan: "Nette Kinder hast du!"
"Mhm, ja." Dan grinste.
"Ihr seid also gekommen, weil ihr hier eine Platte aufnehmen wollt," begann Mick.
"Genau," sagte Johnny.
"Gut. Das Studio ist im Keller," sagte Hattie. "Aber Moment mal: fehlen denn da nicht zwei?"
"Doch. Aber die kommen noch." Dan trank einen tiefen Schluck Wein. "Ich werde jetzt gleich zurück nach London fliegen und mich dort mit Silvia treffen, um ihr Bescheid zu sagen, dass sie zu Jimmy fahren und ihn holen soll. Ich fliege in der Zeit nach Spanien und hole Maite."
"Alles heute noch, Vater?" fragte Kathy entsetzt. "Es ist doch schon dunkel..."
"Natürlich noch heute!" erwiderte Dan gereizt. "Frag‘ doch nicht so dumm!" Er stand auf.
"Mick wird dich mit dem Boot ans Festland fahren," meinte Hattie.
"Noch etwas, Hattie," bat Dan. "Die Kinder sollen hier abgeschieden von der restlichen Welt sein. Sie sollen, wenn möglich, die Insel nicht verlassen und auch keine Telefonanrufe entgegennehmen. Ich werde sie so bald wie möglich besuchen und auch Maite und Jimmy mitbringen."
"Von mir aus," sagte Hattie.
Dann verabschiedete sich der Vater von allen. "Macht mir keine Schande, Kinder!Ihr werdet das beste Album eurer Karriere abliefern! Bis bald!"
Mick und Angelo fuhren Dan mit dem Boot ans Festland, und die anderen halfen Hattie beim Tischabdecken und Geschirrspülen. Sie war sehr zufrieden. "Ihr seid wirklich tüchtig! Ich habe übrigens noch nie ein Lied von euch gehört, nur früher die deutschen Volkslieder! Singt ihr nur sowas?"
Das konnten die Kellys natürlich nicht auf sich sitzen lassen! Und so brachten sie schnell eine A-Cappella-Rap-Version von One More Freaking Dollar. Hattie war ehrlich beeindruckt. "Das klingt ja ganz toll."
Als Angelo und Mick zurückwaren, erklärte Hattie ihnen die Zimmeraufteilung: "Wir haben zwei Zimmer im Keller und drei im Obergeschoß. Ihr müsst euch jeweils zu zweit aufteilen."
Kathy ging natürlich mit Sean zusammen, Paddy ging mit Barby zusammen, Patricia mit Johnny und Angelo und Joey nahmen das Zimmer im Keller. Das zweite Kellerzimmer blieb leer. Maite und Jimmy waren ja noch nicht da!
Mick sah auf die Uhr. "Dann solltet ihr vielleicht jetzt mal ins Bett gehen, es ist schon nach zehn. Ich zeige euch jetzt noch das Bad, wenn ihr heute Nacht irgendwas habt, kommt ihr runter, wir schlafen im Erdgeschoß."
Das Zimmer von Paddy und Barby war wirklich süß. Es standen nur zwei Betten, ein Schrank, ein Tisch, ein Stuhl und ein Spiegel darin. Barby fing als erstes an, ihren Koffer auszupacken. Paddy ließ sich ausgepowert auf sein Bett fallen.
"Ist was?" fragte Barby.
"Ich bin nur müde. Und ich muss immer an Maiti denken und dass sie jetzt ganz allein in Spanien rumhängt."
"Sie hat es ja so gewollt." Barby schlüpfte in ihren Schlafanzug. "Gehst du zuerst ins Bad oder ich?"
"Bin zu müde," jammerte Paddy und kroch unter die Decke. "Duschen fällt aus und meine Zähne putze ich mir heute auch nicht." Er warf sein Hemd und den Schottenrock unter der Decke hervor.
"Selbst Schuld!" Barby ging ins Bad, dann sagte sie ihrem Bruder "Gute Nacht!" und kroch selbst ins Bett. Bald waren nur noch ihre gleichmäßigen Atemzüge zu hören.
Paddy schlief auch bald ein. Sein letzter Gedanke war: Wie konnte ich nur denken, hier würde uns etwas Schlimmes erwarten!

Paddy wurde davon geweckt, dass sachte an die Tür geklopft wurde und eine männliche Stimme – wahrscheinlich war es Mick – rief: "Zeit zum Aufstehen!"
"Mmmh," maulte Paddy nur und zog sich die Decke über den Kopf. Barbie gähnte und sprang aus dem Bett. "Komm Paddy, steh‘ auf!" Doch Paddy war schon fast wieder eingeschlafen und gab keine Antwort. Barby zog ihm nun einfach die Decke weg.
"Neeeeiiiin!" schrie Paddy jämmerlich. "Ich bin doch noch soooo müde!"
"Pech!" sagte Barby nur. "Komm jetzt, wir haben heute viel vor!"
"Wie spät ist es denn?"
"Acht Uhr."
"Aaah!" jaulte Paddy. Doch Barby war unerbittlich. "Los, zieh‘ dich an." Sie hob den Schottenrock vom Boden auf und ließ ihn über Paddys Nase baumeln.
"Nicht das!" knurrte Paddy und stand endlich auf, um Klamotten aus dem Koffer zu holen.
Schnell hüpfte er unter die Dusche und zog dann seine Lieblingslederhose an. Dann ging Paddy nach unten ins Esszimmer, wo die anderen schon am Tisch saßen.
"Guten Morgen, Paddy!" sagte Hattie freundlich. "Was möchtest du trinken?"
"Kaba, wenn's geht. Danke."
Mick wies auf Paddys Hose. "So eine Lederhose hatte ich früher auch mal. Die müsste dir jetzt passen. Ich glaube, sie liegt auf dem Speicher. Ich muss doch wirklich mal gucken."
Paddy setzte sich, und Hattie strich ihm ein dickes Brot mit Erdbeermarmelade. Paddy biss herzhaft hinein.
Plötzlich ging die Tür auf. Die Tischrunde erschrak. Und wer erschien? Vater mit Maite!
"Vater?" schrie Angelo.
"Maite!" rief Joey überrascht.
Dan grinste. "Da habt ihr sie wieder." Maite lächelte sich schüchtern und setzte sich an den Tisch.
"Endlich bist du wieder da!" sagte Barby. Maite grinste nur gequält.
"Wie war es denn in Spanien?" fragte Angelo.
"Ich war gar nicht in Spanien," sagte Maite zaghaft.
"Nicht?"
Und dann erzählte Maite ihnen die ganze Geschichte. Sie hatte sich ein Ticket nach Barcelona gekauft und wollte auch dorthin fliegen. Doch sie kam nicht durch den Zoll, denn sie hatte soviele Süßigkeiten in ihrer Anoraktasche versteckt, dass sie nicht fliegen durfte. Und bis sie alles entsorgt bzw. aufgefuttert hatte, war der Flieger bereits weg und ihr kotzübel. Ihre Geschwister waren auch schon weg. Also war Maite nichts anderes übriggeblieben, als auf dem Flughafen zu übernachten – mit Todesangst natürlich. Als sie am nächsten Morgen aufgewacht war, hatte sie am Ticketschalter plötzlich ihren Vater erblickt. Sie rannte schnell zu ihm, bevor er sich ein Ticket für Spanien holen konnte. Dan hatte sie dann sofort hierher verfrachtet.
"Ist ja echt filmreif!" stöhnte Angelo.
"Nie wieder laufe ich weg!" versicherte Maite. Hattie strich ihr schnell ein Brot und fragte Dan: "Möchtest du auch einen Kaba?"
Dan winkte ab. "Nein, ich muss sofort weiter nach Dublin, um euren Bruder auch noch hierherzuzitieren. Denkt an eure Mission, Kinder!"
Als Dan wieder weg war, fragte Patricia: "Dürfen wir ein bisschen über die Insel laufen?"
"Na, ich weiß nicht," meinte Mick. "Eigentlich hat euer Vater ja gesagt, dass ihr mit dem neuen Album anfangen sollt..."
Hattie kam herbei und schlug einen Kompromiss vor. "Man kann die Kinder ja hier nicht einsperren! Machen wir es doch so: Den Vormittag über erkundet ihr die Insel, und am Nachmittag fangt ihr mit den Aufnahmen an. Ich muss euch aber enttäuschen: die Insel ist nicht so groß, wie sie aussieht, in zehn Minuten seid ihr drüber!"
Na ja, etwas länger dauerte es dann doch, bis sich die Kellys durch das dichte Gestrüpp gekämpft hatten. Hinter dem Haus war eine Mauer, ansonsten sah die Insel überall gleich aus: viel Grünzeug, aber irgendwie cool.
"Dürfen wir Fußball spielen, oder geht das irgendwie gegen Vaters Prinzip?" fragte Joey.
"Ich glaube, das ist gerade noch so erlaubt!" sagte Mick lachend, der gerade aus dem Fenster schaute.
Also spielten sie Fußball, die Jungs gegen die Mädchen. Dank der Torhüterin Maite gewannen immer die Damen. Nach 3: 1 hatten Johnny, Paddy und Angelo keine Lust mehr und hockten sich auf die Mauer.
"Ihr könnt nur nicht verlieren!" ärgerte Kathy sie.
Johnny summte ein Lied vor sich hin. "Was summst du da?" fragte Paddy ihn.
"Mein neues Lied," sagte Johnny. "Es heißt I Really Love You."
"Aha," sagte Angelo.
"Was macht dein Song?" fragte Johnny ihn.
"Ach scheiße, frag‘ doch nicht!" sagte Angelo. "Es klappt nicht."
Johnny stand auf. "Ich muss mich ein bisschen unter die Bäume legen, dann komme ich auf gute Ideen!" Er ging weg. "Dieser Softie!" kicherte Angelo. Er begann nun auch zu summen.
"Wie spät ist es?" schrie Paddy.
"Dreiviertel zwölf!" gröhlte Sean aus einer Ecke.
"Ich hab‘ Hunger!" sagte Paddy zu Angelo. "Sollen wir mal gucken, ob Hattie schon mit dem Essen fertig
ist?"
"Von mir aus."
Paddy sprang von der Mauer. "Okay, dann geh'n wir. Komm, Lino."
Angelo und Paddy gingen ins Haus. Hattie stand am Herd. "Hi!" sagte Paddy und betrat die Küche. "Stören wir?"
"Nein, nein," winkte Hattie ab. "Ich bin schon fertig."
"Was machst du denn?" fragte Paddy neugierig.
"Das sind Liwanzl," sagte Hattie und trug einen Teller zum Tisch. "Probier‘ mal!"
Verwundert sah Paddy auf die dicken pfannkuchenähnlichen Teigstücke. Dann überwand er sich und steckte eins davon in den Mund. "Mmh, das schmeckt ja klasse! Wie nennt man das? Liwa- was?"
"Liwanzl," klärte Hattie ihn auf. "Eine böhmische Spezialität. Ich bin von dort. So, jetzt könnt ihr mal die anderen zum Essen holen!"
Gemeinsam setzten sich alle an den Tisch und aßen. Auch den anderen schmeckten die Liwanzl sehr gut. Maite und Paddy konnten sich gar nicht satt daran essen. Als sie gerade fertig wurden, rief Vater Dan an. Er war jetzt in Dublin, hatte Jimmy aber noch nicht erreicht.
"So, jetzt sollten wir mal mit den Aufnahmen zu dem neuen Album anfangen," meinte Angelo schließlich.
"Ein lobenswerter Vorschlag," sagte Mick. "Ich schließe euch das Studio auf."
Sie gingen alle in den Keller, und Mick brachte sie in den Raum, der als Aufnahmestudio diente. Es war sehr klein, aber gemütlich. Alle Arten von Instrumenten waren darin zu finden, und neben dem Schlagzeug stand ein Sofa.
Mick ließ sie allein, und die Kelly-Geschwister hockten sich auf den Teppichboden und auf das Sofa, um zu beratschlagen.
"Ich bin dafür, dass wir zuerst You're Losing Me aufnehmen. Diesen Song haben wir so oft live gespielt, das geht schnell," meinte Paddy fachmännisch.
Alle waren einverstanden, und so gingen sie an ihre Instrumente und begannen den Song, bei dem Kathy die Leadstimme sang, aufzunehmen. Wie erwartet, klappte es ganz gut. Kathy sang mit sehr viel Power den Song, den sie über ihre Ehe mit Vincent geschrieben hatte. So war es ja auch gekommen: er hatte sie verloren.
Sean machte eine Menge Lärm. Sie sperrten ihn hinaus, woraufhin er bitterlich zu weinen anfing. Mick nahm ihn mit nach oben und tröstete ihn mit Bonbons.
"Der Song ist echt geil," sagte Angelo, als das Lied im Kasten war. "Du brauchst doch gar kein Soloalbum aufzunehmen, du kannst doch auch bei uns Solo-Songs singen!"
"Na ja," sagte Kathy, "es ist halt nicht das Gleiche. Aber ich will ja Vater nicht enttäuschen."
Ist das dein einziger Grund? Blöde Kuh! dachte Paddy.
Als sie sich gerade das Resultat anhörten, kam Hattie mit Keksen in den Keller. Sie hörte sich die Ballade an und war wie verzaubert. "Ihr singt ja wirklich wie die Engel! Jetzt habt ihr euch eine Belohnung verdient."
Während die Kellys die Kekse aßen, überlegten sie sich, welchen Song sie nun aufnehmen sollten.
"Wie wäre es denn mit I Feel Love?" fragte Maite.
"Nein!" entfuhr es Paddy.
"Aber warum net? Der Song ist so gut wie fertig!" meinte John.
"Und wir MÜSSEN Lieder aufnehmen!" sagte Angelo.
Paddy sagte nur immer wieder "Nein" . Er konnte seinen Geschwistern nicht erklären, warum. Aber irgend etwas in seinem Herzen sagte ihm: Nein, Paddy. Warte noch.
"Dann halt nicht, du Blödmann!" sagte Joey beleidigt.
"Aber was machen wir denn dann?" fragte Kathy verzweifelt. "Wir haben noch keine anderen fertigen Songs, oder?"
Johnny druckste eine Weile herum, doch dann sagte er: "Okay. I Really Love You ist auch fertig."
"Hey, das ist ja super!" schrie Maite und schlug ihm auf den Rücken. "Zeig‘ mal den Text her!"
Schnell holte John den Text und alle lasen ihn durch. Es war ein schönes Lied, auch wenn Paddy sich über den wenig einfallsreichen Text totlachte.
"Ein sehr schöner Song," meinte Barby.
"Aber der spanische Text ist so schwer! Ihr wisst alle, dass ich eine Scheiß-Aussprache habe!" jammerte Angelo.
"Bist du dumm? Den spanischen Text sing‘ ich allein. Jetzt geh‘ an dein Schlagzeug, wir nehmen es gleich
auf!" sagte Johnny.
So konnte das natürlich nicht klappen. Nach einigen Sätzen brach Johnny wütend ab. "Angelo, nicht so ein harter Rhythmus! Patricia, du musst lauter spielen, man hört dich nicht! Joey, nimm‘ du lieber die andere Gitarre!"
"Mach‘ doch grad alles selbst!" giftete Joey.
Also alles nochmal. Als Johnny anfing zu singen: "I really love you, I really love you, I really love you again. I really love you, I really love you..." , musste Paddy sich echt das Lachen verbeißen. Glaubte John etwa, der Text wäre sonderlich originell? Aber da er wusste, dass John schnell beleidigt war, sagte er nichts. Dafür fing Maite beim Gruppengesang plötzlich an, kreischend zu lachen.
"Was ist denn jetzt schon wieder?" fragte Kathy sauer.
Kichernd zeigte Maite auf ihren Bruder. "Paddy macht immer die Augen zu beim Singen. Das sieht so doof aus, ich lach‘ mich kaputt!"
"Reiß‘ dich gefälligst zusammen!" schrie Johnny.
Sie probierten es ein drittes Mal, doch schon nach wenigen Takten brach Johnny erneut ab. "Barby, tu‘ nicht so, als ob du keine Bongos spielen könntest! Die Einzigen, die hier ihre Instrumente beherrschen, sind Angelo und ich! Ihr macht das mit Absicht, ich weiß das!"
"Quatsch!" sagte Kathy grob.
John schluchzte auf und setzte sich aufs Sofa.
"Darf ich mir schnell oben eine Limo holen?" fragte Maite.
"Nein," schluchzte Johnny.
Es war eine blöde Situation, keiner wusste, was er sagen sollte. Paddy setzte sich schließlich auf den Boden, legte den Kopf auf das Sofa und murmelte vor sich hin: "Lee-Wann-Sell!"
"Was babbelst du da?" fragte Johnny.
"Na, das Wort da. Das, was wir heute zu Mittag gegessen haben. Lee-Wan-Sel! Shit, ich kann das nicht aussprechen!"
Johnny fing schallend an zu lachen. Erleichtert lachten alle mit.
"Können wir weitermachen?" fragte Kathy hoffnungsvoll.
Sie konnten. Keiner lachte, keiner sang falsch, alle spielten ihre Instrumente richtig. Johnny war hochzufrieden mit dem Ergebnis, und die Geschwister auch.
"Wenn der Rest der Platte auch so geil wird, haben wir doch schon fast gewonnen!" meinte Maite optimistisch.
"Genau, dann können wir schon bald wieder nach Hause!" sagte Angelo.
Überrascht sahen die anderen ihn an. "Sag‘ bloß, du willst wirklich schon wieder nach Hause!" sagte Paddy. Angelo überlegte kurz. "Nun... eigentlich ja nicht!"
"Ich glaube, hier sind alle deiner Meinung," meinte Patricia. "Hattie und Mick sind voll nett!" Die anderen nickten.
"Es gibt nur eins, was mich stört," sagte Barby nachdenklich. "Und zwar, dass Jimmy noch nicht hier ist. Er fehlt mir irrsinnig."
"Er wird schon sehen, was er verpasst!" meinte Angelo.
"Ich glaube, sonst können wir heute nichts mehr machen!" sagte Maite in die Runde. "Also, machen wir Schluss für heute!"
Gemeinsam gingen sie die Kellertreppe hinauf. "Mick hat doch heute Morgen gesagt, dass er noch eine Lederhose hat," sagte Paddy nachdenklich zu Angelo. "Meinst du, ich kann ihn fragen, ob er sie mir gibt?"
"Klar, warum nicht." Angelo zuckte mit den Schultern.
Also ging Paddy zu Mick und fragte ihn nach der Hose. Paddy war noch etwas unsicher und stotterte. "Ganz ruhig bleiben," sagte Mick. "Ich beiße nicht. Und sprich‘ kein Englisch, das versteh‘ ich nicht."
So seltsam es war: auch wenn Hattie und Mick auf einer französischen Insel lebten, sprachen sie fast nur deutsch.
"Ach so," sagte Mick nach einer Weile, "die Hose willst du. Dann komm mal mit auf den Speicher."
Die beiden kletterten hinauf, und Mick kramte in einem alten Kleiderschrank. "Da hast du sie."
Paddy starrte fasziniert auf die original bayerische Lederhose. "Oh danke, Mick! Sie ist viel schöner als meine! Und ich darf sie wirklich behalten?" Mick nickte. "Mir passt sie ja doch nicht mehr."
Da fiel Paddys Blick auf ein wunderschönes schwarzes Kleid, das ebenfalls im Schrank hing. "Wow! Das würde Kathy gefallen!"
"Ach ja?" fragte Mick. "Da sind noch viele alte Sachen drin." Er kippte die ganzen Kleider auf den Boden.
Paddy wühlte begeistert in dem Haufen alter Klamotten. "Wahnsinn!"
"Ihr könnt alles behalten," meinte Mick.
Mit einem riesigen Satz sprang Paddy durch die Luke vom Speicher hinunter in den Flur. "Leute," schrie er ganz außer Atem, "guckt mal, was wir geschenkt bekommen haben!"
Die nächste Stunde verbrachten die Kellys mit Anprobieren der Kleider. Für jeden war etwas dabei. Hattie und Mick sahen ihnen vergnügt zu. Die Kellys konnten sich nicht oft genug bedanken.
Später gab es Abendessen. Als sie gerade am Tisch saßen, kam ein Anruf von einem sehr aufgeregten Vater Dan. "Ich habe Jimmy ausfindig gemacht," schrie er fast ins Telefon, "und der Junge weigert sich mitzukommen! Er hat mich nicht in seine Wohnung gelassen!"
"Du musst ihm Zeit lassen," sagte Hattie. "Er wird ja total überrumpelt."
"Zeit?? Ich werde ihn hierher bringen, und wenn ich ihn fesseln muss!" brüllte Dan. Die anderen bekamen fast schon Angst.
Nach dem Essen spülten alle außer Mick und John zusammen Geschirr. "Hast du auch Kinder?" wollte Sean von Hattie wissen. Sie lächelte. "Ja, zwei. Einen Jungen und ein Mädchen."
"Wo sind deine Kinder jetzt?" fragte Angelo.
"Meine Tochter Yvonne wohnt mit ihrem Verlobten auf Sylt. Und mein Sohn Orry ist Lehrer in Heidelberg. Er wird uns bestimmt bald besuchen kommen."
Kathy sah aus dem Fenster. "Es ist schon fast neun und immer noch so hell!"
"Ja, heute gibt es eine Mondfinsternis," sagte Mick, der aus dem Wohnzimmer kam. "Ich lese es gerade in der Zeitung. Es bleibt die ganze Nacht lang taghell."
"Geil!" brüllte Sean.
"Deswegen sollten wir aber trotzdem ins Bett gehen," meinte Patricia und gähnte. "Ich bin müde. Singen ist ja soooo anstrengend!"

 
Mitten in der Nacht wachte Paddy auf. Er stand auf und ging ans Fenster. Es war nicht wirklich taghell, wie Mick gesagt hatte. Der Himmel sah aus wie bei einem Sonnenuntergang.
Paddys Blicke wanderten durch das Zimmer. Barby lag in ihrem Bett und schlief friedlich. Paddy konnte und wollte aber nicht mehr schlafen. Er sah auf die Uhr, die über Barbys Bett hing. Halb vier.
Normalerweise hätte Paddy sich jetzt ans Fenster gesetzt und rausgeschaut. Doch hier ging das nicht, das Fensterbrett war zu schmal. Also musste er rausgehen.
Schnell schlüpfte Paddy in seinen Schottenrock, sein Hemd und irgendwelche Schuhe. Dann öffnete er vorsichtig die Tür und schlich leise die knarrende Treppe hinunter. Als er unten war, öffnete er die Haustür und fing an zu laufen.
Paddy rannte einfach der aufgehenden Sonne entgegen, immer schneller. Es war, als würde eine Stimme in ihm sagen: "Lauf, Paddy! Lauf! Du kannst fliegen!"
Also rannte Paddy weiter und erwartete, dass er irgendwann abheben würde. Wie ein Vogel. Wie eine kleine Taube.
Paddy spürte seine Beine schon gar nicht mehr. Er rannte einfach immer weiter, dem roten Sonnenball entgegen.
"Los, Paddy! Heb‘ ab..."
Paddy breitete die Arme aus, sprang – und konnte sich gerade noch an der Mauer festhalten.
Er umklammerte den harten Stein der Mauer, während die Sonne langsam in der Seine versank.
"Hey, kleine Taube," keuchte Paddy, "du hast es geschafft!"
Hey little pigeon, you've got it.
Hey little pigeon?
Was bedeutete das?"
Paddy wusste, es hatte mit etwas Wichtigem zu tun. Er hatte das alles doch schon einmal gehört.
Hey little pigeon, where are you coming from? You flew across the sky and now you're in my hometown...
Das Lied war plötzlich einfach da, und er konnte nicht erklären, warum.
"Sag‘ es mir," flehte Paddy, "bitte sag‘ es mir!"
Searched for my treasure over the atlantic sky. Did she get my message right did she laugh or cry?
Um was ging es hier?
Paddy klammerte sich an der harten Mauer fest und hörte seine eigene Stimme diesen Song singen.
Hey little pigeon, oh if you only knew / the things I'd do to fly with you...
Die Tränen liefen Paddy über die Wangen. "Bitte, bitte, hilf‘ mir!" schluchzte er.
Und dann hörte er wieder die Stimme: "I feel love / when I look / I can't wait / I'm really shooked / I feel love when I look into your eyes!"
"Das ist es!" weinte Paddy. "Das ist mein I Feel Love!"
Und plötzlich war alles weg: die Taube, der Song, die Stimme.
Paddy kroch auf die Mauer. Zitterig und verheult. "Ich muss das ganze Lied umtexten," murmelte er und sah auf den Fluss hinaus. Die Sonne war nicht mehr zu sehen.
"Take this letter to her house by the riverside," murmelte er.

"PADDY?? Sag‘ mal, geht's dir zu gut?"
Paddy wurde heftig geschüttelt, und als er die Augen öffnete, sah er geradewegs in Joeys entsetztes Gesicht.
"Was ist?" fragte Paddy verschlafen.
"Du hast wohl einen an der Klatsche! Pennst hier in Klamotten auf der unbequemen Mauer, und wir suchen dich im ganzen Haus!" wetterte Joey los.
"Ja, ja," knurrte Paddy. Gleichzeitig zerriss es ihm fast das Herz. Es war doch alles kein Traum gewesen! Er war eine Taube gewesen, er war der Sonne entgegengeflogen und seine eigene Stimme hatte ihm I Feel Love vorgesungen. So etwas konnte man doch nicht träumen! Oder?
Joey guckte auf einmal noch viel verblüffter. "Du hast 'ne Feder im Haar," sagte er und griff in Paddys Haarpracht. Er hielt Paddy die braune Feder unter die Nase.
Hattie kam herbei. "Seltsam," sagte sie nachdenklich und nahm die Feder in die Hand. "Das ist die Feder einer ganz seltenen braunen Taubenart. Aber hier gibt es doch gar keine Tauben!"
Paddy sprang wie von einer Tarantel gestochen auf. "Ich muss sofort mit Angi reden!" murmelte er und rannte ins Haus.
Angelo und John saßen im Wohnzimmer und blätterten in einem Buch. Die beiden schraken zusammen, als Paddy hereingefegt kam. "Was ist denn los?" fragte Johnny erschrocken. Paddy baute sich mit vor Aufregung rotem Gesicht vor ihnen auf. "Angelo, wir müssen I Feel Love umschreiben! Es ist ganz wichtig!"
"Aber warum?" fragte Angelo lahm. "Es ist doch gut wie es ist..."
"Ich kann dir jetzt nicht erklären warum! Aber ich muss das machen!"
"Von mir aus!" meinte Angelo. "Mach's halt!"
Paddy hockte sich also in einen Sessel, nahm Papier und einen Stift und schrieb drauflos. Er musste überhaupt nicht nachdenken, der Text war immer noch genauso in seinem Kopf wie in der Nacht.
"Fertig!" verkündete er nach fünf Minuten.
"In der Zeit kannst du doch unmöglich einen guten Text hinkriegen!" sagte John.
"Lies doch mal!"
Die beiden lasen sich den Text durch. "Ja, ist ja ganz gut," meinte Angelo. "Aber ich versteh‘ nicht, warum du das jetzt Knall auf Fall umändern musstest."
"Wir müssen es sofort aufnehmen!" rief Paddy nervös.
"Paddy, denk‘ doch mal!" sagte John. "In einer Viertelstunde gibt es Mittagessen!"
Das Warten fiel Paddy schwer. Nicht einmal die leckere Pizza konnte ihn richtig trösten. Und als Joey und Maite nach dem Essen anfingen, Badminton zu spielen, war Paddy einem Heulkrampf nahe.
"Jetzt kommt doch endlich!" bettelte er.
"Kommt schon, tut ihm den Gefallen!" mischte sich schließlich Angelo ein. "Der klinkt uns sonst noch völlig aus!"
Also gingen sie ins Studio, und Paddy erklärte ihnen den Song. Da sie dieses Lied auch schon live gespielt hatten, dürfte es keine Probleme geben. Die Geschwister waren nur über den neuen Text erstaunt.
Paddy fing an, Gitarre zu spielen, und sang konzentriert die erste Strophe ins Mikro. Er hatte Herzklopfen, plötzlich war das Gefühl der Nacht wieder da. Und als Angelo anfing zu singen, stürzte Paddy das Wasser in die Augen. Er liebte dieses Lied so sehr. Alles war gut. Die Geschwister sangen mit voller Power, und gegen Ende des Liedes, als Maite "No! No!" ins Mikro schrie, liefen Paddy die Tränen übers Gesicht. Als das Lied fertig war und sie es sich anhörten, heulte Paddy richtig und klappte fast zusammen. Schnell brachte Barby ihm ein Taschentuch und ein Glas Wasser.
"Was ist nur los mit dir?" fragte Patricia. "Erst pennst du draußen auf der Mauer, dann musst du das Lied umschreiben und jetzt heulst du wie verrückt! Du bist ganz schön dramatisch. Was ist denn nur los?"
"Es gibt Dinge, die versteht ihr nicht!" schniefte Paddy.

Am nächsten Tag nahmen sie nicht weiter auf. Sie hatten noch keine neuen Songs geschrieben.
Paddy schrieb einen Brief an Jimmy. Die Sache mit I Feel Love erwähnte er allerdings nicht, um keinen Preis. Noch bevor Jimmy antworten konnte, kam Vater und brachte ihn mit. Jimmy, der immer noch kurzhaarig war und aussah wie Billy Idol, hatte sich zuerst gewehrt, zu den anderen auf die Insel zu fahren, da er gerade einen Film drehte. Doch nachdem Hattie und Mick ihn freundlich begrüßt hatten, er die neuen Songs gehört und einige Liwanzl gegessen hatte, wollte er gar nicht mehr weg.
Vater blieb einige Tage. Er überwachte genau, was die Kinder taten, und vor allem passte er auf, dass sie kein TV guckten und kein Radio hörten. Nur Volksmusik war erlaubt, und das brachte den Kellys natürlich keine Inspirationen, auch wenn Kathy und Sean manchmal darauf tanzten.
Paddy wusste, dass Joey einen Walkman dabei hatte, und Barby und er hatten auch Kassetten mitgeschmuggelt, die sie im Wohnzimmer hinter dem Kamin versteckten. "Du kannst gerne auch mal hören, wenn du willst!" bot Joey ihm an. Doch Paddy hatte dazu viel zu viel Angst. Einmal hörte er ein paar Songs von Xavier Naidoo, doch dann bekam er ein schlechtes Gewissen und ließ es lieber sein. Und eines Tages fand Vater die Kassetten und aus war es mit dem verbotenen Hören.
Tage später, als Dan schon wieder weg war, regnete es schrecklich Inzwischen war es Herbst geworden, und die Kellys saßen viel mit Mick und Hattie im Wohnzimmer und spielten Karten oder Monopoly. Hattie konnte auch sehr gut Kuchen backen.
Eines Tages fragte Mick Paddy: "Paddy, sammelst du eigentlich etwas?"
"Nun ja... früher habe ich Teddybären gesammelt. Aber dann hatte ich keine Zeit mehr und hab‘ meine Sammlung an Maite verkauft. Warum?"
"Ich werde dir zeigen, was ich sammle," meinte Mick geheimnisvoll und führte Paddy zu einem Schrank im Wohnzimmer. Er öffnete ihn, und Paddy sah nur noch Dackel! Aus Ton, aus Stoff, aus Glas, in allen Formen, Farben und Größen, aber alles Dackel!
"Cool!" meinte Paddy. "Warum ausgerechnet Dackel?"
"Ich weiß nicht. Sie sind so knuffig. Weißt du eigentlich, dass du mich auch an einen Dackel erinnerst? Du hast so ein Gesicht..."
"Oh." Paddy wusste nicht, was er dazu sagen sollte. "Ich sehe mich ja eigentlich mehr als Taube..." Mann, war das ein Gespräch!
Inzwischen wurde Paddy den Gedanken nicht mehr los, dass Johnny sich ein bisschen in Hattie verliebt hatte. Der Song I Really Love You, handelte er nicht von ihr? So wie er sie manchmal ansah... es konnte gut sein. Paddy hatte großes Mitleid mit seinem Bruder, denn Hattie liebte ihren Mann Mick und würde ihn wohl nie verlassen. Aber Paddy konnre nicht mit John über so etwas reden, denn wenn er das Thema Liebe erwähnte, wollte John ihn immer gleich aufklären, aber zumindest das hatte Paddy ja schon hinter sich.
Angelo arbeitete verbissen weiter an seinem Song, doch irgendwie haute das alles nicht hin. Er schrieb immer eine Weile, dann bekam er einen Wutanfall, zerriss sein Blatt in alle Fetzen, rannte in den Keller hinunter und drosch auf sein Schlagzeug ein.
Auch Joey und Kathy schrieben an neuen Songs, aber alles war noch in der Frühphase.
Hattie war auch noch eine begnadete Friseuse, und eines Morgens flocht sie Barby zwei goldige Zöpfe. Es sah süß aus, aber Barby konnte sich nicht so recht daran gewöhnen. Dafür war Paddy begeistert, und so musste Hattie ihm nun jeden Morgen Zöpfe flechten. Er sah damit wirklich niedlich aus, und manchmal erkannten seine Geschwister ihn kaum, wenn er mit geflochtenen Zöpfen und im Schottenrock an ihnen vorbeifegte.
Jimmy war nun ebenfalls total verrückt auf Liwanzl, und eines Tages sagte Maite zu ihm und Paddy: "Ich muss mir wohl wirklich mal das Rezept abschreiben, wenn ihr das so gern esst. Dann können wir die Dinger auch daheim immer essen."
Jimmy seufzte. "Ach, daheim! Ich hab‘ überhaupt keine Lust, jemals wieder heimzufahren! Hattie und Mick sind genau die Eltern, die wir uns immer gewünscht haben!"
"Na, na," meinte Maite, "sei mal nicht fies zu Vater!"
Jimmy winkte ab. "Ach, Vater! Der meldet sich ja kaum noch!"
Eines Morgens verkündete Hattie: "Heute kommt unser Sohn Orry zu Besuch und wird einige Tage bleiben. Ihr werdet euch hoffentlich gut mit ihm verstehen. Ich muss euch aber gleich sagen: Orry kann kein Englisch."
"Ach, das wird schon gehen!" meinte Kathy.
Nach dem Frühstück nahm Maite ihre Geschwister zur Seite und fragte vorsichtig: "Habt ihr eine Ahnung, wo mein zweiter Koffer hin ist? Hab‘ ich ihn etwa auf dem Flughafen stehen lassen?"
"Na, das fällt dir aber früh ein!" stöhnte John. "Deinen Koffer hat Vater in der Seine versenkt!"
"Was!" schrie Maite, und ihre Augen sprühten vor Zorn. "Ich muss sofort ins Wasser, in dem Koffer sind meine Kuscheltiere drin!" Und mit diesen Worten stürmte sie aus dem Haus.
Kathleen rannte ihr hinterher und holte sie ein. "Sag‘ mal, bist du vom wilden Watz gebissen worden? Du kannst dich doch nicht einfach in das Dreckwasser reinschmeißen! Du brauchst eine Taucherausrüstung!"
"Ach des noch!" stöhnte Maite, ging aber gefolgt von den anderen ins Haus und fragte Mick nach einer Taucherausrüstung. Mick seufzte. "Nun ja, ich hab‘ schon eine im Keller... aber, Maite, sei mir nicht böse, ich weiß nicht, ob sie dir passt." Dann ging er sie aber doch holen, und Maite zwängte sich hinein. "Na also, passt doch!"
"Aber wie eng!" stöhnte Joey. "Du siehst aus wie... ein Kondom!"
"Ach danke!" fauchte Maite.
Dann gingen die Kellys ans Ufer der Insel, und die anderen versuchten, Maite zu erklären, wo Dan den Koffer versenkt hatte. "Es hilft alles nichts," sagte Angelo nach einer Weile. "Ihr müsst mit dem Boot rausfahren."
Jimmy, Maite, Paddy und Johnny sprangen ins Boot und fuhren in Richtung Festland. "Hier war es ungefähr," sagte John schließlich. Maite sah angeekelt aufs Wasser. "Bääh, da sind ja lauter Algen!"
"Du wolltest es so!" meinte Paddy.
Maite holte tief Luft, dann sprang sie in den Fluss. Wasser spritzte ins Boot. Paddy, Jimmy, und Johnny wichen erschrocken zurück.
Lange Zeit verging, doch Maite tauchte nicht mehr auf. Langsam wurden die drei auf dem Boot unruhig. "Sie wird doch wohl nicht ertrinken?" fragte Johnny angstvoll. Wie gebannt starrten sie aufs Wasser, doch keine Reaktion.
Plötzlich glitten die Wassermassen auseinander, und Maite in ihrem Gummianzug tauchte auf. In der Hand schwenkte sie den Koffer. "Ich hab‘ ihn!" prustete sie.
"Hurra!" brüllte Jimmy und hob die Hände, um Maite wieder ins Boot zu helfen. Dabei stieß er gegen Paddy. Der verlor das Gleichgewicht und fiel auf der anderen Seite vom Boot.
Das Wasser zog Paddy tiefer, immer tiefer. Er hatte keine Zeit, Luft zu holen. Jetzt war wohl alles vorbei. Verzweifelt ruderte Paddy mit den Armen, doch er kam nicht mehr hoch. Eine Alge oder so etwas Ähnliches hatte sich um sein Bein geschlungen. Paddy nahm noch einmal seine ganze Kraft zusammen und versuchte, an die Wasseroberfläche zu gelangen. Und es klappte! Keuchend tauchte Paddy auf und merkte auch schon, wie John nach seiner Hand griff.Gemeinsam mit Jimmy und Maite schaffte er es, Paddy aufs Boot zu ziehen.
Paddy keuchte und spuckte, er hatte das Gefühl, zu ersticken. Maite klopfte ihm auf den Rücken und sprach beruhigende Worte. John und Jimmy schrien sich an.
"Jetzt fahrt doch erst mal zurück zur Insel!" schrie Maite die beiden an.
Auf der Insel wurden sie schon von Mick und Hattie und den besorgten anderen Kellys erwartet. Hattie packte Paddy gleich in ein großes Handtuch. Mick nahm Paddy hoch und trug ihn ins Haus. "Am Besten gehst du erst mal duschen." Eine Tür fiel hinter Paddy zu, und dann stand er allein im Badezimmer.
Langsam betrachtete Paddy sich selbst im Spiegel. Er war über und über mit Algen und Schlingpflanzen übersäht. Und ihm war so kalt! Schnell warf Paddy seine Kleider in den Wäschekorb, sprang unter die Dusche und drehte das Wasser auf Höchsttempreatur.
Das heiße Wasser tat gut. Paddy stand bestimmt eine halbe Stunde unter der Dusche und ließ das Wasser über sich prasseln. Er spürte gar nicht mehr, wie heiß das Wasser inzwischen geworden war. Irgendwann öffnete sich die Tür, und Patricia kam herein. "Du stehst ja immer noch unter der Dusche!" zischte sie. "Ich hab‘ dir frische Klamotten mitgebracht. Beeil‘ dich! Orry ist schon da!"
"Orry? Der Sohn von Hattie und Mick?"
"Ja! Jetzt mach‘ schnell!"
Schnell zog Paddy sich an und rannte mit Patricia hinunter ins Esszimmer. Die anderen Kellys saßen bereits mit Orry und seinen Eltern am Tisch.
Als sie das Zimmer betraten, stand Orry auf. "Guten Tag, du bist also Paddy. Ich habe schon viel von dir gehört!"
Orry Lupo war ungefähr Mitte Dreißig, er war groß, trug eine Brille und ein dunkelblaues Jackett. Er sah wirklich ein bisschen wie ein typischer Lehrer aus. Hattie brachte Kuchen an den Tisch, und sie machten Kaffeeklatsch.
Orry benutzte viele schwere Wörter beim Sprechen, und nach einer Weile verstanden die Kellys gar nichts mehr. Irgendwann schaltete Mick sich ein und sagte: "Orry, die Kellys verstehen nicht gut Deutsch. Sie kommen aus Irland."
"Aber ich kann kein Englisch," stöhnte Orry, erzählte dann aber in leichter verständlichen Sätzen von seinen Alltag als Deutsch- und Geschichtslehrer an einer Heidelberger Schule. Die Kellys bogen sich vor Lachen über seinen Schulalltag.
"Arbeitest du in einer Grundschule?" fragte Maite.
"Nein," sagte Orry, "in einem Mädchengymnasium."
"Und da sind nur Mädchen?" Joey und Jimmy lief die Spucke im Mund zusammen...
Orry beschloss schließlich, eine Woche bei seinen Eltern auf der Insel zu bleiben.
"Wie findest du ihn?" fragte Paddy seine Schwester Barby, als sie zu Bett gingen.
"Ja, doch." Barby gähnte. "Er ist ganz nett."
"Finde ich auch." Paddy zögerte kurz. "Ich glaube, Maite mag ihn sehr gerne. Hast du die Blicke gesehen, die sie ihm beim Abendessen zugeworfen hat?"
Barby nickte. "Wäre doch 'ne schöne Sache, wenn sich da etwas entwickeln würde! Na ja, schau'mer mal. Gute Nacht."

Am nächsten Morgen wurde Paddy von lautem Geschrei geweckt. Er stand auf und sah aus dem Fenster. Draußen joggten Joey, Patricia und Orry um die Insel. Paddy musste lachen und drehte sich dann zu Barby um. Doch deren Bett war schon leer. Also ging Paddy nach unten.
Niemand war im Haus. Auch Hattie und Mick waren weg. Nur Barby lag im Wohnzimmer und schlief. Außer sich vor Sorge rannte Paddy nach draußen, wo die anderen Kellys im Gras saßen. "Hilfe, Leute! Mick und Hattie sind weg!"
"Hey Paddy, schieb‘ mal keine Panik!" meinte Patricia. "Sie sind in Paris einkaufen gegangen!"
"Hoffentlich kommen sie bald wieder, ich hab‘ nämlich Hunger!" sagte Johnny. Doch es wurde zwölf, es wurde eins, und sie kamen immer noch nicht. Irgendwann kam Orry auf die Idee, er könne ja eine Pizza für allr machen. "Soll ich dir vielleicht helfen?" fragte Maitessa hoffnungsvoll. Doch Orry winkte ab: "Geht schon," und ging ins Haus.
Lange Zeit verstrich, doch kein Orry kam und meldete, dass das Essen fertig war. Die Kellys, die zuerst ein bisschen Fußball gespielt hatten, wurden langsam unruhig.
"In der Zeit könnte er schon zehn Pizzen fertig haben!" meinte John frustriert.
"Vielleicht macht er ja auch so viele!" meinte Kathy. Sie saß mit Sean im Schatten eines Baumes und sang laut vor sich hin: "Yo te quiero, yo te espero..."
"Wo ist denn eigentlich Babsy?" fragte Jimmy.
"Also, vorhin hat sie im Wohnzimmer gepennt," erklärte Paddy.
Maite stand auf. "Ich geh‘ jetzt mal gucken, was da los ist!"
"Lieber nicht!" sagte John schnell. "Ich geh‘ schauen!" Schnell ging er ins Haus, doch Maite folgte ihm trotzdem.
"Oh oh – denkt ihr auch, was ich denke?" fragte Tricia.
"Wenn es was mit Barby und Orry zu tun hat, dann wohl ja!" meinte Angelo.
Johnny kam mit bösem Gesichtsausdruck zurück. "Was ist?" fragten die anderen. "Barby und Orry sitzen im Wohnzimmer und unterhalten sich sehr angeregt!"
"Oh mein Gott!" rief Kathy, die gleich das Schlimmste befürchtete. "Über was reden die denn?"
"Weiß nicht, das sind so schwierige deutsche Wörter. Fas-zi-na-tion und so was Ähnliches," erklärte John.
"Ja, das hab‘ ich auch schon mal gehört," meinte Joey. "Aber ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was das heißt!"
"Und wo ist Tessa jetzt?" wollte Angelo besorgt wissen.
"Sie ist wütend in die Küche abgedampft und macht jetzt selbst Essen!" sagte Johnny. In diesem Moment kamen Mick und Hattie aus Paris zurück und teilten Orry und Barby gleich zum Küchendienst ein.
Die Blicke, die Barby und Orry sich beim Essen zuwarfen, verrieten, dass es da ganz schön knisterte. Alle Geschwister betrachteten die beiden unauffällig, nur Maite schlang betont desinteressiert die Pizza in sich hinein. Hattie und Mick schienen von der ganzen Sache nichts mitzubekommen. Paddy fühlte sich etwas unwohl. Auf wessen Seite sollte er sich denn jetzt stellen? Maite tat ihm schrecklich Leid, aber Barby war ihm gefühlsmäßig näher. Nach dem Essen fragte er also Johnny, was er nun tun sollte. Der wurde sofort fuchsteufelswild. "Misch‘ dich da bloß nicht ein!" regte Johnny sich auf. "Am Schluss gehen sie dann beide auf DICH los! Ich weiß, wie die Frauen sind!!" "Alles klar," murmelte Paddy. Nach dem Essen wollten Barby und Orry mit dem Boot auf die Seine fahren. Mick erlaubte es, und Paddy wunderte sich darüber. Sah er in Barby etwa eine gute Schwiegertochter? Die anderen Kellys machten es sich vor dem Haus gemütlich. Paddy sah sich suchend nach Maite um und fand sie schließlich am Ufer im Schatten eines großen Baumes.
"Was machst du?" fragte Paddy leise.
Maite schrak zusammen. "Ach, ich schreibe Songs." Paddy sah ihr über die Schulter und sah ein Liedblatt, auf dem mit großen Buchstaben Oh It Hurts geschrieben stand. Das berührte Paddy so sehr, dass er seine Schwester erst mal in den Arm nahm.
Maite fing an zu weinen. "Es tut so weh! Immer wenn ich mich verliebe, geht alles schief! Ich dachte schon, Orry wäre der Richtige für mich! Ich habe mir alles so schön vorgestellt! Und jetzt hat er sich ausgerechnet in Barby verliebt!"
"Ich weiß," sagte Paddy traurig.
"Das Leben ist so grausam," schluchzte Maite. "Bestimmt mag er mich nicht, weil ich zu dick bin!"
"Ach Quatsch!" meinte Paddy leise.
"Doch," schniefte Maite, "sonst hätte er sich ja nicht Barbee, dieses Klappergestell, ausgesucht!"
Abends im Zimmer versuchte Paddy, mit Barby zu sprechen. Und sie war wirklich zerknirscht. "Es tut mir ja Leid für sie. Aber ich habe mich doch auch verliebt! Orry passt wirklich gut zu mir. Und er liebt mich! Endlich bin ich wieder glücklich!"
Paddy ging daraufhin hinunter in den Keller zu Maite und Jimmy und versuchte, Maite die Situation ihrer Schwester näherzubringen. "Schau, du weißt doch, wie unglücklich Barby in den letzten zwei Jahren war. Und jetzt kann sie endlich wieder lachen! Das ist doch auch gut für die Gruppe!"
"Na und?" fauchte Maite. "Nur weil sie glücklich ist, soll ich jetzt leiden, oder was geht hier ab?"
"Maite, hör‘ mal!" sagte Jimmy. "Die beiden sind doch gerade mal einen Tag zusammen! Warte doch erst mal ab, ob das hält!"
Doch auch in den nächsten Tagen waren Orry und Barby noch ein Herz und eine Seele. Zum Glück vermied Barby allzu deutliche Liebesbezeugungen, wenn ihre Schwester in der Nähe war, um sie nicht noch mehr zu kränken. Doch Maite bekam trotzdem noch genug mit, und irgendwie machte das auch Paddy rasend. Er wünschte sich, nie in eine solche Situation zu kommen.
Aber diese Gefahr bestand im Moment ja nicht. Solange sie keine neuen Songs aufnahmen, hatten die Geschwister ein ruhiges Leben, fernab von all dem Trubel in Deutschland. Sie schliefen, aßen, unternahmen etwas mit Mick und Hattie und tobten über die Insel. Paddy ging es richtig gut. Es war immer etwas los. Nur manchmal, besonders wenn er I Feel Love hörte, hatte er wieder dieses seltsame Gefühl. Er war sich sicher, dass es kein Traum gewesen war. Aber er traute sich nicht, mit jemandem darüber zu sprechen.
Angelo schrieb immer noch an seinem Song, und es haute immer noch nicht hin. Das machte ihn so wütend, dass er an manchen Tagen mit niemandem sprechen wollte.
Irgendwann entschied Jimmy, dass es so nicht weitergehen konnte, und er machte sich zusammen mit Angelo über das Lied her. Bald hatten sie zumindest eine Strophe geschrieben, und auch einen Namen hatte das Lied nun: I Will Be Your Bride.
Als Paddy zum ersten Mal den Text las, flippte er fast aus. "Was? Braut? Ihr seid doch Typen!"
"Mann Paddy," stöhnte Angelo, "guck‘ mal, was hier steht: She says I will be your bride!"
"Ach so!"
Vater kam auch ab und zu auf die Insel. Die neuen Songs durfte er allerdings noch nicht hören. "Es soll auch für Vater eine Überraschung sein!" sagte Patricia. Vater kam also meistens nur, um sich von Hattie bekochen zu lassen und um von Adam zu erzählen, der auf East Grove wilde Partys feierte.
Eines Morgens nahm Maite Paddy zur Seite und sagte: "Mein neues Lied ist fertig!"
"Wirklich? Dann können wir es ja aufnehmen, wir brauchen unbedingt neue Songs!"
"Ja." Maite sah auf einmal sehr entschlossen aus. "Pad, ich will auf keinen Fall, dass Barby bei diesem Lied mitsingt!"
"Was?" Paddy erschrak. "Aber Maite, wir können doch nicht nur zu acht..."
"Natürlich können wir!" sagte Maite.
Also ging Paddy zu Barby, um ihr die frohe Botschaft zu überbringen. Barby blieb allerdings ganz cool und sagte: "Schon okay. Orry und ich wollten sowieso mit Mick Karten spielen!"
Paddy rannte hinunter ins Studio, wo Maite bereits den anderen den Text von Oh It Hurts vorlas. Natürlich waren alle begeistert, und sie nahmen den Song nach kurzem Üben auf. Maite sang voller Power. Als sie sich das Lied hinterher anhörten, meinte Maite befriedigt: "Eins muss man mir lassen – wenn ich traurig bin, schreibe ich wirklich tolle Lieder. Ich finde, es ist bis jetzt das beste auf der Platte – oder findest du nicht, Paddy?"
"Doch, doch," sagte Paddy schnell. Er brachte es nicht übers Herz, Maite zu sagen, dass I Feel Love immer sein Lieblingslied bleiben würde, egal was Miss Maite Kelly schreiben würde. Bei ihrem schweren Schicksal hatte Maite Extrastreichelheiten verdient. Natürlich war Oh It Hurts ein ganz tolles Lied... aber es war wie Roses Of Red, wie Every Baby... halt nix Neues.
"Irgendwie haben wir bis jetzt fast nur Balladen aufgenommen," sagte Angelo plötzlich.
"Das stimmt!" meinte Paddy. "Jetzt muss mal wieder was Rockiges kommen! Joey vor!"
Joey winkte lachend ab. "Ich hab‘ noch nichts geschrieben!"
"Wir bräuchten mal so was richtig Fetziges – am Besten was Spanisches, auf das man gut tanzen kann!" meinte Jimmy.
"Hey, könnt ihr Gedanken lesen?" fragte Kathy mit leuchtenden Augen. "Ich hab‘ doch gerade Yo Te Quiero geschrieben!"
"Du bist damit fertig? Und das sagst du erst jetzt?" brüllte Joey. "Los, sing‘ vor!"
Schnell trällerte Kathy das Lied, und alle anderen waren hellauf begeistert. Sie übten den Song kurz, und dann nahmen sie ihn auf. Sie sangen, klatschten, tanzten dabei und hatten soviel Spaß wie schon lange nicht mehr.
Abends, als Maite bereits schlief, gingen Joey und Paddy mit Barby in den Keller, um ihr die neuen Songs vorzuspielen. Barby sagte, sie seien gut.
Am nächsten Morgen musste Orry wieder zurück nach Heidelberg fahren. Barby und er schworen sich unter Tränen ewige Liebe. Die anderen waren nicht der Meinung, dass das so optimal klappen würde. Doch sie wünschten sich natürlich das Beste für Barby, und Orry war ja auch voll okay. Nun, da Orry gegangen war, war Maite nicht mehr ganz so eifersüchtig, und nach einer Weile redeten sie und Barby auch wieder miteinander.
Eines Morgens Ende September trommelte Jimmy alle seine Geschwister zusammen und verriet ihnen: "In zwei Tagen hat Hattie Geburtstag. Sie wird 63. Mick hat es mir verraten. Wollen wir ihr nicht etwas
schenken?"
"Doch, natürlich! Aber wir dürfen doch die Insel nicht verlassen!" sagte Paddy.
"Wir müssen Mick fragen," meinte Angelo.
Also marschierten die neun Kellys geschlossen ins Wohnzimmer und baten den überraschten Mick, sie für einen Tag in die Stadt zu lassen, um für seine Frau ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Mick grinste und sagte: "Also gut. Aber verratet eurem Vater bloß nichts davon. Ich fahre euch aufs Festland, dann könnt ihr mit dem Bus weiter nach Paris fahren. Aber seid um halb sieben wieder zurück, sonst schöpft Hattie Verdacht!"
Also gut. Die Kellys zogen dicke Jacken an, dann fuhr Mick sie aufs Festland und sie fuhren mit dem Bus in die Innenstadt von Paris. Sie waren alle schon lange nicht mehr hiergewesen. Hier waren sie nicht bekannt, und so wurden sie nicht von kreischenden Fans verfolgt, was für die Kellys ein ungewohntes, aber schönes Gefühl war.
"Was wollen wir denn überhaupt kaufen?" fragte Kathy.
Eine Pause entstand, dann meinte Joey lahm: "Blumen, Bücher, Parfüm..."
"So ein Quatsch, Hattie ist doch nicht irgendwer!" meckerte John. "Hast du vielleicht 'ne bessere Idee?" fauchte Joey. Die hatte Johnny allerdings nicht, und so standen die Geschwister vor einem riesigen Problem.
"Weiß denn keiner, welche Musik sie gerne hört?" fragte Angelo verzweifelt.
"Doch, das hat sie mir mal gesagt," meinte Johnny und dachte angestrengt nach. "Irgend so ein deutscher Volkssänger... Hansi Hintermeer oder so..."
"Ach so, Hansi Hinterseer," sagte Paddy.
"Na also, dann kaufen wir 'ne CD von dem!" meinte Barby.
"Mann, Barby!" meinte Angelo entrüstet. "Erstens: das ist ein deutscher Volksmusikheini, den kriegst du doch nicht hier in Paris! Zweitens: Hattie hat überhaupt keinen CD-Player!" "Ach so," murmelte Barby.
"Was tun wir denn nun?" jammerte Joey.
"Gehen wir doch erst mal was essen," sagte Maite. "Beim Essen kommen die besten Ideen!" "Ach, du immer mit deinem Essen!" knurrte Johnny, ging dann aber doch ganz gern mit.
Sie besetzten einen großen Tisch im McDonalds, und Kathy brachte ein großes Tablett voller Essen für alle. Heißhungrig stürzten sich alle darauf. Als sie gerade mitten im Essen waren, betrat ein großer blonder Mann den McDonalds und ließ sich am Tisch gegenüber nieder.
Paddy blieb fast sein ChickenMcFu – Burger im Hals stecken. "Haut mich, ich träume! Das ist doch dieser Typ, Hansi Hinterseer!"
Bemüht unauffällig drehten die Kellys ihre Köpfe zum Nebentisch. Ob er es wirklich war? Ein deutscher Sänger in Paris?
"Wir sollten ihn ansprechen," meinte Jimmy flüsternd.
"Ein Autogramm von ihm wäre das schönste Geschenk für Hattie," murmelte Johnny. "Prima, sprich‘ ihn
an!" sagte Angelo. Johnny sah ihn groß an. "Ich? Du weißt genau, wie schüchtern ich bin!"
Keiner der Kellys hatte den Mut, den Mann anzusprechen. Also mussten sie andere Wege finden, den vermeintlichen Sänger auf sich aufmerksam zu machen. Maite warf ein paar Pommes auf den Nebentisch, doch der Mann stand wortlos auf und legte sie mit vorwurfsvollem Gesicht zurück auf Maites Tablett.
"So klappt das nie!" jammerte Jimmy.
Patricia machte einen verzweifelten Versuch. Sie drehte sich mit ihrem Stuhl um und fragte: "Parlez-vous français?"
"Wie bitte?" fragte der Mann lächelnd auf deutsch mit österreichischem Akzent.
"Er ist es!" zischte Kathleen.
Ohne zu denken, sprang Paddy mutig auf. "Sind Sie Hansi Hinterseer?" fragte er in seinem schönsten Deutsch.
Der Mann nickte. "Ja. Ich bin Hansi Hinterseer. Ihr kennt mich?"
Die Kellys plapperten alle aufgeregt durcheinander, und der arme Mann verstand erstmal gar nichts. "Ach so, ihr wollt ein Autogramm von mir haben. Hier, bitte sehr."
"Danke schön," sagte Johnny und steckte die Karte schnell ein.
Doch Paddy hatte noch nicht genug. Er zögerte nur kurz, dann fragte er: "Haben Sie übermorgen schon was vor?"
"Paddy!" Peinlich berührt starrte Tricia ihn an. "Macht man das?"
Doch Hansi lächelte nur. "Nein, nicht unbedingt. Warum denn?"
"Also..." fing Paddy an, doch Joey unterbrach ihn: "Es ist so: Übermorgen hat ein sehr großer Fan von Ihnen Geburtstag. Es wäre sehr schön, wenn Sie zu Besuch kommen könnten."
"Herzlichst gerne," lächelte Hansi. "Gebt mir die Adresse." Angelo erklärte ihm also, wo die Insel lag, und Hansi versprach, zu kommen. Dann verabschiedete er sich und verließ den McDonalds.
Im Bus meinte Maite: "Jetzt, wo der Typ selber kommt, könnten wir das Autogramm doch eigentlich selbst behalten, oder?"
"Genau," meinte Kathy. "Gib‘ es mir mal, Paddy!"
"Was? Ich hab‘ das net!" sagte Paddy. "Ich dachte, Angelo hat's!"
"Unsinn, ich dachte, Kathy hat es!"
Kathy durchwühlte alle ihre Taschen. "Sapperlot! Ich habe es nicht mehr!"
Hektisch wühlten sie unter den Bussitzen. Irgendwann fand John das Autogramm in seiner Westentasche.
"Ihr seid schon Knallköpfe!" meinte Barby Ann.
"Wer will das Ding denn jetzt?" wollte Kathy wissen.
"Ich!" rief Patricia laut. Alle musterten sie überrascht, und Tricia wurde knallrot.
"Aber Patricia! Na na na!" säuselte Joey. "Der ist doch viel zu alt für dich!"
"Aber von der Haarfarbe passen sie gut zusammen!" meinte Maite.
"Patricia Hinterseer klingt ja wirklich nicht schlecht!" kicherte Jimmy.
"Ihr seid blöd!" fauchte Patricia. Als die Sticheleien nicht aufhörten, verließ sie ihren Platz und setzte sich direkt hinter den Busfahrer, auf den Behindertenplatz.

 
"Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday dear Hattie, happy birthday to you!"
"Oh Gott!" flüsterte Hattie verschlafen und rieb sich die Augen. Vor ihrem Bett standen Mick und die Kellys und sangen. "Ich bin noch nie gekämmt!"
"Ist doch egal!" meinte Kathy. "Wir wünschen dir alles Gute zum Geburtstag!"
Nachdem Hattie sich angezogen hatte, kam sie in die Küche, wo der große Kuchen stand, den Barby und Maite gestern noch gebacken hatten.
Mick schenkte seiner Frau einen wunderschönen Rosenstrauß und einen Gutschein einen Besuch in der Pariser Oper und im Louvre. Hattie war überglücklich und weinte zwischendurch auch ein bisschen.
Plötzlich klingelte es. Die Kellys gerieten in Panik. Kam der Typ schon so früh? Doch es war nur Orry, der auch seiner Mutter gratulieren wollte. Maite wurde ein bisschen sauer, als sie sah, wie Barby und Orry sich küssten. Doch als Orry auch sie zur Begrüßung fest an sich drückte, war sie zufrieden.
Alle machten zusammen ein schönes Geburtstagsfrühstück. Danach riefen noch Hatties Tochter Yvonne und ihr Verlobter Jörn an, und dann noch ein paar von Hatties Freundinnen.
Der Vormittag verging recht schnell. Zum Mittagessen gab es Braten, und um drei gab es dann schon wieder Kaffee. Langsam wurden die Kellys etwas unruhig.
"Hoffentlich findet er die Insel," flüsterte Joey.
"Und was, wenn nicht?" zischte Paddy zurück. "Und überhaupt, wie soll er herkommen? Das Boot ist doch bei uns!"
"Das gibt's nur eins," flüsterte Maite. "Wir müssen Mick einweihen."
Joey, Maite und Paddy schlichen also zu Mick und versuchten ihm die ganze Sache zu erklären. Mick machte große Augen. "WEN habt ihr eingeladen? Also gut, ich lasse euch kurz fort. Aber nicht alle, das fällt auf!"
Schließlich gingen nur Joey und natürlich Patricia, um nach Hansi Hinterseer Ausschau zu halten. Paddy und Maite setzten sich zurück an den Tisch und verspeisten vor lauter Aufregung ein Stück Kuchen nach dem anderen.
Plötzlich flog die Tür auf, und gefolgt von Patricia und Joey erschien Hansi Hinterseer. Er gratulierte Hattie mit lauter Stimme zum Geburtstag und legte dann mit seinem neuen Song los: "Komm‘ auf ein Bier zu mir, ich tät‘ mich wirklich freu'n..." Singend lief er vor dem Geburtstagskind auf und ab. Hattie sah fassungslos auf ihren Lieblingssänger und erklärte nur immer wieder: "Das kann doch gar nicht wahr sein!"
Nach seinem Auftritt wollte Hansi gleich wieder gehen. Doch Hattie konnte ihn zu einem Stück Kuchen überreden. Glücklich drückte sie ihren Mann an sich. "Vielen Dank, Mick!"
Mick winkte ab. "Da musst du dich bei ihnen bedanken." Er wies auf die Kellys.
Hatties Augen wurden wieder feucht. "Ihr wart das? Oh, ich danke euch!"
"Na ja," sagte Kathy, "eigentlich hätten wir uns das ja nie getraut. Paddy hat ihn gefragt."
"Paddy, du bist so ein liebes Kind!" Hattie schloss ihn in die Arme. Paddy wurde ein bisschen rot und grinste.
Es wurde noch ein sehr schöner Nachmittag, leider musste Orry bald wieder gehen. Irgendwann holte Mick, der auch ein begeisterter Hobbyfotograf war, seine Kamera. "Jetzt müssen wir noch ein schönes Geburtstagsfoto machen. Patricia, geh‘ du mal ganz nach rechts. Pad, du setzt dich nach vorne. Die anderen daneben, und Hattie in die Mitte." Alle taten, was verlangt wurde, und grinsten. KLICK!
"Ich dachte, du kannst Blitzlichtgewitter nicht leiden?" sagte Angelo zu Paddy.
"Das schon, aber Mick ist ja kein doofer Reporter. Sonst habe ich gegen Fotografieren eigentlich nichts."
Der Tag verging schnell. Sie hatten alle wirklich eine Menge Spaß. Hansi blieb noch ziemlich lange, futterte Kuchen und tanzte mit Tricia, bis es dunkel wurde.

Am nächsten Morgen um halb sechs wurde Paddy davon geweckt, dass Joey in Sportkleidung vor seinem Bett stand. "Los Paddy, wir joggen 'ne Runde über die Insel!"
"Bist du irre?" flüsterte Paddy. "Es ist ja noch Nacht!"
Doch Joey war unbarmherzig, und fünf Minuten später joggten die beiden in der Kälte und Dunkelheit über die Insel. Nach einer Runde keuchte Paddy vor Erschöpfung. Joey war darüber sehr erstaunt. Die beiden setzten sich kurz auf die Mauer.
"Weißte was mich wundert?" fragte Joey. "Vater hat gestern nicht angerufen! Er wusste doch sicher, dass Hattie Geburtstag hat!"
"Ja, das ist komisch," stimmte Paddy zu.
Joey stützte den Kopf auf die Hände. "Weißt du, was scheiße ist? Dass wir keine Musik hören dürfen! Ich hab‘ schon ewig nichts mehr von Right Said Fred gehört! Don't Talk Just Kiss ist schließlich mein
Lieblingslied!"
"Tja," meinte Paddy, "da gibt es nur eine Rettung!"
"Welche?"
"Du musst ein Lied schreiben, das genauso klingt!"
"Hey!" Joey gab Paddy einen Klaps. "Eine tolle Idee!" Und er rannte in den Keller. Paddy grinste. Das restliche Joggen hatte er sich jetzt erspart.
Er ging ins Haus. Hattie, Mick, Kathy, Sean, Maite, Barby und Patricia waren schon wach und zogen sich gerade die Mäntel an.
"Was geht'n ab?" fragte Paddy verblüfft.
"Pad!" Patricia sah ihn müde an. "Sean hat ganz schreckliche Bauchschmerzen, wir fahren mit ihm zum Arzt."
"Zu sechst?" fragte Paddy, doch sie waren schon zur Tür hinaus.
Also hockte Paddy sich ins Esszimmer und aß Mohrenköpfe, bis Jimmy, John und Angelo aufstanden. Nachdem Paddy ihnen alles erzählt hatte und die Jungs gefrühstückt hatten, langweilten sie sich. Schließlich probierten sie aus, wer die Beine am höchsten werfen konnte. Paddy gewann. Dann sahen sie nach, wer die längsten Haare hatte. John gewann, auch wenn Jimmy damit nicht einverstanden war, obwohl er auf seine Frisur nun wirklich nicht stolz sein konnte.
Da kam Joey nach oben gerannt. "Hip Hip Hurra!"
"Ist dein Song schon fertig?" fragte Paddy.
Joey machte eine abwehrende Handbewegung. "Wo denkst du hin! Nein, aber das Intro ist schon fast fertig. Sogar schon aufgenommen! Kommt mit und hört's euch an!"
Sie rannten in den Keller und Joey spielte ihnen das Intro vor.
"Hmm, cool!" meinte Jimmy. "Sehr discomäßig!"
"Ist es nicht zu extrem?" fragte Joey ängstlich.
"Quatsch!" meinte Angelo. "Das bringt frischen Wind auf die Platte!"
"Und es klingt wirklich wie Don't Talk Just Kiss!" sagte Johnny.
Dann hörten sie Schritte und stürmten nach oben. Die anderen kamen gerade vom Art zurück. Sean hatte Tabletten bekommen und sollte nun schlafen. Joey gab Sean ein flüchtiges Küsschen und rannte gleich wieder in den Keller, um an seinem Intro zu feilen. Hattie kochte schon mal das Mittagessen und die Kellys deckten den Tisch. Plötzlich klingelte es. Mick machte auf. Und wer kam?...
"Vater!" schrie Kathy überrascht.
"Was machst du denn hier?" rief Patricia erstaunt.
"Darf man denn nicht ohne Anmeldung kommen?" fauchte Dan sie an.
"Doch, natürlich," stotterte sie. Dan ließ sich mit abwesendem Gesicht auf einen Stuhl fallen. Nach einer Weile knurrte er: "Gibt es hier denn nichts zu trinken?" Hattie brachte ihm eine Tasse Kaffee. Dan trank einen tiefen Schluck. "Bäh, das schmeckt ja abartig!"
"Wir dachten eigentlich, du wärst gekommen, um Hattie zum Geburtstag zu gratulieren!" sagte Jimmy vorwurfsvoll. Doch nicht einmal jetzt reagierte der Vater. Erstaunt sahen sich die Kellys an. "Hat er Krach mit seiner Freundin?" flüsterte Paddy den anderen zu. "Wie bitte? Du kannst ruhig laut reden!" blaffte Dan ihn an. "Oder lästerst du etwa über mich?!" Erschrocken hielt Paddy den Mund.
In diesem Moment kam Joey ins Esszimmer gerannt. "Hey Leute, das Intro ist voll geil geworden! Das müsst ihr euch anhören! Oh Vater, du bist ja auch da! Komm‘ mit, das musst du gehört haben!"
Alle gingen in den Keller, und stolz spielte Joey ihnen das Intro vor. Die meisten Kellys klatschten begeistert im Takt mit. "Das ist sehr gut," meinte Barby zufrieden. "Wirklich. Was meinst du, Vater?"
Der sagte erst mal gar nichts. Leicht verunsichert starrten Joey und seine Geschwister ihn an. Was hatten sie denn nun wieder falsch gemacht?
"Von wem war diese Idee?" fragte Vater.
"Von mir," piepste Joey.
"Was fällt dir ein!" brüllte Dan plötzlich los. "Sind wir eine Discoband? Das ist überhaupt nicht mehr der typische Kellysound, den unsere Fans von uns gewöhnt sind! So etwas wird nicht aufgenommen!"
"Aber Vater, wir müssen uns doch weiterentwickeln," wagte Patricia zu sagen.
"Du halt‘ dich mal ganz raus!" brüllte Vater Dan. "Da schicke ich euch auf eine Insel, weit weg von dem ganzen Disco – Krempel, und dann kommt so was raus! Ich verbiete euch, solche Songs aufzunehmen! Ich will mit dem ganzen Zeug nichts mehr zu tun haben! Wisst ihr was? Macht euren Scheiß doch grad‘ alleine! Ich gehe! Meldet euch, wenn ihr wieder zur Vernunft gekommen seid!" Außer sich vor Wut wollte Dan die Kellertreppe hinaufstürmen. Angelo packte ihn an seinem Umhang. "Bitte Vater, du kannst doch jetzt nicht einfach gehen! Was soll denn aus uns werden ohne einen Vater?"
"Das ist mir doch egal!" kreischte Dan. "Ihr seid doch an allem selbst Schuld! Ich werde jetzt mit Silvia in die Sonne fliegen! Ich werde gut ohne meine Kinder auskommen! Ich werde..." Seine Stimme blieb ihm weg, und er bekam einen Hustenanfall. Joey musste grinsen. "Du..." fauchte Dan, überlegte es sich dann aber doch anders und rannte nach oben. Bald sah man das Boot wegfahren.
Das Gelächter der Kellys verwandelte sich nun in Weinen. "Er kann doch nicht einfach so gehen," schluchzte Kathy. "Was machen wir jetzt nur ohne ihn?" schniefte John.
Hattie setzte sich zwischen Patricia und Paddy und legte die Arme um sie. "Jedenfalls könnt ihr hierbleiben, solange ihr wollt," sagte sie sanft.

Beim Abendessen hatten sich die Kellys schon wieder gefasst. "Wenigstens ist jetzt der Druck von uns abgefallen, in kurzer Zeit ein perfektes Album abzuliefern," überlegte John. "Jetzt können wir uns Zeit lassen, soviel wir wollen."
"Und aufnehmen, was wir wollen!" ergänzte Joey und schnitt eine Grimasse.
"Und nun können wir auch ab und zu mal in die Stadt gehen und dürfen fernsehen!" stimmte Kathy zu.
"Schade nur, dass uns jetzt Schloss Gymnich durch die Lappen geht!" meinte Patricia.
"Jetzt wartet erst mal ab, ob Vater seine Drohung überhaupt wahr macht!" meinte Jim, und Mick kündigte an, er werde nochmal mit Vater Dan telefonieren.
"Ob das was nützt?" murmelte Barby.

Halb drei. Paddy wälzte sich im Bett hin und her. Lag mal auf, mal unter der Bettdecke. Schlafen konnte er ja doch nicht. Und Vater war an allem Schuld.
Verdammt! Warum konnte er nicht einmal seinen Kindern zuhören? Paddy schluchzte leise auf und versteckte dann den Kopf unter dem Kissen, um Barby mit seinem Geheule nicht zu wecken. Vater war einfach so gegangen. Lag ihm denn gar nichts an seinen Kindern? Nur dass sie eine tolle CD aufnahmen?
Langsam verging die Trauer, dafür wurde Paddy wütend. Was bildete Vater sich eigentlich ein? Dachte er denn wirklich, der Laden würde ohne ihn nicht laufen? Paddy setzte sich im Bett auf. Er wollte seinem Vater beweisen, dass er auch was konnte. Am liebsten hätte er ihn angeschrien, angefaucht, ihm so richtig die Meinung gegeigt. Doch Dan war ja nicht hier. Dann eben anders, beschloss Paddy. Ich werde einen Song schreiben, so einen richtig bitterbösen Song, so wie Alanis Morisette... hieß die so? Egal. Und wenn Vater sich unser Album kauft, was ich schwer hoffe, wird er schön hören, was ich im Moment von ihm halte!
Paddy stand auf und ging leise hinunter ins Wohnzimmer. Dort zündete er eine Kerze an, um Licht zu haben, und setzte sich mit Papier und Kuli bewaffnet an den Tisch. Paddy hatte Angst, einzuschlafen, bevor die Kerze heruntergebrannt war. Dann würde das ganze Haus abbrennen.
Nach kurzem Überlegen fing Paddy an, drauflos zu schreiben. Und während dem Schreiben verwandelten sich die wütenden Gefühle in tiefe Trauer. Paddy fühlte sich so wertlos, weil Dan mit den Kindern nichts mehr zu tun haben wollte. Und während Paddy sich am Tisch aufstützte, hatte er plötzlich ein Lied, dass er zuhause in Irland oft gehört hatte, im Ohr:
"Don't give up... ‘cause you have friends. Don't give up, please don't give up!"
Es war so ähnlich wie in der Nacht, als Paddy die Sache mit I Feel Love erlebt hatte. Und doch war es auch ganz anders. Denn dieses Lied gab es wirklich, und er hörte auch keine Stimmen, jedenfalls nicht so deutlich.
Okay, ich werde nicht aufgeben.
Stunden später war das Lied fertig. Es hieß Why Don't You Go. Er hatte es gut hinbekommen. Und es war sehr verschlüsselt. Niemand würde erkennen, dass dieses Lied von Vater handelte.
Paddy löschte die Kerze und ging zurück ins Bett.

Am nächsten Morgen beim Frühstück bekam Paddy vor lauter Müdigkeit kam die Augen auf. Patricia legte das falsch aus und meinte: "Komm‘ Paddy, Vater überlegt es sich bestimmt noch anders!"
"Ist mir doch total egal," gähnte Paddy. "Bin müde!"
"Aber du bist vor neun ins Bett gegangen!" sagte Maite.
"Aber ich war heute Nacht wach und habe einen Song geschrieben."
"Klasse!" meinte Barby. "Den können wir dann nachher mal üben!"
"He Barbie, jetzt müssen wir doch nicht mehr hetzen!" sagte Joey.
Barby sah nun sehr ernst aus. "Wir werden Vater das beste Album der Welt hinknallen! Er wird schon sehen, was er verpasst, wenn er nicht bei uns ist!"
"Ja okay, wenn du's so siehst!" meinte Joey verblüfft.
Nach dem Frühstück gingen die Kids ins Studio, und Paddy zeigte ihnen den Song.
"Klingt doch gut," meinte Angelo sofort. "Aber der Text... Paddy, bist du verliebt?"
"Neeeiiin!" sagte Paddy. "Das Lied ist doch über Vater!"
"Dann kann es aber nicht Why Don't You Go heißen, Vater ist doch schon gegangen!" widersprach Kathy.
"Ach, so ist es auch okay!" meinte John.
"Vater braucht es ja nicht gleich zu merken!" meinte Paddy.
Sie übten das Lied, und als alles klappte, nahmen sie auf. Doch so einfach war es dann doch nicht. Paddy musste zwar nicht weinen, doch einer traf immer den falschen Ton oder sang falsch rein. "Noch mal!" kommandierte John ständig, und alle stöhnten. Paddy sang zum zwanzigsten Mal die Strophen und fing schließlich an, Why Don't You Go ein bisschen zu hassen. Endlich war die Aufnahme im Kasten. "Puuuh, dieses Lied singen wir nie live!" stöhnte Paddy am Schluss.
"Hat noch jemand einen neuen Song geschrieben?" fragte Joey in die Runde. Alle schüttelten den Kopf. "Na ja, wir haben ja auch Zeit."

In den nächsten Tagen kümmerten sie sich nicht so sehr um die neue Platte. Jimmy fuhr zurück nach Irland zu seinem Film. Die anderen Kellys fuhren ab und zu nach Paris, denn jetzt konnte Vater es ihnen ja nicht mehr verbieten.
Paddy und Babsarella verbrachten in den nächsten Tagen viel Zeit zusammen, auch wenn Paddy das Gefühl hatte, dass Barby nur einen Ersatz für die Zeit ohne ihren Freund suchte. Barby erzählte Paddy Sachen über sich und Orry, bei denen Paddy rot anlief und gar nicht wusste, was er davon halten sollte. Aber na ja... es war ja etwas ganz Natürliches! Sagte Barby zumindest. Paddy konnte es trotzdem nicht fassen. Aber okay, Babs war 23...
Eines Tages zog Angelo Paddy zur Seite und sagte: "Ich habe eine tolle Idee für ein neues Lied!"
"So, was denn?"
"Nun, ich wollte einen Rocksong schreiben, so mit verschiedenen Strophen über unser Verhalten auf der Bühne."
"Cool!" Paddys Augen leuchteten. "Du meinst, so ähnlich wie Papa Cool?"
"Ja, genau so."
"Ich hab‘ auch schon eine Strophe über mich geschrieben," sagte Angelo. "Und den Refrain habe ich auch schon fertig. Soll ich mal vorsingen? You got me rockin‘ now, hey-hey, you got me rockin‘ now, come on, come on!"
Das hörte sich ja wirklich vielversprechend an, und so setzten sich die beiden Brüder auf die Mauer, und kurze Zeit später hatten sie auch eine Strophe über Paddy geschrieben.
"Das ist ja alles gut und schön," meinte Angelo. "Aber wir können den Song nicht nur zu zweit singen. Wir brauchen noch eine dritte Strophe, am Besten von einer weiblichen Stimme."
"Dann fragen wir doch Babsi," schlug Paddy vor. Angelo war davon zwar nicht so ganz begeistert, aber dann gingen sie doch zu Barby und sangen ihr das Lied vor. Doch Barby sagte ab. "Der Song ist toll, aber so was kann ich nicht singen!"
"Das ist aber dumm," meinte Paddy, und so überlegten er und Angelo weiter. Patricia? Nein, die war viel zu sanft für so einen harten Song. Kathy? Na ja, was sollte man über die schon schreiben. Maite? Ja, genau, Maite!
"Na, sonst bleibt ja auch niemand mehr," meinte Angelo lässig.
So gingen sie also zu Maite und fragten sie, ob sie bei dem Song mitsingen wollte. Maite wurde gleich rot und sagte begeistert zu. Schnell schrieben die drei eine dritte Strophe für Maite. Doch dazu, den anderen das Lied vorzuspielen, kamen sie an diesem Tag nicht mehr, denn Hattie kam plötzlich und fragte: "Könnt ihr für mich ein Paket abholen?"
Maite war zu müde, um noch wegzugehen, aber Paddy und Angelo erklärten sich bereit. Sie fuhren mit dem Boot aufs Festland und fuhren mit dem Bus in die Stadt.
Auf der Post holten sie am Paketschalter ein Paket für Frau Hattie Lupo ab. Es war von einem Handarbeitsversand und sehr groß. "Uff," stöhnte Paddy gleich, "wie sollen wir denn das tragen?"
"Ich nehm's," sagte Angelo, "aber du musst mir dann den Weg sagen, ich seh‘ dann nichts mehr!"
Sie machten sich auf den Heimweg, und Paddy lief vor Angelo her und sagte immer: "Vorsicht, jetzt rechts, geradeaus, geradeaus, links, VORSICHT STUFE!"
Doch das hatte Angelo jetzt nicht gerafft, stolperte, fiel mit Karacho die Stufen zur Metro hinunter und schleuderte das Paket auf einige Fußgänger.
"Was fällt Ihnen ein?" kreischte ein junges Mädchen mit blonden Haaren, die von dem Paket am Kopf getroffen worden war. "War das etwa Absicht?"
"Nein, nein, Entschuldigung," murmelten Angelo und Paddy und nahmen das Paket schnell wieder an sich. Auf einmal bekam das Mädchen ganz große Augen. "Aber... seid ihr nicht Angelo und Paddy von der Kelly Family?"
"Ähm, ja," gab Paddy zu.
"Wahnsinn!" kreischte sie los. "Ich bin ein ganz großer Fan von euch! Ich komme aus Deutschland, deshalb kenne ich euch! Bitte gebt mir doch ein Autogramm! Gleich hierhin!" Sie zog einen Block und einen Stift aus ihrem Rucksack. "Könnt ihr bitte noch FÜR SARA schreiben?"
Das Autogramme schreiben war für die beiden Kelly-Jungs sehr ungewohnt geworden. Paddy hatte es schon lange nicht mehr getan und hätte fast seinen Namen falsch geschrieben.
"Danke, danke," sagte Sara zufrieden. "So, dahinten kommt meine Bahn. Vielleicht sehen wir uns in Deutschland ja mal wieder. Hach, werden meine Freundinnen neidisch auf das Autogramm sein. Tschüss!" Sie sprang in die Bahn und weg war sie.
"Hey, solche Fans sind mir sehr sympathisch," meinte Paddy. "Sie knipsen nicht, sie schreien nicht die ganze Zeit und sie gehen wieder. Was ist, Lino, nehmen wir auch 'ne Bahn?"
Da kam auch schon eine, die Richtung Insel fuhr, und die beiden stiegen ein. Paddy legte das Paket auf den Sitz gegenüber und begann eine französische Musikzeitschrift, die er sich eben noch gekauft hatte, zu lesen. Doch nach einer Weile fiel sein Blick auf seinen Bruder. "He Angi, was ist denn los?"
Angelo sah traurig aus dem Fenster. "Nix."
"Nee, gar nicht, weißte!" Paddy faltete die Zeitschrift zusammen. "Ich seh‘ doch, das was ist. Hat es vielleicht was mit dem Mädchen von eben zu tun?"
Angelo guckte erst böse, doch dann nickte er.
"Na toll!" murmelte Paddy.
Angelo schluckte. "Ich hätte nie gedacht, dass man sich wirklich auf den ersten Blick verlieben kann."
Auch das noch! dachte Paddy, doch er sagte nur: "Bestimmt siehst du sie mal wieder."
"Das tröstet mich jetzt voll!" rief Angelo wütend. "Das Einzige, was ich von ihr weiß, ist, dass sie Sara heißt und in Deutschland wohnt. Aber mehr auch nicht!"
"Aber sie kennt dich," wandte Paddy ein.
"Viele kennen mich. Das nützt ja doch alles nichts. Am Besten, ich vergesse sie. Komm, wir müssen aussteigen."
Die beiden sprangen aus der Bahn und fuhren mit dem Boot zurück auf die Insel. Dort erwartete Hattie sie schon. "Da seid ihr ja. Wo ist denn mein Paket?"
"Oh nein!" schrie Paddy. "Wir haben es in der Metro liegen lassen!"
"Na, ihr seid ja zwei Knallköpfe," seufzte Hattie. "Da war eine wichtige Bestellung für mich drin!"
"Nun reg‘ dich nicht gleich auf," meinte Mick. "Deine Adresse steht ja drauf, vielleicht bringt es uns ja jemand."
"Ehrliche Finder gibt es doch heute gar nicht mehr!" meinte Hattie.
Die Sache mit dem Paket ging Paddy sehr nahe, und so fuhr er später klammheimlich nochmal in die Stadt und kaufte Hattie einen großen Rosenstrauß als Entschädigung. Auf dem Rückweg fuhr er wieder mit der Bahn und hielt die Augen offen, ob er nicht doch noch irgendwo das Paket oder Sara erspähte. Doch er hatte kein Glück.
Hattie freute sich sehr über die Blumen. "Danke, aber das wäre doch nicht nötig gewesen! So schlimm war es ja nicht!"
"Wo ist eigentlich Angelo?" fragte Patricia. "Wenn ihr das Paket zusammen verloren habt, sollte er sich auch an dem Blumenstrauß beteiligen."
"Stimmt," meinte Paddy und trampelte gleich in Angelos Zimmer hinein. "Angelo, ich krieg‘ Geld von dir!"
"Was?" fauchte Angelo mit Tränen in den Augen und versteckte schnell etwas unter seinem Kopfkissen. "Kannst du denn nicht anklopfen, Depp?"
Eins musste man Paddy lassen: gute Augen hatte er. "Hey, was hast du da unter dem Kissen? Zeig‘ doch
mal!"
"Nein, lass‘ die Pfoten weg!" schimpfte Angelo, doch Paddy nahm ihm einfach das Kissen weg und fand den Songtext von I Will Be Your Bride. Er war nun fertig, und am Blattanfang stand ganz groß: FÜR SARA.
"Ein tolles Lied," murmelte Paddy.
Angelo schniefte. "Jetzt kann ich schreiben! Jetzt! Jetzt, da es zu spät ist!"
Paddy setzte sich aufs Bett und nahm den heulenden Angelo in die Arme.

 
In den nächsten Tagen redete Maite die ganze Zeit von einer neuen Tournee. "Ich will wieder auf Tour gehen! Das macht bestimmt voll Spaß!"
"Ach, du willst wohl gerne Oh It Hurts singen?" fragte John.
"Genau!" meinte Maite. "Aber Barby darf bei diesem Lied nicht mitsingen!" bestimmte sie.
"So ein Quatsch!" meinte Paddy. "Wie stellst du dir das vor, wenn wir alle singen und nur Barby nicht?"
"Mir doch egal. Es ist mein Lied, und die singt da net mit! Außerdem kennt sie das Lied ja gar nicht!"
Das stimmte allerdings nicht. John übte heimlich mit Barby den Song, weil sie ihn offiziell ja noch nicht gehört hatte. Doch eines Tages erwischte Maite die beiden beim Üben und wurde wütend wie nie zuvor. "Dann singe ich das Lied eben gar nicht live!" tobte sie.
Paddy lag Angelo bei allen Gelegenheiten in den Ohren, dass er den anderen endlich mal den Text von I Will Be Your Bride zeigen sollte. Doch Angelo weigerte sich beharrlich. "Das Lied ist zu persönlich und geht niemanden etwas an!"
"Zu persönlich?!?" schrie Paddy. "Das könnte dein größter Hit werden!"
Dieses Argument schien Angelo zu überzeugen, und so trommelten sie die anderen Kellys zusammen und Angelo sang ihnen mit brüchiger Stimme den Song vor.
"Das Lied ist wirklich großartig!" meinte Patrisha.
"Das müssen wir sofort aufnehmen, oder?" fragte Paddy voller Tatendrang.
"Aber Jimmy ist doch gar nicht da, wir sind nur zu acht!" wandte Angelo ein.
"Na und, das merkt doch hinterher auf der Platte sowieso keiner mehr!" sagte Kathy.
"Aber... ich weiß nicht so recht!" beharrte Angelo.
"Come on!" Joey gab ihm einen leichten Schubs. "Sei kein Frosch!"
Sie übten den Song. Angelo spielte Gitarre und sang sehr gefühlvoll. Paddy war immer wieder überrascht, wenn er seinen kleinen Bruder so professionell spielen hörte. Auch wenn Angelos Stimmbruch schon fast drei Jahre her war, hatte Paddy sich immer noch nicht so ganz an Angelos "neue" Stimme gewöhnt. Keine Ahnung warum. Zum Glück fragte niemand, warum Angelo I Will Be Your Bride geschrieben hatte, denn sonst wären bestimmt Tränen geflossen.
Nachdem sie den Song aufgenommen hatten, hörten sie sich das Resultat an. Und dieses Mal waren wirklich alle begeistert.
"Glaubt ihr, der Song wäre eine gute Single?" fragte John.
Maite wiegte den Kopf. "Wäre Oh It Hurts denn nicht besser?"
"Ach, du immer mit deiner dummen Schnulze!" meinte Joey und schob sie zur Seite. "Mein Song ist doch viel cooler!"
"Ha, bis jetzt hast du ja erst das Intro!" lachte Patricia.
"Hey!" John winkte hektisch. "Also, ich bin für I Will Be Your Bride. Und ihr? Wir müssen langsam mal eine Single veröffentlichen, damit die Leute The Kelly Family nicht vergessen!"
"Dann machen wir doch eine geheime Wahl!" schlug Maite vor.
"Gute Idee!" sagte John. "Barby, geh‘ mal bitte hoch zu Mick und frag‘, ob wir Zettel und Stifte kriegen!"
Die bekamen sie, und die Kellys verzogen sich in alle nur mögliche Ecken des Studios, um ihre Wahl aufzuschreiben. Paddy schwankte ziemlich lange zwischen I Will Be Your Bride und I Feel Love, doch dann dachte er daran, dass er, wenn sie sich für I Feel Love entschieden, dieses Lied oft im Fernsehen singen müsste und womöglich jedes Mal weinen würde. Paddy schüttelte sich und schrieb schnell I Will Be Your Bride auf den Zettel.
"Paddy, fertig?" Patricia stand vor ihm. Paddy gab ihr seinen Zettel, und sie trug alle Zettel zu John, der auszählte. Schließlich verkündete er stolz: "Und gewonnen hat der Song... I Will Be Your Bride!"
"Yeah!" brüllten fast alle. Schnell hörten sie sich den Song noch mal an. "Aber so kann man das noch nicht veröffentlichen," sagte Joey.
"Genau," meinte Paddy. "Ob Mick und Hattie ein Mischpult haben?"
"Bist du dumm? Siehst du hier irgendwo eins?" fragte Maite.
"Da gibt's nur eins," sagte Paddy. "Am Besten fliegen Angelo und ich nach Köln und mischen den Sound für die Single."
"Warum bist du plötzlich so arbeitseifrig?" wunderte sich Patricia.
Paddy grinste. "Na ja, wir wollen doch, dass I Will Be Your Bride ein Erfolg wird!"
Angelo sagte erst mal gar nichts. Aber er drückte Paddys Arm ganz fest.

Am nächsten Morgen packten Paddy und Angelo also ihre Koffer und machten sich fertig für die Reise nach Köln. Es war das erste Mal, dass die beiden allein flogen.
"Du bist noch sehr jung, Paddy," hatte Kathy gestern Abend noch zu ihm gesagt, "und eine solche Reise ist nicht immer ungefährlich. Und außerdem hast du noch die Verantwortung für Angelo. Pass‘ auf ihn auf. Er ist noch jünger als du, und in letzter Zeit ist er ein bisschen komisch."
Paddy hatte nur genickt und alles versprochen.
Mick fuhr die beiden zum Flughafen von Paris. Mit tausend Ermahnungen setzte er sie ins Flugzeug, und dann erhob sich die Maschine in die Lüfte, in Richtung Köln.
"Heute Abend sind wir schon wieder in Frankreich," meinte Paddy.
"Hoffentlich treffen wir nicht Vater," flüsterte Angelo.
"Ach Quatsch, der wird sich hüten!"
Am Kölner Flughafen wurden sie gleich von ihren Bodyguards in Empfang genommen. Paddy hatte sie schon lange nicht mehr gesehen, sie aber auch nicht vermisst! Sie fuhren in einer schwarzen Limousine zu ihrer Plattenfirma Kel-Life, wo sie von Adam in Empfang genommen wurden.
"Adam?" stotterten Angelo und Paddy. "Was machst'n du hier?"
"Oh, euer Vater hat mir seinen Job als Geschäftsführer überlassen!" sagte Adam fröhlich.
"Das war gemein von Vater!" zischte Angelo. "Er weiß genau, dass Adam in diesem Job alles falsch machen wird!"
Kurz darauf saß Paddy auch schon mit zwei Produzenten vor dem Mischpult, um den neuen Sound für I Will Be Your Bride zu mischen. Angelo sah genau zu, und nach etwa drei Stunden konnte Paddy ihm das Ergebnis vorspielen. Der Song rührte Angelo zu Tränen. "Es ist wunderschön," schluchzte er, "oh, warum kann sie nicht hier sein?" Die Produzenten machten große Augen. Paddy wechselte schnell das Thema. "Wann sollen wir wiederkommen?"
"Wenn ihr mit der Platte fertig seid und ein Video gedreht habt. Wir kümmern uns um alles andere."
"Okay. Super. Ciao."
"Tschüss. Und grüßt die anderen von uns!"
Am Flughafen checkten sie ein. Plötzlich kam Angelo eine Idee. "Wollen wir nicht schauen, ob wir für Patricia eine Volksmusikzeitschrift finden, in der vielleicht was über den Hinterseer-Heini drinsteht? In Paris kriegt 'se so was ja nicht."
"Gute Idee!" meinte Paddy und stürmte in einen Zeitschriftenshop. Schnell wurde er fündig: Hansi grinste auf der Titelseite von STARS & MELODIEN. Paddy griff nach dem Heft und rannte damit zur Kasse.
Wenig später saßen sie auch schon im Flugzeug. Paddy starrte aus dem Fenster und dachte nach, während Angelo aus Langeweile STARS & MELODIEN durchblätterte. Plötzlich ließ er das Heft sinken. "Pad, gib‘ das der Patrisha nicht. Lass‘ es hier im Flugzeug liegen."
"Bist du verrückt?" fragte Paddy. "Ich hab‘ das Ding für teures Geld gekauft! Warum soll ich es ihr jetzt nicht geben?" Doch bevor Angelo antworten konnte, kam eine Stewardess und fragte, was sie trinken wollten, und das Thema war aufgeschoben.

"Endlich seid ihr wieder da!" empfing Hattie sie auf der Insel. "Es ist sogar Besuch da!"
"Wer denn?" fragte Paddy aufgeregt. "Etwa Vater?"
"Nein, der nicht."
"Orry?"
"Nein. Kommt rein und schaut selbst."
Paddy und Angelo rannten ins Haus. "Oh! Jimmy!"
"Hallo!" Jimmy schloss sie in die Arme. Er sah gut erholt aus, und auch seine Haare waren schon wieder etwas gewachsen. "Was machst du denn hier?" fragte Angelo.
"Mein Film ist schon fast fertig. Ich bleibe jetzt eine ganze Woche bei euch!"
"Oh super!"
"Kommt, das Abendessen ist fertig," sagte Hattie.
Es gab Schnitzel mit Pommes. Die anderen Kellys fragten Jimmy über seinen Film aus. "Jetz sag‘ doch mal, um was geht's denn da?"
"Also," sagte Jimmy, "da ist ein Liebespaar. Ich spiele den Mann, der ist aber ein ziemlicher Arsch und behandelt seine Freundin total schlecht. Und am Schluss bringt sie ihn um. Sehr tragisch."
"Du als Mordopfer? Das kann ich mir gar nicht vorstellen!" sagte Maite.
"Kriegen wir den Film mal zu Gesicht?" fragte Joey.
"Aber klar doch. Wenn er fertig ist, bringe ich euch ein Video mit."
"Paddy und Angelo, jetzt erzählt ihr mal!" sagte Kathleen. "Wir war's denn in Köln?"
"Der Mix von meinem Lied ist ganz toll. Ihr müsst es euch unbedingt mal anhören, vielleicht wird es ja ein
Hit!" sagte Angelo.
"Wir werden Vater schon zeigen, dass wir auch ohne ihn was draufhaben!" murmelte John.
"Ach Patrisha, wir haben dir ja auch was mitgebracht!" sagte Paddy und holte das Heft. Patricia stieß einen leisen Freudenschrei aus und verzog sich mit dem Heft aufs Sofa.
"So, jetzt kann sie's aber nicht mehr leugnen!" sagte Joey.
"Wer spielt mit Karten?" fragte John. Alle außer Patricia und Hattie und Mick, die fernsehen wollten, spielten mit. Joey war gerade am Gewinnen, da hörten sie, wie jemand leise weinte.
"Oh Gott, Sean, ist was mit dir?" schrie Kathy.
"Sean ist das nicht, der schläft. Guckt mal rüber aufs Sofa," sagte John leise. Da lag Patricia, hielt das Heft in der Hand und schluchzte.
"Patricia, was hast du?" fragte Maite vorsichtig, doch sie reagierte nicht. Jimmy ging zu ihr hin. "Patrisha, was ist los?" Doch Patricia guckte ihn nur groß an und rannte plärrend raus. Fassungslos sahen ihr alle hinterher.
"Paddy ist an allem Schuld!" platzte Angelo heraus.
Paddy schrie: "Warum ich??"
"Du musstest ihr das Heft geben! Ich hatte dich gewarnt!"
Jimmy nahm kopfschüttelnd das Heft vom Sofa hoch und las es durch. "Jetzt wird mir einiges klar!"
"Was steht da drin?" fragte Barby.
Zögernd las Jimmy vor: "Hansi Hinterseer, der berühmte deutsche Volkssänger, ist seit einigen Jahren verheiratet und hat zwei süße Töchter..."
Alle seufzten. "Oh nein!" stöhnte Johnny.
"Sie wird's überleben," meinte Joey relativ locker.
"Ja, aber wie?" meinte Maite.
Unruhig spielten sie zuende und wollten dann zu Bett gehen. Doch Patricia war im ganzen Haus nicht aufzufinden.
"Wahrscheinlich ist sie draußen," meinte Johnny. Er riss ein Fenster auf und brüllte: "Tricia! Tricia!" Doch keine Antwort kam.
"Vielleicht hat sie sich in die Seine gestürzt!" befürchtete Maite.
"Doch nicht Trissy! Die hockt jetzt irgendwo und heult!" vermutete Joey.
"Sie ist alt genug, um zu wissen, was sie tut. Wir sollten jetzt zu Bett gehen!" meinte Kathleen.
Paddy kuschelte sich in die Kissen. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, wachzubleiben und sich Sorgen um Tricia zu machen. Doch der Tag in Köln war so anstrengend gewesen, und so segelte Paddy bald ins Land der Träume.

Erst zum Frühstück am nächsten Morgen tauchte Patricia wieder auf. Ihr Gesicht war verheult, und an den Armen hatte sie Schnittwunden, als hätte sie sich in stacheliges Gebüsch gestürzt.
Kathy sah die Wunden und war entsetzt. "Mach‘ das nie wieder, Kind!"
Beim Frühstück ließen die anderen sie in Ruhe. Doch als Johnny sie kurz fragte, ob sie heute etwas vorhabe, fing sie wieder an zu weinen und hörte nicht mehr auf damit. Hattie schob den hilflosen John zur Seite und brachte Patricia ins Bett, wo sie erst einmal irgendwelche Tabletten nahm und bald ruhig schlief.
"Die arme Maus!" sagte Jimmy teilnahmsvoll.
Doch sie konnten nicht ewig trauern, und irgendwann sagte Angelo: "Paddy, Maite, erinnert ihr euch noch an You Got Me Rockin‘ Now? Wäre das nicht ein Lied, das wir jetzt aufnehmen könnten, um unsere Stimmung zu heben?"
Gesagt, getan. Kurz darauf standen sie unten im Studio. "Gib‘ Gas, Angelo!" brüllte Paddy, und Angelo am Schlagzeug sang die erste Strophe ins Mikro. Dann kam der Chor der Geschwister: "You got me rockin‘ now, come on, come on..."
Als sie gerade fertig waren, kam Patricia mit wackligen Schritten die Treppe ins Studio hinunter.
"He Trish, wie fühlst du dich?" fragte Kathleen besorgt.
"Ich möchte gerne, dass wir ein Lied aufnehmen," sagte Patricia mit zitternder Stimme. "Ich habe es gestern Abend geschrieben, und es heißt Please Don't Go."
Alle beugten sich über den Text. Er war mit roter Farbe auf zerknülltes Papier geschrieben. Paddy sah abwechselnd auf Patricias Schnittwunden und auf die roten Schriftzeichen auf dem Papier und runzelte die Stirn, aber er sagte nichts.
"Das Lied ist gut," sagte Jimmy. "Hast du dir schon überlegt, ob du es allein oder als Duett singen
möchtest?"
"Ich möchte, dass du die zweite Strophe übernimmst, Jimmy," sagte Patricia.
"Dann geht das mit dem Hey, little sister... aber nicht, Jimmy ist doch älter als du!" sagte Angelo.
"Ist doch egal. Und dann möchte ich gerne, dass uns jemand auf dem Klavier begleitet. Da hinten steht ein Klavier," sagte Patty.
"Soll ich Mick fragen, ob er Klavier spielen kann?" fragte Paddy eifrig.
Patricia lächelte kurz. "Pad, du sollst das machen."
"Ich??"
"Natürlich, du kannst am Besten von uns allen Klavier spielen."
Immer noch überrascht nahm Paddy am Klavier Platz. Der Raum wurde dunkel gemacht, Patricia stützte sich rechts auf dem Klavier auf, Jimmy links, und Patty fing sanft an zu singen: "What made you change your
mind... what made you leave my life...? If you could tell me straight... I might never do it again... Please don't leave me, please don't go...
"
Paddys Finger trafen wie von selbst die richtigen Tasten. Er hatte ein seltsames Gefühl in seinem Bauch. Dieses Lied berührte ihn tief in seinem Herzen. Nicht ganz so stark wie I Feel Love, aber so ähnlich. Und er konnte nicht erklären, warum.
"Please believe me... I need you so..."
Die Aufnahme wurde ziemlich dramatisch. Patty und Jimmy sangen sich ihren ganzen Kummer aus dem Leib. Paddy spielte Klavier, und als dann die Geschwister sangen, musste er schlucken. Patricia weinte, Jimmy weinte, und als die beiden ihn ansahen, liefen auch Paddy die Tränen übers Gesicht.
"Please don't leave me... please don't go!!"
Der Song war aufgenommen, das Licht wurde angemacht. Paddy sah sich um: die anderen heulten auch alle. Sie umarmten sich alle gegenseitig.
"Leute, wir schaffen das schon. Gemeinsam schaffen wir es," flüsterte Kathy.

Knapp eine Woche später düste Jimmy wieder ab nach Irland, um endlich seinen Film fertigzudrehen. Patricia beruhigte sich langsam wieder und konnte bald wieder lachen. Und auch Orry kam zu Besuch, und Barby blühte wieder so richtig auf. Maite war sehr eifersüchtig, und der alte Konflikt zwischen den Schwestern brach wieder aus.
Maite arbeitete auch an einem neuen Lied, das sie oft sang. "We'll take it easy, we'll take it slow, we're gonna dance to the rock'n'roll!"
"Und weiter?" fragte Paddy.
"Weiter bin ich noch nicht."
"Dann lass‘ mich mal ran, vielleicht fällt mir noch was ein!" schlug er vor. "Was?" fauchte Maite. "Den Song mach‘ ich selber, misch‘ du dich da gefälligst nicht ein!" "Dumme Kuh!" knurrte Paddy.
Auch Joey arbeitete noch an seinem Intro und an einem zweiten Song, den er bis jetzt nur Secret Song nannte. Niemand hatte ihn jemals gehört, und Joey weigerte sich, seinen Geschwistern den Text zu zeigen.
"Aber warum denn, wir sind doch eine Familie!" sagte Kathy.
"Aber es ist mir peinlich, ich möchte nicht!" beharrte Joey.
"Warum denn nicht?" fragte Paddy.
"Weil es ein sehr persönliches Lied ist. Es ist ein Lied über Mama."
Mama! Paddy wurde bewusst, dass er lange nicht mehr an sie gedacht hatte. Jedenfalls nicht mehr so richtig. Er dachte jeden Tag an seine verstorbene Mutter, klar, aber eben nicht so bewusst wie früher. Vielleicht lag es daran, dass er öfter an Mama dachte, wenn es ihm schlecht ging. Aber hier war er glücklich und frei... wie die kleine Taube aus I Feel Love. Doch, wirklich!
Eines schönen Morgens, als Orry schon längst wieder weg war, saßen Paddy und Angelo auf der Mauer. Es war bereits Ende Oktober, langsam drängte die Zeit. Doch die beiden saßen nur faul in der Sonne und diskutierten darüber, ob die Backstreet Boys sich trennten oder ob Leonardo heiraten wollte und ähnliche weltbewegende Fragen. Irgendwann sagte Angelo: "Ich habe Durst. Geh'n wir rein zu Hattie, ‘ne Milch trinken?" Paddy nickte, und sie rannten ins Esszimmer. Dort stockte Angelo fast der Atem: "Sara?"
Tatsächlich, neben Hattie am Tisch saß wirklich Sara! Sie war nicht weniger überrascht. "Angelo?" Angelo stürmte auf sie zu und umarmte sie. Paddy blieb lächelnd an der Tür stehen. Hattie winkte ihn in die Küche, und die beiden schlossen die Tür hinter sich. Hattie schenkte Paddy eine Milch ein und erklärte ihm, wie die Sache gekommen war:
Sara hatte am nächsten Tag in der Metro das Paket von Hattie gefunden. Sie hatte sich noch gut daran erinnert, von diesem Paket am Kopf getroffen worden zu sein. In der Hoffnung, Angelo wiederzusehen, hatte sie nun das Paket zu Hattie gebracht. Und es hatte geklappt!
Erst spät am Abend verabschiedete Sara sich wieder. Es war klar, dass sie und Angelo zusammenbleiben würden. "Na siehst du," meinte Paddy zufrieden. Angelos Augen leuchteten. "Ich habe ihr I Will Be Your Bride vorgesungen, und sie ist ganz begeistert. Wir müssen sofort ein Video dazu drehen!"
"Aber doch nicht zu acht! Wir müssen noch warten, übermorgen kommt Jimmy wieder!" sagte John.
"Ich kann aber nicht bis übermorgen warten," maulte Angelo, doch es blieb ihm ja keine andere Wahl!

 
Als Jimmy am übernächsten Morgen auf der Insel ankam, wurde er gleich von Angelo zugelabert. "Jimmy, gut dass du endlich kommst! Wir müssen ein Video drehen, bitte zieh‘ dich sofort um!"
"Was?" stöhnte Jimmy.
"Willst du nicht erstmal ‚Hallo Jimmy‘ sagen?" fragte Paddy.
Nach der Begrüßung fragte Kathy: "Hast du das Video von deinem Film dabei?" Jimmy nickte. "Klasse, das gucken wir uns gleich an!" brüllte John.
Angelo stampfte bockig mit dem Fuß auf. "Nein, ich will erst das Video drehen!"
"Kommt, tun wir ihm halt den Gefallen!" sagte Patricia ergeben. Angelo strahlte.
"Hast du dir denn überhaupt schon überlegt, was in dem Video zu sehen sein soll?" fragte Barby.
Das hatte Angelo allerdings nicht, und nervös dachten alle nach. "Ich hab's," sagte Angelo schließlich. "Am Anfang werde nur ich gefilmt, mit einer Gitarre."
"Welch eine geistreiche Idee, aber okay," sagten alle, und Angelo ging sich umziehen. "Ich filme," sagte Jimmy. "Gebt mir mal die Videokamera."
Eine längere Pause entstand. "Welche Videokamera?" fragte Maite dann.
Jimmy fixierte sie mit drohenden Blicken. "Willst du damit sagen, dass wir keine Kamera haben?"
"Wenn Mick keine hat, dann nicht."
Joey rannte zu Mick und fragte, doch eine Videokamera hatte Mick auch nicht.
Angelo kam schick angezogen aus dem Bad. "Ich bin fertig. Können wir anfangen?"
"Es gibt noch ein Problem," meinte Kathy zögernd. "Wir haben keine Videokamera!"
"Waas?" Angelos Augen weiteten sich vor Schreck und Wut. "So geht das aber nicht! Ich fahre sofort nach Paris und kaufe eine!"
Paddy hielt ihn fest. "Warte, Angelo, du bist doch schon umgezogen!"
Schließlich erbarmten sich John und Patricia und fuhren schnell in die Stadt. Währenddessen telefonierte Angelo mit Sara, doch sie wollte nicht in dem Video zu sehen sein, aus Angst vor eifersüchtigen Fans. Wütend knallte Angelo den Hörer auf. Die Aufnahmen standen nicht unbedingt unter einem guten Stern.
Da kamen auch schon Patricia und Johnny aus der Stadt zurück, mit drei Kameras. Die eine bekam Jimmy, die zweite John und die dritte wurde an Mick überreicht. "Wer knipsen kann, kann auch filmen!" sagte Johnny zu ihm.
"Wo wollt ihr Lino denn filmen?" fragte Maite.
Nach einigem Überlegen entschieden sie sich für das Schlafzimmer von Mick und Hattie. Lino setzte sich mit der Gitarre auf einen Stuhl, Hattie band ihm noch schnell die Haare zusammen, und dann surrten die Kameras von Mick, John und Jimmy. Die anderen hockten währenddessen in einer Ecke und beobachteten die Filmaufnahmen. Paddy hatte Bauchschmerzen. Am liebsten hätte er sich ins Bett gelegt. Aber er durfte ja Angelo nicht enttäuschen.
Nachdem sie ihn bei der ersten Strophe und dem folgenden Refrain gefilmt hatten, sprang Angelo zufrieden vom Stuhl. "Na bitte, klappt doch! Und jetzt brauche ich eine Außenaufnahme! Mir schwebt auch schon etwas vor... Mick, gibt es hier vielleicht irgendwo in der Nähe Klippen?"
"Ja," sagte Mick zögernd, "etwa eine Stunde von hier... da müssen wir uns wohl ein Taxi nehmen."
"Ein Taxi reicht aber nicht für uns alle!" meldete Kathy.
"Ach, ihr könnt daheimbleiben!" meinte Angelo großzügig. "Man kann ja auch nur mich filmen!"
Also fuhren Mick, Jimmy, John, Angelo und Maite, die auch noch mitwollte, mit dem Taxi weg, und die anderen blieben mit Hattie zuhause und kochten Eintopf. Gerade rechtzeitig zum Essen kamen die anderen wieder.
"Und, wie war's?" fragte Paddy.
"Cool," schwärmte Angelo. "Jetzt müssen wir nur noch ein paar Familienaufnahmen machen!"
"Hab‘ Erbarmen, Angelo!" flehte Patricia. "Wir sind todmüde, und es ist schon dunkel!" "Ich will nur noch in mein Bett!" ergänzte Johnny.
"Und was ist mit Jimmys Film?" fragte Joey nach dem Essen. "Den wollten wir doch auch noch anschauen!"
"Ach, den könnt ihr doch auch morgen noch gucken," meinte Jimmy.
Gesagt, getan. Am nächsten Morgen versammelten sich alle Kellys, einschließlich Mick und Hattie, vor der Flimmerkiste. Doch Angelo spielte wieder mal nicht mit. "Hey, wir müssen erst noch den Clip zu I Will Be Your Bride fertigdrehen!"
"Sag mal, hast du ein Problem?" fragte Maite gereizt. "Es war ausgemacht, dass wir jetzt erst Jimmys Film angucken!"
"Jetzt tun wir ihm den Gefallen," zischte Barby und flüsterte: "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!"
"Jetzt zieht euch doch um!" fauchte Angelo.
"Warum diese Hetzerei?" knurrte Jimmy.
Hektisch wühlten die Kellys in den Klamottenbergen. Es war schon fast so schrecklich wie auf Tour. Maite suchte ihre Schuhe, Kathleen entdeckte Zahnpastaflecken auf ihrem Kleid, Sean rannte überall dazwischen und Paddy und John stritten sich wieder um dieselbe Hose. Doch dieses Mal gewann Paddy.
Angelo riss die Tür auf. "Waaas? Ihr habt ja noch nicht mal die Haare gemacht!"
"Nur keine Eile!" brummte Jimmy.
Paddy nahm auf einem Stuhl Platz, und Hattie kam mit Kamm und Bürste auf ihn zu. "Na, Paddy, wie möchtest du deine Haare? Wieder Zöpfe?"
"Ich weiß nicht genau..."
"Ich mach‘ dir einen Vorschlag: ich mach‘ dir an den Seiten zwei dünne Zöpfe, und den Rest lassen wir offen, okay?"
"Okay! Das ist gut!"
Hattie kämmte Paddys Haare und seufzte: "Einmal möchte ich solche Haare haben!"
"Tja, das hättest du sagen müssen, bevor Jimmy seine abgeschnitten hat. Vielleicht hätte er sie dir für eine Perücke gegeben!"
"Wer lästert da über meine Haare?" tönte Jimmys Stimme aus dem Klo.
"Beeilt euch doch gefälligst!" fluchte Angelo.
Joey und Maite hatten inzwischen das Keyboard und einige Gitarren vom Keller hochgeschleppt und im Wohnzimmer aufgebaut. "Okay, seid ihr alle bereit?" fragte Mick konzentriert. Er filmte jetzt als einziger, denn Jimmy und John mussten ja auch im Video zu sehen sein.
Alle joggten an ihre Instrumente. "Kamera ab!" Angelo saß in der Mitte des Raumes und fing sanft an zu singen: "I will be your bride, be there truly by your side, I will be your... hey, wer lacht da?"
Kathleen und Paddy beugten sich johlend über das Keyboard.
"Ihr seid gemein!" schrie Angelo entrüstet.
"Sie hat angefangen!"
"Nein, er!"
"So geht das nicht!" fauchte Angelo.
"Klappe, die Zweite!"
Doch immer wieder ging irgendetwas schief.
"Klappe, die Fünfzehnte!"
"Angelo, wollen wir nicht eine Pause machen?" fragte Jimmy erschöpft.
"Kommt nicht in Frage!"
Erst spät in der Nacht war Angelo völlig mit dem Resultat zufrieden. "So, das ist prima! Jetzt können wir meinetwegen den Film von Jim angucken!"
"Angelo, es ist kurz nach zwei!" ächzte Barby.
"Na, dann gucken wir das Zeugs halt morgen!"
"Du hast vielleicht Nerven!" stöhnte Joey.

Am nächsten Morgen machten es sich die Kellys wieder vor dem Fernseher gemütlich. Hattie hatte sogar Chips und Limonade gekauft. Doch einer hatte wieder was zu meckern, und das war – Angelo! "Ich will aber erst den Clip von I Will Be Your Bride angucken!"
"Sag‘ mal, geht's dir zu gut?" fragte Paddy entnervt. "Seit Tagen freuen wir uns auf diesen Film..."
"Aber ich muss doch sehen, ob das Video gut geworden ist," beharrte Angelo.
"Du hast zwei Möglichkeiten!" sagte Kathy streng. "Entweder guckst du jetzt mit uns Jimmys Film an, oder du gehst weg und hörst auf zu nerven!" Beleidigt hockte Angelo sich hinters Sofa und schmollte.
Der Film war einfach klasse. Jimmy spielte den fiesen Ehemann sehr überzeugend. Es war ein richtig tragischer Film, der auch Angelo bald hinterm Sofa hervorlockte. Jimmys Filmpartnerin war eine sehr hübsche junge Frau mit rötlichen Haaren, und am Ende der Story erstoch sie ihn. Auch der taubstumme Mann, der ihren Vater spielte, war großartig. Er wurde von Jimmy die Treppe hinuntergestoßen, und da klinkten bei seiner Frau alle Sicherungen aus.
"Und," fragte Jimmy am Schluss, als er das Video aus dem Recorder nahm, "wie hat es euch gefallen?"
"War total super!" sagte Paddy.
"Du hast total klasse gespielt!" meinte John.
"Und du bist ein voll guter Schauspieler!" meinte auch Joey.
"Ich musste am Schluss fast heulen," gestand Maite.
"Freut mich, dass es euch gefallen hat!" meinte Jimmy stolz.
"Wie heißt denn deine Filmpartnerin?" fragte Barby.
"Oh," sagte Jimmy, "sie heißt Cherie Blanco."
"Die hat auch sehr überzeugend gespielt," sagte Barby.
"Und sie ist auch voll hübsch!" meinte Angelo.
"Das hast du schon gesagt!" meinte Jimmy. "Und dafür darfst du uns jetzt auch I Will Be Your Bride vorspielen!"
Und so geschah es. Das Video war wirklich sehr gut geworden!
Maite nahm das Video aus dem Recorder und fragte: "Meint ihr, das können wir unserer Plattenfirma präsentieren?"
"Klar doch!" meinte Angelo.
Paddy packte die Videokassette gleich in ein Päckchen und beschriftete es. "Wir müssen es heute noch zur Post bringen. Angelo, machst du das?"
"Brauch‘ ich nicht, jetzt hab‘ ich meine große Liebe gefunden," winkte Angelo ab.
"Bist du doof! Ich gehe ja schon," sagte John.
"Das ist lieb von dir," meinte Paddy. "Ich glaube, ich gehe dann mal hoch in mein Zimmer. Kommst du mit, Barby? Barby?"
Doch sie war wie vom Erdboden verschluckt. Kopfschüttelnd ging Paddy in sein Zimmer, warf sich auf sein Bett und blätterte in der Tageszeitung. Erst einige Stunden später betrat Barbarina mit abwesendem Gesicht das Zimmer.
"He, ist was?" fragte Paddy.
Barby Ann setzte sich nachdenklich auf Paddys Bett. "Paddy, ich brauch‘ emol deine Hilfe!"
"Aber klar doch!" sagte Paddy und setzte sich im Bett auf. "Womit kann ich dienen, liebste Schwester?"
"Ich habe ein Lied über Jimmys Film geschrieben," sagte Barby zögernd. "Hier ist der Text. Es heißt Hooks."
Paddy las den Text durch und sang die Melodie vor sich hin. "You got me on your hooks! Hey, ist doch
klasse!"
"Meinst du?" fragte Barby zögernd.
"Klar, es ist ein schönes Lied! Wo liegt das Problem?"
"Ich traue mich nicht, es allein zu singen."
"Dann sing‘ ich mit dir."
"Das würdest du tun?"
"Logo. Ich lass‘ dich doch nicht hängen, Babsarella!"
"Prima!" sagte Babs und freute sich.

Einige Tage später lasen Paddy und Babsi den anderen den Text vor. Er erinnerte wirklich sehr auch den Film, auch wenn sie einen Teil davon schon vor fünf Jahren geschrieben hatte. Aber die anderen fanden das Lied echt super. Barby konnte wirklich schreiben! Schnell komponierten sie zusammen noch eine geile Melodie, und dann sangen sie das Lied. Barby war etwas schüchtern und traute sich erst nicht, ihren Gesang aufzunehmen. "Ich mag meine Stimme nicht. Es ist mir peinlich, sie auf Band aufzunehmen!"
"Aber Barbarella, früher hast du doch auch gesungen!"
Doch Barby war nicht dazu zu bewegen. "Ich kann nicht!"
Paddy vermittelte zwischen ihr und den anderen. "Wisst ihr was, macht ihr doch mal eine Pause. Ihr könnt was trinken gehen oder was spielen. Barby und ich machen das jetzt allein!"
Hocherfreut verließen die Geschwister das Studio, Barbie und Paddy schnappten sich ihre Gitarren und legten los. Barby hatte nun keine Hemmungen mehr, und alles klappte großartig. Paddy rief die anderen wieder herein, und sie nahmen den Gruppengesang auf. Das Resultat war spitze.
"Hooks ist bis jetzt eins der besten Lieder!" fand Paddy.
"Ja, es ist wirklich gut!" meinte sogar Maite.
"Was glaubst du, wie stolz Orry sein wird, wenn er das Lied hört," sagte Angelo.
"Meinst du wirklich?" fragte Barby mit leuchtenden Augen.
"Klar," nickte Joey. "Was ist, wollen wir ihm vielleicht die Demokassette schicken?"
Alle fanden, dass das eine gute Idee war. Patricia packte schnell das Päckchen und brachte es zur Post. Von dort kam sie gleich mit einem anderen Paket für die Kellys zurück. Absender: Adam Kelly!
Überrascht packten sie das Paket aus. Heraus fiel eine Videokassette, die von I Will Be Your Bride!
"Hä, wie kommt Adam an das Video?" rief Jimmy erstaunt.
"Ach, wisst ihr, Adam ist jetzt der Geschäftsführer von Kel-Life," gestand Paddy. "Hab‘ ich euch das noch net gesagt?"
"Allerdings nicht!" stöhnte Joey. "Das sind ja tolle Neuigkeiten!"
"Aber warum schickt er uns das Video zurück?" fragte Angelo.
"Vielleicht hat es ihm nicht gefallen," meinte Johnny. "Hier ist noch ein Brief." Er las ihn durch und stöhnte genervt auf.
"Was ist denn los?" fragte Angelo.
"Adam will, dass wir noch ein Video zu dem Song drehen!" erklärte Johnny.
"Warum denn das?" wollte Joey wissen.
"Das schreibt er nicht so genau. Nur, dass er es unserem Vater vorgespielt hat, und der will jetzt, dass wir ein zweites Video drehen!"
"Das ist fies von Vater!" zischte Paddy.
"Es geht ihn doch einen Scheißdreck an, wieviele Clips wir drehen!" brüllte Jimmy.
"Wir machen das nicht! Vater kann uns zu nichts zwingen, er ist nicht mehr der Geschäftsführer unserer
Firma!" meinte Kathy.
"Nein, aber Adam berät alles mit ihm! Und Adam schreibt auch, wenn wir nicht tun, was er verlangt, wird er entsprechende rechtliche Schritte gegen uns einleiten!" verkündete Johnny. Alle waren starr vor Entsetzen.
"Das kann er doch nicht machen!" wimmerte Barby.
"Und ob er kann!"
Die Kellys setzten sich zusammen und berieten. Alle waren sauer auf Vater und Adam. "Können wir Adam denn nicht abwählen?" fragte Maite, und Angelo sagte: "Wir übernehmen einfach selbst die Firma!"
Kathy schüttelte den Kopf. "Das führt doch zu nichts. Adam wird seinen Posten nicht so einfach aufgeben, und Papa wird ihn darin noch bestärken. Hilft alles nichts. Wir müssen das Video drehen."
"Dann drehen wir ein ganz blödes Video, mit dem sie nichts anfangen können!" schlug Paddy vor. Doch Kathy war nicht einverstanden. "Und das schicken sie dann womöglich noch an VIVA! Nein, wenn schon, dann machen wir auch ein gutes Video!"
"Hast du denn schon eine Idee, was wir jetzt filmen können, Lino?" fragte Joey.
Angelo schüttelte den Kopf. "Nee, keine Peilung!"
"Lenken wir uns erst mal ein bisschen ab!" meinte Maite. "Schauen wir nochmal Jimmys Film!"
Sie guckten ihn genau an. Angelo war besonders von der Rolle des taubstummen Vaters begeistert. "Das ist bestimmt eine schwierige Rolle. Vielleicht könnte man sowas im Video darstellen?"
"Wie meinst'n du das?" fragte Paddy.
"Na ja, ich könnte doch auch diese Zeichensprache lernen und dann im Video zeigen. Die Zeichen von dem Text!"
"Das ist eine tolle Idee!" meinte Kathleen langsam.
"Prima!" schrie Angelo. "Jimmy, du musst mich sofort zu diesem Mann fahren! Er soll mir alles beibringen!"
"Aber Angelo, dieser Schauspieler wohnt in Irland!" sagte Jimmy erschrocken.
Angelo sprang auf. "Na und! Ich bezahle dir den Flug von meinem Geld!"
Mick musste die beiden also zum Flughafen bringen. Die anderen saßen zuhause und staunten. "Angelo kann ja richtig eifrig werden!" wunderte sich Barby.
Den Abend verbrachten sie im Haus und guckten Fernsehen. Danach spielte Johnny mit Sean Lego, Maite und Hattie stricken Socken und Paddy sah sich genau die Dackelsammlung von Mick an.
Erst am nächsten Nachmittag kamen Angelo und Jimmy wieder. "Na, wie war's denn?" fragte Maite gleich.
"Klasse," gestanden die beiden. "Angelo hat sich alle Zeichen des Textes beibringen lassen!" "Und Jimmy hat eine Frau besucht!" gestand Angelo listig. Jimmy gab ihm einen Schubs. "Sei ruhig, das soll doch keiner wissen!"
"Und wo wollen wir den Clip jetzt drehen?" fragte John.
Darüber hatte sich noch keiner Gedanken gemacht. Am liebsten wollten sie ja draußen auf der Insel filmen, doch es war ein heftiger Regentag. Schließlich hatte Hattie die rettende Idee: "Ihr könnt das Video doch in unserer Waschküche drehen!"
So geschah es. Jimmy, John und Mick filmten Angelo, der in der Mitte der Waschküche stand, und ab und zu liefen auch die anderen Kellys durchs Bild oder machten Quatsch. Alle außer Angelo trugen wieder genau dieselben Klamotten wie beim ersten Video, darauf hatte er bestanden. Johnny musste also wieder seine Hose an Paddy abtreten und war darüber sehr erzürnt.
In einer Drehpause fragte Paddy Angelo: "Sag‘ mal, kannst du mir auch ein paar von den Dingern beibringen? Man weiß ja nie, wen man mal damit beeindrucken kann..."
"Ja, okay," sagte Angelo und zeigte Paddy ein paar von den Zeichen. Doch Paddy raffte die ganze Sache nicht. "Wie geht das? So?" "Nein, falsch, so!" Angelo verbog Paddys Finger. "Ach, ich kann das ja doch nicht," maulte Paddy. Plötzlich fiel ihm auf, dass Johns Videokamera surrte. "Hey, sagt bloß, ihr nehmt das auf?!"
"Genau!" meinte John und schaltete das Band ab. Paddy wurde blutrot.
Eine Stunde später war der Clip im Kasten. Er war fast so gut wie der erste geworden. "So, jetzt kann Vater aber nichts mehr meckern!" meinte Kathy und packte die beiden Videokassetten in ein Päckchen, das Maite dann zur Post brachte.
"Wir müssen auch mal wieder neue Songs aufnehmen!" meinte John. "Wer hat was Neues geschrieben?" Doch keiner meldete sich. "Nicht so schüchtern!" befahl Johnny. "Maite, du singst doch ständig!"
Maite brachte ihnen ein Ständchen. "We'll take it easy, we'll take it slow, we're gonna dance to the Rock'n'Roll! Weiter bin ich noch nicht, tut mir Leid!"
"Mann, die Platte muss bald fertig werden!" meinte Johnny. "Wenn jetzt I Will Be Your Bride als Single veröffentlicht wird, müssen wir bald das Album fertig haben! Schreib‘ das Lied fertig!"
"Ist ja gut!" brummte Maite.
Bevor sie ins Bett gingen, drehten Paddy und Angelo im Dunkeln noch eine Runde ums Haus. "Wer ist die Frau, die Jimmy besucht hat?" fragte Paddy.
"Seine Filmpartnerin. Cherie Blanco. Sie wohnt in Dublin."
"Läuft da was?"
"Kann schon sein."
Sie setzten sich auf die Mauer und blickten in den Sternenhimmel. Es war sehr kalt. Paddy rieb seine Finger und sang leise: "Hey little pigeon, where are yo coming from..."
"Morgen ist der erste November," sagte Angelo. "Bald ist Winter."
"Ja. Ich weiß."

"Hast du den Song fertig geschrieben?" fragte John Tage später beim Frühstück.
"Ja doch!" sagte Maite genervt. "Hab‘ ich!"
"Was nehmt ihr denn heute auf?" fragte Sean neugierig.
Maite biss in ihr Marmeladebrot. "Mein neues Lied. Es heißt Dance To The Rock'n'Roll."
"Ach so, das kenne ich!" Sean krähte fröhlich drauflos: "We'll take it easy, we'll take it slow, we're gonna dance to the rock'n'roll!" Grinsend lauschten die anderen. "Hey, der kann ja echt singen!" staunte Joey.
"Mein Kind!" triumphierte Kathy.
"Sean, willst du nicht mit Maite zusammen das Lied singen?" fragte Paddy ihn spontan. Sean nickte aufgeregt.
"Aber Paddy, du musst auch mitsingen!" meinte Maite.
"Och nee, doch nicht schon wieder!"
"Oh doch, du musst!"
Gegen Mittag wurde Paddy plötzlich krank und bekam Fieber.
"Vielleicht hast du was Schlechtes gegessen!" meinte Joey.
"Mein Essen ist nicht schlecht!" sagte Hattie. "Außerdem bekommt man davon kein Fieber!"
"Vielleicht sollten wir Paddy erst mal ins Bett stecken!" meinte Kathy.
Also durfte Paddy sich ins Ehebett von Hattie und Mick legen, bekam Hustentee gekocht und Fieber gemessen. Paddy genoss es, so umsorgt zu werden. Nur in einem Punkt war er unzufrieden: Hattie wollte ihm das Fieberthermometer in den Mund stecken.
"Aber man misst doch unter den Achseln Fieber," versuchte er ihr zu erklären.
"Bei mir nicht, das wird nur ungenau," meinte Hattie und steckte ihm schnell das Thermometer in den Mund, und Paddy konnte nur noch "Gluck, gluck" ächzen.
Nach ein paar Minuten stellte sich heraus: Paddy hatte 39°C Fieber.
"Schlaf‘ dich erst mal gesund," meinte Hattie liebevoll.
Paddy schlief etwa zwei Stunden. Zwischendurch wachte er kurz auf und hatte Kopfschmerzen. Er war total schlapp und fror und schlief schließlich wieder ein. Plötzlich wurde er von Maite geweckt. "Paddy, steh‘ auf, wir müssen jetzt Dance To The Rock'n'Roll aufnehmen!"
"Fieber... müde... krank..." flüsterte Paddy mit erstickter Stimme.
"Mann Maiti, jetzt lass‘ ihn doch schlafen!" mischte sich Jimmy ein.
"Aber wir stehen doch unter Zeitdruck!" behauptete Maite.
"Quatsch, wir können uns Zeit lassen, solange wir wollen, niemand kann uns reinreden!" widersprach Jimmy.
"Denkste! Wir haben schon eine Single veröffentlicht, die Fans warten auf's Album!" erklärte Angelo.
Um Streit zu vermeiden, erklärte Paddy sich bereit, aufzustehen. Doch kaum hatte er das warme weiche Bett verlassen, wurde ihm schwindelig, und er musste sich an Jimmy und John festhalten, um nicht umzufallen.
"Das ist doch albern, Pad. Du gehörst ins Bett!" sagte John.
Maite verschränkte die Arme vor der Brust. "Kommt ja gar nicht in die Tüte! Der singt jetzt!"
Schließlich trugen Mick und Jimmy Paddy auf einem kleinen Sofa hinunter ins Studio. Dort wurde Paddy in dicke Decken gewickelt, Joey drückte ihm die Gitarre in die Hand, und sie fingen an. Paddy gab sein Bestes, Sean kreischte auch begeistert ins Mikro, und Maite ging sowieso ab wie eine Rakete.
"Na seht ihr! Bald sind wir fertig!" meinte Patricia später hochzufrieden.
Joey wedelte mit den Armen und verlangte nach Aufmerksamkeit. "Hey, hey, hey! Erinnert ihr euch noch an mein Disco-Intro? Der Text dazu ist fertig!"
"Das sagst du erst jetzt?" schrie Barby. "Zeig‘ her!"
Schnell lasen sich alle den Songtext durch. Das Lied hatte den Titel MaXimum erhalten.
"Ja doch, der Titel passt!" meinte Kathy.
Paddy war allerdings zu schwach, um auch noch dieses Lied mit aufzunehmen. Er durfte nach oben gehen und sich wieder ins Bett legen. Stunden später kamen seine Geschwister und spielten ihm den fertigen Song vor. Paddy war begeistert, der Song hatte echt Power!
Zum Abendessen verließ Paddy das Bett, denn er hatte schon wieder Appetit. "Das ist ein gutes Zeichen," meinte Hattie und häufte ihm Salat auf seinen Teller.
"Wann gibt's denn mal wieder Lee-Wann-Sell?" fragte Paddy.
"Wenn du willst, gleich morgen."
"Yeah!"
"Sagt emol," fragte Maite kauend, "wir haben doch jetzt schon zwölf Lieder aufgenommen. Meint ihr nicht, wir könnten jetzt langsam mal aufhören?"
"Stimmt, es reicht eigentlich," meinte Angelo.
"Hey, dann sind wir ja fertig!" meinte Joey aufgeregt. "Welch ein Gefühl!"
Plötzlich sagte Mick: "Es passt jetzt nicht zum Thema, aber wisst ihr, dass die Fotos von Hatties Geburtstag fertig sind?"
"Geil, die wollen wir sehen!" sagte Jimmy.
Also versammelten sich alle im Wohnzimmer, und Mick führte ihnen die Dias vor.
"Mick, du fotografierst ganz toll," sagte Kathy langsam. "Willst du nicht die Coverfotos für unser Album machen?"
"Ja, bitte!" riefen die anderen.
Mick wurde rot. "Natürlich, gerne! Welch eine Herausforderung..."
"Wenn das Album fertig ist, haben wir ja eigentlich etwas zu feiern," meinte Hattie nach dem Diavortrag. "Mick, im Keller ist noch eine Flasche Sekt..."
Minuten später saßen sie am Esstisch. Hattie füllte die Gläser und meinte: "Und jetzt trinken wir auf... ja, wie heißt das Werk denn eigentlich?"
"Oh oh – darüber haben wir uns ja noch gar keine Gedanken gemacht!" sagte Joey.
"Denkt euch was aus."
"Es muss ein Name sein, der gut passt und alles beschreibt!" erklärte Patricia. Als hätten das nicht schon alle gewusst.
"Tja, wo kommt das Album denn her?" fragte Johnny.
"Von Hattie und Mick. Von ihrer Insel. FROM THEIR ISLAND!" rief Maite begeistert.
"Ach was, das klingt blöd," sagte Kathy.
"Dann eben anders," meinte Joey zögernd. "Sie haben so viel für uns getan... es kommt aus den Herzen von Mick und Hattie. FROM THEIR HEARTS! Ist das nicht super?"
"Ja!" riefen alle.
"Ihr seid so lieb!" schluchzte Hattie.
Dann tranken sie alle Sekt und wurden fröhlich. "Irgendwo müssten wir auch noch eine Kassette haben, die Yvonne mir mal geschickt hat. Ah, hier!" sagte Hattie und kramte im Schrank. Bald tönte Hope Of Deliverance von Paul McCartney durchs Zimmer, und die Kellys tanzten bis Mitternacht Polonaise durchs Haus und spielten draußen Fangen und Verstecken, wobei auch Hattie und Mick mitmachten. Als es ihnen zu kalt wurde, gingen sie wieder ins Haus. Die Kassette lief noch immer. Aber dieses Lied kannte Paddy nicht. "Hattie, wie heißt das?"
Hattie sah auf die Kassettenhülle. "Das ist Sunny Came Home."
Er liebte es vom ersten Moment an.
Paddy setzte sich direkt neben den Kassettenrecorder, und immer wenn das Lied zuende war, spulte er es zurück. Sie hörten bestimmt eine Stunde lang nur Sunny Came Home. Es war ein großartiges Lied. Paddy hatte das Gefühl, nie wieder Don't Give Up oder ein anderes Lied hören zu wollen. Es kam ihm plötzlich alles so anspruchslos vor. Nur I Feel Love war nicht so.
Spät am Abend fielen die Kellys wie Steine in die Betten. Doch sie waren glücklich. Das Album war fertig, und es war erst Mitte November. Hurra!

 
Am nächsten Morgen standen Mick und die Kellys früh auf, denn sie wollten die Coverfotos schießen, um Kel-Life bald das Resultat vorlegen zu können.
"Darf man das Werk auch mal hören?" fragte Mick.
"Klar, gleich nachher, wenn wir mit den Fotos fertig sind, kannst du es dir anhören," sagte Paddy.
Alle Kellys hatten sich schick gemacht, und Mick gab seine Anweisungen. "Und jetzt setzt euch mal alle vor den Baum. Kathy, schön lächeln! Und jetzt kommt ihr mal von da hinten hergelaufen!" Hattie kam zwischendurch zu ihnen ins Freie und versorgte sie mit Schokolade.
"So einen Fototermin lasse ich mir gerne gefallen," sagte Paddy zu Angelo. "Keine Hetze, aber dafür Süßigkeiten!"
Barby hatte ein wunderschönes weißes Kleid angezogen. Ob sie Heiratsabsichten mit Orry pflegte? Sie konnte ihm ja I Will Be Your Bride vorsingen. Joey stellte sich cool in den Hof und breitete die Arme aus. Dabei gröhlte er den Text von MaXimum. Paddy und Johnny stritten sich wieder um die gleiche Hose. Leider war sie bei der Wäsche eingegangen und passte John nicht mehr, so dass Paddy sie anziehen konnte. John war sauer und boykottierte den Rest der Fotos.
"Mir ist was ausgefallen," sagte Patricia bei einer Gruppenaufnahme zu Barby. "Du singst ziemlich wenig auf dem neuen Album. Das ist nicht gut. Kannst du nicht noch einen Song beisteuern?"
"Aber ich habe nichts geschrieben!" sagte Barby.
"Aber du bist doch verliebt!" meinte Joey. Doch Barby hatte nichts anzubieten.
"Wir können ja einen alten Song von Babs wiederveröffentlichen!" schlug Angelo vor.
"Von mir aus!" meinte Barby. "Aber nicht schon wieder Break Free!"
"Wie wäre es denn mit Sweetest Angel?" fragte Paddy. "Das ist doch nur auf der Single von Because It's Love erschienen!"
"Ja, mach‘ ich."
Als Mick mit den Fotos fertig war, rief Maite: "Sorry, wir müssen noch was aufnehmen!" Und sie rannten in den Keller.
Dort bekam Barby ein Akkordeon in die Hände gedrückt, und sie sang Sweetest Angel mit frischer Power. Der Song war schon einige Jahre alt, und so dauerte es einige Zeit, bis sie sich wieder richtig eingesungen hatten. Doch dann klappte alles super, und als sie fertig waren, fragte Barby: "Seid ihr jetzt zufrieden?"
"Ja, echt!" meinte Johnny. "Hurra, endlich sind wir fertig!"
"Leute, ich will euch ja keine Angst machen," sagte Patricia langsam, "aber das Album hat jetzt 13 Songs. Ist das nicht eine schlechte Zahl?"
"Oh Gott, das ist bestimmt ein Zeichen, das bringt Unglück!" wimmerte Maite. Ratlos saßen die Kellys im Studio herum.
"Hey Leute," sagte Joey schließlich, "also, ich bin kein bisschen abergläubisch, und wieviele Songs auf dem Album sind, interessiert mich einen Scheiß. Aber wenn es euch beruhigt, ich habe noch einen Song geschrieben..."
"Du bist unsere Rettung!" jubelte Barbie. "Meinst du deinen Secret Song?" Joey nickte.
"Sing mal vor!" bat Paddy. Doch Joey weigerte sich. "Das kannst du nicht von mir verlangen!"
"Aber warum nicht?" fragte Jimmy verständnislos. "Hattie und Mick sind jetzt beim Einkaufen, wir sind ganz unter uns!" "Als ob es mir darum ginge! Ich kann euch das Lied nicht vorsingen, das ist mir peinlich!" fauchte Joey.
"Wir verstecken uns alle hinter dem Sofa!" schlug Johnny vor, doch das fand Joey auch nicht gut. "Ja, was machen wir denn da?" fragte Angelo verzweifelt. "Wenn Joey uns nicht vorsingen kann, sehe ich schwarz für das Lied. Wie dumm, dass Joey zu schüchtern ist!"
"Ich – schüchtern??" Joey plusterte sich auf. "Wisst ihr was? Ich fahre jetzt mit dem Boot raus auf die Seine, und dann singe ich euch von dort aus vor!"
Die anderen waren einverstanden und gingen alle ans Ufer. Sie froren sehr, auch wenn die Sonne schien. Joey stieg in das Boot und ruderte mit verbissenem Gesicht auf den Fluss hinaus. Die Augen der Geschwister folgten ihm aufgeregt.
In der Mitte der Seine stand Joey plötzlich im Boot auf. Er schaute direkt in die Sonne und brüllte plötzlich los:
"Hallelujah to my mama, hallelujah, she's in heaven! Hallelujah to my mama, she's in heaven, heaven!"
Als Joey zurück ans Ufer gerudert kam, meinte Paddy: "Hey Joe, das war doch super! Ich kann gar nicht verstehen, warum dir das peinlich war!"
"Mmhh," brummte Joey und blinzelte treuherzig.
"Was ist, nehmen wir den Song auch noch auf?" fragte Kathleen. "Dann haben wir 14 Lieder!"
Die Familie stürmte ins Studio. Mikros an, Instrumente an die Pfoten, und los ging's! Joey setzte sich auf den Boden, nahm das Mikro in die Hand und sang. Paddy und Jimmy blödelten mit ihren Gitarren herum, und mitten im Song sprang Barby auf und tanzte durch den Raum. Es herrschte einfach eine super Stimmung. Der Song, inzwischen Hallelujah betitelt, war in einer halben Stunde aufgenommen.
"Jetzt sind wir wirklich fertig!" sagte Patricia andächtig.
"Wenn Mick und Hattie zurückkommen, können wir ihnen das Album schon vorspielen!" rief Angelo und wollte die Treppe hinaufrennen. "Mick, Hattie, seid ihr schon da?" Barby hielt ihn zurück. "Nein, Lino, warte!"
"Warum?" Alle sahen sie erstaunt an.
Barby erklärte: "Orry hat mir erzählt, dass Mick morgen Geburtstag hat..."
"Oh nein! Und wir haben kein Geschenk!" rief Maite verzweifelt.
"Das meine ich doch," sagte Barby. "Wollen wir nicht lieber bis morgen warten? Dann können wir nämlich Mick die CD als Erstes vorspielen. Das ist doch ein einmaliges Geschenk!"
"Eine tolle Idee!" meinte Paddy. "Wir müssen sowieso noch mal alles anhören und perfektionieren!"
Die ganze Nacht verbrachten die Kellys im Studio. Sie nahmen noch einige Gitarrenparts auf, und Maite sang eine Strophe bei Oh It Hurts neu.
"Willst du I Feel Love nicht noch mal umtexten?" fragte John Paddy ironisch, doch der lehnte dankend ab.
Paddy und Kathy blieben am längsten auf. Sie arbeiteten noch an dem Band herum, als die anderen schon lange im Bett lagen. Irgendwann sagte Kathy: "Es ist fast fünf Uhr morgens. Komm, gehen wir auch schlafen." Sie hatte ein glückliches Lächeln im Gesicht und schon lange nicht mehr von ihrem Soloalbum gesprochen. Kath löschte das Licht, und Paddy folgte ihr nachdenklich.
"Vater wird schon sehen, dass wir es auch ohne ihn schaffen!"

"Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday dear Mick, happy birthday to you!"
Erschrocken guckte Mick unter der Bettdecke hervor. "Oh!"
"Guten Morgen, Mick, und alles Gute zum Geburtstag!" sagte Joey.
"Das kann ich nicht glauben!" murmelte Mick. Hattie hatte schon ein wunderschönes Geburtstagsfrühstück vorbereitet und schenkte ihrem Mann einen Strauß von 64 roten Rosen, denn Mick wurde 64 Jahre alt.
Beim Frühstück ließ Johnny dann die Bombe platzen. "Mick, da du heute Geburtstag hast, darfst du als Erster unser neues Album FROM THEIR HEARTS hören!" "Und Hattie natürlich auch!" setzte Jimmy hinzu.
"Wahnsinn!" flüsterten die beiden. Dann langten alle erst mal beim Frühstück so richtig zu. Plötzlich klingelte es. "Ob das wohl Orry ist?" fragte Mick. "Er wollte doch gar nicht kommen." Mick und Hattie liefen zur Tür. Plötzlich kam Hattie wieder gerannt und raunte den Kellys zu: "Es ist euer Vater!"
"Vater?" zischte Patricia mit blassen Lippen.
"Was machen wir jetzt nur?" flüsterte Paddy eingeschüchtert.
"Wir machen ihn eifersüchtig!" zischte Maite und lachte leise.
Mick betrat, gefolgt von Vater Dan, das Esszimmer. Paddy zuckte leicht zusammen, als er seinen Daddy sah. Dan war braungebrannt, aber irgendwie war er auch blaß. Er nickte seinen Kindern kurz zu, dann setzte er sich an den Tisch, und Hattie schenkte ihm Kaffee ein. Keiner wagte zu sprechen.
"Wie geht es euch?" fragte Dan irgendwann mürrisch.
"Uns geht's super!" sagte Angelo mit übertrieben munterer Stimme. "Wir gehen oft in die Stadt..."
"... wir lernen schon mal nette Leute kennen..." ergänzte Patricia.
"... und außerdem ist das Album fertig," schloss Jimmy ab.
"Was?" quakte Dan.
"Ja, und es ist ein echtes Hammeralbum geworden!" sagte Paddy ernst.
"Wir haben eine Menge tolle Balladen drauf..." erzählte Tricia.
"... und einige tolle Disco-Rocksongs!" fügte Joey bissig hinzu.
Frustriert sah Dan auf seinen Teller.
"Und was hast du so gemacht?" fragte Paddy.
"Ich, ich," stotterte Dan und wurde leicht rot. "Nichts außer einer Menge Fehler." Er sah aus, als wolle er gleich weinen.
Mick beugte sich über den Tisch und zwinkerte den Geschwistern zu. "Darf Dan vielleicht an meinem Geschenk teilhaben?"
"Klar," lachten die Kellys, "alle ab in den Keller!"

Dan, Mick und Hattie nahmen im Studio auf dem kleinen Sofa Platz. Angelo legte die Kassette in den Recorder, und Paddy stellte sich in die Mitte des Zimmers. "Ladies and Gentlemen, we'd like to present FROM THEIR HEARTS, the new album of The Kelly Family!" Er war aufgeregt, denn er wusste, dass als erstes Lied I Feel Love kam.
Und so war es auch, schon donnerte das Gitarren-Intro durch den Raum. Dan horchte auf. "Das kenne ich!" rief er. "Aber warum habt ihr den Text umgeschrieben?"
Paddy gab ihm keine Antwort. Vater war echt der Letzte, dem er DAS erzählen würde. Paddy hatte sowieso schon wieder Tränen in den Augen und war, wie er fühlte, knallrot im Gesicht, doch es war ihm egal. I Feel Love war nun mal sein allertollstes, allerschönstes Lieblingslied.
Danach kam der Song Hooks. Auch hier war Vater überrascht. "Barby und Paddy, diese Kombination hatten wir auch schon eine Weile nicht mehr! Wovon handelt dieser Song?" "Von meinem Film," sagte Jimmy. "Den hast du auch noch nicht gesehen." "Ah ja," sagte Dan. Mehr nicht.
Als die ersten Töne von Please Don't Go ertönten, fragte Dan: "Wer hat da Klavier gespielt?" "Das war Pad," riefen alle durcheinander. Dan stieß einen Pfiff aus.
Paddy schielte vorsichtig zu Patricia hin. Weinte sie? Nein, sie blieb ganz cool.
Paddy beschloss, dass die ersten drei Songs, also I Feel Love, Hooks und Please Don't Go, seine Lieblingslieder auf der neuen Platte waren. Denn dann kam Johns Song I Really Love You. Paddy musste sich wieder das Lachen verbeißen, als er die ersten Sätze hörte. Doch er wollte John ja nicht wehtun.
Alle waren gespannt, was Dan zu Lied Nummer 5, also MaXimum, zu sagen hatte. Und als er das funkige Intro hörte, verzog Vater Dan wirklich zuerst das Gesicht. Doch als dann der Kelly-Familienchor einsetzte, schien er zufrieden zu sein. Auch Oh It Hurts schien ihm gut zu gefallen, und bei Yo Te Quiero klatschte er sogar begeistert mit. "Das ist ja großartig!"
Als schließlich das Intro von Dance To The Rock'n'Roll ertönte, wurde Vater sofort wieder hellhörig. "Ist das Hattie, die da singt?"
"Quatsch, Hattie hat doch keine Babystimme!" widersprach Joey.
"Maite?"
"Nein," sagte Paddy grinsend. "Es ist Sean."
"Du?" schrie Dan und zeigte auf Sean, der sich kaugummikauend auf dem Sofa vergnügte. Sean nickte fröhlich. Dan schnappte sich seinen Enkel, setzte ihn auf seinen Schoß und knuddelte ihn. "Ich bin ja so stolz auf dich!" Sean spuckte seinem Opa vor Freude seinen Kaugummi ins Gesicht.
Während dem nächsten Song, es war Why Don't You Go, waren alle damit beschäftigt, Dans Bart von dem klebrigen Kaugummi zu befreien. Das war Paddys Glück, denn hätte Dan bei diesem Song genau auf den Text geachtet und sich selbst darin erkannt, hätte es bestimmt wieder Stress gegeben.
Dann kam Kathys Song You're Losing Me, und Dan kam aus dem Loben gar nicht mehr heraus. Und auch You Got Me Rockin‘ Now beeindruckte ihn sehr. "Das ist ein toller Rocksong, den müsst ihr unbedingt live singen!"
Bei der Textzeile "My daddy said I was born wild!" aus Maites Strophe musste Dan schmunzeln. "Habe ich das wirklich gesagt? Nun ja, stimmen tut's ja!"
Auch den Song Hallelujah fand Dan toll. "Dass ihr ein Lied über eure Mutter geschrieben habt, ist bewundernswert. Prima, Joey! Bist ja doch ein netter Junge!" Er strich Joey über den Kopf, und der zog heimlich eine Grimasse.
Bei den ersten Zeilen von Sweetest Angel rief Dan aus: "Das Lied kenne ich ja schon! Warum wollt ihr es wiederveröffentlichen?"
"Mir ist nichts Neues eingefallen," sagte Barby.
"Und außerdem war das Lied nur auf der B-Seite einer Single," wurde sie von Patricia unterstützt. "Nun gut."
Dann kam das letzte Lied, Angelos Single I Will Be Your Bride. Dan sagte: "Den Song kenne ich. Ihr habt ein sehr schönes Video dazu gedreht!"
"Ach – und warum hast du es dann zurückgeschickt und uns gezwungen, noch ein Video zu drehen?" fragte Maite. Dan guckte beschämt.
Kathy schaltete den Kassettenrecorder ab und sagte in die Runde: "So, das war unser Album FROM THEIR HEARTS. Wie hat es euch gefallen?"
"Es war wundervoll," sagte Hattie schwärmerisch. "Ich bin ja so stolz auf euch!"
"Ich finde es auch großartig!" stimmte Mick zu. "Ich stehe ja sonst mehr auf Dackel und Mozart, aber das..."
"Und was sagst du, Vater?" fragte Jimmy herausfordernd. "Zwei Meinungen haben wir schon gehört, nun noch deine!"
Dan hob hilflos die Arme. "Was soll ich sagen? Es ist großartig, es ist perfekt, es ist klasse... Kinder, ich habe einen großen Fehler gemacht. Ich habe euch Unrecht getan, ich habe mich in Dinge eingemischt, die mich nichts angehen. Bitte gebt mir noch eine Chance!"
Die Geschwister schwiegen. Vater tat ihnen desöfteren Unrecht und kam danach wieder angekrochen. Aber sie konnten ihm nicht böse sein, und so lagen sich kurz darauf alle in den Armen.
"Aber eine Bedingung stellen wir," sagte Angelo. "Du musst Adam feuern. Der macht noch unsere ganze Firma kaputt!"
"Das kann ich nicht machen," meinte Vater. "Aber wisst ihr was? Ich werde zusammen mit Adam seinen Job übernehmen. Dann kann ich die Richtung bestimmen, und er hat trotzdem das Gefühl, wichtig zu sein!"
Später bei Kaffee und Kuchen sagte Dan: "So, jetzt könnt ihr ja wieder hier weg!"
Den Kellys blieb das Stück Kuchen im Hals stecken. "Bitte was?" prustete Paddy.
"Na ja, ihr werdet jetzt die Insel wieder verlassen. Schließlich müsst ihr euer neues Album promoten, müsst auf Tour gehen und im Fernsehen auftreten."
"Nein, Vater, nein!" flehte Johnny.
"Aber Kinder," sagte Vater Dan milde lächelnd, "was sein muss, muss doch sein, nicht wahr? Und denkt an mein Versprechen. Wir ziehen jetzt ins Schloss Gymnich. Ich habe es doch gekauft!"
"Und wann sollen wir hier weg?" fragte Paddy stockend.
"Na, heute bleiben wir noch bei Mick und Hattie. Aber morgen..."
"Bitte, Vater!" flehte Joey. "In drei Tagen ist Patricias Geburtstag. Lass‘ uns doch noch so lange bleiben!"
"Na gut, von mir aus. Aber dann müsst ihr danach sofort auf Tour gehen. Ich lasse Adam ein paar Termine buchen. Hoffentlich verkaufen wir in der kurzen Zeit genug Karten."
"Du kannst natürlich auch noch bleiben, Dan," sagte Mick.

Am nächsten Morgen telefonierte Jimmy ziemlich lange auf seinem Handy. Die anderen durften ihn nicht dabei stören und vermuteten langsam das Schlimmste.
Nach einigen Stunden kam Jimmy zu ihnen gerannt. "Leute, am 24. November ist in Dublin die Premiere von meinem Film!"
"Am 24., sagst du?" fragte Patricia. "Das ist ja morgen!"
"Morgen schon? Nun, wie dem auch sei, da muss ich natürlich hin, bin ja Hauptdarsteller! Und ihr alle sollt auch mit, ihr seid Ehrengäste!"
"Aber wir haben den Film doch schon gesehen..." sagte Angelo lahm.
"Dann bleibste halt daheim!" meinte Jimmy. "Aber ihr anderen kommt doch alle mit, oder?"
"Klar, auf 'ner Filmpremiere waren wir noch nie!" sagte Paddy.
Jimmy versuchte, auch Hattie und Mick zu überreden, doch Hattie fragte: "Wo ist das? In Dublin? Tut mir Leid, ich habe Flugangst!" Auch Dan hatte keine Lust,, mitzukommen, er kränkelte im Moment ein wenig und wollte sich lieber von Hattie pflegen lassen. Aber Mick war gleich Feuer und Flamme.
Am nächsten Morgen flogen Mick und die neun Kellys – ja, Angelo wollte doch mit – also von Paris aus nach Dublin. Während dem Flug prahlte Jimmy unentwegt: "Ich habe auch eine ganz tolle Überraschung für
euch..." Was es war, wollte er natürlich nicht verraten.
Am Dubliner Flughafen wurden sie von einem Typen in Uniform in einer Limousine abgeholt. "Ja, wie geht denn das?" flüsterte Maite. "Ich bin doch ein Filmstar!" meinte Jimmy grinsend.
Als sie vor einem großen Kino ausstiegen, kreischten Hunderte von dort stehenden Teenagern schrill auf. "Shit, wir sind erkannt!" fluchte Paddy. Doch dem war nicht so: niemand kannte hier die Kelly-Gruppe, alle kreischten nur nach Jimmy!
In dem Kino wimmelte es nur so von schick angezogenen Leuten. Jimmy wurde von allen Seiten begrüßt und umarmt und Bussi-Bussi, und jedesmal stellte er ganz stolz vor: "Das ist meine Familie!"
Dann nahmen Jimmy und seine "Ehrengäste" in der Loge Platz. "Wo ist denn jetzt die Überraschung?" flüsterte Patty. Jimmy grinste geheimnisvoll. "Gleich werdet ihr es merken..." Und da ging auch schon das Licht aus, und die Schrift auf der Leinwand erschien. Dazu dröhnte der Titelsong aus den Boxen...
Barby wurde fast ohnmächtig. "Aber... aber, das ist ja Hooks!"
"Da staunste, was?" zischte Jimmy. "Das hab‘ ICH gemanaged!"
Barby seufzte auf und klammerte sich an Paddys Hand fest. Er umarmte seine Schwester, und währenddessen erschien die Schrift auf der Leinwand:
STARRING: JIMMY KELLY AND CHERIE BLANCO
Der Film faszinierte die Geschwister aufs Neue. Als er zuende war und es wieder hell wurde, wurde Jimmy von allen möglichen Leuten beglückwünscht, und es gab Sekt, der sehr gut schmeckte. Es war ein toller Abend, fand Paddy. Plötzlich sagte Jimmy: "Hey da vorne ist Cherie!"
"Wer?" fragte Kathy.
"Na, Cherie," sagte Jimmy mit entrücktem Blick und stand auf. Und da sahen auch die anderen die hübsche junge Frau mit den rötlichen Haaren. Jimmys Filmpartnerin.
Jimmy ging auf sie zu, umarmte sie und – die anderen sahen es genau – gab ihr einen Kuss auf den Mund.
"Ich glaube eher, DAS war die Überraschung!" meinte Maite säuerlich.
"Und wie immer hat er uns nichts gesagt!" meinte Angelo.
"Los kommt, wir stellen uns der Dame vor!" griff Joey ein.
Alle bis auf Mick und John, der nichts mitgekriegt hatten, stürmten zu Jimmy und Cherie. "Halloooo, wir sind Jimmys Geschwister!"
"Nett, Sie alle kennenzulernen," sagte Cherie freundlich und gab allen die Hand. "Ich bin Jimmys Freundin, Cherie Blanco." Der ertappte Jim stand knallrot daneben. "Hhm... ich glaube, ich muss mal pissen!" Und schon war er weg.
"Wissen Sie, er hat uns nichts von Ihnen verraten," sagte Kathy zu Cherie.
"Bekommen wir ein Autogramm?" fragte Barby eifrig.
"Aber klar doch!" meinte Cherie und schrieb in schnörkeliger Schreibschrift ihren Namen auf einen Zettel. "Wir werden uns bestimmt noch öfter sehen."
"Danke, danke," sagte Barby zufrieden.
Jimmy war zurückgekommen und legte von hinten die Arme um seine Freundin. Jetzt wusste es ja eh schon jeder!
Dann bummelten die Kellys noch ein bisschen durch das große Gebäude. Maite und Angelo rannten an die Sektbar, Mick knipste alle möglichen Personen und Joey machte ein blondes Filmsternchen an, kassierte aber eine Absage. Paddy fand im hinteren Teil des Gebäudes einen kleinen Shop mit Starartikeln. Zum Andenken an diesen Abend kaufte er eine Postkarte, auf der sein Bruder Jimmy abgebildet war. Und dann kaufte er noch ein Poster von Robert Redford. Das schenke ich Patricia zum Geburtstag, dachte er.

 
Am nächsten Morgen waren sie längst wieder auf der Insel, und natürlich sangen sie für Patricia wieder Happy Birthday. Sie wurde 29 Jahre alt.
Tricia freute sich sehr über ihre Geschenke, insbesondere über das Poster von Robert Redford.
"Hätten wir vielleicht Hansi Hinterseer für dich einladen sollen?" fragte Angelo. "Nein, dieses Kapitel ist endgültig abgeschlossen," meinte Patricia. Und für einen Moment sah sie wieder ziemlich traurig aus. Doch die leckere Erdbeertorte von Hattie konnte sie wieder aufheitern.
Beim Frühstück verriet Jimmy ihnen dann eine schreckliche Sache: "Leute, ich kann nicht mit euch auf Tour gehen!"
"Schon wieder nicht?" fragte Joey enttäuscht.
"Warum nicht?" brüllte Dan gleich los.
"Nun ja, also, ähm, jedenfalls..." Jimmy wand sich nervös. "Ich habe ein neues Rollenangebot bekommen..."
"Ach, und es hat rein gar nichts mit Cherie zu tun?" fragte Paddy listig.
"Na ja – sie spielt auch mit. Darf ich das Angebot annehmen, Paps? Bitte!"
"Welche Rolle spielst du denn?" quatschte Maite rein. "Bestimmt spielst du Billy Idol! Hab‘ ich Recht?" Hilfesuchend sah Jimmy zu seinem Vater.
"Von mir aus..." sagte Vater langsam. "Aber für euch anderen gibt es dann nur eine Rettung..."
"Was denn?" fragte Babsi.
"Adam kommt zurück."
"Oh neeeeeeeeiiiiiiiiin!" schrien alle.
"Warum denn nicht?" fragte Dan. "Ist er beim Singen etwa auch schlecht?"
"Er kann überhaupt nicht singen!" sagte Joey.
"Das stimmt nicht!" mischte Barby sich ein. "Er kann wohl singen! Er traut sich nur nicht."
"Schluss!" befahl Vater. "Ich rede mit ihm, er wird solo singen!"
Wie der Zufall es so wollte, rief in genau diesem Moment Adam an. Dass Tricia heute Geburtstag hatte, hatte er freundlicherweise vergessen. Er wollte nur sagen, dass er für MORGEN ein Konzert in Karlsruhe angesetzt hatte. Als Gegenzug bekam er verklickert, dass er dort ebenfalls auf der Bühne stehen würde. Ha! Ha! Ha!
"Aber heute wollen wir den Tag hier noch genießen!" meinte Joey.
"Natürlich," sagte Hattie. "Was wollt ihr tun?"
"Patricia, wünsch‘ dir was, du hast Geburtstag!" sagte Paddy.
Sie überlegte. "Kann man hier ein Lagerfeuer machen?"
"Ja," sagte Mick, "aber lieber erst, wenn es dunkel ist."

Um sechs wurde es dunkel. Um halb sieben saßen alle Kellys mitsamt Hattie und Mick vor einem flackernden Lagerfeuer.
"So, und jetzt wird gesungen!" sagte Maite.
Sie spielten Gitarre und sangen dazu, unter anderem alle Songs vom neuen Album, aber auch ältere Stücke, wie zum Beispiel Let It Be oder Swing Low. Bald hatten sie ihr absolutes Lagerfeuer – Lieblingslied gefunden: es war Hallelujah.
Um elf wurden die Älteren und die Jüngeren, also Dan, Mick, Hattie und Sean, müde und gingen zu Bett. Die anderen blieben sitzen und starrten in die Flammen.
"So," meinte John, "und was singen wir jetzt?"
Keiner wusste es. Sie sangen nochmal Happy Birthday für Patty, aber das war's auch schon.
Plötzlich fing Paddy leise an: "Oh oh days go by, I'm hypnotized, I'm walking on a wire..."
"He, was singst du da?" fragte Jimmy.
"Das ist Sunny Came Home," erklärte Paddy.
"Aber das können wir nicht singen," sagte Joey.
Irgendwie waren plötzlich alle müde und traurig. Man beschloss, zu Bett zu gehen. John und Jimmy machten das Feuer aus, und alle gingen ins Haus.
Paddy warf sich in sein Bett. Erwachsenwerden war so schwer. "Barby?" flüsterte er, doch sie schien schon zu schluchzen. Paddy schluchzte auf und kroch unter die Bettdecke.
"Days go by, I don't know why, I'm walking on a wire..." sang er ganz leise vor sich hin.

Paddy hatte kaum fünf Minuten geschlafen, da wurde er auch schon wieder geweckt. Angelo stand vor seinem Bett und brüllte: "Steh‘ auf!"
Paddy rieb sich seine verklebten Lider. "Aber... ich bin doch grad‘ erst eingeschlafen..."
Angelo hämmerte mit dem Zeigefinger auf seine Armbanduhr. "Du Heini, du hast schon sieben Stunden geschlafen! Steh‘ jetzt auf, wir müssen bald nach Deutschland fliegen!"
Missmutig griff Paddy nach irgendwelchen Klamotten und ging ins Bad.
Zum letzten Mal frühstückten sie gemeinsam mit Hattie und Mick. Zum letzten Mal ließ sich Paddy von Mick die Dackelsammlung zeigen. Zum letzten Mal nahm er auf dem Stuhl Platz, um sich von Hattie Zöpfe flechten zu lassen.
"Seid doch nicht so betrübt!" meinte Dan. "Stellt euch doch vor, wie schön es sein wird, wieder auf der Bühne zu stehen!"
Die Zeit raste...
"So, habt ihr alles?" fragte Mick, als die Kellys vollbepackt an der Tür standen.
"Ich will nicht gehen," murrte Kathy.
"Hattie und Mick müssen ja auch mal wieder andere Leute in ihrer Pension aufnehmen," meinte Dan.
"Aber ich habe noch eine Überraschung für euch," sagte Mick strahlend. "Orry hat sich heute freigenommen, er wird bei eurem Konzert in Karlsruhe dabei sein!"
"Und Sara hat angerufen, sie kommt auch!" fügte Hattie hinzu.
"Klasse!" rief John. "Die beiden kommen natürlich backstage!"
"Verabschiedet euch jetzt!" befahl Dan.
Mick breitete die Arme aus. "Na, komm‘ mal her, Pad."
Paddy fiel ihm in die Arme und drückte ihn fest. Dann umarmte er Hattie. "Es war schön, dass ihr da wart," wisperte sie. "Und ich hab‘ auch noch was für dich." Sie schob Paddy etwas in die Hand. Es war die Kassette, auf der Sunny Came Home drauf war.
"Danke," flüsterte Paddy. Er hatte einen Kloß im Hals.
Inzwischen hatten sich alle verabschiedet. Sean fing an zu weinen, weil er sich so an Hattie und Mick gewöhnt hatte.
"Ach, heul‘ doch net!" sagte Paddy grob, damit die anderen nicht merkten, dass er es auch am liebsten getan hätte.

Am Pariser Flughafen verabschiedeten sie sich von Jimmy, der gleich nach Dublin weiterflog. Die anderen flogen nach Stuttgart, stiegen dort in ihren schwarzen Bus und fuhren nach Karlsruhe. Im Bus unterhielten sie sich über das bevorstehende Konzert. Alle babbelten durcheinander.
"Aber heute zieh‘ ich die Hose an!" - "Mach‘ doch, ist mir egal!" - "Ich sing‘ kein Oh It Hurts, wenn Babs dabei ist!" - "Ja, soll sie sich in Luft auflösen?" - "Aber Hooks müssen wir unbedingt bringen!" - "Paddy, singst du Why Don't You Go?" - "Nee!" - "Wie singen wir denn Please Don't Go, wenn Jimmy nicht da
ist?" - "Ich freue mich total auf Orry!" - "Wehe, wenn Adam sich nicht zusammenreisst!" - "Mit welchem Lied fangen wir an?"
"Ruhe jetzt!" brüllte Vater.
Bald kamen sie vor der Europahalle an. Draußen warteten schon eine Menge Fans, die hysterisch brüllten, als sie den Kelly-Bus entdeckten. Die Kellys winkten ihnen fröhlich zu. Paddy winkte aber nur lahm. Schon waren seine Aggressionen gegen die Fans wieder entflammt. Er wollte sie alle nicht sehen, er wollte auch nicht auftreten. Paddy wollte zurück auf die Insel.
Der Bus fuhr in die Tiefgarage, und von dort aus gelangten sie sicher in die Halle, wo sie von Adam empfangen wurden. "Es ist keine Zeit zu verlieren," befahl Vater gleich. "Fangt an zu proben, es ist schon fast vier!" "Aber wir haben noch nicht mal ein Programm zusammengestellt," sagte John. Vater schrie auf. "Na, dann höchste Eisenbahn!"
Alle Kellys einschließlich Adam hockten sich auf den Bühnenrand und stellten ein Programm der Songs zusammen. "Aber Adam, du musst auch singen!" erklärte Maite ihm schließlich. Adam war baff. "Was – richtig solo singen! Vor so vielen Leuten? Forget it!" Doch als Vater ihn anbrüllte, er könne sonst bei Kel-Life als Putzfrau arbeiten, fügte Adam sich. "Aber erst bei der Probe!" beharrte er.
In diesem Moment kam Sara in die Halle. "Hi!" "Sara!" schrie Angelo auf und umarmte seine Freundin. "Ich glaube, der hat jetzt keinen Bock mehr auf Proben!" meinte Joey. "Na ja, wir können uns ja auch erst umziehen."
"Aber heute ziehe ich meine Hose an!" beharrte John abermals in der Garderobe. "Das geht mir am Arsch vorbei," konterte Paddy, und während er von Kathy ausgeschimpft wurde, musste John fetstellen, dass die Hose ihm nicht mehr passte, und er entschied sich für eine andere. Maite zwängte sich in ein enges rosa Shirt, und Adam zog seinen gewohnten Einheitslook vor. Patricia entschied sich für ein knallgelbes Kleid, und Barby zog sich eine Nikolausmütze auf den Kopf. "Paddy, wie sieht'n das aus?"
"Ja, gut," meinte Paddy, zog seinen Schottenrock an und begab sich dann an den Tisch der Stylistin. Die griff nach seinen Haaren...
"Neeeiiin!" schrie Paddy. "Wagen Sie es ja nicht, meine Zöpfe aufzumachen! Unterstehen Sie sich!"
"Aber Herr Kelly, die Zöpfe sind doch schon fast ganz aufgelöst!" sagte die Stylistin.
"Pfoten weg!" sagte Paddy drohend.
Barby jammerte: "Wo bleibt denn nur Orry?"
"Wie wäre es, wenn wir jetzt proben?" fragte John hektisch. "Es ist schon fünf!"
In diesem Augenblick kam ein Typ von der Tour-Crew in die Garderobe gerannt. "Leute, draußen stehen zwei Typen und behaupten, sie dürfen zu euch! Der eine trägt ein Jackett und eine Brille und behauptet, er wäre mit Barby zusammen! Soll ich die Polizei holen?"
"Was? Das ist mein Freund!" schrie Barby. "Lasst ihn sofort rein!"
Kurz darauf stürmten die beiden Männer in die Garderobe. Orry stürzte gleich auf Barby zu, schob ihr die Nikolausmütze aus dem Gesicht und küsste sie innig.
Der andere Typ stellte sich als Kim Baum vor. Er war etwa Ende Zwanzig und Physiklehrer auf Orry Lupos Schule. Orry hatte ihn einfach mit nach Karlsruhe geschleppt. Wäre dieser Mann vielleicht etwas für Maite? überlegte Paddy gleich. Doch sie schien nicht interessiert.
"Leute, wir müssen prooooooooooben!" schrie Patricia plötzlich.
Doch der Typ von der Tour-Crew schüttelte den Kopf. "Geht nicht mehr, es ist gerade Einlass. Die Hälfte der Fans ist schon drin."
"Oh nein!" wimmerte Joey.
Sie probten noch so gut es ging in der Garderobe. Sara hatte sich bereits mit den beiden Lehrern auf die Tribüne verzogen. Paddy war irgendwie überhaupt nicht in Konzertstimmung. Dafür Barby um so mehr ; sie hopste in der Garderobe herum und konnte keine Minute stillhalten. "Ach, dir tut's wohl gut, dass dein Freund da ist, was?" stichelte Maite. Sie kochte vor Wut und Eifersucht.
"Adam, du hast uns noch nicht vorgesungen!" sagte Vater drohend.
"Ich," sagte Adam, doch da kam auch schon ein Typ gerannt. "Leute, es ist halb acht! Ihr müsst uff die Bühne!"
"Unser erstes Konzert nach so langer Zeit!" wimmerte Patricia. "Wir werden uns schrecklich blamieren!"
Kathy nahm ihre Hand und sagte ernst: "Wir sind die Kelly Family. Alle diese Leute sind wegen uns gekommen. Wir können unsere Songtexte, wir haben einander und es ist ein schöner Tag. Also kann nichts schiefgehen!"
"Ja, Kathy," antworteten alle im Chor. Nun war auch Paddy wieder aufgeregt.
"One, two, three, four!" brüllte John, und alle rannten auf die Bühne. Die Fans kreischten schrill. Angelo hämmerte auf sein Schlagzeug ein und sang die erste Strophe. Danach stimmten die anderen ein: "You got me rockin‘ now, hey-hey..."
Paddy stürmte mit seiner Gitarre nach vorne an den Laufsteg und sang ins Mikro: "Wherever I go I give my blood and my soul! With my brothers around me I deliver a good show! I don't wanna stop until I physically drop. There's no holding me back!" Alle Fans sahen zu ihm auf und kreischten und klatschten mit. Paddy grinste. Jetzt hatte die Bühne ihn wieder! Es machte ja doch irgendwie Spaß, aufzutreten.
Es war von Anfang an ein supergeiles Konzert. Maite sprang wie verrückt hin und her, Patricia sprach ständig mit den Fans und Joey spielte ein tolles Gitarrensolo. Doch die beste Show brachte ohne Zweifel Babsi: Sie tanzte zum ersten Mal seit fast drei Jahren wieder richtig glücklich über die Bühne, schüttelte die Hände der Fans und nahm Geschenke von ihnen an, um sie dann hinter den Congas auszupacken. Paddy kribbelte es richtig in den Beinen, wenn er Barby tanzen sah. Er sprang natürlich auch wie verrückt herum, und dabei wirbelte sein Rock hoch, und die Fans konnten Paddys Boxershorts sehen. Na ja, solange sie sauber waren... Barby und Paddy sangen zusammen Hooks, und Barby rannte ständig zu den Fans und gab ihnen die Hände. Die Geschwister konnten es nicht fassen. Lag das alles wirklich nur an Orry?
Nach dem letzten Song I Will Be Your Bride, bei dem Angelo Sara auf der Tribüne sehnsüchtige Blicke zugeworfen hatte, stürmten die Kellys in die Pause und umringten ihren Vater. "Papa, wie waren wir? Hat nicht alles super geklappt? Wir können unsere Texte gut, nicht wahr? Waren wir gut?"
"Ja, alles super," meinte Dan.
"Darf ich mal schnell zu Sara?" fragte Angelo eifrig.
"Du kannst jetzt nicht auf die Tribüne, die Fans drehen ja durch," sagte Paddy. Und außerdem ging die Show gleich schon wieder weiter. Das erste Lied nach der Pause war I Feel Love, bei dem Paddy einige Tränen über die Wangen liefen. Doch dann verjagte Kathy ihn mit ihrem Akkordeon vom Laufsteg und fing mit Peces an. Paddy rettete sich hinters Keyboard. Kathy sang ihre Strophe, dann John, dann Patricia, und dann wäre eigentlich Maite dran gewesen, doch die hatte es verpennt. Joey machte einen Schritt auf den Laufsteg zu, um die Situation zu retten. Doch jemand war noch schneller, und das war Adam. Er lief vor ans Mikro und sang mit kräftiger Stimme Maites Strophe. Paddy und den anderen blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. Adam konnte ja doch singen! Nun rannte auch Maite vor, um endlich ihre Strophe zu singen. Dann packte sie Adam und tanzte mit ihm über die Bühne. Auch Patricia kam noch hinzu, und die beiden Mädchen tobten mit ihrem Cousin über die Bühne, bis sie den erschöpften Adam wieder in den Bühnenhintergrund brachten.
Alles klappte großartig, doch schließlich war das Konzert vorbei. Nach den beiden Zugaben Because It's Love und I Can't Help Myself kam die ganze Familie noch einmal auf die Bühne, um sich zu verbeugen. Plötzlich löste Barby sich aus dem Kreis ihrer Geschwister und ging nach vorne ans Mikro. Die anderen dachten sich nichts dabei, vielleicht wollte Barbi sich ja nur bedanken?
"Heute ist ein sehr schöner Abend," begann Barby mit zitternder Stimme ihre Rede. "Ich möchte euch allen danken, und natürlich auch meinen Geschwistern und Adam. Ich möchte gerne jemanden auf die Bühne bitten, dem ich etwas Wichtiges zu sagen habe. Orry, komm‘ bitte mal her zu mir!"
Der verblüffte Orry wurde von zwei Securitys auf die Bühne geführt. Die Fans schrien vor Überraschung. Orry, in seinem lehrerhaften Jackett, blickte etwas entgeistert auf die Massen vor ihm. Paddy legte ihm die Hand auf die Schulter, um ihm etwas seine Angst zu nehmen. Auch er wusste nicht, was hier gespielt wurde.
Babs nahm nun das Mikro aus dem Ständer und stellte sich vor Orry. Ihre dünnen Beine zitterten, doch sie lächelte. "Lieber Orry, du bist sehr, sehr wichtig für mich, und ich liebe dich über alles. Du bist der wertvollste Mensch in meinem Leben, und deshalb wollte ich dich fragen, ob du mich heiraten willst!"
Die Fans jubelten und applaudierten. Orry riss sich von Paddy los und stürmte auf Babs zu, um sie zu küssen. Doch mit dieser Antwort war Paddy noch nicht zufrieden. Er ging zu dem Liebespaar hin, hielt Orry das Mikro vors Gesicht und fragte laut und deutlich: "Willst du denn?"
"Ja!" rief Orry und strahlte.
"Yeah!" schrie Paddy ins Mikro und hüpfte auf und ab. Orry durfte nun endlich seine Barbie umarmen. Dabei fiel ihre Nikolausmütze zu Boden, doch das war egal. Alle Fans brüllten, und die Kellys umarmten das glückliche Paar. Paddy nahm Barby fest in die Arme. Sie weinte vor Glück.
"Jetzt müssen wir unbedingt I Will Be Your Bride noch mal singen!" rief Patricia übermütig.
Angelo nahm seine Gitarre und sang, ohne weitere instrumentale Begleitung, den Song noch einmal für seine Schwester und ihren zukünftigen Ehemann. Barby und Orry hatten sich vor das Schlagzeug gesetzt und umarmten sich. Paddy summte den Text mit, doch als sein Blick auf die Tribüne fiel, blieb ihm vor Schreck fast das Herz stehen: da saßen Angelos Freundin Sara und Kim Baum, und die beiden hielten Händchen!

Nach diesem Tag fing für Patricia, Paddy, Joey, Barby, John, Angelo, Kathy, Maite und Adam wieder das harte Leben an. Konzerte mussten gegeben werden, die Kellys mussten im Fernsehen auftreten, Interviews geben und Fotosessions machen. Jimmy glänzte durch Abwesenheit, und Adam war auch nicht immer dabei.
Dan hatte sein Okay zur Ehe von Barby und Orry gegeben. Auch Jimmy, der am selben Tag noch angerufen hatte, freute sich sehr für sein Schwesterlein. Die beiden hatten im Moment allerdings schlichtweg keine Zeit zum Heiraten.
Paddy hatte, nach längerem Überlegen, Angelo gestanden, dass Sara etwas mit Kim Baum hatte. Lino war entsetzt und stellte Sara sofort zur Rede. Sara gab alles frei zu. "Na und? Er ist viel goldiger als du!"
"Aber das kannst du doch nicht machen!"
"Und ob ich kann! Unsere Beziehung ist beendet!"
"Er ist doch viel zu alt für dich!" jammerte Angelo.
"Na und?" meinte Sara nur und ging. Angelo plärrte: "Und dabei habe ich I Will Be Your Bride nur für sie geschrieben!"
Anfang Dezember sagte Kathy zu ihren Geschwistern: "Ich glaube, Sean macht den ganzen Stress bald nicht mehr mit. Ich habe nie Zeit, mit ihm zu spielen oder mich richtig um ihn zu kümmern, weil wir immer etwas zu tun haben. Was soll ich nur machen?"
"Du kannst doch ein Kindermädchen für ihn engagieren!" meinte Joey.
"Eine gute Idee," sagte Kathy sofort und setzte eine Anzeige in die Zeitung, auf die sich viele Bewerberinnen meldeten. Kathy engagierte schließlich eine Frau namens Claire Quatro, die aber bald wieder kündigte, weil Sean ihr zu lebhaft war. Danach kam Hildegard Wild, die recht gut war, aber dann die Chance bekam, die Kinder von Michael Jackson, und auch kündigte. Kathy war verzweifelt.
"Gib‘ noch eine Anzeige auf!" meinte Maite.
"Und wer zahlt das alles?" knurrte Kathy, tat es aber. Und endlich hatten sie Glück. Ein junges Mädchen, das gerade die Mittlere Reife hinter sich hatte, wurde angestellt. Ihr Name war Robin Senk. Angelo war außer sich, als er erfuhr, dass sie zusammen mit Sara in einer Klasse gewesen war.
"Sag Sara, ich wünsche ihr die Pest! Sie soll verbannt werden, und ihr blöder Baum soll abgeholzt werden!" tobte er.
"Ist ja gut," sagte Robin. Sean vergötterte sie sofort.
An Maites Geburtstag nahmen sich die Kellys frei, um sich nebenbei noch mit Jimmy zu treffen und Maite zu feiern. Doch Paddys Geburtstag, der 5. Dezember, war ein Samstag, und da mussten sie abends in einigen Fernsehshows auftreten.
"Ich hasse Geburtstag on the road," schrieb Paddy in einem Brief an Mick und Hattie. "Es gibt nichts Schlimmeres. Diesen Brief schreibe ich im Zug. Es ist kurz vor Mitternacht, wir kommen gerade von VERSTECKTE KAMERA. Und jetzt geht's gleich weiter nach Zürich.
Bin 21 geworden. Ich bin jetzt auch nach der alten Ordnung volljährig und werde keinen Zentimeter mehr wachsen. Angelo wird bestimmt größer als ich.
Vielen Dank für die Karte und euer Päckchen. Ist die Kette wirklich von deiner Großmutter, Hattie? Das kann ich kaum glauben, muss ja anno dazumal gewesen sein. Aber sie ist super. Vielen Dank auch für die Diafilme, Mick. Ich konnte sie aber noch nicht verwenden, im Moment werde ich mehr selbst geknipst.
Manchmal würde ich am liebsten abhauen. Alle um mich herum pennen. Wenn ich jetzt die Notbremse drücken und einfach aussteigen würde... es erschreckt mich richtig, aber so was denke ich oft. Ich kann nicht mehr! Ich will keine Autogramme mehr geben. Ich will nicht mehr im Fernsehen auftreten. Ich will nicht die Glotze anmachen oder die Zeitung aufschlagen und dumme Gerüchte über mich lesen. Ich will zurück auf eure Insel. Da war das alles nicht so. Es war die schönste Zeit seit langem.
Ich möchte gerne eine kleine Taube sein und übers Meer fliegen. Einfach wegfliegen und wiederkommen, wann ich will. Einfach tun und lassen, was ich möchte. Ungebunden sein. Versteht ihr, was ich meine? Wenn nicht, dann hört euch das Lied I Feel Love an.
Bald sind wir in Zürich. Dort kann ich ungefähr noch eine Stunde schlafen, bis wir zum Fototermin ab-geholt werden. Na danke!
Tschüss und macht's gut,
euer Paddy.

 
Nachdem sie fast den drei Wochen auf Achse gewesen waren, sagte Vater schließlich Mitte Dezember: "So, und jetzt machen wir Pause! Fahrt nach Gymnich und erholt euch!"
Das war ja endlich mal eine gute Nachricht! Hocherfreut freute Joey: "Feiern wir Weihnachten auf Schloss Gymnich?" Sie hatten wegen dem ganzen Stress noch keine Woche in ihrem neuen Zuhause verbringen können.
Dan schmunzelte. "Nun, ich habe mir gedacht, dass wir Weihnachten vielleicht mit Hattie und Mick auf ihrer Insel verbringen!"
"Hurra!" schrien die Kids so laut, dass Dan sich grinsend die Ohren zuhielt. Paddy war überglücklich. Er rannte in sein Zimmer und drehte ganz laut die Kassette mit Sunny Came Home auf.
Jimmy rief an und verkündete etwas Sensationelles: auch er und Cherie wollten heiraten!
"Macht doch 'ne Doppelhochzeit!" sagte John zu Barby.
"Na, ich weiß ja nicht!" meinte sie.
Robin, das Kindermädchen von Sean, hatte ebenfalls etwas Neues zu berichten: sie hatte Sara ihren Freund ausgespannt und war nun mit Kim Baum zusammen!
Angelo fiel aus allen Wolken. "Dieser blöde Baum! Aber na ja, wenn er nicht mit Sara zusammen ist, habe ich nichts gegen ihn!"
Eines Tages machten Paddy, Angelo, Barby und Patricia eine Bootsfahrt auf dem kleinen See, der auch noch zu Schloss Gymnich gehörte. Dabei fiel Patricia ins Wasser, und alle rannten schnell ins Haus, damit sie sich umziehen konnten. Gerade als sie zur Tür hereinkamen, legte Kathy den Telefonhörer auf.
"Mit wem hast du gesprochen?" fragte Paddy.
"Vincent hat angerufen," sagte Kathy. "Warum bist du nass, Patricia?"
"Vincent? Was will denn der schon wieder?" wollte Barby, die Frage ignorierend, wissen.
Kathy machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ach, ich glaube, der will sich bei mir einschleimen! Er möchte Weihnachten mit uns verbringen!"
"Was! Wie kommt'n der dazu!" fragte Patricia.
"Er hat gesagt, er kommt an Weihnachten einfach vorbei!" meinte Kathy hilflos.
"Soll er doch!" sagte Angelo. "Weihnachten sind wir nicht da!"
Vater hatte entschieden, dass sie schon eine Woche vor Weihnachten zu Mick und Hattie fahren sollten. Jimmy würde natürlich auch kommen und Cherie mitbringen, Vater kam mit Silvia und Orry kam natürlich auch. Adam wollte allerdings nicht mit auf die Insel, er wollte Weihnachten mit seinem Vater in Hannover verbringen.
Bis dahin war es allerdings noch einige Zeit, und die Kellys mussten noch ein paar Konzerte geben. Sie sangen die ganzen neuen Songs, und dabei ging Paddy erst so langsam auf, was für ein phantastisches Album sie eigentlich gemacht hatten. Paddy war etwas traurig, dass sie Leave It To The Spirits, welches er während Jimmys Abwesenheit immer mit Barby gesungen hatte, nicht mehr brachten. Aber sie hatten ja jetzt Hooks. Immer wenn Paddy I Feel Love sang, bekam er wieder so ein komisches Gefühl im Bauch und wünschte sich, eine Taube zu sein. Einige Autogrammwünsche unterschrieb er seit kurzem mit PADDY PIGEON, was die meisten Fans in Verwirrung stürzte.
Einige Tage bevor sie auf die Insel fahren wollten, versammelte Johnny seine Geschwister um sich und fragte: "Habt ihr schon ein Geschenk für Hattie?"
"Nö, warum?" wollte Joey wissen.
"Wir könnten ihr doch etwas schenken, woran wir alle beteiligt sind," meinte Johnny.
"Kannst du dich mal ein bisschen klarer ausdrücken?" fragte Kathleen. "Was meinst du?"
"Wir schenken ihr ein Video über uns!" schlug John vor.
"Ach, die hat sie doch sicher alle schon gesehen," meinte Maite lahm.
"Nein, nicht so!" jammerte John. "Doch kein altes! Wir drehen ein neues Kaufvideo, und Hattie bekommt die erste Ausgabe!"
"Die Idee ist ja nicht schlecht!" meinte Paddy. "Nur: was soll auf dem Video druff sein?"
Das war allerdings eine Frage. Sie hatten leider kein Konzert gefilmt, und um noch genügend Videoclips zu drehen, fehlte die Zeit. Da kam Barby die rettende Idee: "Wir machen eine Kassette mit Drehberichten über unsere Videos! So, was hinter der Kamera bei den Clips passiert ist, die ganzen Pannen und so!"
"Nein, das ist zu peinlich!" sagte Patricia gleich. Doch sie wurde niedergeschrien. "Prima, das machen wir!"
"Das ist echt gut, ich habe noch viel Material!" sagte John hocherfreut.
"Und was schenken wir Mick?" fragte Angelo. John sah ihn entnervt an. "Warum fragst du mich? Ich kann mir ja nicht alles ausdenken! Dem kann ja jeder einzeln was schenken!"
Ein paar Mal telefonierten sie noch mit Hattie. "Am Weihnachtsabend gehen wir zuerst in die Kirche," sagte sie. "Zum Essen gibt es Hühnerfleisch mit Ananas. Aber vorher gibt es noch Geschenke!"
Paddy holte sich einen Taschenrechner und rechnete nach. Oh Gott! 15 Leute musste er beschenken!
Einen Tag, bevor sich nach Frankreich aufbrachen, ging Paddy mit Angelo und Barby in Köln in die Innenstadt. Zwei Bodyguards begleiteten sie, und Paddy konnte es schon nicht mehr erwarten, auf der Insel ohne diese Typen herumlaufen zu können.
Paddy kaufte fast alle Geschenke: einen Schal für Patricia, eine Dose mit Pralinen für Vaters Freundin Silvia, neue Drumsticks für Angelo (wie jedes Jahr), eine Bodylotion für Maite, einen giftgrünen Jogginganzug für Joey, einen Playmobil-Schäfer für Sean, Socken und Deo für Jimmy, Parfum für Jimmys Freundin Cherie, einen Bilderrahmen für Robin, 3 in 1 Make-Up für Kathy, chinesischen Tee für Vater, einen Ernährungsratgeber für John und ein Englisch-Deutsch-Wörterbuch für Orry. Dann war Paddys Geld fast alle. Nur für Barby und Mick hatte er noch nichts. Auch Angelos und Barbys Tüten waren voll.
"Jetzt aber nichts wie heim!" sagte Barby erschöpft. "Kommt, da hinten steht unsere Bahn."
Paddy, Babsi und die Bodyguards rannten los, um die Straßenbahn noch zu kriegen. Doch Angelo rührte sich nicht vom Fleck.
"Mann, Angelo, komm‘ !" schrie Paddy.
Angelo trottete hinter ihnen her. "Da hinten war Sara! Ich habe sie genau gesehen!"
"Ich seh‘ keine Sara!" meinte Barby und sah sich um. "Steig‘ jetzt endlich ein!"
Sie stiegen in die Straßenbahn, und die fuhr los. An der nächsten Station stieg Sara ein. Barby und Paddy hätten sie fast nicht mehr erkannt, ihre Haare waren nicht mehr so blond wie früher, sondern nun eher braun.
"Sara!" schrie Angelo.
"Ach hallo Angelo," sagte Sara traurig und setzte sich neben ihn. Eine Weile sprach niemand. Plötzlich fing Sara an zu weinen.
"Aber Sara, was ist denn los?" fragte Angelo hilflos und reichte ihr schnell ein Taschentuch.
"Ach Angelo, ich habe einen großen Fehler gemacht," schluchzte Sara. "Die Zeit mit Kim war wirklich schön, aber jetzt ist er mit Robin zusammen! Ich hätte nicht Schluss mit dir machen sollen, Angelo, ich hätte dich nicht verlassen sollen. Ich weiß jetzt, dass ich immer nur dich geliebt habe. Würdest du es nochmal mit mir versuchen?"
Angelo war hin- und hergerissen. Doch schließlich sagte er: "Klar!" und gab ihr einen Kuss. Sara strahlte sofort wieder zufrieden. Paddy und Barby tauschten verzweifelte Blicke.

Angelo hatte Sara sofort gefragt, ob sie an Weihnachten mit auf die Insel kommen wollte. Doch Sara feierte mit ihrer Familie zusammen.
"Ein Glück," knurrte Paddy.
"Warum?" brüllte Angelo empört.
"Ach, wir sind doch schon so viele," redete Paddy sich heraus.
Endlich kam der große Tag. "Habt ihr auch alles?" fragte Vater, bevor sie zum Flughafen aufbrachen. Er hielt seine Freundin Silvia im Arm, und Robin trug Sean herum. Die Kelly-Geschwister waren zu acht, Jimmy trafen sie erst in Paris am Flughafen, wo seine Maschine aus Dublin landen sollte.
"Wir haben alles," antwortete Patricia geduldig.
Sie stiegen in ihren Bus und waren schon einige Meter gefahren, da schrie Maite plötzlich: "Halt! Ich hab‘ Futzel vergessen!" Und sie rannte zurück zum Schloss.
"Wir haben alles, wie?" brüllte Dan Patricia an.
"Kein Streit," sagte Paddy leise.
Maite kam keuchend zurückgerannt und klopfte gegen die Fensterscheibe. Barby kurbelte das Busfenster herunter.
"Schlüssel," keuchte Maite.
Kathy warf ihr schnell den dicken Schlüsselbund zu, und Maite zog wieder ab. Es dauerte einige Zeit, vermutlich fand Maite nicht auf Anhieb den richtigen Schlüssel. Endlich kam sie mit ihrem Teddybären Futzel wieder angejagt und kletterte ins Auto.
"Muss noch jemand was holen?" fragte Dan mit drohender Stimme.
"Wir müssen noch mal aufs Klo," ließen sich Angelos und Joeys Stimmen vernehmen. Vater stöhnte auf. Die beiden blieben ziemlich lange weg, und Silvia befürchtete schon, sie wären ertrunken. Doch endlich kamen die beiden und sprangen in den Bus, und Vater Dan gab Gas.

Sie flogen von Köln nach Paris und warteten dort auf Jimmy. Doch dessen Maschine hatte zwei Stunden Verspätung. Solange stöberten die Kellys auf dem Flughafen herum. "Aber in einer Stunde seid ihr wieder
da!" befahl Dan.
Doch zur verabredeten Zeit tauchten Angelo, Maite, Sean und Robin nicht auf. Dan sprach böse Verwünschungen gegen seine Familie aus. Robin und Sean kamen zum Glück gleich, sie waren nur auf der Toilette gewesen ; und Maite wurde von Paddy im Flughafen-Café entdeckt. Nach einiger Zeit fanden sie auch Angelo, der in einer Telefonzelle mit Sara telefonierte.
"So, können wir uns jetzt mal irgendwo hinsetzen und ruhig auf Jimmy warten?" fragte Dan drohend.
Sie hockten sich in eine ruhige Ecke. "Vater, dahinten kann man T-Shirts kaufen!" schrie Joey begeistert. "Kaufst du mir eins?" "No!" fauchte Vater. Doch dann wurde er von lautem Geschrei abgelenkt. "Was ist denn jetzt schon wieder los?" Barby hatte angefangen, einen Brief an Orry zu schreiben, und Angelo hatte ihn gelesen. "Wenn ihr euch nicht bald benehmt, fliegen wir wieder heim!" schrie Dan.
"Aber Vater..." fing Barby an, doch sie wurde von Paddy und Angelo unterbrochen. "Hey, da kommen die Passagiere von Jimmys Flugzeug!"
"Los, kommt alle mit!" rief Dan, der fast von chinesischen Passagieren überrannt wurde. "Wo ist Joey?"
Jimmy und Cherie kamen grinsend durch den Zoll gelaufen. Cheries Haare waren etwas kürzer, und die beiden hatten eine Menge Gepäck dabei. Tja, Schauspieler!
"Hallo!" begrüßte Dan die beiden erschöpft. "Stellt euch einander selbst vor! Ich bin jetzt am Resignieren!"
"Vater, geht's dir nicht gut?" fragte Jimmy besorgt. "Und überhaupt, wo ist denn Joey?"
"Holen Mick und Hattie uns ab?" quatschte Angelo ins Gespräch rein.
"Tun sie nicht!" sagte Dan. "Wir nehmen uns zwei oder drei Taxen. Aber wo ist nur Joe hin?"
In diesem Moment kam Joey in einem neuen gelben T-Shirt angerannt. "Hat er doch seinen Willen durchgesetzt!" stöhnte Dan und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
In drei Taxen fuhren sie schließlich zur Insel. Auch mit dem Boot mussten sie dreimal fahren, bis alle am anderen Ufer waren.
Hattie und Mick kamen mit ausgebreiteten Armen aus dem Haus gerannt. "Na, da seid ihr ja endlich!"
Paddy warf sich den beiden in die Arme. Endlich war er wieder hier!
Hattie hakte ihn unter, und alle gingen zum Haus. Die Zimmer wurden neu verteilt, denn es waren ja jetzt einige Personen mehr, und so mussten ein paar sich zu dritt ein Zimmer teilen. Barby und Paddy behielten ihr altes Zimmer, aber nun kam noch John dazu, dem eine Matratze auf den Boden gelegt wurde. Während Barby ihr Bett bezog, sprang Paddy plötzlich auf sie zu, nahm ihre Hände und sprang mit ihr auf dem Bett herum.
"Was ist denn los?" schrie Barby verwundert.
"Ich bin so froh, dass wir wieder hier sind!" rief Paddy übermütig.
Barby strich ihm über die Wange. "Weiß ich doch, kleine Taube!" Paddy stockte der Atem. Woher wusste Barby das mit der Taube? Oder hatte sie das einfach nur so gesagt?
Doch Barby ließ ihm keine Zeit zum Nachdenken. Sie sprang mit einem eleganten Spagatsprung vom Bett und meinte: "Gehen wir mal runter, vielleicht ist da was los!" John hakte den immer noch überraschten Paddy unter und die drei liefen die Treppe hinunter.
In der Küche rollte Hattie gerade Teig aus. "Ah, gut, dass ihr kommt. Euer Vater und Silvia haben sich hingelegt, und Mick zeigt Cherie und Robin die Insel. Ich rolle gerade Teig für die Plätzchen aus. Wollt ihr mir helfen?"
"Logo!" rief Barby. "Ich hole mal die anderen!" "Wie dumm!" knurrte John. "Da bleibt uns nicht genug Teig zum Naschen, wenn die anderen mitmachen!"
Barby kam mit den anderen im Schlepptau zurück. "Dann viel Spaß!" meinte Hattie und verließ die Küche. Sofort entbrannten Diskussionen zwischen den Geschwistern.
"Geil, der Teig ist ja braun! Mmh!" "Aber nicht naschen!" "Hey, das Förmchen sieht geil aus!" "Ich will einen Tannenbaum ausstechen! Wo ist das Tannenbaum-Förmchen?" "Bist du total bescheuert?" "Der Teig klebt am Förmchen! Johnny, was mach‘ ich jetzt?" "Aaah! Meine Bluse!" "Hurra! Das erste Blech ist schon fertig!" "Da sind ja fast nur Sterne drauf! Fällt euch denn nix anderes ein?" "Wo ist denn nur das Tannenbaum-Förmchen?" "He, Angelo, friss‘ nicht alles auf!" "Schmatz!" "Pad, gib‘ doch mal das Schweinchen-Förmchen her! Du hast es schon so lange!" "Kommt nicht in die Tüte!" "Kommt da auch Marmelade drauf?" "Leute, wie seh‘ ich denn, ob der Backofen an ist?" "Aah! Das Schweinchen ist zerbrochen!" "Was, die Form?" "Nein, das Plätzchen!" "So wird das alles nichts! Gebt mir mal die Schüssel mit dem Teig!" "Nur über meine Leiche!" "Neeeeiiiiiin!"
Hattie kam gerade in dem Moment zurück, als Maite die Schüssel mit dem restlichen Teig über Johnny ausleeren wollte.
"Kinder, wie backt denn ihr Plätzchen?" fragte Hattie erschüttert.
"Bei uns läuft das immer so ab!" sagte Barby entschuldigend.
Hattie schüttelte nur den Kopf und begann den Teig erneut auszuwellen. "Wo ist denn nun das Tannenbaum-Förmchen?" fragte Joey vorsichtig. Hattie schmunzelte. "So was hab‘ ich gar nicht!"
Nun buken sie zu zehnt die Plätzchen, und endlich klappte alles. Hattie versprach dem unglücklichen Joey, so bald wie möglich Tannenbaum-Förmchen zu kaufen. Nach einer Stunde holten Kathy und Hattie das letzte Blech aus dem Ofen. "So, jetzt darf genascht werden!"
"Wow, das sind bestimmt über tausend Plätzchen!" meinte Angelo.
Jeder steckte sich ein Plätzchen in den Mund. Paddy erwischte eins in Form einer Glocke. Es schmeckte nach Zimt, und sofort hatte Paddy ein richtiges Weihnachtsgefühl. Da kam ihm eine Idee. Er kramte in der Plätzchendose und fand schließlich einige Plätzchen in Vogelform. Mit etwas Phantasie konnte man erkennen, dass es Tauben sein könnten. Er fragte Hattie und durfte sie wirklich mit nach oben nehmen.
"Paddy, warum hast du's eigentlich immer mit dem Federvieh?" fragte Maite kauend.
Paddy sah schüchtern zu Babs. Würde sie jetzt sein Geheimnis verraten bzw. wusste sie Bescheid? Doch sie guckte gar nicht hin.
Später zum Kaffee kamen dann auch Vater, Silvia, Robin, Cherie und Mick und lobten ebenfalls die leckeren Plätzchen.
Abends war Paddy so müde, dass er gleich einschlafen wollte. Doch Johnny ließ das Licht an, denn er wollte noch einen Roman lesen, und Barby hatte ihr Strickzeug ausgepackt. Also legte Paddy sich ins Bett, packte die BRAVO aus und las einen Bericht über N'Sync und dann noch einen über die Roten Rosen, und dann war er so müde, dass er trotz Licht und Stricknadelgeklapper einpennte.

"Pad! Wach auf!"
"Hä?" murmelte Paddy schlaftrunken. Undeutlich konnte er Joey vor seinem Bett sehen. "Wie spät ist es?"
"Halb sechs. Du, es hat..."
"Vergiss‘ es!" stöhnte Paddy. "Ich geh‘ nicht mit dir joggen!"
"Sollst du ja gar nicht!" zischte Joey. "Es hat geschneit!"
"Wie?" Nun war Paddy hellwach. Er rannte ans Fenster, wo schon John und Barby Ann standen. Tatsächlich: draußen war alles weiß!
"Jetzt machen wir eine Schneeballschlacht!" schrie Barby.
Das musste sie den anderen nicht zweimal sagen. Paddy, Joey und Barby zogen sich dicke Jacken an und stürmten hinaus in den Schnee. "Juhuuu!" rief Paddy begeistert und warf den ersten Schneeball auf Joey. Schon war die schönste Schneeballschlacht im Gang. Johnny beobachtete die drei kopfschüttelnd von der Haustür aus. Barby warf ihm Schnee ins Gesicht, und das konnte John natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Die vier machten so viel Lärm, dass plötzlich Maite und Cherie in der Tür standen. "Hey, macht ihr eine Schneeballschlacht? Wir wollen auch mitmachen!"
Bestimmt eine halbe Stunde tobten sie herum. Inzwischen waren auch Kathy, Sean, Robin, Patricia und Angelo hinzugekommen. Hattie und Mick erschienen kurz am Fenster, um zu sagen, dass sie jetzt mit Silvia und Dan nach Paris fuhren. Davon ließen sich die Kids natürlich nicht stören.
"Wo ist eigentlich Jimmy?" prustete Paddy.
"Vorhin hat er noch geschlafen," meinte Cherie.
Kathy warf einen Schneeball an Jimmys Fenster und rief aus Leibeskräften: "Jimmy! Jimmy!" Endlich wurde das Fenster geöffnet, und ein verschlafener Jimmy im Schlafanzug und mit Brille öffnete. "Was ist denn?" fragte er gähnend.
Cherie schleuderte ihm einen Schneeball zu. "Fang‘ und schmeiß‘ zurück!" Doch Jimmy reagierte nicht, und der Schneeball traf ihn direkt ins Gesicht auf die Brille. Es war ein ungeheuerlicher Anblick. Die Kellys bekamen Lachkrämpfe ; Joey und Kathy wälzten sich sogar auf dem Boden. Erst schien Jimmy furchtbar böse zu werden, doch dann musste er auch lachen. Im Schlafanzug rannte er hinunter ins Freie und machte bei der Schlacht mit. "Alle auf Jimmy!" brüllte Angelo, und sie begannen, Jimmy zu bombardieren. Dann war Paddy dran, dann Patricia, dann... jeder kam einmal an die Reihe, bis sie alle voller Schnee und patschnass waren. Da kamen auch schon Hattie und Mick mit Dan und Silve zurück. "Wie seht ihr denn aus! Lauter kleine Schneemänner!" Sogar Dan hatte Mühe, seine Kinder zu erkennen.
"Jetzt müsst ihr euch erst mal so richtig aufwärmen!" meinte Hattie und ließ heißes Wasser in die Badewanne ein. "Darf ich zuerst?" bettelte Paddy. Er durfte. Hattie gab ihm ihr gutes Rosen-Duschgel und legte ihm Handtücher bereit.
Nach einer Stunde hämmerte Maite gegen die Badezimmertür. "Paddy, ich will auch mal!" Paddy beendete sein Badefest und ließ seine Schwester in die Wanne. In der Küche bekam Paddy dann eine Schüssel mit dampfender Nudelsuppe. "Damit du mir nicht krank wirst!" sagte Hattie und drückte ihn fest.
Mick kam in die Küche. "Hattie, Paddy, ich hole jetzt den Weihnachtsbaum ab. Willst du auch noch mit,
Paddy? Einer passt noch ins Auto."
"Au ja!" Paddys Augen leuchteten.
Mick, Johnny, Jimmy, Joey und Paddy sprangen ins Boot, fuhren ans Festland und dann mit dem Auto in die Innenstadt, wo Tannenbäume verkauft wurden. John, Joey und Jimmy stritten sich sofort um den besten
Baum.
"Lasst das doch Mick entscheiden!" sagte Paddy vorwurfsvoll. "Es ist sein Haus und sein Geld!"
"Welcher gefällt dir denn am Besten, Paddy?" fragte Mick.
"Oh, ähm... der da drüben."
Mick legte Paddy die Hand auf die Schulter. "Dann nehmen wir den."
Jimmy und Joey luden den Tannenbaum auf den Anhänger des Autos. In Paddy wallte ein Gefühl der Dankbarkeit auf. Mick war wirklich schwer in Ordnung. Er musste ihm zu Weihnachten etwas ganz Besonderes schenken...
Auf dem Nachhauseweg durch die Innenstadt fragte Paddy: "Kann ich hier irgendwo aussteigen? Ich muss noch Geschenke kaufen."
"Ja." An einer Ampel ließ Mick Paddy raus. Paddy lief in der Stadt herum und überlegte, was er kaufen sollte. Das noch fehlende Geschenk für Barby war schnell gefunden: ein KuschelRock-Kalender. Doch was sollte er nur für Mick besorgen? Paddy irrte ziellos durch die Straßen von Paris. Doch plötzlich erblickte er etwas in einem Schaufenster. Das wär's doch! Eine Weile zögerte Paddy noch, doch dann betrat er das Geschäft und packte sein schönstes Schulfranzösisch aus.
"Ich möchte gerne den aus Ihrem Schaufenster," sagte Paddy zu dem Verkäufer. "Ich kann ihn aber erst morgen abholen."
"Kein Problem," meinte der Verkäufer. "Aber haben Sie sich das auch gut überlegt? Kennen Sie sich denn damit aus?"
"Ja, natürlich," sagte Paddy. "Ich hatte mal selbst welche. Ich kann also morgen nochmal vorbeikommen?"
"Ja, sicher."
Draußen vor dem Shop machte Paddy einen Luftsprung. Das war genau das richtige Geschenk für Mick!

 
Als Paddy zurück auf die Insel kam, war Orry schon gekommen, und es gab eine laute Begrüßung. Dann stellten Joey und Orry unter viel Ächzen und Stöhnen den Baum auf.
"Wann schmücken wir denn den Baum?" wollte John wissen.
"Oh, das hat noch Zeit!" sagte Hattie.
Abends spielten sie alle zusammen Monopoly. Paddy und Barby waren bald müde und wollten ins Bett.
Oben im Zimmer fragte Barby: "Pad, willst du mein Trauzeuge sein?"
"Au ja," sagte Paddy und freute sich ganz doll. "Danke, Barby." Doch dann zögerte Paddy. Sollte er Barby jetzt fragen, was sie von der Sache mit I Feel Love wusste? Ständig machte sie irgendwelche Andeutungen. Sollte er fragen oder nicht?
Doch als Paddy sich endlich entschlossen hatte und vorsichtig seine Frage formulierte, hörte er nur noch Barbys gleichmäßige Atemzüge. Sie war bereits eingeschlafen.

Am nächsten Morgen war Joeys 26. Geburtstag. Um sieben versammelten sich alle Geschwister vor seinem Zimmer, um ihm zu gratulieren. "Seid ihr alle fertig?" flüsterte Kathy. "One, two, three, four!" Singend stürmte die Familie ins Zimmer. Doch Joeys Bett war leer. Frustriert sah Maite aus dem Fenster und sah Joey draußen im Schnee mit Mick und Orry joggen.
Später beim Frühstück sangen sie dann doch noch für Joey, und er freute sich sehr. Hattie und Mick schenkten ihm eine CD von Right Said Fred. Das Familiengeschenk war eine Idee von Vater gewesen: Maite überreichte ihrem Bruder einen Gutschein für ein eigenes Mofa!
"Wahnsinn!" schrie Joey.
"Freust du dich?" fragte Paddy.
Joey nickte. "Total! Darf ich mir das Mofa gleich schon heute kaufen?"
"Ja, aber nur, wenn du damit nicht auf der Insel fährst," sagte Mick. Joey versprach alles und fuhr gleich mit Angelo los, um sich ein Mofa auszusuchen.
Dan und Silvia gingen nach draußen und kamen mit einigen Mistelzweigen zurück.
"Die muss man über die Eingangstür hängen. Wenn man sich dann darunter küsst, bringt das Glück," erklärte Patricia.
"Paare vor!" rief Kathy.
Den Anfang machten Jimmy und Cherie, und alle klatschten Beifall. Dann folgten Dan und Silvia. Als Barby und Orry sich küssten, fiel der Mistelzweig ab. Barby Ann hielt das gleich für ein schlechtes Zeichen, doch Orry konnte sie eines Besseren belehren. Dann zog auch Mick seine Hattie unter die Tür und gab ihr einen Kuss. Paddy hatte noch nie gesehen, wie die beiden sich küssten, und klatschte ganz toll Beifall.
Plötzlich hörten sie Motorengebrumm: Joey und Angelo waren zurück. Alle fuhren schnell mit dem Boot aufs Festland, um sich Joeys Mofa anzugucken. Es sah sehr teuer aus, und Joey drehte gleich mehrere Runden.
"Darf ich auch mal fahren?" bettelte Jimmy. Joey erlaubte es ihm, und Jimmy kam auch heil zurück. "Darf ich auch mal?" bettelte Paddy. Aber Joey sagte: "Nein, in solchen Dingen bist du ein echter Pechvogel. Und außerdem bist du zu jung!"
"Gemeinheit! Ich bin einundzwanzig!" knurrte Paddy.
Dann fuhren alle wieder zurück auf die Insel und gingen ins Haus. Unter der Tür mit dem Mistelzweig packte Jimmy plötzlich Joey und drückte ihm einen fetten Kuss auf die Wange. Joey schrie auf!
"Es ist doch nur, weil du Geburtstag hast," erklärte Jimmy.
"Aber es ist eine gute Idee!" sagte Barby. "Wir sollten uns eigentlich alle ein paar Küsse geben, denn wir wollen doch immer zusammenbleiben!"
"Ich küsse Joey nicht, der ist doch immer unrasiert!" empörte sich Angelo.
"Komm‘ schon!" sagte Patricia. "Sei kein Spielverderber!"
Also stellten sich alle unter den Mistelzweig und riefen: "Viel Glück und Liebe euch allen! Von Kelly zu
Kelly!" Dann gaben sie sich alle Küsschen auf die Wangen.
Später beim Mittagessen sagte Joey: "Ich muss unbedingt noch ein paar Runden auf meinem neuen Mofa drehen!"
"Du kannst mich ja in die Stadt fahren," schlug Angelo vor. "Ich muss noch ein Geschenk für Sara kaufen."
"Was denn?" erkundigte sich Maite.
"Einen goldenen Ring," verkündete Angelo.
Alle hörten auf zu essen und starrten ihn entsetzt an. "Im Ernst?" fragte Kathy geschockt. "Weißt du überhaupt, was sowas kostet?" fragte John.
"Für Sara ist mir nichts zu teuer," sagte Angelo ernst. Es war nicht zum Aushalten.
"Ich muss auch noch in die Stadt," sagte Paddy schnell. Joey sah genervt auf. "Bin ich denn euer Sklave? Fahrt mit der Metro?"
"Aber ich kann nicht mit Pad gehen," verkündete Angelo. "Für ihn muss ich doch auch noch ein Geschenk kaufen!"
"Ich fahre dich mit meinem Auto," sagte Mick. "Dann kann Joey mit Paddy fahren."
"Dann gehen wir aber jetzt gleich," sagte Joey.
"Moment!" rief Paddy und sprang auf. Er rannte zu Hattie und fragte: "Hattie, kannst du mir einen Korb mitgeben?"
"Wofür denn das?" fragte Hattie misstrauisch, gab ihm aber einen großen Bastkorb. Joey und Paddy zogen ihre Jacken and und die Motorradhelme auf, und Joey fuhr los. Paddy fand es ganz toll, es kribbelte so schön im Bauch!
"Aber heim fährst du mit der Bahn!" sagte Joey in der Innenstadt.
"Ja, logo," meinte Paddy und stieg ab. "Danke." Er wartete, bis Joey verschwunden war, dann rannte er schnell in eine Seitenstraße und betrat das Geschäft.
Der Verkäufer erwartete ihn schon ungeduldig. "Gut, dass Sie kommen! Ich hole ihn dann mal aus dem Schaufenster!" Paddy hielt den Korb auf, und der Verkäufer ließ das Geschenk hineingleiten. Dann zählte er das Geld nach. "Da drüben können Sie sich noch Zubehör aussuchen. Also dann, viel Spaß mit ihm!"
Paddy verließ das Geschäft. Auf der Straße öffnete er noch einmal schüchtern den Korb und schaute vorsichtig hinein. Oh Gott, hoffentlich hatte er das Richtige gekauft!
Paddy fuhr mit der Bahn nach Hause. Dort rannte er sofort in sein Zimmer und schloss die Tür ganz fest hinter sich zu. Er schleuderte Schuhe und Mantel von sich und warf sich seufzend aufs Bett. Doch sofort sprang er wieder auf, nahm das Geschenk aus dem Korb, setzte er vor sich auf den Boden und murmelte: "Was hab‘ ich da nur angestellt!"
Plötzlich ging die Tür auf.
"Neeeeeiiiiin!" schrie Paddy noch, aber es war zu spät...
Jimmy kam herein und blieb wie angewurzelt stehen. "Ich glaube, ich seh‘ nicht recht! Was ist denn das?"
"Siehst doch, was das ist!" knurrte Paddy gereizt. "Ein Dackel ist das! Sonst noch Fragen?"
Fassungslos setzte Jimmy sich auf den Boden und strich über den Kopf des kleinen Hundebabys, das leise winselte. "Wie bist du denn bloß auf die Idee gekommen?"
"Na ja, für Mick zu Weihnachten," meinte Paddy leise. "So eins hat er noch nicht in seiner Sammlung."
"Nein, beileibe nicht!" Jimmy stöhnte auf. "Also, Paddy, echt! Wie stellst'n du dir das vor? Es sind noch vier Tage bis Weihnachten, willst du den so lange hier verstecken? Der braucht ja auch was zu essen, und raus muss er auch mal, sonst pisst er dir ins Bett, und Hattie denkt, du wärst das gewesen!"
"Jimmy, hör‘ auf!"
"Wie, hör‘ auf? So ist es! Die anderen dürfen das nicht erfahren! Hattie steht nicht auf Tiere im Haus, das hat sie mir gesagt!"
"Aber was mach‘ ich denn dann?" schluchzte Paddy. Beschützend legte er die Arme um das Tier.
"Nun heul‘ mal nicht!" meinte Jimmy. "Vielleicht lassen sie sich ja erweichen. Du denkst nur manchmal zuwenig, das ist es. Hast du nichts hier zu fressen für ihn? Ich glaube, er hat Hunger."
Paddy seufzte auf, doch dann holte er aus seiner Manteltasche die sorgsam aufgehobenen Taubenplätzchen. Gierig futterte der Hund alles auf.
"Appetit hat er ja," stellte Jimmy zufrieden fest. "Nur, wie soll er sein Geschäft erledigen? Auf der Insel kann er ja nicht rumrennen, das merken die anderen sofort!"
"Ich dachte, ich halte ihn solange aus dem Fenster oder so..."
Jimmy tippte sich gegen die Stirn. "Du hast echt keine Ahnung! Denkst du, das merkt keiner? Wer ist mit dir im Zimmer?"
"Barby und John."
"Barby würde sicher nichts verraten. Aber bei John wäre ich mir nicht so sicher, der gerät doch gleich in Panik und petzt alles weiter." Nachdenklich streichelte Jimmy über das Fell des kleinen Dackels. "Hey, jetzt hab‘ ich's! Ich nehme den Kerl mit rüber in mein Zimmer!"
"Wen?" fragte Paddy grinsend. "John oder den Hund?"
"Den Hund natürlich! Bei mir im Zimmer ist nur noch Cherie. Sie ist okay, sie verrät nichts."
Paddy seufzte auf. "Also gut... danke. Hier hast du die Leine und das Halsband und das ganze Zeugs." Jimmy staunte. "Das hast du alles noch gekauft?" "Ja," sagte Paddy, "und jetzt bin ich pleite." Dann verstauten die beiden den Dackel wieder im Korb, und Jimmy nahm alles mit hinüber.

Beim Abendessen zeigte Angelo stolz den Ring herum, den er für Sara gekauft hatte. "Ist der nicht schön?"
"Klar ist der schön," meinte John. "Aber ist es denn die ganze Mühe überhaupt wert?"
"Klar!" antwortete Angelo entrüstet.
"Wer weiß, vielleicht kriegst du von deiner Sara nur irgendwelche Taschentücher oder sonst was Wertloses!" meinte Maite kichernd.
"Quatsch!" sagte Angelo. "Sara schenkt mir auch einen Ring, so war das abgesprochen!"
"Na, mal sehen," murmelte Kathy.
"Ihr müsst auch Adam noch ein Päckchen schicken!" sagte Silvia.
"Ja, machen wir," meinte Patricia.
"Und wann wird geheiratet?" fragte Kathy zu Barbarina und Orry hinüber.
"Tja, dieses Jahr schaffen wir es wohl nicht mehr," erklärte Orry und legte seine Hand auf die von Barby. "Aber im Januar ist es dann soweit!" Barby nickte glücklich.
"Morgen schmücken wir dann den Baum!" sagte Hattie.

Am nächsten Morgen wachte Paddy spät auf. Er blieb allerdings noch im Bett liegen und träumte vor sich hin. Plötzlich saß Barby an seinem Bett und hielt sich den Kopf.
"Was ist?" wisperte Paddy.
"Ich hab‘ ja so Kopfschmerzen!" stöhnte Barby. "Hab‘ sauschlecht geschlafen! Heute Nacht war voll der Lärm, ich habe ständig einen Hund jaulen hören! Hast du das auch gehört?"
"Oh, du hast sicher geträumt!" meinte Paddy schnell.
Beim Frühstück gab Hattie Barby eine Kopfschmerztablette, und es ging ihr wieder besser. Auch Patricia war nicht gut, und sie legte sich wieder ins Bett.
"Die ist wohl euer Sorgenkind," meinte Hattie zu den anderen.
"Stimmt, immer, wenn wir hier sind, wird sie krank!" meinte Maite.
Paddy sah aus dem Fenster und merkte, dass der Schnee geschmolzen war.
"Hat einer Lust, bei der Post zwei Päckchen abzuholen?" fragte Mick. "Ich glaube sogar, sie sind für euch."
Jimmy und Maite gingen gleich los und nahmen auch noch Sean mit. Angelo ging inzwischen zum Briefkasten der Insel. "Käthe, ein Brief für dich!"
"Für mich?" fragte Kathy argwöhnisch und nahm ihn in Empfang.
"Von wem ist er denn?" fragte Paddy.
"Von Vincent," meinte Kathy mit nervöser Stimme und riss ihn auf. Was sie las, schien ihr nicht zu gefallen. Paddy sah über ihre Schulter und las:
KATHY: WEHE, WENN DU WEIHNACHTEN NICHT MIT MIR UND SEAN VERBRINGST!!!!!!!!!!!
VINCENT.
"Er droht mir!" jammerte Kathy. Die anderen versuchten, sie zu trösten. "Er kann doch nichts machen, wenn du einfach nicht kommst!" meinte Joey.
"Und wenn er dann hierher kommt?" klagte Kathy.
"Ach, der will dir doch nur Angst machen!" sagte Angelo.
Kurz nachdem Patricia wieder aufgestanden war, kamen Maite, Sean und Jimmy mit den zwei Paketen zurück. Eins war von Adam, das andere von Sara.
"Siehste, bis jetzt hat dir Vincent noch keine Briefbombe geschickt!" meinte Paddy zu Kathy.
"Machen wir die Pakete gleich auf?" quengelte Angelo.
"Vater schläft. Das können wir wagen!" meinte Barby.
Also rissen sie zuerst das Päckchen von Adam auf. Doch Adam kannte sich leider nicht gut mit den Vorlieben seiner Cousins und Cousinen aus. Paddy zum Beispiel erhielt eine CD von Roy Black.
"Na danke," seufzte Barby und starrte auf die omahafte Bluse.
"Was soll ich damit anfangen?"fragte Patricia entsetzt und zeigte ihr Geschenk: einen Spitzen-BH Größe 80 D!
"Den gibst du mir!" sagte Maite.
"Vielleicht können wir die Sachen ja umtauschen!" meinte Jimmy verzweifelt.
Dann öffneten sie das Päckchen von Sara. Die bewies schon mehr Geschmack: die Geschenke waren schön eingepackt und beschriftet, und Paddy bekam einen Kalender für das neue Jahr.
"Und, Angelo, wo ist dein Ring?" wollte Kathleen wissen.
Angelo sah fassungslos auf das Paket. "Irgendwie ist da nichts für mich drin!"
"Vielleicht hat sie ja vergessen, es reinzustecken!" meinte John. "Das glaube ich nicht," meinte Angelo, und seine Augen füllten sich mit Tränen.
"Vielleicht schenkt sie dir etwas ganz großes, das hier nicht mehr reingepasst hat und morgen mit der Post kommt," versuchte Patricia ihn zu trösten, doch Angelo schaute sie nur an und rannte heulend weg.
"Eine tolle Beziehung!" stellte Maite fest.
Hattie kam aus der Küche. "Mittagessen ist fertig! Und danach wird der Baum geschmückt!"
Alle ließen sich den Grießbrei schmecken, sogar Angelo war nicht mehr ganz so trübsinnig! Hattie schaffte es eben immer wieder, sie aufzuheitern!
Danach sagte Jimmy: "Wenn wir den Baum schmücken, müssen wir aber zuerst Sean wegsperren. Der schmeißt sonst alles um."
"Das wird nicht so einfach sein," wandte Kathy ein. Doch Robin und Cherie erklärten sich bereit, mit Sean auf den Weihnachtsmarkt von Paris zu gehen.
Mick ging mit Babsarella und Angelo auf den Speicher, um Christbaumschmuck zu holen. "Habt ihr aber
viel!" staunten die anderen über die vielen Schachteln. Dann machten sie sich an die Arbeit. Paddy legte die Kelly-Kassette Christmas All Year in den Recorder, und sie hörten ihre eigene Musik und sangen bei den Songs wie Oh Tannenbaum und Stille Nacht laut mit. Auch Hattie und Mick!
Schließlich erstrahlte der Baum in vollem Glanze.
"Was glaubt ihr, wie toll der erst aussieht, wenn die Kerzen alle brennen!" meinte Maite.
"Ihr habt das wirklich sehr schön gemacht!" sagten Mick und Hattie bewundernd.
Auf einmal, wie einer Eingebung folgend, fragte Paddy: "Hattie, hast du eigentlich noch die Taubenfeder?"
"Die du in den Haaren hattest, als du morgens auf der Mauer aufgewacht bist? Ja, ich glaube schon." Sie ging zu einer Schublade und holte die helle Feder heraus. Paddy strich fassungslos über die Feder und hatte sofort wieder I Feel Love im Ohr. "Ich darf doch?" fragte er und befestigte die Feder ganz oben am Christbaum. So!
"Mal ganz ehrlich, Paddy, du spinnst doch," sagte Joey.
In diesem Moment hörten sie es oben jaulen, und Jimmy murmelte eine Entschuldigung und rannte nach oben. Paddy wurde rot und senkte den Kopf.
"Was war denn das?" fragte Kathy.
"Keine Ahnung!" meinte Hattie kopfschüttelnd. "Vielleicht der Wind. Wahrscheinlich steht oben ein Fenster offen."
"Es hörte sich an wie ein junger Hund!" meinte Patricia.
"Ausgeschlossen," sagte Mick. "Hier gibt es keine Hunde."
Jimmy kam zurück und warf Paddy einen angenervten Blick zu. Worauf hatten sich die beiden da nur eingelassen!

 
Am Weihnachtsmorgen erwachte Paddy um etwa neun Uhr. Er war wahnsinnig aufgeregt. Er freute sich auf die Geschenke, auf die Kirche, auf das Essen, auf alles. Und überhaupt: Weihnachten war das Fest der Liebe!
Später beim Frühstück sagte Mick: "Es wird bestimmt ein ganz schönes Weihnachten!" Leider lag nicht mehtr viel Schnee draußen. Aber für die Mädchen reichte es noch, um einen Schneemann zu bauen, der aussah wie Vater Dan.
"Darf ich baden?" fragte Paddy.
"Natürlich," meinte Hattie. "Du weißt ja, wo alles steht."
Paddy ging ins Badezimmer und ließ Wasser in die Badewanne laufen. Wo war denn das Rosenduschgel? Er öffnete den Badezimmerschrank. Dort lagen Geschenke, auf dem obersten stand FÜR BARBY. Oh, da durfte er ja gar nicht dran. Mit geschlossenen Augen griff Paddy in den Schrank und holte eine Flasche heraus. Doch das war nicht das Rosenduschgel, dieses hier roch nach Zimt. Auch gut – roch so schön weihnachtlich. Zu guter Letzt fand Paddy dann doch noch das Rosenduschgel und kippte beides ins Badewasser. Dann stieg er in die Wange und schloss die Augen. Yeah, heute Abend war es soweit.
I feel love / when I look / I can't wait / I'm really shooked / I feel love when I look into your eyes... hey little pigeon, where are you coming from? You flew across the sky / and now you're in my hometown...
Paddy wurde es durch das warme Wasser richtig heiß. Doch plötzlich fühlte er etwas Eiskaltes in seinem Gesicht. Erschrocken öffnete er die Augen. "Tessa!"
"Na, wie fühlt man sich mit Schnee im Gesicht?" brüllte Maite.
Sekunden später hatte Maite die leere Zimtflasche im Face.
John kam ins Bad und schimpfte: "Könnt ihr euch denn nicht mal heute benehmen?"
Als Paddy fertig war, ging er in Jimmys Zimmer. Der saß mit Cherie und dem Dackel auf dem Bett. "Hundesitter sein ist echt anstrengend!" stöhnte Jimmy. "Ich glaub‘, der will raus!"
Also steckten die drei den Hund in den Korb und Jimmy bat Hattie, aufs Festland gehen zu dürfen. "Eigentlich ist das ja deine Aufgabe," raunte er Paddy zu. Paddy lachte nur und rannte ins Wohnzimmer, wo Sean gerade die Krippe aufgebaut hatte. Angelo und Patricia saßen noch am Tisch und packten die letzten Geschenke ein. Als sie Paddy erblickten, rannten sie schnell weg, wahrscheinlich waren die Sachen für ihn. Paddy hätte zu gerne gewusst, was sie für ihn hatten. Ging er halt in die Küche. Hattie und Robin machten gerade das Abendessen: Huhn in Ananas. Lecker!
Den Rest des Morgens verbrachte Paddy damit, Gitarre zu spielen, Schokonikoläuse zu futtern und mit Orry, Joey und Babsy STADT LAND FLUSS zu spielen. Orry, der ja Lehrer war, wusste sowieso alles. Leider schmolz der Schnee nur so dahin, denn die Sonne knallte so richtig vom Himmel, und das am 24. Dezember! Seltsam, ob das überall in Frankreich so war?
Um halb vier sagte Mick: "So, jetzt sollten wir uns mal für die Kirche fertigmachen!" "Notre Dame?" fragte Maite. Mick nickte.
Paddy ließ sich von Hattie wieder Zöpfe flechten. "Vergesst nicht, eure Mäntel anzuziehen!" sagte Dan. Inzwischen war es schon ein bisschen dunkel geworden. Sie fuhren mit der Metro und stiegen am Ufer der Seine aus, denn Notre Dame lag ja auch auf einer Insel. Paddy wurde es ganz warm ums Herz, als er die vielen Lichter sah. Es war doch alles wirklich schön.
Notre Dame war wirklich riesig. Die Kellys und ihre Freunde bekamen nur noch einen Platz in den hinteren Reihen. Aber das machte ja nichts. Paddy saß zwischen Hattie und Mick und war sehr aufgeregt.
Es war ein schöner Gottesdienst. Die Kellys hatten schon in vielen verschiedenen Kirchen Weihnachten gefeiert, doch hier war es etwas Besonderes. Als letztes Lied wurde Stille Nacht gesungen. Jetzt ist es gleich soweit! dachte Paddy, und er sang, so laut er konnte.
Danach war der Gottesdienst vorbei. Sie fuhren zurück ans Ufer. Es war stockdunkel, aber an den Häusern und Fenstern brannten Lichter. Und, es war wie in einem Film, plötzlich fing es an zu schneien. Ganz langsam rieselten die Schneeflocken vom Himmel herab. Sie segelten hinunter und verfingen sich in Paddys Haaren.
"Kommt, lasst uns heimgehen!" sagte Orry.
Alle hakten sich unter und liefen die Straßen entlang. "Es schneit so schön, ich habe überhaupt keine Lust, mit der Bahn zu fahren!" sagte Angelo. "Es ist ja Weihnachten, wir können ruhig laufen!" meinte Mick. Hattie und er nahmen Paddy in die Mitte. Paddy schüttelte die Schneeflocken aus seinen Haaren und meinte leise: "Ich bin gespannt, wie dir mein Geschenk gefällt, Mick."
Bis sie auf der Insel angekommen waren, waren alle voller Schnee. Die Stimmung war nun nicht mehr ganz so besinnlich, eher ausgelassen. "Wo sind die Geschenke?" schrie Maite übermütig. Hattie schüttelte grinsend den Kopf. "Ihr alle bleibt schön draußen, bis Mick und ich mit dem Glöckchen läuten!" Auch Dan und Silvia durften noch mit. Die Wohnzimmertür fiel vor den Kellys und Orry, Cherie und Robin zu.
"Wir könnten schonmal unsere Geschenke für die anderen runterholen!" meinte Joey.
Paddy stürmte in sein Zimmer und nahm den Stapel von Geschenken, die er schon auf dem Bett bereitgelegt hatte. Es waren wirklich viele Sachen, fast wäre er die Treppe hinuntergefallen. Unten drückte er die Geschenke dem verblüfften Jimmy in die Hände und rannte noch mal nach oben. Wie sollte er denn nur den Hund transportieren?
Schließlich kam Paddy eine Idee, und er wickelte ihn in seinen Kissenbezug. Der Dackel knurrte und fletschte die Zähne, er wollte raus. Doch darauf konnte Paddy jetzt keine Rücksicht nehmen. Er rannte mit dem Bündel zurück in den Flur.
"Aber Paddy, was ist denn das?" fragte Patricia bestürzt. "Das bewegt sich ja!"
"Quatsch!" sagte Paddy und versuchte, das Kissen hinter seinem Rücken zu verstecken. Doch in diesem Moment begann der Dackel laut zu bellen, und Kathy rannte kreischend in die Küche.
"Aber Paddy, was ist denn das für eine Höllenmaschine?" fragte Angelo.
"Ich," stotterte Paddy, doch da klingelte auch schon das Glöckchen, und Silvia machte lächelnd die Tür zum Wohnzimmer auf. Alle stürmten hinein. War das schön! Der Weihnachtsbaum erstrahlte hell, alle Kerzen brannten! Es war so wunderschön!
"Frohe Weihnachten!" rief Jimmy, während Paddy verzweifelt versuchte, das Kissen zu bändigen.
"Wollen wir erst noch etwas singen?" fragte Hattie.
"Bitte, darf ich Mick schnell mein Geschenk geben?" fragte Paddy kläglich. "Ich schaffe es nicht mehr!" Alle nickten, und Paddy überreichte erleichtert das Kissen an Mick. Der packte es aus und fiel fast in Ohnmacht.
"Was ist das denn jetzt?" schrie Patrisha.
"Ein Dackel!" rief Mick und hielt das drollige Hundebaby hoch. "Es ist ein Dackel!" Er umarmte Paddy. "Danke, danke!"
"Du freust dich?" fragte Paddy vorsichtig. Mick strahlte. "Und wie!" Auch Hattie kam nun näher und sagte: "Sein Leben lang wollte er schon einen echten!"
Dann sangen sie doch noch und packten danach auch die anderen Geschenke aus. Paddy bekam viele schöne Sachen: einen Frotteeschlafanzug von Jimmy, Briefpapier von Robin, ein Musiklexikon von John, eine Lederhose von Joey, einen Gutschein für neue Gitarrensaiten von Vater, einen Grammatik-Duden von Orry, Stifte von Babsarella, Rasierwasser von Kathleen, Briefmarken von Silvia, eine Whitney Houston-CD von Patricia, einen Bilderrahmen mit einem Diddl-Bild drin von Lino, ein Tagebuch von Cherie und ein Armband von Maite. Doch am meisten freute sich Paddy über die Geschenke von Hattie und Mick: Mick schenkte ihm die CD von Shawn Colvin, auf der Sunny Came Home drauf war, und Hattie schenkte ihm ein Rosenduschgel.
Nachdem sie alle ihre Geschenke ausgepackt hatten, setzten sie sich an den Tisch, um zu essen. Das Huhn in Ananas schmeckte wirklich gut. Während sie zu Abend aßen, stöberte der Dackel zwischen ihren Beinen herum und schnupperte am Geschenkpapier.
"Hat der Kleine eigentlich einen Namen?" wollte Joey wissen.
"Nein, den muss Mick sich doch überlegen!" sagte Paddy kauend.
"So ist das also." Mick grinste. "Der Dackel muss natürlich Paddy heißen!"
"Oh nein!" widersprach Paddy. "Paddy bin doch schon ich!"
"Dann nennt ihn doch Paddy Zwei!" sagte Angelo.
"Das passt nicht..." meinte Paddy. "Nennt ihn... nennt ihn Paddy Pigeon!"
"Das ist gut!" meinte Mick. Die anderen verdrehten nur die Augen. "Paddy und sein Taubengeschwafel! Warum bist du eigentlich nicht Brieftaubenzüchter geworden?" fragte John. Paddy schnitt ihm eine Grimasse.
Nach dem Essen löschte Hattie die Kerzen am Christbaum, und alle zogen sich zurück. Paddy schleppte seine Geschenke nach oben. Er war allein im Zimmer, denn Barby saß bestimmt mit Orry zusammen und der langsame John war noch beim Essen. Paddy setzte sich mit seinen Geschenken aufs Bett. Er wollte gerne die Geschenke von Hattie und Mick ausprobieren, doch hier gab es keinen CD-Player, und gebadet hatte er heute schon. Nachdem er die Lederhose anprobiert und ein bisschen in dem Musiklexikon geblättert hatte, war ihm langweilig. Da fiel sein Blick auf das Tagebuch, das er von Cherie geschenkt bekommen hatte. Paddy war etwas verwundert. Tagebuch schreiben? War das denn was für ihn?
Warum nicht ausprobieren? dachte Paddy. Stifte hatte er schließlich auch bekommen.
Paddy legte sich aufs Bett und schloss das Tagebuch auf. Doch gerade als er das Datum schreiben wollte, kam Jimmy ins Zimmer gerannt. "Pad, halt‘ dich fest, jetzt gibt es Sekt!"
"Geil!" schrie Paddy, vergaß das Tagebuch und rannte hinunter zu den anderen.

Am nächsten Morgen wachten alle spät auf. Noch vor dem Frühstück wurde der Baum von Maite, Jimmy, Barby und Orry abgeschmückt, und Patricia, Paddy und Angelo räumten das herumliegende Geschenkpapier auf. Paddy Pigeon rannte ihnen allerdings ständig zwischen den Beinen herum und erschwerte die Sache erheblich. Trotzdem musste Paddy lächeln, wenn er den Dackel sah. Er war froh, dass Mick und Hattie ihn behalten wollten.
"Fertig?" fragte Hattie. "Sehr gut. Oben stehen noch ein paar Pakete, könnt ihr die auch noch bitte
entsorgen?"
Sie gingen nach oben. "Ach, das sind ja nicht mehr viele," meinte Patricia. "Oh, Angelo, guck‘ mal! Da ist ja sogar Saras Päckchen!"
"Fuck!" Angelo stieß heftig mit dem Fuß dagegen. Dabei flog das Paket durch das Zimmer, und ein kleines Geschenk fiel heraus. Paddy hob es auf. ANGELO stand darauf. "Hey Angelo, da ist doch dein Geschenk! Sara hat dich wohl doch nicht vergessen!"
"Echt?" fragte Angelo, und in seinen Augen glitzerten Tränen. "Wahrscheinlich ist es zwischen das Packpapier gerutscht," meinte Angelo hochzufrieden und setzte sich mit dem Geschenk auf eine Treppenstufe. Als er es ausgepackt hatte, stieß er einen Freudenschrei aus. Es war wirklich ein Ring!
Paddy sagte gar nichts. Der Ring sah ihm verdächtig nach einem dieser Ringe, die man im Kaugummiautomaten
bekommt, aus. Doch um des lieben Friedens willen sagte er lieber nichts.
Beim Frühstück gab Silvia Dan plötzlich einen Schubs und sah ihn vorwurfsvoll an. Dan räusperte sich verlegen und sagte: "Kinder, ich habe es mir bis heute aufgehoben, um euch nicht Weihnachten zu vermiesen. Aber heute muss es sein!"
Allen blieb fast das Essen im Hals stecken. "Was denn, Vater?" fragte Joey mit erstickter Stimme.
"Nun ja... heute fahren wir wieder nach Deutschland zurück!"
"Was? Nein!" schrien alle.
"Aber Kinder, seid doch vernünftig!" bat Dan. "Wir können doch nicht immer auf der Insel rumhängen! Ihr habt ein Album veröffentlicht, ihr müsst es promoten, ihr müsst touren! Aber keine Angst: bis zum Ende des Jahres nehmen wir uns auf alle Fälle noch frei! Wir fahren nach Gymnich, das ist doch auch schön!"
Die Kelly-Kids wagten nicht zu widersprechen. Langsam trotteten sie nach oben und packten ihre Sachen. Dann kamen sie mit ihren Koffern wieder nach unten. Dan zeigte gleich auf Jimmy und sagte: "Und du gehst dieses Mal auch mit, junger Mann!" "Ist ja gut!" knurrte Jimmy.
"Werden wir denn nie wieder hierher zurückkehren?" fragte Maite mit Tränen in der Stimme.
"Doch, natürlich!" tröstete Hattie sie. "Ihr könnt ja im Februar wiederkommen, dann feiern wir Jimmys Geburtstag hier!"
Februar? Das schien noch so weit entfernt.
"Könnt ihr euch jetzt bitte verabschieden?" fragte Dan streng.
Dieses Mal schluchzten einige Kellys um die Wette. Hattie nahm Paddy fest in die Arme. Dann verabschiedete er sich von Mick, der Paddy Pigeon auf dem Arm hatte. Paddy gab dem kleinen Hund einen Kuss auf die Schnauze. Ihm lief eine Träne über die Wange, und schnell rannte er hinter den anderen her zum Auto.

 
Abends waren sie schon auf Schloss Gymnich. Paddy ging zuallererst vor die Glotze, musste aber im Videotext erfahren, dass er geheiratet hatte. Das stimmte natürlich nicht, und Paddy war sehr böse. Er ging nun erst einmal baden, und dann hörte er Sunny Came Home auf seinem CD-Player. Aber irgendwie war es doch nicht das Gleiche. Also legte Paddy I Feel Love auf und heulte.
Mitten in der Nacht wachte er auf. Er hatte schrecklichen Durst. Paddy schlüpfte schnell in seine Hausschuhe und schlich im Schlafanzug hinunter in die Küche. Was gab es denn so im Kühlschrank? Ah, Fanta, großartig!
Paddy setzte die Flasche an den Mund und trank einen tiefen Schluck.
"Paddy!"
Ertappt drehte Paddy sich um. Kathy stand im Morgenrock und mit zerzausten Haaren vor ihm. "Was fällt dir ein, aus der Flasche zu trinken? Haben wir keine Gläser oder was?"
"Ich," stotterte Paddy, "ähm, warum bist du überhaupt wach?"
Kathy setzte sich an den Tisch. "Ich hatte Kopfschmerzen." In diesem Moment klingelte das Telefon. Kathy sah bestürzt auf die große Uhr über der Küchentür. "Viertel vor zwei! Wer ruft denn um diese Zeit noch an?"
"Ich gehe," sagte Paddy und griff nach dem Telefon. "Paddy Pigeon... ähm, Verzeihung, hier Patrick Kelly. Guten Abend!"
"Paddy?" hörte er Vincents heisere Stimme aus dem Hörer. "Ist zufällig Kathy da?"
"Moment!" sagte Paddy und reichte den Hörer an seine Schwester weiter. "Dein Ex!" flüsterte er. Dann ließ Paddy sich wieder auf einen Stuhl fallen. Vincent sprach so laut, dass Paddy ihn trotzdem verstehen konnte.
"Hör zu Kathy: Ich stehe draußen vor eurem Schloss. In der Hand habe ich einen Benzinkanister, und ein Feuerzeug habe ich auch bei mir. Wenn du nicht sofort rauskommst und mit mir sprichst, dann werde ich mich mit Benzin überschütten und anzünden. Überleg‘ dir also gut, ob du deinen Ehemann auf dem Gewissen haben willst!"
Kathy lauschte geschockt. Vincent legte auf. Leichenblaß starrte Kathy Paddy an. "Hast du das gehört?"
Paddy nickte. "Meinst du denn, er meint das ernst?"
Kathy zitterte am ganzen Körper. Paddy rückte schnell zu ihr hinüber und legte den Arm um sie. "Ich habe Angst," flüsterte Kathy. "Reg‘ dich nicht gleich auf," versuchte Paddy sie zu beruhigen. "Er will dir bestimmt nur Angst einjagen. Wahrscheinlich sitzt er zuhause und lacht sich jetzt über dich tot!"
"Und wenn es nicht so ist? Wenn er es ernst meint?" jammerte Kathy. Im selben Augenblick läutete wieder das Telefon. Kathleen griff mit leerem Blick danach. "Kelly?"
"Kathy? Ich meine es verdammt ernst! Komm‘ sofort raus, oder ich bringe mich um! Ich habe dich jetzt in meiner Gewalt!"
"Vincent!" schrie Kathleen. "Komm‘ doch zu dir!" Doch er hatte schon wieder aufgelegt. Kathleen vergrub das Gesicht in den Händen. "Was mache ich jetzt nur?" Urplötzlich sprang sie auf. "Ich muss wissen, ob er wirklich draußen ist! Ich gehe jetzt auf den Balkon und schaue nach!" Paddy folgte ihr. Die ganze Sache war zwar spannend, aber sie machte ihm auch gewaltig Angst.
Kathleen riss die Balkontür auf, und beide stürmten hinaus. Tatsächlich, vor dem Tor konnten sie Vincent erkennen, er hatte einen Benzinkanister in der Hand. Noch erblickte er die beiden Kellys nicht.
Kathy zitterte. "Ich fürchte, er meint es ernst. Was soll ich nur tun?"
"Sollen wir Vater wecken?" fragte Paddy vorsichtig.
"Ich hole lieber die Polizei!" meinte Kathy entschlossen und rannte zurück ins Haus. Paddy blieb auf dem Balkon stehen. Vincent sah suchend zum Schloss hinüber, und Paddy duckte sich.
"He, was ist denn hier los?" Patricia und Maite standen plötzlich in ihren Nachthemden auf dem Balkon. Paddy erzählte ihnen schnell die ganze Sache.
Schnaufend kam Kathleen zurück. "Die Polizei kommt so schnell wie möglich."
Inzwischen waren auch Barby, Angelo, Joey, Jimmy und Johnny auf den Balkon gekommen. Frierend standen die Kellys in der Kälte und warteten. Doch die Polizei kam einfach nicht.
"Wollen wir nicht doch lieber Vater wecken?" fragte Jimmy.
Kathleen schüttelte den Kopf. Ihr Handy klingelte. Wortlos hielt sie es sich ans Ohr.
"Kathleen, ich weiß, dass du auf dem Balkon bist!" dröhnte Vincents Stimme. "Komm‘ sofort runter zu mir, oder ich zünde mich an!"
Die anderen beobachteten Vincent, während er mit Kathy telefonierte. Er fletschte die Zähne, ballte die Fäuste und schüttelte drohend den Benzinkanister. Seine Augen waren blutumrandet, und er hatte Schaum vor dem Mund.
Kathy legte auf und sah ernst zu Boden. "Ich gehe jetzt zu ihm," sagte sie.
"Das kannst du doch nicht machen!" rief Maite.
"Was bleibt mir denn anderes übrig?" fragte Kathy hilflos. "Ich glaube, er ist verrückt geworden. Ich muss mit ihm reden, sonst bringt er sich wirklich noch um!"
"Geh‘ nicht zu ihm! Vielleicht zündet er dann dich an!" schrie Angelo voller Angst.
Kathy schüttelte nur den Kopf, drückte nacheinander alle ihre Geschwister und rannte dann vom Balkon. Zitternd blieben die anderen auf dem Balkon stehen.
"Wenn doch nur die Polizei käme!" bibberte Paddy.
Kathy war inzwischen vor dem Tor angekommen. Mit vorsichtigen Schritten näherte sie sich Vincent und redete beruhigend auf ihn ein. Vincent rannte auf sie zu, griff nach ihr und fimg an zu weinen. Und endlich kam auch die Polizei.
Den Polizisten gelang es, Vincent das Benzin abzunehmen und ihn in ein Auto zu verfrachten. Kathy wurde wieder nach oben gebracht.
Niemand erfuhr jemals, was Kathy und Vincent vor dem Tor miteinander geredet hatten. Doch alle waren sehr stolz auf Kathleen!

Dieses Erlebnis mit Vincent gab Vater Kelly nun endgültig den Rest. Noch schlimmer war allerdings, dass auch sämtliche Zeitungen über die Sache schrieben und eine Menge Quatsch hinzuerfanden. Dan tobte. "So geht das nicht weiter! Das machen wir nicht mehr mit!"
"Aber was willst du tun?" fragte Maite. "Bringst du uns wieder auf die Insel?"
"Nein!" schnauzte Vater.
Doch am nächsten Tag versammelte Dan die Kinder vor sich und sagte: "Ich habe jetzt die Lösung für unsere Probleme gefunden. Sie ist etwas schwer, aber ihr werdet euch daran gewöhnen."
"Oh Gott, was denn?" fragte John stöhnend. Die Kinder ahnten nichts Gutes.
Dan zögerte eine Weile. "Wir werden Deutschland verlassen. Für mindestens drei oder vier Jahre. Wir ziehen nach Amerika, in die Nähe von Nashville. Ich habe dort eine Ranch gekauft. Ich komme mit euch, Silvia wird hierbleiben. Wir trennen uns auf Zeit. So werden es Jimmy, Angelo und Barby auch machen müssen. Dort kennt niemand die Kelly Family, wir werden ein ganz normales Leben führen. Das habt ihr euch doch immer gewünscht. Nicht mehr auftreten, keine TV-Shows, keine Interviews. Singen könnt ihr ja auch so, im stillen Kämmerlein. Ihr werdet natürlich alle eure Freunde zurücklassen müssen,. Aber man kann sich ja schreiben, nicht wahr? Ihr müsst bald anfangen, eure Sachen zu packen. An Silvester sind wir das letzte Mal daheim. Am 1. Januar sind wir dann schon in Nashville. Ihr habt noch fünf Tage, alles vorzubereiten. Es tut mir Leid, dass ich euch zu so einem Schritt zwingen muss."
Paddy saß da wie vom Donner gerührt. Er fühlte sich, als habe man ihm das Herz aus dem Leibe gerissen. Seinen Geschwistern ging es nicht anders.
"Vater," begann Maite schließlich mit zitternder Stimme, "das kannst du doch nicht ernst meinen!"
Dan nahm sie in die Arme. "Doch, Maite, so ist es."
Maite riss sich los. "Das kannst du nicht machen!" schrie sie unter Tränen. "Du kannst uns doch nicht einfach aus unserem Leben herauszerren und nach Nashville stecken! Das geht doch nicht!"
"Ich muss, Kinder. Irgendwann werdet ihr diese Entscheidung verstehen."
"Aber du machst alles kaputt!" schluchzte Paddy. "Wir können doch nicht alles hier aufgeben!"
"Wir sind berühmt, wir können nicht einfach nach Amerika abhauen!" erinnerte Angelo. "Wir haben doch auch eine Verpflichtung gegenüber unseren Fans!"
"Keine Diskussionen, alles geschieht so, wie ich gesagt habe!" sagte Dan.
"Vater!" schrie Barby weinend. "Hast du vergessen, dass Orry und ich heiraten wollten? Du hast es erlaubt! Wir lieben uns, du kannst uns doch nicht auseinanderreißen!"
"Ihr seid jung, ihr könnt auch in fünf Jahren noch heiraten," meinte Dan nur.
"Papa, das ist doch absolut bekloppt!" sagte Jimmy kopfschüttelnd. "Ich mach‘ da nicht mit! Und außerdem haben wir uns doch gerade erst Schloss Gymnich gekauft, sollen wir das denn schon wieder verkaufen?"
"Nein, Hattie und Mick werden mit ihrem Hund hierherziehen. Ich habe alles schon mit ihnen abgesprochen."
"Und was sagen die dazu?" fragte Paddy heulend.
Dan machte eine wegwerfende Handbewegung. "Die sagen auch, ich soll es lassen. Was wissen die schon! Packt jetzt alles zusammen, und Kathy, hol‘ du Robin, ich will ihr kündigen!"
"Warum willst du ihr kündigen?" fragte Joey.
"Na ja, jetzt treten wir nicht mehr auf, jetzt ist Kathy immer bei Sean, und wir brauchen kein Kindermädchen mehr!"
"Vater, können wir denn nicht wenigstens ein Abschiedskonzert geben?" fragte Kathy.
"Nein!" fauchte Dan.
Keines der Kelly-Kids wollte umziehen. Sie stritten noch stundenlang mit ihrem Vater weiter, und nacheinander rannten alle heulend nach oben. Später setzten sich die Kinder alle in Johns Zimmer zusammen und beratschlagten.
"Das kann Vater doch nicht machen!" jaulte Angelo, und Patricia sagte: "Wir hauen einfach ab, dann kann Vater sehen, wo er bleibt!"
Kathy schüttelte nur den Kopf. "Es hilft alles nichts," sagte sie schließlich, "wir müssen es ja doch tun. Tragen wir es mit Fassung." Mit diesen Worten ging sie hinüber in ihr Zimmer, rief Sean und begann mit ihm zu packen.
Die anderen konnten sich aber nicht so schnell für Vaters Entschluss begeistern. Noch lange redeten sie weiter, bis spät in die Nacht hinein, doch schließlich akzeptierten auch Maite, Patricia, John, Jimmy, Joey und Angelo Vaters Entscheidung und liefen durchs Haus, um ihre Sachen zu packen. Einzig und allein Barby und Paddy blieben auf Johns Bett sitzen. Der Mond schien hell ins Zimmer. Barby schniefte. "Jetzt kann ich Orry nicht heiraten. Wir hatten uns doch so darauf gefreut, und du solltest Trauzeuge werden!"
"Aber er kann doch nach Nashville kommen und uns besuchen," versuchte Paddy sie zu trösten. "Ihr könnt ja nach Las Vegas fliegen und dort heiraten, Vater braucht das ja net zu wissen!" Doch Barby schüttelte nur den Kopf und schluchzte: "Ich hatte mich so gefreut..."
Paddy nahm die Hand seiner großen Schwester und drückte sie fest.
"Es wäre eine wunderschöne Hochzeit in Weiß geworden..." schluchzte Barby.
Paddy nahm sie in die Arme. Barby redete nun nicht mehr weiter, sie schluchzte nur noch leise. Und endlich traute Paddy sich zu fragen: "Was weißt du über I Feel Love?"
Barby sah ihn aus verheulten Augen an. "Auch nicht mehr als die anderen. Aber ich spüre, dass das Lied dir sehr wichtig ist."
"Das stimmt," murmelte Paddy. Hatte er sich also die ganze Zeit umsonst Sorgen gemacht. Er würde es ihr jetzt auch nicht erklären. Aber wenn er es jemandem mal erzählen würde, würde das wohl Babsarella sein.

 
Die Tage vergingen, und schließlich kam der 1. Januar, der Tag, an dem die Kellys nach Nashville zogen. Möbelpacker eilten geschäftig durch das Schloss, überall standen Umzugskisten und Möbel herum.
Paddy saß auf einem Sofa und starrte leer vor sich hin. Er hatte nun verstanden, dass es nichts nützte, sich gegen den Plan zu sträuben.
"Wir fahren mit dem Zug nach Berlin, und von dort aus fliegen wir nach Nashville," hatte Vater beim Frühstück verkündet. Paddy konnte sich aber nicht helfen, er wollte nicht umziehen, und er glaubte, dass es Barbee genauso ging. Doch die war nicht auffindbar. Paddy griff nach einem Block und einem Stift, die auf dem Boden lagen, und schrieb einfach so einen Brief.
Liebe Barby! Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich will nicht bleiben. Am liebsten würde ich bei Mick und Hattie bleiben.
Paddy ließ den Stift sinken. Eigentlich musste er ja nicht nach Amerika. Der Park von Schloss Gymnich war groß, und er konnte sich ja einfach irgendwo verstecken, bis die Gefahr vorbei war. Schließlich würden bald Hattie und Mick hier einziehen. Sie würden Vater Dan sicher nichts verraten, und dann konnte er bei ihnen bleiben. Und seinen Abschiedsbrief hatte Paddy ja auch schon geschrieben. Jetzt musste er nur noch dafür sorgen, dass Barbie ihn bekam. Paddy nahm den Stift wieder auf und schrieb groß Take this letter to her house by the riverside, eine Zeile aus I Feel Love, auf das Blatt. Dann steckte Paddy den Brief in die Hosentasche und machte sich auf die Suche nach Barby. Vielleicht war sie draußen? Doch vor dem Tor traf Paddy nur Angelo.
"Hey Lino, weißt du, wo Babs ist?"
"Nö, das nicht!" sagte Angelo. Er hatte die Hände in den Hosentaschen. "Du, Pad, du guckst so traurig... aber erinnerst du dich noch daran, was Hattie gestern am Telefon zu dir gesagt hat?"
Und ob Paddy sich noch daran erinnerte! Gestern hatten sie bei Hattie und Mick angerufen, um sich zu verabschieden.
"Ich will nicht nach Nashville," hatte Paddy traurig zu Hattie gesagt. "Das ist doch das Ende der Welt!"
Hattie hatte versucht, ihn zu trösten. "Aber Paddy, sieh‘ es mal so: jedes Ende ist auch ein neuer Anfang!"
Gestern hatte Paddy damit nichts anfangen können. Aber jetzt, hier vor dem Tor, konnte er Hatties Worte plötzlich verstehen.
Warum wehrte er sich gleich so gegen Nashville? Auch wenn es unvorstellbar erschien, vielleicht war es dort ja wirklich schön! Wenn es nicht so war, konnte er ja immer noch abhauen.
Paddy rannte zurück ins Schloss und in sein Zimmer, wo Jimmy und Maite gerade Paddys Schreibtisch nach unten tragen wollten. "Wo ist mein Tagebuch?" schrie Paddy.
"Das, welches Cherie dir geschenkt hat?" fragte Jimmy. "In der Kiste da auf dem Bett."
Paddy riss die Kiste auf und zog das Tagebuch heraus. Dann schnappte er sich einen Stift und verkroch sich in eine Ecke.
Heute Abend würden sie schon in Amerika sein.
Paddy schrieb ganz groß auf die erste Seite: Nashville, 1. Januar. Heute Abend würde er dann schreiben, wie es war. In dem Tagebuch fand er auch noch die Taubenfeder, die er in seine Hosentasche steckte.
"Seid ihr fertig?" rief Dan. "Wir müssen jetzt zum Bahnhof, unser Zug geht bald!"
Die Kellys sprangen in den großen Bus, und Vater fuhr bis zum Kölner Bahnhof. Dort rannten sie an ihr Gleis und kletterten in den Zug.
Während sie ihre Koffer im Abteil verstauten, fragte Paddy beiläufig: "Vater, was glaubst du, wann werden wir wieder nach Deutschland kommen, um Hattie und Mick zu besuchen?"
"Nach Deutschland, um die beiden zu besuchen? Nie mehr!" sagte Dan.
"Was?" Entsetzt sah Paddy ihn an, der Walkman rutschte ihm vor Schreck von den Ohren. "Aber dann... dann gehe ich nicht mit!"
"Natürlich gehst du mit!" befahl Dan.
"Nein!" schrie Paddy. Hektisch kramte er in seiner Hosentasche und warf Barby, die gerade den Gang entlang kam, den Brief zu. Dann sprang Paddy Hals über Kopf aus dem Zug und rannte weg.
"Mach‘ keine Dummheiten, Paddy!" schrie Jimmy. "Komm‘ zurück!"
Barby faltete inzwischen den Brief auseinander und las ihn den anderen vor. "Was musstest du ihm auch sagen, dass wir Hattie und Mick nie wieder besuchen!" sagte sie böse zu ihrem Vater.
"Warum eigentlich nicht?" wollte Kathy wissen.
Und da erzählte Dan ihnen, was eigentlich eine Überraschung gewesen sein sollte: Mick und Hattie WAREN bereits in Nashville, denn Dan hatte zusammen mit ihnen die Ranch gekauft, auf der sie alle zusammen leben wollten. Adam hatte Schloss Gymnich bekommen.
"Aber diese Überraschung kommt wohl zu spät für Pad," meinte Barby.

Paddy war indessen aus dem Bahnhofsgebäude gerannt und hatte sich ganz außer Atem draußen auf die Treppenstufen fallenlassen. In seinen Augen brannten Tränen. Wenn er nie wieder Hattie und Mick besuchen durfte, wollte er auf keinen Fall nach Nashville. Tagebuchseiten konnte man notfalls zerreißen.
Paddy setzte den Walkman auf die Ohren und schaltete auf START. Wie passend, das erste Lied war auch noch I Feel Love. Paddy schloss die Augen, legte den Kopf auf die Arme und hörte das Lied an. Die Tränen liefen ihm die Wangen hinunter. Jetzt konnte er nicht mehr zurück. Die anderen waren bestimmt total sauer, und er ja eigentlich auch. Was sollte er jetzt nur machen.
I Feel Love war zuende, aber das nächste Lied wollte Paddy nicht hören. Er schaltete die Kassette aus. "Letzte Einstiegsmöglichkeit für den Zug nach Berlin!" hörte er einen Schaffner brüllen. "Türen schließen von
selbst!"
Ich möchte so gerne eine Taube sein. Dann könnte ich fliegen, wohin ich will.
Leise summte Paddy I Feel Love vor sich hin. Vor den Treppenstufen landete plötzlich ein Vogel und pickte nach den Brotresten auf dem Boden. Als Paddy aufsah, erschrak er. Es war eine Taube. Und nicht nur das. Es war eine braune Taube.
Mit zitternden Fingern zog Paddy die Taubenfeder, die er in dieser besonderen Nacht in seinen Haaren gefunden hatte, aus seiner Hosentasche. Sie passte genau zu dieser Taube.
Er stand so heftig auf, dass die Taube sich erschrocken in die Lüfte erhob und davonflog.
Paddy umklammerte die Feder fest und rannte zurück in die Bahnhofshalle. Hoffentlich war es noch nicht zu spät!


THE END


© by Doro F....................... December 1998
Dedicated to my grandparents who are a little like Hattie and Mick.... J


© Doro (Danke schön!)

 

Bar Letter

Last update: 08/11/2001

(Online since: 08/11/2001)

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