Es war ein gewöhnlicher Tag in Irland, aber was verriet er schon? Die Landstraße von Cork nach Cóbh sah nicht einmal durch die schlecht geputzte Fensterscheibe des Linienbusses sonderlich trübe aus. Die Sonne schien mit voller Kraft auf die sommerlich grünen Wiesen, und auch der Wind wehte nicht stürmischer als sonst. Von Regen keine Spur mehr. Es war ein ganz normaler Sommertag im Jahre 1997, was wusste dieser Tag schon von schlimmen Ereignissen?
"Haben Sie geweint?" wurde Paddy von der alten Frau gefragt.
"Ein bisschen," entgegnete Paddy zögernd, und dass das eine Untertreibung war, konnte sie ja nicht wissen. "Sieht man es noch?"
"Sie sehen aus, als hätte man Sie ganz tüchtig verprügelt, Jungchen." Die Alte rückte ihre Brille zurecht und sah Paddy unverhohlen an. "Lassen Sie mich raten: Sie haben sich mit Ihrer Freundin getroffen, und dann kam unverhofft deren Ehemann dazu. War natürlich Profiboxer, der Kerl."
"Nicht ganz."
"Oder Sie haben sich hier im Irish Pub an einer der allabendlichen Schlägereien beteiligt. Davon hört man ja ständig. Konnte ich noch nie verstehen, dass so etwas Spaß machen können. Aber mein Mann hat das auch immer gemacht. Sie finden das sicher auch gut. Liege ich richtig?"
"Nicht ganz," antwortete Paddy.
Zum Glück verlor die alte Frau bald den Spaß an ihren Vermutungen und stieg an der nächsten Haltestelle aus. Paddy fuhr weiter bis zur Endhaltestelle am südlichen Ortseingang von Cóbh, wo die Straße den Berg hinauf zu East Grove führte. Der Busfahrer hupte. "Endstation, alle aussteigen!"
Außer Paddy war sowieso niemand mehr im Wagen. Paddy seufzte tief, dann griff er nach dem Päckchen neben sich auf dem Sitz, grüßte und sprang aus dem Bus.
Finbar wartete tatsächlich an der Haltestelle auf ihn. Hechelnd stand sie neben dem Schild mit den Fahrplänen und sprang an Paddy hoch, sobald sie ihn erschnuppert hatte. Auch wenn Finbar sagenhaft dreckige Pfoten hatte, war Paddy gerührt. Es stimmte also wirklich, dass sein Hund immer genau wusste, wo er war. Kathy und Patricia glaubten ihm das nämlich nicht so recht. Und Finbar hatte ihn wirklich um die richtige Zeit von der Haltestelle abgeholt – vermutlich, weil Barby sie zur richtigen Zeit aus dem Haus gelassen hatte. Gute Finbar, gute Barby, auf die beiden konnte man sich wenigstens verlassen.
"Guter Hund," murmelte Paddy und tätschelte das weiße weiche Fell seiner Hündin. Finbar winselte leise, und am liebsten hätte Paddy sein Gesicht in ihr Fell gepresst und einfach nur vergessen. Aber das ging ja nicht, das ging überhaupt nicht. Vor allem musste er zuerst dieses verdammte Päckchen nach Hause bringen. Paddys Herz verkrampfte sich, wenn er nur daran dachte.
Wie die ihn in der Apotheke angeguckt hatten, als er das verlangt hatte.
Er warf seine Haare zurück und gab Finbar einen Klaps auf den Rücken, dann begannen sie gemeinsam die Landstraße hinaufzulaufen.
In East Grove angekommen traf Paddy zuerst auf Angelo, der mit verbissenem Gesicht irgendwas am Gartenzaun reparierte. Er begrüßte Paddy und Finbar nur mit einem Schnaufen. "Dachte ich mir, dass Finbar zu dir gelaufen ist," meinte er. "Ich hätte mit ihr Gassi gehen müssen, aber sie war weg."
"Hat Barby sie rausgelassen?"
"Weiß nicht, wahrscheinlich."
Mehr hatten sie sich vorerst nicht zu sagen.
In der Küche traf er auf Patricia und Maite. Seine jüngere Schwester leerte gerade eine große Dose Kekse, und Patricia spülte Geschirr. Paddy wurde von ihr nur mit einem Kopfnicken begrüßt, im Moment hatte keiner der Kellys Lust zu reden. "Falls du Kathy suchst, sie ist mit Johnny noch mal im Krankenhaus," sagte Patricia dann aber doch müde. "Er muss noch mal geröngt werden, ich weiß nicht so genau Bescheid. Hast du es mitgebracht?"
Schweigend reichte Paddy ihr das Päckchen. Mit gerunzelter Stirn öffnete Patricia es und wirkte ehrlich erschrocken. "Ob das nicht doch zu stark ist? Ich muss noch mal mit Kathy sprechen! Das kann doch nicht gesund sein!"
"Es muss aber so stark sein, sonst hilft es doch nichts!" sagte Maite mit vollem Mund.
"Kann man..." Paddy schluckte, "... kann man zu ihm gehen?"
"Auf keinen Fall." Patricia schüttelte ernst den Kopf. "Wir sollten ihn in Ruhe lassen. Er wird sowieso schlafen, und das ist das Beste, was er tun kann."
"Okay, dann nicht." Ehrlich gesagt war Paddy selbst darüber erleichtert. "Weiß jemand, wo Barby ist?"
"Vermutlich in ihrem Zimmer. Ich hab‘ sie vorhin nur kurz gesehen, als sie Finbar gefüttert und zur Haltestelle geschickt hat. – Ach, jetzt klingelt auch noch das Telefon," sagte Patricia hektisch, als ein schriller Ton im Flur ertönte. Sie rannte in den Flur, von wo schon bald ihre Stimme zu hören war: "Yes, it’s Patricia Kelly... no, we’re not gonna say anything about that..."
"Dann geh‘ ich jetzt mal zu Barby," sagte Paddy, die Hände in die Hosentaschen gesteckt, zu Maite. Seine Schwester kommentierte dies nicht, sondern griff ein weiteres Mal mit abweisendem Gesicht in die Keksdose und stopfte sich den Mund voll. "Friss‘ nicht so viel," sagte Paddy im Gehen leise.
"Du Idiot, du denkst wohl, ich mach‘ das aus Spaß!" schnaubte Maite und schloss den Deckel der Dose mit einem Knall.
Paddy besuchte Barby in ihrem Zimmer. Sie saß am Schreibtisch und blätterte in einem Buch mit Ballettfotos.
"Hallo Paddy, geht’s dir gut?"
"Mmmh, ja. Danke, dass du mir Finbar geschickt hast, ne."
"Ist sie gekommen?"
"Ja, sie hat ganz brav gewartet, bis der Bus gekommen ist."
Barby lächelte. "Das ist schön."
Es war ein so süßes Lächeln, aber es verweilte nur sehr kurz auf ihrem Gesicht. Paddy war traurig. Was war nur geschehen in dieser Familie? Gut, das Drama hatte sich schon lange abgezeichnet... aber dass bereits gestern das Ende gewesen war, schockierte ihn noch immer. Wie sollte es nur weitergehen mit ihnen? Seit gestern war alles kaputt, und sogar die Geschwister, die nicht direkt betroffen gewesen waren, so wie Jimmy, John und er, liefen nur noch wie Zombies herum und waren verzweifelt.
Paddy beugte sich über das Buch und betrachtete die Bilder, aber eigentlich sagten sie ihm nichts. Er war sich sicher, dass sie Barby im Moment auch nichts sagten. Was sie brauchte, war Ablenkung. Er wollte ihr helfen. Wenn er sich schon nicht selbst helfen konnte, und dass er das nicht konnte, wusste er genau, dann wollte er zumindest Barby helfen.
Er fragte sich, ob er sie fragen sollte, ob sie heute Nacht bei ihm schlafen wollte. Dann wiederum fragte er sich, ob er diese Frage überhaupt stellen durfte.
Es war dunkel, wahnsinnig dunkel im Turmzimmer. Die Vorhänge waren zugezogen worden, das Sonnenlicht konnte er nicht sehen. Er konnte sich auch nicht bewegen. Er lag einfach nur im Bett, die Augen kraftlos geschlossen. Spucke lief ihm aus dem Mund, aber seine Finger waren gelähmt. Er hoffte, jemand würde kommen und sie wegwischen.
Was habe ich getan... was habe ich nur getan...
Seine Augen klebten, er konnte sie nicht öffnen und wollte es auch nicht. Nie wieder wollte er jemanden sehen, niemals wollte er sich für seine Taten rechtfertigen müssen. Und er hatte Angst, Angst davor, dass es wieder anfangen würde.
Ich kann nicht mehr...
Jimmy war zu müde, um richtig verzweifelt zu sein, doch der Schmerz steckte noch immer tief in ihm und stürzte ihn in ein tiefes, schwarzes Loch. Das war das Ende.
Wasting precious life with you... let the pain take over.
Er fragte sich, was aus Johnny und Paddy geworden war. Hier konnte er es nicht herausfinden, er musste warten, bis jemand kommen und es ihm sagen würde. Doch vermutlich würde niemand kommen, niemand würde je mehr zu ihm kommen, und er hatte es doch verdient.
Aber ich konnte doch nicht anders... was habe ich nur getan... das war doch nicht ich...
Er fühlte einen so tiefen Schmerz in seiner Brust, dass er leise stöhnen musste. Das war schlimmer als alle äußeren Schmerzen, auch wenn diese auch nicht zu verachten waren. Oh Gott, was hatte er nur getan? Doch es kam noch schlimmer. Der Entzug begann.
Johnny, Johnny...
Seine Arme begannen zu puckern, sein Puls begann zu rasen und die körperlichen Schmerzen wurden immer stärker, kamen in heftigen Schüben. Er konnte es einfach nicht mehr aushalten.
Es fängt wieder an... ich bin tot, ich bin tot.
Kathy kam gegen Abend nach Hause, müde, abgekämpft und ohne John. Paddy und Patricia, die in der Küche standen, bestürmten sie sofort mit Fragen.
Kathy ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen. Ihr Gesicht war grau vor Müdigkeit und Trauer, und im Gegensatz zu sonst war sie nicht sehr sorgfältig geschminkt. Sie spielte mit ihrem Ehering, den sie trotz allem noch immer trug, und antwortete, ohne Patricia und Paddy anzusehen.
"Sie wollten John noch ein paar Stunden dabehalten, ich hole ihn nachher ab. Sie meinen, die Rippenbrüche sind doch schlimmer als angenommen, aber sie sagen auch, wir sollen uns keine Sorgen machen. Ha! Haben die eine Ahnung, was unser neues Hobby ist?" Sie lachte kurz bitter auf.
Patricia schluchzte. "Ausgerechnet John! Ausgerechnet Jimmy!"
Kathys müde Augen ruhten auf Paddy. "Hast du den Stoff aus der Apotheke mitgebracht?"
Paddy nickte und wies schweigend auf das Päckchen auf dem Tisch.
Warum habe ich ihn geschickt, dachte Kathy, während sie seufzend nach dem Päckchen griff. Ich bürde Paddy viel zuviel auf. Er ist doch völlig mit den Nerven runter, weil Jimmy auch noch ihn geschlagen hat, während Johnny schon längst am Boden lag... das Schluchzen würgte sie, und schnell öffnete Kathy das Päckchen und sah nach dem Stoff.
"Ist es das Richtige?" fragte Paddy.
"Ja."
"Meinst du nicht, dass es zu stark ist, Käthe?" fragte Patricia.
Kathy zuckte hilflos mit den Schultern. "Ich weiß es auch nicht. In der Beratungsstelle haben sie gesagt, dass es hilft. Mehr kann ich auch nicht sagen."
"Gut." Patricia zog die Stirn in Falten. "Sagt mir, was ihr heute Abend essen möchtet. Ich koche dann gleich."
"Ich mag aber nichts essen!" begehrte Paddy auf.
"Paddy, du MUSST etwas essen."
"Ich mag aber nicht!" rief Paddy ungehalten. Als Kathy und Patricia ihn ansahen, stöhnte er nur auf und rannte in den Flur, wo er auf Finbar traf. Er scheuchte den Hund mit sich die Treppe hinauf und verschwand türenknallend in seinem Zimmer.
Kathy seufzte erneut. Patricia verschränkte besorgt die Arme vor der Brust. "Tricia, reg‘ dich nicht auf," sagte Kathy besänftigend. "Wenn er nicht essen möchte, lass‘ ihn in Ruhe. Der Schock hat ihn zu sehr mitgenommen. Wenn er was will, wird er schon kommen."
"Aber er muss doch essen, er..." fing Patricia an, wandte sich dann aber ab. "Ach. Wenn jeder das machen würde, was er müsste, wäre hier einiges anders gelaufen."
Kathy nickte düster. Da hatte ihre Schwester natürlich Recht. Wäre alles so gelaufen, wie es hätte laufen sollen, hätte Jimmy niemals Drogen genommen. Und dann hätte er niemals im Drogenrausch John verprügelt, als dieser ihm nur helfen wollte. Und dann hätte er nicht Paddy geschlagen, als dieser John zuhilfe geeilt war. Kathy fühlte Trauer in sich aufsteigen. Sie wollte sie verdrängen und Patricia trösten, doch dann hörten sie von oben Jimmys unkontrolliertes Geschrei. Die Entzugserscheinungen fingen an.
Patricia wurde weiß wie die Wand. "Oh Gott, Käthe... das hört sich ja gar nicht menschlich an! Er muss entsetzliche Schmerzen haben... wie können wir ihm nur helfen?"
Kathy hörte ihr gar nicht mehr zu. Sie griff nach dem Entzugsstoff und raste damit die Treppe hinauf.
Zu siebt aßen sie zu Abend, denn auch John konnte wieder nach Hause zurückkehren. Er hatte einen Gips um die rechte Hand und konnte sie nicht bewegen, und Patricia und Maite mussten ihm das Essen schneiden.
Jimmy und Paddy wohnten dem Abendessen nicht bei. Jimmy hatte Fieber. Kathy hatte ihn in dicke Decken gepackt, nachdem sie ihm den Entzugsstoff eingeflößt hatte. Und Paddy wollte nicht herunterkommen, er lag auf seinem Bett, kraulte Finbar und wollte allein sein.
Barby aß nur sehr wenig, während Maite und Joey das Essen geradezu herunterschlungen. Angelo stocherte auch nur in seinem Essen herum und sprang plötzlich auf. "Ich muss dringend telefonieren," murmelte er und raste davon.
"Angelo, also wirklich! Was ist denn das für ein Benehmen!" schrie Kathy ihm hinterher, doch Joey legte ihr warnend die Hand auf die Schulter. "Kathy, lass‘ ihn. Er will jetzt nicht essen. Und ich eigentlich auch nicht mehr."
"Also gut," meinte Patricia seufzend. "Beenden wir das Essen. Ich sehe noch mal nach Angelo."
Alle bis auf John standen auf, Barby und Maite verschwanden zusammen nach oben, Joey ging in den Keller, um noch ein bisschen zu trainieren, Patricia ging in den Flur und Kathy, die ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie geschrien hatte, räumte den Tisch ab.
Dann setzte sie sich wieder zu John, kurz darauf kam auch Patricia dazu. "Angelo fühlt sich schon besser," erklärte sie deutlich erleichtert. "Er telefoniert jetzt mit der Kleinen aus Rostock, wie heißt sie doch gleich nochmal?"
"Kira," sagte Kathy.
"Genau."
Dann musste Johnny seinen Schwestern erklären, was die Ärzte im Krankenhaus mit ihm gemacht hatten. Zum Glück hatte er kaum noch Schmerzen. "Sie haben mich gefragt, ob ich eine Anzeige wegen Körperverletzung aufgeben will," meinte er leise. "Aber das kann ich nicht tun. Er ist doch mein Bruder!"
"Wie konnte das nur passieren!" Patricia vergrub weinend den Kopf in den Händen.
"Schon gut, Tricia," sagte John, auch wenn es gar nicht gut war. Aber Jimmy war ja nicht er selbst gewesen. Und eigentlich, dachte John, eigentlich bin ich doch selbst Schuld daran. Ich hätte es doch wissen müssen. Es hat sich doch schon abgezeichnet. Ich wusste, dass er letzte Nacht voll mit Drogen war, warum also hab‘ ich ihm eine Predigt halten wollen? Er wollte es ja nicht, bestimmt hätte er mich nie geschlagen, wäre er nicht voll mit dem Scheißzeug gewesen. Er ist doch mein Bruder. Ich habe Angst vor ihm, aber er ist doch mein Bruder.
"Ich war dann ohnmächtig," sagte er. "Was hat er mit Paddy gemacht?"
"Nicht mehr viel." Müde strich Kathy sich eine Locke hinter ihr Ohr. "Er hat ihn an den Haaren gerissen und ihm ins Gesicht geschlagen. Hast du nicht gesehen, was er für ein blaues Auge hatte?"
"Wann denn? Ich war den ganzen Tag im Krankenhaus, und Paddy kam nicht zum Essen."
"Barby geht es auch nicht gut," brachte Patricia mit Mühe hervor. "Jetzt dachten wir endlich mal, in Irland wird alles gut, und jetzt das!"
"Ich weiß sowieso nicht, wie das alles weitergehen soll," gab John zu. "Wir haben Konzerte zu geben und Aufnahmen zu machen. Wegen mir braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Aber Jimmy? Wie kriegen wir Jimmy wieder fit?"
"Tja," sagte Patricia. Beide sahen zu Kathy, bis diese laut seufzte. "Warum guckt ihr mich so an? Ich hab‘ auch keine Ahnung!"
"Wir müssen eine Lösung finden," sagte Patricia. Und die drei saßen noch bis spät in die Nacht zusammen und redeten über das Problem, doch ihnen fiel nichts ein. Die einzige Lösung hätte gelautet, dass dies alles nie hätte passieren dürfen.
Paddy, Barby und Maite lagen gemeinsam auf Paddys Bett und schlugen die Zeit tot. Der Fernseher lief, aber keiner sah so richtig hin, und aus der Stereoanlage dröhnte Take Away, aber die drei hörten nicht zu. Finbar hatte sich auf dem Teppich zusammengerollt und schlief tief und fest.
"Zeig‘ mal dein blaues Auge," sagte Maite.
"Ach, lass‘ doch."
"Ich will es aber sehen," beharrte Maite, und Paddy stöhnte auf, drehte sich zu ihr und streckte ihr sein Gesicht entgegen. Maite machte ein betroffenes Gesicht. "Scheiße!" murmelte sie. "Warum macht der
das?"
Paddy wusste es doch selbst nicht, und er wollte auch nicht vor Barby darüber reden. Sie verkraftete das alles noch schlechter als er, und dabei war es nicht sie, die Jimmy geschlagen hatte. Paddy fühlte nur noch Schmerz. Trotz allem hasste er Jimmy nicht. Es war ja nicht wirklich seine Schuld gewesen. Die verfluchten Drogen hatten ihn dazu gezwungen und nichts anderes.
"Hört mal zu, ihr beiden," sagte er zu seinen Schwestern. "Nehmt nie so was, das müsst ihr mir versprechen."
"Spinnst du, Pad?" entrüstete sich Maite. "Am Ende geh‘ ich auch noch so ab wie Jim und verprügele meine Geschwister! Kommt ja nicht in die Tüte!"
Barby sagte zu alldem gar nichts. Sie hatte sich ans Kopfende des Bettes zurückgezogen, lehnte den Rücken an die Wand, spielte mit einer Locke ihrer Haare und sprach kein Wort. Paddy hatte wirklich Angst, sie heute Nacht alleinzulassen.
Es klopfte an die Tür. Paddy schaltete schnell Fernseher und Stereoanlage aus und rief: "Herein."
Patricia öffnete die Tür und lächelte, als sie ihre drei jüngeren Geschwister sah. "Hier seid ihr also alle! Kommt, gehen wir alle ins Bett. Es war doch für uns alle ein langer Tag."
Maite machte ein enttäuschtes Gesicht, doch Patricia meinte nur: "Es ist ein Uhr nachts! Angelo habe ich eben auch den Telefonhörer abgejagt, sonst würde der auch noch weitertelefonieren bis morgen früh. Ich schaue noch mal nach Jimmy, dann gehe ich auch schlafen."
Seufzend stand Maite auf, warf Paddy und Barby eine Kusshand zu und ging an Patricia vorbei. Finbar folgte ihr schwanzwedelnd. Barby wollte ebenfalls aufstehen, kam aber nicht so recht vom Bett hoch. Ihr ganzes Gesicht zeigte höchste Anspannung.
Jetzt müsste ich eigentlich was sagen, dachte Paddy. Doch im selben Moment meinte Patricia schon: "Paddy, lass‘ doch heute Nacht Barby bei dir schlafen."
"Okay."
Als Barby ins Bad ging, hörte sie oben Patricia leise zu Jimmy sprechen. Jimmy antwortete nicht, und irgendwie zweifelte Barby daran, dass er überhaupt noch am Leben war. Es war schon so spät. Und um sie herum drehte sich alles. Sie erschrak, als sie ihr eigenes Gesicht im Spiegel sah. Ihre Augen lagen in tiefen Höhlen und sie war leichenblass. Oh, warum war das nur alles passiert? Barby schniefte. Hier hätte doch alles gut werden sollen. Sie griff nach ihrem Waschlappen, und prompt fiel er ihr aus der Hand.
Als sie zurück in Paddys Zimmer kam, hatte Paddy ihr schon die Matratze vor sein Bett gelegt und ihr Bettzeug gerichtet. "Wenn es dir zu warm oder zu kalt ist, musst du’s mir sagen. Und wenn du nicht schlafen kannst, weckst du mich, okay?" Barby antwortete ihm nicht richtig darauf. Sie wankte zur Matratze, legte sich hin und zog sich die Decke bis zum Kinn.
"Schlaf‘ gut," sagte Paddy leise und gab ihr einen Kuss. Barby murmelte etwas, lächelte kurz und schloss dann die Augen.
Paddy blieb noch eine Weile neben ihr sitzen. "Ich lieb‘ dich," sagte er zu ihr. Doch Barby war bereits eingeschlafen und hörte ihn nicht mehr.
Wasting precious life with you... you’re taking all my love with you...
Er hatte wieder fürchterliche Schmerzen, er warf sich im Bett hin und her, aber es wollte nicht vorbeigehen. Patricia hatte ihm vorhin einen nassen Waschlappen auf die Stirn gelegt, doch jetzt, nur eine halbe Stunde später, half es schon wieder nichts mehr. Die Schmerzen waren unerträglich. Er schrie nach Kathy. Er schrie nach Patricia. Er schrie sogar nach John, obwohl er wusste, dass dieser nicht kommen würde. Aber auch seine Schwestern kamen nicht. Es tat so schrecklich weh. Was sollte er denn nur tun? Nie wieder würde er dieses Zeugs anrühren, das schwor er sich in dieser Stunde, nie wieder. Doch schon wurden die Schmerzen stärker, und seine Gedanken waren wie ausgelöscht.
Kathy lag wach und mit offenen Augen in ihrem Schlafzimmer. Es waren nicht nur die Gedanken an Jimmy, die sie nicht zur Ruhe kommen ließen... sie hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass die Bettseite neben ihr leer war. So lange hatte sie ihn geliebt... warum nur waren all die Gefühle verflogen? Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie unglücklich darüber war, denn gerade jetzt hätte sie ihn so sehr gebraucht.
"Vincent..." flüsterte sie ins Dunkel.
Eine Hand tätschelte sanft ihre Schulter. Im ersten Moment glaubte Kathy wirklich, Vincent wäre doch zurückgekommen. Doch als sie den Kopf drehte, sah sie geradewegs in Patricias besorgtes Gesicht. "Kathy, hörst du, wie er oben brüllt? Das halte ich nicht aus!"
"Wir können nichts tun." Müde richtete Kathy sich im Bett auf. "Ich kann ihm nicht mehr von dem Stoff geben, sonst wird die Dosis zu stark. Wir müssen ihn leiden lassen. Mir bricht es doch auch das Herz."
"Aber es klingt schrecklich!" flüsterte Patricia. "Und was ist, wenn Barby und Paddy aufwachen..."
"Die zwei schlafen, ich habe vorhin noch mal nach ihnen gesehen. Ihr Zimmer liegt doch ganz weit hinten." Doch weil Patricia noch immer unentschlossen wirkte, meinte Kathy sanft: "Werd‘ mal ganz ruhig. Komm‘, schlaf‘ bei mir."
Patricia zögerte noch eine Weile, doch dann kroch sie neben Kathy ins Bett. Sie war zwar nicht Vincent... dennoch war es tröstlich. Die beiden Schwestern lagen schweigend nebeneinander und hielten sich an den Händen, wie in der Zeit, nachdem Mama gestorben war.
Und plötzlich hörten die Schmerzen auf. Plötzlich begann der Entzugsstoff zu wirken. Plötzlich konnte er trotz der Dunkelheit klar sehen, konnte er besser hören, konnte er wieder vernünftige Gefühle haben. Überrascht setzte Jimmy sich im Bett auf.
Eigentlich war’s ja ganz locker, dachte er. Na bitte, jetzt geht’s mir schon wieder gut. Die Entzugserscheinungen... ach, die würde ich schon wieder ertragen. Nein. Es gibt gar keinen Grund dafür, mit dem Zeugs aufzuhören.
Joey brauchte den ganzen Morgen, um die Farbe am Zaun auszubessern. Angelo hatte gestern sehr unkonzentriert gemalt und überall freie Stellen gelassen. Joey nahm sich aber vor, seinen kleinen Bruder deswegen nicht auszuschimpfen und stillschweigend alles zu übermalen. Es ging allen im Moment so schlecht, er war der Einzige, der noch einen klaren Kopf behielt, auch wenn ihm die Sache mit Jimmy ebenfalls ziemlich nahe ging. Aber es standen Konzerte auf dem Plan, das erste war schon morgen in Bremen und sie waren noch immer hier in Irland und keiner wusste, was sie machen sollten, Kathy und Patricia waren total durcheinander.
Gegen Mittag kam Angelo nach draußen und brachte ihm einen Topf Suppe. "Danke," sagte Joey und griff nach dem Löffel. "Wie geht es John?"
"Besser. Kathy hat ihn noch mal zum Arzt gefahren, aber sie sind zuversichtlich, dass er morgen auftreten kann."
"Und Paddy?"
"Dem geht’s auch besser. Er sitzt mit Maite und Barby bei Tricia in der Küche, und die vier erzählen sich was. Die bauen sich schon gegenseitig wieder auf, keine Angst."
Joey schluckte. "Und Jimmy?"
"Weiß nicht." Angelos Gesicht verdunkelte sich. "Es war noch keiner bei ihm oben, wir trauen uns alle nicht. Aber wenigstens schreit er nicht mehr. Aber... vielleicht ist er ja tot! Wir müssen echt mal gucken."
"Ach scheiße!" stieß Joey hervor und klatschte den Pinsel gegen den Zaun.
Eine Stunde später wussten sie mehr. Maite kam mit besorgtem Gesicht in den Garten. "Joey... Jimmy ist wach. Es geht ihm super, er hat keine Entzugserscheinungen mehr, er könnte rein theoretisch morgen sogar auftreten."
"Ist doch klasse!" Joey sah seine Schwester überrascht an.
"Aber das Problem ist..." Maite trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. "Tricia und Kathy haben vorhin mit ihm geredet... also, Jim kapiert nicht, dass er keine Drogen mehr nehmen und keinen Alkohol mehr trinken soll! Er meint jetzt plötzlich, er käme doch super klar und die paar Entzugserscheinungen wären schon zu ertragen. Der überschätzt sich doch voll, der Kerl! Und außerdem, was für eine Angst wir um ihn hatten, interessiert ihn gar nicht!"
"So ein Scheiß!" fauchte Joey.
"Joe... kannst du nicht mal mit ihm sprechen? Du bist schließlich sein Lieblingsbruder..."
"Ach, glaubst du wirklich?" höhnte Joey. Doch Maite fuhr fort: "... bitte mach‘ ihm klar, dass das nie wieder passieren darf. Du findest bestimmt die passenden Worte."
Joey ging sofort. Unangenehme Dinge schob er nie auf. Im Vorbeigehen drückte er Barby den Pinsel in die Hände und eilte dann hinauf ins Turmzimmer.
Jimmy saß aufrecht im Bett und las in einer Zeitung. Er war noch sehr blaß und seine Haare waren wild verstrubbelt, aber er machte einen wachen und zufriedenen Zustand. Er lächelte sogar, als Joey das Zimmer betrat. Scheu lächelte Joey zurück. Er wusste nicht so recht, was er sagen sollte.
"Hallo Jimmy," fing er schließlich an. "Wie fühlst du dich heute?"
"Oh, bestens." Jimmy legte die Zeitung auf die Bettkante. "Ich fühle mich wieder richtig gut. Weißt du, eigentlich war es ja gar nicht so schlimm. Ich fühle mich heute super. Okay, der Entzug war scheiße, aber was soll’s. Klar... die Sache mit Johnny tut mir Leid. Und auch, dass ich Paddy gehauen hab‘. Das kannst du den beiden gerne von mir ausrichten."
"Jimmy, ich..." Joey wusste nicht, wie er sich ausdrücken sollte. "Findest du denn gar nicht, dass du nicht nur John und Paddy, sondern auch dir selbst etwas Schlimmes angetan hast?"
"Och na ja. Mir geht’s doch schon wieder prima. Ich werd‘ morgen sogar mit euch auftreten. Da guckst du, was. Aber vorher muss ich mir noch mal 'ne ordentliche Prise geben. Dann wird das 'ne Show, die ihr nicht mehr vergesst."
"Jimmy," sagte Joey eindringlich, "Jimmy, du musst aufhören mit dem Zeug!"
"Warum?" Überrascht schlug Jimmy die Augen auf. "Das ist doch nur Fun... und was meinst du, was ich schon für geile Songs im Suff geschrieben hab‘! Joe, denk‘ nicht so negativ von dem Zeugs. Du solltest es auch mal probieren, echt."
Joey sah ihn traurig an. "Du bist so was von auf dem Holzweg, Jimmy. Du denkst, Drogen machen dich kreativ, aber das stimmt nicht. Die machen dich kaputt! Wir können nicht verantworten, dass du das weiterhin nimmst. Und denk‘ doch auch mal an uns! Wir hatten solche Angst um dich... verdammt, wir haben dich doch alle lieb."
"Red‘ doch keinen Müll!" fauchte Jimmy, ergriff die Zeitung wieder und knallte sie auf den Boden. "Wenn ihr mich lieben würdet, würdet ihr mich in Ruhe lassen! Macht doch nicht so’n Theater wegen den piefigen Schlägen! Kapiert ihr nicht, dass ich das auch für euch mache? Ihr profitiert doch auch davon, wenn ich dann auf der Bühne besser drauf bin! Dumm und kleinlich seid ihr! Dann eben nicht, ich mache jetzt nur noch, was ich will!"
Joey wandte sich zur Tür. Ihm schossen Tränen in die Augen. "Du bist so gräßlich, Jimmy. Du kümmerst dich doch kein bisschen um uns, du liebst uns gar nicht, du denkst nur an dich selbst. Aber wart’s nur ab, irgendwann wirst du merken, dass du nicht einmal dich selbst liebst, denn sonst würdest du dir das nicht antun, du Arsch!" Schluchzend rannte er davon. Er wollte nicht, dass Jimmy ihn weinen sah.
Joey erzählte seinen Geschwistern alles, und sie waren verzweifelt und wussten nicht, was sie tun sollten. Sie konnten doch nicht ohne Jimmy auf Tour gehen. Aber andererseits konnten sie ihn nicht mitnehmen und im Drogenrausch auf die Bühne gehen lassen. Noch dazu, da Jimmy überhaupt nichts kapiert hatte.
"Wir gehen ohne ihn," sagte Johnny am nächsten Morgen in der Frühe. "Es geht nicht anders. Vielleicht kommt er zur Vernunft, wenn er sieht, dass wir das auch ohne ihn durchziehen."
Barby, Paddy, Maite, Kathy, Angelo, Patricia und Joey nickten zögernd. Es war ihnen gar nicht recht, John ja auch nicht, aber es gab wirklich keine andere Lösung. Leise, um Jimmy nicht zu wecken, packten sie alles zusammen und eilten dann nach draußen. Langsam fuhr der Bus aus dem Tor.
Stunden später wachte Jimmy auf und trottete gähnend nach unten. Es war bereits Mittagszeit, vielleicht hatten Kathy oder Patricia ja schon was gekocht.
Es war merkwürdig still im Haus. "Hallo?" rief Jimmy unsicher, doch niemand antwortete. Dann sah er die Zeichen: auf dem Tisch lagen der Fahrplan und der Plan mit den Abflugszeiten nach Deutschland, daneben der Tourplan, das heutige Konzert in Bremen war dick unterstrichen. Von einer Vorahnung getrieben, sah Jimmy aus dem Fenster: der Bus stand nicht an seinem Platz.
Sie waren weggegangen, sie waren ohne ihn weggegangen. Jimmy fühlte einen tiefen Schmerz in seiner Brust. Und da sagten sie, sie liebten ihn! Gemein waren sie, alle miteinander. Er würde es ihnen schon heimzahlen! Wütend riss Jimmy die Kühlschranktür auf. Natürlich hatten sie alles weggeschüttet, die Schweine. Aber das letzte Wort war noch nicht gesprochen! Er rannte in den Keller und öffnete dort die Kühlschranktür. Dort war noch eine Flasche. Jimmy griff danach... ließ die Hand aber nachdenklich sinken.
Wasting precious life with you...
Nein. Nein. Nein. Er schloss die Tür wieder und ging erneut nach oben.
Und wenn sie doch Recht hatten? Wenn sie ihn nicht anlogen? Er HATTE sich falsch verhalten, und er wusste auch, dass er John und Paddy mit Sicherheit im nüchternen Zustand nicht verprügelt hätte. Also waren die Drogen doch Schuld? Ob er sich entschuldigen konnte? Jimmy wusste es nicht. Aber er musste es versuchen. Vielleicht hatten sie wirklich Recht. Vielleicht musste er einfach mal versuchen, nach ihren Regeln zu funktionieren. Schließlich liebte er sie, auch wenn es ihm niemand glaubte. Gut, er würde es versuchen, für seine Familie.
"For you... just for you," murmelte Jimmy leise vor sich hin. Dann begann er Koffer zu packen.
© by Doro Franz _ February 2003
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