Dreamers

by Doro   doro-violet@gmx.de

 

Seit Johnny aus Gymnich ausgezogen war, fühlte Paddy sich einsam in dem großen Schloss. Johns Zimmer lag direkt neben seinem, und so hatte er oft hinüber zu seinem großen Bruder gehen können, wenn er sich eine Gitarre oder ein Buch hatte ausleihen wollen oder ihm einfach langweilig war. Doch John war nicht mehr da. Nach einem Riesenkrach mit Jimmy, Kathy und Maite war er wutentbrannt ausgezogen, und Paddy hatte ihn nicht zurückhalten können. Johnny lebte nun mit seiner Freundin Maitey Itoiz in Spanien, genauer gesagt in Talavera.
Traurig lag Paddy auf seinem Bett und betrachtete Fotos von Johnny. Nie hätte er gedacht, dass er seinen Bruder einmal so vermissen würde. Oft genug war Johnny ihm auf den Geist gegangen mit seiner pingeligen Art und seinem ewigen: "Paddy, du hast Küchendienst!" Aber jetzt hätte Paddy seinen Zopf dafür gegeben, es noch einmal zu hören. Warum lief denn nie mal etwas so, wie er das wollte?
Es klopfte an, und kurz darauf stand Kathy in ihrem schicken dunkelroten Kostüm im Zimmer. Paddy konnte gerade noch rechtzeitig das Fotoalbum unter dem Kissen verschwinden lassen. Er sah Kathy erwartungsvoll an.
"Ich wollte mich eigentlich nur verabschieden," sagte Kathy und bohrte mit ihrem Stöckelschuh ein Loch in den Teppichboden. Sie war nervös. "Ich komme heute Abend wieder. Ich muss erst noch mit meinem Manager besprechen, wie... wie ich aus dem Vertrag wieder rauskomme." Paddy konnte ihr das schlechte Gewissen richtig ansehen.
Er musste wohl etwas deutlicher werden. "Ist doch total okay, Käthe," sagte er und setzte sich im Schneidersitz auf sein Bett. Oh nein, am Knie hatte er einen blauen Fleck. "Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich finde das doch ganz prima."
Kathy machte einen Schmollmund. "Aber du hast kein einziges Mal gezeigt, dass du dich freust, dass ich wieder bei der Kelly Family mitmache!"
"Aber ich freue mich, Kathy, ich freue mich echt," sagte Paddy schnell. "Es kommt eben nur etwas schnell... aber na ja, du hast plötzlich gesagt, du machst nicht mehr mit, also ist es wohl ganz normal, dass du jetzt plötzlich sagst, du machst doch wieder mit." Er zwang sich zu einem Lächeln. "Ich finde es halt nur schade, dass Johnny jetzt nicht mehr da ist."
"Ach, der!" Kathy machte eine wegwerfende Handbewegung und nahm neben Paddy auf dem Bett Platz. "Er hätte doch nicht gehen müssen! Ich kann ihn sowieso nicht verstehen! Okay, dass er sauer war, als ich meine Solokarriere gestartet habe, kann ich nachempfinden. Aber als ich sagte, dass ich zurückkomme, dass er da einen solchen Streit mit Maite, Jimmy und mir vom Zaun gebrochen hat, kann ich wirklich nicht verstehen!" In Erinnerung an diesen Tag schüttelte sie empört den Kopf.
"Aber genau das ist es ja." Paddy schluckte. "Er denkt wahrscheinlich, du kommt nur zu uns zurück, weil dein Soloalbum – so Leid mir das jetzt tut, Käthe – net so der Hit ist. Vielleicht hatte er ja auch Angst, dass du nur wegen uns zurückkommst und bei der nächsten guten Gelegenheit wieder auf und davon bist. Oder er ist beleidigt, weil du damals gehen durftest, und ihm hat Vater es immer verboten. Und, und... Jim und Maite sind wirklich fies geworden an dem Tag, und da hatte er wahrscheinlich genug und wollte nicht mehr hier wohnen. Vor allem wegen Jim, den hätte er ja dann jeden Tag gesehen. Und wahrscheinlich wollte er zu Maitey nach Spanien. Er hatte sicher viele Gründe." Tränen stiegen Paddy in die Augen. "Ich vermisse ihn..." schluchzte er.
"Ach, Paddy!" Überrascht sah Kathy ihn an. "Es macht doch für dich wirklich keinen Unterschied, ob John jetzt hier ist oder nicht!"
"Natürlich macht es einen Unterschied!" plärrte Paddy.
"Aber ihr beide habt euch doch nie wirklich gut verstanden..."
"Was weißt denn du, du warst doch nie da!" schluchzte Paddy.

Ja, was wusste denn Kathy? Was wusste überhaupt jemand außer Paddy und John selbst? Obwohl es eigentlich jeder hätte wissen können, der die beiden beobachtet hatte. Doch Schubladendenken kommt nie aus der Mode, und so hatte jeder – ob nun innerhalb der Familie oder außerhalb – Paddy gedanklich mit Angelo verbunden und John mit Kathy oder Patricia. Gut, natürlich machte Paddy viel Quatsch zusammen mit Angelo, und wenn er Probleme hatte, ging er zu Barby. Das, was ihn mit John verband... war etwas anderes. Und es war nicht so sichtbar.
Als sie wieder angefangen hatten zu singen, etwa 1983, hatte John nicht viel mit seinem jüngeren Bruder anfangen können. Paddy war damals eben noch zu klein gewesen und hatte lieber mit Angelo und Maite gespielt als sich mit seinem großen Bruder zu beschäftigen. Ende der 80er hatte sich ihr Nicht-Verhältnis zu Dankbarkeit von Seiten Johns geändert. Paddy sang nun die meisten Songs der Kelly Family, und John war heilfroh, nicht mehr allzusehr im Rampenlicht zu stehen.
Doch ca. 1990 hatte sich etwas sehr geändert. Vater hatte angeordnet, dass sie Who’ll Come With Me neu aufnahmen. Paddy hatte sich mit dem Text sehr schwer getan und Johnny hatte Tage damit verbracht, ihm das Lied beizubringen. Je mehr er sich mit seinem kleinen Bruder auseinandergesetzt hatte, desto besser hatten sie sich verstanden. Und je älter sie wurden, desto besser ging es. Endgültig Paddys Herz gewonnen hatte Johnny, als er 1995 vor dem Loreley-Konzert gesagt hatte: "So gut wie du möchte ich auch einmal aussehen, Paddy!" So blöd es war, aber das trug Paddy immer noch in seinem Herzen und dieser Ausspruch hatte ihm durch viele harte Stunden geholfen. Und die gemeinsame Arbeit an Mama hatte sie sehr fest aneinandergebunden. Bei John hatte Paddy sich bei seinem ersten richtigen Liebeskummer ausheulen können, und Paddy war es gewesen, der zur Weihnachtsshow der Kelly Family Maitey Itoiz eingeladen und somit den Grundstein für Johns Beziehung gelegt hatte. Und nun war John weg, nun war er einfach weg...

Nachdem Kathy gegangen war, hörte Paddy mehrmals ganz laut You Win Again von den BeeGees, um nicht an John zu denken. Irgendwann klingelte das Haustelefon und Jimmys gefährliche Stimme drohte ihm fürchterliche Strafen an, würde er nicht sofort diese Gießkannen leiser schalten. Paddy stöhnte auf, warf den Hörer auf die Gabel und schaltete die Musik aus. Er stand auf und wollte aus dem Zimmer gehen. Sein Knie tat weh. Wo hatte er sich denn da nur angestoßen? Er betrat den Flur und stieß natürlich prompt auf Jimmy, der gerade mit einem Wäschekorb die Treppe hinaufkam. "Na endlich ist bei dir Ruhe," sagte Jimmy mit gerunzelter Stirn. "Du könntest mal vor’s Tor gehen. Sind kaum noch Fans da, die meisten sind Kathys Auto hinterhergerannt, als sie weggefahren ist."
Paddy brummte nur etwas Unverständliches und eilte hinunter in die Küche. Maite saß am Küchentisch und lackierte ihre Fingernägel. Sie grinste Paddy blöd an, als er in die Küche kam. Paddy nahm wenig Notiz von ihr. Er ging zum Kühlschrank, holte eine Dose Cola heraus und trank einen tiefen Schluck.
Maite unterbrach ihr Styling. "Stimmt das," fragte sie unverhohlen und grinste Paddy an, "dass du vorhin geplärrt hast, weil du John total vermisst? Die Käthe hat das gesagt." Sie blinzelte Paddy an.
"Bleibt in diesem Haus eigentlich auch irgendwas geheim?" brummte Paddy.
"Was willst du?" Maite setzte ein überraschtes Gesicht auf. "Wir sind berühmt, jeder weiß alles über uns!"
Sie ging zum Radio, aus dem gerade Phil Collins dröhnte. "Den lahmen Scheiß will ich nicht
hören!" Paddy mochte Phil Collins. Maite drückte ihren knallpink lackierten Fingernagel auf den Knopf. Die Musik erstarb, und sofort hörte man von draußen den Lärm der Fans. Sie kreischten nach den Kellys. Paddy und Maite warfen sich genervte Blicke zu.
"Paddy, die Fans!" Bittend erschien Jimmy in der Tür.
"Ich gehe ja schon," seufzte Paddy, ging in den Flur und zog seine Schuhe an. Maite folgte ihm. "Willst du wirklich so nach draußen gehen?" Skeptisch sah sie auf Paddys Lederhose.
"Klar, ich hatte die Hose lange nicht mehr an, und jetzt will ich halt mal wieder!" antwortete Paddy aufsässig. Maite murmelte, das wäre ja wohl total uncool, ließ ihn aber gewähren. Was sollte sie auch machen?
Paddy lief durch den Park und traf kurz vor dem Tor auf Tanja und Joey, die gerade aus der Stadt kamen. "Hallo Pad!" rief Tanja und winkte. "Ist dir nicht ein bisschen kalt?" "Nein," antwortete Paddy tapfer. "Wart ihr auf der Post?"
Joey nickte.
"Etwas in meinem Postfach?"
"Nein."
Na ja, was sollte auch gekommen sein? Angelo hatte ihm gestern den Brief von Barby mitgebracht, und Patricias Ansichtskarte aus Monaco hatte er vorgestern selbst abgeholt. Von John kam sowieso keine Post. Ja, vielleicht war das der Grund, warum er gerade John so sehr vermisste. Er ließ ja gar nichts von sich hören. Denis und Tricia waren nur für zwei Wochen mit Alexander im Urlaub in Monaco, aber trotzdem kamen fast jeden Tag Karten. Und Barby? Paddy musste zugeben, dass ihre Abwesenheit ihm sehr nahe ging. Aber Barby war bei ihrer Freundin Mimi in Irland, um sich so richtig zu erholen, das wusste Paddy, und sie tauschten wöchentlich niveauvolle, zehnseitige Briefe aus. Und wenn er mit ihr reden wollte, musste er nur zum Telefon greifen und sie anrufen, auch wenn Joey und Kathy über die Rechnung meckerten. Aber von John hörte er eben nichts. Paddy hatte keine Telefonnummer, keine Adresse, gar nichts. Er wusste nur, dass Johnny in Talavera lebte (das hatte er von Fans erfahren!!), aber Talavera war auch groß.
"Auf wessen Post wartest du denn?" fragte Tanja freundlich.
"Oh... Preisrätsel... Gewinne..." stotterte Paddy verlegen und wurde rot. Warum wollte er denn nicht zugeben, dass er Sehnsucht nach einem Lebenszeichen von Johnny hatte? Nun ja, sie würden es sowieso von Maite erfahren.
Er zeigte auf das Tor. "Viel los draußen?"
Joey zeigte ebenfalls auf das Tor. "Du hörst es ja."
Allerdings, von draußen hörte man die Rufe und das Gelächter der Fans. Paddy verabschiedete sich von Joey und Tanja und trat nach draußen, tauchte ein in das allgemeine Blitzlichtgewitter, Autogrammgerufe und Geschrei, Geschrei, Geschrei.
Na ja, heute ging es. Offenbar waren die meisten Fans wirklich Kathys Auto gefolgt, und auch die Kälte hatte wohl einige vertrieben. Die Frage: "Ist dir nicht kalt in der Hose?" wurde Paddy fast noch öfter gestellt als: "Bekomme ich ein Autogramm/Foto/Küsschen?"
Brav schrieb er Autogramme, posierte für Fotos, verteilte Küsschen und beteuerte, ihm wäre nicht kalt. Na ja, heute waren die Fans erträglich. Einige kannte er sogar schon, Antje zum Beispiel, die Patricia vergötterte, oder Mira, die ihn einmal vor einem besonders hartnäckigen Fan gerettet hatte. So freundlich wie möglich beantwortete Paddy alle Fragen. "Ja, Kathy kommt wirklich wieder, im Sommer gehen wir auf Tour. Ja, das Album ist bald fertig. Nein, Barby ist noch in Irland. Ja, sie kommt auch bald. Ja, Angelo und Kira sind noch zusammen. Nein, Jimmy ist noch solo. Nein, Johnny... macht noch Pause." Ein Fan stieß ihn an! Aua! Paddy zuckte zusammen. Das war das andere Knie! Und den blauen Fleck hatte er sicher auch einem Fan zu verdanken!
Das Tor öffnete sich, und Angelo spähte hinaus. Sofort kreischten alle Fans schrill auf, und ¾ rannten hinüber zu Angelo. Ja, so war das seit zwei Jahren immer: sobald Angelo kam, war Paddy abgemeldet. Und Paddy wusste nicht, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht.
Wenigstens konnte er jetzt ein bisschen mit Mira quatschen. Sie erzählte ihm, ihre Freundin hätte Johnny im Spanien-Urlaub getroffen. Paddy wurde ganz kribbelig. "Und? Was hat sie gesagt? Wie sieht er aus? Was hat er gesagt?"
"Weiß ich noch nicht. Sie ist dran mit Schreiben."
Paddy stöhnte auf.
"Aber warum fragst du? Du hast doch bestimmt mehr Kontakt zu Johnny als meine Freundin!" sagte Mira verwundert.
Ach, Lügen war doch scheiße. "Ich weiß gar nichts mehr über Johnny," gab Paddy kleinlaut zu. "Das kann man nicht mehr Pause nennen. Der kommt nicht mehr wieder. Wir müssen sagen, dass er Pause macht. Vater will das so. Aber er hatte Krach mit Maite, Kathy und Jim, und jetzt ist er weg, einfach weg..."
Tröstend drückte Mira Paddys Hand. Er war ihr dankbar. Und er bereute nicht, ihr alles erzählt zu haben. Er wusste, sie verriet nichts weiter. Immerhin hatte er nirgendwo etwas über seine Klopperei mit der aufdränglichen Susi lesen müssen. Mira war fair.
"Eigentlich hat er Recht," sagte sie zögernd. "Ich meine, ihr müsst euch ja auch nicht alles gefallen lassen, noch dazu bei dem ganzen Stress..."
"Na klar hat er Recht!" erklärte Paddy finster. Er ärgerte sich inzwischen auch ziemlich über Jimmy (der ihn nur herumkommandierte), Kathy (die gleich alles weiterpetzte) und Maite (die sich nur über ihn lustig machte). "Ich würde auch gerne mal für 'ne Weile weg, dat kannste aber glauben!"
"Und warum machst du es dann nicht – einfach mal für 'ne Weile verschwinden?"
"Einfach verschwinden?" fragte Paddy mutlos und ließ seine Blicke über die Fans schweifen, die teils Angelo umringten und teils schon wieder zu ihm liefen. "Das... kann ich nicht."

Und ob er konnte!
Paddy starrte ängstlich durch das Zugfenster und machte sich so klein wie möglich. Joey kaufte hier immer seine Zigaretten, der durfte ihn nicht sehen. Aber vielleicht hatten sie inzwischen ja auch schon seinen Abschiedsbrief gefunden. Paddy hatte heftig geheult, als er ihn geschrieben hatte. Aber so schlimm war es doch gar nicht, oder? Er ging ja nicht für immer weg! Und bis zur Aufnahme des Albums dauerte es ja auch noch eine Weile. Und Barby war ja auch weg. Er musste unbedingt mit Johnny reden!
Der Zug ruckte an und fuhr los.
Zehn Kilometer nach Köln hatte Paddy seine Gewissensbisse schon fast vergessen. Sein Handy lag ausgeschaltet auf dem Boden seines Rucksacks. Niemand würde ihn hier finden!
In Bonn öffnete sich die Tür zu seinem Abteil. Paddy erschrak zu Tode. Es war ein Geschäftsmann in Anzug und Krawatte, der höflich fragte, ob hier noch ein Platz frei sei. Paddy nickte. Der Mann setzte sich und hackte eifrig auf sein Laptop ein. Paddy vertiefte sich in ein dickes Buch.
In Stuttgart stieg der Mann aus, und zwei Omas setzten sich Paddy gegenüber. Beide strickten und redeten viel übers Stricken.
Es regnete. Tropfen klatschten gegen die Scheiben, immer heftiger. Paddy packte belegte Brote aus und öffnete danach eine Tüte Bonbons. Er bot den zwei alten Damen Bonbons an. Die beiden waren gerührt. "Sagen Sie, junger Mann, können Sie stricken?" fragte eine der Omas. Paddy verneinte. Er bekam es beigebracht.
Irgendwann, vielleicht sogar schon in Frankreich, stiegen die beiden aus. Es regnete noch immer, nicht sehr heftig, aber es regnete noch. Und der Himmel war grau. Paddy schlief ein, den Kopf gegen die Scheibe gelehnt, den grauen Himmel vor seinem inneren Auge. Als er wieder aufwachte, schien die Sonne und sie fuhren durch Pinienhaine und Sand. Er war in einer anderen Welt gelandet.

In Madrid musste er umsteigen, da heute nur noch ein Bummelzug nach Talavera fuhr. Paddy ärgerte sich nicht. Hier war es heiß und schwül, Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, und noch nie hatte er sich darüber so sehr gefreut. Er zog seinen Rucksack auf. Johnny, ich komme!
"Bitte einmal nach Talavera de la Reina," sagte er stolz am Schalter. Ja, Spanien war irgendwie doch seine Heimat. Gut, Irland auch... aber nicht immer. Und Deutschland... ach, weg mit den Gedanken!
"Mit Rückfahrkarte?" fragte die Frau am Schalter.
"Eeeehhhh... nein danke." Hatte er jetzt das Richtige gesagt?
Er musste nur kurz auf den Bummelzug warten. Kurz darauf saß er auf den heißen Polstern und guckte aus dem Fenster, wie der Zug durch die Pinien- und Olivenhaine fuhr. Der Himmel war strahlend blau. Paddy sah sein eigenes strahlendes Gesicht im Fenster. Er war so glücklich...
... das hier war die Heimat der Kelly Family gewesen. Fast hörte er schon wieder Kathys rhythimisches Akkordeon, sah seine Familie im Chor singen, alle gleich angezogen, sah seinen Vater lächeln, sah seine Mutter...
Wie ertappt fuhr Paddy zurück. Er wollte nicht so gerne an seine Mutter und schon gar nicht an ihren Tod denken, doch hier würde es schwer werden, er wusste es. Die gute Stimmung war verschwunden. Eine innere Stimme tauchte in Paddy auf. "Und was ist, wenn Johnny dich gar nicht aufnehmen will? Oder wenn er gar nicht mehr da ist?"
"Ach Quatsch!" entfuhr es Paddy. Dann sah er sich erschrocken um. Zum Glück saß er allein im Wagen.
"Und deine armen Geschwister," fuhr die Stimme fort, "sie werden sich schreckliche Sorgen um dich machen!"
"Ich komme ja zurück," murmelte Paddy.
"Du weißt nichts mehr von Johnny. Vielleicht hat er sich sehr verändert. Du weißt nicht einmal, wo er wohnt!"
"Ach, scher‘ dich weg!" sagte Paddy grob.
Stunden später sprang er in Talavera aus dem Zug. Hatte er in Köln noch in seiner Lederhose gefroren, so kam er hier fast um vor Hitze. Paddy runzelte die Stirn und sah sich um. Der Bahnhof war fast leer und auch recht klein. Aber Talavera war doch eine große Stadt! "Häh?" murmelte Paddy.
Ein Blick auf das Ortsschild erklärte ihm einiges. Er war eine Station zu früh ausgestiegen, dies hier war ein Vorort von Talavera. Paddy kannte ihn, hier hatten sie früher gewohnt. So ein Ärger! Kam er also doch nicht ohne Probleme zu John! Aber andererseits – vielleicht wohnte John ja auch hier in diesem Vorort? Paddy wusste schließlich absolut null von seinem Bruder.
Paddy schulterte seinen Rucksack und trat aus dem Bahnhofsgebäude. Der Boden unter seinen Schuhen war sandig. Unwillkürlich musste Paddy lachen. Vor Stunden noch war er in Köln gewesen, und jetzt... jetzt war er hier!! Paddy bekam einen richtigen Lachkrampf.
"Was gibt’s denn da zu lachen?" brummte ein Mann mittleren Alters neben Paddy. Doch dann sah er auf, seine Gesichtszüge veränderten sich. "Patricio?"
"Ähmm... ja?" murmelte Paddy.
"Du bist doch der Kleine von der Familie Kelly, stimmt’s?"
"Ja..."
Der Mann lächelte ihn breit an. "Erkennst du mich? Ich bin Joaquin!"
"Waas? Oh... tatsächlich! Tatsächlich!" Stürmisch umarmte Paddy den Mann. Tatsächlich, es war Joaquin, ihr ehemaliger Nachbar. Paddy war überglücklich, ihn wiederzusehen. Es waren ja mehr als fünfzehn Jahre vergangen. Paddy konnte es kaum fassen. "Wie geht es dir? Was ist passiert in Talavera? Was machen die anderen? Singt ihr noch? Was ist denn so alles geschehen in der Zwischenzeit?" sprudelte er hervor.
Joaquin lachte. "Das sind ein bisschen viele Fragen auf einmal, meinst du nicht auch, Patricio?"
"Äh, ja, klar." Paddy wurde rot. Dann besann er sich auf die wichtigste Frage. "Sag‘ mal, du kennst doch John, Juano, meinen Bruder? Weißt du, äh, ob er in Talavera wohnt?"
"Ich kann dir soviel verraten, dass wir wieder Nachbarn sind." Joaquin grinste breit.
"Was? Er ist wieder in unser altes Haus eingezogen? Das ist ja toll!" rief Paddy.
"Nicht ganz." Der Mann grinste schief. "Er wohnt auf der anderen Seite. Zusammen mit Maite. Du möchtest ihn sicher besuchen? Na dann komm‘ mal mit."
Sie stiegen gemeinsam in Joaquins Auto, und Joaquin fuhr los. Der sandige Boden knirschte unter den Reifen, und das Auto holperte durch die Straßen. Fasziniert drückte Paddy sich in die alten Sitze und betrachtete die Menschen, Bäume, Häuser. Wahnsinn, hier hat sich gar nichts verändert, dachte er.
"Ich seh‘ ihn oft, den John," brummte Joaquin und steuerte das Auto ruhig. "Der hat da jetzt so’nen Acker. Wundert mich nur, dass du ihn besuchen kommst. Hat mir gar nichts davon gesagt, der Gute. Im Gegenteil, ich dachte, ihr hättet Streit." Paddy antwortete nicht.
Sie bogen in eine Straße ein, die Paddy mühelos wiedererkannte. Joaquin parkte vor einem großen Haus. "Links ist es," brummte er und stieg aus. Paddy stieg ebenfalls aus.
Er sah nach links. Da war es, Johns Haus, es war genauso, wie er es sich vorgestellt hatte. Schneeweiß, mit Rosen an den Fenstern. John liebte Rosen. Über der Haustür prangte ein hölzernes Schild mit einer Inschrift: SANTA MARIA, PREGA PER NOI. Paddy lächelte. Er sah nach rechts... und sah nichts. "Joaquin!" brüllte er. "Wo ist unser ehemaliges Haus? Wer hat es abgerissen? Warum ist es weg?"
"Alles im Leben hat einmal ein Ende," brummte Joaquin und ging in sein eigenes Haus.
"Das weiß ich auch, du Esel!" knurrte Paddy und trat auf Johnnys Haus zu. Er traute sich nicht so recht zu klingeln. Hinter den blütenweißen Vorhängen sah er kein Licht. Am Ende waren die gar nicht zuhause? Nein, nein! Schnell klingelte er.
Minuten vergingen. Paddy schluckte immer wieder. Dann hörte er Schritte, und dann öffnete Johnny die Tür. Sprachlos stand er vor ihm. "Nein!" war das Erste, was er hervorbrachte.
"Hola, Johnny!" sagte Paddy nervös lächelnd.
"Hola!" murmelte Johnny.
Und da wäre Paddy am liebsten schon wieder gegangen. Man brauchte wohl nicht viel Grips, um zu kapieren, dass Johnny sich kein bisschen über seinen Besuch freute. Er stand nur da, in seinem kurzärmeligen grünen Hemd, und betrachtete Paddy sprachlos. Er war überfordert... aber Paddy war glücklich, ihn nur zu sehen. So lange hatte er ihn nicht gesehen, seinen Johnny, Johnny, Johnny! "Johnny," flüsterte er nur erstickt.
"Na, komm‘ mal her, Paddy, mein Kleiner!" Johnny riss ihn in seine Arme. Und da fühlte Paddy sich doch etwas besser. John drückte ihn fest an seine Brust, Paddy konnte ihn spüren und sein Duschgel riechen. Er umarmte Johnny und hielt sich einfach nur fest an ihm.
"Paddy," murmelte Johnny zärtlich, "was machst du denn nur hier?" Er streichelte über Paddys Haare und Paddy streichelte über Johns Haare.
"Paddy! Nein!" Als Paddy den Kopf hob, sah er Maitey im Flur auftauchen. Sie sah ihn vollkommen erstaunt, aber nicht unerfreut an. "Du bist gekommen? Das ist aber eine Überraschung!"
"Na hopp!" Johnny ließ Paddy los und sah Maitey an. "Kuchen, Kaffee! Wir müssen Paddy doch mit irgendwas bewirten! Er ist sicher lange gefahren!" Er legte den Arm um Paddys Schultern und führte ihn in den Garten hinter dem Haus.
Paddy wurde an einen Plastiktisch gesetzt. Maitey und John verschwanden im Haus. Paddy sah sich im Garten um. Ihm war heiß, sein Deo wirkte schon lange nicht mehr und er hätte ganz gerne geduscht. Maitey kam aus dem Haus und deckte den Tisch. "Kann ich was helfen?" fragte Paddy, doch Maitey sagte, das wäre nicht nötig und verschwand wieder ins Haus zu Johnny. Paddy war sich sicher, dass sie über ihn redeten.
Maitey und Johnny kamen mit Kaffee und Kuchen wieder. John zeigte auf den Kuchen. "Den hat Maitey selbst gebacken. Kann ich dir ein Stück geben?" "Klar." Paddy reichte ihm seinen Teller, und John lud ihm den Kuchen auf. "Guten Appetit!" Johnny und Maitey lachten sich an.
Paddy stocherte etwas verlegen in seinem Kuchen. "Ich bin euch wahrscheinlich eine Erklärung schuldig," meinte er total verlegen. Oh Gott, wie um alles in der Welt sollte er Johnny denn nur seine Gründe erklären?
Maitey sah Paddys Qual. "Ich gehe mal ins Haus, mit meinem Vater telefonieren," sagte sie. Johnny hauchte ihr ein Küsschen auf die Wange, und sie verschwand wieder.
Johnny sah Paddy aufmerksam an. Und nun begann Paddy stockend zu erzählen. Davon, wie sehr er John vermisst hatte. Wie ihm die anderen auf die Nerven gingen. Wie Kathy überhaupt nichts verstand. Wie sehr er darunter litt, dass er von seinem Bruder nichts mehr hörte. Und wie ihn schließlich Mira auf die Idee gebracht hatte, nach Spanien zu fahren.
"Dieser Mira könnte ich den Hintern versohlen!" brummte John ungehalten. "Dich auf solche Schnapsideen zu bringen! Mit Weglaufen löst man doch keine Probleme, das siehst du doch an mir!"
Paddy war über Johns Ausbruch so erschrocken, dass ihm die Gabel zu Boden fiel. Fassungslos sah er John an.
John rückte schnell zu ihm und legte den Arm um ihn. "Paddy, ich will dir nicht das Gefühl geben, dass ich mich nicht über deinen Besuch freue. Aber ich habe mein Leben vollkommen umgekrempelt. Das kannst du nicht auch."
"Aber du schreibst ja nie oder rufst nie an!" schluchzte Paddy. "Irgendwas musste ich ja tun, um dich wiederzusehen!"
John seufzte. "Ich wollte mit meinem bisherigen Leben abschließen..."
Paddy sah ihn aus weit aufgerissenen Augen an. "Aber das würde ja meinen, dass du uns alle nie wiedersehen willst. Dass du so tun willst, als hätte es uns nie gegeben. Das KANNST du nicht ernst meinen!"
John betrachtete ihn lange. Dann sagte er: "So ist es nicht, Paddy. Jedenfalls nicht ganz. Lass‘ uns ein andermal darüber reden. Du möchtest sicher über Nacht bleiben..."
"Ich möchte schon etwas länger bleiben!" sagte Paddy bockig. "Gib‘ mir halt die Adresse von irgendeinem Hotel, Mann!"
Johnny ging nicht darauf ein. "Du kannst doch nicht länger bleiben," sagte er unbehaglich. "Du gehörst doch noch zur Kelly Family. Die brauchen dich."
"Na und? Dann komme ich halt nicht mehr zurück!" meinte Paddy störrisch. "Guck‘ nicht so komisch, Johnny! Genau das hast du doch auch gemacht!"
John stöhnte auf. "Paddy, du verstehst da was nicht. Wenn du hierbleiben willst, dann musst du wirklich HIER bleiben. Und das kannst du nicht. Du brauchst die anderen. Du gehst kaputt ohne die. Für mich war es am Anfang ja auch nicht leicht, aber ich habe es geschafft. Ich habe mein Leben hier eingerichtet. Zusammen mit Maitey. Ich gehe nicht mehr zurück, selbst wenn Kathy mich auf Knien anflehen würde. Ich gehe NIE mehr zurück."
Nun heulte Paddy wirklich. John wusste offenbar nicht so recht, wie er jetzt reagieren sollte. Und das erfüllte Paddy mit Genugtuung. Sollte er doch mal sehen, was er allen hier antat! Die Reise war sowieso ein Flop gewesen. Und Paddy fühlte sich leer, er hatte keine Lust mehr. Er ließ John einfach stehen und rannte aus dem Garten.

Auf dem Hügel stand der Friedhof, und Paddy rannte hinauf, er rannte, so schnell er konnte. Die alten Leute, die den Hang heruntergelaufen kamen, sahen ihn verwundert an, doch was kümmerte es Paddy. Er rannte noch schneller. Der Wind riss das Haargummi aus seinen Haaren und wehte es davon. Ach Scheiße!
Keuchend kam er an der Pforte an. Erst jetzt wurde Paddy etwas ruhiger. Normalerweise mochte er keine Friedhöfe, aber heute beruhigte ihn der Anblick der vielen Gräber. Hier quatschte ihn wenigstens keiner an oder machte ihm Vorwürfe.
Langsam schlenderte Paddy zwischen den Gräbern hin und her. Seine Haare klebten ihm im Nacken, und er war den Tränen nahe. Warum verstand ihn denn nur jeder falsch? Johnny wollte ihn nicht wirklich dabehalten, aber zurück konnte er doch auch nicht mehr. Er hatte einfach keine Kraft mehr...
Er stand vor einem Grab, auf dem rote Rosen blühten. Rote Rosen, wie an Johnnys Fenstern. Paddy wurde von Schmerz überwältigt. Früher, als sie noch alle zusammen hier gewohnt hatten, hatten sie auch rote Rosen gehabt. Er schluchzte. Aus tränenverschleierten Augen sah er den Namen auf dem Grabstein. BARBARA ANN KELLY. Paddy brach zusammen. "Mama, Mama!" schluchzte er und sank neben dem Grab auf die Knie. Er umfasste den Grabstein mit beiden Händen. "Mama!"
Er öffnete die Augen. Es war nicht der Grabstein seiner Mutter, diese Frau hieß zwar auch Barbara, aber nicht Barbara Ann Kelly. Kein Wunder, seine Mutter war ja auch nicht in Talavera, sondern in Belascoain begraben. Paddy fühlte sich schrecklich allein. Niemand war für ihn da, niemand konnte ihm helfen.
Stundenlang blieb Paddy am Grab der fremden Frau sitzen, völlig durcheinander und wie in Trance. Er sah erst wieder auf, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte. "Komm‘ nach Hause, Paddy," sagte Maitey und tätschelte seinen Hals. "Es ist schon ganz dunkel." Paddy sah die Laterne in ihrer Hand. Sie hatte bestimmt auch Angst dabei gehabt, allein nachts auf den Friedhof zu gehen. Johnny war nicht dabei.
Schweigend liefen sie den Hang hinunter. Erst als sie in die Straße, in der sie wohnten, einbogen, richtete Maitey das Wort an ihn. "Du darfst John nicht böse sein. Er ist doch auch vollkommen durcheinander. Er hatte eigentlich mit seinem Leben mit der Kelly Family abgeschlossen, und jetzt kommst du und zwingst ihn dazu, sich wieder damit auseinanderzusetzen. Damit ist er momentan einfach überfordert."
"Aber wir gehören doch alle zusammen!" sagte Paddy störrisch.
"Ach Paddy, so einfach ist es nicht."
"Natürlich ist es so einfach!" wiederholte Paddy stur. "Oder könnte es zumindest sein! Und zu Street Life – Zeiten war sowieso alles besser!"
In Johns Haus brannte Licht. John saß am Küchentisch und erwartete Maitey und Paddy. Paddy hatte ein schlechtes Gewissen, als er ihn da sitzen saß. John sah aus wie früher... aber irgendwie auch ganz anders. Paddy wagte es kaum, ihn anzusehen. Er war erleichtert, als John das Wort an ihn richtete. "Hör‘ mal Paddy... es tut mir Leid. Mir ist klar, dass du nicht hergekommen bist, um dich von mir anpflaumen zu lassen. Ehrlich gesagt habe ich auch keinen Schimmer, wie das hier weitergehen soll. Aber du kannst gerne bleiben."
"Danke, John," sagte Paddy weich.
Maitey lief in die Küche und kam kurz darauf strahlend mit einem dampfenden Topf zurück. "Das hatte ich schon auf dem Herd! Zu Tisch! Es gibt eine baskische Spezialität!"
Während des Essens unterhielten sich die drei angeregt, vermieden aber Themen, die mit den momentanen Plänen der Kelly Family und Maiteys und Johns Leben in Spanien zusammenhingen. Erst nachdem Maitey den Nachttisch gebracht hatte, stellte Johnny die Frage: "Kannst du schon so ungefähr sagen, wie lange du bleiben möchtest?"
"Ich... ich weiß noch nicht..." antwortete Paddy zögerlich. "Vielleicht erst mal ein paar Tage... bis Anfang nächster Woche oder so..."
"Bis Anfang nächster Woche? Also wärst du am Sonntag noch da?" John und Maitey tauschten erschrockene Blicke.
"Ist euch das nicht recht?" fragte Paddy zögerlich.
"Nicht direkt... an diesem Tag haben wir eben schon... was vor." Auf Paddys fragenden Blick hin griff John nach Maiteys linken Hand und hielt sie Paddy entgegen. An ihrem Ringfinger blinkte ein schmaler silberner Reif.
Paddy klappte fast die Kinnlade runter. "? De veras?..."
Johnny nickte und lächelte zwischen Maitey und Paddy hin und her. "Ja, wir sind verlobt. Und am Sonntag werden wir heiraten."
"Oh... cool!" platzte Paddy heraus. Er wusste nicht, was er sonst sagen sollte. Klar, er freute sich riesig für seinen Bruder. Aber wenn Johnny jetzt Maitey heiratete, würde er sich ja noch mehr an das Leben in Spanien gewöhnen und wohl wirklich nie mehr zurückkommen. Und Paddy war sich sicher, dass keins der anderen Geschwister eine Ahnung von dieser Ehe hatte. Oww, das war nicht gut. Trotzdem gratulierte Paddy Johnny und Maitey schnell.
Johnny war gerührt. "Danke, Paddy. Ach, wir freuen uns riesig. Nur ist uns mein Trauzeuge abhanden gekommen. Ich wollte eigentlich Maites Vater Carlos nehmen. Aber leider hat er sich letzte Woche das Bein gebrochen, als er das Dach reparieren wollte, und nun kann er wahrscheinlich nicht kommen..."
Maitey stieß Johnny an. "Johnny, das ist doch gar kein Problem! Paddy ist doch jetzt hier – nimm‘ doch ihn!" rief sie aus.
Johnny streifte Paddy mit seinen Blicken. Paddy wurde vor Aufregung ganz rot. "Hmm, wenn Paddy dazu Lust hätte, könnte ich ihn wirklich nehmen," sagte Johnny dann. "Auch wenn das dann natürlich ganz, ganz anders wird, als ich mir das gedacht hatte..." Paddy konnte sich schon lebhaft vorstellen, was Johnnys Problem war. Wenn er jetzt ihn, Paddy, als Trauzeugen nahm, dann musste er ja doch wieder sein altes Leben mit seinem neuen verknüpfen. Aber tja, man konnte eben nicht alles haben! Also sagte Paddy, er würde es sehr gerne tun.
Johnny nickte abwesend und wirkte trotz allem etwas bedrückt. Maitey stand schnell auf und meinte: "Ich werde jetzt gleich das Gästezimmer für Paddy herrichten. Wir frühstücken morgen um acht, Paddy." "Oww, okay," erklärte Paddy erschrocken. "Kann ich noch etwas, ähm, helfen?"
"Und ob!" Johnny grinste. "Du hast Küchendienst, Paddy!"
Paddy lachte befreit. Das hatte er so vermisst!

Nachdem Maitey mit Paddy nach oben gegangen war, ging Johnny ins Wohnzimmer und nahm auf dem Sofa Platz. Er war vollkommen durcheinander. Da versuchte er gerade, sich mit seiner zukünftigen Frau ein neues Leben in Spanien aufzubauen, und dann kam Paddy und wirbelte wieder alles durcheinander! Johnny wollte Paddy nicht böse sein. Er ist ja noch so klein, dachte er, die Tatsache ignorierend, dass Paddy bereits 24 war. Und es war vollkommen verständlich, dass Paddy sehr unter der Entfremdung zwischen den Geschwistern litt. Aber ob er sich damit leichter machte, indem er nach Spanien abhaute?
Johnny machte es sich auf dem Sofa gemütlich. Er runzelte die Stirn. Paddy war ja mit einem festen Ziel gekommen, und zwar, die Familie wieder zusammenzubringen. Und wenn das nicht ging, dann wollte wenigstens er bei seinem Bruder in Spanien bleiben.
Aber genau das ging ja eben nicht! Johnny setzte sich ruckartig auf. Paddy war nicht der Typ, der für immer in Spanien bleiben können würde. Schon nach wenigen Tagen würde er vor Heimweh nach seinen Geschwistern klagen. Für Paddy wäre es wohl wirklich das Beste, wenn sich die Kelly Family wieder vertragen würde. Aber Johnny war zu tief verletzt. Maite und Jimmy hatten ihn nur beleidigt. Und Kathy dachte wohl auch, sie könne alles mit den anderen machen. Nein, er würde nicht mehr zurückgehen.
Im Flur klingelte das Telefon. Johnny schlurfte in den Flur und hob ab. "Juan Kelly, hola?"
"Johnny? Hier ist Kathy, wehe, du legst gleich auf!" erklang eine schneidende Stimme.
Johnny wurde rot. Es war ja nicht so, dass er gar nichts mehr für seine Geschwister empfand, ganz im Gegenteil. Schon allein Kathys Stimme weckte jede Menge Erinnerungen und Gefühle in ihm. Aber so sollte es nicht sein. "Wir hatten doch ausgemacht, dass du mich nie anrufst. Was möchtest du?" antwortete er unfreundlich.
Kathy klang etwas panisch. "Ist Paddy bei dir?"
"Ja," entgegnete Johnny sehr knapp.
"Er ist bei John!" hörte er sie erleichtert rufen. Im Hintergrund wurden fröhliche Stimmen laut. Offenbar hatten sie alle wieder über Paddys Verschwinden gegrübelt. Wie er diese Gluckerei hasste! John erkannte Maites und Jimmys Stimmen und ärgerte sich. "Ja, er ist bei mir. Bist du jetzt zufrieden? Gute Nacht, Kathy."
"Warte doch!" knurrte Kathy. "Du wirst jetzt offenbar triumphieren, weil er zu dir gefahren ist, John. Aber schick‘ uns Paddy sofort zurück. Wir brauchen ihn. Demnächst stehen eine Tour und ein Album auf dem Plan. Schick‘ ihn sofort nach Hause oder gib‘ ihn mir, damit ich mit ihm sprechen kann."
"Nichts davon tue ich!" entgegnete Johnny scharf. "Was willst du eigentlich, Kathleen? Paddy ist aus eigenen Stücken gekommen, und er soll erst wieder gehen, wenn er selbst das will. Er hat auch keine Lust mehr auf euch, so einfach ist das! Ich werde ihn bestimmt nicht dazu überreden, zur Kelly Family zurückzukehren. Solange Paddy will, soll er auch bleiben!"
"Sei‘ doch nicht albern, Johnny!" schnaubte Kathy. "Paddy ist jung, er hat keine Ahnung vom Business. Er hat sofort zurückzukommen. Wir können ja keine Termine wahrnehmen ohne ihn! Er ist sich nicht bewusst, was er uns antut. Sag‘ ihm, er soll zurückkommen. Ich schicke morgen Jimmy, der soll ihn holen. Oder er soll mit dem Zug fahren. Hauptsache, er ist wieder hier. Sag‘ ihm das."
"Ich denke nicht daran!" antwortete Johnny wütend und legte im selben Atemzug auf. Sekundenlang starrte er noch wütend das Telefon an. Kathy dachte doch überhaupt nicht an Paddy. Alles was für sie zählte, war die Karriere. Nun, das hat man ja schon bei ihrem Ausstieg gewusst, dachte Johnny böse. Nun gut, er würde ihr nicht helfen. Paddy hatte sich gegen sie entschieden, und er würde den Teufel tun, ihn umzustimmen.

Paddy hatte sich von Maitey das Gästezimmer im ersten Stock zeigen lassen. Es erinnerte ihn sehr an sein altes Kinderzimmer in Spanien, dass er mit Maite und Angelo geteilt hatte. Ach ja... Paddy schob den Gedanken an Angelo und Maite schnell zur Seite. Maitey bezog ihm sogar das Gästebett. "Also, gute Nacht dann, Paddy," flüsterte sie. "Johnny ist unten, du kannst ihm auch noch schnell Gute Nacht wünschen."
Paddy trat nach unten. Johnny stand im Flur und guckte böse. Offenbar hing er seinen Gedanken nach. "Gute Nacht, Johnny," sagte Paddy unbehaglich.
Johnny drehte sich um und sah ihn an. Er atmete tief durch. "Ich möchte dir nichts vorenthalten, Paddy." Er zeigte zum Telefon. "Eben hat Kathy angerufen."
Paddys Gesicht wurde ganz lang. Sein Mund blieb ihm offen stehen. Dann begannen seine Lippen zu zittern. "Warum hat sie hier angerufen?" schrie er ihm entgegen. "Spioniert sie mir hinterher? Und sowieso, ich dachte, ihr habt keinen Kontakt mehr miteinander? Ich dachte, sie hat deine Nummer gar nicht! Du hast doch gesagt, du willst nichts mehr mit der Kelly Family und schon gar nicht mit Kathy, Maite und Jim zu tun haben! Aber nein, stattdessen pflegst du engsten Kontakt zu Kathy!"
"Paddy, so ist das nicht!" John griff nach Paddys Schultern, um ihn zu beruhigen. Aber Paddy schrie und tobte. "Geh‘ weg, du hast mich angelogen! Du bist gemein, ich hasse dich!" "Jetzt ist’s genug!" John hob den tobenden Paddy einfach hoch. Paddy heulte, strampelte mit den Beinen in der Luft und versuchte, auf John einzuprügeln. Doch John hielt ihn eisern fest, trug ihn hinüber ins Wohnzimmer und setzte ihn dort aufs Sofa.
"So! Jetzt hörst du mir mal zu, du Baby! Ich habe normalerweise keinen Kontakt mehr zu Kathleen! Als ich ausgezogen bin, habe ich Patricia meine Nummer gegeben, damit sie mich erreichen kann, falls mal etwas mit Vater ist! Patricia hat die Nummer irgendwo versteckt. Ich denke mal, Kathleen hat ihr die Nummer abgejagt, aber nicht wegen mir, sondern wegen dir! Sie will, dass du wieder zurückkommst, und zwar wegen den Plattenaufnahmen und Konzerten! Mit mir hat das nichts zu tun!"
Schluchzend sah Paddy auf. Dann war ja alles ganz anders. John und Kathy hatten doch keinen Kontakt mehr miteinander. Aber eigentlich war das nichts Gutes. "Und Käthe will wirklich nur, dass ich wegen den Plattenaufnahmen zurückkomme?" fragte er mit tränenerstickter Stimme.
John setzte sich neben ihn und nahm seine Hand. "Ich möchte dich nicht gegen Kathy aufhetzen. Aber es hat sich ganz so angehört."
Paddy wusste nicht, was er denken sollte. Er fühlte sich vollkommen überfordert. John schien das zu spüren. "Komm‘, Paddy, denk‘ jetzt nicht darüber nach. Geh‘ schlafen. Wenn du zurück zu Kathy und den anderen möchtest, werde ich dich nicht zurückhalten. Das ist deine Entscheidung. Aber du musst sie nicht heute fällen."
Gemeinsam gingen sie die Treppe hinauf. Paddy legte sich ins Bett und John deckte ihn gut zu. Wie früher blieb er noch eine Weile an Paddys Bett sitzen. "Paddy... für mich ist es nicht leicht. Auch ich habe manchmal Gewissensbisse. Aber ich glaube trotz allem, dass ich auf dem richtigen Weg bin." "Mmmh," murmelte Paddy und kuschelte sich in die Kissen.

Am nächsten Morgen zeigte John Paddy seinen Acker. Er bebaute ihn allein, nur manchmal mit Hilfe von den Nachbarn. "Ich bin sehr stolz darauf," sagte John, und Paddy sah es ihm an. Er betrachtete den Acker im Sonnenlicht richtig zufrieden. "Joaquin und José helfen mir oft, und Maitey arbeitet auch noch mit, solange sie noch nicht schwanger ist." "Wieso, wünscht ihr euch in nächster Zeit Kinder?" fragte Paddy. Johnny wurde etwas rot. "Hmm... wir planen es im Moment schon etwas konkreter." "Hat sie die Pille abgesetzt?" fragte Paddy rotzfrech. John jagte ihn über den ganzen Acker.
Einen Stall hatte John auch, mit zwei Ponys, drei Ziegen und einem wunderschönen grauen Esel. "Er heißt Burrito, wie unser Esel früher," sagte John stolz.
Paddy ging zu dem Grautier und legte beide Arme um seinen Hals. "Er ist wunderschön," flüsterte er. "Ich möchte nie wieder weg."
Johnny räusperte sich. "Das freut mich, Paddy... aber... kommst du denn nur wegen mir zurück oder weil du keine Lust mehr auf das Leben als Star hast?"
"Ich weiß nicht genau." Paddy rieb sich nachdenklich die Stirn. "Ich hab‘ dich mega vermisst... aber klar, ich hab‘ auch keine Lust mehr auf die vielen Auftritte und das Autogramme schreiben und das ganze Päääääddiiiiieeee und alles. Aber eins weiß ich sicher: wenn du auch noch da wärst, würde ich es besser schaffen." Er sah seinen Bruder ernst an. "Aber das Gleiche könnte ich doch auch dich fragen, Johnny: kommst du wegen uns nicht zurück oder wegen dem ganzen Star-Zeugs?"
Johnny sackte in sich zusammen. "Du fragst mich vielleicht Sachen, Paddy!" Er dachte nach. "Es stimmt schon: ich bin tüchtig sauer auf Kathy und auch ein bisschen auf Jimmy und Maite, weil die wohl denken, sie können sich alles erlauben, und Vater steht sowieso immer hinter ihnen. Aber ich habe auch wirklich keine Lust mehr auf die Fans und die Konzerte und alles. Ich fühle mich so ausgebrannt. Und es macht doch sowieso nur noch jeder, was er will. Street Life ist eben vorbei, da waren wir noch alle glücklich, auch wenn wir etwas weniger Geld und Ruhm hatten. Aber damals haben wir wenigstens noch alle zusammengehört. Und da wären wir wieder bei Kathleen. Zu Street Life – Zeiten wäre sie nicht einfach auf und davon. Da waren wir noch nicht von dem ganzen anderen Scheiß geblendet."
Paddy verbarg seine Überraschung darüber, dass John ein solches Wort ausgesprochen hatte. "Aber Kathy ist doch zurückgekommen... sie hat’s doch eingesehen!"
"Es ist trotzdem nicht mehr das Gleiche! Wir sind keine Familie mehr. Wir sind doch nur noch die Kelly Family, wenn es nichts anderes zu tun gibt. Jimmy dreht Filme, Maite hängt in Amerika rum, Angelo nimmt ein Soloalbum auf, Joey widmet sich seinem Sport, Tricia bekommt Babys und will auch solo singen und Barby ist auch nicht da!"
"Aber das ist doch gesundheitlich bedingt!" Paddy geriet in Rage. "Die Babs kommt ja wieder. Und Jimmy und Maite und alle, die machen doch auch lieber Musik als sonst was. Die Kelly Family steht schon noch an erster Stelle!"
"Das glaubst du doch selbst nicht!" Johnny schloss die Augen. "Nein, ich will nicht zusehen, wie die Kelly Family langsam stirbt. Da gehe ich lieber rechtzeitig."
"Schon gut, du musst ja nicht singen. Aber du hättest doch in Gymnich bleiben können. Von mir aus auch mit Maitey. Die Fans hätten wir schon abgelenkt." Paddy redete sich richtig in Rage. "Du hättest doch nicht mit uns allen abschließen müssen! Wolltest du denn nicht sehen, wie Gabriel und Alexander anfangen zu laufen? Wolltest du nicht mit uns zusammen Weihnachten feiern? Wolltest du dich nicht täglich darüber aufregen, dass ich meinen Küchendienst vergesse oder dass Angelo zu laut ist? Und Vater! Der ist ja auch nicht mehr der Jüngste, was ist, wenn ihm plötzlich was passiert? Ist dir alles egal?" Er schluckte.
"Es ist mir nicht egal. Aber ich habe einfach keinen Nerv mehr für das Ganze." John öffnete die Augen wieder. "Das Gefühl ist einfach nicht mehr dasselbe wie in der Street Life – Zeit. Wir haben zuviel anderes im Kopf. Wir haben nicht mehr dieses Unsere-Familie-gegen-den-Rest-der-Welt-Gefühl. Es ist verlogen, Paddy, es ist verlogen."
Paddy wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Johnny hatte ja Recht, es war dasselbe, was er auch dachte.
"Und sei‘ doch mal ehrlich, Pad," sagte Johnny listig. "Du willst doch gar nicht hierbleiben und alle Brücken hinter dir abbrechen. Du willst in Wirklichkeit, dass ich mich wieder mit dem Rest der Familie vertrage. Um dich geht es dir gar nicht primär."
Auch dem hatte Paddy nichts entgegenzusetzen, also traten sie wieder aus dem Stall hinaus ins Sonnenlicht.
Paddy sah etwas traurig zu der leeren Fläche neben Joaquins Haus. "Echt schade, dass unser altes Haus nicht mehr steht! Als wir nach El Rocio gefahren sind und hier vorbeikamen, stand es doch noch!"
"Alles im Leben hat ein Ende," wiederholte Johnny Joaquins Worte, und Paddy war sich ziemlich sicher, dass er den Spruch von seinem Nachbarn hatte.
"Wer hat es denn abgerissen?"
"Oh, keine Ahnung... es war schon so, als ich hierhergezogen bin..."
Maitey rief vom Garten aus zum Essen. Paddy und Johnny verließen den Acker und gingen zu ihr, um zu Mittag zu essen. Später wollten sie noch an einem Bach fischen gehen. Johnny wollte Paddy ein paar Tricks beibringen. Vom großen zum kleinen Bruder.

Bis zum Abend war kein Anruf von Paddy gekommen, und deswegen saß Kathy jetzt mit bösem Gesicht und einer Zigarette zwischen den rotgeschminkten Mundwinkeln ihrem Vater gegenüber. "Ich muss dir leider sagen, dass ich kein Lebenszeichen von Paddy erhalten habe," sagte sie verbissen. "Ich bin mir sicher, dass Johnny ihn gegen uns aufgehetzt hat."
Vater runzelte die Stirn. Er war über 70 und hatte eigentlich nicht besonders viel Lust, sich immer noch mit dem ganzen Geschäftskram auseinanderzusetzen. Aber erstens rannte Kathy sowieso wegen jedem Quatsch zu ihm, und zweitens ging es hier nun mal um seine Familie. Nun war also Paddy abgehauen! Vater versuchte, Verständnis für seinen Sohn zu finden, der es seiner Meinung nach immer besonders schwer gehabt hatte. "Paddy hat doch schon öfter solche Zicken gemacht," meinte er begütigend zu seiner Tochter. "Wahrscheinlich taucht er in ein paar Tagen ganz von selbst wieder auf, weil es ihm in Spanien langweilig ist."
"Du scheinst den Ernst der Lage zu verkennen, Vater," sagte Kathy scharf.
"Das mag sein," gab Vater Dan zu. "Aber Paddy hat nicht ohne Grund so gehandelt. Seine Absicht ist ja durchaus ehrenwert. Er will seine verfeindeten Geschwister wieder versöhnen, das ist ja ganz in meinem Sinne. Warum verträgst du dich nicht endlich mit John, dann hätten wir Probleme dieser Art gar nicht."
"Ich wüsste nicht, was das mit Paddy zu tun hat!" sagte Kathy steif. "Er hat zurückzukommen! Wir wollten so bald wie möglich mit den Plattenaufnahmen anfangen, da auch Barby ihr Einverständnis dazu erklärt hat. Dann gibt es TV-Auftritte, ferner steht eine Tournee auf dem Programm. Und die Fans! Paddy nimmt einen wichtigen Stellenwert in dieser Band ein!"
Vater Dan seufzte. Kathys hochtrabendes Gerede ging ihm mächtig auf den Geist. "Nun setz‘ mal nicht die Band mit der Familie gleich," meinte er beruhigend.
Kathy hob die Augenbrauen. "Ich habe gestern Abend mit John telefoniert. Er zeigt sich kein bisschen kooperativ. John behauptet, er würde Paddy allein über seine Zukunft entscheiden lassen, dabei weiß ich genau, dass er Paddy langsam aber sicher auf seine Seite zieht. Wie ich ihn manchmal hasse!"
Vater wand sich. Was war nur mit seinen Kindern geschehen? Warum führten sie einen solchen Krieg? Er war sich sicher, dass dieses nie passiert wäre, wäre seine Frau Barbara noch am Leben. Doch davon sagte Dan nichts zu Kathy. "Paddy ist erwachsen," meinte er stattdessen. "Außerdem ist er ein Familienmensch. Er wird sicher zurückkommen."
"Und wann soll das bitte sein?" fragte Kathy zänkisch.
"Bin ich ein Hellseher?" Dan hob die Arme. "In ein paar Monaten, vielleicht. Wenn er von Johnny, Maite und Spanien genug hat."
"Kommt nicht in Frage!" fauchte Kathy. "Wir fangen so bald wie möglich mit den Aufnahmen an. Da hat er dabei zu sein!"
"Was willst du tun?" fragte Dan wütend zurück. "Nochmal anrufen? – Das wird dir nichts nützen, Johnny wird dich in dieser Verfassung wohl kaum mit Paddy sprechen lassen. Johnny drohen? – Kannst du gleich vergessen. Du hast ja wenig gegen ihn in der Hand. Nach Spanien fahren? – Das möchte ich sehen!"
Kathy winkte ab. "Das kann ich gleich lassen. Er würde sowieso nicht mitkommen. Wer weiß, was Johnny ihm alles erzählt hat. – Ich weiß was viel Besseres." Ihre Augen blitzten. "Ich schicke Barby nach Spanien. Sie soll Pad überzeugen. Ihr konnte er noch nie etwas abschlagen. Ich bin mir sicher, dass sie ihn überreden kann."
Vater sah seine Tochter zweifelnd an. "Aber Barby ist heute gerade erst aus Irland zurückgekommen, sie wird keine Lust dazu haben, schon wieder nach Talavera zu fahren," meinte er. "Und sowieso – sie ist nicht unbedingt jemand, der selbst besonders viel Lust auf den ganzen Zirkus mit der Platte und der Tour hat. Wie um alles in der Welt soll sie Paddy überreden? Es ist mir schleierhaft."
"Immerhin hat sie zugesagt, mitzumachen!" brummte Kathy.
"Ein Wort von Johnny, und sie bleiben gleich beide da!" orakelte Vater. "Kathy, überleg‘ es dir noch einmal. Wenn du Paddy schon überreden willst, dann schick‘ Joey oder Patricia. Am Besten Patricia. Barby mag Paddys engste Vertraute sein, aber das wird nicht so ausgehen, wie du das willst. Sie ist selbst zu wenig überzeugt."
"Ich bringe ihr schon bei, was sie zu sagen hat!" meinte Kathy kampflustig.
Vater gab auf, und so eilte Kathy heimwärts und verkündete Barby, die gerade mit Joey und Jimmy am Küchentisch saß, dass sie morgen nach Talavera zu reisen hatte, um Paddy zurückzuholen.
Barby war erwartungsgemäß nicht besonders begeistert von der Idee ihrer älteren Schwester. Die Irland-Reise steckte ihr noch ziemlich in den Knochen, sie war müde und hatte keine Lust, nach Spanien zu fahren und Paddy etwas zu erzählen, wovon sie selbst nicht unbedingt überzeugt war. "Nun komm‘, du willst doch sicher John gerne mal wiedersehen!" schmeichelte Kathy ihr. Barby erkannte die Tricks ihrer Schwester nicht und ging nach oben, um ihren Koffer, den sie eben ausgepackt hatte, erneut zu packen. Jimmy und Joey blieben zweifelnd zurück. "Mal ganz im Ernst, Käthe, findest du das fair?" fragte Joey. "Wenn Paddy sich für ein Leben bei Johnny entschieden hat, können wir ihn doch nicht umstimmen. Und wenn Paddy wirklich dort bleiben will, wird auch Babsi ihn nicht überreden können!"
Kathy tat überrascht. "Ein einziges Mal verlange ich ein Opfer von Barby, da wird sie das auch erledigen können, und zwar richtig! Ich bringe ihr schon bei, was sie zu tun hat. Außerdem tut ihr die Sonne in Spanien sicher gut, auch wenn sie sie nur für einige Stunden zu genießen hat. Und mal völlig davon abgesehen, sie tut es für unsere Karriere!"
"Nun gut, wenn du meinst. Ich hätte jedenfalls keine Lust, zu dem bockigen Spinner Johnny nach Spanien zu fahren!" knurrte Jimmy.
Es wurde ausgemacht, dass Joey Barby am nächsten Morgen zum Flughafen fahren sollte, sie sollte nach Madrid fahren und von dort aus mit dem Zug nach Talavera fahren. Den ganzen Abend brachte Kathy Barby schlaue Sprüche bei, mit denen sie Paddy zur Umkehr bewegen sollte.

Im Morgengrauen brachten Joey und Kathy Barby zum Flughafen. Missmutig schleppte Barby ihren Rucksack, und Joey trug ihr die Reisetasche. Kathy lief hinter ihnen und maulte: "Warum nimmt sie so viel Zeug mit? Sie soll sich nicht bei Johnny einnisten!" "Aber Mann, sonst merkt der ja gleich, dass sie nur Pad mitnehmen will!" schrie Joey sie an.
Die Zeit bis zum Einchecken verging lange. Barby hatte langsam genug von der hysterischen Kathy, die ihr ständig Sätze zuflüsterte, die sie Paddy aufsagen sollte. Joey rauchte desinteressiert. "Es ist ja genug!" sagte Barby genervt zu Kathy. "Jetzt gib‘ mir doch endlich mal Johns Adresse!"
Kathy drückte ihr einen zerknitterten Zettel in die Hand. Nur Patricia und sie besaßen Johns Adresse, und sie hatten sie den übrigen Geschwistern nie gezeigt, Patricia aus Vergesslichkeit, Kathy aus Wut. Barby warf einen Blick auf den Zettel und steckte ihn ein. In der Ferne ertönte eine Lautsprecherdurchsage.
"Dein Flug!" sagte Joey und drückte ihr die Reisetasche in die Hand.
Barby verabschiedete sich mit Küsschen von Joey und Kathy und marschierte dann auf die Tür zum Eincheckraum zu.
"Lass‘ dich von John zu nichts überreden! Lass‘ keins von Paddys Gegenargumenten gelten! Lass‘ dich nicht mit irgendwas locken! Rede nicht viel mit Johnny und Maite! Erklär‘ Paddy, was auf dem Spiel steht!" schrie Kathy ihr hinterher.
Barby drehte sich um und sagte: "Kathy, dir ist Paddy doch scheißegal, alles was dich kümmert, ist die Karriere!" Dann drehte sie sich um und ging, ohne sich noch einmal nach Kathy und Joey umzudrehen.

Johnny und Paddy saßen wieder einmal zusammen an einem kleinen Bach. Johnny angelte und Paddy saß neben ihm und sah zu, denn sie hatten nur eine Angel. Bis jetzt hatten sie noch nichts gefangen, gestern waren sie erfolgreicher gewesen. Doch das machte Paddy gar nichts aus! Das Wetter war großartig, die Sonne knallte vom Himmel und spielte sich als großer roter Ball im Wasser. Paddy trug seine kurze Lederhose und ließ seine Beine von der Sonne bräunen. Johnny starrte konzentriert aufs Wasser. "Warte mal, jetzt hab‘ ich was!" rief er. Leider war’s dann doch nur ein Lumpen.
John sah auf die Uhr. "Maitey wartet bestimmt mit dem Essen auf uns. Eigentlich wollte sie ja, dass wir Fisch mitbringen, aber das ist uns ja nicht so ganz geglückt." Er verzog das Gesicht zu einem Lächeln. "Let’s go."
Gemeinsam liefen sie den schmalen Pfad zwischen dem Ufergras zurück. Ihre Schultern berührten sich hin und wieder, und dann lächelten sie sich an.
Paddy war der erste, der das Taxi vor dem Haus stehen sah. Überrascht blieb er stehen. "Johnny, vor eurem Haus steht ein Taxi! Was kann das sein?" Johnny schwieg und presste die Lippen zusammen. Paddy bekam Angst. "Weißt du, wer das ist? Sag‘ doch was, Johnny!" drängte er.
"Das ist Kathy," stieß Johnny hervor.
Nachdem Paddy den Schock verdaut hatte, erwachte Kampfgeist in ihm. "Ich gehe nicht zurück! Kathy ist es doch total egal, ob ich jetzt zurückkommen will, sie will doch nur, dass einer singt. Aber ich mach‘ da nicht mehr mit! Ich will meine Ruhe!" Er hängte sich an Johnnys Arm und sah flehend zu seinem Bruder. "Nicht wahr, Johnny, ich muss doch nicht zurück?"
"Nein, du musst nicht zurück," sagte Johnny liebevoll und drückte ihn.
Und dann sahen sie Barby aus dem Haus kommen. Johnny und Paddy blieb der Mund offen stehen. Das konnten sie nicht glauben. Aber es war wirklich Barby, die da aus dem Haus kam, mit wehenden Locken und in einem weißen Pulli. Es war wirklich Barby, die die Fahrertür öffnete und dem Fahrer einen Geldschein gab. Das Taxi brauste davon. Barby stellte sich wieder aufrecht hin und wollte wieder ins Haus gehen.
Paddy und John sahen sich nur an. Dann rannten sie quer über die Straße zu ihr. "Barby!"
Barby fuhr sofort herum, halb erschrocken und halb erfreut. "John! Pad!"
Paddy umarmte sie zuerst. Seine Babs! So lange hatte er sie nicht mehr gesehen! Sie war so lange bei Mimi in Irland gewesen, und nun hatte er sie endlich wieder! Fast hätte er geweint. Doch dafür war schon Barby zuständig. Dicke Tränen standen in ihren Augen, sie klammerte sich an Paddy und schluchzte an seinem Hals. "Oh, Barby," murmelte Paddy und ließ sie dann los, damit auch John sie umarmen konnte. Ihm liefen ebenfalls Tränen über die Wangen.
"Ähmm... wollen wir net mal ins Haus gehen?" unterbrach Paddy verwirrt die rührselige Situation. Er machte einen Schritt auf die Haustür zu. John und Barby folgten ihm eingehängt.
Drinnen trafen sie auf Maitey. Sie begrüßte John mit einem Kuss und Barby nur mit einem Kopfnicken, offenbar hatte sie Barby schon mal gesehen, da diese ja eben auch aus dem Haus gekommen war.
Johnny konnte es wieder mal gar nicht fassen. "Erst Paddy, dann Barby!" rief er aus. "Und wer kommt morgen?" Doch er war über Barbys Besuch nicht halb so bestürzt wie über Paddys, wie Paddy feststellte, und fast hätte er angefangen, sich zu ärgern. Doch da sagte Maitey: "Kommt schnell, lasst uns Kuchen essen! Barby ist sicher müde von der Reise."
Wieder nahmen sie im Garten am Tisch Platz, und wieder zog sich Maitey diskret zurück, um mit ihrem Vater zu telefonieren. Während Barby den Pflaumenkuchen in sich hineinfutterte, fragte Johnny sie aus. "Wie war es in Irland? Wie geht es Mimi? Was hast du so gemacht?"
Paddy saß neben ihm und konnte vor Wut kaum etwas essen. Kein einziger Vorwurf! Ihn hatte John gestern noch total komisch und mit einem Feuerwerk von Gemaule empfangen, und Barby wurde begrüßt wie eine langerwartete Freundin. Das war doch nicht fair! Hätte er sich nicht selbst so über Babsis Besuch gefreut, wäre er in die Luft gegangen. Trotzdem, ganz fair war es wirklich nicht. "Was machst du eigentlich hier?" fragte er kühl.
Sofort wich das Lächeln aus Barbys Gesicht. "Ich soll Paddy zurück nach Köln holen."
"Jetzt fängt die auch noch an!" stöhnte Paddy.
John sah seine Schwester mit offenem Mund an. "Nein, das ist unmöglich!" brüllte er plötzlich. "Das ist unfair! Warum wollt ihr alle Pad so unter Druck setzen? Du weißt doch ganz genau, dass er dir nichts abschlagen kann! Und jetzt willst du ihn wieder zurückholen in diese Hölle voller Fans und Stress und allem? Meine Güte, der Junge muss doch endlich mal wissen, wohin er gehört! Und bei der Kelly Family ist er nicht glücklich!"
Paddy brach in Tränen aus. Was sollte er denn nur machen? Es stimmte schon, was John da sagte, er konnte Barby wirklich nur selten einen Gefallen verwehren. Und sie hätte er wohl auch sehr schnell vermisst. Aber trotzdem, er wollte nicht zurück! Höchstens zusammen mit John. Und das Wissen, dass sie bei der Kelly Family eigentlich gar nicht wirklich IHN wollten, sondern eben nur einen, der die Show machte...
Plötzlich fing auch Barby an zu weinen. "Ich mein‘ das doch gar nicht so," schluchzte sie. "Aber Kathy hat gesagt, ich soll das so machen und Pad zurückholen..."
"Ach! Natürlich wieder Kathy!" rief Johnny aus.
"Es tut mir Leid," heulte Barby, und Paddy und John nahmen schnell ihre Hände.
Als Maitey wieder in den Garten kam, lagen sich die drei heulend in den Armen. Schnell murmelte Maitey, sie müsse noch mit einem Onkel telefonieren, und sie eilte wieder davon.
Johnny holte ein großes Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte erst sich, dann auch Barby und Paddy die Tränen ab. "Ich will euch keine Vorschriften machen," sagte er mit tränenerstickter Stimme. "Wenn ihr wegen mir Probleme mit Kathy bekommen solltet... ich werde euch nicht in Talavera halten. Wenn ihr zurück und wieder singen wollt, geht ruhig. Ich bin euch auch nicht böse."
Paddy schüttelte so heftig den Kopf, dass seine Haare flogen. "Ich gehe nicht zurück! Nicht bevor sie nicht die Bedingungen ändern!" stellte er klar. "Was soll ich denn da? Das juckt doch keinen, ob da jetzt Angelo singt oder ich. Ganz im Gegenteil, die meisten fliegen doch eh auf’n Lino. Kein Mensch interessiert sich doch wirklich für MICH, weder Kathy und Jim noch die Fans! Pääääddiiieee, Päääddiiiieee!" äffte er die Mädels vor Gymnich nach.
John drückte seinen kleinen Bruder an sich. "Du kannst bleiben, Paddy, du kannst gerne bleiben. Ich freue mich."
"Darf ich auch bleiben?" fragte Barby zaghaft.
John überlegte nur ganz kurz. "Na klar, Barby, gerne sogar. Ich freue mich riesig. Wenn ihr beide hierbleibt, überlegte Kathy vielleicht mal, was sie falsch macht!" Er umarmte Barby schnell.
Und wieder war Paddy ganz kurz eifersüchtig. Barby wurde gleich mit offenen Armen aufgenommen. Aber gleich schämte er sich für seine Gedanken. Barby war ja so zart und sensibel, der Rummel in Deutschland war wirklich gräßlich für sie und in Spanien war sie echt besser aufgehoben. Und außerdem war er überglücklich, seine geliebte Schwester wieder in seiner Nähe zu haben. Also umarmte er Barby stürmisch.
Maitey kam lächelnd in den Garten. "Kann ich mich zu euch setzen oder soll ich lieber noch jemanden anrufen?"
"Natürlich kannst du dich zu uns setzen!" riefen drei Stimmen. Und sie verbrachten noch einen lustigen Abend im Garten.

Als bis um Mitternacht kein Lebenszeichen von Barby kam, sah Joey seine Schwester ernst an. "Du hast verloren, Kathy," sagte er und sah ihr in die Augen. "Aber das war doch von vornherein klar. Warum machst du das? Du kannst Barby und Pad nicht gegen John aufhetzen. Die zwei sind nicht mehr so klein, sie bilden sich ihre Meinung über ihn schon selbst. Warum lässt du nicht einmal den ganzen geschäftlichen Kram ruhen und versuchst, dich wieder mit Johnny zu vertragen – ohne Hintergrundgedanken? Es würde uns allen damit besser gehen. Aber Babs und Pad gegen Johnny auszuspielen – das schaffst du nicht. Und damit erreichst du nichts. Gib‘ es auf, Kathy, gib‘ es auf."
"Ach, lass‘ mich doch in Ruhe!" sagte Kathy mit böser gepresster Stimme. Als Joey gegangen war, zerriss sie voller Wut den neuesten Vertrag.

"Seid ihr fertig?" Hastig sah Johnny auf die Uhr und strich verlegen über die Ärmel seines schwarzen Samtanzugs.
"Schon längst!" antworteten Paddy und Barby im Chor. Sie saßen gestylt und geschniegelt auf dem Küchentisch und lachten sich fast kaputt über Johnny. Denn der verbreitete wirklich eine permanente Hektik. "Sind meine Schuhe sauber?" fragte er nervös.
"Ja!" antworteten Paddy und Barby brav.
"Habe ich irgendwo einen Pickel?"
"Nein."
"Liegen wir noch gut in der Zeit?"
"Ja."
"Sehe ich gut aus?"
"Ja."
"Sind meine Haare nicht irgendwo zerzaust?"
"Geht so. Warte, lass‘ mich mal machen." Barby sprang vom Küchentisch und begann, einige Strähnen aus Johnnys Lockenpracht auseinanderzuzerren. "Siehst doch super aus, John. Ich weiß gar nicht, warum du so ein Drama machst."
"Entschuldige bitte!" Gehetzt sah Johnny auf. "Aber heute ist nun mal mein Hochzeitstag, da will ich schon perfekt aussehen. Schließlich heiratet man nur einmal im Leben!"
"Na ja!" warf Paddy ein.
John stöhnte auf. "Du mit deinen dämlichen Witzen! Wo ist überhaupt Maite?" Panisch sah er zur Tür.
"Sie telefoniert schnell noch mit ihrer Mutter. Schließlich weiß Familie Itoiz ja gar nicht, wo das Standesamt in Talavera ist!" belehrte Barby ihn.
Maitey erschien in der Tür, in ihrem weißen langen Kleid und einer schwarzen Jacke darüber. Sie war wunderschön geschminkt, sah aber sauer aus. "Juan, es ist eine Katastrophe passiert!" rief sie.
"Was denn?" Erschrocken sah John sie an.
"Du weißt doch, dass mein Vater wegen seinem Bein nicht kommen kann. Jetzt hat er aber auch noch eine Grippe bekommen, und meine Mutter muss zuhause bleiben und ihn pflegen."
"Schrecklich! Wir müssen die Hochzeit verschieben!" schrie John.
"Das ist nicht notwendig," sagte Maitey leichthin. "Eltern verbreiten sowieso immer so was Hektisches. Mir reicht es vollkommen, wenn meine Eltern zur kirchlichen Hochzeit kommen. Bis dahin ist das Bein meines Vaters auch wieder okay. Dumm ist nur, dass ich meine Mutter doch eigentlich als Trauzeugin nehmen wollte, und jetzt hab‘ ich keinen mehr..."
Mit einem riesigen Satz sprang Paddy vom Tisch. "Na dann," rief er, "dann nimm‘ doch Babs!"
"Babs?" Maitey, Barby und Johnny sahen ihn an.
"Na klar!" bestätigte Paddy eifrig. "John nimmt mich und du nimmst Barby!"
"So ist das!" Maitey lachte laut. "Gut, wenn Barby einverstanden ist..." Natürlich war sie es. Und auch John fand es gut. "Dann wäre ja alles geklärt! Habt ihr denn eure Personalausweise dabei, Paddy und Barby?"
Barby nickte, doch Paddy fuhr der Schreck in die Glieder. "Saco la picha! Natürlich nicht! Ich bin doch abgehauen..."
"Ich hab‘ deinen Pass dabei," sagte Barby zu Paddy.
"Häh, wieso hast du meinen Pass dabei?" sagte Paddy zu Barby.
"Na ja, Käthe hat ihn mir mitgegeben," meinte Barby zerknirscht. "Ich sollte dich doch zurückholen..."
Bevor Paddy und Johnny anfangen konnten, sich aufzuregen, rief Maitey aus: "Dann ist ja alles in Butter! Lasst uns jetzt alle gehen, jetzt wird geheiratet!"
"Hey Didelidey..." sang Paddy und tanzte um den Tisch.
Johnny sah ihn stirnrunzelnd an. "Paddy, willst du etwa wirklich in der bayerischen Lederhose gehen?"
"Aber sicher!" antwortete Paddy strahlend.
Zu viert traten sie vor die Haustür. Dort machte Johnny eine höchst erstaunliche Entdeckung.
"Unser Taxi ist ja noch gar nicht da!"
"Was denn für ein Taxi?" fragte Maitey. "Ich habe keins bestellt. Wir laufen."
"Was??" stöhnte John. "Aber das dauert ja mindestens eine Stunde, bis wir in der Stadtmitte von Talavera sind!"
"Du musst dir mich eben erst verdienen!" grinste Maitey.
"Durch den sandigen Boden werden meine Schuhe ja ganz ramponiert!" stöhnte John.
"Sei‘ doch nicht so zimperlich!" Maitey wollte John küssen, doch Barby und Paddy zogen die beiden schnell auseinander. "Nein, so kurz vor der Hochzeit gibt’s keine Küsse mehr, ihr sollt euch ja auch noch auf etwas freuen können!"
"Das wird ja immer schlimmer!" stöhnten John und Maitey.
Damit die beiden sich auch wirklich zurückhalten konnten, hakte Barby sich bei John ein und Paddy bei Maitey. Und los ging’s durch die Mittagshitze zum Standesamt. Maitey und Paddy liefen voran und unterhielten sich über die Zeremonie. Ein Auto überholte sie laut hupend. Paddy kannte es gut, er war darin schon gefahren. Joaquin und seine Frau Estella winkten ihnen aus dem Fenster zu. "Sogar die fahren bis zum Standesamt, nur wir müssen laufen!" stöhnte John übertrieben von hinten.
Doch schon eine Dreiviertelstunde später standen sie vor einem großen weißen Gebäude: dem Standesamt! Auf der Treppe warteten schon viele Verwandte von Maitey und eine Menge andere Spanier, die Paddy alle noch so ein bisschen kannte. John und Maitey wurden von allen umarmt und geknipst, bekamen Geschenke und Blumen überreicht und Maitey musste ihre Jacke ausziehen, so dass alle ihr Kleid bestaunen konnten.
Paddy und Barby hielten sich ein wenig im Hintergrund. "Was ist denn, Pad?" fragte Barby aufmunternd. "Du guckst so sauer."
"Keiner von Johns Familie ist da, wir sind die einzigen Geschwister!" maulte Paddy. "Es wäre viel schöner, wenn die anderen auch hier wären!"
Tröstend nahm Barby seine Hand. "Nun denk‘ mal nicht dran. Wir werden es auch so genießen!"
"Stimmt, denn Hochzeiten sind einfach cool!" Paddy lachte. "Weißt du noch an Pattys Hochzeit – ach nee, da warst du schon in Irland, ne – als Jimmy den Brautstrauß gefangen hat und voll das doofe Gesicht gemacht hat!"
"Voll cool!" Barby lachte mit. "Bevor Jimmy jemals heiratet, spricht Finbar französisch!"
Nachdem sie sich ausgekichert hatten, kam John lächelnd auf sie zu. "Kommt jetzt, ihr beiden, gehen wir rein. Endlich kann ich heiraten!"
"Die Freude scheint mir noch etwas verfrüht!" orakelte Paddy. Doch John machte ein so erschrockenes Gesicht, dass es Paddy Leid tat, und schnell hieb er seinem Bruder aufmunternd auf den Rücken.
Sie nahmen in einem großen Saal Platz, Paddy und Barby hinter Maitey und John. Neben Paddy saß eine dicke Tante von Maitey, die immer wieder sagte: "Ja, du bist ja der kleine Patrick!" Brav sagte Paddy, dass das stimme. Dann kam der Standesbeamte.
Die Trauung war wunderschön. Okay, das ganze Gequatsche am Anfang ödete ihn doch ziemlich an und er hatte schon Hunger, doch als der Standesbeamte dann fragte: "Maite Itoiz-Solchaga, wollen Sie den hier anwesenden Juan Miguel Kelly zu Ihrem angetrauten Ehemann nehmen?" , da schreckte er richtig hoch. Er fing an zu zittern. Doch Gottseidank sagte Maitey: "Ja, ich will!"
Dann wandte der Standesbeamte sich an John. "Juan Miguel Kelly, wollen Sie die hier anwesende Maite Itoiz-Solchaga zu Ihrer angetrauten Ehefrau nehmen?"
"Exakt das wünsche ich mir!" erwiderte John spontan.
"Darf man das als Ja verstehen?" fragte der Standesbeamte grinsend.
"Nichts wünsche ich mir mehr!" bestätigte John.
Da lachten sie alle, auch die Gäste, und Paddy fand Hochzeiten echt ganz toll. Dann mussten Barby und er noch auf einer Art Urkunde unterschreiben, und dann waren Maitey und John wirklich verheiratet.
Alle traten wieder aus dem Saal. Paddy umarmte John. "Herzlichen Glückwünsch, John, jetzt bist du also auch so’n Pantoffelheld!" "Danke, Paddy," sagte John überglücklich, der wohl vor lauter Freude kein Wort kapiert hatte. Dann fiel Paddy Maitey um den Hals. "Alles Gute, Maitey, sei‘ gut zu John. Ich wünsch‘ euch alles Glück der Welt. – Ich liebe Hochzeiten," strahlte er und tanzte um Maitey und John herum.
Und das Beste war... er war ja Trauzeuge! Würden Barby und er also tatsächlich zurück nach Köln gehen müssen, mussten sie ja zu Johns kirchlicher Hochzeit wieder kommen... oh yeah.
Maiteys Verwandten rannten alle zu Maitey, alle reden durcheinander und Johnnys Handy klingelte. "Ach du meine Güte!" rief er und ging schnell ran. "Juan Kelly, hola? – Oh! Hola Carlos! Gracias, muchas gracias..." Barby ließ von Maitey ab, stieß Paddy in die Seite und murmelte: "Es ist Carlos!" "Weiß ich doch!" maulte Paddy. Auf einmal klopfte sein Herz heftig...
Johnny sagte noch viel Spanisches und reichte dann plötzlich Paddy sein Handy. "Carlos möchte mit dir sprechen," meinte er.
"Mit MIR??" Paddy war völlig von den Socken. "Aberaberaber... heute hat doch seine Tochter geheiratet! Will er nicht lieber mit Maitey sprechen?"
"Nun komm‘ schon," meinte Johnny aufmunternd. Aus dem Handy konnte Paddy bereits Carlos lachen hören.
Schnell riss Paddy das Handy an sich. Sobald er Carlos‘ Stimme hörte, stürzten ihm die Tränen in die Augen. "Hola, Carlos, hola! Dios mio..." Schnell eilte er davon.
Barby sah ihm verträumt lächelnd hinterher. "Paddy gehört wirklich nach Spanien, meinst du nicht auch?" sagte sie zu Johnny. "Er ist hier so glücklich..."
"Du nicht?"
"Oh doch, natürlich. Aber komischerweise ist Irland mehr mein Zuhause, obwohl ich doch in Spanien geboren wurde. Ja, und bei Pad ist es ja gerade umgekehrt. Er wurde in Irland geboren und gehört doch irgendwie hierher. Ob er das selbst zugeben würde? Aber na ja. Der Besuch bei Mimi hat mir noch mal klargemacht, wie gerne ich in Irland bin. Obwohl ich Spanien ja auch wirklich sehr mag. Aber es macht sowieso keinen Unterschied. Wir gehören nach Deutschland, die Kelly Family gehört nach Deutschland. Kathy wird nicht eher ruhen, bis wir wieder in Köln sind."
Johnny nahm Barby in den Arm. "Komm‘, heute wollen wir uns nicht mit solchen Gedanken rumschlagen," meinte er. "Da kommt ja auch schon Paddy zurück." Paddy kam gerade wieder, total verheult, aber mit glücklichem Lächeln. Johnny nahm Maiteys Hand. "Lasst uns jetzt ins Restaurant gehen. Das Essen wartet schon!"

Die nächsten Tage wurden wunderschön. Barby und Paddy ließen sich von der spanischen Sonne verwöhnen. Maitey und Johnny bekamen sie wenig zu Gesicht, denn die verbrachten die meiste Zeit in ihrem Schlafzimmer. "Wenn wir schon keine Hochzeitsreise haben, wollen wir wenigstens lange ausschlafen!" erklärte Maitey. "Ja ja, ihr wollt ein Baby zeugen!" grinste Paddy vorlaut.
Dafür wurde er von Maitey durch den ganzen Garten gejagt.
Aber auch wenn Johnny und Maitey durch Abwesenheit glänzten, verbrachten Paddy und Barby eine sehr schöne Zeit. Sie ritten auf dem Esel Burrito, besuchten Joaquin und seine Frau Estella und schwelgten in Erinnerungen. Beide fanden es sehr schade, dass ihr altes Haus nicht mehr stand, aber was wollte man machen? Es war halt so! Sie liehen sich Fahrräder von Johnny und Maitey und radelten am Bach entlang, auf der Suche nach alten Plätzen, die sie aus ihrer Kindheit kannten. An Deutschland und die anderen Geschwister dachten sie kaum. Sie waren wirklich glücklich.
Hin und wieder ertappte Paddy seine Schwester dabei, wie sie in Schweigen verfiel und über etwas nachzugrübeln schien. Doch jedes Mal, wenn er sie danach fragte, winkte Barby ab. "Ist nichts." Also glaubte Paddy ihr. Vermutlich hatte sie ein wenig Heimweh. Hatte er schließlich auch, und es tat ihm auch Leid wegen Kathy, er hatte sie ja immer noch total lieb. Aber jedes Mal, wenn das Gefühl zu stark wurde, rief er sich Kathys Motive in Erinnerung. Nein, er hatte echt keine Lust mehr, sich vor den anderen zum Affen zu machen.
Es sei denn, John würde mitgehen. Paddy war vollkommen absorbiert von dem Gedanken, dass Maitey und John wieder mit nach Gymnich kommen sollten. "Ihr könntet in Joeys Zimmer ziehen, er wohnt doch jetzt mit Tanja woanders," sprudelte er gegenüber Maitey über. Die war davon aber nicht begeistert. "Was sollen wir in Gymnich? Jimmy und Kathy mögen uns nicht. Und außerdem – wenn Joey nicht mehr in Gymnich wohnen muss, warum denn dann wir? Du argumentierst komisch, Pad!"
"Aber Joe singt doch noch in der Band mit, der ist ja da!" rief Paddy bittend.
"Mann, Paddy, merkst du denn nicht, dass du ihr auf die Nerven gehst?" fragte Barby sauer. "Sie wollen halt nicht!"
Sobald John sich irgendwo blicken ließ, stürzte Paddy sich auf ihn und quasselte ihn mit seinen Ideen zu. Das führte soweit, dass John sich kaum noch in Paddys Nähe traute. Doch Paddy ließ sich davon überhaupt nicht abschütteln. Einmal latschte er sogar einfach ins Bad, als Johnny gerade auf dem Klo saß – wohlwissend, dass Johnny ihm dort nicht entkommen konnte. "Stell‘ dir das doch mal vor, Johnny," pries er an. "Weißt du noch, wie lustig die Weihnachtstour 99 war? Wir hatten doch so viel Spaß... so könnte es wieder sein!"
"Bitte, Paddy, musst du hier labern, während ich auf dem Klo sitze?" jammerte Johnny und griff nach dem Klopapier. "Bei der Weihnachtstour 99 war Kathy schon nicht mehr dabei, das war der Anfang vom Ende! Kannst du mich mit dem ganzen Quatsch denn nicht mal in Ruhe lassen?"
"Johnny, du musst einfach zurückkommen!" rief Paddy. "Wir brauchen dich einfach, deine Songs, deine Persönlichkeit! Du bist der Träumer der Kelly Family!"
"Der Träumer bist wohl eher du!" sagte Maitey böse und zerrte Paddy energisch aus dem Bad. "Lass‘ doch endlich mal dieses Thema sein, du schaffst es ja doch nicht!"
Barby sagte zu allem gar nichts mehr.

Paddy lag im Liegestuhl, blätterte in einer spanischen Zeitung und knabberte an einer Laugenstange. Man hatte ihn in den Garten verbannt. Er hatte bei Tisch zu viel über die geplante Neuvereinigung der Kelly Family geredet. Irgendwann war es Maitey und John zu blöd geworden und er hatte nicht mehr mitessen dürfen.
Die Tür klapperte, und kurz darauf setzte sich Barby seufzend neben ihn.
Paddy sah auf. "Du musst nicht mit mir reden," brummte er. "Brauchst gar nicht so zu tun, als würdest du auf meiner Seite stehen!"
Barby hob die Arme. "Meine Güte, Paddy! Du gehst ihnen halt auf die Nerven! Sie wollen nicht zurück nach Köln! Und sag‘ jetzt nicht, dass du das alles für Kathleen tust! Die hat nämlich nur was von dir gesagt, John will sie ja gar net zurück! Und außerdem dachte ich, dass dir Kathys Meinung egal ist!"
"Ist ja auch so!" giftete Paddy. "Was Kathy will, ist mir lange net so wichtig wie du denkst! Ich weiß auch, dass sie nur mich will. Aber ohne Johnny und Maitey geh‘ ich nicht mehr zurück! Das sag‘ ich dir! Ich stell‘ mich nie wieder auf 'ne Bühne, wenn Johnny net mit seiner blöden Gitarre neben mir steht!"
"Ich will mich nicht mit dir streiten, Paddy," sagte Barby seufzend. "Ganz im Gegenteil. Ich wollte dich fragen, ob du nicht Lust hast, mit mir nach Belascoain zu fahren."
Paddy riss die Augen auf.
"Ich möchte auf den Friedhof," sagte Barby unwillig. "Ich hab‘ Mama gegenüber ein richtig schlechtes Gewissen, weil wir nie an ihr Grab gehen. Klar, ist nicht so leicht, wenn wir nicht in Spanien wohnen, und in unseren Gedanken sind wir ja auch immer bei ihr. Trotzdem, wir könnten mal wieder hin. Willst du mit?"
Natürlich wollte Paddy, und so rannten sie ins Haus und meldeten sich ab. Maitey und John waren sehr einverstanden, sie wollten wohl vor allem vor Paddy mal wieder ihre Ruhe haben. John erklärte ihnen noch schnell, in welchen Zug sie steigen mussten, und rief dann Joaquin an, dass dieser sie zum Bahnhof fuhr.
Kurz darauf saßen Barby und Paddy zusammen in einem Abteil. Schon ruckelte der Zug an und fuhr los. Barby hatte ihren Kopf an Paddys Schulter gelehnt und sie fuhren vorbei an Olivenhainen und bunten Wiesen. Sie fuhren zu ihrer Mutter.

"Ach, wo ist es denn nur?" schimpfte Barby und sah sich zwischen den vielen Gräbern um. "Es ist halt einfach schon zu lange her, dass wir das letzte Mal hier waren, oh saco la picha! Weißt du denn noch, wo es war, Paddy?"
Paddy drehte sich um und betrachtete seine Schwester, die sich suchend umsah. Der Wind wehte heftig und hatte einige Strähnen aus ihrem Haarknoten gelöst. Paddy wurde bewusst, dass seine Schwester in diesem Moment ganz genauso aussah wie seine Mutter. Ein Schauer lief ihm über den Rücken.
"Ich weiß es auch nicht mehr so genau..." erwiderte er zögernd. "War es nicht an einer Mauer... wo man aufs Tal gucken konnte?"
"Stimmt." Barby räusperte sich. "Und daneben war das Grab von einem Juan... es müsste von hier aus links sein, oder?"
"Nein, ich glaube, rechts," widersprach Paddy.
"Eben hattest du doch noch keine Ahnung. Ich glaube, es war links."
"Quatsch, rechts!"
"Links!"
"Rechts!"
"Ich will mich hier wirklich nicht mit dir streiten, Pad!" wandte Barby sich genervt an ihn. "Lauf‘ du halt rechts und ich links!"
"Gut!" knurrte Paddy.
Barby war es schließlich, die das Grab fand. Sie rief Paddy zu sich. Und als die Geschwister vor dem Grab ihrer Mutter standen, war jeder Streit vergessen. Betroffen starrte Paddy auf die große Betonplatte. Er hatte nicht gewusst, dass er zu einem solchen Schmerz fähig war. Sofort hatte er die Stimmen seiner Geschwister im Ohr: "Oh madre tan hermosa..." Die Stimmen aller seiner Geschwister. Ein Schluchzen drang aus seiner Kehle. Barby presste die Hände vors Gesicht und fing laut und klagend an zu weinen.
Paddy schob seinen eigenen Kummer zurück und wollte tröstend den Arm um Barby legen, doch sie schob ihn weinend weg. "Lass‘ mich... lass‘ mich..."
"Komm‘ schon, Barby, ich fühle doch dasselbe," sagte Paddy sanft. "Trösten wir uns gemeinsam. Komm‘ schon... Barbara Ann."
Aber gerade das hätte er nicht sagen sollen. "Nicht! Nicht!" schrie Barby, stieß ihn zur Seite und rannte weinend weg. Paddy blieb zurück. Oh, was hatte er da nur wieder gemacht. Aber vielleicht war es besser, Barby jetzt erst einmal allein zu lassen. Paddy sank neben dem Grab seiner Mutter zu Boden, strich mit den Fingern über den Grabstein, weinte und gab sich ganz seinem Kummer hin. "Oh Mama," schluchzte er. "wenn du noch da wärst, wäre jetzt alles ganz anders!"
Etwa eine Stunde später wischte Paddy sich die Tränen ab und beschloss, sich auf die Suche nach Barby zu machen. Doch er fand sie nicht mehr. Und es wurde schon dunkel. Paddy suchte den ganzen Friedhof ab und ging am Ende noch mal zum Grab, doch als Barby da nicht war, entfernte er sich schnell wieder.
Und was nun? Paddy verließ den Friedhof. Langsam schlenderte er durch die dunklen Straßen von Belascoain und machte sich die größten Sorgen um Barby. Vielleicht hätten sie doch nicht nach Belascoain fahren sollen? Oder zumindest nicht auf den Friedhof gehen sollen? Was tun, wenn Barby verschwunden blieb? Fragen über Fragen. Und es wurde immer dunkler.
Am Bahnhof fand er sie. Sie saß allein auf der Treppe vor dem Bahnhofsgebäude, hatte die Arme auf die Knie gestützt und den Kopf in den Händen vergraben. Es gab Paddy einen Stich. Schnell schlich er zu Barby, setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schultern. "Barby..."
"Oh Paddy, es tut mir Leid, dass ich weggelaufen bin!" schluchzte Barby und hob den Kopf. "Aber ich konnte es einfach nicht mehr ertragen!"
"Schon gut," sagte Paddy leise.
"Und jetzt ist auch noch der letzte Zug weggefahren," plärrte Barby. "Ich habe es eben gesehen. Was sollen wir denn jetzt nur machen? Wir hängen in Belascoain fest!"
"Mein Gott, warum hat man denn ein Handy," seufzte Paddy und griff in seine Tasche.
Er tippte auf dem Handy herum und hatte endlich John an der Strippe.
John klang vollkommen genervt. "Mann Paddy, du hast Nerven. Ich liege gerade gemütlich in der Badewanne. Außerdem, es ist ja kein Spaziergang von Talavera bis Belascoain. Also gut, ich werde mir von Joaquin das Auto leihen. Ich kann aber trotzdem erst weit nach Mitternacht bei euch sein. Setzt euch halt solange in ein Café."
"Kommt er?" fragte Barby, als Paddy aufgelegt hatte.
"Ja, aber erst in einigen Stunden," antwortete Paddy mürrisch. "Er meint, wir sollen in ein Café gehen."
"Können wir nicht noch mal auf den Friedhof?"
"Was?" Paddy sah sie an.
"Bitte!" Barby sah ihn flehend an. "Ich verspreche dir auch, dass ich nicht nochmal weglaufe."
"Na gut..."
Arm in Arm stiegen sie wieder den Berg hinauf. Warum lagen eigentlich alle Friedhöfe auf einer Anhöhe? Wahrscheinlich, damit man genug Zeit hatte, doch noch umzudrehen. Barby und Paddy hielten sich aneinander fest und schwiegen.
Dann standen sie vor dem Grab, und wieder brach Barby zusammen. Sie fiel vor dem Grab auf die Knie und umarmte den kalten Grabstein. "Ich wünschte, du wärst noch da!" schluchzte sie verzweifelt. "Alles ist schiefgegangen. Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr! Bitte komm‘ doch zurück, Mama!"
Es brach Paddy fast das Herz. Langsam ging er neben Barby in die Knie und zog seine schluchzende Schwester in seine Arme. "Weißt du noch, was sie gesagt hat?" flüsterte er.
Barby sah ihn nur aus tränenverschleierten Augen an.
Paddy schluckte, doch dann versuchte er, wie sein Vater zu sprechen. "As we carried her from the church to the place on the hill... we remembered she told us to..."
"Keep on singing," flüsterte Barby.
"And so with bitter tears..." Paddy schluckte. "We sang this, her favorite song..."
"And we kept on singing... through it all!" beendete Barby gemeinsam mit ihm den Satz. Und dann fiel sie ihm um den Hals und umarmte ihn ganz fest.

Diese Umarmung war ihr Lebwohl gewesen.
Paddy war alarmiert, als er am nächsten Morgen ihr Bett leer vorfand. Er sprang auf und raste nach unten. Auf dem Küchentisch fand er Barbys Brief.
Lieber Paddy, du kannst dir sicher denken, was passiert ist. Ich bin zurück zu Kathy und den anderen gegangen. Es hat ja keinen Zweck. KEEP ON SINGING, wir haben es unserer Mutter versprochen, und jetzt müssen wir es eben machen, egal wie schwer es ist. Wir haben ja doch keine Wahl. Gut, vielleicht kann John sich über alles so hinwegsetzen, vielleicht kannst du es – ich kann es nicht. Wir gehören doch alle neun zusammen. Gut, Kathy hat einen Fehler begangen, als sie abgehauen ist, aber wer kann sich schon freisprechen von Fehlern? Wenn John nicht zurückkommt, machen wir’s halt zu acht, und wenn du auch nicht zurückkommst, dann machen wir’s zu siebt. Ich gehe zurück, auch wenn mir wegen euch beiden das Herz blutet. Aber ich will nicht daran Schuld sein, dass wir Mamas letzten Wunsch nicht erfüllen können...
"Oh shit!" rief Paddy und ließ den Brief sinken. Er brach in Tränen aus und stützte den Kopf auf die Hände.
Als Maitey und John aufstanden, fanden sie einen tränenüberströmten Paddy am Tisch sitzen.
"Sie ist auch gegangen," schluchzte Paddy, während John ihn erst mal in den Arm nahm. "Alle lassen mich allein! Es ist ja nicht so, dass ich jetzt kein schlechtes Gewissen habe! Mann, diese blöde Kuh!"
Stirnrunzelnd lasen John und Maitey den Brief durch.
"Ich hätte ihr das Lied nicht vorsingen dürfen," weinte Paddy. "Wir hätten nicht über Mama reden dürfen, dann wäre sie doch geblieben! Dann hätte sie jetzt keine Schuldgefühle! Wäre ich doch nie mit ihr nach Belascoain zu dem blöden Friedhof gefahren!"
John drückte Paddy fest an seine Brust und strich ihm über die langen Haare. Dann hob er Paddys Kinn an und zwang seinen kleinen Bruder, ihm in die Augen zu sehen. "Barby ist jemand, der nicht allein leben kann oder möchte. Sie braucht ihre Familie um sich, sie könnte sich nie Knall und Fall von allen trennen. Das war mir schon viel früher klar. Ich weiß nicht, wie das bei dir ist, Paddy. Wie gesagt, ich möchte dich in keine Zweifel stürzen. Du kannst jederzeit zu Kathy und Babs und den anderen zurück. Wenn du es möchtest, fahre ich dich noch heute nach Gymnich. Aussteigen muss ich ja nicht. Du musst es mir nur sagen. Willst du nach Hause?"
Paddy liefen immer noch Tränen über die Wangen. Er schüttelte den Kopf.
Der Tag wurde zwar noch recht schön, denn Maitey und Johnny gaben sich alle Mühe, Paddy abzulenken. Sie liehen sich Joaquins Auto aus und fuhren auf einen Berg, wo sie picknickten und Badminton spielten. Doch trotzdem konnten Johnny und Maitey nicht wirklich Paddys innere Zweifel beseitigen. Es schmerzte ihn so sehr, dass nun auch Barby gegangen war und ihm damit noch mehr das Gefühl gab, einen Fehler zu begehen. Und Paddy hatte ja auch Sorgen, er vermisste seine Geschwister. Und wenn er ganz ehrlich war... ein bisschen vermisste er sogar die Konzerte. Konnte er denn nicht... nur für ein paar Tage... wieder zurückfahren? Nur für ein paar Konzis...?
Aber Paddy wusste, dass er das Johnny nicht antun konnte. Gerade hatte er sich mit seinem Bruder wieder angefreundet, da konnte er nicht gehen, Johnny wäre mit Recht sicher vollkommen enttäuscht. Bei John gab es eben kein Wischiwaschi, entweder man gehörte zur Kelly Family oder nicht, dazwischen gab’s da nichts. Paddy bewunderte John ja ein bisschen dafür, dass er so genau wusste, was er wollte – oder eher, was er nicht wollte. Aber war nicht John derjenige, der auf dem Holzweg war? Nachdenklich setzte Paddy sich auf einen Stein.
Maitey kam gelaufen und lächelte Paddy sanft an. "Komm‘, lass‘ dir nicht den Abend verderben. Wir gehen jetzt nach Hause und machen was ganz Tolles."
"Ja, IHR macht was Tolles. Ihr macht ein Baby!" murmelte Paddy trotzig.
Maitey sah ihn erzürnt an. "Du hättest es eigentlich verdient, dass man dich übers Knie legt!" schalt sie ihn. "Aber Gott sei Dank sind wir nicht so. Komm‘ jetzt."
Auf dem Weg zum Auto und auf der Fahrt nach Hause rätselte Paddy die ganze Zeit, was denn das Tolle sein könnte. Doch zuhause sah alles aus wie immer. Johnny und Maitey waren im Flur stehen geblieben. "Ich muss mir noch schnell die Hände waschen," sagte Maitey. "Mach‘ das," sagte Johnny und gab ihr einen Kuss. Dann öffnete er einen Schrank, holte eine Gitarre heraus und trat zu Paddy ins Wohnzimmer.
Paddy fielen fast die Augen aus dem Kopf. "Was soll denn das werden?" stotterte er völlig von den Socken.
"Hausmusik, was sonst?" brummte John.
Nun war Paddy so begeistert, dass er es kaum fassen konnte. Er hatte Johnny seit langer, sehr langer Zeit nicht mehr singen hören, und nun endlich... "Oh Mann, John, dat kann ich ja gar nicht fassen!" strahlte er, sprang an ihm hoch, klammerte sich an ihm fest und hätte ihn fast umgerissen. "Dummerle!" grinste Johnny.
Maitey kam zurück ins Zimmer, zwei weitere Gitarren in den Händen. "Lange haben wir die nicht mehr gebraucht!" lächelte sie, und sie setzten sich auf die Sofas und stimmten erst einmal die Gitarren. "Ich habe bestimmt alles verlernt," meinte John, doch Paddy zeigte ihm schnell einige Griffe und John fing an, sich zu erinnern. "Weißt du noch John, früher hast du mir immer alles beigebracht!" meinte Paddy zufrieden.
"Jaaa, früher..." meinte John langgezogen, und seine Augen hatten auf einmal einen Glanz, als würde er sich an etwas sehr Schönes erinnern. Gut, weiter so, dachte Paddy und spielte auf seiner Gitarre einen so lauten Ton, dass Maitey erschrocken zusammenzuckte. "Sehr gut, was singen wir jetzt?" rief er.
John und Maitey tauschten Blicke. "Weiß nicht, sing‘ du uns was vor!" meinte John.
"Was soll ich denn singen?" fragte Paddy verlegen.
"Irgendein Lied, das du magst."
"Okay!" Eifrig zog Paddy seine Gitarre zu sich. "Soll ich euch mein Lied Thank You Blessed Mary vorsingen? Oder wollt ihr lieber was Altes hören? One More Song? Ach nee, ist blöd so ohne Klavier." Schnell spielte er andere Akkorde. "Vielleicht I Feel Love? Oder An Angel? I wish I had your pair of wings... oder wollt ihr lieber was von Leonard Cohen hören? I saw you this
morning... you were moving so fast...
" Hastig spielte er wieder ganz andere Töne. "Oder... ja, jetzt hab‘ ich’s. Ich spiel‘ euch was von Peter, Paul & Mary." Und wieder ein anderer Akkord. Paddy fing an zu singen: "All my bags are packed, I’m ready to go..." John und Maitey wipptem im Takt mit.
Plötzlich hörte Paddy auf und legte die Gitarre zur Seite. "Ach, das ist doch alles Quatsch!" meinte er niedergeschlagen. "Wir müssen schon zusammen was singen!"
Johnny wurde plötzlich rot. "Was sollen wir denn singen?"
"Na was wohl!" meinte Paddy störrisch. "Kelly-Songs, was denn sonst?" Auf irgendeine Art musste er Johnny ja rumkriegen, warum also nicht so? "Komm‘ schon!" Er drückte Johnny die Gitarre in den Schoß.
"Kelly-Songs?" echote Johnny.
"Von mir aus auch die neuesten Hits von den Wildecker Herzbuben!" meinte Paddy störrisch. "Nun mach‘ schon, Johnny, sei‘ doch kein Spielverderber." Bittend zeigte er auf Johnnys Gitarre.
"Das ist kein Spiel!" murrte Johnny.
"John, bitte!" schaltete Maitey sich ein. "Lass‘ Paddy doch seinen Spaß. Sorg‘ dafür, dass es trotz Barbys Abreise noch ein schöner Abend wird. Und deine Stimme kann sich doch wirklich hören lassen!"
"Meine Stimme ist gut?" fragte John doof.
"Logo! Auf jetzt, The Rose!" Und Paddy fing wieder an zu spielen. Johnny hatte nicht mehr viel Zeit, sich zu zieren. Die erste Strophe sang Paddy, begleitet von Maitey, die zweite Strophe musste Johnny übernehmen. Die dritte sangen sie dann zu dritt. Es klappte super, und kaum waren sie fertig, brachen Paddy, Maitey und Johnny in lautes Lachen aus. "Das war klasse, Johnny!" rief Paddy begeistert. "Und jetzt Red Shoes!"
"Aberarberaber... ich weiß gar nicht mehr, wie das Lied geht!" protestierte John.
"Quatsch, John!" sagte Maitey. "Ich habe schon oft gehört, wie du es unter der Dusche vor dich hingesungen hast!"
Johns Proteste gingen in Paddys und Maiteys Gitarrenklängen unter. Schließlich fügte er sich und sang das Lied. Und es klang traumhaft. Paddy war wie verzaubert. Als John geendet hatte, klatschte er ganz lange und ganz laut. Und John lächelte!
Sie sangen noch viele Stunden, alte und neuere Kelly-Lieder. Hochbefriedigt stellte Paddy fest, dass John noch fast alle Texte auswendig konnte. Nun war es Zeit für Plan X. Er spielte eine langsame Melodie auf seiner Gitarre. "I wanna be loved... by somebody..." Und tatsächlich, Johnny wurde hellhörig. "Was ist denn das für ein Song?"
"Ach, einer unserer neuesten Songs," gab Paddy ausweichend zur Antwort.
"Er ist wunderschön," gab John zu.
Paddy grinste. "Es ist ein Lied von Maite."
Oh. John wurde tomatenrot. Doch schließlich siegte das Gute in ihm. "Es ist wirklich... hmm, total schön. Hat... ähm... Jimmy denn auch ein neues Lied?"
"Oh ja, er hat eine Menge wunderschöne Songs!" sprudelte Paddy hervor, obwohl er keine Ahnung hatte, was Jimmy in letzter Zeit geschrieben hatte. John machte ein sehr interessiertes Gesicht, und Paddy war sehr zufrieden. "So," sagte er, "und jetzt singen wir zum Abschluss noch Santa Maria."
Und es klang wunderschön. John sang die Strophen seines Lieblingsliedes, und Maitey übernahm den Refrain, den sonst Tricia, Angelo oder auch mal Kathy gesungen hatten. Paddy sang die Strophe ab "To the heroes..."
"Super!" seufzte John glücklich, als der letzte Ton verklungen war.
"Finde ich auch!" meinte Paddy und trommelte mit den Fingern auf seiner Gitarre herum. "Auch wenn ich die Strophe nicht so gern singe."
"Magst du sie nicht?" erkundigte sich Maitey.
"Doch, total. Ich... ich sing‘ nur nicht gern direkt nach John. Er singt so wahnsinnig gut, und
ich... meine Stimme klingt so quiekig."
"Das ist überhaupt nicht wahr, Paddy," sagte John.
"Na ja, egal!" meinte Paddy fröhlich. "Immerhin hast du zu mir gesagt, dass du auch gerne so gut aussehen würdest wie ich!"
"Das hab‘ ich gesagt?" fragte John.
"Aber ja doch!" rief Paddy und hüpfte auf dem Sofa auf und ab. "Vor dem Loreley-Konzert hast du das zu mir gesagt, 95 war das! Damals hatte ich auch diese Hose an, und meine Haare... damals sah ich genau wie heute aus, Johnny, echt!"
John musste lachen. "Also gut. Ich werde ja wohl Recht gehabt haben, hm? Wer möchte schon nicht aussehen wie du? Paddy ist doch ein auffallend putziges Kerlchen, findest du nicht auch, Maite?"
"Ich finde vor allem, dass wir schlafen gehen sollten!" bemerkte Maitey und gähnte. "Es ist ja schon weit nach Mitternacht. Bring‘ dein putziges Kerlchen zu Bett, Johnny. Gute Nacht, Pad!" Sie strich ihm über die Locken und murmelte: "Ich erwarte dich im Bett, Johnny!"
"Das kann ich mir vorstellen!" warf Paddy frech ein. Maitey griff nach der Gitarre und wollte sie auf Paddy werfen. Kreischend flohen Paddy und Johnny nach oben.
In seinem Zimmer kroch Paddy in sein Bett und flüsterte zu Johnny, der sich neben ihm auf die Bettkante gesetzt hatte: "Johnny, mit den ganzen schönen Liedern... willst du denn wirklich nicht mehr zurückkommen? So wie heute Abend wäre es doch jeden Tag!"
Johnny drehte und wand sich, er wusste nicht, was er sagen sollte, schließlich wollte er Paddy nicht kränken, aber doch auch seinen Standpunkt deutlich machen.
Paddy erkannte die Qual seines Bruders. "Ist schon okay, Johnny," flüsterte er. "Aber versprich‘ mir, dass du’s dir überlegst, ja?"
"Also gut." Johnny seufzte tief. "Ich verspreche es dir."
"Danke." Paddy sah mit großen Augen zu ihm auf. "Und Johnny... ich bleib‘ doch immer dein Bruder, oder?"
John sah Paddy zärtlich an. "Klar, Paddy. Du bleibst immer mein kleiner Bruder."
"Danke, John." Paddy schluckte. "Ich... hab‘ dich lieb!"
"Ich hab‘ dich auch lieb." John schloss Paddy in die Arme. "Ich hab‘ dich wirklich sehr lieb, Paddy." Und er meinte es auch so. Wie würde er Paddy je nicht liebhaben können, egal, wie groß die Entfernung war?

Zur gleichen Zeit, als John und Paddy sich in den Armen lagen, schloss Barby zitternd und weinend die Tür von Schloss Gymnich auf. Es regnete in Strömen und donnerte und blitzte, was aber mindestens zwanzig Fans nicht davon abhielt, vor dem Schloss zu sitzen.
Die ganze Familie saß im Wohnzimmer, da Patricia und Denis an diesem Tag aus Monaco zurückgekommen waren und viel zu erzählen hatten. Und deswegen war auch die ganze Familie anwesend, als Barby bleich ins Zimmer stolperte und murmelte: "Ich habe versagt!"
Während Angelo und Tricia sofort aufsprangen, um ihre weinende Schwester zu trösten, brummte Kathy nur aus einer Ecke: "Das verkompliziert die Sache!"
"Mann, Käthe, hast du denn gar kein Herz?" schrie Angelo sie an.
"Es tut mir Leid, Kathy," schluchzte Barby. "Du hast mehr von mir erwartet, ich weiß das. Und ich hab‘ dich enttäuscht, weil ich Pad nicht mitgebracht hab‘. Aber ich konnte nicht mehr in Spanien bleiben. Ich musste zurück. Wir dürfen doch Mama nicht enttäuschen..."
"Was redet sie denn da? Ich glaub‘, sie hat Fieber." Patricia legte ihr besorgt die Hand auf die Schulter. "Sie ist auch ganz heiß. Kommt, Denis, Angelo, bringen wir sie ins Bett."
Denis und Angelo hoben Barby hoch und trugen sie nach oben, gefolgt von Patricia und Maite. Kira und Tanja zogen sich diskret zurück. Jimmy, Joey und Kathy blieben schweigend im Wohnzimmer sitzen. Da rief Tanja Joey ans Telefon. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, wandte Kathy sich an Jimmy. "Jim, hör‘ mir zu. Du und ich, wir beide müssen morgen nach Spanien fahren und Paddy holen. Wenn sogar Babs versagt hat, muss es ernst sein. Jetzt müssen wir eingreifen."
"Käthe, Käthe," stöhnte Jimmy. "Muss das denn alles sein? Paddy ist doch kein Embryo mehr, der kann ja wohl selbst entscheiden. Wenn er halt bei John bleiben will, soll er doch! Dann kann ja ICH seine Songs singen!"
Kathy hörte ihm gar nicht zu, was Jimmy sehr missfiel. "Das ist nicht der Paddy, den wir kennen," murmelte sie. "Ich bin mir sicher, Johnny trichtet ihm irgendwas ein!"
"Wenn Johnny ihn gegen uns aufhetzt, ist das deine Schuld!" Jimmy griff sich an die Brust. "Wegen dir ist Johnny gegangen, also schieb‘ die Schuld bloß nicht etwa auf mich!"
"Zum letzten Mal: ich habe Johnny nicht dazu gezwungen, zu gehen!" Kathys Augen wurden zu schmalen Schlitzen. "Und außerdem, du warst ziemlich mies zu ihm!"
"Ach Gott, wegen dem bissel‘ Streit hat der sich so aufgeregt..." meinte Jimmy lahm.
"Jimmy, du hast ihm verraten, dass du mit seiner Frau geschlafen hast! Das ist für ihn nun mal nicht lustig gewesen!"
"Aber es hat doch gestimmt, und sie sagte, ich wäre gar nicht mal so schlecht gewesen!" warf Jimmy kleinlaut ein, doch Kathy schnitt ihm das Wort ab. "Blablabla. Jedenfalls fahren wir beide morgen nach Talavera de la Reina und holen Paddy heim. Ich habe die Adresse. Du musst nicht mit John reden, ich brauche nur einen, der mich hinfährt."
"Mann Kathy, und der ganze Scheiß nur, damit der bockige Kleine auf der neuen Platte singt!" sagte Jimmy.
Da war es mit Kathys Haltung vorbei. "Was denkt ihr nur immer von mir?" schrie sie. "Ihr denkt, ich bin eine arbeitende Maschine ohne Gefühle, nur weil ich mich ums Business kümmere! Aber das habe ich jahrelang gemacht und es war euch immer recht! Klar geht es mir um die Platte und alles, aber doch nicht ausschließlich! Barby glaubt ihr doch auch, dass es wegen Mama ist, bei mir ist es auch so! Mir geht es auch um meine Mutter, und vor allem um meine Familie! Ich empfinde noch sehr viel für John, aber ihn haben wir schon verloren, und mit Pad soll es uns nicht auch so gehen!!"
"Ist ja gut," stotterte Jimmy vollkommen überrumpelt.

Am nächsten Morgen saßen Paddy und John zusammen am Frühstückstisch, lachten und alberten herum. Sie hatten gemeinsam Burrito, den Esel, gefüttert, und Maitey war in die Stadt gegangen. Plötzlich klingelte es.
"Da kommt sie aber früh zurück," meinte John, stand auf und ging ans Fenster. Dann sagte er eine Weile gar nichts mehr. "Hey, was ist denn los?" fragte Paddy beiläufig.
"Es sind Kathy und Jimmy," flüsterte John.
Paddy blieben die Cornflakes im Hals stecken.
Er raste zum Fenster. Tatsächlich, da hielt Jimmys Auto vor dem Haus, Paddy konnte die beiden sehen und sogar ihre Stimmen hören: "Hier müsste es sein, zwei Häuser weiter stand unser altes Haus." - "Ich steig‘ aber nicht aus, Käthe, das sag‘ ich dir gleich!" - "Dann bleib‘ halt sitzen!" Und Kathy öffnete die Autotür.
Johnny stieß Paddy zur Seite und rannte nach draußen.
Etwas schüchtern versteckte Paddy sich hinter der weißen Gardine und spähte nach draußen. Johnny war durch den Garten gelaufen und stand nun vor Kathy, die beiden gestikulierten heftig und redeten laut miteinander, aber jetzt konnte Paddy kein Wort mehr verstehen, da beide gleichzeitig redeten. Jimmy war nicht zu sehen, der saß wohl im Auto.
Doch dann... was war das? Plötzlich trat Johnny zur Seite und ließ Kathy in den Garten treten. Beide gingen zurück zum Haus! Kathy betrat dieses Haus! Schnell wand Paddy sich aus dem Vorhang, und schon standen Johnny und Kathy vor ihm in der Küche.
Paddy konnte nicht anders, er fiel seiner Schwester um den Hals. Er hatte sie doch auch
vermisst! Kathy drückte ihn fest an sich. Johnny stand etwas doof im Hintergrund, wirkte aber gar nicht mal so sauer. Paddy wartete nur noch darauf, dass er Kathy gleich Kuchen anbot.
Kathy nahm Paddys Hand. "Paddy, du kannst dir denken, warum ich gekommen bin, oder? Ich möchte, dass du zurück nach Köln kommst. Wir sind dir auch nicht böse, dass du zu John gegangen bist. Aber wir brauchen dich jetzt."
Paddy schluckte heftig. "Ich möchte ja auch," sagte er leise und versuchte, mal nicht an die Fans zu denken. Es würde schon irgendwie gehen, irgendwie... "Aber ich möchte so gerne, dass John mitkommt."
"Ausgeschlossen!" sagte John von der Tür her.
Paddy fuhr herum. Sofort brannten Tränen in seinen Augen. Oh, er war so blöd. Er hatte es doch wissen müssen. Klar, dass das bisschen Singen gestern Abend John nicht hatte umstimmen können. Und Paddy wusste, er konnte machen was er wollte, es würde ihm nie gelingen, John umzustimmen. Er würde es nie schaffen, er hatte es sich zum Ziel gesetzt und er hatte ganz gräßlich versagt. Weinend griff er nach Johns Hand, er hatte es trotz allem nicht aufgegeben, er liebte seinen Bruder und wollte ihn zurück.
Wie in einer klassischen Tragödie standen sie in der Küche, Paddy in der Mitte, John an der einen Hand, Kathy an der anderen. Schließlich räusperte sich Kathy. "John," sagte sie. "Wenn du möchtest, kannst du zurückkommen. Wir tragen dir nichts nach."
"Ihr hättet in keiner Weise das Recht, mir etwas nachzutragen. Ich komme nicht zurück," sagte Johnny hart.
Paddy konnte nicht mehr. Er riss sich von beiden los und rannte nach draußen, in den spanischen Sonnenschein.
Jimmy war doch ausgestiegen. Er lehnte am Auto und rauchte eine Zigarette. Paddy hatte nicht gewusst, dass er wieder rauchte. Jimmy umarmte ihn nicht. Er sagte: "Du musst dich halt entscheiden, Paddy. Johnny kommt nicht mehr zurück, da kannste warten, bis du schwarz wirst. Okay, ich find‘ auch nicht alles gut, was Käthe macht, aber sie macht sich schon ihre Gedanken über unsere Zukunft. John ist einfach abgehauen und lebt jetzt fröhlich in den Tag hinein. Er hat doch keine Ahnung, Paddy!"
"Wenn du deine Kippe auf den schönen sandigen Boden schmeißt, dann ist aber was los!" sagte Paddy böse.
Jimmy seufzte auf. "Mit dir kann man einfach nicht reden! Hör‘ mir doch einfach mal zu, Paddy, John hat sich in eine andere Richtung entwickelt als wir. Er ist nicht mehr so wie wir, und er ist auch nicht so wie du. Du KANNST ihn nicht umstimmen, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Lass‘ ihn sein Leben leben. Er kommt nicht zurück. Du kannst nichts machen."
Paddy wollte es nicht glauben, er wollte es nicht hören, bis zu seinem letzten Atemzug würde er versuchen, John zurückzubekommen. Er ließ Jimmy stehen und rannte zurück ins Haus.
Kathy und John schrien sich in der Küche heftig an. Paddy blieb erschrocken an der Tür stehen. Die beiden sahen ihn nicht. "Du denkst wohl, du kannst alles mit uns machen!" schrie John gerade. "Kommen und gehen, wie’s dir passt! Und dann die Gütige spielen! ‚Wir sind dir auch nicht böse, dass du zu John gegangen bist‘!" äffte er Kathys Stimme nach.
Kathy versuchte, ruhig zu bleiben. "Ich kann verstehen, dass du auf mich sauer bist, John. Aber lass‘ um Himmels Willen Paddy aus dem Spiel. Er fühlt sich zwischen uns doch total hin- und hergerissen!"
Paddy nickte. Das war es. Er wollte schon zurück zu den anderen, aber nicht ohne Johnny, nicht ohne Johnny! Johnny würde es einsehen... er war sich sicher...
"Paddy kann seine Entscheidung selbst fällen. Ich trete mit euch nicht mehr auf, auch nicht für Paddy."
"Kein Mensch sagt, dass du auftreten sollst, Johnny. Komm‘ mit uns nach Gymnich, wohn‘ im Schloss, nimm‘ Maite mit. Tu‘ es für Paddy. Ihm wird es bessergehen."
"Das mach‘ ich nicht. Ich bleibe in Spanien," sagte Johnny hart.
"Ist das dein letztes Wort?"
"Mein letztes Wort."
Er meint es nicht so, dachte Paddy mechanisch. Er meint es nicht so. Er meint es nicht so...
"Du tust es auch nicht für Paddy?"
"Ich tu‘ es auch nicht für Paddy."
Kathy zitterte. Sie war den Tränen nahe. "Und du sagst, es liegt an der Band und nicht an der Familie!" schrie sie ihn an. "Niemand sagt, dass du auftreten sollst. Ich bitte dich nur, etwas zu tun, damit es deinem kleinen Bruder besser geht! Und du lehnst ab, du lehnst einfach so ab! Weißt du was, Johnny, ich glaube, jetzt habe ich dich erst verstanden! Du willst wirklich mit der Familie abschließen! Du willst uns alle aus deinem Leben streichen, du willst so tun, als hätte es uns nie gegeben! Du hast sogar das Haus unserer Mutter abreißen lassen, nur um nicht an uns denken zu müssen!!!"
In diesem Moment fiel Paddy tot um und trat zu ihnen ins Zimmer.
Kathy sah ihn an, teilweise erleichtert und teilweise erschrocken. Und Johnny sah aus wie immer.
Paddy stürzte zu ihm. "Johnny, das ist nicht wahr! Du hast nicht wirklich unser altes Haus abgerissen! Du hast nicht wirklich alles kaputt gemacht, Johnny, sag‘, dass das nicht wahr ist!" schrie er wie von Sinnen.
Johnny wandte sich ab und schob Paddy weg. Er dementierte nicht.
Kathy nahm Paddys Hand. "Jetzt ist der richtige Augenblick gekommen, um zu gehen," sagte sie leise.
Willenlos folgte Paddy ihr. In seinem Kopf dröhnte alles. Also war alles nur Lüge gewesen. Johnnys freundliche Art in den letzten Tagen, den Spaß, den sie zusammen gehabt hatten, sein Versprechen, sich alles noch mal zu überlegen. Nie hatte Johnny daran gedacht zuückzukommen. Es war alles gelogen gewesen.
Aber... er war doch so lieb gewesen! Das gemeinsame Singen... die Tipps, die er ihm beim Angeln gegeben hatte... seine Aussage, dass er ihn lieb hatte... das KONNTE nicht gelogen gewesen sein! Oder? Oder? Paddy wusste nichts mehr. Er hatte keine Kraft mehr.
"Kathy! Wir können nicht gehen!" wimmerte er und versuchte, sich aus Kathys Griff zu befreien. "Ich habe Maitey nicht auf Wiedersehen gesagt! Und dem Esel nicht!"
"In Gymnich kannst du dir hundert Esel halten!" sagte Kathy. "Komm‘ jetzt, Paddy. Die Kelly Family wartet."
In weiser Voraussicht war Jimmy bereits wieder ins Auto gestiegen und hatte den Motor angelassen. Kathy setzte Paddy auf die Rückbank und stieg dann neben Jimmy ins Auto. Mit tränenverschleierten Augen drehte Paddy sich um. Johnny lehnte in der Haustür, die Arme verschränkt, sein Gesicht war so unbeweglich und rätselhaft wie immer.
Ein letztes Mal fuhren sie an dem leeren Platz, auf dem ihr Haus gestanden hatte, vorbei und waren kurz darauf auf einer betonierten Straße. Doch Paddy weinte noch immer, noch immer hatte er den unbeweglichen Johnny vor Augen.
"Er ist ein Träumer, Paddy," hörte er Kathy leise sagen. "Er wird nie mehr in diesem Leben zurückkommen. Natürlich ist es hart, aber das ist nun mal die Realität."
Gut. Aber Paddy hatte noch nie die Realität akzeptiert.


© by Doro Franz (January-February 2002) Dedicated to the poet lost for the world


© Doro (Danke schön!)

 

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Last update: 03/05/2002

(Online since: 03/05/2002)

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